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Kontroversen im Werdegang wissenschaftlichen Wissens

Wie in der früheren Geschwulstforschung darum gestritten wurde, was ein «Krebsvirus» ist

Karlheinz Lüdtke

An einem der Geschichte der Krebsforschung entnommenen Fall wird untersucht, wie sich Wissensentwicklung zum Wandel sozialer Formen des Forscherverkehrs verhält und welche Rolle dabei wissenschaftliche Kontroversen spielen: Sie zersetzen nicht allein überkommene Paradigmen, sondern überdies die gegebenen sozialen Gliederungen und schaffen so Bedingungen für den Wandel derselben (Disziplinen, Institutionen). Dieser Ansatz erlaubt die Abwehr eines Konzeptes, wonach die Schließung einer Kontroverse auf die Favorisierung einer der strittigen Positionen hinausläuft. Ein solcher Prozess wird von Forschern eingeleitet, die das Verhältnis gegeneinander vertretener Konzepte zu harmonisieren trachten, ohne dabei auf eine transdisziplinäre bzw. theoretisch schlüssige Vermittlungsbasis zu verweisen.

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9. Wie bei den Versuchen, Kontroversen zu entschärfen, praktische Anliegen zulasten theoretischer Abhandlungen in den Vordergrund gerückt wurden

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Zur Tumorentstehung hatte es einer Anfang der 1950er Jahre getroffenen Einschätzung D.Kotsovskys zufolge mehr Theorien als Fakten gegeben, Theorien, die er auch noch als einseitig und subjektiv gefärbt beurteilte. Und er vermutete darin die Hauptursache für das Ausbleiben größerer Erfolge bei der Krebsheilung.478 „[…] in der Konkurrenz der diskutierten Möglichkeiten (geriet – K.L.) […] mal die eine, mal die andere Theorie in den Vordergrund des Blickpunktes“, ohne dass „der Schleier des Geheimnisses über der die Menschheit bewegenden Frage“ habe gelüftet werden können, „wie die Krebskrankheit entsteht“, wie auch F.Deich 1960 feststellen musste.479

Weiter oben wurde dargetan, dass sich der Streit um die Natur des Krebsvirus nicht über die empirischen Fortschritte in der Tumorforschung sukzessive abbauen ließ. Weil die Forscher in ihrer Tätigkeit je besonderen Orientierungen folgten und deshalb mit je besonderen Seiten des Forschungsgegenstandes zu tun hatten, konnten Argumentationen, die sich auf Faktisches bzw. auf Prozesse der Faktenproduktion bezogen, auch nicht zu einem Abschluss der Auseinandersetzungen hinlenken. Wie es dennoch dazu gekommen ist und was dafür geleistet ← 181 | 182 → werden musste, stellt sich im Ergebnis der Fallstudie wie folgt dar: Eine Reihe von Forschern, die sich mit den oben angedeuteten Schwierigkeiten nicht abfinden wollten, drangen um der Bewältigung forschungs- und heilpraktischer Anforderungen willen auf ein Zusammenwirken aller in der Krebsforschung vertretenen Parteien, ungeachtet dessen, dass es Parteien waren, die einander widersprechenden Kognitionen und Entscheidungsprämissen folgten. Weil sich das Krebsleiden zu einer besonders häufig auftretenden Krankheit entwickelt hatte480,...

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