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Kontroversen im Werdegang wissenschaftlichen Wissens

Wie in der früheren Geschwulstforschung darum gestritten wurde, was ein «Krebsvirus» ist

Karlheinz Lüdtke

An einem der Geschichte der Krebsforschung entnommenen Fall wird untersucht, wie sich Wissensentwicklung zum Wandel sozialer Formen des Forscherverkehrs verhält und welche Rolle dabei wissenschaftliche Kontroversen spielen: Sie zersetzen nicht allein überkommene Paradigmen, sondern überdies die gegebenen sozialen Gliederungen und schaffen so Bedingungen für den Wandel derselben (Disziplinen, Institutionen). Dieser Ansatz erlaubt die Abwehr eines Konzeptes, wonach die Schließung einer Kontroverse auf die Favorisierung einer der strittigen Positionen hinausläuft. Ein solcher Prozess wird von Forschern eingeleitet, die das Verhältnis gegeneinander vertretener Konzepte zu harmonisieren trachten, ohne dabei auf eine transdisziplinäre bzw. theoretisch schlüssige Vermittlungsbasis zu verweisen.

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1. Warum wissenschaftliche Kontroversen für Wissensentwicklungen von wesentlicher Bedeutung sind. Grundgedanken zu diesem Thema

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1. Die Geschichte der Wissenschaft sei „eine einzige große Bestätigung der Tatsache, dass es uns überaus schwer fällt, uns z.B. eine neue wissenschaftliche Auffassungsweise zu Eigen zu machen. Immer wieder lenkt der Gedanke in die gewohnte Bahn ein […] Das Wesen und die lebensfördernde kraftsparende Funktion der festen Denkgewohnheit beruht ja eben darauf, dass sie unterbewusst geworden ist, ihre Resultate automatisch liefert und gefeit ist gegen Kritik und selbst den Widerspruch einzelner Tatsachen. Das tut sie und das ist sie aber auch dann, wenn ihre Stunde geschlagen hat, und da wird sie zum Hemmschuh“, worin Joseph Alois Schumpeter (1912) etwas sah, das auch die Welt der Wirtschaft auszeichnen würde.23 Wie jeglicher Diskurs würden auch wissenschaftliche Fachdiskurse, so Michel Foucault, von vorherrschenden Definitionen des „jeweils Sagbaren“, hegemonialen Perspektiven, „kulturelle(n) Stereotypen“ u.dgl. bestimmt.24 Es ist nicht so, dass Forscher auf ganz Neues zielstrebig hinarbeiten, das überlieferte Denkweisen, Wahrnehmungsgewohnheiten und eingespielte Lesarten in Frage stellt. “[…] radical innovation is inhibited because people have a large investment in […] established theories, models, and associated analytical techniques […] radical innovation renders previous investments obsolete and eliminates the return ← 15 | 16 → […] derived from them”, wie A.Walstad ausführt.25 Vielmehr geht es den Akteuren allein um Bereicherung und Vervollkommnung dessen, was sie schon wissen. Abweichungen vom Überlieferten begegnen davon beunruhigte Wissenschaftler mit Skepsis.26 Ihre Anstrengungen richten sich vor allem darauf, die Deutungshoheit des gegebenen Paradigmas zu verteidigen und ein neues Phänomen, worauf sie gestoßen sind, so zu behandeln, dass es...

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