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Selbstoptimierung

Eine kritische Diskursgeschichte des Tagebuchs

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Ralph Köhnen

Lebenskunst hat Konjunktur: Offenbar ist der Traum, das Leben als Gesamtkunstwerk einzurichten, zur ethischen Maxime geworden. Beteiligt ist dabei seit der Antike das Motiv von Selbsterforschung bzw. Selbstbesserung, das über die Frühe Neuzeit bis in die Gegenwart wirksam geblieben ist. Tagebücher sind dabei ein notwendiges Begleitmedium gewesen und haben wechselhafte Formen angenommen, die von religiösen, wirtschaftlichen, psychologischen und medizinischen Aufschreibesystemen bestimmt worden sind. In diesem umfassenden mediologischen Sinn untersucht der Autor Programme der Selbstschrift und stellt diese an Beispielen dar, die sich von Pacioli über Pepys, Leibniz, Herder, Moritz, Goethe, Hebbel, Schmitt, Jünger oder Rainald Goetz bis in die Gegenwart der Social Media erstrecken.

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6. Schwimmfest im Datenmeer: Herders Journal als Wissensoptimierung

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6. Schwimmfest im Datenmeer: Herders Journal als Wissensoptimierung

Exzentrik als Verfahren

Herders Journal meiner Reise 1769 greift an der Oberfläche Bacons Anregung eines exakten Reisetagebuchs auf. Es leistet aber deutlich mehr, insofern es die Form des wissenschaftlichen Kurznotats überführt in ein weit aufgespanntes, vielleicht auch überspanntes Programm einer Bildungs- und Universalgeschichte als Polygraphie aus geografischen, literarisch-philosophischen und anderen Daten. Darüber hinaus ist es ein literarisch-ästhetisches Dokument des Sturm und Drang, das stilistisch auch vom Nervendiskurs der Medizin beeinflusst ist, der die Humoralpathologie langsam in den Hintergrund drängt.247

Die Reise als via regia des Bildungsprozesses hat seit dem 18. Jahrhundert zu einer Flut von entsprechenden Tagebüchern geführt, die meistens zweierlei bieten: Wissen über Land und Leute zu prüfen und zu kommunizieren – etwa im Sinne des aufkommenden Baedeker-Reiseführers –, sodann aber auch dem subjektiven Temperament Raum bei der Er-Fahrung des Wissens zu geben und das anthropologische Wissen zu vergrößern. Hatten bereits im 17. Jahrhundert Leibniz, Hartlib und andere vorgeschlagen, Reisebeschreibungen bzw. -tagebücher zur Wissenssammlung zu nutzen und die Inhalte gleichsam durch den Reisenden beglaubigen zu lassen, ist Horizonterweiterung auch in Herders Journal meiner Reise im Jahre 1769 ein prominentes Thema. Zwar handelt es sich keineswegs um ein Tagebuch, das Erlebnisse oder kalendarisch markierte Gedanken exakt datieren würde, auch nicht um einen summarisch gefassten Reisebericht, der an einer deutlichen Kette von Stationen bzw. empirischen Orten entlang erzählt wäre. Einzig zu Beginn wird ein Zeittakt angedeutet, weiterhin finden sich nur noch sporadisch zeitliche Hinweise – das Journal ist aus der Retrospektive vor allem in Nantes und schließlich zu kleineren Teilen in Paris geschrieben. Herder macht jedoch wichtige Aspekte einer Poetik des Tagebuchschreibens ←99 | 100→im 18. Jahrhundert lesbar und verbindet die Wissenssammlung mit Ausdrucksformen des subjektiven Temperaments, was u.a. mit der ihm bekannten Sentimental Journey through France and Italy Laurence Sternes von 1768 zusammenhängt. Es soll hier vor allem ein Antagonismus beobachtet werden, der prägend für das sich schreibende moderne Ich sein wird: Individualitätskult und Allmachtsphantasien des unmittelbaren Erlebens einerseits, Daten- und Wissenszuwachs als überstrapaziertes Bildungsprogramm andererseits. Herders Programm des Tagebuchs bietet aber auch Heuristiken bzw. Strategien des Wissenserwerbs, die zur Synthese einer emphatisch erweiterten Ich-Identität führen sollen.

Der Aufbruch Herders in Riga soll zunächst einmal dabei helfen, aller engherzigen Studiermentalität zu entkommen, um dagegen einer euphorischen Naturerfahrung zu huldigen. Die unendlichen Weiten, die sich dem Auge auf dem Schiff darbieten, stellen das bisherige Dasein mit seiner verengten Optik in den Schatten und übertreffen die angelernte Perspektive bei weitem, was sich auch in Syntax und Zeichensetzung artikuliert:

„So denkt man, wenn man aus Situation in Situation tritt, und was gibt ein Schiff, das zwischen Himmel und Meer schwebt, nicht für weite Sphäre zu denken! Alles gibt hier dem Gedanken Flügel und Bewegung und weiten Luftkreis! Das flatternde Segel, das immer wankende Schiff, der rauschende Wellenstrom, die fliegende Wolke, der weite unendliche Luftkreis! Auf der Erde ist man an einen toten Punkt angeheftet; und in den engen Kreis einer Situation eingeschlossen. Oft ist jener der Studierstuhl in einer dumpfen Kammer, der Sitz an einem einförmigen, gemieteten Tische, eine Kanzel, ein Katheder […] Nun trete man mit Einmal heraus, oder vielmehr ohne Bücher, Schriften, Beschäftigung und Homogene Gesellschaft werde man herausgeworfen – welch eine andre Aussicht!“248

Die Passage bezeugt eine radikale Exzentrizität der Perspektive, die den engen Studierraum zugunsten des weit geöffneten Makroraumes der Natur aufbricht. Damit einher geht eine Persönlichkeitserweiterung:

„Wo ist das feste Land, auf dem ich so feste stand? und die kleine Kanzel und der Lehnstuhl und das Katheder, worauf ich mich brüstete? wo sind die, für denen ich mich fürchtete, und die ich liebte! – – O Seele, wie wird dirs sein, wenn du aus dieser Welt heraustrittst? Der enge, feste, eingeschränkte Mittelpunkt ist verschwunden, du flatterst in den Lüften, oder schwimmst auf einem Meere – die ←100 | 101→Welt verschwindet dir – ist unter dir verschwunden! – Welch neue Denkart! aber sie kostet Tränen, Reue, Herauswindung aus dem Alten, Selbstverdammung!“249

Mit dem letzten Passus wird wiederum das Muster der pietistischen Bekenntnisliteratur aufgegriffen: Bevor die Seele davonfliegen kann, muss der alte Mensch in einer ritualisierten Peripetie noch einmal überwunden werden. Mit der Befreiungsgeste aus dem Wendepunkt – und sei sie auch nur anzitiert – verpflichtet sich das Ich allerdings zu neuen Höchstleistungen und setzt sich mit der (täglichen) Schrift ein Programm, das zur Selbstbildung und zum persönlichen Sichfreischreiben führen soll. Herder rekapituliert die eigene Lesesozialisation und skizziert ein Bildungsprogramm bzw. Curriculum, treibt aber auch Epistemologie nebst vielen Erwägungen zur Lektürediätetik, die sich ganz im Rahmen der Hochaufklärung bewegen: Wieviel Lektüre pro Tag erträgt der Mensch, wie viel sollte er nützlicherweise leisten, mit welchen Gefahren hat aufgeklärte Lektüre zu kämpfen? Und was davon ist aufzuschreiben? Solche Fragestellungen beschäftigen Herder auch angesichts des weiten Himmelszeltes fortdauernd, und sie werden mit einem an Francke erinnernden Selbstregulativ beantwortet, nämlich dem Maximumprinzip des Nutzens:

„So lernte ich ganz mein Leben brauchen, nutzen, anwenden; kein Schritt, Geschichte, Erfahrung wäre vergebens […] Dazu reise ich jetzt: dazu will ich mein Tagebuch schreiben: dazu will ich Bemerkungen sammlen: dazu meinen Geist in eine Bemerkungslage setzen: dazu mich in der lebendigen Anwendung dessen, was ich sehe und weiß, was ich gesehen und gewesen bin, üben! Wie viel habe ich zu diesem Zwecke an mir aufzuwecken und zu ändern!“250

Der Vorsatz zur Sammlung von ‚Bemerkungen‘ wird begleitet durch Anaphern und gestisch-aufgeregte Interpunktion – die Doppelpunktsetzung erweist sich hier als eine mimetische Nachbildung der Fragebewegung, der Neugier im cor inquietum des Forschers aus dem Geist der Natur. Zugleich macht sich ein Diskurs der Aufmerksamkeit geltend, welche man im 18. Jahrhundert als bewusste Lenkung der Seelenenergie konzipierte251 – die Schreibhand separiert und fixiert die Sinnesdaten. Ist diese ←101 | 102→Wahrnehmungshaltung der erste Schritt, Daten fürs Aufschreiben zu erhalten, so soll ihre schriftliche Fixierung ermöglichen, Erfahrung zu notieren, zu sammeln und wiederum anwendbar zu machen. Dass Herder die Fiktion des autobiographischen Tagebuch-Genres gebraucht, soll im Maße erlebter Authentizität die Erkenntnisse testieren und ihren Wert gegen die Einwände geltend machen, die aus der rationalistischen Tradition Descartes’, Gottscheds oder Christian Wolfs kommen könnten (und später noch von Kant als Dichtungsvorwurf erhoben wurden). Die Kategorie der Erfahrung soll abstraktes Textwissen nicht nur dem Buchstaben nach übertreffen, sondern ebenso auf der performativen Ebene des Gattungsmusters das Bildungsprogramm plausibilisieren.

Auch Herders Tagebuch hat also eine Hybridfunktion, dessen spezifische Modernität noch für heutige Diaristen als intertextueller Bezugspunkt dienen kann. Dort sind nicht nur die unterschiedlichen Diskurssysteme von Historie, Literatur oder Philosophie verflochten, sondern wird geologisches und polyhistorisches, vorab aber anthropologisches Wissen aufgebaut, das zugleich als Medium der Selbsterfahrung fungiert.252 Ein programmatischer Vorsatz wird dahingehend formuliert, „Menschenkenntnisse“ zu einem Journal zu bündeln, „die ich täglich aus meinem Leben, und derer, die ich aus Schriften sammle“.253 Hilfestellung soll dazu die „beständige Lektüre von Menschheitsschriften“254 geben, die allgemein zu einer anthropologischen Enzyklopädie und praktisch zu einem Jahrbuch der Schriften für die Menschheit für ein breites Lesepublikum gebündelt werden sollen, und gestützt wird dies durch ein Metaphernverständnis der Seele, die Herder mit ihren Abgründen sieht „wie ein ungeheures Weltmeer, das auch selbst bei seiner stillen Zeit voll Fluten scheint“.255

Möglichkeitsgewinn: das Archiv der Anthropologie

Mit dem Journal gibt Herder ein euphorisches Muster für die Arbeit an „Archiven des Menschlichen Geschlechts“256 und stellt damit in der ←102 | 103→scientia-generalis-Tradition des 17. Jahrhunderts ein Schreibrezept aus, das er in der Schreibweise deutlich subjektiv-empfindsam pointiert. Wenn Herder „in der Geschichte aller Zeiten Data sammeln“ will,257 meint er ‚Data‘ weniger in der später gebräuchlichen statistischen Bedeutung eines auszuwertenden Materials, sondern mehr im Sinne von praktischen, sinnfälligen Beispielen oder Fakta, die durch Erzählungen oder Bilder zu Lehrinhalten werden. Die derart gesammelten „Data nach Datis“258 werden an den Imperativ geknüpft, überhaupt aufgeschrieben zu werden, angelegt sind sie durchaus unsystematisch, und erst aus der Materialfülle stiften sie die Kategorien. Im Idealfall sollen alle Schreiber zum Gesamtwissen beitragen, wenn sie denn Innovatives hinzufügen können – hier ist Herder nicht nur optimistisch, sondern enthusiastisch.

Die spezifische Modernität von Herders Reisetagebuch, die auch für heutige Diaristen noch als intertextueller Bezugspunkt von Belang sein kann, liegt zweifellos in seiner Multifunktionalität. Zwar knüpft das Tagebuch noch lose an die pietistische Tradition an, doch ist Gott kaum mehr adressiert, wenn er buchstabiert wird. Es werden dabei nicht nur die unterschiedlichen Diskurssysteme von Historie bzw. Polygraphie, Literatur oder Philosophie verflochten. Dass vielmehr ästhetische Anteile einen weiten Raum im Journal einnehmen, ist für diese noch nicht ausdifferenzierte Tagebuchform ebenso kennzeichnend wie seine epistemologischen Fragen des Wissens- und Datensammelns. Damit verknüpft ist wiederum ein breites Spektrum bildungstheoretischer und -praktischer Fragen.

Die Tagebuchrhetorik liefert das Fundament für bildungspolitische Ideen, das Journal wird zum Ort politischer oder kultureller Stellungnahmen bis hin zu kontinentalen wirtschaftlichen Überlegungen. All dies wird mit dem Einsatz persönlicher Glaubwürdigkeit testiert. Denn der Perspektivwechsel vom Schiff auf den Himmel gibt zwar den Blick frei und entgrenzt ihn aus den bekannten Gleisen. Aber das Naturerhabene wird zum Anlass für Herder und zum Signal für seine Leser, die Räume des Wissens in sich selbst zu entdecken. Der Blick auf die Meereslandschaft wird gleichsam auf sich selbst zurückgebogen – es erscheint dann eine epistemologische Wasser- und ←103 | 104→Himmelswelt, die angesichts eines undefinierbaren Horizonts für den Autor umso mehr zur Projektionsfläche wird, um das Angelernte zu sortieren und neue Wissensgebäude auftauchen zu lassen. An die Tradition des Bekenntnisses knüpft Herder auf durchaus parasitäre Weise an – eben nicht mit dem Motiv, irgendwie Abträgliches, Sündhaftes oder Verfehlungen zu bekennen, sondern um seine bildungspolitischen Ideen zu beglaubigen.

Jenseits der Anthropologie sollen nämlich die alten Wissenschaften in neuer Kombination eine „Universalgeschichte der Bildung der Welt“ eröffnen,259 die Herder euphorisch fordert, um damit ein Programm der vielen Bildungsprogramme zu schreiben, auf die sich die Spätaufklärung stützen wird und aus denen nach 1800 Curricula und Lehrpläne erwachsen. Auch dies wird im extremen Sprachgestus mit Interjektionen und Einwortsätzen vorgetragen:

„Und das wäre erst der Ursprung! Nun die Züge! Die Origines Griechenlands, aus Egypten, oder Phönicien? Hetruriens, aus Egypten oder Phönicien, oder Griechenland? […] Welch ein Werk über das menschliche Geschlecht! den Menschlichen Geist! die Kultur der Erde! aller Räume! Zeiten! Völker! Kräfte! Mischungen! Gestalten! Asiatische Religion! und Chronologie und Polizei und Philosophie! Aegyptische Kunst und Philosophie und Polizei! Phönicische Arithmetik und Sprache und Luxus! Griechisches Alles! Römisches Alles!“260

Ein Gebot der Bildung ist dabei auch die Selbstentfernung des Ich, das sich selber fremd werden soll, um schließlich durch Ausweitung der mannigfachen Gesichtspunkte zu einem Hyper-Ich zu gelangen – der Autor wirft sich zum Exemplum der Menschheit auf, insofern die eigene Bildungsreise von anderen nachvollzogen werden und damit universale Geltung erlangen kann. Hegel wird dies in seiner Phänomenologie des Geistes (1807) im Dreischritt vom An-sich-Sein und Selbstentfernung im Durchlauf durch ein Anderes zum erweiterten An-und-für-sich-Sein denken, dort allerdings als Geschichtsmodell allgemeiner Menschenbildung und kaum bildungspraktisch orientiert. Dagegen zielt Herders Ambition deutlich auf ein Bildungsprogramm mit Curriculum und Selbstdisziplin: Ohne Bibliothekswissen zählt das Ich nichts, und es unterliegt einer Steigerungssemantik des proliferierenden Wissens, die enge Verwandtschaft zur aufklärerischen Pädagogik ←104 | 105→erkennen lässt. Der ehrgeizige Plan eines Gesamttagebuchwerks soll nun den Schreiber zum Leser und wieder zum Schreiber machen: Schreib- und Lesetätigkeiten sollen fortgeführt werden, um technisch-ökonomische Rationalität zum kompetenten Aufbau von Vernetzungswegen des Wissens zu nutzen. Wenn hier epistemologische Fragen des Wissens- und Datensammelns mit einem breiten Spektrum bildungstheoretischer und -praktischer Fragen verknüpft werden, zeigt sich darin eine Leibniz-Referenz, bei der die kombinatorische Seite der Wissenschaften das Vorbildmuster für die Tagebuchnotiz abgibt. Damit wiederum wird Leibniz in den Sturm und Drang hinein aktualisiert und jenen neuen, proliferierenden Wissenschaften verfügbar gemacht, die sich ab etwa 1770 ausdifferenzieren und eigene Systemlogiken entwerfen.

Dass sich der in den zitierten Wissenschaften nicht genuin ausgewiesene Dichter aber auch poetischer Topiken bedient, zeigt eine gewisse äußerliche Verfügbarkeit. Zwischen den Bibliotheken von Riga und Nantes entfaltet sich nämlich eine hochgelehrte Reise – und zwar eine inszenierte, wie sich im Gebrauch verschiedener Topoi zeigt: Herders Schiff „kreuzt innerhalb des topischen Arrangements zwischen ‚totem Buchstaben‘ und ‚lebendigem Geist‘ “,261 was aber der Forderung nach unmittelbarem sinnlichen Erleben durchaus entgegensteht. Erlebnisqualitäten liegen im Motiv der Neugier, des Staunens und des Augenaufreißens, womit die Wissensarbeit als subjektives Abenteuer gekennzeichnet werden soll.262

Auch das Metaphernfeld des Nautischen ist aber topisch versichert, und Herder bedient sich dieses rhetorischen Arsenals ausführlich. Die Neugier/curiositas wird mit der Lebensschiffsemantik ebenso verbunden wie mit dem Fruchtbarkeitsmotiv des Meeres, und ebenso fungiert das Schiff als ←105 | 106→Metapher einer Regierungsform: Bereits in der römischen Dichtung, so zeigen Wegmann und Bickenbach in ihrem rhetorisch-epistemologischen Ansatz, bedeutet die Schiffsfahrt das Abfassen eines literarischen oder philosophischen Werkes mit Setzen des Segels usw. – der Dichter wird zum Schiffer, der das Textmeer durchkreuzt und durch Anschlussstellen navigiert. Die Legitimation für das eilige, das beschleunigte Philosophieren sehen Wegmann und Bickenbach nun in einer weiteren rhetorischen Technik: der percursio, der Aufzählung ohne weiterhin nötige Explikation.

Damit lässt sich in den Schulplänen Herders eine Entsprechung zum cursorischen Prinzip der Schnelligkeit bzw. der Sylvae-Tradition (‚Cursus‘) sehen und ein „Zwang zur Pluralisierung“ schon in der bloßen Anzahl der Fächer konstatieren, erst recht in der Fülle des Wissensstoffes der einzelnen Fächer, woraus sich die schlichte Alternative zwischen handfester Überforderung der Schüler oder einer eingebauten Mechanik des Vergessens ergibt.263 Ausführlicher wäre zu zeigen, dass die Wissenspotenzierung, die Herder als Projekt fasst, schulpraktisch fehlgeschlagen ist und auch im Sinne eines Universaldatenbuches der Menschheit unabschließbares Projekt bleiben muss. Bereits Herders Text ist eigentlich eine riesige Summation von Namen und Begriffen, kein substantielles Wissen, nur Apostrophe – die Kombination der Nomina fertigt kein Wissensgebäude, sondern liefert bloß dessen Gerüst.

Das flüchtige Durcheilen des Materials ersetzt jedenfalls hier das gründliche Durcharbeiten, die systematisierende Reflexion wird vom Esprit mit gelegentlichen Unkorrektheiten überlaufen, wozu Fehlertoleranz nötig ist – dafür bietet die Gattung der Sylvae, von Herder in den Kritischen Wäldchen apostrophiert, hier wiederum ein traditionelles Muster, das der Rechtfertigung dient. Eine solche – formal abgesicherte – Spontanschrift steht am Beginn der neuen Wissensordnung, die zwar insgesamt als Fortsetzung des Leibnizschen Projekts gesehen werden kann, jedoch nicht auf Systematik und Berechenbarkeiten zielt, sondern subjektiv ersonnenes Daten-, Namen- und Begriffsgestöber aufbietet. Dies ist typografisch nicht in Spaltentechnik sortiert, sondern zeigt sich in einer in den Satzablauf integrierten und durch Ausrufezeichen oder Doppelpunkte geschiedenen Listenform. In der ←106 | 107→expressiven Gestalt ist auch ein Ausdruck des Naturgedankens von Sprache zu sehen: Wissen, das nicht bloß toter Buchstabe sein will, soll sich naturnah artikulieren und von gedrechselter Grammatik frei sein. Dieser Anspruch schließt nicht aus, dass Topiken etwa des Sturm und Drang in Anspruch genommen werden, um Individualität zu inszenieren, vielmehr sind sie gerade auch eine notwendige Rahmung des Aufbruchs.264 Es fügt sich in die anthropologische Leitperspektive des ‚ganzen Menschen‘, dass poetisch-ästhetische Anteile einen weiten Raum im Wissensmeer des Journals einnehmen, die sich stilistisch jeder Kohärenz widersetzen. Bedeutsam ist diese Spontaneität aber insofern, als Herder im Namen einer originalschaffenden Subjektivität die kollektive sowie Sachkentnisse optimieren wollende Wissenssammlung der d’Alembert/Diderotschen Enzyklopädie kritisiert und, dem Genie-Diskurs des Sturm und Drang gemäß, das Recht der „Originalwerke“ oder des „Originellen“ einklagt.265

Gegen das puristisch rationale Modell, gegen die einseitige Vernunftwahrheit des cartesianischen cogito wird eine Semantik des Dunklen, Feuchten als cognitio confusa aufgeboten,266 die im Motiv des Meeres bzw. der terra incognita gipfelt. Im Sprachgestus werden die Data der Sinnesereignisse angedeutet, um damit ein Imaginarium zu bilden, das Wissenschaft verlebendigt und Muster der Naturerfahrung bildet. Die Wissenssammlung bzw. Ausbildung von Logik als „ExperimentalSeelenlehre der obern Kräfte“,267 mit der Herder die Begrifflichkeit der aufklärerischen Tradition Wolffs nutzt, wird durch die Spontaneität des Stils nicht dementiert, sondern komplementär ergänzt.

Das Thema der Sinneserkenntnis, das Herder auch in Baumgartens Denkmal pointiert, wird leitend für die Tätigkeit der Selbstwahrnehmung, wenn Ästhetik als „Lehre des Gefühls“ und der Seelenkräfte definiert wird und Herder ganz im Sinne der seelisch-somatischen ganzheitlichen Optimierung schreibt: „der Grundsatz aber: Spüre der sinnlichen Vollkommenheit nach, versammelt gleichsam die Strahlen der ganzen Natur in meine Seele, und ist nichts als die Anwendung jenes Orakels: O Mensch! lerne dich selbst kennen.“268 Die anthropologische Perspektive ist dann auch eine anthropozentrische, verbunden mit dem Anspruch der sinnlich-ästhetischen Selbsterfahrung des Menschen, die Herder fortwährend im Auge behält. Damit knüpft er an den seit den 1730er Jahren florierenden Gedanken der Anthropodizee an, die – namentlich aus dem England des Alexander Pope kommend – die Theodizee zu verdrängen beginnt und den selbstbewussten, sich durch Wissen konstituierenden Menschen in dem epochalen, philosophisch-lyrischen Essay on Man (1734) ins Zentrum rückt. Im Durchgang durch die Wissenswelten, die freilich mit vergrößertem Wissen auch immer deutlicher ihre Lückenhaftigkeit zeigen, soll der sich bildende Mensch sein Fundament bauen. Herders Journal bietet in seiner riesigen Summation von Namen und Begriffen kaum Substanzenwissen, sondern vor allem ein Modell der Kombination von Wissensgebieten. Damit soll ein modus operandi zur Wissensaneignung durch ein Subjekt gegeben werden in einer Zeit, als sich Wissenschaften auf ein für die Zeitgenossen unüberschaubares Spektrum verteilen.269

Insofern ist das Journal vor allem eine ehrgeizige, experimentelle Skizze und fungiert es letztlich doch nicht als durchsichtiges, authentisches Selbstdarstellungsmedium, sondern als Möglichkeitshorizont, als „Matrix imaginärer Ich-Entwürfe“.270 Wegweisend ist jedoch die Verknüpfung von personaler Identitätsbildung und Wissen, die zunächst von einem protestantisch-arbeitsethischen Hintergrund ausgeht.271 Wenn Leibniz’ scientia ←108 | 109→universalis durch Herder empfindsam-subjektivistisch fortgeführt wird, setzen die preußischen Bildungs- und Universitätsprogramme dies um 1810 in hochschulpolitische Wirklichkeit um. Erst die Dateningenieure des 20. Jahrhunderts werden dann die technisch-informatische Realisation des Wissensprojektes ermöglichen, das in der Datensammlung ebenso Wissenschaftsbeförderung wie auch eine Optimierungsmöglichkeit des Individuums sieht.

247 Dazu ausführlich Koschorke: Körperströme und Schriftverkehr (1999).

248 Herder: Journal 1769, Werke 9/2, S. 14 f.

249 Herder: Journal 1769, 9/2, S. 14 f.

250 Herder: Journal 1769, 9/2, S. 32.

251 Vgl. Barbara Thums: Aufmerksamkeit: Wahrnehmung und Selbstbegründung von Brockes bis Nietzsche (2008).

252 Vgl. Birgit Nübel: Autobiographische Kommunikationsmedien um 1800 (1994).

253 Herder: Journal 1769, 9/2, S. 32 f.

254 Herder: Journal 1769, 9/2, S. 33.

255 Herder: Baumgartens Denkmal, Werke Bd. 1, S. 685.

256 Herder: Journal 1769, 9/2, S. 105.

257 Herder: Journal 1769, 9/2, S. 30.

258 Herder: Journal 1769, 9/2, S. 108.

259 Herder: Journal 1769, 9/2, S. 19.

260 Herder: Journal 1769, 9/2, S. 19.

261 Wegmann/Bickenbach: Herders Reisejournal, 1997, S. 402.

262 Angesichts des Meeres wie auch der unabsehbaren Wissensformen bekommt das Motiv des Schauders im Kontext des Erhabenen – auch ohne explizite Formulierung – eine doppelte Facettierung, die Kant in der Kritik der Urteilskraft pointiert hat: zum einen als dynamisch Erhabenes im Angesicht einer übermächtigen Natur, des weiteren als mathematisch Erhabenes, als Unausdenklichkeit einer Zahlengröße jenseits der sinnlichen Fassbarkeit, was die Sinne gegenüber dem unfasslichen Maß scheitern lässt. Dies entspricht der erhabenen Zahl der Sinnes- und Wissensdaten auf dem Schiff (vgl. Kant: Kritik der Urteilskraft §25, B 85f).

263 Wegmann/Bickenbach: Herders Reisejournal, 1997, S. 417.

264 Vgl. Steinmayr: Menschenwissen, 2006, S. 252 ff.

265 Herder: Journal 1769, 9/2, S. 78 bzw. 79; Diderot/d’Alembert hingegen brauchen eine organisierte „Gesellschaft von Gelehrten und Künstlern“, die „getrennt arbeiten, jeder auf seinem Gebiet“, um einem menschheitlichen Interesse zu dienen und ihre Fachkenntnisse zu objektivieren (so Diderot in seinem Stichwortartikel ‚Enzyklopädie‘; 1762 ff./2001, S. 69) – nur durch solche Arbeitsteiligkeit ist die Wissenssammlung optimierbar und führt ihrerseits zum „Vollkommensten, das die ganze Gattung schaffen kann“ (ebd., S. 72).

266 Vgl. Hans Adler: Die Prägnanz des Dunklen (1990).

267 Herder: Journal 1769, 9/2, S. 49.

268 Herder: Baumgartens Denkmal, Werke Bd. 1, S. 693 bzw. S. 688 (kursiv i.O.).

269 Vgl. Albrecht Koschorke: Wissenschaften des Arbiträren, 1999.

270 Christian Moser: Der „Traum der schreibenden Person von ihr selbst“ (1996), S. 39.

271 Der Gedanke an Perfektibilisierung ist bekanntlich in diesem Zusammenhang ubiquitär anzutreffen; stellvertretend für viele eine Äußerung Johann Joachim Spaldings, die dies auch mit der Semantik des Wachstums verbindet: „Ich spüre Fähigkeiten in mir, die eines Wachstums ins Unendliche fähig sind“ (2006, S. 21).