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Selbstoptimierung

Eine kritische Diskursgeschichte des Tagebuchs

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Ralph Köhnen

Lebenskunst hat Konjunktur: Offenbar ist der Traum, das Leben als Gesamtkunstwerk einzurichten, zur ethischen Maxime geworden. Beteiligt ist dabei seit der Antike das Motiv von Selbsterforschung bzw. Selbstbesserung, das über die Frühe Neuzeit bis in die Gegenwart wirksam geblieben ist. Tagebücher sind dabei ein notwendiges Begleitmedium gewesen und haben wechselhafte Formen angenommen, die von religiösen, wirtschaftlichen, psychologischen und medizinischen Aufschreibesystemen bestimmt worden sind. In diesem umfassenden mediologischen Sinn untersucht der Autor Programme der Selbstschrift und stellt diese an Beispielen dar, die sich von Pacioli über Pepys, Leibniz, Herder, Moritz, Goethe, Hebbel, Schmitt, Jünger oder Rainald Goetz bis in die Gegenwart der Social Media erstrecken.

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10. Staatlicher Aufzeichnungsterror 1900: Carl Schmitts Buribunken

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10. Staatlicher Aufzeichnungsterror 1900: Carl Schmitts Buribunken

„Sind wir verrückt, weil wir alles aufschreiben, oder schreiben wir alles auf, weil wir verrückt sind?“422

1900: Mediologische Skizzen

Manchmal entscheidet ein Buchstabe über eine Epochensignatur. Es ist ein vermeintlicher Schreibfehler in Robert Musils Tagebüchern, der das optimistische Cartesianische ‚cogito‘ ins Passiv dreht: Aufmerksamkeit bilde nämlich die „Wurzel aller cogitor ergo sum-Erkenntnistheorie“.423 Und Musil insistiert – die Zeitverfassung brauche eben die Passivform, womit sich der Ernst-Mach-Schüler als hellsichtiger Zeitanalytiker erweist, als der er sich in seinen Tagebüchern pointiert-knapp und im Mann ohne Eigenschaften in ausführlicher Weise betätigt. Während im 18. Jahrhundert religiöse, wissenschaftliche und zunehmend psychologisch-anthropologische Aspekte zum Programm der Selbstschrift gehören und diese damit auch auf einen übergeordneten staatlichen Zweck hin verpflichtet werden kann, entwickeln Psychotechniker sowie Psychologen jeglicher Couleur im 19. Jahrhundert neue Wege der Messbarkeit des Individuums und greifen damit auch in die Bedingungen für die Selbstschrift ein, die ihre Souveränität aufs äußerste bedroht.

Technisch markiert hier Edisons Phonograph von 1877 insofern eine Epochenschwelle, als er Realaufzeichnungen vornimmt und damit Speicher schafft, die bewegliche Daten erfassen können. Der Phonograph als Parlograph bzw. Stimmaufzeichner macht es möglich, dass die Stimme vom Sprecher abgelöst wird und diesen überlebt. Mit der Serienfotografie durch Muybridge oder Marey lassen sich seit 1878 Bewegungsabläufe festhalten und Sprechvorgänge in Einzelbilder zerlegen. Hermann von Helmholtz, der ←163 | 164→berühmteste Goethe-Schüler, der nicht nur die subjektive Seite der Wahrnehmung untersucht, sondern auch Nervenleitgeschwindigkeiten und Reflexe gemessen hat, hat damit jene Hartempirie vorweggenommen, die um 1900 dann besonders die Charcot-Schule der Pariser Salpêtrière weiterentwickelt. Mit den dortigen Praktiken wird ein Beobachtungsapparat aufgebaut, der „alles erspäht, organisiert, provoziert, notiert“ und nun als „Anreizungs-Maschinerie“ für neuen Datengewinn funktioniert.424

Reaktionen der Probanden zeichnet man dort in vielen Varianten auf. Jean-Martin Charcot befestigt zum Beispiel lange Federn am Kopf seiner Versuchspersonen, um kleinste, mit bloßem Auge nicht sichtbare Ausschläge registrieren zu können – die Bewegungen bzw. Reflexe von Tic-, Chorea- oder sonstigen Patienten werden sodann in einer Trommelapparatur mit graphischen Linien notiert, damit sie als Analyse- oder Beweismaterial erhalten bleiben.425 Für Charcot baut Albert Londe 1883 in Anlehnung an Muybridge eine Serienkamera, mit der man dann Hysterikerinnen traktiert und ihre Tänze aufzeichnet. Diese Bewegungen werden dann zu Idealformationen, die nicht nur Charcot von seinen Patientinnen geradezu einfordert – sie bilden vielmehr das Arsenal für die Choreografien des Ausdruckstanzes um 1900. Die anthropometrischen Vermessungen, die Alphonse Bertillon in den 1880er Jahren vorgenommen hat, sind zunächst analytisch orientiert: Körperteile werden kartiert oder Gesichtspartien fotografisch serialisiert, sodann werden Merkmalskombinationen in einer Buchstabenformel zusammengefasst, woraus gewaltige Archive entstehen.426 Francis Galton stellt dann aus Gesichtsfotografien Kompositbilder zusammen, synthetisiert also Einzelansichten, um mimische Typen und deren physiologische Mittelwerte zu gewinnen.427 Und auf das Sprechen angewandt hat der Charcot-Schüler Georges Demeny die Serienfotografie, wenn er 1891 seine eigene Rede fotografiert, um damit optische und motorische Daten des Sprechens ←164 | 165→zu gewinnen. Akustische und optische Speichermedien zerstückeln Bewegungsabläufe, bei denen das Subjekt ganz uninteressant ist, vielmehr seine Bewegungswerte analysierbar werden sollen. Bewegungs- und Äußerungsformen des Menschen werden zum Gegenstand, sein Körper wird zwischen innerer Seelenspannung und Außenweltreizen in den Apparaten justiert.

Um 1900 haben die Techniken der Schrift- und Menschenaufzeichnung nicht nur eine andere Gestalt, sondern erhalten damit auch eine neue Qualität. Dass bereits die körperanaloge Handschrift etwas aussagt und man daran Spuren- und Symptomlese betreiben kann, hat Gaderer an der psychiatrischen Praxis von 1900 gezeigt. Dort wird in der schon längeren Tradition der bürokratischen Abweichler-Überwachung an graphologischen Merkmalen ein Abdruck des querulatorischen Wahnsinns genommen, um diesen zur diagnostischen Abgrenzung zu nutzen und mit den Aufzeichnungen Archive zu schaffen, die sich im „Anschwellen der Akten“ Eigengeltung verschaffen.428 Aber auch die Hand lässt sich automatisieren. Nietzsches viel zitierte Schreibmaschinenerfahrungen, die zeigen, dass die Schreibwerkzeuge die Gedanken beeinflussen,429 nehmen sich noch recht harmlos aus. Wenn mit der Schreibmaschine nicht nur das Geschriebene dem Druckbild angenähert wird, sondern auch der graphomotorische Impuls der Tippfinger in standardisierte Zeichen übersetzt wird, so haben Grammofon, Serienfotografie und Film, Telefon und Rotationsdruck noch um vieles mehr in die Wahrnehmung eingegriffen, erst recht diejenigen elektrischen Aufzeichnungsapparate, die der empirischen Psychologie nun ganz anders zu Gebote stehen als noch Karl Philipp Moritz, dessen Arbeit auf Erzählungen und deren (wie auch immer kreativer) manueller Niederschrift basierte.

Wenn Sprachäußerungen nicht nur notiert, sondern auch phonographisch aufgezeichnet werden, können semantische Zusammenhänge ganz uninteressant werden – Rilkes Malte widerfährt dies in der Salpêtrière, wo Sprache eben nicht mehr als Seelenäußerung oder Bedeutungsträger behandelt wird, sondern nur als Reiz-Reaktionsvehikel eines Probanden, dessen Daten elektrisch erzeugt und prozessiert werden.430 In den Maschinen wird der Proband isoliert vom Sinn seiner Sprache, die experimentell ←165 | 166→in Statistik aufgelöst wird, und wenn derart die Silben zu elektronischen Größen werden und einzig ihre Quantität als Reizeffekt zählt, ist es nur konsequent, dass Autoren die Signifikationsverhältnisse der Schriftsprache als problematisch empfinden – die Sprachskepsis um 1900 ist zweifellos auch hiervon inspiriert. Durch Notationen von verbalen Äußerungen werden Sprechzusammenhänge in Elemente zertrümmert, aber auch Wahrnehmungsbilder kommen in Zerlegungsmaschinerien: Das Tachistoskop zum Beispiel, das die Geschwindigkeit von Reizreaktionen aufzeichnet, bringt die perzeptiven Einheiten in neue Datenkontexte. All dies ist wieder in Kontexten von Verwaltung und Bürokratie zu sehen: Insofern um 1900 verstärkt politisch-administrative Anstrengungen unternommen werden, die ‚Masse Mensch‘ (so bekanntlich das Selbstverständnis der Expressionisten) zu lenken, nehmen die Aufschreibesysteme eine politische Dynamik an.

Der Übersprung ins Kollektive liegt dann nahe, wenn statistische Systeme optimiert werden und mit den fortgeschrittenen technischen Registriersystemen 1889 auch Holleriths Lochkartenmaschine in Verwendung kommt. Mit dieser Vorahnung des digitalen Zählverfahrens wird das Prinzip der systematischen Zergliederung auf demographisches Datenmaterial angewendet: Gearbeitet wird dabei mit Zählblättchen, die durch simple gestanzte Löcher einen Stromkreis identifizieren als ‚geschlossen‘ oder ‚nicht geschlossen‘, um dies in ‚ja‘ oder ‚nein‘ zu übersetzen, was später zum 0–1-Prinzip der Informatiker wird. Durch solche Reduktion der Zeichenwelt in Elemente und ihre Verknüpfungen zum Datenfeld wird ein simpler binärer Code genutzt, mit dem massenhaft Einzelergebnisse produziert werden, die wiederum in weitreichenden Zusammenhängen genutzt werden können.

Es werden damit die frühaufklärerischen Entwürfe der Leibnizschen Staatstafeln oder des Lichtenbergschen Staatskalenders aktiviert – allerdings in ihrer hässlichen Seite. Eine Ahnung des Konfliktes zwischen Herzensschrift und Zählwerk um die Jahrhundertwende lässt sich durch Robert Walsers Romantagebuch Jakob van Gunten gewinnen, das nicht nur ein Plädoyer für das Spielerische, sondern geradezu für die Verschwendung, für die Abschweifung darstellt. Im Benjamenta-Erziehungsinstitut sei aber der Zögling eine „gute runde Null“, aus der „eine reizende, kugelrunde Null im späteren Leben“ werden kann. Darin äußert sich Satire und Klage zugleich, die in Begriffe der Statistik gefasst wird: „Und wenn ich zerschelle und verderbe, was bricht und verdirbt dann? Eine Null. Ich einzelner Mensch bin ←166 | 167→nur eine Null.“431 Der Krisenzustand ist mit der Nullziffer gleichsam in sich abgerundet, womit auch die Nützlichkeitsverweigerung gegründet wird.

Absurde Permanentschrift: Die Buribunken

Es sind all diese Bedingungen, die auch für die Diaristik neue Akzente ermöglichen – oder sie ihr aufnötigen. Wenn dort im 19. Jahrhundert noch Herzensschrift und Selbstverständigung dominieren, werden Automatisierungen von Schrift um 1900 mitsamt ihren psychotechnischen Bedingungen wirksam, als nämlich die Schreibmaschine zum wegweisenden Instrument wird, das in diskreten Lettern das Geschriebene nicht nur dem Druckbild annähert, sondern die Wirkung der Tippfinger in standardisierte Zeichen übersetzt. Nicht zwangsläufig wird dadurch das Tagebuch zum Automatenmedium. Doch wird mittels des zusätzlichen Formregisters ein Modell denkbar, das Carl Schmitt 1918 in Reaktion auf expansive Aufzeichnungstechniken in einem beißend-ironischen Pamphlet formuliert hat, welches den Staatsbürger als Schriftproduzenten zeigt. Es geht um einen fiktiven Buribunkenstaat, der Folgendes als erste Bürgerpflicht setzt:

„Jeder Buribunke und jede Buribunkin ist verpflichtet, für jede Sekunde ihres Daseins Tagebuch zu führen. Die Tagebücher werden mit einer Kopie täglich abgeliefert und kommunalverbandweise vereinigt. Die gleichzeitig vorgenommene Sichtung erfolgt sowohl nach Art eines Sachregisters wie nach dem Personalprinzip.“432

Der konsequente Selbstschreiber wird angehalten, zu seinen Lebensvollzügen simultan noch ein Schriftdoppel aufzuzeichnen. Der Buribunke ist gleichsam Kopfflaneur, denn nichts Erlebtes schreibt er auf, vielmehr hat das einzelne Erlebnis seine Rechtfertigung allein in der Schriftdokumentation und ihrer Publikation, ja es wird überhaupt nur erlebt, um Daten zu gewinnen. Es beginnt die lange Geschichte der instantanen Selbstschrift: Mit der endlosen Druckspur des Ich weiß der Schreibende sich „in jedem Augenblick seines bewegten Lebens“ im Zentrum der Gesellschaft, nämlich „Auge in Auge mit der Geschichtsschreibung oder der Presse, mitten in den nervenpeitschenden Ereignissen kurbelt er mit kühler ←167 | 168→Gelassenheit die wechselnden Filmbilder in sein Tagebuch, um sie der Geschichte einzuverleiben“.433 Möglich ist das eigentlich nicht – denn die Simultaneität erlebter Ereignisse ist mit Schrift nicht in den Griff zu bekommen, woraus auch der satirische Effekt des ‚Buribunken‘-Textes resultiert. Praktiziert werden soll jedenfalls ein Panoptismus, den der Schreibende eilfertig umzusetzen hat – das wachhabende Auge wird auch hier durch das Aufschreiben derart internalisiert, dass der Buribunke ohne tatsächliche Kontrolle diese Instanz in sich spürt und zum noch effektiveren, besseren, staatstragend handelnden Subjekt wird. Die einstmalige Herzensschrift des Selbstbetrachters zieht sich nunmehr in die Anonymität der schlichten (Sprech-) Handlungsaufzeichnung zurück. Das moderne Subjekt ist belanglos und anonym, aber als Datenlieferant bedeutsam, es verschwindet in Statistiken, Stilen und Sprachmaschinen und verbirgt sich hinter ihnen.434 Greifen diese Bedingungen, verwandelt sich das bekennende Ich des 18. Jahrhunderts zum Schreibautomaten, der seine Innerlichkeit neutralisiert.

Damit lässt sich der Schreibende nicht nur täglich in den Akten begraben, sondern auch nach Sachgebieten rubrizieren. Intention ist die Zusammenfassung der „Eintragungen erotischer, dämonischer, politischer und so weiter Natur“, Ziel ist aber auch, dass die Verfasser „distriktweise katalogisiert“ werden, um dann per Zettelkatalog „die jeweils interessierenden Verhältnisse der einzelnen Personen zu ermitteln“.435 So mögen den Psychopathologen die Träume der Pubertierenden interessieren, die Historiker wiederum halten Geschichten der Psychopathologen fest und werden wiederum in aufsteigender Hierarchie von den Politikern bis zum Chef des Buribunkendepartements beobachtet.

Im Besitz der Daten ist der Buribunkenstaat stark genug, Meinungsäußerung zu fördern oder gar grundlegende Kritik zu tolerieren – noch die Schreibverweigerung soll aufgeschrieben werden, und alles ist gut, solange eben nur geschrieben wird. Wer aber in dieser totalen Schreibgesellschaft das Schreiben unterlässt, wird zu rein mechanischen Tätigkeiten gezwungen – eine Auslese, die auf einer gesellschaftlichen Ebene verdoppelt wird ←168 | 169→durch den „geistigen Kampf der Tagebücher“, die auch zur Evolutionsbeschleunigung eingesetzt werden, wenn die Höherentwicklung sogar dem Buribunkenfötus ermöglichen soll, Tagebuch zu führen.436 Fast prophetisch für heutige Publikationspraktiken und Kämpfe um Einschaltquoten klingen die Sätze über den Mitschreibverweigerer, der schließlich seiner Präsenz beraubt wird und in der „Selektion der Bessern“ – das heißt der Schreibenden – untergeht: „Da er nicht mehr schreibt, kann er sich gegen etwaige Unrichtigkeiten, die seine Person betreffen, nicht mehr wehren, er bleibt nicht mehr auf dem Laufenden, er verschwindet schließlich von der Bildfläche der Monatsberichte und ist nicht mehr vorhanden.“437 Das wäre dann der eigentliche Skandal – der Rückzug aus der schreibenden Öffentlichkeit bei gleichzeitigem Verlust jeglicher Aufmerksamkeit. Vielleicht liegt darin nicht nur Prophetie – hier zutreffend genug –, sondern bereits eine zeitgenössisch zutreffende Diagnose, die auf die Bürokratieforschung bezogen werden kann.

Hingegen sollen Denken, Reden, Schreiben und Publizieren in fortlaufender Kette dem Ich ermöglichen, über sich selbst zu schreiben – noch die leere Schreibgeste würde dazu gerechnet, wenn das Subjekt nur einfach aufschriebe, dass gerade nichts zu schreiben sei.438 Darin liege seine Chance einer allseitigen Teilhabe, einer Entindividuation und der Entgrenzung in die geschichtliche Weite:

„Ich bin also ein Buchstabe auf der Schreibmaschine der Geschichte. Ich bin ein Buchstabe, der sich selbst schreibt. Ich schreibe aber strenggenommen nicht, daß ich mich selbst schreibe, sondern nur den Buchstaben, der ich bin. Aber in mir erfaßt, schreibend, der Weltgeist sich selbst […] In jeder Sekunde der Weltgeschichte schnellen unter den schnellen Fingern des Welt-Ichs die Buchstaben von ←169 | 170→der Tastatur der Schreibmaschine auf das weiße Papier und setzen die historische Erzählung fort.“439

Schrift- und Datenproduktion geht über alles: In bissiger Manier werden die vormaligen aufklärerischen Arbeiten des Selbstschreibers am Wissensarchiv der Welt kommentiert und in ihren Folgen ad absurdum geführt – einschließlich des Hegelschen Weltgeistes, dem hier die Rolle des Weltschreibmaschinenvereinsvorsitzenden zugedacht wird. Mit allem Willen zur Macht vitalistisch aufgeladen, erzwingt er in der Schrift die Zusammenkunft der Zeitstufen: Jede aufgeschriebene Sekunde verschlingt die Zukunft und konsumiert die Vergangenheit, der durch das millionenfache individuelle Aufschreiben überhaupt erst Sinn zugebilligt wird.

Dass es sich nun nicht nur um eine Groteske handelt, sondern auch andere Tagebuchschreiber davon affiziert sind, mag eine Notiz von Kafka zeigen, die ganz offenbar unter dem Eindruck einer staatlichen Verwaltungsmaschine entstanden ist und den Hang zur unbedingten Selbstbeobachtung zeigt: „Unentrinnbare Verpflichtung zur Selbstbeobachtung. Werde ich von jemandem andern beobachtet, muss ich mich natürlich auch beobachten, werde ich von niemandem sonst beobachtet, muss ich mich umso genauer beobachten.“440 Einer solchen Selbstschrift ist alles Behaglich-Kontemplative abhanden gekommen. Sie ist zur Geste geworden, ja zum Reflex, in dem die Selbstbeobachtung etwas Mechanisches und Ultimatives bekommt. Seelenvolle Innerlichkeit ist dabei verzichtbar, wie überhaupt die Substanz des Geschriebenen in den Hintergrund tritt.

Desillusioniert wird bei Schmitt denn auch das aufklärerische Bestreben nach individueller Autonomie: „Wir durchschauen die Illusion der Einzigkeit. Wir sind die von der Hand des schreibenden Weltgeistes geschnellten Buchstaben und geben uns mit dieser schreibenden Macht mit Bewußtsein hin. Darin erblicken wir die wahre Freiheit.“441 Einzig der Schluss des Pamphlets lässt ein selbstpoetisches Schlupfloch offen, wenn dort dem ←170 | 171→Schreibenden die Perspektive gestattet wird, durch die Zeitmitschrift die Rolle des patiens durch die Geste des actors zu überschreiten: „ohne aufzuhören geschrieben zu werden – setzen wir uns dennoch gleichzeitig als Schreibende. So überlisten wir die List der Weltgeschichte. Indem wir sie schrieben, während sie uns schreibt.“442 Genau in dieser Illusion aber liegt die Wirkung der Buribunkologie – im Totalitarismus, der alle Kräfte des Individuums aufbraucht und es zum puren Interessenobjekt ihrer Forschungsabsichten degradiert, ebenso wie in der Technik, die dazu eingesetzt wird. Diese ist nicht an sich übel, vielmehr sei es, wie Schmitt in seinem Begriff des Politischen später ausführt, die zugrunde liegende „Überzeugung einer aktivistischen Metaphysik, der Glaube an eine grenzenlose Macht und Herrschaft des Menschen über die Natur, sogar über die menschliche Physis“, die die Entpersonalisierung „satanisch“ vorantreibe.443

Mit alldem wird die technische Realität der Realaufzeichnungsmedien (Grammofon, Serienfotografie und Film) oder der Schriftproduktion (Schreibmaschine, Rotationsdruck) zu einem mächtigen Wirkungszusammenhang verbunden. Und kein Zweifel kann darüber bestehen, dass die Reflexsammelwut der experimentellen Psychologie ebenso Pate für die Schreibpraxis der Buribunken geworden ist wie das psychiatrische Aufschreibesystem mit seinen Exzessen von Protokollführung und Speicherung.444 Solcherart wird das Sammeln von Patientenäußerungen zum Selbstzweck, der aber nicht nur eigendynamisch wirkt, sondern auch die Referenz für therapeutische Wissensanwendung bildet. Der andere Weg führt in das Literatursystem, wenn die Surrealisten mit André Breton die écriture automatique zum literarischen Programm erheben und die schiere Quantität der mit freien Assoziationen bedeckten Blätter als Tagwerk bemessen – 50 Seiten sollen das Pensum sein, das unter Ausschaltung der Gedankenkontrolle am Tag zu schaffen wäre. Während bei Freuds Assoziationstechnik (im Unterschied auch zur Datensammlung der empirischen Psychologie) die Hermeneutik des Patiententextes im Vordergrund steht, ist dagegen die surrealistische Schreibweise vor allem am ‚Flow‘ des Prozesses interessiert, womit dann Phantasiegestalten, mehrwertige Bilder und ←171 | 172→insgesamt Bewusstseinsströme produziert werden. Auch diese Schreibenden gehen in einem Kollektiv auf. So lobt Breton 1924 im Ersten Manifest die Angehörigen des surrealistischen Vereins, dessen Autoren zu Stimmempfängern von Surrealismus-Vorläufern werden, insofern man sich zu „bescheidenen Registriermaschinen“ gemacht habe, welche einer womöglich „noch größeren Sache“ dienen.445 Geht aber die Absicht der Surrealisten dahin, auf den Automatismus des Inneren zu hören und den romantischen Traum zu verfolgen, in der Geschwindigkeit des Denkens zu schreiben, so zielt die Mechanik der Buribunken auf Lebensvollzüge, Handlungen oder Sprachkontakte.

Unter diesen Bedingungen wird der Mensch selbst zum Medium: In der Kontrolle von Reflexen und deren Rhythmisierung soll seine Leistungsfähigkeit optimiert werden. Ähnlich funktioniert der Buribunkenstaat als totale Koordination des Wissens und Erlebens seiner Mitglieder oder Insassen – und erfüllt darin die zynische Seite aller Steigerungslogiken der Neuzeit. Der Tribalismus der Buribunken ist zwar nicht völlig neu: Bereits im Herrnhuter Archiv wurden im Laufe des 18. Jahrhunderts an die 20000 Einzelschriften gesammelt. Nun aber kann sich unter fortgeschrittenen technischen Bedingungen die Registrierwut verselbstständigen, weil die Speichermedien es hergeben. Darin liegt der kultur-, zeit und modernitätskritische Hauptangriffspunkt Schmitts und dessen Diagnose einer Individualitätszersetzung durch den gesellschaftlichen Motor, der den Einzelnen vernichte, ohne dass dieser seine Aufhebung fühle:

„Dies Zeitalter hat sich selbst als das kapitalistische, mechanistische, relativistische bezeichnet, als das Zeitalter des Verkehrs, der Technik, der Organisation. In der Tat scheint der ‚Betrieb‘ ihm die Signatur gegeben zu haben, der Betrieb als das großartige funktionierende Mittel zu irgendeinem kläglichen oder sinnlosen Zweck, die universelle Vordringlichkeit des Mittels vor dem Zweck, der Betrieb, der den Einzelnen so vernichtet, daß er seine Aufhebung nicht einmal fühlte.“446

In der Konstellation der Buribunken wird bereits jene klare Frontstellung von Freund und Feind erkennbar, auf der Schmitt später den Begriff des Politischen basieren wird. Dort allerdings geht der Staatsrechtler einen fatalen Schritt weiter, indem er die satirische Diagnose hinter sich lässt und dem politischen Treiben einen vitalistisch-agonalen Sinn zuschreibt.447 Nicht nur fällt Schmitt damit hinter die Möglichkeiten seiner Satire zurück, vielmehr ist ohne öffentliche Debatte hierüber der Weg zu einer autoritären Staatslehre nicht mehr weit. Dort wird Schmitt den Auseinanderfall von Augenschein und manipulativen Vorgängen, ferner die Vertuschung von Maskenspielen der Macht untersuchen und dabei vor allem die vorgebliche Scheindemokratie des bürgerlichen Rechtsstaats kritisieren. Die von ihm persiflierten buribunkischen Zustände hat Schmitt selbst so Ernst genommen, dass er Zuflucht in seine Politische Theologie genommen hat, wo er sich zu der Behauptung versteigt: „Der Wert des Staates liegt darin, daß er eine Entscheidung gibt, der Wert der Kirche, daß sie die letzte inappellable Entscheidung ist“, weswegen ihr „Infallibilität“ zuzusprechen sei.448 Der Ausweg eines kirchlich-autoritär geprägten Staates ist dann gar nicht mehr satirisch gemeint, vielmehr soll damit die Entscheidungsgewalt an eine Politik delegiert werden, die zur Wahrung des ‚Wesentlichen‘ antritt, um mittels dieser Ideologie Erscheinung und Sein zur Deckung zu bringen. Die Parallelen zu Heideggers Seinsanalysen und überhaupt zur politisch-philosophischen Rechten à la Spenglers Untergang des Abendlands sind nicht zu übersehen und haben auch dieselben Konsequenzen.449 Gegen die Möglichkeiten einer kommunikativen Vernunft oder Verständigungskultur sieht auch Heidegger den Ansatz der Vernunft insgesamt als „gesprengt“ und spricht er von einer „Zerstörung der bisherigen Grundlagen der abendländischen Metaphysik (Geist, Logos, Vernunft)“. Im Gegenzug wird eine ←173 | 174→„Metaphysik des Daseins“ gefordert, die nach einem überzeitlichen „Wesen des Menschen“ fragt, das aller Kulturphilosophie vorausliege.450 Dies entspricht dem existenzialistischen Duktus von Sein und Zeit (1927), wenn dort der Mensch durch Zufall ins Seiende geworfen, seinem Sein haltlos entfremdet und der Endlichkeit unterlegen gedacht wird.

Es sind solche Annihilationen, die neben der deutlichen Akzentuierung eines irrationalen Seinsgrundes auch zeigen sollen, dass das Denken letztlich keinen überdauernden Seinszusammenhang stiften könne – um es auf die Buribunken zurückzuführen: Mit demokratischen Mitteln nimmt man die Herausforderungen von Schreib- und Speichertechniken nicht mehr an, sondern weicht gleich ab in den Totalitarismus. Zwar sind solche Diagnosen einer Entfremdungsthematik oder des Zählens als Gesellschaftstechnik der aufgeklärten Soziologie eines Max Weber oder der linken Modernekritik nicht unähnlich, wenn dort von Verwertungszusammenhängen des Subjekts in Fabrikationsabläufen oder Warenzirkulationen ebenso die Rede ist wie von der Verselbstständigung eines statistischen oder ökonomischen Rechenwesens. Während in den Entfremdungsdiagnosen aber konzeptuell Aufklärungswege oder Handlungsoptionen für ein Kollektiv angestrebt werden, predigt die rechte Staatsphilosophie den heroischen, selbstbehauptenden Kampf des Subjekts gegen die entfesselten Kräfte der Moderne – und bewegt sich damit in einen Totalitarismus hinein, der die technischen und die Produktionsverhältnisse beherrschen, nicht aber für alle nutzbar machen will.

422 Wolfgang Herrndorf: Arbeit und Struktur, 9. März 2010 17:00; S. 15.

423 Robert Musil: Tagebücher; H. 24, S. 117; „Wir denken nicht über etwas nach, sondern etwas denkt sich in uns herauf“ (ebd.).

424 Foucault: Der Wille zum Wissen 1977, S. 72; zu physiologischen Messungen von Helmholtz bis Münsterberg vgl. Köhnen: Das optische Wissen, S. 417 ff.

425 Vgl. Lorenz 1990, S. 253.

426 Asendorf 1989, S. 29 ff. Francis Galton wird dann umgekehrt eine Synthese aus Gesichtsfotografien zu Kompositbildern zusammenstellen; vgl. Rieger 2001, S. 143 ff oder Kittler 1987, S. 181 ff.

427 Vgl. Rieger 2001, S. 143 ff.

428 Rupert Gaderer: ‚Querulantenwahnsinn‘, 2015, S. 182.

429 Nietzsche, Brief an Köselitz Ende Feb. 1882, III. Abt., 1. Bd., S. 172.

430 Rilke: Malte Laurids Brigge, S. 492–498.

431 Robert Walser: Jakob van Gunten, S. 381.

432 Schmitt: Buribunken, 1918, S. 345.

433 Schmitt: Buribunken, 1918, S. 341 f.

434 Vgl. Schneider: Die erkaltete Herzensschrift (1986).

435 Schmitt: Buribunken, 1918, S. 345.

436 Schmitt: Buribunken, 1918, S. 347.

437 Schmitt: Buribunken, 1918, S. 347 bzw. S. 348. Die Salontagebücher, die die Gebrüder Goncourt ab 1851 in Paris halten, stellen für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht nur ein Gegenwartsarchiv der Berühmtheiten dar, sondern entschieden auch, wer auf der Bildfläche erscheint und verbleibt – dieses Salonmodell der Aufmerksamkeit fließt bei Schmitt noch ein.

438 So bereits das Vorhaben Gottfried Kellers, der auch leer gebliebene Tage aufschreiben will in der Hoffnung, dass das schiere Buch Anlass zu Gedanken gibt, die dann die ‚luftige Zeitblase‘ füllen (8. Juli 1843; 1996, S. 640).

439 Schmitt: Buribunken, 1918, S. 349. Dieser Schreibhaltung entspricht auch die stenogrammartige Tagebuchschrift Carl Schmitts selbst, der in seinen zeitgenössischen Tagebüchern 1912–15 das Alltagsgehandelte notiert und in verknappter Form das Gedachte sowie Stimmungsäußerungen notiert.

440 Franz Kafka: Tagebucheintrag 7. Nov. 1921 (Tagebücher, S. 874).

441 Schmitt: Buribunken, 1918, S. 351.

442 Schmitt: Buribunken, 1918, S. 351.

443 Schmitt 1932, S. 92.

444 Vgl. Borck/Schäfer (2015): Einleitung, S. 7–25, hier S. 18.

445 Breton: Manifeste des Surrealismus, S. 28 („les modestes appareils enregistreurs qui ne s’hypnotisent pas sur le dessin qu’ils tracent, nous servons peut-être encore un plus noble cause.“ Breton: Manifeste du suréalisme, S. 330; kursiv im Orig.). Die Buribunken aktivieren eben nicht vorrangig eine Einblickstechnologie, wie sie Schneider 2013, S. 208 ff. etwa am Modell des Gehirnspiegels und dessen Verwandtschaft zur Psychoanalyse darstellt, sondern vor allem alltagsgeschäftiges Geschwätz.

446 Schmitt: Theodor Däublers Nordlicht, 1916, S. 63 f.

447 So auch eine resümierende Anmerkung zur polarisierenden Wirkungsgeschichte des Begriffs des Politischen in Schmitts Tagebuch Glossarium. Aufzeichnungen der Jahre 1947–1951, 28. April 1948, S. 140.

448 Schmitt: Politische Theologie, 1922, S. 71.

449 So schreibt auch Oswald Spengler über eine posthumane Gesellschaft, wo der Geist faustisch-technisch, beherrschend und der Zahl unterworfen und der Mensch ein Appendix seiner Maschinen geworden ist (Der Untergang des Abendlandes, z.B. das Schlusskapitel Die Maschine, 1920/1969, S. 1183–1195).

450 Martin Heidegger: Davoser Vorträge, 1929, S. 273.