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Erinnerungskonkurrenz

Geschichtsschreibung in den böhmischen Ländern vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart

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Joachim Bahlcke

Deutungen historischer Ereignisse unterliegen vielfältigen Modifikationen, Anpassungen und Ausblendungen, die ihrerseits Ausdruck veränderter Machtverhältnisse, Wertvorstellungen oder Legitimationsbedürfnisse sind. Das östliche Mitteleuropa ist in besonderer Weise geeignet, das Neben-, Mit- und Gegeneinander verschiedener Erinnerungsgemeinschaften in den Blick zu nehmen. Die hier vorgelegten Fallstudien zur böhmischen Ländergruppe stellen verschiedene Typen konkurrierender Geschichtsentwürfe vor, die sich religiös-konfessionell, räumlich-regional oder sprachlich-ethnisch motivierten Interessen verdankten. Dabei wird deutlich: Die erinnerungskulturellen Rivalitäten, die bereits in nachhussitischer Zeit einsetzten, prägten den Prozess der neuzeitlichen Staats- und Nationsbildung nachhaltig.

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Geschichtsschreibung im Spannungsfeld von Konfession, Raum und Nation – zur Einführung

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I.

An der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert erwarb sich das westböhmische Eger, das die Erinnerung an das Schicksal des kaiserlichen Feldherrn Albrecht von Wallenstein bereits seit langem pflegte, endgültig den Beinamen „Wallensteinstadt“.1 An der Popularisierung und zugleich Politisierung des historischen Stoffes hatten die 1908 begründeten Wallenstein-Festspiele erheblichen Anteil. „Ein wachsendes Interesse für die Vergangenheit ihres Volkes scheint die Deutschen zu erfüllen“, heißt es in einer kleinen Broschüre, die Josef Pohl, Lehrer am örtlichen Staatsgymnasium, über das städtische Großereignis verfasst hatte. „Denn das Fest, das Erinnerungen an eine ruhmreiche und bewegte Vergangenheit wachrief, das getragen wurde von dem Bewußtsein echten, bodenständigen Volkstums, war mehr als ein bloßer Fastnachtsscherz, durch den die Stadt ihre materiellen Einnahmsquellen erhöhen wollte, es war eine große kulturelle Tat, wurzelnd in alter Egerländer Sitte und Tradition, es war vor allem auch eine echt patriotische und nationale Tat.“ Ähnlich wie der Autor, der die Aufführung „reich“, nach seinem Empfinden „fast zu reich [...] an politischen Anspielungen“ fand und in der Schlussszene „im kleinen de[n] Kampf zwischen den beiden in Böhmen ansässigen Volksstämmen“ erblickte, werden andere Zeitgenossen das Spektakel wohl auch empfunden und aufgenommen haben.2 ← 7 | 8 →

Ebenfalls großen Anklang fand das für die Festspiele in Eger von Richard Teschner entworfene Jugendstilplakat,3 das man auch für die Aufführungen in den Jahren 1909 und 1911, jeweils mit...

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