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Erinnerungskonkurrenz

Geschichtsschreibung in den böhmischen Ländern vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart

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Joachim Bahlcke

Deutungen historischer Ereignisse unterliegen vielfältigen Modifikationen, Anpassungen und Ausblendungen, die ihrerseits Ausdruck veränderter Machtverhältnisse, Wertvorstellungen oder Legitimationsbedürfnisse sind. Das östliche Mitteleuropa ist in besonderer Weise geeignet, das Neben-, Mit- und Gegeneinander verschiedener Erinnerungsgemeinschaften in den Blick zu nehmen. Die hier vorgelegten Fallstudien zur böhmischen Ländergruppe stellen verschiedene Typen konkurrierender Geschichtsentwürfe vor, die sich religiös-konfessionell, räumlich-regional oder sprachlich-ethnisch motivierten Interessen verdankten. Dabei wird deutlich: Die erinnerungskulturellen Rivalitäten, die bereits in nachhussitischer Zeit einsetzten, prägten den Prozess der neuzeitlichen Staats- und Nationsbildung nachhaltig.

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Erfahrungsraum und Raumkonzept. Die Habsburgermonarchie als Gegenstand der Geschichtsschreibung in den böhmischen Ländern im 19. und 20. Jahrhundert

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Erfahrungsraum und Raumkonzept.

Die Habsburgermonarchie als Gegenstand der Geschichtsschreibung in den böhmischen Ländern im 19. und 20. Jahrhundert

I.

Der Oxforder Historiker Robert J. W. Evans, bis zur Gegenwart einer der besten Kenner der Geschichte der Habsburgermonarchie vom 16. bis zum 20. Jahrhundert, hielt 1990 in Rom auf der internationalen Konferenz „Visions sur le développement des états européens. Théories et historiographies de l’état moderne“ einen ebenso material- wie gedankenreichen Vortrag über Vorstellungen und Bilder österreichischer, ungarischer und ← 239 | 240 → tschechischer Historiker zur Staatlichkeit in den habsburgischen Ländern.1 Eine konzisere Erfassung und Gegenüberstellung der einzelnen Raumkonzepte und Meistererzählungen und deren wichtigster institutioneller und personeller Vertreter auf knappem Raum ist schwer denkbar. Evans skizzierte zum einen die spezifischen Probleme eines in Europa in mehrfacher Hinsicht singulären Staatsbildungsprozesses, der mit der Ausbildung einer kaum zu überblickenden und oftmals verwirrenden Begriffsvielfalt einherging; dies gilt umso mehr, als sich das Begriffsfeld der älteren Staatssprache im Raum der Habsburgermonarchie in der Nachbarschaft verschiedener Sprachen entwickelte, deren Ausdrucks- und Abstraktionsfähigkeit sich zum Teil erheblich unterscheiden. Zum anderen ging Evans auf eine grundsätzliche und bisher nur wenig reflektierte Frage ein, die sich als Problem des zeitlichen Abstands zwischen Veränderungen in der politischen Welt und deren begrifflicher Registrierung bezeichnen ließe.2

Dieses Problem stellt sich speziell in mehrgliedrigen Länderkomplexen, in denen die während der Frühen Neuzeit in ganz Europa zu beobachtende Verdichtung, Verräumlichung und...

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