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Text und Holocaust

Die Erfahrung des Ghettos in Zeugnissen und literarischen Entwürfen

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Jacek Leociak

Der Autor analysiert Tagebücher, Erinnerungen, Memoiren, Chroniken, Berichte und Briefe, die während der Zeit des Zweiten Weltkriegs und der deutschen Besatzung im und um das Warschauer Ghetto entstanden. Er untersucht die Gattungsspezifik und den speziellen Status dieser Texte, die das in Worte zu fassen versuchen, was gemeinhin als unbeschreibbar gilt. Der Autor widerspricht der verbreiteten These von der Unausdrückbarkeit. Er betont die Notwendigkeit des Ausdrucks jener Erfahrung und die Notwendigkeit des Versuchs zu verstehen.

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1 Die Suche nach einer Formel

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1 Die Suche nach einer Formel

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Die Texte, mit denen ich mich in dieser Arbeit befassen möchte, zählen zur Literatur des persönlichen Dokuments – ein Begriff aus der humanistischen Soziologie. Ins Leben gerufen wurde die sogenannte Methode des persönlichen Dokuments von Florian Znaniecki, der die Autobiographie als wertvolles soziologisches Material entdeckte.9 Bei seiner Beschreibung dieses literarischen Phänomens betont Roman Zimand, dass sowohl Leser als auch Autoren und Forscher die Sonderstellung anerkennen, die das persönliche Dokument in der Literatur einnimmt. Innerhalb der Gattungsgemeinschaft jedoch sind die Grenzen zwischen den einzelnen Varianten fließend und leicht überschreitbar. Jene Leichtigkeit bei der Übertretung von Gattungsgrenzen, deren Ursprung Zimand in der personalisierten Narration sieht (die grammatische Dominanz des Singulars in allen Varianten), ist eines der drei Kriterien, die er vorschlägt, um die Gattungsspezifik der Literatur des persönlichen Dokuments zu erfassen. Die beiden anderen Kriterien sind der verschwimmende Gegensatz zwischen „Wahrheit“ und „Erdachtem“ (das Spiel zwischen der Referenzialität eines Textes und den kompositionellen Erzählregeln) und die große Vielfalt von Gattungen und Varianten.10

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Auffällig bei der hier untersuchten Textgruppe ist die – nicht selten erhebliche – Spannung zwischen der Einschätzung und Benennung der Texte durch ihre Autoren einerseits und der Zuordnung der Texte anhand ihrer textuellen Merkmale andererseits. Nicht die endgültige Einteilung in Gattungen und komplizierte Klassifikationen habe ich hier jedoch im Sinn; mir ist bewusst, dass eine vollkommene Präzisierung unter diesem Gesichtspunkt weder erreichbar ist noch Erkenntnisgewinn verspricht. Im Übrigen sollen genologische Forschungen auch gar nicht Gegenstand dieser Arbeit sein. Daher belasse ich es bei einer allgemeinen Einordnung des analysierten Materials und einem Vorschlag zur Typologie der Gattungsvarianten. Zuvor jedoch lohnt ein Blick auf das in den Texten verzeichnete genologische Bewusstsein ihrer Autoren.

Pamiętnik“ [„Erinnerungen“ (eigentlich: Erinnerungsbuch oder „gesammelte Erinnerungen“, ohne wortwörtliche Entsprechung im Deutschen; Anm. d. Übers.)] ist bei Weitem die häufigste Bezeichnung und dabei zugleich auch die dehnbarste und vieldeutigste Gattungskategorie bei den persönlichen Dokumenten. An zweiter Stelle folgen „wspomnienia“ [„Erinnerungen“, „Memoiren“] und „dziennik“ [„Tagebuch“]; ebenfalls anzutreffen sind Benennungen wie „zapiski“ [„Aufzeichnungen“], „notatki“ [„Notizen“], „szkic kronikarski“ [„Entwurf einer Chronik“], „reportaż“ [„Reportage“]. Das genologische Bewusstsein der Verfasser erscheint dabei manches Mal überraschend unkonventionell.11

Stanisław Sznapman beispielsweise betitelte seinen Text Dziennik z getta [Tagebuch aus dem Ghetto]. Eine irreführende Klassifikation, weist der Text doch keine der traditionellen Merkmale eines Tagebuchs auf: Er wurde nicht Tag für Tag geschrieben und besteht auch nicht in einer Sammlung von Eintragungen, deren Anordnung sich durch irgendeine chronologische Ordnung ←18 | 19→auszeichnen würde. Der Autor hält keinen aktuellen Verlauf von Begebenheiten fest, er registriert weder aufeinanderfolgende Ereignisse noch Erlebnisse oder Reflexionen, die diese begleiten würden. Dziennik z getta ist eine Erzählung über das Schicksal der Warschauer Juden in der Zeit von September 1939 bis Juli 1943, platziert vor dem breiteren Hintergrund des europäischen Kriegsschauplatzes und verfasst mit einer zwar geringen, aber dennoch deutlich markierten zeitlichen Distanz. Die Geschichte, die Sznapman erzählt, hat sich zu diesem Zeitpunkt bereits ereignet, wenn auch der Krieg noch im Gange ist. Der Autor ist allerdings überzeugt, dass die Vernichtung der Juden, deren Zeuge er wird, bereits unumkehrbar feststeht. Daher verbirgt er sein im Verhältnis zu den geschilderten Begebenheiten vorauseilendes Wissen nicht, sondern manifestiert es geradezu: Die Erzählung ist gespickt mit wertenden Kommentaren und Appellen an den Leser, und ein überindividueller Blickwinkel wird erkennbar (im narrativen „Wir“).

Und dennoch, auf der Suche nach einer Gattungsformel bezeichnet Sznapman seinen Text, der schließlich eher Erinnerungen als laufende Ereignisse verzeichnet, als „dziennik“. Es ist anzunehmen, dass diese Formel weniger den genologischen Status des Textes markieren soll als die Position des Autors, der ja direkter Zeuge des Geschehens gewesen ist, sowie die Authentizität und Glaubwürdigkeit des Geschilderten. Ein Tagebuch kann in der Gegenüberstellung mit Erinnerungen als glaubwürdiger gelten, und zwar, wie ich denke, aus drei ihm zugeschriebenen Prinzipien. Erstens befindet sich der Tagebuchschreiber „innerhalb“ der verzeichneten Zeitspanne und ist nicht durch den Filter der Erinnerung von dem Beschriebenen getrennt. Zweitens wird die Ordnung der Aufzeichnung nicht durch eine von vornherein feststehende kompositorische Regel bestimmt, sondern durch das stattfindende Geschehen – und damit gewissermaßen durch die Realität. Drittens schließlich scheint das Gebot der Augenzeugenschaft beim Tagebuch rigoroser zu sein als bei Erinnerungen.12

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Darüber hinaus kommen Textbezeichnungen vor, die sich direkt oder metaphorisch auf die Gattungen der Sprache im weitesten Sinne beziehen, die das Hauptgewicht auf deren axiologische Dimension und nicht auf die genologische Charakteristik legen. Sie sagen etwas über das moralische und emotionale Verhältnis des Verfassers zum Geschriebenen aus, darüber, was ein Text sein, wozu er dienen, welche Rolle er spielen sollte. Eine solche Benennung enthält weniger die Zuordnung zu einer bestimmten Gattung, als sie die Haltung des Autors markiert sowie Werte bezeichnet, die er mit seinem Text ausdrücken will. Ein „Kleines Gleichnis“ oder „familiäres Buch Hiob“ (Natan) akzentuieren, dass die niedergeschriebene persönliche Erfahrung nach Absicht des Autors eine universelle Aussage annehmen soll. Eine „Beichte“ (Calel Perechodnik)13 oder eine „Stimme meiner Seele“ (Karol Rotgeber) verweisen auf die Tiefe des intimen Bekenntnisses angesichts des nahenden Todes. Henryk Bryskers Erinnerungen, ein „Denkmal aus Worten und Papier“, das er seiner ermordeten Frau errichtete, sind eine Geste der Ehrerbietung im Gedenken an das Leiden seiner Nächsten und ein Ausdruck des Willens, deren Schicksale als Beispiel für das Los vieler anderer Menschen zu verewigen. Und schließlich gibt es eine ganze Reihe von Benennungen wie „Anklage“ (Jan Mawult), „Zeugnis eines Verbrechens“, „Anklageschrift“, „Material für den Staatsanwalt“ (Marian Berland), die das häufigste Motiv ausdrücken: das Gefühl der Pflicht, die Verbrechen zu bezeugen, und das starke Verlangen nach Gerechtigkeit oder auch nach Rache an den Verbrechern.

Die Autoren selbst widmen der Frage nach der Gattung ihrer Texte kaum je weitschweifige Erklärungen. Nicht so Janusz Korczak: Sein Pamiętnik [„Erinnerungsbuch“]14 beginnt mit einer umfassenden autothematischen Reflexion, ←20 | 21→durchwoben von Metaphern, Parabeln, dramatisch ausgearbeiteten Szenen, Zitaten aus der Literatur. Der Autor stellt Überlegungen über die psychologische und existentielle Situation an, in der sich ein Verfasser von Erinnerungen, Autobiographie, Lebenslauf, Memoiren befindet (all diese Bezeichnungen erwähnt Korczak), und über den Sinn eines solchen Schreibens. Bereits im ersten Satz seines Pamiętnik wird dieser Gattungsname eingeführt, sodann erfolgt eine gewisse Distanzierung: „Düster, niederdrückend ist die Lektüre von Erinnerungen.“15 Für Korczak dokumentieren die traditionellen schriftlichen Erinnerungen das zunehmende Nachlassen von Lebensenergie; die Dynamik eines schriftlich festgehaltenen Lebenslaufs gibt die Richtung vor: von der Jugend zum Alter, von Vitalität, Ehrgeiz, Hoffnung zu Erschöpfung und Zweifel. Korczak äußert den Wunsch, dieses Modell zu ändern:

In meinen eigenen Lebenserinnerungen will ich versuchen, es anders zu machen. Vielleicht ist das ein glücklicher Gedanke, vielleicht gelingt es, vielleicht ist es gerade so richtig. (S. 20)

Der Entwurf des positiven Vorschlags ist in einem metaphorischen Bild verborgen, das auf diese Deklaration folgt: Der Tagebuchschreiber gräbt einen Brunnen, um durch die miteinander verwobenen Erinnerungsschichten zu den unterirdischen Quellen zu gelangen. Somit beschreibt der Verfasser von Erinnerungen weniger sein Leben, als er bis zur Tiefe seines Selbst vordringt. Er entdeckt, wer er wirklich ist. Mühselig ist diese Arbeit, von Hindernissen und Fallen gespickt, niemals ganz zu vollbringen. Auch kann niemand dabei helfen. „[D]‌as muss jeder selbst tun. Keiner kann ihm dabei helfen, und keiner kann einen da vertreten“ (l.c.).

Am Ende des ersten Teils seiner Erinnerungen kehrt Korczak noch einmal zur autothematischen Reflexion zurück. Nun geht es nicht mehr um ein Vorhaben, sondern um die Durchführung:

Ich habe alles noch einmal durchgelesen. Nur mit Mühe habe ich es verstanden. Und der Leser?

Kein Wunder, dass ein Tagebuch unverständlich für den Leser bleibt. Kann man denn überhaupt fremde Erinnerungen, ein fremdes Leben verstehen?

Ich sollte ja wohl ohne Mühe erkennen, was ich schreibe.

Nun freilich, aber kann man eigene Erinnerungen verstehen? (S. 86)

Hier hat die Frage nach der Möglichkeit zu verstehen zwei Adressaten: den Leser und den Autor. Letzterer scheint hier der wichtigere zu sein. Das Festhalten von ←21 | 22→Erinnerungen in Buchform nimmt nämlich für Korczak die Eigenschaften einer Art geistigen Übung an, wird zu einer disziplinierten, systematisch und gegen den Druck der Außenwelt vollführten Meditation. In diesem Kontext zu lesen sind Korczaks Bemerkungen über die Beziehung zwischen der Zeit, die der Schreibende durchlebt, und der erinnernden Erzählung über die Zeit. Die Zeit ist ein Element, das sich nicht beschreiben lässt. Keine Narration ist in der Lage, das tatsächliche Pulsieren der Zeit, den Lauf der Ereignisse, Gedanken, Gefühle wiederzugeben. Damit ist der Verfasser in dieser Hinsicht zur Unerfülltheit, zum unvermeidlichen Scheitern verurteilt. Dennoch muss er die Herausforderung annehmen:

Jede Stunde – das ist ein dickes Heft, das ist eine Stunde Lesen.

Nun ja.

Du musst einen ganzen Tag lang lesen, um einen meiner Tage in etwa zu verstehen. Woche für Woche, Jahr für Jahr.

Und wir wollen in einigen Stunden, um den Preis von ein paar eigenen Stunden – ein ganzes langes Leben durchmessen.

So einfach geht das nicht. Du wirst es in einer undeutlichen Kürzung, in einer flüchtigen Skizze kennenlernen – eine Episode für tausend, für hunderttausend (S. 87).

Korczaks Überlegungen zur Niederschrift von Erinnerungen lassen sich interpretieren als Suche nach einer Formel, welche zugleich die Wahrheit über den Autor erfassen und Zeugnis über die Zeit geben könnte – einer Formel, die hilfreich dabei wäre, nicht nur das eigene Leben zu verstehen, sondern auch die Welt, in der man leben muss, und den Platz, der einem darin zukommt. Indem er über sich und für sich schreibt, richtet sich der Verfasser von Erinnerungen schließlich auch an andere. Korczaks Suche nach einer Formel ist somit auch die Suche nach einer Möglichkeit, Zeugnis zu geben.

Ich möchte nun also folgenden Vorschlag für eine Typologie der Gattungsvarianten innerhalb der hier analysierten Literatur des persönlichen Dokuments unterbreiten:

Tagebuch (dziennik) und Chronik-Tagebuch (dziennik-kronika) verbinden einer solchen Einteilung zufolge, dass keine zeitliche Distanz zu den dargestellten Ereignissen herrscht, dass es keine im Vorhinein festgelegten Kompositionsregeln gibt und dass jeweils aktuelle Begebenheiten fortlaufend geschildert werden. Dagegen unterscheidet sie, dass beim Tagebuch die private Beobachtungsperspektive exponiert wird, dass die Beschreibung subjektiviert und die Sprache individualisiert wird bis hin zu einer Verwendung von literarischen Ausdrucksformen, wohingegen das Chronik-Tagebuch eher bemüht ist, ein breiteres Spektrum zu erfassen, das über das Beobachtungsfeld ←22 | 23→des schreibenden Subjekts hinausgeht, sowie nach einer Objektivierung der Beschreibung, einer panoramischen Darstellung des Lebens einer bestimmten Gruppe strebt.16

Innerhalb des nun abgesteckten Gattungsbereiches finden verschiedene Varianten Platz. Die Tagebücher von Avrom Levin [Abraham Lewin] und Chaim Aron Kaplan verdienen dank der subjektivierten Schreibweise und Emotionalität voll und ganz die Bezeichnung „intimes Tagebuch“. Dagegen konzentriert sich Adam Czerniakóws Tagebuch17 auf öffentliche Angelegenheiten und zeichnet in knappen Notizen ein Bild der Gemeinschaft. In der Textkonstruktion jedoch, in der Form der Sprache trägt es deutlich den individuellen Stempel des Autors. Emanuel Ringelblums Notitsn fun varshever geto [Warschau 1952; engl. Ausgabe: Notes from the Warsaw Ghetto, bearb. und übers. von J. Sloan, New York 1958] gehen entschieden über die individuelle Perspektive der Narration hinaus und versuchen sich an einem allumfassenden, objektivierten Blick, der dennoch nicht frei ist von persönlichen Emotionen des Verfassers. Ludwik Landaus monumentale Kronika lat wojny i okupacji [Chronik der Kriegs- und Besatzungsjahre] liefert ein Panorama vieler verschiedener Perspektiven aus den Besatzungsjahren, das weit über das Ghetto und das besetzte Warschau hinausgeht und eine Fülle an detaillierten Beobachtungen und auch allgemeinen Reflexionen aufweist.

Die Erinnerungen (pamiętnik) sind vor allem durch ihre zeitliche Distanz zu den beschriebenen Geschehnissen und zu der Person, die diese durchlebt, in Opposition zum Tagebuch angesiedelt. Jene Distanz gestattet es, im Vorhinein gewisse Kompositionsregeln und narrative Strategien festzusetzen, die Position eines allwissenden Erzählers einzunehmen oder nicht, Ereignisse aus der allwissenden Position heraus zu kommentieren und zu bewerten. Die Welt in festgehaltenen Erinnerungen ist immer auf irgendeine Weise erzählt, was bedeutet, dass sie auch kognitiv geordnet, angeeignet ist. Sie lässt sich als Kette von Ereignissen erzählen, während sie im Tagebuch die Gestalt nur locker verbundener, ungeordneter und nicht hierarchisierter einzelner Kettenglieder von Ereignissen annehmen kann.

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Alle in diese Untersuchung einbezogenen Erinnerungen wurden mit einer kleinen zeitlichen Distanz zu Papier gebracht; die Autoren beschreiben Geschehnisse, die wenige Monate bis höchstens anderthalb Jahre zurückliegen. Die Zeit des Beschriebenen und die Zeit des Schreibens nähern sich dabei zunehmend einander an, bis sie am Ende des Textes zusammenfließen. So ist es zum Beispiel bei Marian Berland, der im Mai 1944 seine Aufzeichnungen beginnt, die mit der Schilderung seiner Erlebnisse während des Ghettoaufstands im April und Mai 1943 einsetzen. Calel Perechodnik beschreibt die Liquidierung des Ghettos in Otwock (17.–19. August 1942) genau zu dem Zeitpunkt, an dem sich dieses Ereignis zum ersten Mal jährt, was er im Text deutlich vermerkt. Stefan Ernest wiederum fängt seinen Erinnerungsbericht mit der Abriegelung des Warschauer Ghettos (November 1940) an und beendet ihn am 28. Mai 1943.

Die Verfasser von Erinnerungen bemühen sich überwiegend, ihr Kriegsschicksal in Gänze zu schildern, d.h. vom September 1939 oder von der Entstehung des Ghettos an bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie ihren Stift niederlegen. Und mehr noch, häufig versuchen sie, eine Antwort zu geben auf die Frage nach dem Sinn der Kriegserfahrung, nach der Verantwortung für das Vorgefallene – wie beispielsweise Henryk Makower, Ludwik Hirszfeld, Karol Rotgeber, Stefan Ernest, Stanisław Sznapman, Calel Perechodnik oder ein unbekannter Autor, Funktionär beim Ordnungsdienst im Ghetto (N.N. „Pam.“ [Erinnerungen], 129). Bei diesen Autoren schlägt die Reflexion über das eigene Leben immer wieder in eine historiosophische Reflexion um, wobei sich diese beiden – stärker oder schwächer ausgeprägten – Motive miteinander verweben.

Der Essay ist ein Versuch, eine „unscharfe Menge“ von Gattungen zusammenzufassen, in der persönliches Dokument und Literatur, Referenzialität und Fiktionalität aufeinandertreffen, in der sich Schöpferisches mit dem Vorsatz der Berichterstattung mischt. Zu dieser Gruppe möchte ich Lejb Goldin, Rokhl Oyerbakh [Rachel Auerbach], Henryk Słobodzki oder Władysław Szlengl zählen.

Briefe wiederum stellen eine gesonderte, im formellen Sinn leicht von den anderen Gruppen unterscheidbare Kategorie dar. Im Ringelblum-Archiv wird eine große Briefsammlung aufbewahrt. Ein Sonderfall darunter ist die Korrespondenz von Wanda Lubelska und Halina Grabowska sowie auch Henryka Łazertównas Brief an Roman Kołoniecki.

Varia. Dieser Gruppe habe ich ausgewählte Briefe und amtliche Schriften zugeordnet (zum Beispiel die Korrespondenzen Janusz Korczaks), Berichte von Ämtern und gesellschaftlichen Institutionen bzw. Meldungen aus dem politischen konspirativen Milieu (zum Beispiel eine Mitteilung von den vereinigten Untergrundorganisationen im Ghetto), Berichterstattungen umgesiedelter ←24 | 25→Menschen und schriftliche Arbeiten von Kindern aus Waisenhäusern, deren Anfertigung die Mitglieder des Untergrundarchivs im Ghetto angeregt hatten, sowie monographische Abhandlungen über besondere Problematiken (zum Beispiel Choroba głodowa [Die Hungerkrankheit] unter Anleitung von Izrael Milejkowski, Stosunki polsko-żydowskie w czasie drugiej wojny światowej [Polnisch-jüdische Beziehungen in der Zeit des Zweiten Weltkrieges] von Emanuel Ringelblum). Und es bleiben noch weitere verschiedenartige Texte, zum Beispiel Artikel für die Wochenzeitung von Janusz Korczaks Kinderheim Dom Sierot [Haus der Waisen] oder der Begrüßungstext eines unbekannten Autors für eine Lesung im Ghetto.

Die hier aufgeführten Beispiele überschreiten den Gattungsrahmen des persönlichen Dokuments und befinden sich deswegen nicht mehr im Bereich meines Interesses. Dennoch erwähne ich sie hier, weil die außergewöhnlichen zeitlichen und örtlichen Umstände ihrer Entstehung sowie die besondere Situation, in der sich ihre Verfasser befanden, in manchen Fällen auch bei solchen Schriften eine eindrückliche Spur persönlicher Erfahrung hinterlassen haben. Aus diesem Grund werde ich versuchen, ebenfalls diese Art Texte, wenn auch nur sporadisch und in Ausnahmefällen, in meine Betrachtungen einfließen zu lassen.

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Zwar sind die analysierten Texte unter verschiedensten Umständen entstanden und repräsentieren die unterschiedlichsten Gattungsvarianten, jedoch sind sie trotzdem als ein zusammenhängendes Ganzes vorstellbar, das sich mit folgenden drei gemeinsamen Parametern beschreiben lässt: mit dem Zustand der Bedrohung, dem Bewusstsein des nahen Endes und dem Gefühl eines Gefangenseins in der Zeit.

Das Schreiben war stets von einem Gefühl der Bedrohung begleitet, doch war dieses Gefühl wechselnd stark und äußerte sich in verschiedenen Formen. Alle Schreibenden unterlagen ihm, wenn auch nicht in gleichem Maße. Es ergab sich aus der individuellen Situation des Autors, die sich einschrieb in das Schicksal der Gemeinschaft. Der Zustand der Bedrohung relativierte sich auch innerhalb der Chronologie des Ghettos; die individuelle Zeit verlief innerhalb der kollektiven Zeit, und die wiederum wurde durch die aufeinanderfolgenden Zeiträume der Geschichte des Ghettos geformt. Daher kann man sich eine allgemeine Periodisierung der Bedrohung für das gesamte Ghetto vorstellen, bezeichnet durch die einzelnen Etappen einer alle Bewohner betreffenden Vernichtung, und man kann in diesem Rahmen die aufeinanderfolgenden Phasen ←25 | 26→des privaten Schicksals nachverfolgen. Die Bedrohung war also verschiedenartig ausgeprägt, ließ jedoch nie nach und machte nicht nur dem Autor, sondern auch seinem Text das Überleben schwer. Da ungewiss war, wie es sich mit dem weiteren Schicksal verhielt, wurde die Bedrohung schlussendlich zu einer Sicherheit der unausweichlichen Vernichtung.

Dieser Stand der Dinge verhinderte, dass der Autor vollständig Herr seiner geschilderten Wirklichkeit war, dass er sie in eine traditionelle narrative Form bringen und ihr eine klar strukturierte, erzählbare und verständliche Gestalt verleihen konnte. Zudem war er eines grundlegenden Wissens beraubt, das unter gewöhnlichen Umständen jeder Erzähler einer Geschichte besitzt – er wusste nicht, konnte gar nicht wissen, wie und wann seine Geschichte enden würde.

Bei der Niederschrift von Erinnerungen veranlasst der zeitliche Abstand – der ja nur kurz und im Grunde illusorisch ist – die Verfasser, sich an einer Systematisierung und Interpretation des Erlebten zu versuchen, es ordnen und zur Gänze erfassen zu wollen. Dabei sitzt das überstandene Grauen den Schreibenden noch in den Fingern, Angst und Schrecken dauern fort. Schließlich sind sie nach wie vor im besetzten Warschau gefangen – in den Mauern des Ghettos oder im Versteck auf „arischer Seite“. Somit registrieren die Autoren die damalige Realität zeitgleich oder mit nur geringer zeitlicher Distanz, vor allem aber in Unwissenheit über den Ausgang des Geschehens.18 Sie verewigen die Geschehnisse jener Zeit so, wie sie sich ihrem kognitiven Horizont während des Schreibens darstellten, und geben ihre Erlebnisse, Reflexionen, Wertungen relativiert durch ihren damaligen Wissensstand weiter.

Ein gemeinsames Charakteristikum für die hier analysierte Gruppe von Texten – so unterschiedlich sie auch von der Gattung her sein mögen – ist, dass sie keine deutliche Distanz zu den geschilderten Ereignissen aufweisen. Dies hat wiederum ein gewisses „Gefangensein“ zur Folge – ein Gefangensein anderer Art jedoch als die allgemeine Situation des Tagebuchschreibers, der zwangsläufig in der Realität „gefangen“ ist, im Strom der Zeit mit seiner Einteilung in das ←26 | 27→aktuelle „Heute“ und das nahe „Gestern“ und „Morgen“. Bei den Autoren der Ghettotexte gesellt sich zu dieser gewöhnlichen Begrenztheit noch etwas Ungewöhnliches hinzu: Sie sind eingeschlossen in einer Situation, auf deren Verlauf sie keinerlei Einfluss nehmen können und der sie vollkommen ausgeliefert sind. Jene Situation, die den gesamten Horizont des textuellen Hier und Jetzt ausfüllt, erweist sich als eine nicht nur den Schreibenden, sondern die gesamte Gemeinschaft zugrunde richtende Katastrophe. Der Tagebuchschreiber aus dem Ghetto wird weniger von den Wellen der Zeit davongetragen und kann sich – ohne zu wissen, was das Morgen bringt – noch rasch das flüchtige Heute notieren, als er vielmehr in den Fluten eines grauenvollen Jetzt zu ertrinken droht. In seiner persönlichen Erfahrung wird die Jetztzeit zur Endzeit. Das Morgen hat lediglich den Wert, dass es einen Aufschub der heute noch nicht vollzogenen Exekution bedeutet, während die Zukunft zur abstrakten Leerstelle nach der Katastrophe wird, zur gesellschaftlichen Utopie oder zum religiösen Mythos. Der Schreibende ist somit in einer Grenzsituation gefangen und fasst aus dieser Situation heraus den Entschluss zu schreiben. Und während er schreibt, ändern sich die Umstände, der Grad seiner eigenen Sicherheit – das Wesentliche jedoch unterliegt keinem Wandel. Ohne sich aus den Fluten retten zu können, verzeichnet der Schreibende das fremde und zerstörerische und dabei einzig zugängliche, unausweichliche, endgültige „Heute“.

Der bedrohliche Zustand, das Gefangensein in der Grenzsituation und die Unwissenheit über deren Ausgang sind die grundlegenden Maßstäbe sowohl für die kommunikative als auch für die existentielle Situation desjenigen, der sich ans Schreiben macht. Sie formen seine kognitive Perspektive und nehmen des Weiteren Einfluss darauf, welche kommunikative Rolle er wählt, wie er seine Erfahrung artikuliert, welche Form er seinen Aufzeichnungen gibt – kurz: Sie bestimmen die Gestalt des Diskurses.

Zwischen den hic et nunc und den erst post factum geschriebenen Texten gibt es einen essenziellen Unterschied, dessen Ursprung zwar in der außertextuellen Realität liegt (die Zäsur des Kriegsendes, die radikale Veränderung von äußeren Umständen und der Lebenssituation des Verfassers), der aber dennoch die Struktur des Textes deutlich beeinflusst. Die unüberschreitbare Grenze, welche die Kriegs- von der Friedenszeit trennt, spiegelt sich in der Spannung zwischen den rekonstruierbaren Kommunikationsrollen: der Rolle des „berichtenden Augenzeugen“ (also des „damals dort“ schreibenden Autors) und der Rolle des „erinnernden Überlebenden“ (des erst nach dem Krieg schreibenden Autors). Jenen Rollen entsprechen zwei Typen von Erfahrung: auf der einen Seite die Erfahrung, umzingelt zu sein, in eine Situation des allumfassenden Horrors geraten und zur Vernichtung verurteilt zu sein, und auf der anderen Seite die ←27 | 28→Erfahrung, gerettet zu sein und sich „äußerlich“ in Sicherheit zu befinden, wobei aber ein verinnerlichtes Grauen zurückbleibt – die Wunde der Erinnerung.

Ein grundlegender struktureller Maßstab für textuelle Zeugnisse, die aus der Kriegszeit stammen, sind Formen, mittels derer eine radikal neue und fremde Erfahrung ausgedrückt wird (eine Rhetorik des Horrors und des Alltags), Strategien zur Aneignung der Gegenwart (die Beschreibung einer unbeschreiblichen Welt), die Projizierung einer Zukunft (explizit ausgedrückte oder rekonstruierbare Motivationen für das Schreiben, Appelle an einen zukünftigen Leser und die Modellierung einer zukünftigen Rezeptionssituation). Konstitutiv für Texte aus der Nachkriegszeit hingegen sind Methoden zur Aneignung der Vergangenheit (eine Narration der Erinnerung als Therapie des Gedenkens), Muster für die Konstruktion eines autobiographischen „Ich“ (die Art der Distanz, ein offen dargelegter Wissensstand über die Realität sowie Kriterien für deren Bewertung) sowie Konventionen, nach denen thematisches Material angeführt, organisiert und bewertet wird (von den biographischen Erlebnissen des privaten „Ich“ bis hin zur existentiellen Formel für das menschliche In-der-Welt-Sein).

3

Die Dokumentationen persönlicher Erfahrung aus dem Ghetto bilden eine wahre Flut von Texten verschiedenster Gattungen mit ganz unterschiedlicher Ausdrucksweise und Erzählperspektive, bewahren aber dennoch eine Einheit von Ort, Zeit und Geschehen – wie in einer antiken Tragödie. Die in ihnen festgeschriebene Erfahrung weist eine doppelte Dimension auf: eine individuelle und eine universale, eine private und eine allgemeine. All das macht diese Texte auf eine Weise lesbar, als seien sie ein Ganzes, ein spezieller „Makro-Roman“. Der einzelne Text ist eingebunden in ein Netz vielfältigster Verbindungen. Erstens ist ein solcher Text in gewissem Sinne verwaist, begleiteten ihn doch zur selben Zeit und im selben Raum andere, von einer ähnlichen Erfahrung berichtende und aus ähnlicher Motivation entstandene Texte, die jedoch verloren gegangen sind. Mit jenen verlorenen Texten ist der erhaltene Text somit durch Bande verknüpft, die sich nicht wiederherstellen lassen. Es lässt sich jedoch nie genau sagen, was unwiederbringlich verloren ist und was nur im Verborgenen liegt und wieder auftauchen kann (wie zum Beispiel Janusz Korczaks auf geheimnisvollen Wegen wiedergefundene und erst 1992 veröffentlichte Schriften aus dem Ghetto). Zweitens findet der einzelne Text seine Vervollständigung in anderen erhaltenen Texten. Sie erscheinen im gegenseitigen Licht und ergänzen einander; die Lücken und Unklarheiten eines Textes können durch andere behoben werden. Als Strom von Texten gelesen überwinden die einzelnen Texte ihren bruchstückhaften ←28 | 29→und amorphen Charakter. Drittens schließlich kann ein Text auf vielerlei Weise fragmentarisch sein – sei es, dass er nur in Teilen erhalten oder niemals vollendet worden ist, sei es, dass er durch den subjektiven Gesichtspunkt oder das begrenzte Wissen seines Autors unweigerlich zum Bruchstückhaften und zur Unvollständigkeit verurteilt ist.

Dem Forscher nun stellt sich die Aufgabe, eine Formel für die Gesamtheit zu entwerfen. Dies verlangt nach einer entsprechenden Art der Lektüre, und infolgedessen nach einer gewissen hermeneutischen Einstellung19. Geht man davon aus, dass ein Untersuchungsgegenstand sinnvoll gewählt ist, so lässt sich des Weiteren annehmen, dass man zu jenem Sinn gelangen oder es wenigstens versuchen kann. Diese Feststellung liegt nicht auf der Hand. Sie birgt vielmehr einen gewissen Forschungsoptimismus, drückt einen Glauben an die Gültigkeit und Folgerichtigkeit bestimmter Forschungsprozeduren aus, die einen Weg zum Verständnis der analysierten Texte eröffnen können. Bei Holocaustzeugnissen sind das beileibe keine offensichtlichen Annahmen.

Es stellt sich nämlich unweigerlich die Frage, ob die Erfahrung des Holocaust überhaupt vermittelbar ist, ob sie nicht die menschliche Ausdrucksfähigkeit und die menschliche Fähigkeit zu begreifen übersteigt. Lässt sich über diese Erfahrung sprechen? Und wenn ja, wie? In seiner Analyse von Stanisław Pigońs Bericht aus Sachsenhausen weist Michał Głowiński auf das schwierige Problem einer angesichts der beschriebenen Wirklichkeit inadäquaten Sprache hin: „Wie lässt es sich über Erfahrungen schreiben, die so außergewöhnlich sind in ihrer Ungeheuerlichkeit, dass sie keinerlei Vorgänger haben und die Sprache gewissermaßen unvorbereitet treffen, mit deren Mitteln Berichte über jene Erfahrungen zusammengesetzt werden sollten? […] [W]‌elche Sprache ist zu wählen, damit sie wenigstens teilweise Botschaft einer Epoche der totalen Barbarei sein kann, damit sie Bericht erstatten kann über eine beispiellose Lage des Menschen […]. ←29 | 30→Die bisherige Sprache hat sich als ungeeignet erwiesen, über solcherart Erfahrungen zu berichten, reduzierte sie diese doch auf das Altbekannte und daher mit jenen Erfahrungen Unvergleichbare.“20

Das Problem einer entsprechenden Sprachwahl ist eine Herausforderung, der sich sowohl der Übermittler als auch der Adressat eines Zeugnisses stellen muss. Mit anderen Worten: Die Frage nach der Ausdrückbarkeit von Holocausterfahrungen betrifft beide Seiten. Sie ist die Suche nach einer Methode, mittels derer der Berichterstatter seine Erfahrungen übermitteln und der Adressat sie empfangen und begreifen kann. Die Perspektive des Adressaten – also unser aller Perspektive – umfasst auch die Situation des Forschers. Eine Formel für die Beschreibung zu finden, ist für den Forscher von entscheidender Bedeutung. Wie soll also die Vielfalt der erhaltenen Texte erfasst, wie sollen sie gelesen, welche Haltung ihnen gegenüber eingenommen werden?

Bevor ich meinen eigenen Vorschlag formuliere, weise ich auf die Arbeiten hin, die mir die wichtigste Inspirationsquelle waren. Der dort herausgearbeitete Stil der Lektüre von Holocaustzeugnissen hat den Findungsprozess meiner eigenen Lesart stark beeinflusst. Schulden dieser Art lassen sich schwerlich durch Angaben in Fußnoten begleichen.

Jerzy Jedlicki holte die vom Museum in Oświęcim [im ehem. KL Auschwitz; Anm. d. Übers.] publizierten Handschriften von Mitgliedern des Sonderkommandos in Birkenau aus der Vergessenheit. In der Skizze „Dzieje doświadczone i dzieje zaświadczone“ [Erlebte Geschichte und bezeugte Geschichte]21 stellt er u.a. Überlegungen zur – wie er es selbst leicht scherzhaft-distanziert bezeichnet – „Kommunikationssituation“ persönlicher Zeugenberichte aus der Zeit des Holocaust an. Eingang in seine Reflexionen findet die Frage sowohl nach der Motivation der Autoren und deren psychologischen, kulturellen und existenziellen Beweggründen als auch nach der Haltung der Adressaten. Er weist auf verschiedene Rezeptionsstrategien hin: von einer dem empfundenen Entsetzen geschuldeten Abwehrhaltung über die Aneignung bis hin zur Durchtrennung der Verbindungen, zu einer „Taubheit der Rezeption“. Jedlicki spricht ebenfalls die wichtige Frage nach der Wahl einer Sprache an, nach der Wahl einer Form der Überlieferung, verbirgt sich doch seiner Ansicht nach hinter dieser Wahl die prinzipielle Entscheidung für eine kognitive Perspektive und eine Sicht auf die Welt. Des Weiteren ←30 | 31→macht er (nach Andrzej Werner) auf die Existenz zweier opponierender Perspektiven bei Holocaustüberlieferungen aufmerksam. Maßstab hierbei ist die Position des sprechenden Subjekts gegenüber der Welt. Eine Außenperspektive setzt die klare Trennung in Gut und Böse, in Opfer und Henker voraus; das Böse ist der Aggressor von außen und trifft auf den solidarischen Widerstand der Verteidiger des Guten. Eine Innenperspektive offenbart gemischte Werte, eine Zwangslage und eine Machtlosigkeit angesichts der Zerstörung.

Ein jeder ist bedroht, alle sind gezeichnet. Bei den persönlichen Dokumenten aus dem Warschauer Ghetto könnte zum Beispiel die Biographie Ludwik Hirszfelds eine Exemplifikation für die Außenperspektive sein könnte, während die Innenperspektive durch Calel Perechodniks Erinnerungsbuch repräsentiert würde.

Roman Zimands Essay über Adam Czerniakóws Tagebuch ist – wie der Autor es im Untertitel bezeichnet – der „Versuch einer Lektüre“. Ich erlaube mir, eine Stelle aus der Einleitung des Buches zu zitieren, gibt sie doch genau meine eigene Haltung wieder: „Der Schreiber dieser Worte ist kein Fachmann, er ist kein Kenner der Geschichte des polnischen Judentums, kein Historiker im Allgemeinen. Sieht man jedoch Czerniakóws Tagebuch als außergewöhnliches Dokument an, dann schließlich u.a. deshalb, weil es zu Nicht-Fachleuten spricht. Und da es das tut, darf bezeugt werden, wie ein Nicht-Fachmann jenen Text versteht.“22

Im Tagebuch des Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde im Warschauer Ghetto, das bis dahin lediglich als wertvolles Quellenmaterial für historische Forschungen betrachtet worden war, erkannte Zimand eine kunstvoll komponierte Aufzeichnung der Erfahrung des Holocaust. Er untersuchte daher vor allem die Methoden zur Konstruktion einer Übermittlung, die Rhetorik des Textes, und bewies damit – entgegen mancher anderer Einschätzungen –, dass eine Analyse des Diskurses um die Dokumente des Völkermordes nicht nur gerechtfertigt ist, sondern auch in erkenntnisbezogenem Sinne außerordentlichen Nutzen bringt. Darauf beruht, wie ich denke, die durch Zimand vollführte „kopernikanische Wende“ in der Lesart von Holocaustzeugnissen. Diese sind für ihn weniger geschichtliche Quelle als eine Art der Manifestation des Autors. Somit konzentriert er sich auf die Analyse der Regeln, die den gelesenen Text steuern, auf die Poetik der Niederschrift, die Grundsätze ihrer Grammatik, um daraus resultierend den Autor zu verstehen.

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Piotr Matywieckis Buch Kamień graniczny [Der Grenzstein; Warschau 1994] ist ein Versuch, zu den Wurzeln der Holocausterfahrung vorzudringen. Der Autor möchte mittels seiner Worte das Unberührbare berühren, das, was sich zwischen Existenz und Nichtexistenz erstreckt. Sein Buch sticht hervor in seiner Kompromisslosigkeit und seinem Mut, es schockiert in seiner Radikalität, verzeichnet auf einzigartige Weise das Ringen des menschlichen Bewusstseins mit dem Ghetto. Der erste Teil – „Wstyd“, „Puste magie“, „Trzy traktaty“ [Scham; Leere Magien; Drei Traktate] – stellt eine negative Hermeneutik des Ghettos dar, weist Elemente aus der Mystik und aus der apophatischen – d.h. negativen – Theologie (vom griechischen apophatikos – „verneinend“) auf. Matywiecki umflicht die Unbegreiflichkeit des Ghettos mit einem Netz von Widersprüchen und Antithesen. Der zur Zustimmung und Verneinung zugleich gezwungene Geist gerät in ein Nichts, dem er nur hilflose Metaphern und eine Rhetorik der Leere entgegensetzen kann. Das meditierende Subjekt befindet sich in einer Art Seinsspalt – zwischen dem Ghetto, zu dem es keinen Zugang hat, und der Realität nach dem Ghetto, der es sich entfremdet fühlt. Es sehnt sich zurück, kann aber nicht dort sein; es will nicht, muss aber hier sein. Matywiecki durchläuft in seiner Meditation mehrere Grade der „Entblätterung“. Befreit von den Ausuferungen der Sprache, dem Hochmut des Denkens und den Anmaßungen des Willens, bringt er sich eine Haltung der inneren Gedämpftheit, in eine „gebetsähnliche Gedankenruhe, ein Schalom“. Jene Gedämpftheit lässt ihn offen werden für die Stimmen der Toten, und seine Leser führt sie zu Teil 2, der um vieles länger ist als Teil 1: „Zdania z getta“ [Ansichten aus dem Ghetto]. Eine Zeit des Lauschens und des Lesens kehrt ein. „Zdania z getta“ ist eine ganz eigene Anthologie von Tagebüchern, Erinnerungen, Briefen, Berichten von Überlebenden aus dem Warschauer Ghetto. Die umfänglich zitierten Textstellen sind umrahmt von einem meditativen Kommentar. Matywiecki spürt jedem Wort aus der Feder der Überlebenden nach, durchdringt in tiefer gedanklicher Versunkenheit die aus den Trümmern befreiten Texte, erforscht wie ein Blinder mit den Fingern die Struktur eines jeden Satzes. Die aus den eingestürzten Kellergewölben Muranóws geborgene Rede der Opfer begegnet der Rede eines Geretteten. In dieser Bewegung vollzieht sich das Unmögliche – die Berührung des Ghettos.

Von den ausländischen Arbeiten muss an dieser Stelle ein außerordentliches und für mich persönlich überaus inspirierendes Buch von James E. Young erwähnt werden: Writing and Rewriting the Holocaust. Narrative and the Consequences of the Interpretation (Bloomington, Indianapolis 1988). Der Autor analysiert darin verschieden geartete Zeugnisse aus der Zeit des Holocaust – vor allem persönliche Dokumente wie Tagebücher, notierte Erinnerungen, Erinnerungsberichte, und im Anschluss daran Lyrik (zum Beispiel ein Poem von ←32 | 33→Jizchak Katzenelson, Gedichte von Sylvia Plath), auf Video aufgezeichnete Aussagen von Überlebenden, Ikonographien – und zwar unter dem Gesichtspunkt ihrer Textualität. Er zeigt die Verschiedenartigkeit von Diskursformen, narrativen Strategien und Gattungsvarianten auf, welche die Gestalt des Überlieferten bestimmen, stellt dar, auf welche Weise Sprache, kulturelle Konventionen und Ausdrucksschemata eine vermittelnde Rolle zwischen dem Geschehenen und dessen textueller Repräsentation spielen, und erläutert das Spannungsverhältnis zwischen den Polen Berichterstattung und Kreierung.

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Oberste methodologische Direktive ist für mich die Analyse des Diskurses, nicht die Rekonstruktion von Fakten. Unter „Diskurs“ verstehe ich hier einfach die Erzählweise einer Geschichte. Es interessiert mich demnach vor allem, wie über die herangezogenen Texte gesprochen wird, wie der Übermittlungsprozess der kommunizierten Inhalte organisiert ist. Ohne mich in die komplizierte und häufig (sowohl methodologisch als auch terminologisch) verwickelte Problematik der Untersuchung von narrativen Botschaften hineinzubegeben, die die Begriffe Diskurs und Geschichte23 markieren, berufe ich mich auf Seymor Chatmans klare und für meine Zwecke ausreichende Unterscheidung dieser Termini. Geschichte – „Historie“ – (engl. story, franz. histoire) ist die Bezeichnung des Inhalts, also dessen, was übermittelt wird; Diskurs hingegen bezeichnet die Ausdrucksweise jenes Inhalts, also das, wie etwas übermittelt wird24.

Die textuellen Holocaustzeugnisse sind eine auf bestimmte Weise organisierte Überlieferung. Die Art der Überlieferung und die Regeln, nach denen sie organisiert ist, sind grundlegender Gegenstand der hier vollführten Untersuchung. Im Mittelpunkt meiner Forschungsinteressen steht in erster Linie der Text selbst, weniger jedoch das Geschehen, von dem er erzählt. Eigentlicher Gegenstand meiner Reflexionen ist demnach nicht das, was damals tatsächlich geschah, sondern die textuellen Zeugnisse aus der damaligen Zeit. Schließlich untersuche ich die Arten, in der die Texte über die damalige Wirklichkeit sprechen, und nicht ←33 | 34→so sehr jene Wirklichkeit selbst. Ich analysiere die Aufzeichnung einer bestimmten, in Textform festgehaltenen Erfahrung und decke die Gestaltungsprinzipien für diese Aufzeichnung und die Ausdrucksformen für diese Erfahrung auf. Des Weiteren stelle ich Überlegungen zu den Expressionsarten, ihren Grenzen und Möglichkeiten an.

Eine so orientierte Untersuchung könnte hinsichtlich der Beschaffenheit meines Forschungsgegenstandes als unangemessen betrachtet werden. Bei Arbeiten dieser Thematik herrschen erwiesenermaßen Bedenken, was die Analyse der „Textualität“ von Holocaustzeugnissen betrifft. Roman Zimand verwahrt sich in seinem Buch über Czerniakóws Tagebuch dagegen, dass „die bloße Beschäftigung mit der Problematik schriftstellerischer Spielregeln jemandem taktlos erscheinen könnte, wenn es sich um einen Text über das Leid und die Vernichtung hunderttausender Menschen handelt“25. Die Befürchtung ist, man könnte den Zeugnissen auf diese Weise nicht nur ihre ungewöhnliche Aura nehmen, sondern auch die Geschehnisse, von denen sie sprechen, in den Hintergrund rücken.

In diesem Zusammenhang schreibt James Young von zwei extremen Herangehensweisen an textuelle Zeugnisse des Holocaust26. Der erste Ansatz ignoriert ←34 | 35→jeglichen „Plan“ bezüglich des textuellen Ausdrucks, jeglichen Erzählrahmen, und betont den dokumentarischen Wert der Zeugnisse als Überlieferungen authentischer Ereignisse. Der zweite Ansatz legt den Akzent darauf, dass die Narration in Wirklichkeit nichts dokumentiere als ihre eigene konstruierende Aktivität. Im ersten Fall verwiese der Text somit unmittelbar auf die reale Welt, er verhielte sich wie eine vollkommen durchsichtige Scheibe. Im zweiten Fall verwiese er auf ein vom Erzähler konstruiertes Weltbild, das ein komplexes System von aufeinander bezogenen Zeichen bildete. Eine so verstandene Konstruktion würde die realen Ereignisse nicht repräsentieren, sondern ersetzen. Letzte Konsequenz dieses Ansatzes wäre schließlich die Feststellung, dass Ereignisse und Texte nie unabhängig voneinander existieren könnten und dass alle Bedeutungen, die bestimmten Ereignissen in deren verschiedenen textuellen Repräsentationen zugeschrieben werden, sich jeweils in Bezug auf den Text relativierten.

Ich möchte gegenüber den beiden hier aufgezeigten extremen Haltungen einen gemäßigten Standpunkt einnehmen. Die Texte, die mir für diese Arbeit als materielle Grundlage dienen, sollen nicht nur als historische Quellen betrachtet werden, auch wenn ich ihren geschichtlichen Wert wahrnehme und nutze. Als Literaturwissenschaftler interessiert mich – selbst bei Dokumenten, Meldungen, Berichten – die Sphäre der Sprache, mittels derer der Autor seine Erlebnisse sowie die Organisation von deren Niederschrift kommuniziert. Ich glaube nicht, dass man vollständig zum übermittelten Inhalt vordringen kann, wenn man die Poetik eines Textes ignoriert. Ein Text ist keine durchsichtige Scheibe, durch die man eine „objektive“ Wirklichkeit sieht. Andererseits kann ich aber auch nicht annehmen, dass der Text die einzige dem Forscher zugängliche Realität sei, dass nichts existiere außer den Zeichenstrukturen, die sich ineinander betrachten und ihre eigenen Spiegelungen bis ins Unendliche vervielfältigen. Auch wenn ein Text der Welt anderer Texte verhaftet ist, bezieht er sich doch auf die Wirklichkeit und ist mit ihr verbunden. Er ist ein Medium zwischen der Welt und dem Menschen; Welt und Mensch drücken ihm ihren bleibenden Stempel auf.

Eine Untersuchung der Poetik schriftlicher Holocaustzeugnisse tastet nicht im Mindesten deren Gewicht an, sondern bietet die Chance, den Artikulationsprozess jener Erfahrung genau zu erkunden. Die Entscheidung zur Niederschrift zog schließlich viele weitere Entscheidungen nach sich, die die Autoren der erhaltenen Texte – ob bewusst oder unbewusst – nacheinander treffen mussten. Dazu gehörte zum Beispiel die Wahl zwischen verschiedenen Regeln der Diskursgestaltung sowie die Anwendung bestimmter literarischer Kunstgriffe, stilistischer Konventionen, Arten der Schilderung. Eine Beschreibung der ←35 | 36→Entscheidungsmechanismen gestattet die Frage nicht nur nach den Tatsachen des Holocaust, sondern auch danach, wie man über ihn sprechen kann und warum genau diese und keine anderen sprachlichen Muster gewählt wurden.

Die Lektüre eines Forschers darf keine naive Lektüre sein. Bei der Frage, wie ein Text „gemacht“ ist, fragen wir zugleich danach, inwiefern und was er für uns bedeutet. Ich kann nichts Unangemessenes daran finden, derartige Fragen an Texte über den Holocaust zu stellen, befördern sie doch eine Botschaft, die mit besonderer Sorgfalt und Wertschätzung gelesen werden sollte. Die „Textualität“ von Holocaustzeugnissen zu untersuchen ist nicht pietätlos, sondern gestattet vielmehr eine eingehende Ergründung des Sinns der Niederschriften, die uns die Zeugen der Vernichtung hinterlassen haben. Die Diskursanalyse führt nämlich unweigerlich an die anthropologischen Horizonte: Wer einen Text liest, will letzten Endes zum Menschen vordringen und ihn verstehen.

Die Situation eines Forschers auf der Suche nach einer Formel zur textuellen Beschreibung von Holocaustzeugnissen beschränkt sich allerdings nicht nur auf die Entscheidung für eine Methodologie und eine bestimmte Forschungsperspektive. Es scheint, als ziehe die Direktive, derzufolge wissenschaftliche Forschungen nach der Wahrheit streben sollten, in diesem Fall schwierige moralische Entscheidungen nach sich, ein bisweilen extremes Spannungsverhältnis zwischen Beschreibung, Verstehen und Wertung. Das Entsetzen, das sich demjenigen mitteilt, der mit Zeugnissen eines Völkermordes zu tun hat, kann den Weg zu den Zeugnissen selbst verstellen. Wird dieses Entsetzen als niederdrückende emotionale Last empfunden, die in gewissem Sinne unsere Ratlosigkeit rechtfertigt, befreit es uns vom Risiko, zu verstehen, und lässt uns verschiedene Therapien zur Selbstberuhigung ersinnen. Zygmunt Bauman kritisiert in seinem Buch Dialektik der Ordnung. Die Moderne und der Holocaust eine Strömung der Holocaustforschung, die sich eher darauf zu konzentrieren scheint, Schutzmechanismen zu schaffen, als das Wesen des Phänomens zu ergründen. Die These, der Holocaust sei eine ungeheuerliche Verirrung und ein wesentlicher Bruch mit der kulturellen und zivilisatorischen Kontinuität, sei eher der Ausdruck eines frommen Wunsches von Historikern und Soziologen. Vielmehr erweise der Holocaust sich als Erscheinung der Neuzeit. Die nur unvollständig erkundete und unseren Erkenntnishorizont übersteigende dunkle Seite der modernen Zivilisation stelle nach wie vor eine reale Bedrohung dar. Wirkungsvoll etwas entgegensetzen könnten ihr weder alljährliche Gedenkveranstaltungen noch Warnungen vor einer Wiederholung der Tragödie.

Die Wahrheit über den Holocaust kollidiere mit dem Glauben an einen Konsens, der die zivilisierte Welt regiert, und an die Beständigkeit einer die menschliche Gemeinschaft einenden Werteordnung. Zeugnisse des Holocaust seien für ←36 | 37→den Forscher eine radikale Herausforderung, bringen sie doch die moderne Welt auf die Anklagebank. Sie provozieren zur Überschreitung der traditionell gezogenen Erkenntnishorizonte, zwingen dazu, das Risiko einzugehen und sich dem zu stellen, wovor wir uns auf verschiedene Arten zu schützen versuchen. Die erschreckendste Lehre aus dem Holocaust, schreibt Zygmunt Bauman, sei nicht die Annahme, dass so etwas auch uns selbst passieren, sondern dass auch wir selbst so etwas vollbringen könnten27.

9 Siehe J. Szacki, Historia myśli socjologicznej [Geschichte des soziologischen Denkens], T. 2, Warschau 1981, S. 755; K. Kazimierska, „O metodzie dokumentów biograficznych“ [Über die Methode des biographischen Dokuments], „Kultura i Społeczeństwo“ 1990, Nr. 1. Praktische Anwendung findet diese Metode in den Arbeiten The Polish Peasant in Europe and America, 1918–1920 von F. Znaniecki und W. I. Thomas sowie Drogi awansu społecznego robotnika [Wege des Arbeiters zum sozialen Aufstieg] und Młode pokolenie chłopów [Die junge Bauerngeneration] von J. Chałasiński.

10 R. Zimand, Diarysta Stefan Ż. [Der Tagebuchschreiber Stefan Z.], Wrocław 1990, S. 15–17, 23; R. Lubas-Bartoszyńska schreibt, Gattungen wie Tagebuch, Memoiren, Notizen, Erinnerungen, Autobiographie seien „unscharfe Mengen“ in dem Sinne, dass es angesichts der Vielzahl von Texten, die hypothetisch zu einer bestimmten Menge gehörten, schwerfalle, eine gut motivierte Entscheidung über jene Zugehörigkeit zu treffen. […] „[S]‌olcherart in Gattungen gefasste unscharfe Mengen erfahren wiederum eine Unschärfe zweiten Grades, […] Texte, die sich aus per se unklar abgegrenzten Elementen zusammensetzen, wie zum Beispiel autobiographischen, memoirischen oder Tagebuch-Elementen, unterliegen den Einflüssen einer noch weniger abgegrenzten Gattung, und zwar der Essayistik (oder einer starken Literarität). Im Ergebnis entstehen Texte, die in ihrer Gattungsstruktur doppelt unscharf sind“ (Style wypowiedzi pamiętnikarskiej [Äußerungsstile in Tagebuch und Erinnerungen], Krakau 1983, S. 8).

11 L. Łopatyńska hat aufgezeigt, dass historisch gesehen der Ausdruck „dziennik“ [Tagebuch] äußerst unpräzise verwendet wurde; entweder bezeichnete er täglich festgehaltene Aufzeichnungen, oder ergänzende Materialien und Dokumente zu den verzeichneten Geschehnissen, oder einen Text, der sich auf solche Aufzeichnungen stützte, oder aber Sammlungen von Briefen mit täglichen Berichten über Ereignisse. Auch wurde er synonym zum Begriff „pamiętnik“ [Erinnerungsbuch, Erinnerungen] eingesetzt („Dziennik osobisty, jego odmiany i przemiany“ [Das persönliche Tagebuch, seine Abwandlungen und sein Wandel], „Prace Polonistyczne“, S. 8, Łódź 1950, S. 259–260). Die Autoren des Ghettos verwenden den Ausdruck „pamiętnik“ oder „dziennik“ gemäß der damaligen kulturellen Norm, d.h. in unscharfer und vieldeutiger Weise. So sind beispielsweise S. Brzozowskis Pamiętnik betitelte „Erinnerungen“, eigentlich ein „dziennik“ [also ein Tagebuch im engeren Sinne].

12 M. Głowiński betont, dass das private Tagebuch eine Aussageform sei, die keinen im Vorhinein festgelegten Regeln folge, und dass die Einteilung des Tagebuchs in datierte Eintragungen nicht zur Entstehung eines Ganzen führe. Das Tagebuch sei eine offene Form, was es in Opposition setze sowohl zum Tagebuchroman, in dem die chronologische Reihenfolge eine vom Autor festgelegte kompositionelle Regel sei, als auch zur Autobiographie, deren Verfasser sein Leben anhand von gewissen, im Vorhinein festgesetzten Prinzipien oder Ideen vorstelle, um eine Sicht auf das Ganze zu schaffen („Powieść a dziennik intymny“ [Roman und privates Tagebuch], in: M. Głowiński, Gry powieściowe [Romanspiele], Warschau 1973, S. 79–80). R. Zimand schreibt vom Gebot der Augenzeugenschaft als Regel für die gesamte Literatur des persönlichen Dokuments, ohne jedoch anzugeben, bei welcher Gattung wir diese Augenzeugenschaft am ehesten erwarten (Diarysta Stefan Z., S. 18–19). Ich nehme aber an, dass das Tagebuch, das wir vor allem mit der Niederschrift unmittelbarer Beobachtung assoziieren, eine sozusagen aktuelle Augenzeugenschaft mit sich bringt, anders als die Erinnerungen, in denen an früher einmal Gesehenes zurückgedacht wird. Außerdem erfolgt im Tagebuch meistens eine deutlichere Unterscheidung zwischen Eintragungen, welche auf eigener Beobachtung beruhen, und Begebenheiten, die nur gehört, d.h. aus zweiter Hand erfahren wurden.

13 Perechodniks Aufzeichnungen sind 1997 erstmals auf Deutsch erschienen: Bin ich ein Mörder? Die Beichte einer Tragödie. Bericht aus dem Ghetto, deutsche Übers. von L. Oelkers; Anm. d. Übers.

14 Auf Deutsch erschienen unter dem Titel Tagebuch aus dem Warschauer Ghetto 1942, dt. Übers. von A. Dross, Göttingen 1996; Anm. d. Übers.

15 Ebd., S. 18; Anm. d. Übers.

16 R. Zimand zufolge (Diarysta Stefan Z., S. 18) ist die Domäne des persönlichen Tagebuchs „die Welt des direkten Schreibens über sich selbst“, während die Domäne des Chronik-Tagebuchs „die Welt der Augenzeugenschaft“ sei.

17 Deutsche Ausgabe: Im Warschauer Getto. Das Tagebuch des Adam Czerniaków. 1939 – 1942, München 1986; Anm. d. Übers.

18 Ebendieser Kategorie bedient sich K. Zaleski bei seiner gesonderten Betrachtung einer Sammlung von Tatsachenliteratur aus der Besatzungszeit. Er untersucht Texte, die geschrieben wurden „in der Unwissenheit über das Ende, über den Ausgang des Krieges, über spätere offizielle Interpretationen, die den Jahren 1939–1945 diesen oder jenen globalen Sinn verliehen hätten“ („Fakt i sens całości. Z problemów okupacyjnej literatury faktu“ [Tatsache und Sinn des Ganzen. Von den Problemen der Tatsachenliteratur aus der Besatzungszeit], in: M. Głowiński und J. Sławiński (Hgg.): Literatura wobec wojny i okupacji [Die Literatur angesichts von Krieg und Besatzung], Wrocław 1976, S. 121).

19 M. Głowiński vermeidet den Begriff der „Interpretation“, da dieser – im Unterschied zur „Analyse“, wenn man sie als Darstellung der Textstrategie und der angewandten Sprechregeln betrachtet – eine hermeneutische Einstellung voraussetze. Eine verstehende Haltung gegenüber totalitären Texten einzunehmen – wie Mein Kampf oder Geschichte der KPdSU (B) – Kurzer Lehrgang [Offenbach 2012; Anm. d. Übers.] –, erscheine, so der Autor, weder möglich noch wünschenswert, die Analyse ihrer Poetik hingegen sei überaus interessant. Im Falle von Zeugnissen des Holocaust lassen sich jedoch beide Ansätze – der analytisch-beschreibende und der hermeneutische – vereinen; ich meine sogar, dass sie vereint werden sollten („Poetyka tekstów nieliterackich“ [Die Poetik nicht-literarischer Texte], in: W. Głowiński: Poetyka i okolice [Die Poetik und ihr Umfeld], Warschau 1993, S. 83–84).

20 M. Głowiński: „Stanisława Pigonia relacja z Sachsenhausen“ [Stanisław Pigońs Bericht aus Sachsenhausen], in: ders.: Gry powieściowe, S. 308–309.

21 Erstabdruck in: Z. Stefanowska und J. Sławiński (Hgg.): Dzieło literackie jako źródło historyczne [Das literarische Werk als historische Quelle], Warschau 1978.

22 R. Zimand: „W nocy od 12 do 5 rano nie spałem.“ „DziennikAdama Czerniakowa – próba lektury [In der Nacht habe ich von 12 bis 5 Uhr früh nicht geschlafen. Das „Tagebuch“ des Adam Czerniaków – Versuch einer Lektüre], Paris 1979, S. 7.

23 Siehe die neueste synthetische Arbeit zum Stand der Forschung: H. Markiewicz: Teorie powieści za granicą. Od początku do schyłku XX wieku [Die Romantheorien im Ausland. Vom Anfang bis zum Ende des 20. Jahrhunderts] (Unterkapitel „Narratologia strukturalna i generatywno-transformacyjna“ [Die strukturelle und die generativ-transformative Narratologie]), Warschau 1995, S. 469–501.

24 Siehe S. Chatman: „Towards a Theory of Narrative“, in: „New Literary History“ Bd. 6, Nr. 2, 1975, S. 295–318.

25 R. Zimand: „W nocy od 12 do 5 rano nie spałem“, op. cit., S. 14. Es scheint, als teilten die Autoren der zuletzt zu diesem Thema erschienenen Arbeiten – N. Gross (Poeci i Szoa: obraz Zagłady Żydów w poezji polskiej [Die Dichter und die Schoa: das Bild der Judenvernichtung in der polnischen Lyrik], Sosnowiec 1993) und J. Wróbel (Tematy żydowskie w prozie polskiej 1939–1987 [Jüdische Themen in der polnischen Prosa 1939–1987], Krakau 1991) – jene von R. Zimand polemisch angeführte Sichtweise. Gross bemüht sich vor allem, den „Inhalt“ herauszuarbeiten, weniger Aufmerksamkeit widmet er der Materie der poetischen Sprache, den Formen der dichterischen Kommunikation, den literarischen Konventionen. Wróbel wiederum bezweifelt, ob es in manchen Fällen überhaupt sinnvoll sei, einen Text analytisch zu zerlegen und ihn literarisch zu bewerten. Über die Erinnerungsprosa sagt er, „man kann [sie] bezüglich der enthaltenen Beobachtungen und festgehaltenen Fakten geschichtlich bewerten, eine literarische Bewertung erscheint hier jedoch unangemessen“ (S. 98). In Bezug auf Ida Finks Buch Eine Spanne Zeit [dt. Übers. von K. Staemmler, I. und B. Fink; Zürich 1983; Anm. d. Übers.], das er hoch schätzt, schreibt Wróbel dennoch: „[…] es erscheint unangemessen, über diese Erzählungen zu schreiben, als handle es sich um ein literarisches Spiel“ (S. 105). Eine solche Haltung lässt sich nicht einmal in Wróbels eigenem Buch beibehalten, greift der Autor doch mehr als einmal auf analytisch-interpretative Praktiken zurück, indem er zum Beispiel über Narrationsperspektiven schreibt, über die Kreierung von Erzähler und Protagonisten, und nicht zuletzt über die Sprecharten in einer vorgestellten Welt.

26 Vgl. J.E. Young, op. cit., im Einzelnen: „Introduction“.

27 Siehe Z. Bauman: Dialektik der Ordnung. Die Moderne und der Holocaust, dt. Übers. von U. Ahrens, Hamburg 1992.