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Selbstoptimierung

Eine kritische Diskursgeschichte des Tagebuchs

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Ralph Köhnen

Lebenskunst hat Konjunktur: Offenbar ist der Traum, das Leben als Gesamtkunstwerk einzurichten, zur ethischen Maxime geworden. Beteiligt ist dabei seit der Antike das Motiv von Selbsterforschung bzw. Selbstbesserung, das über die Frühe Neuzeit bis in die Gegenwart wirksam geblieben ist. Tagebücher sind dabei ein notwendiges Begleitmedium gewesen und haben wechselhafte Formen angenommen, die von religiösen, wirtschaftlichen, psychologischen und medizinischen Aufschreibesystemen bestimmt worden sind. In diesem umfassenden mediologischen Sinn untersucht der Autor Programme der Selbstschrift und stellt diese an Beispielen dar, die sich von Pacioli über Pepys, Leibniz, Herder, Moritz, Goethe, Hebbel, Schmitt, Jünger oder Rainald Goetz bis in die Gegenwart der Social Media erstrecken.

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12. Ideologien des Aufzeichnens: 1945 und die Folgen

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12. Ideologien des Aufzeichnens: 1945 und die Folgen

„Nichts Archiven anvertrauen!“487

Vannevar Bush und sein MEMEX-Projekt

Allwissende Apparate, die Daten abgreifen und damit Verwaltungsprogramme speisen, beherrschen seit dem 20. Jahrhundert auch die aufkommenden literarisch-technischen Dystopien. Sie reichen von Orwells ‚Televisor‘ in 1984, der ein integrierter Bildschirm zum Senden und Empfangen, also zur Filmprojektion und Überwachung ist, bis zu jener Körperkamera, die Dave Eggers in seinem Circle-Roman (2013) unter dem Namen ‚SeeChange‘ zum Einsatz bringt. Damit werden alle bekannten Ambitionen des Überwachens mit vorgeblichen Sicherheitsaspekten, aber auch, wie bei Eggers’ Romanfiguren, Glücksversprechen sowie Experimenthoffnungen für den jeweiligen Träger noch einmal radikalisiert zusammengebracht. Aus Aufschreibsystemen entwickeln sich Aufzeichnungsgeräte in vielen denkbaren, analogen, ansatzweise digitalen oder einfach phantastisch-ungeklärten Varianten – all dies zu Zeiten, als Alan Turing die mathematischen Grundlagen der Computerisierung schafft, Konrad Zuse ab 1941 die ersten vollautomatischen Computermodelle baut und 1968 mit dem Computernetzwerk ‚Arpanet‘ ein Vorläufer des Internet für die amerikanische Luftwaffe in Gebrauch genommen wird.

1945 hat der amerikanische Ingenieur, Militärtechniker und zeitweise auch Präsidentenberater Vannevar Bush in seinem Essay As we may think einen Memory Extender (MEMEX) bzw. eine Wissens- bzw. Datensammelmaschine entworfen, die noch prädigital, mit Mikrofilm (den er 1938 erfand) und Analog-Rechenmaschinen operieren und eine riesige Mengen von Daten bewältigen sollte. Damit rückt aber der Traum eines universalen Wissensspeichers, der einem breiten Publikum alle speicherfähigen Daten ←187 | 188→in einer vernetzten Enzyklopädie zur Verfügung stellen sollte, in greifbare Nähe: „A memex is a device in which an individual stores all his books, records, and communications, and which is mechanized so that it may be consulted with exceeding speed and flexibility. It is an enlarged intimate supplement to his memory.“488 Zwar ist das ganze noch eher kombiniertes Bastelwerk aus fortgeschritten-analogen Teilen – das Gerät hat das Aussehen eines Schreibtischs mit Aufsatz, von wo aus mit einer Tastatur Indices eingegeben werden können, mittels derer über Pfade die gewünschten Mikrofilmaufzeichnungen bzw. über ein Schreibmaschinen-Diktaphon (Vocoder) eingegebene Sprachinformationen oder (Serien-) Fotos aufgerufen werden sollen. Diese Praxis der Pfadverknüpfung wird noch ab den 1980ern leitend für die Anwendung von Digitaltechnik sein, wenngleich in der Frühphase noch schrankgroße Informationsträger benötigt werden. Das persönliche Archiv wird zur Enzyklopädie und ist in der Möglichkeit des Wissensaustauschs auch interaktiv, jedenfalls nicht vorab als ein persönlicher Geheimnisträger gedacht: Man soll sich ebenso Pfade zuleiten können wie sich heutige User mit Links beschenken, ferner Kommentare schreiben und einfügen – und dies alles auch in der universitären Lehre anwenden. Mit Hinweis auf Leibniz’ Datenverknüpfung stellt Bush auch den historischen Bezug her. Technisch wird ihn die militärische wie informatische Entscheidung für digitale Medien überholen, die in den 1960er Jahren jeden Traditionsbezug zugunsten einer reinen Gegenwart über Bord werfen wird.

Erst mit digitalen Mitteln können die gedachten Apparate auch effektiv werden und die geforderte Schnelligkeit und Flexibilität des Datenumgangs umsetzen, doch fällt es Bush im Bann der Optimierung nicht schwer, auch ohne allzu genaue technisch-materiale Konkretisierung ein Manifest zu schreiben, das technologischen Superoptimismus versprüht. Dieser soll dabei helfen, dass möglichst viele aller gedachten Ideen wissenschaftlich genutzt werden können: „We may some day click off arguments on a machine with the same assurance that we now enter sales on a cash register.“489 Ideen sollen schon mit Blick auf ihre Datenverarbeitung eingepasst, also mathematisch operationalisierbar formuliert werden. Es erklärt ←188 | 189→sich leicht, dass Bush das Schreiben mit der Hand nicht gefällt – dies sei nur eine linkische Art der Figurenschrift, die durch Punktmarkierung in Kartenfeldern erheblich leichter lesbar würde.490 Dass dies Rückwirkungen auf Gedanken und Denken überhaupt haben wird, interessiert Bush nicht sonderlich, vielmehr nimmt er solche Effekte im Zeitalter der technischen Repoduzierbarkeit des Denkens billigend in Kauf.

Bush weiß zugleich, warum Leibniz’ Universalrechenmaschine noch nicht umgesetzt wurde – es ist eine Frage des Marktes, nicht nur der Bezahlung des Systems, sondern eines bevölkerungsweiten Bedarfs, der die Umsetzung einer technischen Idee ermöglicht. Beides ist nunmehr gegeben, und auch wenn Bush die technische Umsetzung noch eher mutmaßend imaginiert: Der prinzipielle Schritt von der nur militärischen zur privaten Datenverarbeitung im Namen der Gedächtnisoptimierung ermöglicht die elektronische Geschichte des Selbstmanagements, die die Schreibpraktiken und Gedächtniskonzepte der Gegenwart vorbereitet. Auch wenn dieses aber technisch möglich wird (die Frage beiseite lassend, wie die lebensnotwendige Funktion ←189 | 190→der Verdrängung noch wirken könnte), bliebe im Falle eines solchen Komplettgedächtnisses die Frage nach der Organisation des individuellen Datenstroms, also seiner Relevantsetzung – hermeneutisch gesagt: seiner Sinngebung, die auch eine vielschichtige Urteilskraft erforderte, welche Maschinen nur im Rahmen ihrer Programmierung aufweisen können. Dabei knüpft Bush auch an den Ursprung des Kaufmännischen in der Listentechnik etwa Paciolis an, die gleichfalls in der Diaristik nicht auf die subjektive Faktur setzt, sondern Objektivierung anstrebt.

Wenn bereits in diesem Manifest eine „cyclops camera“ angekündigt wird, die so groß wie eine Walnuss ist und mit einem Auge als Einheitsfokus auf der Stirn fixiert das vom Träger Gesehene in hoher Geschwindigkeit aufzeichnet, ist damit die Laptop-standardisierte Kamera ebenso vorweggenommen wie die alles aufzeichnenden und mit Wissensdaten rückkoppelnden digitalen Datenbrillen. Damit dem forschenden Ich nichts entgeht (ebensowenig wie dem, der seine Beobachtungen beobachtet), wird das Aufzeichnungsmedium simultan als Gedächtnismedium genutzt. Und so hat MEMEX an der neueren Geschichte der Visionik teil, die Virilio als automatisierten, maschinellen, entpersönlichten Blick beschrieben hat – ein Sehen mit Kamera, die durch einen Computer ferngesteuert wird. Dieser übernimmt selbst die Analyse, aber weniger für ein Publikum, sondern vor allem für sich selbst prägt nun die Maschine die Fähigkeit aus, „das umgebende Milieu zu analysieren und automatisch die Bedeutung der Ereignisse zu interpretieren, und zwar auf dem Gebiet der Industrieproduktion, der Lagerverwaltung und dem militärischen Einsatz von Robotern.“491 Neu ist aber seit Virilios mittlerweile schon historischer Beobachtung, dass nun mittels Selfies, Self-Tracking oder Lifelogging der Maschinenblick weitgehend Akzeptanz, ja Begeisterung findet und es zum common sense gehört, dies dann auch verbindlich zum Standard eines anspruchsvollen Lebens zu zählen oder der ‚Lebensqualität‘ zuzurechnen. Auf die Ambivalenz dieser Entwicklung ist zurückzukommen; es soll aber auch eine verwandte Variante von Tagebuchführung und Datenverwaltung diskutiert werden.

Ernst Jünger: Tagesarchivalik und staatlicher Datenhunger

Bereits Ernst Jüngers Archive der Macht und seine merkwürdigen Übertragungsinstrumente in Heliopolis (1949), die den heutigen Smartphones ähnlich sind, sind vom Prinzip des Sendens und Speicherns geleitet. Zentrales Medium ist dort das sogenannte ‚Phonophor‘, ein Gerät, das Eigenschaften von Chip-card, Google-Datenbrille, Radio, GPS-Messer sowie akustischem und optischem Überwachungssystem vereint. Es handelt sich um eine Mischung aus Telephon bzw. ‚Allsprecher‘ und Radio, ein geräuschsensibles Gerät, das je nach Zugangsmöglichkeit und Kompetenzgrad vollständiges Mithören aller Geräusche und Stimmen auf der ganzen Welt ermöglicht. Diese Phon-Einheiten können wiederum abgespeichert bzw. in ein Register übertragen werden – ähnlich dem, was heute mit Mobiltelephonen angestellt werden kann, denkt man an die Möglichkeit eines vollständigen Ablauschens durch Hersteller, Server oder andere Nutzer. Das Phonophor ermöglicht allseitige Verbindung und schafft „eine Art Allgegenwart“.492 Es kann Verbindung zu einem riesigen Magazin aufnehmen, nämlich dem Punktamt, das statistisches Material zur Formenerkennung sammelt, diese als Daten scannt und mit Hilfe von Registraturen in Datenabgleichverfahren bringen kann, was insgesamt von Jünger später als „Vorstufe unserer Computerwelt“ bezeichnet wird.493

In die utopische Gesellschaft von Heliopolis passt nun der Phonophor, ja es prägt diese entscheidend mit: „In diesem Rahmen hatte sich der Phonophor zu einem idealen Mittel der planetarischen Demokratie entwickelt, zu einem Medium, das jeden mit jedem unsichtbar verband. […] Das Ja und das Nein, das Unentschieden der Legionen summierte sich in ihr in Funkenströmen und wurde im Augenblick ablesbar.“494 Damit ist die informatische Revolution in Zeiten ihrer kybernetischen Vorbereitung literarisch antizipiert, und die umfangreiche Funktionsschilderung Jüngers zeigt frappierende Parallelen zu den Funktionen von Smartphone und Skype:

„Erteilt in jedem Augenblick Orts- und astronomische Zeit, Länge und Breite, Wetterstand und Wettervorhersage. Ersetzt Kennkarte, Pässe, Uhr, Sonnenuhr ←191 | 192→und Kompaß, nautisches und meteorologisches Gerät. Vermittelt automatisch die genaue Position des Trägers an alle Rettungswarten bei Gefahren zu Lande, auf dem Wasser und in der Luft. […] Weist auch den Kontostand des Trägers beim Energeion aus und ersetzt auf diese Weise das Scheckbuch bei jeder Bank und jeder Postanstalt und in unmittelbarer Verrechnung die Fahrkarten auf allen Verkehrsmitteln. Gilt auch als Ausweis, wenn die Hilfe der örtlichen Behörden in Anspruch genommen wird. Verleiht bei Unruhen Befehlsgewalt. – Vermittelt die Programme aller Sendungen und Nachrichtenagenturen, Akademien, Universitäten sowie die Permanentsendungen des Punktamts und des Zentralarchivs. Gibt Einblick in alle Bücher und Manuskripte, soweit sie durch das Zentralarchiv akustisch aufgenommen und durch das Punktamt registriert worden sind, ist an Theater, Konzerte, Börsen, Batterien, Versammlungen, Wahlakte und Konferenzen anzuschließen und kann als Zeitung und Auskunftsmittel, als Bibliothek und Lexikon verwandt werden. – Gewährt Verbindung mit jedem anderen Phonophor der Welt, mit Ausnahme der Geheimnummern. Ist gegen Anrufe abschirmbar. Auch kann eine beliebige Menge von Anschlüssen gleichzeitig belegt werden – das heißt, daß Konferenzen, Vorträge, Beratungen möglich sind. Auf diese Weise vereinen sich die Vorzüge des Fernsprechers mit denen des Radios.“495

Sie vereinen auf sich etliche Fähigkeiten eines Smartphones, möchte man hinzufügen – jedenfalls stellt Jünger mit der Kombination ein ubiquitär verfügbares Übertragungsmedium dar, das auch mit Speichermedien verbunden ist. Hier sind die ‚User‘ aber noch Erwachsene, und kaum einer begibt sich ohne das flache Phonophor-Päckchen, das sich bequem in einer Brusttasche unterbringen lässt, auf die Straße. Ganz nebenbei lassen sich auch Rangabzeichen daran ablesen, Hierarchien feststellen und Ausweispapiere damit ersetzen – das neue Medium regelt die gesellschaftlichen Unterhandlungen, benutzt werden kann es aber von allen Seiten, liberalen wie auch totalitären. Denn Heliopolis ist umkämpft von zwei Lagern, die bezeichnenderweise vor allem durch ihre Ämter vertreten sind – der Polarisierungsgedanke Carl Schmitts könnte hier aufgegriffen sein, mit dem kalten Krieg zeichnet er sich nun aber auch weltpolitisch ab. Das Zentralamt gehört dem Landvogt, der zunehmend die Oberhand in der mit dem Prokonsul aufgeteilten Herrschaft gewinnt und die „Herrschaft einer absoluten Bürokratie“ und ein „geschichtsloses Kollektiv“ plant. Dagegen steht der Prokonsul, der das Punktamt (wohl eine Anspielung auf die Lochkartentechnik) verwaltet und einem literarischen Humanismus zuneigt, insofern es zu seinen Maximen ←192 | 193→gehört, dass „echte Politik nur möglich sei, wo Dichtung vorausgegangen war.“ Der Kreis um den Prokonsul gibt sich freiheitlich und wirft dem Landvogt Nivellierung vor, wogegen ein General das eigene Optimierungsbestreben der Prokonsul-Partei skizziert: „Atomisierung und Gleichmachung des menschlichen Bestandes, in dem abstrakte Ordnung herrschen soll. Bei uns hingegen soll der Mensch der Herrscher sein. Der Landvogt strebt die Perfektion der Technik, wir streben die Vollkommenheit des Menschen an.“496

Unschwer lassen sich in der Partei des Landvogts totalitäre Züge als Reflex der Nazi-Herrschaft, aber auch des Stalinismus erkennen, während der Prokonsul einen Vertreter der westlichen Demokratien darstellt – auf die sich abzeichnende Ost-West-Spaltung nach 1945 reagiert Jünger nicht nur, sondern gestaltet sie aus. Auf technisch höchst entwickeltem Standard befinden sich beide Parteien. Der romantische Traum der Allverwobenheit und eines Schreibens, das sich im Denktempo vollzieht, wird hier technisch noch einmal vorangetrieben in einem Datenwerk, das als gigantisches Nervensystem erscheint: Gleich „einem ruhenden Gehirn“ liege in der Bürokratie „die in die Akten eingebettete Erinnerung“ und die „mechanisierte und raffinierte Intelligenz“ der Register des Zentralarchivs, und ein dortiger, zu jeder Verwaltung notwendiger Datenabruf trifft solche Archivlabyrinthe „wie ein aus Ganglienfäden gewebtes Spinnennetz“.497

Inmitten der planenden ‚Optimaten‘, die Glücksprogramme aufstellen sollen, und der Wissensmacht, die der Phonophor bietet, hat Jünger den „Weg, der von der Freiheit zur Ziffer führt“,498 insgesamt als problematische Entwicklung gezeichnet. Während er in seinem Essay über den Arbeiter von 1932 diesen als heroische und tragische Figur, die in den Schnelligkeitsstrudel einer kollektivistischen und totalitären Zukunft der Mobilmachung gezogen wird, noch halbwegs optimistisch zeichnet, wird in Heliopolis der Schwund an Freiheit und Individualität negativ bewertet, insofern diese nur noch in unterschiedlichen Energie- und Informationsniveaus besteht. Wissen ist Macht – das Schlagwort Bacons findet sich unter diesen Vorzeichen umgewandelt zu einer neuen Parole: „Wissen ist Mord“, wenn es in die falschen Hände gerät, weil sich die Bürokratien in Heliopolis ←193 | 194→zu „intelligenten und fast unsichtbaren Registraturen umgebildet“ haben. In dieser technisch vollständig erschlossenen Welt, die immer wieder in erhabenen, sakralisierten, mit geomantischen Dimensionen aufgeladenen Landschaften und panoramischen Ansichten dargestellt wird, sind Vegetabilien und Lebewesen in Gefahr, als rein energetische Größen genutzt zu werden: „Die Pflanzen, Tiere, Menschen würden dann zu einer größeren Figur verschmelzen, wie Feilstaub im Kräftefeld.“499

So umstritten die erzählerischen Qualitäten des Heliopolis-Romans sind, der sich oft im summarischen Stil ergeht und vor allem die machtkritischen Kommentare sprechen lässt (weniger die gelegentlich angeführten Landschaftsschilderungen, Bilder oder Ereignisse), ist doch seine Relevanz aufgrund der Erfahrung mit totalitären Systemen nicht in Abrede zu stellen.500 Die Totalitarismuszeichnung wird jedoch ausgeweitet zu einer umfassenden Modernekritik, wenn man Moderne als ausdifferenzierten Zusammenhang von Arbeit, Produktion, Konsumtion, Geldwert und Geldkreisläufen versteht. Und so sind die Romanvisionen keine einsamen Schreibtischprodukte, sondern durch recht genaue Umweltbeobachtungen vorbereitet, die sich wiederum in der Diaristik Jüngers zeigen – namentlich in den Strahlungen, jenen Aufzeichnungen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, in denen der Autor nach seinen Kriegsdelirien in den Stahlgewittern501 nun zunehmend kritische Töne gegenüber der technisch-maschinenhaften Moderne mitsamt ihren totalitären Staaten und Systemen anschlägt.

Der Heroismus der frühen Jahre Jüngers macht einer fundamentalen Skepsis Platz, was vielleicht der Grund dafür ist, warum dessen Überlegungen zu ‚Autor und Autorschaft‘ der letzten Jahre Fragment geblieben sind. Das Tagebuch dient in einem an Goethe angelehnten Zugriff zweifellos dem Identitätsgewinn oder der Absicherung, was sich im Lebensvollzug ←194 | 195→fortsetzen soll.502 Was aber, wenn Autorschaft, die Jünger als „eigenes Denken“ konzipiert,503 an ihre Grenzen stößt und es nunmehr die Archive sind, die schreiben?

So fühle sich der Mensch „in einer großen Maschine, aus der es kein Entrinnen gibt“, und Jünger spricht von einer „allgemeinen Wandlung zum Automatismus, wie sie uns bedroht“, gar von einer „abstrakten Hölle der Maschinenwelt“, wogegen die Unvorhersagbarkeit der Ereignisse ein menschliches Antidot sei.504 Heroisch will der Autor anschreiben „gegen die Ziffern und für den Buchstaben“, um damit das „geheime Getriebe der gesellschaftlichen Maschine“505 sichtbar zu machen. Die Kritik der Ziffer findet sich ubiquitär bei Jünger, auch noch – und dort mit großer Insistenz – in den späten Tagebuchbänden von Siebzig verweht (1961–1997). Wo menschliche Ereignisse zu Daten werden, dies der Tenor, ersetzen die Titanen die Götter und bringen alles unter die nivellierende Ziffer. So bedroht der mutwillig auftretende und technisch versierte homo faber den homo ludens: „Die Götter weichen, die Ziffern dringen vor“ lautet dann die weniger theologische, sondern vor allem existenziale Diagnose.506

Die in Heliopolis fiktional formulierte Bedrohung entwickelt Jünger in seinen Tagebüchern über 50 Jahre hinweg in immer neuen, aber im Prinzip das gleiche Problem umkreisenden Sätzen. In seiner umfassenden Modernekritik, die auf den Maschinenabsolutisus ebenso zielt wie auf totalitäre Staaten, sieht Jünger nicht nur Huxleys Brave New World als aktuell an,507 sondern greift er auch die Maxime Benjamin Franklins auf, dass Zeit Geld sei, und bezeichnet sie als „Devise, die am Gegenpol der Menschenwürde steht“.508

Dagegen wird ein Tagebuchschreiben gesetzt, das „im totalen Staat das letzte mögliche Gespräch“ sei und „die Ordnung des Anfalls von Fakten ←195 | 196→und Gedanken“ ermögliche.509 Vollkommene Selbsterkenntnis und Eintauchen in die Tiefenschichten ermöglicht dies nicht, das weiß auch Jünger.510 Aber an den Strahlungen wie auch an Siebzig verweht lässt sich zeigen, dass das Tagebuch in Stellung gebracht wird gegen politische Zugriffe und zunehmend als Schutzraum fungiert. Allerdings wirkt dieser auch nur begrenzt – denn es ist nicht zu übersehen, dass bei aller Freiheit der eigenen Entscheidungen, auf die Jünger rechnet, diese trotzdem „in eine feste Statistik einmünden“ und das Einzelereignis sich in Gattungsverallgemeinerungen und vorhersagbaren Mechanismen wiederhole.511 Jüngers anhaltende Kritik der Quantifizierbarkeit der Dinge und Menschen sowie der Verzifferung, die der Nivellierung und der Beherrschung dienen würden,512 hat als einzig wohl verbliebenen Gegenort die Literatur. Wenn die Dinge „nicht mit dem Auge der Statistik gesehen sein“ wollen,513 müssen deren Strahlungen in Sprachbilder transformiert werden. Der komplizierte, naturwissenschaftlich besetzte, hier aber auch kosmologisch und magisch gemeinte Begriff wird letztlich in diese ästhetische Fluchtlinie aufgelöst: Nicht nur verbinden Strahlungen das Ich mit der Allgemeinheit, vielmehr sieht auch Jünger kosmische und irdische Strahlen „verwoben“, wenn sie „sinnvolle Muster“ zeigen; ihre Wirkung kann sich als raumstiftende oder raumzerstörende „Lebensmacht“ entfalten.514 Diese Strahlen sind, den physikalischen Antagonismus überwindend, Welle und Korpuskel zugleich, was wiederum der Verschmelzung von Sprachzeichen und Bildern, Vernunft und Hieroglyphentum zu „Bildersäulen“ entspreche.515

Allerdings kann die Selbstständigkeit der Bilder sich auch höchst ambivalent entwickeln und die beschriebene Szenerie dabei als „Schauspiel“ markieren. Dazu gehört etwa das mehr als dekadente Bild, das ein ←196 | 197→Bombardement von Paris beschreibt, bei dem sich die Stadt „mit ihren roten Türmen und Kuppeln“ in „gewaltiger Schönheit“ zeigt und dabei mit „einem Kelche, der zu tödlicher Befruchtung überflogen wird“, verglichen wird – die organologische Metaphorik steht der Brutalität des Vorgangs diametral entgegen, und der Autor zeigt sich vor allem an dieser Bildspannung interessiert.516 Den Heroismus und das Epiphanische seiner Bilder,517 ihre gepriesene Magie, die zahlreich wiedergegebenen Metamorphosen in Träumen hat Jünger selbst wohl nie ganz begriffen, in dieser Resistenz aber gerade ihren Reiz und ihre Wirkungsmöglichkeit gesehen und letztlich damit sogar eine Widerstandsposition der Lyrik bzw. des Apollinischen gegen die „Automatenwelt“ postuliert.518 Hier fließt die Bildmagie des Surrealismus und der Traumsprache mit ein, die Jünger noch in Siebzig verweht an vielen Stellen zu Wort kommen lässt und zelebriert, ferner der Einfluss von Lichtenberg und Hebbel, die Jünger des öfteren benennt.519

Der immersiven Kraft der Bilder steht die distanzierende Geste des Wortes gegenüber. Auch für diese Seite gibt es explizite programmatische Hinweise, die auf die Schreib- bzw. Erzählform der Distanz hindeuten, jene immer wieder vorgetragene désinvolture, die Jünger zumeist auch sich selbst gegenüber gebraucht und programmatisch benennt.520 Dem Modus des semiotischen Abstands entspricht also das Wort, das das Eintauchen in die Bilderschichten sublimiert – Bilder hingegen werden als Essenz dargestellt, die auch als Widerstandswert zu mobilisieren und gegen ‚logische Verflachungen‘ zu verwahren sei.521 Es ergibt sich daraus eine ästhetische Option: Distanz ←197 | 198→ist das Prinzip dieses Sehens, bei der das Selbst vom Ich abgekoppelt wird. Dieser Modus ist gleichsam ein komplementäres Produkt der mechanisierten Wahrnehmung. Er macht sich letztlich noch darin geltend, dass sich Jünger zunehmend als Archivar seiner selbst betätigt und sich in Rhetorik auflöst, auch in die Intertexte, die das Subjekt transzendieren.522 Distanz bedeutet allerdings nicht nur Beherrschung der Sprache durch den Autor. Ebenso wie Jünger in der kalten Pose des Voyeurs der Bombardierung von Paris den ästhetischen Mehrwert abzugewinnen versucht, beobachtet er das Sprachmaterial in seinem Eigenleben, wie es den Absichten des Autors entgegenkommen und wie er es sich zu nutzen machen könnte, aber auch, wie es sich ihm gegenüber widerspenstig verhält.

Die angestrebte komplementäre Wahrnehmung von Wort und Bild hat ihren Ausgangspunkt aber schon in einer doppelten Ausrichtung des Sehens. Jünger beschreibt dies als die zwei Seiten von Visualität – ein angenommener Wesenskern des gesehenen Dinges erfordere „das magische Verständnis einer Erscheinung“, was durch den stereoskopischen Blick ermöglicht werde: „Stereoskopisch wahrnehmen heißt also, ein und demselben Gegenstande gleichzeitig zwei Sinnesqualitäten abzugewinnen, und zwar – dies ist das Wesentliche – durch ein einziges Sinnesorgan.“523 Diese Optik oder Visionik soll das „Unerwartete, das ‚Andere‘ “524 ansichtig machen, um derart die „verborgene Harmonie der Dinge offenzulegen“.525

Jünger ist insofern Spätromantiker, als er noch von den elektrischen Impulsen und ihrer Verstärkung in den (Kriegs-) Medien des 20. Jahrhunderts geprägt ist; sein Programm ist eine Intensitätenlehre, die auf ←198 | 199→Bildern, Traum und Rausch sowie dem exzeptionellen Erlebnis beruht. In der Bewertung dieser Dinge ergeben sich bei Jünger deshalb immer wieder Ambivalenzen; zu würdigen bleibt die Beobachtungshaltung, insofern sie Distanznahme und letztlich Diskussion ermöglicht. Die Bild- und Blickmagie, die an einigen Stellen seines späteren Werks aufblitzt, ist einem grundsätzlich distanzierten Kommentarverhalten und einer Erzählhaltung der désinvolture unterworfen – Jüngers Blicke sind zeitdiagnostisch oder suchen wenigstens immer wieder die versachlichte Ebene. Seine Tiefenauslotungen auf elementaren Ebenen der visuellen Erscheinungsformen benennen, so spekulativ sie sind, doch ihre Quellen: „Geht man tief genug hinunter, findet sich der Generalnenner. Leibniz. Das Punktamt von Heliopolis. Vorteile und Gefahren dieser Denkrichtung.“526 Im Lakonismus der Tagebuchsprache wird damit ein langer Entwicklungsbogen seit der Frühen Neuzeit geschlossen und pointiert: Das Datensammeln wirkt von Leibniz’ Staatstafeln bis in die technisch-utopischen Entwürfe der Gegenwart nach, die ab 1970 mit der informatischen Revolution verwirklicht werden. Es spiegelt sich aber auch in den Dystopien wie Arno Schmidts Kurzroman Gelehrtenrepublik (1957), der Wissensgeneratoren und Wissensspeicher darstellt und die Hoffnungen der Gelehrtenrepublik Klopstocks von 1774 verabschiedet.527

Oberflächlich lässt sich hier sogar die Kritikfigur erkennen, die die Frankfurter Schule gegen die Quantifizierung richtet, und eine Variante der Verblendungstheorie findet sich bei Jünger: „Wo die Technik magische Züge gewinnt, kann sie wirken wie ein Opiat. Eine Scheinwelt überspielt die Realität“ heißt es 1994.528 Der Unterschied aber zu Marcuses Diagnose ←199 | 200→oder zu Horkheimer/Adornos Kritik der Menschenberechnung und Naturbezähmung wird jedoch dann deutlich, wenn man die Opposition von Marx und Schopenhauer anwendet: Dessen Vitalismus in der Welt als Wille und Vorstellung affirmiert, ja glorifiziert letztlich das energetische Treiben der Natur, wenn nicht hilfloses Ausgeliefertsein an ihre Kräfte,529 während die linke Kritik Emanzipation ermöglichen und Handlungsräume schaffen will. Als Residuum verbleibt bei Jünger die Kraft der Bilder und die Ordnung der Sprache, die das Tagebuchschreiben – im Modus Carl Schmitts formuliert – als ästhetisches Partisanentum begreift und versucht, damit eine Gegenwelt aufzubauen. Dass man damit aber auch die Möglichkeit einer Mit-Schrift gestalten kann, die ebenfalls medienbewusst, dabei bisweilen euphorisch digitale Medien nutzt, wird sich eine andere Generation zunutze machen.

487 Arno Schmidt: Tina oder über die Unsterblichkeit. In: Bargfelder Studienausgabe I/2.1, S. 185.

488 Bush: As we may think, S. 121.

489 Bush: As we may think, S. 118.

490 „simply by the configuration of a set of dots on a card“ (As we may think, S. 116).

491 Paul Virilio: Rasender Stillstand (1992), S. 33.

492 Ernst Jünger: Heliopolis, S. 186 bzw. S. 36 (Zitat).

493 Ernst Jünger: Siebzig verweht, 2. Sept. 1971; II, S. 51.

494 Ernst Jünger: Heliopolis, S. 290 f.

495 Ernst Jünger: Heliopolis, S. 291 f.

496 Ernst Jünger: Heliopolis, S. 155, S. 105, S. 155 f.

497 Ernst Jünger: Heliopolis, S. 177.

498 Ernst Jünger: Heliopolis, S. 177.

499 Ernst Jünger: Heliopolis, S. 247, S. 243, S. 21.

500 Zu Heliopolis als heikel-misslungenem Kunstwerk vgl. Kiesel 2007, S. 558–577. Der ‚Weltroman‘ sollte die Strahlungen als Tagebuch übersteigen, sah sich allerdings einer skeptischen, weit weniger enthusiastischen Rezeption gegenüber als bei den Strahlungen, die tendenziell als humanistische Zeitdarstellung genommen wurden.

501 Kiesel hat die Position Jüngers zum Nationalsozialismus ausgewogen diskutiert, weist aber für die frühe Phase auf die ‚poetische Mobilmachung‘ hin (2007, S. 91 ff).

502 vgl. Strahlungen, 26. Aug. 1942; I, S. 370: „in meiner Autorenarbeit gerinnt mir manches zu Fleisch und Blut und setzt sich im Leben fort“.

503 Strahlungen, 18. April 1943; II, S. 43.

504 Ernst Jünger: Strahlungen, 1. Jan. 1943; I, S. 475; 6. Juni 1942; I, S. 335; 16. Juni 1943; II, S. 79.

505 Strahlungen, 23. Juni 1942; II, S. 84; 29. Juni 1943; II, S. 87.

506 Siebzig verweht, 11. Sept. 1965; I, S. 178.

507 Strahlungen, 29. Juli 1943; II, S. 110.

508 Strahlungen, 30. März 1948; II, S. 651.

509 Jünger: Strahlungen, Vorwort, S. 11 bzw. S. 20.

510 „Was uns im Innersten beschäftigt, entzieht sich der Mitteilung, ja fast der eigenen Wahrnehmung.“ (Strahlungen, 18. Nov. 1941, I, S. 272)

511 Strahlungen, 13. Feb. 1940, I, S. 108.

512 Siebzig verweht, 19. Mai 1965; I, S. 24.

513 Strahlungen, 9. März 1945; II, S. 379.

514 Vgl. Strahlungen: Vorwort, S. 13; Zitate: Strahlungen, 24. April 1941, I, S. 232.

515 Strahlungen: Vorwort, S. 19. Damit ist, was Hebbel noch romantisch formulierte, mit naturwissenschaftlicher Rede ausstaffiert.

516 Strahlungen, 27. Mai 1944; II, S. 270, vgl. 15. Sept. 1943; II, S. 152 f.

517 Ein spätes Beispiel für diese beibehaltene Aufzeichnungstechnik des energetischen, blitzhaften Auf- und Entladen des Bildes findet sich in Siebzig verweht (21. Juni 1993; V, S. 123).

518 „Die Automatenwelt ist durchaus nicht apollinisch; daher spürt sie als stärksten Gegner das Gedicht“ (Siebzig verweht, 20. Mai 1987; IV, S. 161).

519 Gerade in Bezug auf das Visuelle hat Jünger Anleihen bei Lichtenberg gemacht – Bilder veranlassen eine bestimmte Art zu räsonnieren, womit Perspektiven des Traums oder der Hang zu metaphorischen Nebenideen in Gang gebracht werden können – so hat Lichtenberg ein „Bilder-Buch der Welt“ prospektiert (Lichtenberg Heft J 702, Buch I, S. 754).

520 Vgl. Strahlungen: Vorwort S. 21 sowie 2. Feb. 1940; I, S. 97.

521 Strahlungen, 7. Mai 1943; II, S. 63; vgl. 6. Aug. 1943; II, S. 115.

522 Peter Boerner hat angemerkt, dass Jünger vielfach den „Stil wissenschaftlicher Beobachtungsprotokolle“ annahm und Erlebtes oder Gedachtes mit einer „stets gleichbleibenden kühlen Aufmerksamkeit“ registriere (1969, S. 34 bzw. S. 59); vgl. Noack 1998. Just (1966, S. 41) parallelisiert Strahlungen und das Modell von Gottfried Benns Radar-Denker bzw. bietet plausibel das Modell einer indirekten Schreibweise an, die ebenfalls versachlichte Züge trägt, „das heißt er lotet mit den Strahlungen des eigenen Ich die Welt aus und fängt dann die im Auftreffen auf die Dinge gebrochenen Strahlen wieder auf.“ (Just 1966, S. 41)

523 Ernst Jünger: Das abenteuerliche Herz, SW Bd. 9, S. 68 bzw. S. 83.

524 Ernst Jünger: Das abenteuerliche Herz, SW Bd. 9, S. 144.

525 Ernst Jünger: Das abenteuerliche Herz, SW Bd. 9, S. 86.

526 Siebzig verweht, 2. Juni 1970; I, S. 591 f.

527 Schmidt stellt sein Szenario vor den Hintergrund des politischen Ost-West-Konfliktes: Nach einem atomaren Weltkrieg haben die Machtblöcke USA und UdSSR mit ein paar neutralen Mächten einen schwimmenden, motorisierten Inselstaat organisiert, um dort ihre wissenschaftlichen und künstlerischen Kräfte noch einmal zu optimieren. Neben der Klopstock-Anspielung finden sich auch solche an Schnabels Insel Felsenburg (S. 292), und technisch wird über Mikrofilme und Projektionsanlagen berichtet (S. 298), die wiederum die Ästhetik des Wortstücks (S. 302, 348) und die ‚neue Interpunktion‘ (S. 249) befördern, welche einen eigenen Code ermöglicht, wenn etwa Gedankenstriche und Punkte eine längere Nachdenkpause anzeigen.

528 Siebzig verweht, 17. Okt. 1994; V, S. 155.

529 Vgl. Jüngers Tagebucheintrag in Siebzig verweht vom 18. Sept. 1967; I, S. 384; auch die Erwähnung von Haeckels Monismus-Rede von 1892 am 28. Nov. 1968; Siebzig verweht I, S. 543.