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Transcultural Approaches to the Concept of Imperial Rule in the Middle Ages

Edited By Christian Scholl, Torben R. Gebhardt and Jan Clauß

During the Middle Ages, rulers from different regions aspired to an idea of imperial hegemony. On the other hand, there were rulers who deliberately refused to be «emperors», although their reign showed characteristics of imperial rule. The contributions in this volume ask for the reasons why some rulers such as Charlemagne strove for imperial titles, whereas others voluntarily shrank from them. They also look at the characteristics of and rituals connected to imperial rule as well as to the way Medieval empires saw themselves. Thus, the authors in this volume adopt a transcultural perspective, covering Western, Eastern, Northern and Southern Europe, Byzantium and the Middle East. Furthermore, they go beyond the borders of Christianity by including various caliphates and Islamic «hegemonic» rulers like Saladin.

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Imperiale Konzepte in der mittelalterlichen Historiographie Polens vom 12. bis zum 15. Jahrhundert (Grischa Vercamer)

Grischa Vercamer (Berlin)

Imperiale Konzepte in der mittelalterlichen Historiographie Polens vom 12. bis zum 15. Jahrhundert

Als ich die Einladung bekam, über imperiale Konzepte der Historiographie im polnischen Mittelalter zu reden,1 war ich mir zunächst nicht ganz sicher, ob ich nicht die berühmte Nadel im Heuhaufen suchen müsste. Von diesem vorschnellen Urteil bin ich vollkommen abgerückt. Es ist in der polnischen Historiographie – die Hagiographie wird ausgenommen, weil diese den hiesigen Rahmen doch sprengen würde2 – wirklich einiges zu finden, was ich im Folgenden vorstellen möchte.←321 | 322→

Es sei zunächst betont, dass es selbstverständlich um Vorstellungen der Geschichtsschreiber geht,3 die nicht deckungsgleich mit der politischen Realität des polnischen Mittelalters sind. Über diese Vorstellungen lassen sich allerdings bekanntlich viele Aussagen über das Selbstverständnis einer gegebenen Gruppe, hier der polnischen Eliten, machen.

Zu Beginn soll in groben Zügen die polnische Geschichte speziell in Bezug auf das Thema skizziert werden: Im ostmitteleuropäischen Raum nahm Polen eine exponierte Stellung ein. Besonders im Spätmittelalter handelte es sich um ein großes multiethnisches Herrschaftsgebilde mit ca. drei Millionen Einwohnern. Im Hochmittelalter geht man (vor der ersten polnisch-litauischen Union von 1386) von ca. 1,5 Millionen Einwohnern aus.4 – Die meiste Zeit seit der Taufe Mieszkos I. im Jahr 966, die normalerweise als Eintrittsdatum Polens in die europäische Geschichte angesehen wird, war Polen ein Herzogtum (ducatus, regnum); nur vereinzelt und auch meist nur kurz trugen seine Fürsten den Titel eines Königs (rex), nämlich: Bolesław I., Mieszko II., Bolesław II., Przemyśl II. Bis ca. 1320 war das polnische Fürstentum immer wieder existenzbedrohenden äußeren und inneren Gefährdungen ausgesetzt und unterlag seit 1138 (teils auch schon←322 | 323→ zuvor) zentrifugalen Teilungstendenzen, die von den regionalen piastischen Teilfürsten ausgingen.5

Mit dem seit 1295 und dann besonders seit 1320 wiedererstarkten Polen fielen gleich zwei Großregionen als relativ selbständig aus dem polnischen Herrschaftsverband heraus: Masowien und Schlesien. Dort herrschten weiterhin bis in die Frühe Neuzeit Zweige der piastischen Dynastie, während die Piasten im eigentlichen Polen mit dem Tod Kasimirs III. (1370) im Mannesstamm ausstarben und wenig später (seit 1385/86) von den Jagiellonen beerbt wurden. Von einem ausgedehnten Reich, das unserem Verständnis eines Imperiums nahekommt, kann eigentlich realiter erst mit den verschiedenen polnisch-litauischen Unionen in der Zeit seit dem späten 14. Jahrhundert gesprochen werden. Das 16. Jahrhundert, in welchem Polen-Litauen zeitweise die ganze ostmitteleuropäische Großregion dominierte, wird nicht umsonst in der polnischen Geschichtsforschung als das ‚goldene Zeitalter‘ angesehen.6

Einige wichtige Eigenheiten des hoch- und spätmittelalterlichen Polen seien noch kurz angesprochen: (a) Der Zuzug besonders deutscher Siedler in die großen Städte (Krakau, Breslau),7 besonders in Schlesien auch aufs Land, ab dem frühen 13. Jahrhundert veränderte die ethnische Zusammensetzung nachhaltig – die Eigenentwicklung Schlesiens bis in die Neuzeit ist mit dieser Veränderung stark verbunden.8 (b) Der polnische kleinere Adel (szlachta) bildete nicht erst seit dem liberum veto der Frühen Neuzeit ein wichtiges Element im polnischen Herrschaftsverband, sondern bereits seit dem späten 14. Jahrhundert (im Kaschauer Privileg 1374 und durch das berühmte neminem captivabimus 1433 etc.). (c) Die direkte Nachbarschaft zum römisch-deutschen Reich beeinflusste Polen während seiner gesamten←323 | 324→ Geschichte sehr. Obgleich es nicht wie Böhmen über Lehnseide an das Reich gebunden war, waren doch besonders in den ersten 200 Jahren ab dem 10. Jahrhundert immer wieder Tendenzen vom Reich ausgegangen, Polen in eine Abhängigkeit und ständige Tributpflicht zu zwingen.9

Die angesprochenen Zerfallsgefahren und äußeren Risiken standen den polnischen Eliten sicherlich deutlich vor Augen. Man mühte sich daher in den historiographischen Werken besonders um einen Einheitsgedanken, den man entweder über den Personenkult der polnischen Heiligen (angefangen mit den Heiligen Adalbert und Stanislaus, die beide sehr schnell heiliggesprochen wurden)10 oder aber über die konstruierte (glorreiche) gemeinsame Früh- und Vorgeschichte zu manifestieren suchte. Dabei wurden die ersten historisch nachgewiesenen Fürsten (Mieszko I., Bolesław I. der Tapfere) meist in die Vorgeschichte einbezogen. Obgleich diese historischen Fürsten real existierten, muss dem modernen Rezipienten doch deutlich vor Augen stehen, dass diese Herrscher von dem ersten und zweiten Chronisten Polens – Gallus und Vincent –, und in Folge von allen weiteren Chronisten, sehr stark konstruiert und inszeniert wurden. Pars pro toto kann hier die Erzählung über die Gnesenfahrt von Otto III. und das Zusammentreffen mit Bolesław III. genannt werden;11 Thietmar von Merseburg, ein Reichsbischof und Zeitgenosse der beiden Herrscher, berichtet 1018 nur kurz über diese Zusammenkunft,12 während Gallus rund hundert Jahre später ausgiebig darüber zu erzählen weiß und ganz sicher vieles dabei erfunden hat oder zumindest stark übertreibt.←324 | 325→

Obgleich der historisch nachweisbare Einfluss der piastischen Fürsten in der Großregion Ostmitteleuropas – gegenüber den Kiewer Rus‘, den Böhmen, den Ungarn, den baltischen und prußischen Stämmen – nicht als gering eingeschätzt werden darf, scheint es auf den ersten Blick unpassend, von einem imperium zu sprechen. Offenbar haben die polnischen Chronisten dies ähnlich gesehen, da sich nur für die historisch schwer zu fassende Vor- und Frühzeit, bis Anfang des 11. Jahrhunderts, imperiales Vokabular in den historiographischen Werken festmachen lassen. Stichprobenartig habe ich spätere, für Polen einschneidende Ereignisse überprüft, die sich als historische Grundpfeiler für imperiale Anleihen angeboten hätten.13 Durchgehend in der polnischen Historiographie ist bei diesen wichtigen Daten eben gerade keine Rede von Imperien oder imperialen Bestrebungen Polens. Letztlich muss man für die historische Bezugszeit in den Chroniken dann doch erkennen, dass die Erhöhung zum König für die polnischen Fürsten bereits ein bedeutender Schritt war. Viel eher als über einen potentiellen polnischen imperator wird also darüber gehandelt, ob sich ein polnischer Fürst überhaupt für die Königswürde eignet oder eben nicht (dyademate regio insignitus oder dyademate regio insignitus minime).14 Wahrscheinlich hätte man sich für die spätere Zeit (ab dem 12. Jahrhundert) als Geschichtsschreiber doch zu sehr exponiert, vielleicht sogar lächerlich gemacht, wenn man seinen Lesern mit imperialen Vergleichen gekommen wäre.

Es ist also somit die Konstruktion der polnischen Vor- und Frühgeschichte, auf die wir uns hier zu konzentrieren haben. Die polnische Chronistik (abgesehen von einigen Annalen und hagiographischen Werken) ist im Grunde genommen recht übersichtlich:

Gallus Anonymus, Chronica et Gesta Ducum sive Principum Polonorum (1113–1116)

Vincentius (Vincent) Kadłubek, Chronica Polonorum, (appr. 1204)←325 | 326→

Cronica Petri comitis Poloniae das sogenannte: Carmen Mauri (zwischen 1153–1163)

Ungarisch-Polnische Chronik (ca. 1221–34)

Chronica Polonorum / Chronicon Polono-Silesiacum (um 1280) (wahrscheinlich Engelbert von Lubiąż)

Chronica Poloniae Maioris (Ende des 13. Jahrhunders) (angenommene Autorenschaft: Godzisław Baczko / Jan von Czarnków)

Chronica Dzirsvae (Kronika Dzierzwy oder Mierzwy im Polnischen) (am Beginn des 14. Jahrhunderts)

Joannis de Czarnkow, Chronicon Polonorum (Ende des 14. Jahrhunderts)

Peter von Byczyna, Chronica Principum Polonie (1382–86)

Jan Długosz, Annales seu Cronicae incliti Regni Poloniae, Libri XII (1455–1480)

Die gekennzeichneten Werke wurden für diesen Artikel herangezogen, während die Auswertung der anderen Werke für das Thema irrelevant ist, da dort keine Vorgeschichte erzählt wird.

Bei den zu besprechenden Werken handelt es sich interessanterweise jeweils um Auftragsarbeiten:15 Gallus und Vincent betreffen dabei noch←326 | 327→ ganz Polen, während die späteren Werke eben im Namen eines Teilfürsten (Großpolen, Kleinpolen mit Krakau, Schlesien) verfasst wurden. Vom Umfang deutlich heraus fällt das monumentale Werk von Jan Długosz aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Gerade diesem Werk ist eigen, dass es nicht mehr herrschaftliches Auftragswerk war, sondern durch den Vorgesetzten von Jan Dlugosz, Bischof Zbigniew Oleśnicki von Krakau, inspiriert wurde – hier ist ein deutlicher Unterschied zu den Vorgängern zu sehen.

Wie lässt sich nun sinnvoll vorgehen? Sammelt man einfach Stellen, bei denen von imperium und eben nicht von ducatus, regnum oder res publica die Rede ist? Letztlich gibt es davon aber doch recht viel. Die Durchsicht dieser Stellen hat ergeben – und das sei schon hier festgehalten –, dass es für alle polnischen Chronisten selbstverständlich war (außer für Gallus, der erst mit Piast im späten 9. Jahrhundert einsetzte), das antike oder vorhistorische Fürstentum der Polen als imperium Polonorum16 zu bezeichnen. Es sei aber auch darauf hingewiesen, dass die Vokabel imperium selbstverständlich zweideutig ist und sowohl (a) in der Bedeutung „Herrschaft“ oder „Befehlsgewalt“, (b) als auch „Königtum“ und „Fürstentum“ (wobei bei dieser doch zu fragen ist, warum ein Autor nicht ducatus oder regnum verwendet, sondern imperium) auftreten kann.17 Findet man daher eine Stelle wie die, in der Lestek III. das imperium seines Vaters erbte,18 so kann diese unterschiedlich interpretiert werden – er erbte die Herrschaft und/oder er erbte das Herrschaftsgebiet. Hingewiesen sei weiterhin darauf, dass – mit einer Ausnahme – kein direkter Titel imperator von den Chronisten benutzt wird, sondern eben immer unpersönlich von imperium die Rede ist. Die eine Ausnahme betrifft Vincent Kadłubek (und ihm folgen die späteren←327 | 328→ Chronisten) – er nennt eine abstrakte imperatrix Poloniae,19 welche die Ansprüche auf Tribut von Alexander dem Großen zurückweist. Damit sind ganz allgemein das Land Polen bzw. die Polen an sich gemeint.

Ohnehin fiel bei der Durchsicht des Materials zur Vorgeschichte auf, wie sehr die späteren Autoren von Gallus und Vincent abhängig waren. Selbst Długosz orientiert sich vollständig an Vincent, auch wenn er etwas blumiger berichtet und stärkere geographische Exkurse einführt. Seit der Großpolnischen Chronik vom Ende des 13. Jahrhunderts, also gut 100 Jahre nach Vincent, wird die Vorgeschichte abermals nach hinten verschoben und setzt dann bereits bei Noah und Japhet und dessen Nachfahren Lech (dem Urvater der Polen) an.20

Daher scheint es zielführender, anstatt das gesamte gesammelte Material hier auszubreiten, (a) Gallus und Vincent eingehend zu besprechen, (b) Abweichungen in den übrigen Chroniken zu thematisieren und (c) am Ende einige Diskurse zur polnischen Vorgeschichte und zu den imperialen Vorstellungen zu formulieren. Bei diesen Diskursen handelt es sich dann um allgemeine Tendenzen, die sich bei allen polnischen Geschichtsschreibern über die Jahrhunderte wiederholen und die damit auf ein speziell polnisch ausgeprägtes Imperiums-Konzept verweisen.

Als erstes jedoch müssen wir uns fragen, was ein Imperium ausmacht und wie das mittelalterliche Polen in diese moderne Definitionen hineinpassen könnte. Nach Herfried Münkler sind Imperien „Garanten und Schöpfer einer Ordnung“ – sie kennen keine gleichberechtigten Nachbarn und lehnen jede hegemoniale Gleichheit ab.21 Mit Michael Mann unterscheidet Münkler vier Quellen der Macht (militärische, politische, ökonomische und ideologische Macht) und sieht besonders beim römischen Imperium den Übergang (die „augusteische Schwelle“, wie Michael Doyles es genannt hat)22 von einer militärischen Gemeinschaft zu einer kulturell-ideologischen mit hoher Strahlkraft. Die mittelalterliche Fortsetzung ist nicht mehr so klar erkennbar – das römisch-deutsche Kaisertum bleibt lange Zeit diffus. Der←328 | 329→ Kaiser unterschied sich in seinem Rechtsanspruch kaum vom König. Seine Macht war im Früh- und Hochmittelalter selten näher umschrieben. Als dieses aber schließlich gefordert wurde, kam das Kaisertum in Konflikt mit den umliegenden Königen.23 Daher führte das hochmittelalterliche Konzept des rex imperator in regno suo24 zur „Diffusion imperialer Traditionen in den europäischen Monarchien.“25 Andersherum kann anhand der Titel von englischen und spanischen Königen (imperator, imperium, augustus, basileus) gut nachgewiesen werden, dass das politische Selbstverständnis hier sehr unabhängig ausgeprägt war.26

Derartige Titel wurden also mit einer großen Selbstverständlichkeit gebraucht und niemand störte sich scheinbar daran. Die Sakralität des Kaisertums findet sich bei den französischen und englischen Königen (durch die Heilungskraft) wieder. Die Selbstfindung und die referentielle Identifikation des römisch-deutschen Kaisertums – gerade im Zusammenspiel und Konflikt mit dem Papsttum27 – sollte das gesamte Mittelalter anhalten. Dem←329 | 330→ frühmittelalterlichen Anspruch des unus imperator in orbe28 oder auch des dominus mundi-Konzepts wurde – wir haben es schon oben bei den Titeln der Spanier und Franzosen gesehen – von den anderen europäischen Herrschern nicht entsprochen.29 Andererseits gab es selbstverständlich das Verständnis der translatio imperii oder auch die Zwei-Schwerter-Lehre, die den ‚einen‘ römischen Kaiser hervorhoben. Besonders unter den Ottonen und Saliern äußerte sich solch ein Verständnis machtpolitisch darin, dass die deutschen Kaiser Päpste einsetzten. Auch setzten die deutschen Herrscher hier und da Könige ein (Böhmen 1085, 1158, 1198; Polen [umstritten] 1000; Zypern und Kleinarmenien 1195) und generierten daraus eine imperiale Oberherrschaft.30 Dies gelang ihnen aber nur in Gebieten (und auch nur zeitweise), in denen die deutschen Kaiser ganz konkret machtpolitisch und militärisch überlegen waren. Es wurde eben keine pax theutonica (in Anspielung an eine pax romana) flächenwirksam aufgebaut. Wenn nordöstliche Nachbarn des mittelalterlichen römisch-deutschen Reichs zeitweise tributabhängig waren oder auch den Kaiser um Beistand ersuchten, so hatte das meist konkrete machtpolitische Gründe, und eigentlich kam das römisch-deutsche Reich nicht über eine von Ulrich Menzel kürzlich als zweite, schlechter bezeichnete Variante bezüglich der Definition eines Imperiums hinweg.31←330 | 331→

Die oben angesprochenen Konzepte wurden, so lässt sich summieren, kaum als allseits bindend angesehen, sondern waren eher ein theoretischer Unterbau, um die eigenen Interessen durchzusetzen.32 Das Verständnis der hochmittelalterlichen Intellektuellen und meinungsbildenden Eliten teilte sich einerseits in ein recht steifes theoretisch-ideologisch aufgeladenes Bild eines Kaisers und eines imperium (selbstverständlich propagiert v. a. von Intellektuellen des römisch-deutschen Reichs) und andererseits in das Bild einer real gelebten Ordnung, welche wesentlich stärker auf Gleichrangigkeit der europäischen Könige beruhte – zumindest „Alteuropas“, um mit Oskar Halecki zu sprechen, der davon das nord-östliche „Neueuropa“ unterscheidet, das erst spät, im 9./10. Jahrhundert, in die römisch-christlich geprägte Kultursphäre des südlichen und westlichen Europas eintrat.33

Was letztlich an sehr konkreten Rechten dem Kaiser im Hoch- und Spätmittelalter blieb, wurde von Lupold von Bebenburg im „Tractatus de iuribus regni et imperii Romani“ (um 1340) formuliert. Daraus resultiert, dass der römisch-deutsche König vor der Krönung durch den Papst zum←331 | 332→ Kaiser, durch die Wahl der deutschen Fürsten berechtigt war, in Deutschland, Burgund und Italien zu herrschen. Damit herrschte er immerhin über drei regna – vereint unter seinem „Königtum“ (Kaisertum). Von diesem theoretischen Ansatz Lupolds war es dann nur noch ein Katzensprung zu dem zeitgleich umgesetzten licet iuris (1338) bzw. der Goldenen Bulle (1356), welche genau diese Rechte konkret rechtlich festlegten.

Zurückkehrend zu den Definitionen Herfried Münklers und Ulrich Menzels, dürfte es im mittelalterlichen Europa überhaupt keine Imperien gegeben haben, da selbst das römisch-deutsche Reich seine zumindest westlichen Nachbarn wie Frankreich und England lange Zeit als gleichberechtigt anerkannt hat bzw. anerkennen musste und noch nicht einmal hegemoniale Macht ausüben konnte. Ein Klientelstaatswesen wie im antiken römischen Reich wäre für das mittelalterliche Pendant völlig undenkbar gewesen. Was tun? Mit der Commonwealth-Theorie von Garth Fowden34 könnte man für das europäische Mittelalter immerhin argumentieren, dass der antike imperiale Gedanke auf alle europäischen, mittelalterlichen Reiche übergegangen war: Sie standen relativ gleichberechtigt nebeneinander – zusammengehalten durch die ideologisch-kulturelle Form des Christentums sowie durch die Anerkennung des Papstes als oberstem geistlichen Führer. Das Reformpapsttum und der Investiturstreit führten auf die Dauer zu einer Schwächung des Kaisertums, da die mit dem Reich konkurrierenden Könige sich immer an den Papst als Schiedsrichter wenden konnten. Es war also eine ausgesprochene checks-and-balance-Politik, die bemerkenswerterweise über Jahrhunderte ohne größere militärische Konflikte oder Auslöschung eines Fürstentums auskam. Hervorzuheben ist dabei, dass es sich um eine imperiale christliche Wertegemeinschaft in Europa handelt, in welche nach und nach alle regna und principes durch die von ihnen vorgenommene Christianisierung eintraten bzw. integriert wurden. Taten sie das nicht, verschwanden sie meist als Entitäten.35←332 | 333→

Diese bis ins Spätmittelalter gewachsene Wertegemeinschaft ließ es ‚gemeinschaftlich‘ nicht zu, von außen oder innen erobert zu werden. Es verbot sich für christliche regna geradezu, andere christliche regna gänzlich zu erobern. So galt zwar weiterhin nominell der imperiale Anspruch des Reichs, aber praktisch konnte dieser gar nicht durchgesetzt werden. Jedes regnum entwickelte seinen eigenen, internen Verwaltungs- und Rechtsaufbau besonders im Hochmittelalter und so konnte das römisch-deutsche Reich eigentlich nur verlieren. Im Sinne dieser realiter gelebten Gleichberechtigung konnten sich Historiographen und Ideengeber der einzelnen regna (eben auch Polen) durchaus bemühen, eigene ‚imperiale‘ Geschichten zu formulieren, um mit der tatsächlich ja vorhandenen ideologischen Tradition und Reputation des Imperium Romanum zu konkurrieren. Wie sah dies konkret in Polen aus?

(a.) Gallus und Vincent, die ersten beiden Chronisten Polens, sollen in den folgenden Ausführungen im Mittelpunkt stehen:

Gallus ist ein anonym gebliebener Autor, der sich selbst peregrinus und exul nennt und somit definitiv nicht aus Polen kam.36 Seine Herkunft wurde früh mit Frankreich in Verbindung gebracht, daher sein in der Forschung geläufiger Name: Gallus Anonymus. Er schrieb um 1116, noch in einem anderen←333 | 334→ Geiste als die späteren Chronisten, da sein Ausgangspunkt die Dynastie der Piasten und nicht eine allgemeine Geschichte der Polen ist. Die Chronik muss hier unter diesem Gesichtspunkt näher betrachtet werden:

Zunächst fällt auf, dass die Herkunftssage noch deutlich eingeschränkt ist: Gallus beginnt zunächst mit einer Landesbeschreibung, wobei er erst die Polonia beschreibt, dann aber die gesamte terra Sclavonica, zu der Polen für ihn gehört (ab aquilone Polonia septemtrionalis pars est Sclauonie).37 Diese Großregion zeichne sich durch Waldreichtum, gute Äcker, Fleisch-, Fisch- und Honigreichtum usw. aus und sei hierin den Nachbarn deutlich vorzuziehen. Obgleich es von diesen oftmals überfallen wurde, gelang es niemandem, die terra Sclavonica zu erobern und zu unterwerfen.38 Diese Sichtweise oder Konstruktion kann man als imperialen slawischen Großverband sehen, zu dem auch Polen (hier noch) gleichberechtigt (und nicht hegemonial) neben den anderen slawischen Nachbarn gehört.

Unmittelbar folgt in der Chronik die Herkunftsgeschichte der Piasten.39 Es ist von einem „Ackermann“ und „armen Bauern“ (arator, rusticus pauper) „Pazt“ (Piast) mit seiner Frau „Repca“ die Rede – ziemlich wahrscheinlich handelt es sich um sprechende Namen aus dem bäuerlichen Milieu (pol. paść = „füttern, weiden“40; pol. rzepa = „Rübe“) –, welche in Gnesen am selben Tag wie der polnische Fürst das Haarschurfest ihres Sohnes feierten. Zwei unangekündigt auftauchende Fremde werden zunächst vom Festmahl des Fürsten Popiel abgewiesen und landen durch Zufall (forte fortuna) bei Pazt, der sie trotz seiner evidenten Armut aufnimmt. Auf wundersame Weise füllen sich die Becher und Teller der Festgäste des armen Bauern immer wieder und im Laufe des Festes ist sich nicht einmal der amtierende Fürst Popiel zu schade, bei seinem Untergebenen zu speisen.41 Dieser Pazt, oder←334 | 335→ später Piast, gilt als Gründervater der Piasten. Von seinem Sohn Siemowit (Semouith) wird berichtet, dass er durch den „König der Könige“ und „Herzog der Herzöge“42 (also von Gott) zum Polonie ducem ernannt wurde.

Hier kann ein Sprung nach vorne gemacht werden; die folgenden piastischen Herzöge Lestik (Leszek) und Semimizl (Siemomysł) führten die Politik der ersten Piasten fort und, unter dem vierten Piasten Mieszko I., wurde Polen schließlich christlich. Aber erst unter dessen Sohn, also dem Ururenkel von Piast, Bolesław I. Chrobry, setzte eine beispiellose Erfolgsgeschichte ein: Bolesław eroberte laut Gallus das böhmische Prag, baute sich dort einen Herzogssitz und machte die Stadt zur Erzdiözese seiner Bistümer. Er unterwarf die Böhmen, Mähren, Ungarn und setzte sich gegen die Sachsen durch.43 Neben vielen anderen Völkern, die er zermalmte (sub pedibus conculeasse), brachte er Regionen der elbslawischen Völker (Selencia), Pommern und das Prußenland in seine Gewalt und christianisierte diese Gebiete. Ein eigenes Kapitel wird der Eroberung Kiews gewidmet: Der ruthenische Großfürst Jarosław I. der Weise floh feige, als er erfuhr, dass der polnische Fürst sich mit großer Heeresmacht nährte. Bolesław schlug bei Ankunft sein Schwert in die goldene Pforte Kiews und kündigte seinen Kriegern gleichzeitig an, in der Nacht die Tochter des geflohenen Großfürsten ebenso anzugehen, also zu vergewaltigen, und so die Unterwerfung der Ruthenen gänzlich zu manifestieren.44←335 | 336→

Der Ruhm des polnischen Fürsten war schließlich durch all diese Taten derart groß, dass der römisch-deutsche Kaiser Otto III. ihn kennenlernen wollte. Das Überraschende dabei ist: Es war der Kaiser, der nach Gnesen zog und nicht umgekehrt Bolesław, der ins Reich geladen wurde. Was Otto III. dort sah, überstieg alle Vorstellungen, die ihm zuvor zugetragen wurden.45 Nachdem sich Otto mit den Seinen beratschlagt hatte, vollzog er eine (symbolische) Krönung Bolesławs III., indem er ihm sein imperiale diadema aufsetzte.46 Er nahm, so Gallus, das kaiserliche Diadem von seinem eigenen Kopf – nicht wie bei der böhmischen Krönung von←336 | 337→ 1085, als Heinrich IV. Vratislav II. eine (angefertigte) Königskrone aufsetzte.47 Dennoch konnte es sich in Gnesen nicht ganz um eine spontane Szene handeln, da der Kaiser offenbar als Geschenk eine Kopie der Mauritius-Lanze mitbrachte, die vorher angefertigt sein musste.48 Bolesław III. wurde von Otto III. bei Gallus nicht nur zum König gemacht (in regem ab imperatore tam gloriose sublimatus), sondern auch frater und cooperator imperii genannt.49 Das dann von Bolesław organisierte dreitägige Fest wurde regaliter und imperialiter ausgerichtet. Der Kaiser wurde schließlich mit Gold und Kleinoden überschüttet und zog zufrieden nach Hause – dies alles geschah aber dem Kaiser zu Ehren und nicht als Lehnstribut oder als Unterwürfigkeitssymbol (et imperatori pro honore, non pro principali munere).50 Gallus nennt im weiteren Verlauf alle Herr←337 | 338→scherattribute, die eine gute und gerechte Herrschaft ausmachten.51 Es würde zu weit führen, diese hier aufzuführen, daher nur stichpunktartig: Bolesław I. war den Armen ein Beschützer, er war für alle Untertanen da, er baute Kirchen und seine eigene Verwaltung aus, er war ein sehr gerechter Richter und nahm den umliegenden Heiden, die er zum Glauben führte, keine Tribute ab (um sie nicht abzuschrecken). Als Bolesław schließlich starb, schreibt Gallus, dass er an Reichtum und an Militär jedem anderem König überlegen war.52

Wir müssen kurz innehalten und zum Leitthema des Beitrags zurückzukehren, also zu den imperialen Ideen, die Herfried Münckler mit den Kategorien von Michael Mann, das sogenannte IMEP-Model, also Ideologie, Militär, Ökonomie und Politik, verbunden hatte: Bolesław I. verfügte über ein Reich, welches militärisch perfekt funktionierte (die Truppenzahlen aus den jeweiligen Regionen werden sogar konkret in Zahlen angegeben),53 wirtschaftlich prosperierte, von außen mit hohem Respekt behandelt wurde, von innen durch Ordnung und Stabilität beeindruckte. Weiterhin wurde der Fürst von seinen Untertanen geliebt – und zwar von allen Schichten. In diesem Sinne kann man hier von einem piastischen imperium bei Gallus sprechen. Gallus unterstreicht dies auch durch einen direkten Vergleich zum römisch-deutschen Reich:

O magna discretio magnaque perfectio Bolezlavi! Qui personam in judicio non servabat, qui populum tanta justitia gubernabat, qui honorem ecclesiae ac statum terrae in summo culmine retinebat. Justitia nimirum et aequitate ad hanc Bolezlavus gloriam et dignitatem ascendit, quibus virtutibus initio potentia Romanorum et imperium excrevit.54

Bolesław (und sein Reich) verfügten also über dieselben Eigenschaften und Tugenden, welche anfangs auch die Macht der Römer ausgemacht hatte und durch welche ihr Reich gewachsen war. Mit der Beschreibung Bolesławs I. befinden wir uns allerdings in der Chronik von Gallus auf dem absoluten Höhepunkt. Es ist Piotr Oliński zuzustimmen, der die Rolle Bolesławs I.←338 | 339→ in der Chronik von Gallus als Vorbild und Mahnung für den amtierenden Herzog Bolesław III. sah.55

Die Herkunft des Gallus ist nicht bekannt, was bereits oben erwähnt wurde, aber die Forschung ist sich darüber einig, dass er hochgebildet gewesen sein muss und im westlichen Europa herumgekommen ist. Er schrieb sicherlich unter dem Eindruck der zeitgenössischen Geschehnisse: zunächst 1111, als Heinrich V. Papst Paschalis II. gefangen nahm, und später 1115, als die Sachsen (die Nachbarn Polens) sich unter Lothar von Supplinburg in der Schlacht am Welfesholz vom Kaiser losmachten und die norddeutsche Großregion dem Reich auf unabsehbare Zeit verloren ging. Dabei litt das Ansehen des deutschen Kaisertums ganz erheblich.56 Es mag also, dies möchte ich nur zu bedenken geben, unter diesen Umständen gar nicht so attraktiv gewesen sein, Bolesław I. direkt als einen imperator anzusprechen.

Der bei Gallus zumindest als stark ‚hegemonial‘ zu bezeichnende Anspruch Polens in der Region Ostmitteleuropa zeigt sich später auch noch bei Bolesław II., der 1076 zum polnischen König gekrönt wurde, aber bereits 1079 aus Polen fliehen musste, da er Stanisław, den Krakauer←339 | 340→ Bischof, töten ließ.57 Gallus erzählt anekdotenhaft dessen arroganten persönlichen Umgang mit dem ruthenischen Großfürsten und dem ungarischen König.58 Beide Fürsten wurden von Bolesław – das muss hinzugefügt werden – zuvor eingesetzt bzw. kamen durch dessen Hilfe an die Macht. Dennoch zeigt sich besonders bei dem ungarischen Beispiel deutlich der Hochmut des polnischen Königs, der den dortigen König mit Missachtung und Arroganz behandelte, obgleich er dort Hilfe und Unterstützung fand. Diese beiden Beispiele zeigen gut die generelle Attitüde der polnischen Fürsten, sich als Hegemon der Region östlich des Reichs zu verstehen.

Der zeitgenössische Fürst des Autors, Bolesław III., wird seltsamerweise nicht annährend so vielschichtig (und imperial) beschrieben wie Bolesław I.59 Dem Urenkel des ersten Bolesław kommen andere Attribute zu: Sohn des←340 | 341→ Mars, Triumphator, brüllender Löwe (leo rugiens).60 Auch er unterwarf die Böhmen und besiegte die Ungarn und Ruthenen. Damit kam ihm eine Hegemonenrolle in Ostmitteleuropa zu, und dennoch wird er von Gallus nur „Fürst des Nordens“ (dux septentrionalis)61 genannt. Besonders im Mittelpunkt stehen seine Kämpfe mit den Pomeranen (1102–1106, 1119/20), die er schließlich auch unterwirft. Erst bei der längeren Beschreibung eines Kriegszugs Heinrichs V. 1109 gegen Polen62 kommen dann doch Tendenzen beim Autor auf, Polen dem römisch-deutschen Reich gleichzusetzen oder es sogar darüber zu erheben. König Heinrich V. – er wird von Gallus fälschlicherweise als „Kaiser“ bezeichnet – schrieb einen Brief an Boleslaw III. und verlangte überfällige Steuern von diesem. Er drohte mit einem Feldzug gegen Polen, falls der Pole nicht zahlen wolle – dabei trat er äußerst anmaßend und hochmütig auf. Der vermeintlich deutsche Brief (er ist fiktiv) wird von Gallus komplett inseriert. Bolesław III. wies umgehend die deutschen Forderungen zurück: „Wenn du Krieg finden willst, wirst du ihn finden.“63

Es folgt eine längere Kampfbeschreibung, während der von den einfachen deutschen Kriegern, mit zunehmenden Misserfolgen in Polen, die Taten Boleslaws besungen werden. Adelige (viri nobiles et discreti) hörten diese Gesänge und urteilten, dass Gott mit Boleslaw sein müsse, wenn schon die eigenen Krieger derart singen. Heinrich V. sah es daher bald als unvermeidlich an, Bolesław um Frieden zu bitten und schrieb ihm, dass der Pole doch wenigstens 300 Mark Tribut geben solle; dann würde er abziehen. Aber Boleslaw war mittlerweile unnachgiebiger geworden und antwortete dem deutschen König, dass „dieser kommen und gehen könne, wie es ihm gefiele, aber er würde keinen Groschen in Polen finden. Lieber wolle er [Bolesław] sofort die Freiheit des Fürstentums Polen verlieren, als friedlich←341 | 342→ mit solch einer Schande zu leben.“64 Hier kommt der oben angesprochene rex imperator in suo regno stark zum Vorschein, den Gallus ganz offenbar auch für Boleslaw als Herzog in Anspruch nahm.

Auch der zweite polnische Chronist, Vincent Kadłubek, dem die späteren Autoren in der Konstruktion der Vorgeschichte und somit auch Konstruktion der imperialen Anleihen folgten, soll hier etwas ausführlicher besprochen werden. Kurz zu dessen Leben: Vincent wurde um 1150 in adlige Verhältnisse hineingeboren und starb 1223.65 Er studierte als wohl←342 | 343→ einer der ersten Polen in Paris und / oder Bologna. Danach war er an der Hofkanzlei von Kasimir II.,66 der bereits am 5. Mai 1194 starb, tätig. Besonders der Titel Vincent magister hat der polnischen Forschung vielerlei Anregung zur Interpretation gegeben.67 So könnte es sich sowohl um einen Lehrertitel an der Krakauer Domschule handeln – wie Adam von Bremen auch als magister scholarum an der Bremer Klosterschule tätig war – als auch tatsächlich um einen akademischen Titel, den Vincent aus Frankreich oder Italien mitbrachte. Die letzte Möglichkeit wird als wahrscheinlicher angesehen.68

Irgendwann nach 1191, vielleicht erst nach dem Tode Kasimirs (1194), wurde Vincent Propst am Marienstift in Sandomir und war von 1208–1218 Bischof von Krakau. Als Bischof war er an einigen piastischen Fürsten←343 | 344→treffen zwischen 1210–1214 beteiligt und nahm auch am IV. Laterankonzil in Rom teil. 1218 legte er allerdings sein Amt nieder und zog sich in das Zisterzienserkloster Jędrzejów zurück, wo er 1223, starb.

Sein Werk, die „Chronica Polonorum“, vermutlich Anfang des 13. Jahrhunderts beendet,69 ist in einem sehr guten Latein mit vielen Zitaten und Anspielungen auf die antike und biblische Geschichte und Philosophie verfasst und spiegelt den hohen Bildungsstand des Autors70 und dessen Kenntnisse des römischen Rechts71 wider. Zu den potentiellen Auftraggebern bzw. Initiatoren können Fürst Kasimir II.72, aber daneben auch hochstehende←344 | 345→ Geistliche (Peter, Erzbischof von Gnesen) gezählt werden. Die zum Teil recht kryptische Leseweise seiner Chronik, die viele Interpretationen ermöglicht, wird im eingehenden Kapitel zum vierten Buch von ihm selbst erklärt: Zeitgeschichte zu schreiben sei schwierig, da man sich dadurch unweigerlich der Kritik durch die Mächtigen aussetzt.73 Vincent hatte also offenbar Positionierungsprobleme bzw. schlichtweg Befürchtungen, zeitgenössische Angehörige der Eliten zu verärgern oder vor den Kopf zu stoßen.

Das ganze erste und Teile des zweiten Buches sind der Konstruktion der Vorgeschichte gewidmet. Man muss dabei zunächst feststellen, dass Vincent diese mehrheitlich erfand oder zumindest verschiedene mündliche Sagen zu einem Narrativ verdichtete.74 Mit Gallus hatte er, wir erinnern uns,←345 | 346→ erst ab Popiel und Piast eine Vorlage. Vincent hatte, und dies ist äußerst wichtig, einen völlig anderen Fokus als Gallus, da für ihn die res publica75 und die patria Polens im Mittelpunkt standen. Die Eliten wurden bei ihm zu senatores, die sich im sacer senatus versammelten.76 Das Konzept von Gallus bezüglich der Piasten als domini naturales wurde dabei aufgegeben. Die Idoneität, die sich für Vincent aus verschiedenen Herrschereigenschaften zusammensetzte – die Eignung also, das Land zu führen und zu regieren – stand an vorderster Stelle und das Recht des Erstgeborenen auf die Gesamtherrschaft war damit nicht angeboren.77 Vincent baute künstliche Dynastiebrüche in seine Vorgeschichte ein, um zu betonen, dass die Polen notfalls als Volk auch ohne Herrscher überleben konnten, falls sich jener als Tyrann herausstellen sollte und dann abgesetzt gehöre.78

Schauen wir uns nun die verschiedenen Stellen zu imperialen Vorstellungen bei Vincent an: Krak versucht auf einer nicht näher beschriebenen Versammlung die Polen zu vereinen, da ihnen innere Machtkämpfe drohten:←346 | 347→

Ait: ridiculum esse pecus mutilum, hominem acephalum; idem esse corpus exanime, sine luce lampadem, mundum sine sole, quod sine rege imperium […] se non regem set regni socium pollicetur, si se deligant.79

„Ein Reich (imperium) ohne König sei genauso lächerlich wie eine Lampe ohne Licht, die Erde ohne Sonne“ usw. Anschließend wird er von allen als König „begrüßt“ (rex ab omnibus consalutatur), möchte aber selbst nur als socius regni angesprochen werden. Als der Sohn dieses ersten polnischen Königs nachfolgen sollte, da er den Drachen im Wawel erfolgreich erschlagen hat, können wir lesen:

Sic iunior Graccus paterno succedit imperio […], set diutius fratricidio fuit sordidus quam imperio insignis. Nam paulo post dolo deprehenso piaculi deputatur supplicio, exilii perpetuitate dampnatus.80

Bis dahin handelt es sich also nur um das Reich (imperium), das auch in anderen Kontexten als Königreich oder Fürstentum gelesen werden kann (siehe oben). Wie bei Gallus, scheint aber die imperiale Idee besonders im Umgang mit allseits anerkannten Vertretern anderer Imperien (hier dem mazedonischen Großreich unter Alexander und dem Imperium Romanum unter Julius Cäsar sowie dem römisch-deutschen Reich unter den deutschen Kaisern) hervorzustechen. Als Alexander der Große Tribute durch Abgesandte von Polen forderte, wurde er auf grobe Weise abgewiesen – die Legaten wurden getötet, ihre Haut abgezogen und die Leichen wurden mit Gold und Algen ausgestopft und zurückgeschickt.81 In dem Brief an Alexander, unpersönlich von einer imperatrix Polonia gesendet, schreiben die Lechiten (also die polnischen Stämme), dass jemand, der sich „selbst nicht beherrschen könne, nicht herrschen solle“ (Male aliis imperat, qui sibimet imperare non didicit). Die Begierde Alexanders sei unerträglich und die Polen würden sich ihm keinesfalls beugen. Sie definierten sich eben nicht über Reichtümer, sondern über die Tapferkeit des Geistes und die Härte des Körpers (animi virtute, corporis duritia non opibus censeri).82 Die Gesandten hätten sie trotzdem gastfreundlich empfangen und ihnen – das ist schon sehr sarkastisch – kleine Geschenke mitgegeben (in Form des←347 | 348→ Goldes in ihren toten Körpern). Alexander zog daraufhin wutentbrannt und mit großem Heer gegen die Lechiten, wurde von diesen aber mit einem Trick – in den Bergen aufgestellte Helme und Rüstungen, die in der Sonne reflektierten, gaukelten Alexanders Heer unzählige Gegner vor – in die Flucht geschlagen.83 In einem im Anschluss daran vom Autor eingeflochtenen erfundenen Briefwechsel zwischen Alexander und Aristoteles gab Alexander gegenüber dem Philosophen mit der Unterwerfung der Lechiten an. Aristoteles, wohlwissend um die wahre Geschichte, mahnte Alexander zur Wahrheit und zeigte ihm gleichzeitig an, dass Alexanders Ruf erheblich unter der Niederlage gegen die Lechiten gelitten habe und die Macht seines imperium erheblich wackele.84

Zuvor schon hatten die Lemanni (mit Alemanni gleichzusetzen, also die „Deutschen“) bereits Bekanntschaft mit den Polen gemacht: Ein vorgeschichtlicher, nicht näher benannter deutscher Tyrann – eine für Vincent historische Vorlage war der Feldzug Friedrich Barbarossas 1157 nach Polen gewesen85 – zog nach Polen. Das deutsche Heer ließ sich von der polnischen Königin Wanda, der Tochter Kraks, quasi wie von einem „Sonnenstrahl“ blenden; niemand wollte mehr kämpfen angesichts dieser übernatürlichen Majestät. Der deutsche Tyrann beging sogar Selbstmord, um seinen Untertanen nicht im Weg zu stehen, und empfahl diesen, sich Wanda zu unterwer←348 | 349→fen.86 Hier ist im Übrigen wieder imperium eher als „Herrschaft“ gebraucht (sub femineo […] imperio). Letztlich geht es aber bei dieser Passage, wie bei der vorhergehenden, darum, dass sich der höchste Repräsentant eines historisch verbürgten imperium der polnischen Herrscherin unterwarf (und sich sogar umbrachte). Er erkannte ihre „Herrschaft“ als die bessere an.

Dennoch starb auch sie bald und hinterließ keinen Erben, da sie die Ehelosigkeit der Ehe vorgezogen hatte: „Nach ihr lahmte das Reich lange ohne König“ ([…] post ipsam sine rege claudicauit imperium). Hier scheint mir „Reich“ die richtige Übersetzung, da „Herrschaft“ als Wort normalerweise mit einer konkreten Person verbunden ist.

Auch Julius Cäsar musste in drei erfolglosen Schlachten die Schlagkraft und den Widerstand der Polen kennenlernen.87 Er versuchte schließlich, die Polen durch die vermittelte Ehe seiner Schwester Julia mit dem polnischen Fürsten Lestek III. an sich zu binden. Der römische Senat warf dem Imperator danach vor, dass er mit dieser Eheverbindung das römische Reich einengen würde, da er seiner Schwester als Mitgift Bayern gegeben hatte. Cäsar versuchte diese Mitgift auf niederträchtige Weise wieder rückgängig zu machen, worauf der polnische Fürst die Schwester von Cäsar verstieß. Das gemeinsame Kind, Popiel I., blieb allerdings in Polen. Diese Ansippung ist nun unter zwei Aspekten interessant: 1. Militärisch kann Cäsar den Polen nicht beikommen, also erkennt er ihre Gleichrangigkeit durch die Verbindung des polnischen Fürsten mit seiner Schwester an. 2. Die römische Ansippung, die in anderen Herkunftsgeschichten zum Standard gehört und äußerst wichtig erscheint,88 ist hier nur eine vorübergehende und kurze Episode. Vor allem, und dies muss zu denken geben, findet sie für eine Dynastie in Polen statt, welche kurz darauf im Mannesstamm ausstarb.←349 | 350→

Aber immerhin waren die Popieliden – und mit ihnen Polen – mit dem Sohn Lesteks und Julias, also Popiel I., auf dem Höhepunkt ihrer Macht angekommen. Vincent führt aus: Cuius [Popiel I.] nutu non Slauie dumtaxat monarchia, set etiam finitimorum gubernata sunt imperia.89 Die Begrifflichkeit monarchia Slavie ist äußerst interessant, da beide Termini nur dieses eine Mal bei Vincent auftreten. Worauf bezieht sich die Slavia? Bei Gallus war noch von der terra Sclavonica die Rede (siehe weiter oben), welche sich auf alle slawischen Gebiete bezog, was auch hier nahe zu liegen scheint. Der Terminus monarchia wiederum tritt auch in der einige Jahrzehnte später ausgestellten Kulmer Handfeste (1232/33/51) auf (monarchia imperii) und stellt für die Forschung ein Kennzeichen dafür dar, dass es sich um eine Empfängerurkunde handelt (die Begrifflichkeiten könnten also von den polnischen Herzögen kommen).90 Ein kurzer Scan auf der Webseite der dMGH in der zeitlich nicht weit entfernten „Historia sive Chronica de duabus civitatibus“ (1143–1146) belehrt uns darüber, dass Otto von Freising monarchia nur im Kontext von Imperien (also das Reich Alexanders und Rom) verwendete. Es liegt nahe, auch für die monarchia Slavie von Vincent einen imperialen Bezug zu vermuten. Hinzu kommt, dass auch alle umliegenden Imperien der Nachbarn durch Popiel I. regiert werden.

Hier und da sind nun bei Vincent noch weitere Stellen für ein imperium zu finden, die aber alle letztlich zweideutig sind und gleichzeitig auch als „Herrschaft / Befehlsgewalt“ ausgelegt werden können.91 Eine Stelle sei noch herausgehoben, die auch in diesem Zusammenhang schon bei Gallus wichtig ist: Nachdem Bolesłaus III. sich gegen Heinrich V. behauptet hatte, der 1109 in Polen eingefallen war, setzte er den Herzog von Böhmen ein (Soběslav I.). Die „Deutschen“ (Lemanni) waren sehr zornig auf den polnischen Fürsten, da er in den benachbarten Königreichen nach Gutdünken←350 | 351→ Fürsten einsetzte und sich so kaiserliche Würden anmaßte.92 Der Autor fährt fort:

Und schon hatte er beinahe alle benachbarten Königreiche seiner Herrschaft unterworfen, schon auch die weiteren Nachbarn sowohl durch das Wohlwollen seiner Gunst als auch eine gewisse Ehrfurcht des Staunens verpflichtet, so dass es kaum einen Ort gab, den Bolesławs Name nicht erreicht hätte, an dem er nicht wie eine göttliche Macht verehrt worden wäre.93

Besonders die „göttliche Macht“ (numen) ist hier ein starkes Wort, welches Bolesławs Herrschaft im imperialen Sinne manifestiert.

(b.) Damit gehen wir zu den spätmittelalterlichen Chroniken über, die besonders Vincent in den meisten Punkten der Vorgeschichte folgen. Hier sollen nur die Punkte angesprochen werden, die abweichen oder die sogar noch hinzukommen:

Im „Chronicon Polono-Silesiacum“ (oder auch „Chronica Polonorum“)94 wird die Vorgeschichte nur kurz beschrieben: Die Gallier beherrschen den einen Teil Europas und die Polen (Lechiten) den anderen östlichen – man hatte sich darüber geeinigt; die einzelnen europäischen Regionen werden genau vom Autor aufgeführt. Zwei hegemoniale Mächte haben also ihre Grenzen im gegenseitigen Einvernehmen abgesteckt.95 Da sich die Gallier, die nun mit den Deutschen gleichgesetzt werden, id est Germani, nicht an die Verabredungen hielten, gab es Krieg und die Polen wählten Krak←351 | 352→ (Graccus) zu ihrem Fürsten, der die Gallier zurückschlug. Danach folgt die Vorgeschichte nach dem Schema von Vincent.

In der „Chronica Poloniae Maioris“ (Großpolnische Chronik), die mehr oder minder zur gleichen Zeit abgefasst wurde,96 wird die Vorgeschichte nochmals stärker ausgebaut: Pannonien ist die mater et origo omnium Slavonicarum nacionum (dann folgen die Namenszuordnungen der slawischen Völker). Die Pannonier kommen von Jano, dem Enkel von Japhet. Bei ihnen wird der Fürst Pan genannt. Der erste princeps hieß Nemroch, der die Menschen (seine Brüder) unterwarf. Von einem Pan kamen drei Brüder: primogenitus Lech, alter Rus, tercius Czech – der Erstgeborene ist also Lech. Daher kommen die drei regna der Polen, Ruthenen und Tschechen (oder auch Böhmen genannt), quorum maioritas semper apud Lechitas et dominium ac tocius superioritatis imperii lag.97 Von Nemroch, dem (mehr oder minder) ersten pannonischen Fürsten wird noch gesagt, dass er nicht nur seine slawischen Brüder unterwarf, sed toti mundo servitutis legem indixit.98 Nun kommt eine interessante Umgestaltung der bisherigen Feindschaft zu den Deutschen: Die Slawen und Teutonen sind nämlich Brüder: Scire autem dignum est, quod Slawi et Theutunici a duobus germanis Japet nepotibus Jano et Kuss dicuntur ortum habuisse […].99←352 | 353→

Es folgt der Hinweis, dass die Teutonen und Slawen wie zwei Bullen denselben Pflug ziehen (duo boves simul iuncti trahendo aratrum seu plaustrum incedunt […] nec aliqua gens in mundo est sibi tam communis et familiaris veluti Slaui et Theutonici). Als die Hunnen nach Pannonien kamen und sich mit einem Teil der Slawen mischten – daraus wurden dann die Ungarn –, zog Lech mit seinem Stamm weg und ließ sich in Polen nieder („nistete sich ein“ – daher Gnesen, pol. gniazdo). Daher wolle er nun im Folgenden über die Geschichte der reges principes atque duces ac multiplicacionem eorundem tocius regni Polonie seu Lechitarum latissimi imperii berichten, die er in vielen Quellen – er zählt sie unbestimmt auf – gefunden hat. Ein „Königreich“ der Polen wird mit einem imperium der Lechiten gleichgesetzt. Während der Regierungszeit eines biblischen Königs, Assuer (Buch Ester) – vermutlich ist Xerxes, der Sohn von Darius gemeint – als Gallien (das römische Reich) in viele Königreiche und Provinzen geteilt war, duldeten die Lechiten keinen König über sich, sondern wurden durch einen zwölfköpfigen Ältestenrat verwaltet.100 Nun geht die Geschichte gewohnt mit Krak und Wanda weiter.

Weiter ausgebaut erscheint in der Großpolnischen Chronik also die frühere Vorgeschichte: Eine slawische Großfamilie lebte in Pannonien, die ein Imperium hatte und sich von dem biblischen Sohn Noahs, Japhet herführte. Die Lechiten waren dabei die ersten unter den Slawen. Als die Hunnen einfielen, wanderten die Lechiten ab und ließen sich in Gnesen nieder. Sie lebten lange Zeit frei unter der Führung eines Ältestenrates.

In der Chronik von Dzirsva101, die zwischen 1288 und 1320 entstand und auch auf eine Wiedervereinigung der polnischen Teilreiche←353 | 354→ hinarbeitet, erscheinen die bisherigen vorgeschichtlichen Aspekte hier und da noch ein wenig ausgebaut: Wandalus, der Sohn von Negno, der in einer langen Abfolge von Namen auf Noah und Japhet zurückgeführt wird,102 hatte viele Kinder, die über Generationen mehr als ein Viertel Europas besaßen (per regiones et regna semen suum multiplicando possederunt). Über die lange Reihe von Ahnen geschieht also, fast schon beiläufig, eine Ansippung an Rom (über Numa Pompilius, den zweiten sagenhaften König von Rom). Es kommt dann unter den Söhnen von Wandalus zur Landesaufteilung.103 Es entsteht eine riesige Region, wobei Polen als größte Region und als Mutter der anderen fungiert – auch werden die Wandalen, also die Nachkommen von Wandalus, als Polen bezeichnet (Wandalus, a quo Wandalite, qui nunc Poloni dicuntur). Der Logik folgend, waren die Polen letztlich die Urväter aller slawischen Völker.104 Von Wandalus – auf der zeitlichen Ebene des biblischen Josef, Sohn Jakobs – bis zu den persischen Königen Darius und Xerxes hatte Polen keine Könige oder Fürsten.←354 | 355→

Es folgt die gleiche Geschichte der Landnahme der Gallier in ganz Europa, wie wir sie schon im „Chronicon Polono-Silesiacum“ vernommen haben: 300.000 Gallier (wahlweise Franken, Deutsche) zogen los und unterwarfen sich Europa. Mit den Polen wurden allerdings Verträge gemacht und Europa wird beidseitig in eine westliche und östliche Sphäre aufgeteilt. Der Rest der Vorgeschichte folgt nach dem bekannten Schema. Für Popiel I. schreibt auch der anonyme Autor (und übernimmt dies fast wortwörtlich von Vincent Kadłubek), dass dieser nicht nur die gesamtslawische Monarchie, sondern auch die angrenzenden Reiche regiere / kontrolliere (Sclaviae duntaxat monarchia, sed eciam finitimorum gubernatorum sumit imperia).105

Mit Peter von Bitschen und der „Chronica Principum Polonie“ (1382–1386) machen wir zeitlich einen fast 100-jährigen Sprung nach vorne.106 Es handelt sich dabei um einen Kanoniker an der Kollegiatskirche St. Hedwig in Brieg, der im Auftrag von Herzog Ludwig I. von Brieg († 1398) und Ruprecht von Liegnitz († 1409) schrieb, und die besseren (im männlichen Stamm) Anrechte der schlesischen Piasten vor Hedwig, der Tochter von Ludwig von Anjou, für den polnischen Thron beweisen wollte. Dieser Autor lehnte sich im Übrigen wieder stärker an Gallus als an Vincent für seine vorgeschichtlichen Partien an und spricht sich explizit für die Zugehörigkeit Schlesiens zu Polen aus.107 Die frühe Vorgeschichte folgt dennoch natürlich den Vorgaben Vincents und der Chroniken aus dem Ende des 13. Jahrhunderts, da Gallus davon ja nichts schrieb. Hierin ist als einzige Abweichung zu verzeichnen, dass Wanda einfach ohne Erben starb und kein deutscher Invasor / Tyrann sich mehr ob ihrer sichtlichen Überlegenheit aufopferte und seinen Landsleuten empfahl,←355 | 356→ sich ihrer Herrschaft zu unterstellen.108 Dies hatte pragmatische Gründe, da Schlesien einerseits über die letzten beiden Jahrhunderte der Zeit vor Bitschen sehr deutsch geprägt war und andererseits auch ganz konkret unter böhmischer, luxemburgischer Kontrolle stand. Hier erscheint eine eingeschränkte imperiale Sicht vorzuliegen: Auch hier können Alexander und Cäsar nichts gegen die Polen ausrichten und die Gallier (Franken) teilten Europa zwischen sich und den Polen auf, aber die Vokabel imperium kommt nur einmal vor.109 Für alle bisherigen Chroniken muss man feststellen, dass die Vorgeschichten durchaus imperiale Charakterzüge der Polen aufweist; diese bleiben aber immer im Militärischen, Herrschaftlichen verhaftet und gehen über typische Eroberungsgeschichten nicht recht hinaus. Die kulturelle Ausgestaltung erfolgt aber erst für die Herrschaft von Bolesław Chrobry, für den eine imperiale Zuweisung nicht mehr so einfach ist.

Zuletzt stehen noch die umfangreichen „Annales seu Cronicae incliti Regni Poloniae“ (1455–1480) des Jan Długosz aus.110 Die ersten beiden Bücher der Annalen beschäftigen sich ausgiebig mit der Vorgeschichte. Ihm kann man eigentlich nicht unterstellen, dass er bewusst eine imperiale Vergangenheit für Polen aufzubauen versuchte, aber wiederholt weist er auf die göttliche Vorsehung als Herrscher und Lenker Polens hin und somit auf die Unabhängigkeit und Freiheit von anderen Reichen.111 Die Urgeschichte←356 | 357→ der Polen erscheint hier nochmals etwas modifiziert und es wird deutlich, dass Długosz sich mühte, die Polen gleichberechtigt neben die westlichen, tonangebenden Königreiche zu stellen. Japhet hatte drei Söhne: Isicion, Armenon, Negno. Der erste Sohn hatte wiederum vier Söhne: Francus, Romanus, Momaurus et Britto; der zweite Sohn Armenon hatte fünf Söhne: Sochus, Walgothus, Cebidus, Burgundus, Longobardus. Der dritte Sohn Nagno hatte vier Söhne: Vandalus, a quo Vandali dict sunt, qui nunc Poloni dicuntur […] Thargus, […] Saxo, […] Bogorus.112 Die Wandalen / Polen reihen sich hier, obgleich wieder später die Polonia als maxima terrarum113 der anderen slawischen Völker auftaucht, doch einigermaßen deutlich hinter den vermeintlichen Begründern der westeuropäischen Völker (Römer, Franken, Briten usw.) ein, da sie erst dem dritten und jüngsten Sohn von Japhet entstammten. Deutlich ausgebaut erscheint die Geschichte mit Pannonien als der Urheimat der Slawen, aus welcher Lech und Czech schließlich auszogen und Polen und Böhmen begründeten.114 Später hätten die Völker vom Süden der Alpen (Pannonien) bis zum Schwarzen Meer lange Zeit den Befehlen der polnischen Herrscher gehorcht, was auch antike Historiker bestätigt hätten.115

Des Weiteren herrschten die polnischen Fürsten über weite Teile Germaniens, Dänemarks, Schwedens, Norwegens und anderer Länder.116 Sie seien sogar die Begründer von Hamburg, Magdeburg, Brandenburg, Lüneburg, Schleswig, Lübeck und einigen anderen norddeutschen Städten gewesen. Später wurden diese polnischen Stämme germanisiert und nannten sich Sachsen.117 Auch erwähnt der Chronist, dass Odoaker, welcher←357 | 358→ im Jahr 476 bekanntlich Romulus Augustus absetzte und selbst König von Italien wurde, ein Ruthene war (also einer den Polen untergebenen Ethnie entstammte). Ebenso seien die Götter der Lechiten mit den griechischen übereinstimmend.118 An dieser Stelle ist im Übrigen deutlich von einem imperium Lechitarum die Rede.119 Bereits in vermeintlich historischen Zeiten kann Semovit, der Sohn von Piast, die Gebiete von den Germanen, Pannoniern (Ungarn) und Pruthenen zurückerobern, welche unter Popiel II. verlorengegangen waren.120 Ansonsten verläuft die Vorgeschichte bei Długosz nach den Vorlagen, obgleich Długosz besonders geographisch erklärend deutlich mehr Material gesammelt und aufbereitet hat.

(c.) Angesichts des hier ausgebreiteten Materials erscheint es mir am geschicktesten und besten, bestimmte Charakterzüge der imperialen Ideen in Polen in den Chroniken in Form von Diskursen zu formulieren, die sich über 400 Jahre (von Gallus bis Jan Długosz) wiederholen.

1. Diskurs der Herkunft:121

Die Herkunft der Polen hat zwei grundsätzlich verschiedene Ansätze: a) Mal handelt es sich um ein uraltes Volk, welches gleichberechtigt-unabhängig neben den bekannten antik-biblischen Imperien steht; b) mal handelt es sich (besonders in den späteren Chroniken) um ein zwar unabhängiges Volk, welches aber auf biblische (Japhet), gepaart mit später trojanisch-römischen (Anchises, Eneas) Wurzeln zurückblicken kann.←358 | 359→

2. Diskurs des ‚Pan-Slawismus‘122 und des Hegemonie-Anspruchs der Polen:

Polen war im Verband der slawischen regna die antike Anführerin.123 a) Mal handelte es sich um den hegemonialen Anspruch auf die gesamte östliche Hälfte von Europa und b) mal um das größte Gebiet innerhalb der slawischen Reiche – quasi die ‚Mutter‘, neben den regna der slawischen ‚Kinder‘. In den ersten beiden Chroniken (Gallus und Vincent) haben die Polen immer schon in der heutigen Region Polen gesessen und in den späteren Chroniken ab dem späten 13. Jahrhundert findet eine Landnahme (im Rahmen der Völkerwanderung statt), da die Polen sich gezwungenermaßen von dem größeren slawischen Urstamm in Pannonien (ungarische Ebene) abzweigten. Interessanterweise ist dieser ‚Pan-Slawismus‘ also schon im hohen und späten Mittelalter in den polnischen Chroniken vorhanden. Ein interessantes Phänomen, da er bekanntlich in der neusten Geschichte besonders des 19./20. Jahrhundert eine bedeutsame Rolle spielen sollte.

3. Diskurs der passiven und reagierenden Herrschaftsausbreitung:

Die Lechiten, Wandalen oder Polen (ein und derselbe Terminus für die gleiche Volksgruppe in der Vorgeschichte) werden bei der Eroberung von anderen regna, welche sie reihenweise unterwerfen, nicht etwa durch das „Streben nach Herrschaft“ angetrieben, sondern es ist allein der „Mut im Kampf“,124 welcher ihnen diese vielen Reiche einbringt. Oftmals kommt←359 | 360→ beim Leser zudem der Eindruck auf, dass sie – wie beispielsweise durch die Dänen – zunächst provoziert (also angegriffen) wurden und dann zwangsläufig reagieren mussten. Quintessenz: Es handelte sich bei den Polen eigentlich um ein ‚friedliebendes‘ Volk, welches andere Königreiche und Fürstentümer nur zum eigenen Schutze unterwarf.

4. Diskurs des Freiheitsgedankens:

Eine lange und zeitlich völlig unbestimmte Zeit vor und dann auch wieder nach der ersten mythischen polnischen Herrscherdynastie um Krak I. und Wanda kommen die Polen ohne Herrscher aus.125 Sie existierten in Anlehnung an das Römische Reich als res publica (es wird von senatores, sacer senatus u. ä.m. gesprochen) und die polnische Gesellschaft scheint davon, so wird es jedenfalls suggeriert, nur zu profitieren. Genau in diesen herrscherlosen Perioden wird des Öfteren von imperium geschrieben. Insgesamt werden bei Vincent, und in Folge auch bei den anderen Autoren, drei bzw. vier vorgeschichtliche Dynastien komponiert (entweder aus mündlich tradierten Legenden oder komplett erfunden), die aufgrund von Herrscherverfehlungen ihrer letzten Mitglieder entweder durch eigenes Zutun oder durch das polnische Volk ihres Amtes enthoben werden.126

Dieser Freiheitsgedanke ist essentiell und sicherlich auch exzeptionell für die polnische Chronistik in Europa. Man erfand, um die gemeinschaftliche Regierung und Freiheit aller Polen zu unterstreichen, künstliche Dynastiebrüche, was auf Kosten des bis 1370 die Fürsten stellenden Geschlechts der Piasten gehen musste – ihr dynastischer Stammbaum lässt sich nur bis Piast, dem einfachen Ackermann aus Gnesen (bei Długosz Kruschwitz), zurückverfolgen und eben nicht bis Eneas oder Caesar. Nicht ganz unwichtig in diesem Zusammenhang ist die Tatsache, dass eine Teilschuld am Versagen der Popieliden, des letzten legendären polnischen Fürstengeschlechts vor den Piasten, nicht mehr unmittelbar – wie noch bei Gallus – mit dem ersten piastischen Herrscher (Piast) zusammengebracht werden konnte, sondern seit Vincent Kadłubek scheiterten die Popieliden bereits vor der Herrschaftsübernahme von Piast, um jeglichem Verdacht der Usurpation←360 | 361→ durch den Stammvater Piast entgegenzuwirken.127 Die berühmte Mäuse-Legende wird in diesem Zusammenhang bei Vincent erheblich anders interpretiert: Popiel II. hatte seine ihn eigentlich alle unterstützenden Oheime heimtückisch umbringen lassen und besiegelt dadurch ebenso sein eigenes Schicksal, da aus den toten Verwandten Mäuse herauskamen, die Popiel und seine Familie schließlich auffraßen.128

Nimmt man all diese Beobachtungen zusammen, so lässt sich konstatieren, dass die polnischen Chronisten offenbar lieber einem Freiheitsgedanken ‚aller Polen‘ (im eingeschränkten mittelalterlichen Sinne, also v. a. die Eliten betreffend) folgten, als dem meist in anderen europäischen Chroniken zu beobachtenden Versuch, den Stammbaum der herrschenden Dynastie soweit wie möglich nach hinten zu erweitern. Die Botschaft ist nicht zu übersehen: Die Polen würden bei schlechter Herrschaft auch gut ohne Herrscher auskommen.129 Zum Beispiel werden die Ansprüche von Alexander dem Großen von einer unpersönlich konstruierten imperatrix Polonia in einer herrscherlosen Zeit zurückgewiesen130 und eben nicht von einem greifbaren und namentlich bekannten polnischen Herrscher. Das führt zu einem erstaunlichen Befund: Das polnische Volk allein ist der Träger des antiken imperium Polonorum und nicht die Fürsten.

5. Diskurs der herrscherlichen Demut und Einfachheit:

Sicherlich zusammenhängend mit dem gerade angesprochenen Freiheits-Diskurs, spielen derartige Eigenschaften bei einem Herrscher eine sehr große Rolle für das Selbstverständnis im polnischen Fürstentum. Selbst wenn man von einem ‚antiken Imperium‘ der Polen sprechen kann, welches einem in den Chroniken unmissverständlich entgegentritt, so charakterisiert sich dieses stark über den Topos der Einfachheit und Demut der einzelnen Herr←361 | 362→scher.131 Als Beispiel sei genannt, dass Lestek II. trotz größter Macht – er hatte das große Heer Alexanders des Großen militärisch in einen Hinterhalt gelockt und geschlagen – immer wieder bei dem Gang zum Thron sein bäuerlich-armes Gewand anzog und erst beim Thron selbst in sein herrschaftliches Ornat wechselte.132 Ein weiteres Beispiel: Als Popiel II. ein großes Fest feierte, kamen zwei mittellose fremde Wanderer zu ihm und baten um Speis und Trank. Da er ihnen dies nicht gewährte, gerieten sie durch Zufall an den Ackermann Piast, der sie – obgleich selbst völlig mittellos – einließ und sie bewirtete. Der Sohn Piasts, Siemovit, sollte schließlich der zukünftige Herrscher Polens und vieler zusätzlicher Reiche werden. Er machte nicht nur das wett, was durch die Ignoranz Popiels II. verloren ging – so urteilt der Chronist –, sondern unterwarf auch noch weitere „Herrschaften“.133 In der späteren Chronistik werden diese zunächst namenslosen „Fremden“ zu zwei Aposteln (Johannes und Paulus)134 aufgewertet und greifbar gemacht. Bemerkenswerterweise wiederholt sich dieser Topos der Demut und Bescheidenheit später teilweise bei den zeitgenössischen polnischen Herrschern und kann daher als polnisches Charakteristikum (vielleicht auch slawisches: bei Cosmas taucht er ebenfalls auf) in den Chroniken angesehen werden.←362 | 363→

6. Diskurs der Zurückweisung ‚imperialer Aggressoren‘:135

Dieser Diskurs kommt immer wieder vor: Die Gallier (die Rede ist von 300.000 Mann) sahen in den Polen einen ebenbürtigen Gegner bzw. Partner und teilten daher Europa mit diesen unter sich auf, indem sie einen Pakt eingingen. Alexander der Große wurde mit einer Deutlichkeit von den Polen zurückgewiesen, die sicherlich einzigartig ist – die mazedonischen Botschafter werden mit Algen und Gold ausgestopft und mit dem Kommentar zurückgeschickt, „dass niemand herrschen sollte, der sich nicht selbst beherrschen kann.“136 Auch Cäsar bzw. die Römer konnten die Polen nicht militärisch schlagen. Um das Problem dennoch zu lösen, gab er dem polnischen König Lestek III. seine Schwester Julia zur Frau. Die Römer ärgerten sich darüber, dass Cäser die Polen wie Gleichgestellte behandelte. Der dann geborene Sohn Julias und Lesteks, Popiel, regierte schließlich nicht nur über die monarchia Sclaviae, sondern nahm auch die imperia der angrenzenden Reiche (finitimorum gubernatorum sumit imperia) ein.137

Hier wird von den polnischen Historiographen eine klare Botschaft transportiert: Die Polen gehörten im Hoch- und Spätmittelalter nicht mehr zu den ‚big players‘ Europas – weder per Titel noch per Landesgröße konnte dies von den Chronisten beansprucht werden. In dieser Situation war es wichtig aufzuzeigen, dass dies nicht immer so war. In der Vergangenheit konnte die Eroberungswut der großen Imperien wie der Mazedonier, Römer, Franken und auch der Deutschen zurückgewiesen werden,138 wodurch sich die Polen gegenüber den antiken und frühmittelalterlichen Imperien mindestens als ebenbürtig sehen konnten.←363 | 364→

7. Der Diskurs der Staatsgründung:

Der erste namentlich bekannte Herrscher Krak wird durch eine Versammlung (contio) aller Polen (natürlich nur der Eliten) zum Fürsten gewählt. Er verspricht ihnen, die Geschäfte mehr als ein socius denn als ein imperator des Reiches zu führen. Dennoch urteilt er: ein imperium sine rege sei wie die Erde ohne Sonne (mundus sine sole).139 Man könnte hier die These aufstellen (ohne dass dieser hier nachgegangen werden kann), dass in der socius-Idee der Schlüssel dafür zu sehen ist, warum die polnischen Chroniken zwar von imperium sprechen, aber eben nicht von einem polnischen imperator. Hier wären unter Umständen weitere semantische Studien zur negativen Konnotation des Titels imperator im Hoch- und Spätmittelalter behilflich.140 Jedenfalls werden von Krak nach seiner rechtmäßigen Wahl durch alle Polen Rechte schriftlich fixiert und bereits bei Vincent folgt gleich auf diese Stelle, dass Polen seit dieser Zeit eine einheitliche Verfassung hatte – eine wichtige Grundlage für eine etablierte Herrschaft.141 Die späteren Chronisten folgen dieser Episode ausnahmslos.

8. Diskurs des Namens:

Krakau (die wichtigste polnische Stadt im Mittelalter) bekam seinen Namen von Krak, dem ersten polnischen Fürsten. Die Polen (auch Wandalen genannt) und die Weichsel, also der zentrale und größte Fluss des Landes, hatten wiederum ihren Namen von der Tochter Kraks, Wanda oder von Wandalus, einem Nachkommen von Japhet. Wanda erbt das imperium des Vaters Krak. Die Polen nahmen keinen Anstoß daran, von einer Frau regiert zu werden – eine gewisse Parallele ist zu Cosmas und←364 | 365→ der dort erwähnten Lubussa, der sagenhaften ersten Herrscherin Böhmens, zu erkennen.142

Fazit:

Im Sinne von Ulrich Menzel143 müsste Polen vorgestellungsgeschichtlich, wie wir es bei den Historiographen des polnischen Mittelalters vorfinden, als Imperium gelten: Erstens nahm Polen aufgrund seiner überlieferten Geschichte und seiner militärischen Stärke eine imperiale Stellung gegenüber den meisten seiner Nachbarn ein, und zweitens wird Polen als unabhängig (also nicht tributpflichtig) vom römisch-deutschen Reich dargestellt. Es konnte somit (wie Frankreich auch) als Imperium im nicht-nominellen Sinne gelten, während das Imperium Romanum dieses expressis verbis war.

Die polnischen Historiographen wollten offenbar, und der Befund überrascht durchaus ein wenig, ideengeschichtlich tatsächlich eine antike imperiale Vergangenheit im kollektiven Gedächtnis der Polen evozieren und zementieren. Diese Vergangenheitskonstruktion kennzeichnet sich durch bestimmte Diskurse: Pan-Slawismus, abwehrende Reaktion auf äußere historisch bekannte imperiale Aggressoren usw. Als Tendenz ist dabei ebenfalls erkennbar geworden, dass bestimmte Topoi von den Historiographen bedient wurden – Eroberung, militärische Fähigkeit –, andere dabei aber zurückstehen oder nur äußerst kurze Erwähnung finden. Dies muss besonders für die kulturelle und ‚ideologische‘ Entfaltung Polens gelten.

Angesichts der Tatsache, dass die Christianisierung Polens unumstößlich mit dem Jahr 966 auch schon damals verbunden war, konnte man den vorgeschichtlichen Herrschern letztlich keine christlichen Eigenschaften und somit kulturell einigende Wirkung andichten. Die von Michael Doyles definierte augusteische Schwelle – also von einer Militär- und Unterdrückungsmacht hin zu einer kulturell-ideologischen Macht, von der auch die unterworfenen Klienten profitierten – kann für Polen folglich höchstens, und das eigentlich auch nur sehr eingeschränkt, für die Beschreibung Bo←365 | 366→leslaws I. (erstmals bei Gallus) beansprucht werden.144 Bei diesem historisch bereits bekannten und in den Nachbarländern nicht unbedingt beliebten Herrscher mussten die Geschichtsschreiber aber umso zurückhaltender mit einer Imperienzuschreibung umgehen, um sich selbst nicht komplett unglaubwürdig zu machen.

Insgesamt steht das Ziel der Historiographen umso deutlicher vor Augen: Die glorreiche und größtenteils vergessene Geschichte der Polen innerhalb des imperium Polonorum müsse von den gegenwärtigen polnischen Eliten wieder gesehen werden. Das polnische Fürstentum konnte zwar in der jüngeren Geschichte nicht mit dem übermächtigen Nachbarn, dem römisch-deutschen Reich, konkurrieren, stand diesem dafür aber zumindest in der Vorgeschichte völlig gleichberechtigt gegenüber.←366 | 367→


1 Der Artikel basiert auf einem Vortrag in einer größeren Sektion auf dem International Medieval Congress 2014 in Leeds. – Die hier verwendeten Abkürzungen / Siglen für die verwendeten Chroniken in chronologischer Abfolge sind: Gallus, Chron. = Galli Anonymi cronicae et gesta ducum sive principum Polonorum, hrsg. von Maleczynski, Karol. (Monumenta Poloniae Historica N.S. 2). Polska Akademia Umiejętności: Krakau 1952; Gallus/Polens Anfänge = Polens Anfänge – Gallus Anonymus: Chronik und Taten der Herzöge und Fürsten von Polen, übers., eingel. und erkl. von Bujnoch, Josef. (Slavische Geschichtsschreiber 10). Styria: Graz et al. 1978.; Vinc., CP = [Vincent Kadłubek] Chronica Polonorum Mistrza Wincentego Zwanego Kadłubka, hrsg. von Plezia, Marian. (MPH NS 11). PWN: Krakau 1994; Vinc. Chronik = Die Chronik der Polen des Magisters Vincentius, hrsg. von Mühle, Eduard. (FSGA 48). WBG: Darmstadt 2014; Chron. Pol.-Sil. = [Chronicon Polono-Silesiacum] Chronica Polonorum (Kronika Polska), hrsg. von Ćwikliński, Ludwik. (MPH III). o.V. Lwów 1878, S. 578–656; Chron. Pol. mai. = Chronica Poloniae maioris, hrsg. von Kürbis, Brygida. (MPH SN t. 8). PWN: Warschau 1970; Chron. Dzirs. = Chronica Dzirsvae, hrsg. von Pawłowski, Krzysztof. (MHP NS XV). Nakł. Polskiej Akad. Umiejȩtności: Krakau 2013; CPP = [Chronica Principum Polonie] Kronika książąt polskich, hrsg. von Węclewski, Zygmunt. (MPH t. III). Zakład Narodowy im. Ossolińskich: Lwów 1878, S. 423–578; Długosz Annales = Dlugossii Iohannis, Annales seu Cronicae incliti Regni Poloniae, Libri XII. Polska Akad. Umiejętności: Warschau 1964–2005.

2 Obgleich diese zum Teil auch politisch aufgeladen war, hätte die Berücksichtigung der hagiographischen Quellen eine eigene Studie erfordert. Die wichtigen hagiographischen Werke findet man bei David, Pierre: Les sources de l’histoire de Pologne à l’époque des Piasts (963–1386). Les Belles lettres: Paris 1934; moderner auf Polnisch: Drelicharz, Wojciech: Idea zjednoczenia królestwa w średniowiecznym dziejopisarstwie polskim [Die Idee der Vereinigung des Königreichs in der mittelalterlichen polnischen Historiographie]. Towarzystwo Naukowego Societas Vistulana: Krakau 2012.

3 Dieser Begriff wurde für die Historiographie, obgleich schon zuvor vorhanden, maßgeblich geprägt durch Goetz, Hans-Werner: „Vorstellungsgeschichte. Menschliche Vorstellungen und Meinungen als Dimension der Vergangenheit. Bemerkungen zu einem jüngeren Arbeitsfeld der Geschichtswissenschaft als Beitrag zu einer Methodik der Quellenauswertung“. Archiv für Kulturgeschichte 61, 1979, S. 253–271 [ND: Ders.: Vorstellungsgeschichte. Gesammelte Schriften zu Wahrnehmungen, Deutungen und Vorstellungen im Mittelalter, hrsg. von Aurast, Anna et al. Verlag Dr. Dieter Winkler: Bochum 2007, S. 3–17]. Nochmals konzise zusammengefasst und mit weiterer Forschungsliteratur: Ders: Gott und die Welt. Religiöse Vorstellungen des frühen und hohen Mittelalters. Teil 1, Band 1: Das Gottesbild. (Orbis mediaevalis. Vorstellungswelten des Mittelalters 13). De Gruyter: Berlin 2011, S. 15–30.

4 Rhode, Gotthold: Geschichte Polens. Ein Überblick. WBG: Darmstadt 1980, S. 20.

5 Mühle, Eduard: Die Piasten. Polen im Mittelalter. C.H. Beck: München 2011.

6 Vgl. Bömelburg, Hans-Jürgen / Kizik, Edmund: WBG Deutsch-Polnische Geschichte – Frühe Neuzeit: Altes Reich und Alte Republik. Deutsch-polnische Beziehungen und Verflechtungen 1500–1806. Bd. II. WBG: Darmstadt 2014.

7 Vgl. die verschiedenen Beiträge im Sammelband: Mühle, Eduard (Hrsg.): Rechtsstadtgründungen im mittelalterlichen Polen. (Städteforschung A 81). Böhlau: Köln 2011.

8 Rüther, Andreas: Region und Identität: Schlesien und das Reich im späten Mittelalter. (Neue Forschungen zur Schlesischen Geschichte 20). Böhlau: Köln 2010, S. 203–211.

9 Hierfür die verschiedenen Beiträge in: Wünsch, Thomas (Hrsg.): Das Reich und Polen: Parallelen, Interaktionen und Formen der Akkulturation im hohen und späten Mittelalter. (Vorträge und Forschungen 59). Thorbecke: Ostfildern 2003.

10 Pauk, Marcin: „Eine Dynastie oder mehrere? Herrschaft und ihre Legitimation in der politischen Kultur Polens (12.-13. Jahrhundert)“. In: Vercamer, Grischa / Wółkiewicz, Ewa (Hrsg.): Legitimation und Identitätsbildung bei Fürstendynastien in Polen und dem Reich im Spiegel schriftlicher Quellen (12.-15. Jahrhundert). Harrassowitz: Wiesbaden 2016, S. 29–55, hier: S. 35, 37–44.

11 Siehe die verschiedenen Beiträge in: Borgolte, Michael (Hrsg.): Polen und Deutschland vor 1000 Jahren. Die Berliner Tagung über den „Akt von Gnesen“. (Europa im Mittelalter 5). Akademie Verlag: Berlin 2002.

12 Die Chronik des Bischofs Thietmar von Merseburg, hrsg. von Holtzmann, Robert. (MGH. Script. rer. Germ. N. S. 9). Weidmann: Berlin 1935, IV, 45, S. 183–184.

13 So z. B. die Heiligsprechung des Krakauer Bischofs Stanislaus 1253 oder die Erhebung Herzog Przemsył II. 1295 zum König von Polen, beispielsweise in der Chron. Pol. Mai., worin keine Rede von imperialen Konzepten ist, weder bei der Heiligsprechung Stanislaws (S. 99–101) noch beim Tod Przemysl I. (obgleich dort eine lange Lobesrede erfolgt, S. 108).

14 Chron. Pol. Mai. jeweils für 1033 (S. 18) und 1076/79 (S. 21).

15 Vgl. Kersken, Norbert: Geschichtsschreibung im Europa der nationes. Nationalgeschichtliche Gesamtdarstellungen im Mittelalter. (Münstersche historische Forschungen 8). Böhlau: Marburg 1995, S. 564–565. Gallus – Bolesław III.; Vincenz Kadłubek – Kasimir II; Chronicon Polono-Silesiacum — Heinrich IV. Probus; Großpolnische Chronik – Przemysł II.; Dzierzwa-Chronik – Władysław Łokietek; Chronica principium Polonie – Ludwig I. von Brieg. Jedoch lassen sich diese Chroniken auch noch unterteilen: Gallus schreibt erklärtermaßen (Prohemium 6) Fürsten- und Dynastiegeschichte; das „Chronicon Polono-Silesiacum“ und die „Chronica principum Polonie“ konzentrieren sich vor allem in ihren selbständigen Teilen auf die genealogischen Zusammenhänge der schlesischen Fürsten. Auch die anderen drei Geschichtswerke haben die polnischen Herzöge und Könige im Mittelpunkt – bei Vincent allerdings ergänzt um die Vorgeschichte (hier sind auch wieder „Fürsten“ im Mittelpunkt – die heroische Vergangenheit aber des polnischen Volkes wird dadurch betont: eine lechitische Reichsideologie entwickelt). Noch weiter geht der unbekannte Krakauer Franziskaner Anfang des 14. Jahrhunderts: er weiß nicht nur von Kämpfen um die Heimat (wie schon Vincent), sondern verfasst als originäre Ergänzung eine Erklärung der Herkunft seines Volkes – eine origo gentis. Das Volk steht im Mittelpunkt und nicht die Herkunft der Dynastie. Auch die Großpolnische Chronik geht so vor: Sowohl der Slaven-Exkurs im Prolog als auch die Bemerkungen über den ursprünglich herrschaftslosen Zustand vor der Zeit Kraks sprachen dafür, diese drei Chroniken „als um volksgeschichtliche Elemente erweiterte Dynastiegeschichtsschreibung“ (Kersken 1995, S. 565.) zu beschreiben.

16 Beispielsweise Vincent, CP I, 9, S. 14; Chro. Dzirs., S. 12.

17 Siehe die Einträge zu „Imperium“ im Glossarium mediae et infimae latinitatis, im Georges-LDHW sowie im Mediae Latinitatis Lexicon Minus.

18 CPP, S. 434.

19 CP I, 9, S. 15.

20 Kersken 1995, S. 532.

21 Münkler, Herfried: Imperien. Die Logik der Weltherrschaft – vom Alten Rom bis zu den Vereinigten Staaten. Rowohlt: Berlin 2005, S. 7, 18.

22 Doyle Michael: Empires. Cornell University Press: Ithaca et al. 1986, S. 93.

23 Ubl, Karl: „Herrschaft“. In: Melville, Gerd et al. (Hrsg.): Enzyklopädie des Mittelalters, Bd. 1. WBG: Darmstadt 2008, S. 9–44, hier: S. 23.

24 Miethke, Jürgen: „Politisches Denken und monarchische Theorie. Das Kaisertum als supranationale Institution im späteren Mittelalter“. In: Ehlers, Joachim (Hrsg.): Ansätze und Diskontinuität deutscher Nationsbildung im Mittelalter. (Nationes 8). Thorbecke: Sigmaringen 1988, S. 121–144, hier: S. 127.

25 Drews, Wolfram: „Politische Theorie und imperiale Konzepte“. In: Ertl, Thomas (Hrsg.): Europas Aufstieg: Eine Spurensuche im späten Mittelalter. Mandelbaum: Wien 2013, S. 34–62, hier: S. 47.

26 Ibid., S. 40–41. Siehe zum angelsächsischen Basileus-Titel auch den Beitrag von Torben Gebhardt in diesem Band.

27 Als Resultat der Arbeit von Körntgen, Ludger: Königsherrschaft und Gottes Gnade: Zu Kontext und Funktion sakraler Vorstellungen in Historiographie und Bildzeugnissen der ottonisch-frühsalischen Zeit. (Orbis mediaevalis. Vorstellungswelten des Mittelalters 2). Akademie Verlag: Berlin 2001, muss dieser Konflikt anders gesehen werden: Der Antagonismus Papsttum-Kaisertum wurde so gar nicht gesehen. Vielmehr hat besonders Rudolf Schieffer herausgearbeitet, dass der Papst in dieser Machtposition neu vom Episkopat wahrgenommen wurde, der sakrale und von Gott gegebene König-Kaiser jedoch nicht. (Körntgen 2001, S. 450) – Wie mittlerweile in der Forschung akzeptiert ist, hat der Papst selbst den sakralen Charakter des deutschen Königs akzeptiert, was aber länger nicht so gesehen wurde. Antikes Kaiserrecht (ibid., S. 453–454) wurde von den Saliern zunächst rechtspraktisch eingesetzt. Erst in einem zweiten Schritt und stark unter den Staufern wurde das Kaiserrecht als Legitimationsargument gegenüber dem Papsttum eingebracht.

28 Kölmel Wilhelm: Regimen christianum. Weg und Ergebnisse des Gewaltenverhältnisses und des Gewaltenverständnisses (8.-14. Jahrhundert). De Gruyter: Berlin 1970, S. 62, 146–151.

29 Hierzu auch Baszkiewicz, Jan: Myśl polityczna wieków średnich [Politisches Gedankengut im Mittelalter]. Wydawnictwo Poznańskie: Posen 32009, S. 243–247, der ebenfalls darauf hinweist, dass das System des Imperiums (cesarstwo) in der Zeit der Krise des deutsch-römischen Reiches auch von anderen in Beschlag genommen wurde. Vgl. ferner Miethke 1988, S. 126; Ders.: Politiktheorie im Mittelalter. Von Thomas von Aquin bis Wilhelm von Ockham. UTB: Tübingen 2008, S. 13; Holtzmann, Robert: „Weltherrschaftsgedanke und die Souveränität der europäischen Staaten“. Historische Zeitschrift 159, 1939, S. 251–264.

30 Ubl 2008, S. 25.

31 Menzel, Ulrich: Die Ordnung der Welt: Imperium oder Hegemonie in der Hierarchie der Staatenwelt. Suhrkamp Verlag: Berlin 2015, S. 44, unterscheidet zwischen positiven (pazifizierenden, partizipierenden) und negativen (tributären) Varianten: „Variante eins ist das friedensstiftende Imperium im Sinne der Pax Romana, Pax Mongolica oder Pax Britannica. Trotz Eroberung, trotz Herrschaft, trotz Tributleistung kann die Mitgliedschaft im Imperium attraktiv sein, weil das Imperium Clubgüter offeriert wie die Vorteile des römischen Bürgerrechts, die Sicherheit und Infrastruktur auf den Karawanenwegen der zentralasiatischen Seidenstraße oder die zivilisatorischen Leistungen der britischen Kolonialherrschaft, die sich z. B. in der Funktion des Englischen als lingua franca geäußert haben. […] Die radikale Variante [also die zweite Variante!] des Imperiums ist die rein tributäre. Die Herrschaft über andere wird errichtet, um diese auszubeuten und dadurch den eigenen Machtapparat und Repräsentationsaufwand zu unterhalten.“

32 Drews 2013, S. 36–37. Goez, Werner: „Die Theorie der Translatio Imperii und die Spaltung der Christenheit“. In: Meier-Walser, Reinhard et al. (Hrsg.): Der europäische Gedanke – Hintergrund und Finalität. Hans Seidel Stiftung: München 2000, S. 25–33. Weiterhin: Ubl 2008, S. 25: „Erst viel später und unter dem Einfluß der Wissenschaft vom römischen Recht wagte es Heinrich VII. Anfang des 14. Jahrhunderts, in einem Brief an den französischen König eine Überordnung des Kaisers geltend zu machen.“

33 Siehe für diese Definition ausführlich: Kersken, Norbert: „Mittelalterliche Geschichtsentwürfe in Alt- und Neueuropa“. In: Wenta, Jarosław (Hrsg.): Die Geschichtsschreibung in Mitteleuropa. Projekte und Forschungsprobleme. Wydawnictwo Uniwersytetu Mikolaja Kopernika: Toruń 1999, S. 111–134, hier: S. 111–113.

34 „[…] a group of politically discrete but related polities collectively distinguishable from other polities or commonwealths by a shared culture and history.“ – Fowden, Garth: Empire to Commonwealth. Consequences of Monotheism in Late Antiquity. Princeton University Press: Princeton 1993, S. 169.

35 Strzelczyk, Jerzy, Zapomniane narody Europy [Die vergessenen Nationen Europas]. Wydawnictwo Zakład Narodowy im. Ossolińskich: Breslau 2006.

36 Grundlage sind immer noch die Forschungen von Plezia, Marian: Kronika Galla na tle Historiografii XII Wieku [Die Chronik von Gallus vor dem Hintergrund der Historiographie des 12. Jahrhunderts]. Nakl. Polskiej Akademii Umiejętności: Krakau 1947; Ders.: „Wstęp“ [Einleitung]. In: Grodecki, Roman (Hrsg.): Anonim tzw, Gall, Kronika Polska. Wydawnictwo V Ossolineum: Breslau 1982, S. III–LXXXIII. In den letzten Jahren hat eine lebhafte Forschung zu Gallus Anonymus stattgefunden, einen Überblick hierzu bieten: Mühle, Eduard: „Cronicae et gesta ducum sive principum Polonorum. Neue Forschungen zum so genannten Gallus Anonymus“. Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 66,2, 2009, S. 459–496 (hier die wichtigsten Forschungsarbeiten) sowie Ders.: „Neue Vorschläge zur Herkunft des Gallus Anonymus und zur Deutung seiner Chronik“. Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung 60,2, 2011, S. 269–285, und Kersken 1995, S. 491–499. Zwei nicht-polnischsprachige, informative Sammelbände sind entstanden: Althoff, Gerd (Hrsg.): „Die Chronik des Gallus Anonymus im Kontext zeitgenössischer Narrativität“. Frühmittelalterliche Studien 43, 2009, [als Schwerpunktheft], S. 293–478.; Stopka, Krzysztof (Hrsg.): Gallus Anonymous and his Chronicle in the Context of Twelfth-Century Historiography from the Perspective of the Latest Research. PAU: Krakau 2010.

37 Gallus, Chron., Prohemium, S. 7.

38 Ibid., S. 8.

39 Ibid., I, 1, S. 10–11.

40 Vgl. Banaszkiewicz, Jacek: Podanie o Piaście i Popielu [Die Sage über Piast und Popiel]. Wydawnictwo Naukowe PWN: Warschau 22010, S. 102.

41 Ibid., S. 60–103, bes. S. 66, sieht in dieser Szene mit Georges Dumézil eine dreifache Funktion der Geschichte: 1. Piast erweist sich als gastlich. Er versorgt später sogar den amtierenden Fürsten Popiel, dem eigentlich die Funktion der Gastlichkeit zukommen sollte. 2. Es wird die wichtige und heilige Zeremonie der Haarschur seines Sohnes gefeiert. Indem die Fremden bei dieser Zeremonie bei Piast und nicht bei Popiel sind, wird bereits eine Entscheidung für den künftigen Herzog getroffen. 3. Die wunderbare Vervielfältigung des Essens und Trinkens macht die Fremden zu Magiern oder Wahrsagern für die verheißungsvolle Zukunft Polens unter den Piasten.

42 Rex regum […] dux ducum, Gallus, Chron. I, S. 12.

43 Ibid., I, 6, S. 16–17.

44 Ibid., I, 7, S. 25: Sicut, inquit, in hac hora aurea porta civitatis ab isto ense percutitur [er hatte sein Schwert in das goldene Tor von Kiew gestoßen als Zeichen seines Sieges und der Unterwerfung der Ruthenen], sic in nocte sequenti soror regis ignavissimi mihi dari prohibita corrumpetur; nec tamen Bolezlauo thoro maritali, sed concubinali singulari vice tantum coniungetur, quatinus hoc facto nostri generis iniuria vidicetur, et Ruthenis ad dedecus et ad ignominiam inputetur. Bolesław symbolisierte also seinen Sieg über die Ruthenen zweifach: einerseits über sein eingeschlagenes Schwert in der Goldenen Pforte und andererseits über die Vergewaltigung (anders kann es kaum genannt werden) der Tochter des ruthenischen Großfürsten, der dem polnischen Herzog zuvor seine Tochter nicht zur Ehefrau geben wollte.

45 Ibid., I, 6, S. 19: Per coronam imperii mei, maiora sunt que video, quam fama percepi.

46 Hier ist nicht der Platz dieses Ereignis, welches eine zentrale Bedeutung in der polnischen Geschichte hat, eingehend zu besprechen. Dies habe ich aber an anderer Stelle bereits getan: Vercamer, Grischa: „Der Akt von Gnesen – ein misslungenes Ritual oder höchste Machtdemonstration Boleslaw I. Chrobrys um 1000?“. In: Paron, Aleksander et al. (Hrsg.): Potestas et communitas. Interdisziplinäre Beiträge zu Wesen und Darstellung von Herrschaftsverhältnissen im Mittelalter östlich der Elbe. Instytut Archeologii i Etnologii PAN: Warschau / Breslau 2010, S. 89–110. Nur so viel sei gesagt, dass die Frage, ob eine rechtmäßige Krönung zum König stattgefunden hat oder nicht, eigentlich nicht entschieden werden kann. Wichtiger scheint die Tatsache, dass es unter Bolesław I. keine (bekannten) Aufstände oder Adelsrevolten gegeben hat (wie anschließend unter Mieszko II.). Seine Herrschaft muss also als konsolidiert und solide bezeichnet werden; hierzu hat eine vor den Eliten vorgenommene symbolische Krönung sicherlich sehr stark beigetragen. Bolesław war damit nicht mehr nur der Fürst aus Großpolen, der kleinpolnische und schlesische Stämme (im Laufe der 990er Jahre) unterworfen hatte, sondern er war ihr „König“. Am Ende seines Lebens 1025 hat sich Bolesław selbst nochmals bestätigend zum König gekrönt, vgl. Die Annales Quedlinburgenses, hrsg. von Giese, Martina. (MGH Script. rer. Germ. 72). Hahn: Hannover 2004, a. 1025, S. 578. Sicherlich hing das mit dem Tod Heinrichs II. (1024) zusammen, aber andererseits wollte er offenbar seinem Sohn und Nachfolger Mieszko II. einen „königlichen“ Start ermöglichen. Vgl. jüngst: Jaros, Sven: „… sicut in libro de passione martiris potest propensius inveniri. Die vermeintliche Quelle und der politische Kontext der Darstellung des ‚Aktes von Gnesen‘ bei Gallus Anonymus“. Zeitschrift für Ostforschung 62, 2013, S. 555–580, welcher den Akt von Gnesen vor allem in seiner kirchenpolitisch-religiösen Bedeutung (Gnesen wurde zum Erzbistum erhoben) sehen möchte und damit Roman Michałowski folgt.

47 Žemlička, Josef: „Vratislav II., Fs. und Kg. v. Böhmen“. In: Lexikon des Mittelalters, 10 Bde. Metzler: Stuttgart 1977–1999, Bd. 8, Sp. 1873–1874. Zur konkreten Krönung: *42. Mainz, St. Alban 1085 Mai. 4–10 (?), in: Bohemia-Moravia Pontificia sive repertorium privilegiorum et litterorum a Romanis Pontificibus ante annum MCLXXXXVIII. Bohemiae et Moraviae ecclesiis monasteriis civitatibus singulisque personis concessorum. Diocesis Pragensis et Olomucensis, bearb. von Könighaus, Waldemar. (Regesta Pontificum Romanorum. Germania Pontificia V/3, Provincia Maguntinensis VII). Vandenhoeck & Ruprecht: Göttingen 2011, S. 51–52.

48 Fried, Johannes: Otto III. und Bolesław Chrobry. Das Widmungsbild des Aachener Evangeliars, der ‚Akt von Gnesen‘ und das frühe polnische und ungarische Königtum. Franz Steiner Verlag: Stuttgart 22001, S. 135–136; Dalewski, Zbigniew: „Die Heilige Lanze und die polnischen Insignien“. In: Wieczorek, Alfried et al. (Hrsg.): Europas Mitte um 1000, Bd. 2: Beiträge zur Geschichte, Kunst und Archäologie. Theiss: Stuttgart 2000, S. 907–911.

49 Gallus, Chron. I, 6, S. 20. Zu den auf dem Akt von Gnesen verwendeten Titeln siehe: Michałowski, Roman: „Relacja Galla Anonima o Zjezdzie Gnieznienskim. Problem wiarygodnosci [Der Bericht des Gallus Anonymus über den Akt von Gnesen. Ein Problem der Glaubhaftigkeit]“. In: Trelińska, Barbara (Hrsg.): Tekst zródla. Krytyka. Interpretacja. Wydawnictwo DiG: Warschau 2005, S. 57–64, hier: S. 61–62; Jasiński Tomasz: „Tytulatura Boleslawa Chrobrego na Zjeździe Gnieznienskim [Die Titulatur Boleslaw Chrobrys auf dem Akt von Gnesen]“. In: Derwich, Marek et al. (Hrsg.): Memoriae amici et magistri. Studia historyczne poswięcone pamięci Prof. Waclawa Kony (1919–1999). Instytut Historyczny Uniwersytetu Wrocławskiego: Breslau 2001, S. 23–31.

50 Gallus, Chron. I, 6, S. 21.

51 Ibid., I, 9, S. 26–27; S. 30–39.

52 Ibid., I, 16, S. 35: Rex Bolezlauus diviciis probisque militibus, ut dictum est, plus quam rex alius habundaret.

53 Ibid., I, 8, S. 25.

54 Ibid., I, 9, S. 27.

55 Oliński Piotr: „Am Hof Boleslaw Schiefmunds. Die Chronik des Gallus Anonymus“. In: Schieffer, Rudolf / Wenta, Jaroslaw (Hrsg.): Die Hofgeschichtsschreibung im mittelalterlichen Europa. Projekte und Forschungsprobleme. Wydawnictwo Uniwersytetu Mikołaja Kopernika: Toruń 2006, S. 93–105, hier: S. 103. Verwiesen sei auf meine Habilitationsschrift (Vorstellungen von guter und schlechter Herrschaftsausübung in England, Polen und dem Reich im Spiegel der Historiographie des 12./13. Jahrhunderts [wird momentan, Frühjahr 2017, zum Druck vorbereitet]), welche besonders den Aspekt der verkappten Herrscherkritik bezüglich des Gallus gegenwärtigen polnischen Herzogs Bolesławs III. und der Überhöhung des längst toten, legendären Bolesławs I. bespricht. Dieser Aspekt wurde bislang in der polnischen Forschung so nicht gesehen.

56 Schneidmüller, Bernd: „1111 – Das Kaisertum Heinrichs V. als europäisches Ereignis“. In: Historisches Museum der Pfalz (Hrsg.): Die Salier. Macht im Wandel. Ausstellungskatalog. Minerva: München 2011, S. 36–45, hier S. 42: „Wie kaum ein Kaiser vor ihm geriet Heinrich V. [seit 1111] in einen Deutungsstreit, der ihn zwischen Himmel und Hölle hin und her riss. Ein Streitgedicht über die Gefangenschaft Paschalis‘ II. verglich ihn mit Herodes und Nero, nannte ihn einen Fahnenträger des Antichrist sowie einen Skorpion aus dem Norden und fragte das ‚armselige‘ Deutschland: ‚Welcher Wahnsinn hat dich erfasst?‘ “.

57 Vgl. zu diesem Herrscher: Powierski, Jan: Kryzys rządów Bolesława Szczodrego. Polityka i jej odzwierciedlenie w literaturze średniowiecznej [Die Krise der Regierung Bolesławs II. Seine Politik und die Widerspiegelung in der mittelalterlichen Literatur]. Marpress: Danzig 1992.

58 Gallus, Chron., I, 23, S. 49. Isjaslaw bat Bolesław um einen öffentlichen Bruderkuss in Kiew. Statt ihm diesen zu verweigern, ließ der Pole sich das geplante öffentliche Treffen teuer bezahlen und als es schließlich zum Kuss kommen sollte und der Ruthene schon vom Pferd abgestiegen war, blieb Bolesław II. auf seinem Pferd sitzen, griff den Bart von Isjaslaw und riss diesen unter Lächeln zu sich heran und gab ihm den teuer erkauften (Bruder-)Kuss. Er demonstrierte auf diese Weise par excellence seine Überlegenheit. Noch hochmütiger (vanitas) zeigte sich Bolesław II. gegenüber Ladislaus I., der seine Jugend in Polen verbracht hatte und mit Hilfe Boleslaws II. wieder an die Macht gekommen war. Als Boleslaw II. 1079 aus Polen zu ihm, dem amtierenden ungarischen König, floh, kam es zu einer ähnlichen Szene wie in Kiew: Bolesław kam als fugitivus nach Ungarn, war aber zu stolz vom Pferd zu steigen, obgleich ihm der ungarische König schon die Referenz erwies und ihm entgegenritt. Daher stieg als erstes der Ungar (vir humilis) ab und kam ihm entgegen, aber Bolezlauus humilitatem regis mansueti non respexit, sed in pestifere fastum superbie cor erexit, Gallus, Chron. I, 28, S. 54.

59 Dies ist ein Fakt, welcher einiges über die Haltung des Autors zum Herzog aussagt. In der polnischen Forschung wird aber grundsätzlich die Darstellung Bolesławs III. kaum als problematisch oder kritisch gewertet, zuletzt: Rosik, Stanisław: Bolesław III. Chronicon: Breslau 2013. Es ist hier von Kritik des Chronisten nichts zu finden.

60 Im Lobgedicht auf Boleslaw III. Gallus, Chron., Epilog zum dritten Buch, S. 123–126; ibid., III, 12, S. 140.

61 Ibid., III, 14, S. 141 (wiederholt sich aber auch anderswo).

62 Ibid., III, S. 129–141.

63 Ibid., III, 2, S. 130. Bellum invenies, si bellaris. Gleichzeitig erwähnt Bolesław III. aber auch, dass – wenn der Kaiser freundlich gefragt hätte – er ihm sehr gerne mit auxilium und consilium zur Seite gestanden hätte, wie es auch seinen Vorfahren schon getan hatten.

64 Ibid., III, S. 141. Vestre cesaree potestati ire consistit vel redire, sed apud me tamen pro timore vel condicione nec ullum poteris vilem obulum invenire. Malo enim ad horam regnum Polonie salva libertate perdere, quam semper pacifice cum infamia retinere. […] Et quoniam superbe libertatem antiquam Polonie subigere cogitavit.

65 Kürbis, Brygida: „Einleitung“. In: Vinc. Kronika, 1996, S. IVff.; Dies.: Art. „Kadłubek Wincenty“ [Art.: ‚Vincent‘]. In: Słownik Starożytności Słowiańskich, Bd. 2. Zakład Narodowy im. Ossolińskich: Breslau et al. 1964, S. 349–350. Die polnische Literatur zu Magister Vincent ist kaum überschaubar, und hier können nur die wichtigsten Werke zitiert werden, die (besonders das Onus Athlanteum) über detaillierte Bibliographien zu Vincent verfügen: Dąbrówka, Andrzej / Wojtowicz, Witold: Onus Athlanteum. Studia nad Kroniką biskupa Wincentego. IBL Wydawnictwo: Warschau 2009 – ein umfassender Sammelband, der eine ausführliche Forschungsbibliografie zu Magister Vincent aufweist; abgesehen davon seien noch folgende wichtige Konferenzbände angeführt: „Mistrz Wincenty Kadłubek pierwszy uczony polski w 750-lecie śmierci. Sympozjum naukowe zorganizowane w Poznaniu staraniem PTPN i PTH w dniach 23 i 24 listopada 1973 roku“ [Magister Vincent Kadłubek, der erste polnische Gelehrte, zum 750. Todestag. Wissenschaftliche Konferenz, organisiert in Posen durch die Posener Gesellschaft der Freunde der Wissenschaften und die Polnische Historische Gesellschaft am 23. und 24. November 1973]. Studia Źródłoznawcze 20, 1976; Prokop, Krzysztof R.: Mistrz Wincenty Kadłubek. Człowiek i dzieło, pośmiertny kult i legenda. Materiały sesji naukowej – Kraków 10 marca 2000 [Magister Vincent Kadłubek. Mensch und Werk, postumer Kult und Legende. Materialien einer Konferenz – Krakau, 10. März 2000]. PAU: Krakau 2001; Starzyński, Marcin / Zdanek, Maciej (Hrsg.): Cistercium Mater Nostra. Tradycja – historia – kultura II-2 [Cistercium Mater Nostra. Tradition – Geschichte – Kultur]. Towarzystwo Naukowe Societas Vistulana: Krakau 2008; grundlegend weiterhin: Balzer, Oswald, Studium o Kadłubku. Pisma pośmiertne [Studie zu Kadłubek. Postum veröffentlichte Schriften], Bde. 1–2. Wydawnictwo Towarzystwa Naukowego we Lwowie: Lwów 1934/1935; grundlegend sind darüber hinaus die Forschungen von Marian Plezia, die gesammelt zugänglich sind: Plezia, Marian: Scripta minora. Łacina średniowieczna i Wincenty Kadłubek [„Scripta minora”. Das mittelalterliche Latein und Vincent Kadłubek], hrsg. von Weyssenhoff-Brożkowa, Krystyna / Turkowska, Danuta. DWN: Krakau 2001; Lis, Artur: Spory wokół biografii mistrza Wincentego Kadłubka. Wydawnictwo KUL: Lublin 2013. Dem deutschen Leser sei die aktuelle Zusammenfassung zu Leben und Forschung von/zu Vincent von Mühle, Eduard: „Einleitung“. In: Vinc. Chronik, 2015, S. 13–86, empfohlen.

66 Balzer 1934, Bd. 1, S. 87 und 93, kommt zu dem Schluss, dass die Werke Vincents das intellektuelle Milieu von Paris atmen. Kętrzyński, Stanisław: „Ze studyów nad Gerwazym z Tilbury (Mistrz Wincenty i Gerwazy – Provinciale Gervasianum)“. In: Rozprawy (Polskiej) Akademii Umiejętności, Wydział Historyczno-Filozoficzny 46, 1903, S. 160–163, hält es dagegen für sehr wahrscheinlich, dass Vincent in Bologna Gervasius von Tilbury kennen gelernt hat. Grodecki, Roman: Mistrz Wincenty Kadłubek, biskup krakowski: Zarys biograficzny. Druk W.L. Anczyca i Spółki: Krakau 1923, S. 13 und 18, geht wiederum davon aus, dass er schon seit 1183 in der Kanzlei von Kasimir dem Gerechten tätig war und sein Studium mit Unterbrechungen geführt hat. Ein endgültiger Nachweis dürfte sich in dieser Sache nicht erbringen lassen.

67 Zusammenfassend: Kürbis 1996, S. XIX.

68 Ursache hierfür ist der Umstand, dass in späteren Erwähnungen der Titel magister bestehen bleibt, was mit dem Ende seiner Arbeit an der Domschule (Mitte der 1190er Jahre) wohl nicht mehr der Fall hätte sein müssen. Andererseits lassen sich vor Vincent in den polnischen Quellen eine Reihe von anderen „Schulmeistern“ finden, die sich nur auf die Lehrtätigkeit zurückführen lassen, vgl. Kürbis 1996, S. XXI. Angesichts der Tatsache, dass Vincent mit seiner gelehrten Chronik zu dieser Zeit im Fürstentum Polen völlig allein dasteht, hat dieses Argument nur verminderten Wert.

69 Die Ansichten in der Forschung über die Abfassungszeit gehen weit auseinander und reichen über einen langen Schreibprozess, der in den späten 1160er Jahren begann, bis zu der Hypothese, dass es sich um ein Alterswerk handelt, welches Vincent ab 1218 in klösterlicher Abgeschiedenheit schrieb, vgl. Mühle, Eduard: „Einleitung“. In: Vinc. Chronik, S. 39–42.

70 Kürbis Brygida: „Pisarze i czytelnicy w Polsce XII i XIII wieku [Autoren und Rezipienten in Polen im 12./13. Jahrhundert]“. In: Gieysztor, Aleksander (Hrsg.): Polska dzielnicowa i zjednoczona: państwo, społeczeństwo, kultura. Wiedza Powszechna: Warschau 1972, S. 173, macht darauf aufmerksam, dass die bislang Ivo Odrowąż, dem Nachfolger Vincents auf dem Krakauer Bischofsamt, zugeschriebene reichhaltige Bibliothek auch Vincent gehört haben könnte.

71 Zuletzt zeigte Sondel, Janusz: „Wincenty zw. Kadłubkiem jako apologeta prawa rzymskiego [V. als Verteidiger des römischen Rechts]“. In: Onus Atlantheum 2009, S. 91–109, den wesentlich größeren Einfluss des römischen Rechts gegenüber dem einheimischen Recht bei Vincent auf.

72 Die Forschung ist sich hier nicht einig: Kürbis 1996, S. XXIX, ist aufgrund zweier Zitate aus dem Werk davon überzeugt, dass Vincent von Kasimir den Auftrag bekam, während Bieniak, Janusz: „Jak Wincenty rozumiał i przedstawiał ustrój państwa polskiego [Wie V. das polnische Staatssystem verstanden und vorgestellt hat]“. In: Onus Athlanteum 2009, S. 39–46, bes. S. 43 den Bischof von Krakau, Matthäus (1142–66), als Inspirator für die Chronik sieht. Skibiński, Edward: „Walka o władzę w kronice Mistrza Wincentego. Mieszko Stary i Kazimirz Sprawiedliwy [Kampf um die Herrschaft in der Chron. des Mag. V. – Mieszko der Alte und Kasimir der Gerechte]“. In: Onus Athlanteum 2009, S. 46–56, sieht allerdings entgegen Bieniak und mit Kürbis ganz eindeutig den moralischen Vorzug Kasimirs vor Mieszko dem Alten, der zwar in der Chronik längere Auftritte hat und auch gelobt wird, dessen Fähigkeiten aber im Grunde von außen durch das Schicksal (fortuna) an ihn herangetragen wurden. In den Diskussionsbeiträgen zwischen Bieniak und Skibiński (ibid., S. 58–59) werden die beiden Positionen nochmals deutlich gemacht, wobei Bieniak betont, dass es ihm vor allem darum geht, zu unterstreichen, dass das Werk nicht in einem Stück entstanden ist und daher auch unter unterschiedlichen politischen Einflüssen fortgeschrieben wurde. Für das vierte Buch habe nach Bieniak Kasimir starke Verantwortung übernommen, aber in den ersten Büchern gebe es verschiedene Passagen, die deutlich von einer offiziösen Geschichtsschreibung zugunsten Kasimirs abweichen. Schon etwas früher hierzu: Skibiński, Edward: „Mieszko czy Kazimierz? W sprawie sporu o inspiratora Mistrza Wincentego [Mieszko oder Kasimir? In der Streitsache um den Inspirator von V.]“. In: Dobosz, Józef / Strzelczyk, Jerzy (Hrsg.): Nihil superfluum esse. Prace z dziejów średniowiecza ofiarowane Profesor Jadwidze Krzyżaniakowej. Instytut Historii UAM: Posen 1999, S. 167–174.

73 „Ich werde allzu sehr in die Enge getrieben und habe doch nicht die Hoffnung, in dieser Aufgabe kein Missfallen zu erregen. Denn hier zieht die Wahrheit den Hass auf sich, da droht Zorn durch Strafe. […] Wenn ich aber irgendetwas, sei es aus Begünstigung oder aus Furcht, von dem Zufließenden heimlich unterdrücke, werde ich dem Brenneisen des Steuerbetruges nicht entkommen […]“ (Vinc, Chronik. S, 299) – Artor, inquit, nimis nec ulla mihi est hac in re desperatio displicendi: nam hinc ueritas odium parit, inde indignatio minatur supplicium […] Quodsi aliquid aut fauore aut metu ex contingentibus furtim suppressero, fraudati census non effugio cauterium. – Vinc., CP IV, S. 129–130.

74 Die polnische Forschung geht von einer mündlichen Tradition aus, welche Vincent in sein Werk integrierte. Vgl. zusammenfassend: Żmudzki, Paweł: „Spór o analizę strukturalną podań i mitów dotyczących ‚Początku‘ Polski (na marginesie książek Jacka Banaszkiewicza i Czesława Deptuły) [Der Streit um eine Strukturanalyse der Erzählungen und Mythen zu den ,Anfängen‘ Polens (Randbemerkungen zu den Büchern von Jacek Banaszkiewicz und Czesław Deptuła)]“. Przegląd Historyczny 93, 2002, S. 451–471. Kritisch ist natürlich dabei zu fragen, warum nicht schon Gallus diese Mythen genutzt bzw. integriert hat?

75 Mądrowska, Ewa A.: „Polska jako „patrimonium“, „regnum“ i „res publica“ w Kronice Mistrza Wincentego Od liryki do retoryki [Polen als „patrimonium“, „regnum“ und „res publica“ in der Chronik von Vincent Kadłubek. Von der Lyrik zur Rhetorik]“. In: Kadulska, Irena (Hrsg.): W kregu słowa, literatury i kultury. Prace ofiarowane Jadwidze i Edmundowi Kotarskim. Wydawnictwo Uniwersytetu Gdańskiego: Danzig 2004, S. 41–46; für eine Untersuchung zum frühen Mittelalter bis Jordanes siehe: Suerbaum, Werner: Vom antiken zum frühmittelalterlichen Staatsbegriff. Über Verwendung und Bedeutung von res publica, regnum, imperium und status von Cicero bis Jordanis. Aschendorff: Münster 31977.

76 Mühle, Eduard: „Einleitung“. In: Vinc. Chronik , S. 55.

77 Gawlas, Sławomir, „Das Problem der Fürstenmacht zur Zeit von Vincentius Kadłubek“. In: Kersken, Norbert / Vercamer, Grischa (Hrsg.): Macht und Spiegel der Macht. Herrschaft in Europa im 12. und 13. Jahrhundert vor dem Hintergrund der Chronistik. Harrassowitz: Wiesbaden 2013, S. 273–308, hier: S. 285–287.

78 Selbstverständlich verarbeitete der Autor in der Vorgeschichte die problematische Gegenwart Polens um 1200. Zu der Konzeption des Autors habe ich mich schon anderswo umfassend geäußert: Vercamer, Grischa: „Die Herkunftsgeschichte der Piasten als politisches Konzept der Gegenwart des Chronisten Vinzenz Kadłubek (1150–1223)“. In: Andenna, Cristina / Melville, Gert (Hrsg.): Idoneität – Genealogie – Legitimation. Begründung und Akzeptanz von dynastischer Herrschaft im Mittelalter. Böhlau: Köln et al. 2015, S. 367–385.

79 Vinc., CP I, 5, S. 9; Vinc., Chron. I, 5, S. 97.

80 Vinc., CP I, 5, S. 11.

81 Ibid., I, 9, S. 14.

82 Ibid., I, 9, S. 15.

83 Ibid., I, 9, S. 16.

84 Ibid., I, 10, S. 17: Ex quo enim tributum ignominie tuorum infusum est intestinis, ex quo Lechiticos expertus es argiraspiclas, tui rutilantia solis aput multos deferbuit; immo tui uisum est imperii nutasse diadema.

85 Ibid., I, 7, S. 12: Vnde quidam Lemannorum tyrannus, dum proposito huius gentis populande grassaretur, dum quasi uacans rapere molitur imperium, inaudita quadam uirtute prius uincitur quam armis. Omnis enim exercitus eius mox ut reginam ex aduerso uidit, uelut quodam solis radio repente percellitur. Omnes uelut quodam iussu numinis animos hostiles exuti a prelio diuertunt, asserunt sacrilegium a se declinari non prelium, non hominem se uereri, set transhumanam in homine reuereri maiestatem. Quorum rex, incertum est amoris an indignationis an utriusque saucius languore, ait: ,Vanda mari, Vanda terre, aeri Vanda imperet, diis inmortalibus Vanda pro suis uictimet! Et ego pro uobis omnibus, proceres, sollempnem inferis hostiam deuoueo, ut tam uestra quam uestrarum successionum perpetuitas sub femineo consenescat imperio.‘ Dixit et exerto incumbens mucroni expirat uitaque cum gemitu fugit indignata sub auras.

86 Zwar hat auch der neue Kaiser Friedrich Barbarossa 1157 noch einen Kriegszug nach Polen unternommen und wieder formal in der Gegend von Krzyszkowo bei Posen die Unterwerfung von Bolesław IV. angenommen; aber insgesamt muss der von der deutschen Kanzlei als klarer Sieg gewertete Zug eher als fauler Kompromiss gewertet werden, und Friedrich musste sich damit begnügen, seinen eigenen honor in der Außendarstellung wieder einigermaßen hergestellt zu haben, vgl. Görich, Knut: Friedrich Barbarossa. C.H. Beck: München 2011, S. 264–265.

87 Vinc., CP, I, 16/17, S. 22–23.

88 Anton, Hubert H. et al.: „Origo Gentis“. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Bd. 22. De Gruyter: Berlin / New York 2003, S. 174–210.

89 Vinc., CP I, 17, S. 23.

90 Hierzu: Van Eickels, Klaus / Brüsch, Tania (Hrsg.): Kaiser Friedrich II. Leben und Persönlichkeit in Quellen des Mittelalters. Artemis & Winkler: Düsseldorf 2000, S. 139 ff.

91 Vinc., CP II, 3, S. 32; II, 10, S. 39; II, 18, S. 52; III, 18, S. 105; III, 20, S. 107; III, 28, S. 120; IV, 7, S. 147; IV, 10, S. 151; IV, 12, S. 152.

92 Ibid., III, 20, S. 107: Quod illi aput Lemannos plurimum conflauit inuidie, quod imperatoriam sibi undicaret quasi maiestatem, cum in regnis contiguis arbitratu proprio quos mallet deiceret potenter, quos mallet potenter sublimaret.

93 Ibid.; Vinc., Chron. III, 20, S. 259. Et iam pene cuncta finitimorum regna suo coniecerat imperio, iam enim transfinitimos uel gratie serenitate uel quadam stuporis reuerentia deuinxerat, ut qua uix Boleslai nomen attigisset, numen eius coleretur.

94 Über die Abfassungszeit gibt es zwei Meinungen: Die ältere datiert den ersten Titel um 1285, den zweiten Teil um 1300, wobei zum Teil von zwei Autoren ausgegangen wird. Die jüngere Meinung sieht in der Chronik das Werk eines Autors, der in den 80er Jahren des 13. Jahrhunderts schrieb. Der Autor äußert keine kirchlichen oder klösterlichen Tendenzen (entgegen Vincent Kadłubek); zudem fällt auf, dass er den monarchischen Ambitionen Heinrich IV. Probus sehr positiv gegenübersteht. Vgl. ausführlich zur Forschungsgeschichte: Drelicharz 2012, S. 199–212.

95 Chron. Pol.-Sil., S. 606.

96 Es handelt sich um einen Text, der unter Verwendung von Materialien von Bischof Boguchwał II. von Posen (1242–1253) anlässlich der Krönung von Przemysł II. am 26.7.1295 zum König von Polen 1295/96 wahrscheinlich in Gnesen und möglicherweise von dem Posener Kustos Godzisław Baszko niedergeschrieben wurde; dieser Text erfuhr im 14. Jahrhundert einige Interpolationen (den Slawen-Abschnitt im Prolog sowie Teile der Kapitel 4 und 8), als deren Autor Andreas von Schwerin († 1356) oder Janko von Czarnków vermutet worden sind. Diese Ansicht wird von Brygida Kürbis begründet und von der polnischen Mediävistik weitgehend akzeptiert. Andere Forscher (zuletzt v. a. Derwich) halten das Werk als Ganzes für eine Kompilation aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts, als deren Verfasser Janko von Czarnków benannt worden ist, wofür sich zuletzt in einer eindringlichen Argumentation Marek Derwich ausgesprochen hat, vgl. Kersken 1995, S. 529 ff., Drelicharz 2009, S. 458 ff.

97 Chron. Pol. mai., Prolog, S. 5.

98 Ibid., S. 5.

99 Ibid., S. 6.

100 Ibid., S. 8: […] Lechite qui nullum regem seu principem inter se tanquam fratres et ab uno patre ortum habentes habere consueverant, sed tantum duodecim discreciores et locupletiores ex se eligebant, qui questiones inter se emergentes diffiniebant et rem publicam gubernabant, nulla tributa se invita servicia ab aliquo exigentes et Gallorum [der Römer] impetum formidantes, quendam virum strenuissimum nomine Crak cuius […] in eorum capitaneum, seu ducem exercitus […] unanimiter elegerunt.

101 Sie war lange Zeit einem gewissen Dzierzwa oder Mierzwa zugeschrieben (daneben könnten auch noch Chronius oder Thronius oder ein magister Vincentius in Frage kommen, die in den mittelalterlichen Exzerpten der Chronik genannt werden). Die Chronik erscheint in den verschiedenen Kopien unter verschiedenen Titeln: „Chronica Polonorum“, „Chronica Polonorum annalis“, „Cronica pollonicalis“ und auch „Cronicae Vinciencianae recapitulatio brevis“. Wir wissen also nicht, wie das Original hieß. Die Chronik ist aus inhaltlichen Gründen wohl im Krakauer Raum angefertigt worden und lässt sich dort mit einem franziskanischen Hintergrund verbinden; das Begräbnis von Bolesław dem Schamhaften in der Krakauer Kirche der Franziskaner sowie die Erwähnung des Todes von Franziskus sprechen dafür. Aus unbekannten Gründen wurde das Werk aber schon 1288 abgebrochen. Es könnte ab dieser Zeit geschrieben worden sein – die Forschung geht von einem Zeitraum von 1288–1320 aus. Auch in dieser Chronik ist das Ziel die Überwindung der politischen Aufteilung Polens in Teilfürstentümer und die Widerherstellung einer politischen Zentralgewalt. Für eine Zusammenfassung der neueren Forschung und eine Verortung der Chronik vgl. die Einleitung zur Neuausgabe, in: Chron. Dzirs., S. V–VII.

102 Iawan, Philira, Alan, Anchises, Eneas, Ascanius, Numa Pamphilius, Reasilva, Alanus (der als erstes Europa betrat), Negno, vgl. Chron. Dzirs., S. 1–2.

103 Chron. Dzirs., S. 2–3: Russiam usque ad orientem, Poloniam maximam terrarum et matrem, Pomeraniam, Seleuciam, Cassubiam, Sarbiam, quae nunc Saxonia dicitur, Bohemiam, Moraviam, Stiriam, Carinthima et Sclavoniam: quae nunc Dalmacia dicitur; Chrowatiam, Pannoniam, quae nunc Ungaria dicitur, Bulgariam et alias quam plures, quarum multidudo propter prolixitatem subticetur.

104 Vgl. auch Kersken 1995, S. 529.

105 Chron. Dzirs., S. 15.

106 Gut zusammenfassend: Patze, Hans: „Mäzene der Landesgeschichtsschreibung im späten Mittelalter“. In: Ders. (Hrsg.): Geschichtsschreibung und Geschichtsbewußtsein im Spätmittelalter. (Vorträge und Forschungen 31). Thorbecke: Sigmaringen 1987, S. 331–370, hier: S. 359–363.

107 Detalliert: Heck, Roman: „Akcenty spoleczne i moralizatorskie w Kronice Ksiazat polskich. [Gesellschaftliche und moralisierende Aspekte in der Chronik der polnischen Fürsten]“. In: Cultus et Cognitio. Studia z Dziejów średniowiecznej Kultury. Państwowe Wydawnictwo Naukowe: Warschau 1976, S. 181–192.

108 Die Wanda-Geschichte in: CPP, S. 431.

109 Mit dem Tod von Wanda: Hec Wanda, omnia spernens connubia, sine prole decessit; post cuius obitum nonnullis temporibus claudicavit imperium Wandalorum (ibid.).

110 Kürbis, Brygida: „Johannes Dlugosz als Geschichtsschreiber“. In: Patze 1987, S. 483–496. Aktueller auch: Drelicharz 2012, S. 418 ff.

111 Borkowska Urszula: Treści ideowe w dziełach Jana Długosza, Kościół i świat poza Kościołem [Ideeninhalte in den Werken von Jan Długosz. Kirche und Welt außerhalb der Kirche]. Redakcja Wydawnictw KUL: Lublin 1983, S. 102–106. Miesko I. wird als Apostel der Polen dargestellt (Długosz Annales I, S. 193: Ad plures vicos, oppida et villagia personale fecit aggressus et tam adultos quam infantes, ares iuxta ac feminas, aquis regeneracionis innovat […] et ablutos in fide firmat […]. Auch bei Długosz ist Bolesław I. der Vorzeige-Herrscher schlechthin. Allerdings ist die Rolle von Adalbert als dessen Lehrer und Mahner nicht mehr so ausdrücklich wie noch bei Vincent Kadłubek.

112 Długosz, Annales I, S. 68–69.

113 Ibid., S. 69.

114 Ibid., S. 70–73. Rus ist übrigens erst ein Enkel von Lech und begründete später Ruthenien. Die hegemoniale Vorherrschaft über die ruthenischen Fürstentümer ist damit für Długosz begründbar, vgl. ibid., S. 87.

115 Ibid.: […] Polonorum tamen principum per longas etates et successiones regebantur et parebant imperio. Hierfür führt er u. a. Ptolemäus mit einem erfundenen Zitat an, dass die Polen auch die Bulgaren und die Bewohner der römischen Provinz Moesia beherrscht hätten.

116 Ibid., S. 87–88.

117 Ibid., S. 117 und 143–144.

118 Ibid., S. 106–108.

119 Ibid., S. 107: Et quoniam imperium Lechitarum in regione vastissimas silvas et nemora [].

120 Ibid., S. 166.

121 Vgl. auch Kersken 1995, S. 553 ff.

122 Diese Begrifflichkeit entstammt selbstverständlich dem 19. Jahrhundert; dennoch ist verblüffend, mit welcher Ähnlichkeit sie bei den mittelalterlichen Historiographen verwendet wird. Vgl. für die moderne Entwicklung: Karl, Lars / Skordos, Adamantios: „Panslawismus“. In: Europäische Geschichte Online, hrsg. vom Institut für Europäische Geschichte (Mainz). 2013 (Zugriff am: 1.7.2016 unter http://ieg-ego.eu/de/threads/transnationale-bewegungen-und-organisationen/pan-ideologien/lars-karl-adamantios-skordos-panslawismus/?searchterm=panslawismus&set_language=de).

123 Chron. Polon. Mai., S. 4: [] primogentus Lech, alter Rus, tercius Czech [] quorum maioritas semper apud Lechitas et dominum ac tocius superioritatis imperii [].

124 CPP, S. 429: [] non dominandi ambicio, non res habendi urgebat libido sed robur animositatis in regnorum exterorum acquirendis dominiis plurimum exercebat [].

125 Vinc., CP I,8, S. 13: […] post ipsam [Wanda] sine rege claudicauit imperium.

126 Vgl. ausführlich zu diesem Phänomen: Vercamer 2015, S. 367–385.

127 Cron. Pol.-Sil., S. 615: Der Sohn Julias Popiel tötet die Onkel und damit: Sic patrie syderibus extinctis omne Lechitarum decus contabuit [schwinden].

128 Vinc., CP, I, 19–20, S. 26–29.

129 Ibid., I, 9, S. 14: Huius quoque rei publice administratio humilibus nonnumquam et incertis cessit personis, nulla prorsus uel uulgi uel procerum sugillante inuidia, utpote quorum gloriosis etiam hodie gloriari delectet insignibus.

130 Ibid.: Ein Brief der Polen an Alexander: Regi regum Alexandro imperatrix Polonia.

131 Chron. Dzirs., S. 8: […] huius autem rei publicae administratio humilibus nonnumquam et incertis cessit personis nulla prorsus vel vulgi vel [].

132 Vinc., CP I, 15, S. 21: Quotiens namque regalibus eum insigniri regia, ut assolet, poposcisset dignitas, originarie non immemor condicionis in habitu sordido prius orchestram conscendit, regalium ornatum scabello pedum supprimens, subinde regiis decussatus insignibus scabello insedit, illis extreme paupertatis panniculis in supremo orchestre suggestu reuerentissime collocatis.

133 Chron. Pol.-Sil., S. 615–616: Hic suis suffultus meritus prius magister efficitur militum, tandem principali fungitur maiestate et non eas solum, quas Pompiliana ignavia deseruerat naciones, revocacit, sed et alias suo coniecit imperio, quibus decanos, quindequagenos, centuriones, collegiones, tribunos, chiliarchos, et magistros militum, urbim prefectos, presides omnesque potestates instituit.

134 Długosz, Annales, S. 160.

135 Zusammenhängend mit Diskurs „passive Ausbreitung“ weiter oben.

136 Vinc., CP I, 9, S. 14: Der bereits erwähnte Brief der Polen an Alexander: Regi regum Alexandro imperatrix Polonia. Male aliis imperat, qui sibimet imperare non didicit.

137 Ibid., I, 17, S. 23: […] monarchia Sclaviae, sed etiam finitimorum gubernatorum sumit imperia.

138 Chron. Miersz. S. 170: Wanda mari, Wanda terrae, aeri Wanda imperet! Diis immortalibus Wanda pro suis victimet, et ego pro vobis o mei proceres.

139 Vinc. I, 5, S. 9: Ait: ridiculum esse […] mundum sine sole, quod sine rege imperium […] Sed non regem set regni socium pollicetur, si se deligant.

140 Dies könnte über das an der Johann-Wolfgang-Goethe Universität in Frankfurt/Main angesiedelte Projekt: Computational Historical Semanics (http://www.comphistsem.org/) vorgenommen werden.

141 Vinc., I, 5, 9: Proinde rex [Graccus] ab omnibus consalutatur; iura instituit, leges promulgat. Sic ergo nostri civilis iuris nata est conceptio, seu concepta natiuitas.

142 Cosmae Pragensis Chronica Boemorum, hrsg. von Berthold Bretholz. (MGH Script. rer. Germ. N.S. 2). Hahn: Hannover 1923, S. 1–241, hier: I, S. 11–13.

143 Menzel 2015, S. 29–64 (umfassende theoretische Bemerkungen zu „Imperium“).

144 Gall, Chron. 1, 9, S. 27: O magna discretio magnaque perfectio Bolezlavi! qui personam in judicio non servabat, qui populum tanta justitia gubernabat, qui honorem ecclesiae ac statum terrae in summo culmine retinebat. Justitia nimirum et aequitate ad hanc Bolezlavus gloriam et dignitatem ascendit, quibus virtutibus initio potentia Romanorum et imperium excrevit.