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Kontroversen im Werdegang wissenschaftlichen Wissens

Wie in der früheren Geschwulstforschung darum gestritten wurde, was ein «Krebsvirus» ist

Karlheinz Lüdtke

An einem der Geschichte der Krebsforschung entnommenen Fall wird untersucht, wie sich Wissensentwicklung zum Wandel sozialer Formen des Forscherverkehrs verhält und welche Rolle dabei wissenschaftliche Kontroversen spielen: Sie zersetzen nicht allein überkommene Paradigmen, sondern überdies die gegebenen sozialen Gliederungen und schaffen so Bedingungen für den Wandel derselben (Disziplinen, Institutionen). Dieser Ansatz erlaubt die Abwehr eines Konzeptes, wonach die Schließung einer Kontroverse auf die Favorisierung einer der strittigen Positionen hinausläuft. Ein solcher Prozess wird von Forschern eingeleitet, die das Verhältnis gegeneinander vertretener Konzepte zu harmonisieren trachten, ohne dabei auf eine transdisziplinäre bzw. theoretisch schlüssige Vermittlungsbasis zu verweisen.

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12. Wie Kontroversen zur Reorganisation wissenschaftlicher Gemeinschaften beitragen

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Der Prozess der Konsensbildung in der Schar der Forscher, die sich mit dem Krebsvirus auseinandergesetzt hatten, kann nach Art des herkömmlichen Consensus-Modells nicht einsichtig gemacht werden, nach Maßgabe eines Modells, das Übereinkünfte im Verständnis eines Sachverhalts aus dessen Natur herzuleiten vorgibt. Dieses Konzept verführt zu dem Gedanken, dass es mit jenem Phänomen bereits ein einheitliches Beurteilungsobjekt gegeben habe, nur dass die Akteure widriger Umstände wegen nicht sogleich darauf gekommen wären. Die Akteure mögen unabhängig voneinander nach neuen Einsichten gegraben haben, doch schließlich wären die Gräben aufeinander getroffen und bei den gleichen Fragestellungen angekommen.638 Im Folgenden geht es darum zu zeigen, dass sich mit der Interaktion der an einem wissenschaftlichen Innovationsprozess Beteiligten der Beurteilungskontext und mit ihm das Sachgebiet jedoch verändert, was wiederum heißt, dass sich die Bedeutungen des zu Beurteilenden in der Interaktion – in einem Prozess wechselseitiger Antizipationsleistungen – erst ← 239 | 240 → entwickeln.639 Die Bedeutungen bilden sich mit der Entwicklung des Forscherverkehrs heraus, in einem Prozess, wo Vertreter verschiedener Wissensgebiete einander begegnen und woraus neue Interaktionserfahrungen hervorgehen, Bedeutungen erzeugende Erfahrungen, die sich wandeln.640

Anstrengungen von Wissenschaftlern, die Forschung vor Auseinandersetzungen zu bewahren, führen noch nicht zu einem wissenschaftlich begründeten Konsens. Was sie um der Erfüllung praktischer Anforderungen willen tun, besteht lediglich darin, dass sie für einen Perspektivenpluralismus eintreten, der sich wohl in divergenten Sinnhorizonten äußert, aber dennoch ein Disziplingrenzen überschreitendes Zusammenwirken verschiedener Parteien im Forschungsprozess ermöglichen...

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