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Kontroversen im Werdegang wissenschaftlichen Wissens

Wie in der früheren Geschwulstforschung darum gestritten wurde, was ein «Krebsvirus» ist

Karlheinz Lüdtke

An einem der Geschichte der Krebsforschung entnommenen Fall wird untersucht, wie sich Wissensentwicklung zum Wandel sozialer Formen des Forscherverkehrs verhält und welche Rolle dabei wissenschaftliche Kontroversen spielen: Sie zersetzen nicht allein überkommene Paradigmen, sondern überdies die gegebenen sozialen Gliederungen und schaffen so Bedingungen für den Wandel derselben (Disziplinen, Institutionen). Dieser Ansatz erlaubt die Abwehr eines Konzeptes, wonach die Schließung einer Kontroverse auf die Favorisierung einer der strittigen Positionen hinausläuft. Ein solcher Prozess wird von Forschern eingeleitet, die das Verhältnis gegeneinander vertretener Konzepte zu harmonisieren trachten, ohne dabei auf eine transdisziplinäre bzw. theoretisch schlüssige Vermittlungsbasis zu verweisen.

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Einleitung

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Es geht in dieser Schrift darum zu erkunden, was Auseinandersetzungen in Forscherkreisen für den Wandel wissenschaftlichen Wissens bedeuten. Sind Entstehung, Austragung und Bewältigung von Kontroversen etwas, das dem Werdegang wissenschaftlichen Wissens innewohnt? Zur Prüfung von Annahmen, die ich zu diesem Thema aufgestellt habe, wird ein der Geschichte der Krebsforschung entnommenes Fallbeispiel verwendet. “This field of research has yet to be subjected to historical and sociological analysis”, wie T. van Helvoort meint.1 Ähnlich äußert sich Lilian Kay: Die Entstehungsgeschichte der Krebsforschung mit ihren “intellectual trends and institutional imperatives […] awaits writing.”2 Dazu etwas beizutragen empfiehlt sich, wenn einem daran gelegen ist, dem Verlauf wissenschaftlicher Kontroversen nachzuspüren, weil die Geschichte der Geschwulstforschung in dieser Hinsicht besonders ergiebig ist. “Few things, even in medicine, have ever been so tangled as the views which are held by different people on the origin and cause of cancer, and few subjects have suffered so much from extremes of opinion […]”, wie schon vor mehr als 100 Jahren die Lage dieser Forschungsrichtung von einem ihrer Betreiber dargetan wurde3, eine Lage, die sich auch in den folgenden Dezennien immer wieder einstellte: Es „dürfte […] schwierig sein, einen (mit der Geschwulstforschung – K.L.) vergleichbaren Fall in der Geschichte des wissenschaftlichen Fortschritts zu finden, die Entwicklung eines Forschungszweiges nämlich, dessen große Pioniere fast ausnahmslos gegen den entschiedenen Widerstand ihrer Fachgenossen ankämpfen mussten“, so D.J.Kevles 1995.4 ← 7 | 8 →

Die Entwicklung dieses Gebietes ließ es zu einem Überfluss an Erklärungen des...

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