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Evolutionär orientierte Bioethik im Zeitalter der Life-Sciences

Einführung in die nichtmedizinische Bioethik aus hermeneutisch-phänomenologischer Perspektive

Bernhard Irrgang

Der Autor entwirft einerseits eine Bioethik für den nichtmenschlichen Bereich, die die naturwissenschaftliche Zugangsweise der Evolutionsforschung insbesondere ethologischer Art (Verhaltensforschung) mit der molekularbiologischen Rekonstruktion des Lebendigen verbindet. Er konkretisiert andererseits den Gerechtigkeitsgrundsatz einer Gleichbehandlung unter vergleichbaren Umständen. Dies geschieht mithilfe des empirisch modellierbaren Kriteriums anwachsender Komplexität der Möglichkeiten von Lebewesen zu intelligentem Sozialverhalten. Damit setzt er sich von den bisherigen utilitaristischen und anthropomorphen Kriterien wie Schmerzempfindungsfähigkeit, Glück, Lebenswillen, Interessen oder Tierwürde ab.

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6. Ethik für wildlebende, domestizierte und transgene Tiere sowie für Nutz- und Versuchstiere

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6.  Ethik für wildlebende, domestizierte und transgene Tiere sowie für Nutz- und Versuchstiere

Tiere ernähren sich im Unterschied zu Pflanzen von anderen Lebewesen, sind meist frei beweglich und mit Sinnesorganen versehen. Von den ca. 1,2 Millionen heute bekannten und lebenden Tierarten (ausgestorben ca. 500 Millionen) sind die meisten Mehrzeller und relativ geschlossene Systeme mit Stoffwechselaustausch. Sie weisen einen hohen Differenzierungsgrad und entsprechende Anpassungsfähigkeit auf. Die Grenze zwischen Tier und Pflanze ist nicht immer ganz eindeutig zu ziehen. In der Philosophie wurde insbesondere seit Descartes der Tier-Mensch-Unterschied, seit Darwin das Tier-Mensch-Übergangsfeld diskutiert. Aus der Nutzungsperspektive des Menschen lassen sich Wild-, Nutz- und Haustier unterscheiden. Angesichts der Bedrohung vieler Tierarten wird heute oft eine Tierethik gefordert.

Tierethik nennt man die Formen eines sittlich vertretbaren Umgangs des Menschen mit Tieren. Hier sind unterschiedliche Einstellungen möglich, nämlich (1) anthropozentrische, (2) pathozentrische und (3) biozentrische. Ethisch entscheidend ist, warum wir Tieren gegenüber zu einem sittlichen Verhalten (z. B. Rücksicht) verpflichtet sind. Die klassische Anthropozentrik (I. Kant) hält grausame Behandlung der Tiere für eine Verletzung der Pflicht des Menschen gegen sich selbst, weil durch Abstumpfung Moralität geschwächt bzw. zerstört wird. Für die Vertreter der Pathozentrik (P. Singer und M. St. Dawkins) im Fahrwasser des Utilitarismus ist die Leidensfähigkeit das entscheidende Kriterium. Sie gehen im Anschluss an Benthams These vom Einbezug auch der Tiere aufgrund ihrer Leidensfähigkeit in Interessensabwägungen aus....

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