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Selbstoptimierung

Eine kritische Diskursgeschichte des Tagebuchs

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Ralph Köhnen

Lebenskunst hat Konjunktur: Offenbar ist der Traum, das Leben als Gesamtkunstwerk einzurichten, zur ethischen Maxime geworden. Beteiligt ist dabei seit der Antike das Motiv von Selbsterforschung bzw. Selbstbesserung, das über die Frühe Neuzeit bis in die Gegenwart wirksam geblieben ist. Tagebücher sind dabei ein notwendiges Begleitmedium gewesen und haben wechselhafte Formen angenommen, die von religiösen, wirtschaftlichen, psychologischen und medizinischen Aufschreibesystemen bestimmt worden sind. In diesem umfassenden mediologischen Sinn untersucht der Autor Programme der Selbstschrift und stellt diese an Beispielen dar, die sich von Pacioli über Pepys, Leibniz, Herder, Moritz, Goethe, Hebbel, Schmitt, Jünger oder Rainald Goetz bis in die Gegenwart der Social Media erstrecken.

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14. Selbsttexte in Millisekunden: eine kritische Soziologie des öffentlichen Geheimnisses

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14. Selbsttexte in Millisekunden: eine kritische Soziologie des öffentlichen Geheimnisses

„Was ihr nicht rechnet, glaubt ihr sei nicht wahr“

Individualität als Verblendungszusammenhang

Auf den ersten Blick erscheint die Selbstdatenschöpfung als Chance, jene Lebens-Kunst zu perfektionieren, die durch Feuilletons, Lifestyle-Magazine oder Ratgeberbücher im Namen einer gestärkten Subjektivität angepriesen wird. Eine Tendenz der Selbstoptimierung ist nämlich darin zu sehen, dass das Diktat des Besonderen, das Inszenieren des Speziellen und die so auch inszenierte, forciert vorgetragene eigene Lebensform mittlerweile Hochkonjunktur hat. Reckwitz hat diesen Blick auf Selbstständigkeit als Differenzstreben im Horizont eines kulturellen Kapitalismus aufgearbeitet: „Im Modus der Singularisierung wird das Leben nicht einfach gelebt, es wird kuratiert. Das spätmoderne Subjekt performed sein (dem Anspruch nach) besonderes Selbst vor den anderen, die zum Publikum werden.“567 Anders als im fin de siècle um 1900 mit seinen wenigen kunstelitären Zirkeln sucht das Kultsubjekt nun potenziell weltweit Aufmerksamkeit, veröffentlicht sich ubiquitär und nutzt dazu seine medialen Extensionen: „Die allgegenwärtigen sozialen Medien mit ihren Profilen sind eine der zentralen Arenen dieser Arbeit an der Besonderheit. Das Subjekt bewegt sich hier auf einem umfassenden sozialen Attraktivitätsmarkt, auf dem ein Kampf um Sichtbarkeit ausgetragen wird, die nur das ungewöhnlich Erscheinende verspricht.“568 In den verstärkten Subjektivierungstrends seit den 1970er Jahren liegt denn auch eine forcierte Absage an die gemeinsame Erzählung – ein Ideologem, das selbst wieder eine Meistererzählung des Postmodernismus ist und sich in den Individualkulten des Digitalen technisch perfektionieren lässt.

Mögen die Beweggründe für die verstärkte Partizipation im Netz nun zunächst dahin gehen, die eigene Nuance bzw. Individualität zu stärken, steht dies doch unter Bedingungen von öffentlicher Aufmerksamkeit. Unter dem sozialen Druck der Kommunikationsansprüche geht es heutigen Tagebuchschreibern dann auch nicht mehr um kontemplative Selbstbesinnung, um Bilanz oder Planung, sondern vor allem um die knappe Ressource Aufmerksamkeit, die in der weltweiten Öffentlichkeit beansprucht wird: Bin ich gut vernetzt, wie oft wird mein Blog aufgerufen, wer ist mein Publikum – und mit wem und wie vielen wird dieses dann kommuniziert? Warum antwortet das Gegenüber nicht? Solche Fragen einer phatischen, sich selbst bespiegelnden Kommunikation, die sich um das reine Prozessieren von Botschaft und Rückmeldung, Reiz und Reflex kümmert, dominieren nicht nur längst die Chatrooms und Nachrichtenzirkulationen von WhatsApp, Facebook etc. – es scheint insgesamt alltagsprägend geworden, sich um die schiere Quantität von Erreichbarkeiten, Homepage-Zugriffen, des Erwähltseins in Google und Yahoo oder des Gekaufteins in den Amazon-Charts zu sorgen. Und so entscheidet auch in den Blogcharts die Nachfrage auf dem Markt des Informationszirkus über das Gelingen von Selbstschrift, wofür technikgemäß der neueste, optimierte Standard erforderlich ist.

Frappierenderweise ist es längst nicht mehr nur die Kontrollmacht, die seit Sokrates’ Apologie in Form von geforderten Selbstzeugnissen Wirklichkeiten produziert, sei es unter Bedingungen der Rede, der Papierschrift, der buchähnlichen Typographierung durch die Schreibmaschine und erst recht der neuen Medien. Vielmehr gehören Selbsttexte mit Bekenntnischarakter oder freiwillige Datenlieferungen zu den einsozialisierten Ritualen, die weltweit nicht nur freiwillig unternommen werden, sondern zum unerlässlichen und teilnahmepflichtigen Kernbestand kultureller Praktiken zählen. Selbstschrift ist zum Proberaum für eine Ästhetik der Existenz geworden und hat eine bevölkerungsweite Stilsuche mit sich gebracht, die mittlerweile einen neuen Strukturwandel der Öffentlichkeit begleitet. Das tägliche, stündliche oder minütliche Exerzitium mit Selbstzeugnissen, das bei Carl Schmitt noch wie eine Groteske klingt, ist in der Praxis von Selfies, WhatsApp und anderen Präsenz einfordernden common-sense-Veranstaltungen zum Alltag geworden, dessen historische Herkunft und zukünftige Fluchtlinie hier dargestellt werden ←218 | 219→sollten. Solche Teilhabe ist längst einsozialisiert – und dass unter Bedingungen der Moderne ein gewaltiger, politisch und technisch induzierter Konformitätsdruck herrscht, hat Herbert Marcuse bereits 1964 gezeigt, wenn er von einer „automatischen Identifikation“ gesprochen hat, die den vermeintlichen und versprochenen privaten Raum angreife und damit übernehme:

„Massenproduktion und -distribution beanspruchen das ganze Individuum, und Industriepsychologie ist längst nicht mehr auf die Fabrik beschränkt. Die mannigfachen Introjektionsprozesse scheinen zu fast mechanistischen Reaktionen verknöchert. Das Ergebnis ist nicht Anpassung, sondern Mimesis: eine unmittelbare Identifikation des Individuums mit seiner Gesellschaft und dadurch mit der Gesellschaft als einem Ganzen.“569

Diese Entwicklung einer annähernd weltweiten Identifikation mit technischen Formaten trägt das ihre dazu bei, einen eindimensionalen Menschen zu erzeugen, dem das Vorfindliche immer auch das beste und das nächste Ziel immer das erstrebenswerteste zu sein scheint. Diese Konformitätsabsicht progrediert unter Bedingungen eines datenhungrigen Staates, der zunehmend einem Wirtschaftssystem Platz macht, das sich die Selbstverdatung zunutze macht und dann einen eindimensionalen Menschen hoch 2 oder hoch 4 hervorbringt (auch wenn das nur metaphorisch geht). Elsberg merkt dies im Nachsatz zu seinem dystopischen Roman ZERO an, wenn er das Zusammenwachsen der Phänomene beschreibt: „ich bin die Information über mich, mein Körper ein weiterer Datenträger.“570

Erst recht gilt das Diktum unter Bedingungen der digitalen Revolution. Und funktionierte bis ins 20. Jahrhundert die Ich-Datensammlung, wie sie seit den pietistischen und frühpsychologischen Programmen erhoben werden sollte, auf serieller Basis, wurde sie also durch den Flaschenhals der stündlichen oder täglichen Notiz mit jahrelangen Kompilationen und ex-post-Sichtungen geschickt, so können prinzipiell seit Erfindung der Lochkarte und perfektioniert durch digitale Verarbeitung Daten parallel prozessiert werden.571 Eine solche technisch hochgerüstete Produktion der ←219 | 220→Selbstschrift hat nunmehr Wege gefunden, die auch ihre simultane Rezeption und Rückspiegelung ins eigene Leben hinein ermöglichen können. Jaron Lanier, einer der frühen Euphoriker (und mittlerweile Skeptiker) der virtuellen Realität, hat bereits 1993 davon gesprochen, dass die Differenz von Leben und Autobiographie kassiert wird:

„Da sowohl alle Umweltparameter als auch das Verhalten des Benutzers zu jedem Moment innerhalb der virtuellen Realität sämtlich in digitalisierter Form vorliegen, ist es nur eine Frage der Verfügbarkeit von Speichermedien, einen kontinuierlichen Livemitschnitt der virtuellen Vita jedes einzelnen zu erstellen, der dann als externalisiertes Gedächtnis mit Such- und Editierfunktionen verwaltet werden kann.“572

In solchen Formen würde die Nutzung vermeintlich individueller Bedarfszuschnitte dann vor allem jenen Institutionen zuarbeiten, die Daten sammeln und sie weiterverkaufen – was Lanier nunmehr zu Appellen für den Ausstieg aus den Social Media veranlasst.573 Mittlerweile arbeitet Google an einem System, mit dem sich Gedanken unmittelbar im Prozess des Denkens und vor ihrer Artikulation durch Mund oder Hand digital aufzeichnen lassen. Auch wenn für diese Entwicklung noch ein paar Jahre benötigt werden, ist zweifellos schon jetzt das Schreibverhalten avantgardistisch geworden, wenn die Selbstkunst mit akzeleriertem Tempo in den Alltag bzw. in die digitalen Archive hinein ausgeweitet wird. Doch findet darin auch die dargestellte Tagebuchtradition ihren Niederschlag, die bei allem Hang zur Innenschau immer auch das Prozessieren von Daten im Sinn hatte, um nach einem ‚plus ultra‘ der permanenten Optimierung zu streben – sei es der angepeilten Ziele, sei es der Kommunikation und ihrer Beschleunigung selbst. Wer nicht mitschreibt, verschwindet – dafür ist mittlerweile auch der Begriff FOMO geprägt worden: ‘Fear Of Missing Out’ wird sozialpsychologisch relevant als „uneasy and sometimes all-consuming feeling that you’re missing out – that your peers are doing, in the know about or possession of more or something better than you.“574 Eine stärker altruistische Variante ist mittlerweile unter ←220 | 221→dem Kürzel FOBM registriert: ‚Fear Of Being Missed‘ wird bezeichnet als „Angst, zu wenig Informationen für Freunde bereitzustellen, so dass sie nichts vom eigenen Leben mitbekommen“.575 Das rechnerische Give-and-Take, die schiere Quantität der Clicks spielt dabei vermutlich eine größere Rolle als die Qualität der Einträge durch Follower, die über Präsenz oder Outsein, Inklusion oder Exklusion entscheiden. So sinnfrei sie auch sein mögen – es wird damit eine vor allem phatische Funktion von Kommunikation genutzt, die auch in Eggers Circle-Roman persifliert wird. Die Hauptfigur Mae, die in die Fänge der kryptischen, an der Oberfläche hypersozial agierenden Wirtschaftsvereinigung des Circle gerät – eine Mischung aus Google, Amazon und Facebook –, sieht sich bald in die Sozialpflicht genommen:

„Mae sah auf die Uhr […] Binnen einer Stunde stieg ihr PartiRank auf 7.288. Die 7.000 zu knacken war schwieriger, doch um acht Uhr hatte sie es geschafft, nachdem sie sich elf Diskussionsgruppen angeschlossen und darin gepostet hatte, weitere zwölf Zings verschickt hatte, darunter einen, der in der Stunde global unter den Top 5.000 geratet wurde, und sich bei weiteren siebenundsechzig Feeds registriert hatte. Sie war bei 6.872 und wandte sich ihrem InnerCircle Social Feed zu.“576

Netzpräsenz wird begleitet von neuen Supervisionsmedien: Ein Handgelenkmonitor dient der Selbstdatenschöpfung, und ‚TrueYou SeeChange‘ ist im Circle nicht nur ein allüberschauender Sensor, der Informationen bündelt und zur Handlungsgrundlage für den Machtapparat werden kann, sondern ein selbstinstalliertes Auge, das das Subjekt und dessen gesehene Welt ununterbrochen supervidiert und die entstandenen Bilder der Weltöffentlichkeit zur Anteilnahme sendet, vor allem aber den Inhabern des Firmenimperiums zur Nutzung zugänglich macht.

Eine ganz ähnliche Körperkamera, die die amerikanische Firma ‚Sociometric Solutions‘ entwickelt hat, befindet sich bereits im Handel, und entsprechend dazu gibt es bereits eine soziologische Forschungsausrichtung.577 Dieses simultane Mitverfolgen ermöglicht nicht nur Tages- sondern Stunden-, Minuten und Sekundenschrift einer Selbstperformance, die den öffentlichen Raum neu strukturieren und auch regulieren will.

Wenn Foucault die Orthopädisierung als eine Grundanlage der bürgerlichen Gesellschaft bezeichnet hat, ist diese nun zur Allgegenwart geworden, weil sie massenmedial unterstützt wird: Ratgeberliteratur banalisiert die Forschung und bestimmt damit gleichwohl Lebensmaximen oder Unterhaltungssendungen; Medikations- und Freizeitsportbranchen geben Anweisungen zum Self-Tracking, also jener nicht nur immer vollständiger aktivierbaren Datenabnahme, sondern kulturell wirksamen Zahlensammlung, die mit bestimmten Überzeugungen auf seiten des ‚Users‘ und ökonomischen, erzieherischen oder politischen Absichten der Anbieter einhergeht.578 Foucaults Beschreibung – auch hier zurückhaltend und im lediglich anspielenden Gestus Richtung Gegenwart gehalten – bezieht sich auf das 18. Jahrhundert, aber sie ist frappierend aktuell: „Verhaltenstechniker: Ingenieure der Menschenführung, Orthopäden der Individualität“ sind es, die dort die Erziehung beherrschen.579 Vorgedacht, allerdings technisch noch nicht ansatzweise eingelöst, ist das Prinzip bereits mit Leibniz’ medizinalen Fremdaufzeichnungstechniken, die im 18. Jahrhundert imaginativ bei Diderot, Rousseau, Moritz und anderen zu Selbstaufzeichnungsvorschlägen werden. Heute haben solche Praktiken den Alltag übernommen, ihre Akteure geben Muster für Sprachgebräuche und Verhaltensweisen und setzen dem einzelnen Messpunkte dafür, ob er modelltauglich ist oder nicht. Zusammen mit Medizinstatistikern wirken sie auf die Freizeitgestaltung ein, auf das Versicherungswesen und, in Form des Body-Mass-Index und einer gigantischen Zahl von Richtwerten, auch auf die Bevölkerungsplanung und das berufliche Leben. Es werden damit Profile für Menschen designed, die sich permanent optimieren wollen; an Autonomie sind diese meist nicht mehr, an Singularität aber durchaus interessiert, und insofern sie sich auf die Rituale der vorgefertigten neuen Identitätsbildung einlassen, verkörpern sie die neue ‚Auteronomie‘.580 Der ärztliche Bereich ist hiervon aber ←222 | 223→durchaus betroffen – so schreibt auch Wolfgang Herrndorf, als er bereits schwer erkrankt ist und mit seinen Einträgen in Arbeit und Struktur den Druck auf den auteronomen Selbst(be)schreiber ironisiert: „Muss für die Ärzte Stimmungstagebuch führen, jeweils um 8, 13, 19 Uhr Check: Bin ich sehr fröhlich, fröhlich, mittel, bedrückt, sehr bedrückt?“581

Neben der Fremdbeobachtung funktioniert auch in diesem Feld die freiwillige Selbstanalyse, wenn Smartwatches oder Wearables ihren Trägern ermöglichen, permanent Körperdaten aufzuzeichnen, die im Falle der weniger ausgeprägten Schreibfähigkeiten ein Tagebuchsubstitut darstellen können. Im Extrem mündet dies ins Lifelogging, das sich als Möglichkeit begreifen lässt, die Tagebuchprogramme ins Extrem einer möglichst vollständigen Aufzeichnungsform von Körperdaten, Gefühlszustände und Wahrnehmungen zu steigern. Die Datensammelwut von Lifeloggern geht in der Überzeugung des Quantified Self aber auch darauf hinaus, Daten nicht nur diagnostisch zu sichern, sondern für alle nur erdenklichen Fälle schon prophylaktisch zu nutzen, so ihr Apologet Jim Gemmell: „Wir sammeln alle möglichen Daten, weil wir nicht wissen, welche Daten wir einmal in Zukunft brauchen werden.“582 Im Geist der Buribunken von 1900 werden nun Lebensvollzüge, Dienst- und Freizeithandlungen, Reisen, Konzertbesuche und Events aller Art serienweise um des Registrierens und Zählens willen unternommen583 – ein sportives Motiv, mit dem die private Notiz zur obligatorischen Anwesenheitsmeldung im öffentlichen Raum wird.

Strengten romantische Staatstheoretiker Überlegungen an, welche Daten optimalerweise für die politische Statistik zu sammeln wären, fehlte es dort noch an technischem Knowhow. Nunmehr sind es aber vor allem die Maschinen selbst, deren Datensammlung sich autonomisiert und wenig ←223 | 224→durchschaubaren Zwecken dient – jenseits eines neoliberalen Trends zur Selbsteinspannung und Selbstbewirtschaftung, die vorgeblich der Ich-Stärkung dient, gibt es einen Transparenz-Kult vor allem hinsichtlich der Körperdaten, welcher ganz anderen Zielen untergeordnet ist, von denen die ökonomischen vielleicht die harmlosesten sind.584 Als Tagebuchschreiber hat auch Peter Sloterdijk das immer schon sich speichernde Bewusstsein kommentiert, das seine Existenz daraus bezieht, für alle Welt sichtbar notiert zu sein, und zwar im Lebensmodus des Futur zwei:

„Wir haben die Figur des zentralen Zeugen, der zugleich Konservator und Selektor war, in eine Wolke aus lokalen Beobachtern zerstäubt. Wir beschreiben Papier, wir fotografieren, wir stellen ins Netz. Wo vormals Himmel und Hölle zwei Zonen aus bleibenden Daseinsergebnissen bildeten, mit dem Purgatorium als drittem Aufenthaltsort dazwischen, haben wir einen einzigen ontologisch homogenen Aufenthaltsort geschaffen, das Archiv, in dem bis auf weiteres überdauert, was irgendwie überdauern kann.

Die Gläubigen der Buchreligionszeit haben am Ende des 20. Jahrhunderts neu ausgerüsteten Nachwuchs bekommen. Unzählige spüren, wie wenig es genügt, in der Gegenwart herumzuhängen, um ‚wirklich‘, das heißt auf dokumentierte Weise, da zu sein. Sie möchten sich einen Platz auf den Bildschirmen, in der Mediasphäre, im Archiv erobern. Um jetzt zu existieren, müssen sie sich darum sorgen, daß sie da gewesen sein werden – manche stellen schon ihre täglichen Blutdruckwerte ins Netz. Andere masturbieren vor der Webcam-Linse, um sicherzugehen, daß sie morgen die sind, die am Tag davor abgespritzt haben werden. Was man für Exhibitionismus hält, ist ontologische Panik.“585

Datensammlungen und deren Veröffentlichung sind die neuen ‚großen Erzählungen‘, die nicht nur einem gewandelten Sicherungsbedürfnis entsprechen, sondern auch zur Fabrikation von Identität dienen. Die Sorge um sich ist dabei offensiv zu einem Geltungsdrang nach außen gewendet, der in der medialen Existenz bedient wird – so die neue Ontologie des digitalen weltweiten Daseins von global agierenden Ich-Peilsendern. „Erscanne Dich selbst“, so formuliert Michael Moorstedt diesen abendländischen Imperativ neu586 – das Zählen verdrängt das Erzählen, allerdings auch mit der Pointe, dass den Verwaltern und Verwertern von Big ←224 | 225→Data in richtig gewählter Kombination auskunftsreiches Material zuteil wird. Im Vergleich zu den nunmehr realisierten Möglichkeiten der digitalen Suchmaschinen mit ihren Totalaufzeichnungen, vor allem aber selbsttätig abschnurrenden Computerprogrammen ihrer Verarbeitung muten Carl Schmitts gallige Visionen des Buribunkenstaates fast noch als linkisches, eben papiernes Bastelwerk eines riesigen Zettelkastens an, der auf seine Weiterentwicklung in den heutigen BOTs wartet.587 Die Zukunft könnte ein Totalitarismus werden, der das Optimum des Datengewinns zurückschlagen lässt – bestenfalls in den spielerischen Unsinn einer Kommunikation, die lediglich die phatische Funktion ihrer Kanäle prüft und keine Inhalte mehr kennt, schlimmstenfalls in die dauernde Selbst- und Fremdüberwachung der vergessensresistenten Maschinen. Eine angestammte Funktion der Selbstschriften, die Gedächtnisbildung, ist damit im Zeitalter ihrer technischen Perfektionierung auf dem Prüfstand: Ist die ars memoria durch eine ars oblivionis abzulösen, durch den schlichten Befehl DELETE? Die Forderung nach einer solchen Vergessenskultur ist nicht mehr exotisch – dass vielmehr auch digitale Daten eine Verfallszeit haben sollen, um nach ihrem Auftauchen in bestimmter Frist automatisch gelöscht zu werden, hat die Studie von Mayer-Schönberger588 mit plausiblen Anhaltspunkten zur Diskussion gestellt. Chancen wird diese Option indessen nicht bekommen. Denn Daten sind teuer und bieten, wenn auch aus im einzelnen sinnlosen bytes geschöpft, in ihrer Kombination eine Menge Hinweise für politische und kommerzielle Nutzung.

Der Wille zum Sammeln – die gefährliche Prophylaxe

Jenseits von Meyer-Schönbergers Kritik der langfristigen Nutzbarkeit von Datensammlungen ist dieser diachrone Aspekt auch in neueren ←225 | 226→Darstellungen kaum mehr von Belang. Herrscht noch immer der Glaube, man verfüge über die Medien, haben sich indessen die Verhältnisse längst umgekehrt. Der instantane Zusammenfall von Datenabsonderung, Sammlung und möglichst rascher Verwertung ist nunmehr in den Vordergrund gerückt, wenn der technische Standard es erlaubt, aus riesigen Datenmengen in größter Schnelligkeit relevante, zielorientierte Informationen zu gewinnen und diese den interessierten Firmen, Parteien oder Instanzen anzubieten – nämlich in quasi synchroner Form, wie sich dies in Schirrmachers Ego, bei Morgenroth, Welzer und vielen anderen dargestellt findet. Zu tun hat dies mit Techniken der Datenprozessierung, aber auch der expansiven Datenproduktion selbst. Laut dem skandinavischen Research-Center Sintef wurden 90% aller überhaupt verfügbaren und bis 2016 gewonnenen Daten in den letzten zwei Jahren produziert,589 was vermuten lässt, dass die Datenschöpfung weiterhin exponentiell zunehmen wird. Laut Auskunft des Google-Journals Aufbruch – Daten – Wie Informationen das Leben vereinfachen, das dem SPIEGEL vom 25. März 2017 als Anzeigensonderheft beigefügt wurde, entstehen derzeit täglich Datenvolumina in Höhe von 2,5 Milliarden Gigabyte – mehr als es bis 1990 jährlich waren. Dafür braucht es den neuen Berufszweig des Data Scientist, der die Datensätze nach „Potenzialen“ absucht,590 also sie auf bestimmte Verwendungszwecke hin interpretiert. Damit hat sich das antike Ethos jedenfalls in der Breitenwirkung vom ‚Erkenne dich selbst‘ zum ‚Entwickle dich selbst in deinen Daten‘ gewandelt, was sich im Extrem aller möglichen Verläufe durchaus widerspricht.

Humanoptimierer nehmen dabei kein Blatt vor den Mund, und es sind drei immer wieder kehrende Elemente eines Mantras, das die Verwandlung des homo oeconomicus in den Maschinenmenschen durch Einverleibung von Technik vorantreiben soll: Ausdehnung von Möglichkeiten, verstärkte Überwachung und dadurch ermöglichte Prognostik sollen permanent optimiert werden. Padmasree Warrior, Vorstandsmitglied im IT-Unternehmen Cisco, äußerte dazu bei einem Technologie-Kongress: „Die Zukunft wird von Sensoren und dem Internet der Dinge geprägt sein und davon, wie sie unser Leben beeinflussen.“ Die angestrebte komplette Vernetzung des Alltagslebens durch Sensoren knüpft Warrior an klare Zielvorstellungen: „Technologie wird eine Erweiterung dessen sein, was uns als menschliche Wesen ausmacht […] Wir werden sehr viel mehr Technologie an uns tragen. Wir werden uns vielleicht sogar Sensoren injizieren, die verfolgen, was in unserem Körper passiert, sodass er für uns berechenbarer wird.“591 Solche Passagen einer naiv-unverblümten, freilich waffenstarrenden Sprache mögen den Vorzug der Deutlichkeit haben – unschwer lassen sich daran Extreme eines BOT-Fanatismus erkennen, mit dessen Hilfe das Leibnizsche Streben nach Vorhersagbarkeit, das die Datensammlung ermöglichen sollte, in nicht nur körpereigenen, sondern längst schon gesellschaftsweiten Anwendungen einer gewaltigen Cloud perfektioniert werden soll.592

Eine Aussteigerin der Szene, nämlich Elizabeth Charnock, die als CEO von Cataphora fungierte, kann nun bekunden, dass die Vitae der Daten liefernden Bevölkerung resp. der Delinquenten, die ihre Firma in Bezug auf Wallstreet-Vergehen untersucht, herausbuchstabiert werden aus der Masse ihrer Aufzeichnungen: „Unsere Arbeit ist so, als würde man alle Querverweise in den Tagebüchern von fast wahnsinnig peniblen Tagebuchschreibern lesen.“593 Heteronome Individuen formen als Personal das Programm dieser Ich-Schrift, der das Subjekt aber eher unterworfen wird als dass es sie noch produzierte. Eine Diagnose Schirrmachers dazu lautet: „Die neuen Lebensgeschichten sind keine Ich-Geschichten mehr, sondern Du-Erzählungen“, verfasst von Leuten, die die Selbstaufzeichnungen anderer weiterverarbeiten, sie in informative Elemente zerlegen und anderen Nutzern zuführen.594 Dies ist dann auch kaum mehr Auteronomie, sondern schon bewusst in Kauf genommene Heteronomie. Eric Schmidt, der Google-Aufsichtsratsvorsitzende, preist das Smartphone als dafür passendes Medium an: „Es weiß, wer ich bin. Es weiß, was mich interessiert. Es weiß ziemlich genau, wo ich bin. Das ist die Idee der autonomen Suche – die Fähigkeit, mir Dinge zu sagen, die ich nicht wusste, aber die mich wahrscheinlich interessieren, ist ←227 | 228→die nächste Stufe bei der Suche.“595 Markanterweise wird hier der Waren- wie auch der Ich-Profilsuche selbst die Initiative zugesprochen – sie starten bereits, wenn das Subjekt von seinen Wünschen noch nichts weiß, diese aber nach Wahrscheinlichkeiten seiner Lebensführung oder Präferenzen hegen könnte. Man kann diesen Wunsch dann einem Akzentuierungsmuster gemäß wecken und intensivieren, wodurch an einem heteronomen Consumer gearbeitet wird. Diese Tendenz, das Subjekt als Umschlagplatz von Aktionsmomenten zu betrachten und damit seine Ausdehnung in den sozialen Raum zu erweitern, hat Gary Wolf, Gründungsmitglied von ‚Quantified Self‘ 2007 im Begriff eines optischen Mediums gefasst:

“The Quantified Self is the macroscope applied to the individual human. This might seem like a contradiction: how does a tool for collecting data from many different times and places in nature work on a single individual? The answer, of course, is that an individual life can be seen as a collection of countless moments, behaviors, and locations. Within the “n=1” of the individual is an “n=∞” of times, actions, and places.”596

Mediale Entgrenzung unter dem Aspekt der Wirtschaftshandlungen bedeutet radikale Vergesellschaftung des Ich, das hier in die Unendlichkeit seiner Aktionen extrapoliert wird. Der Befund einer solchen ökonomisierten Rationalität, die mit Datenabgaben optimiert werden könne, lässt sich auf prinzipiell alle Lebensbereiche ausdehnen und als neuer Informationskapitalismus beobachten,597 der mit Daten als Mittel zur Risikovermeidung handelt, Verbrechensprävention betreiben will und dabei ein humanistisches Gesicht aufsetzt. Die Leibnizsche Medizinalbehörde mochte noch von guten Absichten getragen sein, um die beste aller möglichen Welten zu sichern und wiederum zu verbessern. Längst sind daraus aber offenkundige Zwecke der Gewinnmaximierung hervorgegangen, sei es in Form von Risikoberechnungen, Steigerungskalkulationen oder mit Blicken darauf, wie ein Subjekt im Markt positioniert ist.598

Dabei drängt eine im Vergleich zum Adam Smithschen Egoisten, der noch auf eine gesellschaftliche Ordnung bezogen war, radikal verschärfte Variante des Ich auf die Bühne, die Frank Schirrmacher als EGO bezeichnet hat und dabei im Modell der Erwerbsstrebens zugleich einen Rückzugsposition bildet – die klassische Autonomiekonzeption des Ich hat ausgedient und weicht dem Begriff eines Ich, das nunmehr dadurch erfolgreich wird, dass es seine Heteronomie akzeptiert und sich zunehmend von Algorithmen bestimmen lässt, die ihm statistisch errechnete Konsum- oder Partner- oder sonstige Lebenshaltungswünsche zur Wahl stellen. Damit ist ein neuer Höhepunkt in der abendländischen Geschichte des homo oeconomicus erreicht, dessen Egoismus nicht mehr von der unsichtbaren Hand Adam Smiths zum Wohl des Ganzen führt (oder im verträglichen Rahmen gehalten wird), sondern der in seine Lenkung einwilligt, Koalitionen mit der Mathesis eingeht und sich über die dataveillance in Funktionszusammenhänge ‚einbringt‘.599

Den Kurzschluss von Datensammlung und ökonomisch-politischer Verzwecklichung gestaltet auch eine neue Generation von Science-fiction-Romanen als Problem der Totalaufzeichnung erzählerisch aus – wobei die Narration der Wirklichkeit kaum noch voraus ist, vielmehr der einstmalige Zeitvorsprung des fiktionalen Textes oft schon kassiert oder sogar überholt ist. In Elsbergs Zero-Roman wird eine Kommunikationsplattform namens FreeMee aktiviert, die ein Lebensoptimierungsprogramm anbietet: Anleitungen zur Selbstverbesserung können von den Nutzern offenbar dort auch erfolgreich angewendet werden, nämlich durch sogenannte ‚Act-Apps‘. Der Anbieter wiederum kann die von den Nutzern gesammelten Daten an die Politik ebenso wie an Wirtschaftsunternehmen verkaufen. Dass es dabei zu Persönlichkeitsveränderungen durch die ‚User‘ kommen mag, macht der Roman frappierend deutlich: Sie werden selbst zu Kontrollierten und Gejagten, indem sie von ihren Datenbrillen durch ein Programm bestimmte Informationen erhalten, was man wiederum per Livestream auf der frischen Homepage ‚nyfugitive‘ mitverfolgen kann. Leitthema ist dann die Observation durch Datennahme, „sei es die Beobachtung anderer oder unserer selbst!“600 Diese Beobachtungssysteme registrieren vor allem, was von der Norm abweicht und also aufmerksam macht bzw. die Wächter zu ←229 | 230→präventivem Zugriff auffordert. So arbeitet der Roman an einer diskursiven Schnittstelle von Science-fiction-Literatur, Feuilleton und medienpolitischen Aussageebenen, die im Text vermischt auftreten und in einem Anhang als Glossar und Redenmaterial verzeichnet sind.

Gegenüber dem ökonomischen ist der politisch-geheimdienstliche Aspekt jedenfalls in der öffentlichen Wahrnehmung schon fast zur Marginalie geworden. Eine erkennbare Rolle spielt trotzdem der ehemalige BKA-Chef Horst Herold, der bereits 1980 die Phantasien des Sicherheitsparanoikers in rückhaltloser Offenheit formulierte:

„Die Grenzenlosigkeit der Informationsverarbeitung wird es gestatten, das Individuum auf seinem gesamten Lebensweg zu begleiten, von ihm laufend Momentaufnahmen, Ganzbilder und Profile seiner Persönlichkeit zu liefern, Lebensformen und Lebensäußerungen zu registrieren, zu beobachten, zu überwachen und die so gewonnenen Daten ohne die Gnade des Vergessens ständig präsent zu halten.“601

Während diese Vision noch in geheimdienstlich-hierarchischer Position von oben formuliert wird, frappiert mittlerweile die Freiwilligkeit und Servilität, die den Willen zur Kommunikation durchzieht und die Preisgabe von persönlichen Äußerungen befördert. David Rowan, Herausgeber des Magazins wired, fordert sogar Unterstützung bei der Auswertung der gesammelten Rohdaten, die „Informationen mit Vorhersagewert“ beinhalten, welche „meine Stimmung vorwegnehmen und meine Effizienz steigern, meine Gesundheit verbessern und meine emotionale Intuition erhöhen, meine Bildungsschwächen und meine kreativen Stärken offenbaren können.“602 Damit wird eine entscheidende Verbindung hergestellt: Politisches oder ökonomisches Fremdinteresse wird als Eigeninteresse etabliert und, verstärkt durch den Sozialdruck der Nutzung des Neuen, als alternativloser Weg angeboten. Aus mindestens zwei Gründen wird die Datenpreisgabe also zur Maxime und ist Selbstoptimierung ein wirkungsmächtiges Glücksversprechen geblieben – providentiell genutzte Datenschöpfung, wie sie mit Leibniz’ Wissensspeichern am Horizont erschien, wird nun auf breitester ökonomischer Basis unternommen. Man kann mit ihr aber auch politische ←230 | 231→Effekte erzeugen und Manipulation betreiben, wie die Affäre um den Facebook-Konzern mit seinen Datenverkäufen an das britische Unternehmen Cambridge Analytica jüngst gezeigt hat – von dort aus wurde Wahlhilfe nicht nur für Donald Trump, sondern ebenso für die Brexit-Entscheidung geleistet.

Dass damit der Transparenzbegriff auch Merkmale eines Albtraums bekommt, ist evident. Die Frage, woher die Lust an der bürokratischen Selbstunterwerfung rührt, ist Gegenstand neuer soziologischer Forschung geworden: Die Manie des Quantifizierens, der Wertstellung in Tabellen, Diagrammen oder Quartalsberichten, hat etwa David Graeber eindringlich beschrieben.603 So gehört es zu den zentralen Einsichten seiner kritischen Bürokratietheorie, dass einmal vorhandene Regulierungsformen und -zwänge nicht zurücknehmbar sind, sondern stets systemisch gesteigert werden und nicht abnehmende, sondern stets zunehmende Energie dort hinein investiert wird. Auch (Markt-) Liberalität oder die Verhinderung von Machtmissbrauch und insgesamt neue, auch antibürokratische Strömungen brauchen nicht etwa weniger, sondern immer mehr neue Regeln. Aller Drangsalierung und Verumständlichung des Lebens durch Formzwänge, aller systemischen Geschlossenheit der Bürokratie stehe als Positivum neben Klarheit und Transparenz auch ihre Indifferenz entgegen – sie ermöglicht eine Gleichbehandlung, die es unerheblich macht, in welcher Kleidung oder mit welchen sonstigen persönlichen Eigenheiten der einzelne Bürger einen Antrag bei der Stadtverwaltung stellt, seine Ansprüche auf Rentenzahlung geltend macht oder welches Anliegen auch immer vorträgt.604 Perpetuiert wird Bürokratie aber auch durch den menschlichen Wunsch nach der Ordnung der Welt und ihrer Konstruktion605 – auch dies gibt den Energieaufwendungen für Bürokratie eine plausible Erklärung. Erst recht mache ein neuer Anspruchsindividualismus, in dessen Namen immer mehr juristischer Regelungsbedarf entsteht, ein hohes Maß an Verwaltung nötig – das dann ←231 | 232→freilich auf ‚Verbraucher‘ und ‚Nutzer‘ zurückschlägt. Plausibilitäten und historische Entwicklungen zählen dann nicht mehr, wichtig wird die Durchsetzung einer rein gegenwärtigen Glücksambition, die mit Bestimmungen und Rechten ausgestattet wird und sich in unternehmerischen Ansprüchen niederschlägt. Im Extrem kann man dann zu der Auffassung gelangen, die Graeber bei allem Bemühen um ausgewogene Diagnostik doch einmal pointiert:

„Die ‚Selbstoptimierungs‘-Philosophie, aus der diese neue bürokratische Sprache zum großen Teil entlehnt ist, beharrt darauf, dass wir in einer zeitlosen Gegenwart leben, dass Geschichte bedeutungslos ist, dass wir uns die umgebende Welt durch die Kraft unseres Willens selbst erschaffen. Das ist eine Art von individualistischem Faschismus.“606

Die Polemik ist vor allem so zu verstehen: Wenn das Individuum insbesondere seinen Anspruch verfolgt, Warenwerte und Dienstleistungen abzuschöpfen und seine Ansprüche gegen alle konkurrierenden Individuen durchzusetzen, entstehen inmitten von kalkulierenden, Zeit messenden Lebenshaltungen Auswüchse, welche alle geschichtliche Selbstrelativierung hinter sich lassen, zunehmend den Alltag durchwuchern und sich sogar durch soziale Zusammenschlüsse stützen wollen. Im Versuch, durch Social Engineering die soziale Interaktion durch Medien und ihre Konformitätszwänge zu konstruieren, wird an einem ‚metrischen Wir‘ gearbeitet, das seinen Existenzort durch Quantifizierung bestimmt und das gleichwohl kompetitiv verfasst ist, insofern es um Statussicherung und Verteidigung geht.607

Die Suche nach Identität durch Selbstschrift ist dadurch nicht obsolet geworden. Immer noch ist das Aufschreiben ein Möglichkeitsfeld und eröffnet es einen Raum von Zeichen, der zur Selbstverständigung dienen kann. Hat das Ich das Potenzial des Erzählens erst einmal entdeckt, wird es nicht aufhören, sich zu schreiben, seine Spiegelungen auszuprobieren, fiktive Gewänder überzustreifen, dies mehr oder weniger ausführlich und in ganz unterschiedlichen Stilen. Selbstschrift ist und bleibt ansteckend – ebenso aber wie die diskursiven sowie macht- und medienpolitischen Bedingungen, unter deren Aufsicht das Ich schreibt. Nietzsches Wort von der Welt ←232 | 233→als Versuchslabor, in dem wir selbst „Menschen der Experimente“ sind,608 ist noch in Zeiten der Gutenberg-Galaxis geschrieben, und auch die Hoffnungen der narrativen Biographieforschung mit ihrem klassisch-modernen Identitätsbegriff sind letztlich an das traditionelle Lese- und Schreibmodell gebunden: Kontinuität, Kohärenzstreben, Synthese der Vielheiten und die Integration eigener mit sozialen Perspektiven sind Eigenschaften oder Fähigkeiten, die auch damit zu tun haben, dass sie in längeren Zeiträumen erarbeitbar sind.609 Geprägt sind sie von einem Horizont der klassischen Anthropologie des ‚ganzen Menschen‘, der mittlerweile kaum noch erreichbar scheint.

Ob nämlich das Erzählselbst in der digitalen Ziffernwelt noch in der Lage ist, das radikal Andere der Zähltechnik, das Kittler in den technischen Gestellen sieht, in einen Erfahrungshorizont zu bringen,610 wird zu beobachten sein – ebenso wie die zweifellos neu entstehenden Formen des Tagebuchs, die von Bildern, Audiodateien oder Körperdiagrammen geprägt sein werden. Dabei verschwinden die langen Erzählbögen traditioneller Lebensgeschichten und ist die Gestaltsuche mit allen Kohärenz- und Abrundungsbemühungen zumindest gefährdet. Brüche werden vielmehr in der Aktivierung von kurzzeitig-spontanen und instantanen (Selbst-) Darstellungselementen billigend in Kauf genommen und im neuen Ideal des ‚flexiblen Menschen‘ sogar gefordert.611 Das klassisch-moderne Identitätskonzept weicht zunehmend den zerstückelten, flackernden, kleinteiligen und situationellen Identitätsgefühlen mit ihren Konzepten von polyperspektivischer Zerstreuung und steter Differenz – und entspricht dem neoliberalen ‚disruption‘-Pathos, der permanenten Geste des Zerschlagens um der ständigen Neuerung willen in immer kürzeren Zeittakten. Es wird sich zeigen, wie die Entscheidung von Diaristen ausfällt – für das Abtauchen in Bild, Ton und Körperdiagramm oder für die Zeitmitschrift als sozialer, kritischer Praxis.

566 Mephisto zum Kanzler (Faust II, V. 4920; I/7,1, S. 213.

567 Andreas Reckwitz: Singularitäten, S. 9.

568 Andreas Reckwitz: Singularitäten, S. 9 f.

569 Marcuse: Der eindimensionale Mensch (1964, S. 30).

570 Elsberg: ZERO, S. 493.

571 Rieger (2012, S. 367) spricht hier von der „Erfolgs- und Überlieferungsgeschichte operativ verbesserter Gedächtnisleistungen“, insofern die fortgeschrittene parallele Datenverarbeitung die seriellen oder sequentiellen Wege optimiert.

572 Lanier 1993, S. 75 f; mittlerweile von ihm in zahlreichen Aufrufen und Talkshow-Äußerungen skeptisch behandelt.

573 Vgl. Laniers umfassende politische, soziale und individualpsychologische Argumentliste gegen die „algorithmische Verhaltensmodifikation“ (Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst, 2018, S. 11).

574 Miranda 2011.

575 Wampfler 2014, S. 113.

576 Dave Eggers: Der Circle, S. 219 f.

577 Vgl. Morgenroth 2014, S. 139; zur neueren Forschung Balandis/Straub 2018, S. 10.

578 Betroffen sind damit eben nicht nur praktische Umgangsformen des einzelnen mit der Umwelt, sondern auch symbolische Weltverständnisse von Subjekten und Kollektiven; vgl. Balandis/Straub 2018, S. 7.

579 Foucault: Überwachen und Strafen, S. 380.

580 Vgl. Jürgen Straubs Begriffsbildung des Autonomie suchenden, aber sich der Fremdbestimmtheit ausliefernden Subjekts: Selbstoptimierung im Zeichen der „Auteronomie“ (2013).

581 Herrndorf: Arbeit und Struktur, 12. März 2010, 5:00; S. 16.

582 Jim Gemmell 2014, zit. nach Welzer 2016, S. 118; zum Lifelogging vgl. Bell/Gemmell 2009 und wiederum im affirmativen Sinne Bell 2015.

583 So auch das Argument von Harald Welzer (2016, S. 126) für unterschiedliche Lebensbereiche, auch die Freizeit: „Der arme Jogger läuft ja nicht, um zu laufen, sondern um Daten zu produzieren. Die Partygängerin geht auf Partys nicht, um Spaß zu haben, sondern um zu dokumentieren, dass sie Spaß hat.“ Dies bemerkte freilich schon Hebbel, der sich über Menschen beklagte, die nicht schreiben, weil sie etwas fühlen, sondern nur fühlen, dass sie schreiben (13. April 1837, I, S. 139).

584 Vgl. Rieger 2018, der die von der Quantified-Self-Bewegung angestrebte „kompetitive Leistungsschau“ (S. 48) kommentiert.

585 Sloterdijk: Zeilen und Tage, S. 319 f.

586 Vgl. Moorstedt 2014.

587 Der Aspekt ist soeben vom Literaturbetrieb in spielerischer Absicht aufgenommen worden, wenn Aufzeichnungen von Clemens J. Setz neu abgemischt und durch Lektoratsfragen neu perspektiviert werden (BOT. Gespräch ohne Autor, 2018).

588 Vgl. Mayer-Schönberger 2010, mit umfassender Sozialkritik so auch Lanier 2018.

589 Welzer 2016, S. 30.

590 Google: Aufbruch, S. 30.

591 Zit. nach: Steven Hill: Die Start-up-Illusion: Wie die Internet-Ökonomie unseren Sozialstaat ruiniert, S. 233.

592 Vgl. Hill 2017, S. 234 ff. und passim.

593 E-Habits, Pos. 132, zit. nach Schirrmacher 2014, S. 262.

594 Schirrmacher 2014, S. 263.

595 http://searchenigineland.com/schmidt-great-stage-search (zit. nach Schirrmacher 2014, S. 200).

596 Wolf: http://antephase.com/quantifiedself.

597 Vgl. Schirrmacher 2014, S. 10, 141 u.ö.

598 Etwa bei Pre-Employment-Screenings, wie sie z.B. die FirmaSignum Consulting durchführt, um Betrug bei Abschlüssen und Zertifikaten zu verhindern und aussagekräftige Prognosen über den Berufserfolg zu machen.

599 So der Begriff von van Dijck 2014.

600 Elsberg: ZERO (2015), S. 446.

601 Horst Herold: Polizeiliche Datenverarbeitung und Menschenrechte (1980), zit. nach Welzer 2016, S. 39.

602 David Rowan: Die Auswertung persönlicher Daten (2012), zit. nach Welzer 2016, S. 118.

603 Vgl. Graeber: Bürokratie, 2017, S. 52f.

604 Vgl. Graeber: Bürokratie, S. 220; zur unparteilichen Rationalität von Bürokratie vgl. bereits Max Weber: Bürokratische Herrschaft. In: ders.: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie. Frankfurt a.M. 2005, S. 703–738.

605 Vgl. Graeber: Bürokratie, S. 203 ff.

606 Graeber: Bürokratie, S. 46.

607 Vgl. Steffen Mau: Das metrische Wir (2017).

608 Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse, II, S. 674.

609 Vgl. Straub: Identität (2011).

610 Vgl. Friedrich Kittler: Eine Kulturgeschichte der Kulturwissenschaft, S. 214 f., S. 238 f.

611 Mit kritischem Ansatz Richard Sennett: Der flexible Mensch (1998); Joseph Vogl: Poetik des ökonomischen Menschen (2007).