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Kontroversen im Werdegang wissenschaftlichen Wissens

Wie in der früheren Geschwulstforschung darum gestritten wurde, was ein «Krebsvirus» ist

Karlheinz Lüdtke

An einem der Geschichte der Krebsforschung entnommenen Fall wird untersucht, wie sich Wissensentwicklung zum Wandel sozialer Formen des Forscherverkehrs verhält und welche Rolle dabei wissenschaftliche Kontroversen spielen: Sie zersetzen nicht allein überkommene Paradigmen, sondern überdies die gegebenen sozialen Gliederungen und schaffen so Bedingungen für den Wandel derselben (Disziplinen, Institutionen). Dieser Ansatz erlaubt die Abwehr eines Konzeptes, wonach die Schließung einer Kontroverse auf die Favorisierung einer der strittigen Positionen hinausläuft. Ein solcher Prozess wird von Forschern eingeleitet, die das Verhältnis gegeneinander vertretener Konzepte zu harmonisieren trachten, ohne dabei auf eine transdisziplinäre bzw. theoretisch schlüssige Vermittlungsbasis zu verweisen.

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8. Interdisziplinarität und die Entfaltung wissenschaftlicher Kontroversen

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Dass die Problematisierungen, die die verschiedenen Forscherparteien vorgenommen hatten, in einander entgegengesetzte Richtungen wiesen, findet eine Erklärung darin, dass getrennt voneinander entstandene Konzepte zur Auseinandersetzung mit den Fragestellungen zu Rate gezogen worden waren, die in keinem geordneten, theoretisch begründeten Verhältnis zueinander standen. Sie wurden zur Erklärung eines Problems herangezogen, das zu behandeln in ihrem Rahmen auch gar nicht vorgesehen war. Weder der Rückgriff auf Begriffe dieser noch auf Begriffe jener Disziplin konnte als eine sich aus den empirischen Arbeiten der Krebsforscher ergebende zwangsläufige Konsequenz vertreten werden, in deren Auffassung alle Forscher hätten übereinstimmen müssen. Es handelte sich dabei – hier sei noch einmal ein bereits zitierter Gedanke Luhmanns wiedergegeben –, nicht „um Arbeit an einem immer genaueren Abbild der Umwelt, wohl aber um eine Vermehrung der Hinsichten, in denen das System intern auf […] Irritationen durch die Welt reagieren kann.“452

In einem 1944 erschienenen Aufsatz erörtern O.Th. Avery et al., dass die induzierende Substanz zum einen mit dem Gen verglichen werden könne, dass zum anderen auch an eine Analogie zwischen der Aktivität des transformierenden Agens und der eines Virus gedacht werden könne. „Was immer auch die korrekte Interpretation sein möge, diese unterschiedlichen Gesichtspunkte weisen hin auf Verknüpfungen des Phänomens der Transformation mit ähnlichen Problemen in der Genetik, Virologie und der Krebsforschung.“453 In diesem Zitat sind Begriffe versammelt, deren Verknüpfung miteinander noch Fragen offenließ, inwiefern sie wirklich hinreichend begründbar ist. Heutzutage...

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