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Goethes «Wahlverwandtschaften» im 21. Jahrhundert gelesen

Aagot Vinterbo-Hohr

Goethes Roman «Die Wahlverwandtschaften» geht der Relation von Mensch und Gesellschaft in der Feudalzeit auf den Grund – und stößt nicht nur bei Zeitgenossen auf heftige Kritik. Die Autorin dieses Bandes bricht vom Lager der traditionellen Rezeption auf, indem sie das Leben am Ort der Handlung, einem Adelsgut, anhand reiner Textanalyse durchleuchtet, wobei das im Romangeschehen thematisierte Geflecht der sozialen, militärischen und religiösen Machtstrukturen der Feudalgesellschaft zu Tage tritt. Die durch Symbolik wie durch Form und Eigenart des Erzählstils dargestellten sozialen Verhältnisse und Konflikte werden dadurch freigelegt. Die Erkenntnisse der Untersuchung öffnen Perspektiven auf Struktur- und Alltagsprobleme der globalisierten Gesellschaft der Gegenwart.

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I. Der Zankapfel

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I.  Der Zankapfel

Die Arsenale Venedigs, wo seit achthundert Jahren Schiffe gebaut wurden, die Menschen den Aufbruch aus der Enge ermöglicht hatten, lässt Goethe 1787 über sein Deutschland als Erzieher nachsinnen.1 Erst zwei Jahrzehnte später aber geht er als Schriftsteller in medias res. In seinem Roman Die Wahlverwandtschaften von 1809 sind die Personen von einer Gesellschaft erzogen, die nicht selbständige Individuen, sondern die eigene Erhaltung als Zielsetzung hat, und deren Erwartungen ihre Zöglinge, je nach Standeszugehörigkeit, zu erfüllen bestrebt sein sollen und – um des schlichten Überlebens willen – auch sind. Das Adelsgut spiegelt eine Gesellschaft, deren Verhaltensmuster gesellschaftliche Erneuerung blockiert. Die Wirkung der Gesellschaftspraxis auf die Entwicklung des Einzelnen soll in einer Figurenanalyse umrissen werden, auf die ich hier zum Teil kurz vorgreife.

Der Baron ist zum Verwalten eines Landguts denkbar ungeeignet, weil er von Landwirtschaft nichts versteht. Auch ist ihm nicht zu helfen, weil er als Adliger nicht kritisiert werden darf, und Warnungen vor drohender Gefahr, wenn diese seinen persönlichen Präferenzen zuwiderlaufen, in den Wind schlägt. Diese Figur war der Leserschaft unsympathisch, und Goethe erklärt im Gespräch mit Eckermann: “… ich mußte ihn so machen, um das Factum hervorzubringen.“ Weil, fährt Goethe fort: „…man findet in den höhern Ständen Leute genug, bei denen ganz wie bei ihm der Eigensinn an die Stelle des Characters tritt.“2 Somit sind hier „die socialen Verhältnisse“ einer Feudalgesellschaft, in der...

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