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Kontroversen im Werdegang wissenschaftlichen Wissens

Wie in der früheren Geschwulstforschung darum gestritten wurde, was ein «Krebsvirus» ist

Karlheinz Lüdtke

An einem der Geschichte der Krebsforschung entnommenen Fall wird untersucht, wie sich Wissensentwicklung zum Wandel sozialer Formen des Forscherverkehrs verhält und welche Rolle dabei wissenschaftliche Kontroversen spielen: Sie zersetzen nicht allein überkommene Paradigmen, sondern überdies die gegebenen sozialen Gliederungen und schaffen so Bedingungen für den Wandel derselben (Disziplinen, Institutionen). Dieser Ansatz erlaubt die Abwehr eines Konzeptes, wonach die Schließung einer Kontroverse auf die Favorisierung einer der strittigen Positionen hinausläuft. Ein solcher Prozess wird von Forschern eingeleitet, die das Verhältnis gegeneinander vertretener Konzepte zu harmonisieren trachten, ohne dabei auf eine transdisziplinäre bzw. theoretisch schlüssige Vermittlungsbasis zu verweisen.

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3. Zur standortgebundenen Sicht auf das entdeckte Phänomen und wie sie die Auseinandersetzungen in der Krebsforschung beeinflusst hat

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Mit der Vorstellung, dass man von einer Übertragbarkeit von Geschwülsten ausgehen müsse, die sich auf zellfreie Tumorauszüge zurückführen lasse, konnten sich weder die zellpathologisch noch mikrobentheoretisch denkenden Krebsforscher sogleich anfreunden. Das Zustandekommen dessen, was der Fachöffentlichkeit als neue Entdeckung präsentiert worden war, führten sie oftmals auf fehlerhafte experimentelle Vorgehensweisen der Entdecker zurück. Und wenn nicht, dann wurde das entdeckte Phänomen in einer Weise gedeutet, die sich mit dem jeweils vertretenen (zellinterne Vorgänge oder eine Mikrobeninvasion in den Mittelpunkt stellenden) Erklärungsmuster irgendwie vereinbaren ließ bzw. man war zur Entschärfung des Erklärungsproblems um eine Modifikation bzw. Ergänzung dessen bemüht, wovon man auszugehen pflegte. Solche Anstrengungen wurden in beiden Lagern unternommen, was jedoch mitnichten zu einer Vermeidung jener Streitigkeiten verhalf, die die genannten Parteien miteinander austrugen, vielmehr wurde in diesem Prozess der Graben zwischen beiden Lagern noch vertieft. Das, was von beiden Seiten unternommen wurde, das neu Entdeckte aufzugreifen, wurde ja vom jeweils eingenommenen Standpunkt beherrscht.

Der Auffassung folgend, dass das, was Geschwülste hervorruft, zellulär aufgebaut sei, dachte man entweder an erkrankte Zellen des vom Krebs betroffenen Organismus oder an von außen in den Organismus eingedrungene Mikroben, also auch an etwas Zellartiges, nur dass in diesem Falle von einer exogenen Krebsursache die Rede war, wohingegen nach der erstgenannten Variante dem Krebsleiden ein endogener Ursprung zuerkannt wurde. Wenn Filtraten eine krebsbildende Wirkung zugestanden wurde, ließ sich das auch so erklären,...

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