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Erinnerungskonkurrenz

Geschichtsschreibung in den böhmischen Ländern vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart

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Joachim Bahlcke

Deutungen historischer Ereignisse unterliegen vielfältigen Modifikationen, Anpassungen und Ausblendungen, die ihrerseits Ausdruck veränderter Machtverhältnisse, Wertvorstellungen oder Legitimationsbedürfnisse sind. Das östliche Mitteleuropa ist in besonderer Weise geeignet, das Neben-, Mit- und Gegeneinander verschiedener Erinnerungsgemeinschaften in den Blick zu nehmen. Die hier vorgelegten Fallstudien zur böhmischen Ländergruppe stellen verschiedene Typen konkurrierender Geschichtsentwürfe vor, die sich religiös-konfessionell, räumlich-regional oder sprachlich-ethnisch motivierten Interessen verdankten. Dabei wird deutlich: Die erinnerungskulturellen Rivalitäten, die bereits in nachhussitischer Zeit einsetzten, prägten den Prozess der neuzeitlichen Staats- und Nationsbildung nachhaltig.

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Historische Reflexion und politische Legitimation. Die Verfassungsgeschichtsschreibung Kamil Kroftas in der Ersten Tschechoslowakischen Republik

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Historische Reflexion und politische Legitimation.

Die Verfassungsgeschichtsschreibung Kamil Kroftas in der Ersten Tschechoslowakischen Republik

I.

„Die privilegierten Schichten Polens, Böhmens und Ungarns haben in parallel verlaufenden, um 1500 im groben Umriß abgeschlossenen Wandlungen drei politische Kulturen ausgebildet, zu deren Kennzeichen ein für diese Periode bemerkenswert weit entwickeltes, Landschaftsgrenzen wie historische und sprachliche Unterschiede überwölbendes Nationalbewußtsein gehörte. Die drei politischen Nationalkulturen hingen – bei aller Eigenständigkeit – untereinander aufs engste zusammen, bildeten eine europäische Regionalkultur. [...] Will man den Möglichkeiten, die dem Ständestaat innewohnten, gerecht werden, dann wird man in jene gesamteuropäische Betrachtung, die dem gesamtabendländischen Phänomen zukommt, in verstärktem Maße die Verhältnisse in Polen, Böhmen und Ungarn einbeziehen müssen.“1 Seit 1985, als Gottfried Schramm diese Sätze in einem programmatischen Beitrag über Möglichkeiten und Perspektiven vergleichender Ständeforschung in einer polnischen Fachzeitschrift publizierte, hat die an Typologien und Strukturmustern interessierte historische Ostmitteleuropaforschung erhebliche Erkenntnisgewinne erzielen können.2 Dass ← 393 | 394 → bei dieser wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem partizipationsstarken Osten des ständischen Europa und seiner während des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit ausgeprägten Libertaskultur zeithistorische Erfahrungen eine Rolle spielen, dass also der Blick auf die innere Absolutismusresistenz der Staaten zwischen Ostsee und Adria in früheren Jahrhunderten durch die aktuellen Freiheitsbewegungen am Ende des 20. Jahrhunderts geprägt wird, ist kaum von der Hand zu weisen. Ebenso wenig ist freilich zu bestreiten, dass in...

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