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Traumsommer und Kriegsgewitter

Die politische Bedeutung des schönen Sommers 1914

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Matthias Bode

Im kollektiven Gedächtnis sind die Julikrise 1914 und das Augusterlebnis mit Sonne, Hitze und Ferienglück verbunden. Auf einen Traumsommer sei der Krieg wie ein Gewitter gefolgt. Basierend auf meteorologischen Daten, zeitgenössischen Quellen sowie retrospektiven Deutungen zeigt der Autor das Verhältnis zwischen Topos und Realität auf. Das Wettergeschehen während der Julikrise kann zwar mit dem „reinigenden Gewitter" durchaus in Einklang gebracht werden, aber erst das Sommerwetter im August hat die euphorische Herausstellung des „Augusterlebnisses" nachhaltig unterstützt. Die retrospektive Deutung von „Traumsommer" und „Kriegsgewitter" bildet so die Grundlage, argumentativ die schicksalsergebene Unschuld gegenüber einer Naturkatastrophe zu betonen. Der Autor untersucht, wie sich Strategien der Rechtfertigung und der Schuldzuweisung am Umgang mit dem Topos nachweisen lassen.

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6. Rausch, Ernüchterung und goldener Glanz: „Augusterlebnis“, (klimatische) Depression, Mythisierung

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6.  Rausch, Ernüchterung und goldener Glanz: „Augusterlebnis“, (klimatische) Depression, Mythisierung

Eingangs war von der „Rally ‘round the flag“ die Rede, als die das „Augusterlebnis“ interpretiert werden kann. Auf das Erfordernis, den nationalen Überschwang des Augusts 1914 einer tagesgenauen Untersuchung zu unterziehen, wies bereits Kurt Tucholsky hin:

„Noch am 26. Juli hatten sie keine Ahnung, was da vorging; sie wußten am 27. noch nicht, welche Verbrechen die Regierung hinter dem Rücken aller zukünftigen Frontsoldaten anzettelte; am 28. war ihnen kein Aktenstück bekannt; am 29. und 30. lasen sie gefälschte Telegramme; am 31. ließen sie die Kirchenglocken nachsehen – und am 1. August war der liebe Gott preußisch, […] und ihnen allen war eine Sache heilig und gerecht, von der sie bis auf den heutigen Tag noch nicht wissen, wie sie eigentlich zustande gekommen ist.“457

Wir wollen zunächst seinem Beispiel folgen und darüber hinaus untersuchen, in welchen meteorologischen Sprachbildern die ersten Wochen des Krieges zeitgenössisch interpretiert wurden.

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