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Veränderung und Innovativität in der deutschen Kreditwirtschaft

Eine institutionenökonomische Analyse im Kontext der Vereinbarkeit von Beruf und Familie

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Tanja Leicht

Die Autorin prüft, wie gut die deutsche Kreditwirtschaft die Herausforderungen des demographischen Wandels bewältigt. Die veränderte Altersstruktur und neue Kundenbedürfnisse bedingen eine unternehmerische Anpassungsfähigkeit der Kreditinstitute. Die empirische Untersuchung beschäftigt sich mit der Innovativität des dreigliedrigen Bankensystems explizit im Bereich der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Erstmals stellt die Autorin nach Bankengruppen differenzierte und vergleichbare Ergebnisse im konkreten Umgang mit dieser Veränderung auf. Sie klärt, welche Bankengruppen günstigere strukturelle Voraussetzungen für Unternehmensveränderungen haben und welche Sektoren der Kreditinstitute bei der Bewältigung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie bereits erfolgreicher und innovativer sind. Die Ergebnisse liefern einen Überblick über die Unterschiede zwischen den Bankengruppen und können als Basis zur Planung künftiger Veränderungsprozesse genutzt werden.

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Teil IV: Schlussbetrachtung

Teil IV:   Schlussbetrachtung

In dem letzten Teil der Arbeit werden die Ergebnisse noch einmal zusammengefasst.

Das übergeordnete Ziel dieser Arbeit war die Erkenntnis darüber, welche Sektoren der Kreditinstitute vermeintlich günstigere strukturelle Voraussetzungen für die Unternehmensveränderungen der „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ haben, und welche Bankengruppen in der Bewältigung dieser Unternehmensveränderung bisher erfolgreicher und innovativer waren als andere Bankengruppen. Die gewonnenen Erkenntnisse lieferten einen Überblick über die bestehenden Unterschiede zwischen den Sektoren der Kreditinstitute und können künftig als grundlegendes Element zur Planung einer Umsetzung von Veränderungsprozessen genutzt werden.

Das erste Forschungsziel der vorliegenden Arbeit war daher die Analyse und Erklärung der einleitend genannten potenziellen strukturellen Merkmalsunterschiede zwischen den Sektoren der Kreditinstitute des Dreisäulensystems.

Das zweite Forschungsziel war die Beantwortung der Frage, inwiefern sich die Sektoren der Kreditinstitute daraus folgend hinsichtlich ihres Umganges mit den vorstehend genannten Herausforderungen des Arbeitsmarktes – insbesondere denen der Vereinbarkeit von Beruf und Familie – unterscheiden.

In einem ersten Teil wurde zunächst die der Arbeit zugrunde liegende Problematik aufgezeigt. Ein Trend, den es durch die Kreditinstitute eigeninitiiert zu bewältigen gilt, ist der Demographische Wandel. Eine elementare Herausforderung für die Institute ist hierbei die Umsetzung der „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“. Die Brisanz des Themas zeigt sich im Wesentlichen durch die Veränderungen im ErwerbspersonenPotenzial bei den Kreditinstituten aufgrund des Demographischen Wandels. Hier schlägt sich schon heute die Alterung der Gesellschaft in dem großen Anteil der über 50-jährigen Beschäftigten nieder. Ein hoher Anteil an weiblichen Beschäftigen im Kreditgewerbe bringt einen zusätzlichen Ersatzbedarf sowie veränderte Anforderungen mit sich, welche es zur langfristigen Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit und Existenz der einzelnen Banken zu bewältigen gilt.

In dem zweiten Teil der Arbeit wurden zunächst die zentralen Begrifflichkeiten definiert. In einem weiteren Schritt wurden Ansätze zur Analyse und Erklärung struktureller Unterschiede von Organisationen betrachtet. Im Ergebnis stand die Erkenntnis, dass die Verwendung eines multivariaten Ansatzes zur Beantwortung der Forschungsfrage geeigneter ist als eine monovariate Betrachtungsweise. Aufgrund der Kritik am „Situativen Ansatz“, welche insbesondere die Vernachlässi ← 231 | 232 → gung des Macht- und Interessenfaktors bemängelt, wurde bei der Ableitung der für diese Arbeit relevanten Strukturmerkmale zur Erklärung von Organisationen unter anderem auch der Faktor „Macht“ berücksichtigt.

Abschnitt 3.3 diente der Erarbeitung einer Übersicht der für Unternehmensveränderungen, Innovativität und Flexibilität optimalen Strukturausprägungen und sorgte für eine inhaltliche Verknüpfung der beiden Themenbereiche „Unternehmensveränderung“ und „Ansätze zur Erklärung von Organisationsstrukturen“. Auf dieser Basis wurden die erarbeiteten strukturellen Ausprägungen bei den Kreditinstituten erfasst und beurteilt. Die Erkenntnis der Notwendigkeit der Einbindung institutionenökonomischer Ansätze zur Erklärung von Unternehmensveränderungen – da diese das ökonomische (nutzenmaximierende) Handeln der Akteure bei Veränderungsprozessen erklären können – führte zu einer Darstellung der zentralen Forschungsteilansätze der Institutionenökonomik in Abschnitt 4 der Arbeit.

Abschnitt 5 diente der Beschreibung des deutschen Bankensektors und der drei Sektoren der Kreditinstitute unter Einbindung der institutionenökonomischen Teiltheorien. Das Ergebnis zeigte in einem Überblick auf vielen Ebenen deutliche Unterschiede zwischen den Bankengruppen. Wesentliche Unterschiedsbereiche sind in der Eigentümerstruktur, der Willensbildung, der Rechtsform, den historischen Gegebenheiten und den Kundenstrukturen zu finden. Es wurde herausgearbeitet, dass neben den vergleichsweise homogenen Sektoren der Sparkassen und der Kreditgenossenschaften eine große Heterogenität innerhalb des Sektors der Kreditbanken besteht. Die Analyse zeigte nicht nur Unterschiede zwischen den Institutsgruppen der Kreditbanken in deren Größe und deren Eigentümerstruktur, sondern vor allem Unterschiede in deren Rechtsformen.

In einem weiteren Schritt wurden die theoretischen Erkenntnisse zusammengefasst und eine Übersicht über die vermuteten Ausprägungen der Strukturmerkmale bei den Bankengruppen erstellt. Diese wurde mit den in Abschnitt 3.3 erarbeiteten optimalen Strukturausprägungen für Unternehmensveränderungen, Innovativität und Flexibilität abgeglichen. Das Ergebnis zeigte, dass sich Sparkassen und Kreditgenossenschaften aufgrund ihrer Struktur in ihren Voraussetzungen ähnlich sind. Der Sektor der Kreditbanken ist in sich sehr heterogen aufgestellt. Im Kern der Erkenntnis stand die Annahme vermeintlich schlechterer struktureller Voraussetzungen des Sektors der Kreditbanken für die aktive Bewältigung von Unternehmensveränderungen, Innovativität und Flexibilität. Auf Basis der vorigen Erkenntnisse sowie aufgrund des Vorteiles seiner Neuartigkeit und der Tatsache, dass dieser nachweislich in allen Sektoren der Kreditwirtschaft von großer Bedeutung ist, wurde am Ende des Teil II der Arbeit der Prozess der „Ver ← 232 | 233 → einbarkeit von Beruf und Familie“ für den Vergleich ausgewählt. Die Hypothesen zur Überprüfung der Forschungsfrage wurden im Anschluss herausgearbeitet.

Im dritten Teil der Arbeit wurden die bisher gewonnenen Erkenntnisse einer empirischen Überprüfung unterzogen. Dabei wurde analysiert, inwiefern in den vier definierten Themenbereichen der Hypothesen die vermuteten Unterschiede zwischen den Bankengruppen anhand der konkreten Unternehmensveränderung der „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ bestätigt werden können. Während sich die Sparkassen und die Kreditgenossenschaften in vielen Bereichen sehr ähnlich sind, unterscheiden sich beide Institutsgruppen wesentlich von den Kreditbanken. Die zentrale Annahme gravierender Unterschiede zwischen den Sektoren des Dreisäulensystems konnte somit bestätigt werden.

Aus den theoretischen Vorüberlegungen ließ sich ableiten, dass Kreditbanken träger und weniger innovativ agieren müssten als die anderen Institutsgruppen. Diese Unterschiede zeigten sich auch in der konkreten Umsetzung der Unternehmensveränderung der „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ durch ein beispielsweise deutlich geringeres Angebot an Maßnahmen für die Mitarbeiter sowie eine vergleichsweise schlechter ausgeprägte Kommunikation und Information derselben. Auch in der subjektiven Einschätzung der Innovativität der Organisation schnitten die Kreditbanken signifikant schlechter ab, als deren Wettbewerber. Kausale Ursachen und Zusammenhänge konnten dabei vermutet, jedoch aufgrund des Forschungsdesigns und der zur Verfügung stehenden Daten nicht nachgewiesen werden. Gleichwohl können Hinweise auf relevante Wirkungszusammenhänge gegeben werden.

Bei der Gesamtbetrachtung der Ergebnisse der Innovativität und der Flexibilität wurde zusammenfassend aufgezeigt, dass sich die Sparkassen und die Kreditgenossenschaften wie zuvor angenommen in ihrer Innovativität und Flexibilität stark ähneln. Über fast alle Ebenen hinweg zeigten sich bei den Kreditbanken nachteilige Strukturen und Ausprägungen sowie geringere Umsetzungsgrade bei der konkreten Unternehmensveränderung der „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“. Es zeigte sich zudem, dass die Sparkassen und die Kreditgenossenschaften nicht nur theoretische Vorteile aufgrund ihrer Struktur besitzen, sie scheinen diese auch in der praktischen Umsetzung verglichen mit den Kreditbanken besser zu nutzen.

Die heterogene Struktur des Sektors der Kreditbanken kann für die Thematik der Unternehmensveränderung und Innovativität als nicht vorteilhaft gesehen werden. Diese Struktur bedingt, dass bei einer zentralen Strategieplanung durch den Bankenverband, der als Zusammenschluss der Kreditbanken die kollektiven Interessen selbiger vertritt, in diesem Sektor die Unterschiede der einzelnen Bank ← 233 | 234 → häuser berücksichtigt werden müssten, was einen höheren Aufwand bedeutet und sicherlich nur schwer gelingen würde. Gerade deshalb müssten die Anstrengungen zur Erhaltung der Wettbewerbsfähigkeit in den einzelnen Instituten an dieser Stelle umso größer sein.

Die Annahme, dass vermeintlich günstigere Voraussetzungen für die Bewältigung von Unternehmensveränderungen direkte Vorteile im Unternehmensalltag mit sich bringen, ließ sich nicht generell bestätigen. Es zeigte sich, dass die Kreditgenossenschaften theoretisch in der Summe bessere Voraussetzungen mitbringen als die Sparkassen (Abschnitt 6.1). Dieser Vorteil bestätigte sich beim Blick auf die konkrete Unternehmensveränderung im Bereich „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ nicht. Generell sollten die einzelnen Sektoren ihre strukturellen Vorteile deutlicher ausbauen und aktiver und nachhaltiger in der Umsetzung von Unternehmensveränderungen sein.

Es ist auffallend, dass trotz der zwischen 1992 und 2002 im Bundestag bestehenden Enquéte-Kommission „Demographischer Wandel“, eines gemeinsamen Statements der Verbände der Bankengruppen sowie der Initiative des BMSFJ im Jahr 2011, die Umsetzung der Thematik in den Kreditinstituten nicht nur sehr unterschiedlich, sondern je nach Sektor auch als sehr gering einzustufen ist. Dies ist an dem zuweilen niedrigen Angebot von Maßnahmen zur „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ der Kreditinstitute und deren Akzeptanz abzulesen.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass das erste Forschungsziel erreicht wurde und gezeigt werden konnte, wie sich die Sektoren der Kreditinstitute im Hinblick auf Ihre Struktur- und Situationsmerkmale unterscheiden. Blickt man auf das zweite Forschungsziel, so kann bestätigt werden, dass Unterschiede im Umgang mit den Herausforderungen der „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ zwischen den Sektoren der Kreditinstitute bestehen. Die empirischen Ergebnisse dieser Studie weisen darauf hin, dass Sparkassen und Kreditgenossenschaften diese Herausforderungen insgesamt innovativer und erfolgreicher bewältigen als Kreditbanken.

Die Ergebnisse der vorliegenden Arbeit können somit allen Kreditinstituten der deutschen Bankenlandschaft vor dem Hintergrund der aktuellen und künftigen Herausforderungen des Demographischen Wandels zur Reflektion ihrer strukturellen Gegebenheiten und Möglichkeiten sowie ihrer internen Prozesse der Vereinbarkeit von Beruf und Familie dienen. Sie zeigt den einzelnen Institutsgruppen ihre Chancen aufgrund ihrer charakteristischen Unterschiede, die es zu bündeln, und im Wesentlichen zu nutzen gilt. ← 234 | 235 →