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Text und Holocaust

Die Erfahrung des Ghettos in Zeugnissen und literarischen Entwürfen

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Jacek Leociak

Der Autor analysiert Tagebücher, Erinnerungen, Memoiren, Chroniken, Berichte und Briefe, die während der Zeit des Zweiten Weltkriegs und der deutschen Besatzung im und um das Warschauer Ghetto entstanden. Er untersucht die Gattungsspezifik und den speziellen Status dieser Texte, die das in Worte zu fassen versuchen, was gemeinhin als unbeschreibbar gilt. Der Autor widerspricht der verbreiteten These von der Unausdrückbarkeit. Er betont die Notwendigkeit des Ausdrucks jener Erfahrung und die Notwendigkeit des Versuchs zu verstehen.

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1 Zwischen persönlicher und unpersönlicher Erzählweise

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1 Zwischen persönlicher und unpersönlicher Erzählweise

Die Erörterungen aus dem ersten Teil der Arbeit endeten mit der fundamentalen Fragestellung, ob und wie die Vermittlung von Holocausterfahrung möglich sei und welche Arten des Ausdrucks sich für sie eignen, wo die Grenzen des Ausdrückbaren liegen. Fast jedes hier analysierte persönliche Dokument enthält – gleichsam als unerlässliches rhetorisches Ornament – eine irgendwie in Worte gefasste Figur des Unausdrückbaren. „Was ist schon die Sprache der Worte im Angesicht dieses Grauens …“, fragt Leon Najberg (S. 119); Rokhl Oyerbakh bekennt: „[I]‌ch schaffe es nicht, ich kann dieser Wirklichkeit nicht Ausdruck verleihen …“ (Ring I, 654, S. 11); Avrom Levin notierte sich, als ihm die Unermesslichkeit des Holocaust bewusst geworden war, am 29. Dezember 1942: „An Juden vernichtete Hitler 5–6 Millionen. Es gibt keine Worte in unserer Sprache, die das unendliche Ausmaß des Unglücks ausdrücken könnten, das uns ereilt hat“ (BŻIH 25, S. 124). Für Giordano Bruno aus Czesław Miłoszs Gedicht „Campo di Fiori“ – das 1943, allerdings auf der anderen Seite der Mauer, verfasst wurde – gab es ebenfalls „In der menschlichen Sprache/Kein einziges Wort […],/Um der Menschheit Lebwohl zu sagen –/Der Menschheit, die übrig bleibt.“136

Die Unfähigkeit der Sprache, zu der sich die Autoren auf vielerlei Arten bekennen, bestätigt offenbar die These von der Hilflosigkeit der Versuche, die Holocausterfahrung zu begreifen. Diese Erfahrung lässt sich in keinster Weise ausdrücken, weil sie sich in keinster Weise begreifen lässt.

Im zweiten Teil meiner Arbeit möchte ich diese Überzeugung jedoch einer Revision unterziehen. Nicht, weil ich den tiefen Riss zwischen menschlichem Wort und unmenschlicher Wirklichkeit infrage stellen möchte, sondern um zu zeigen, dass nichts uns von der Notwendigkeit befreit, das Verstehen zu riskieren. Ohne mich in philosophischen Spekulationen über den Sinn des Holocaust zu ergehen oder in Strategien seiner kognitiven Aneignung zu verlieren, beschränke ich mich – gemäß meines Vorhabens – auf die Beobachtung der Ausdrucksebene.

Entzieht sich der Holocaust tatsächlich jeglicher Ausdrucksmöglichkeit, da er „sich nicht mit Worten ausdrücken lässt“? Dürfen wir den Versuch aufgeben, ←133 | 134→zu dieser – schließlich in zahlreichen Schriften festgehaltenen – Erfahrung vorzudringen? In der Literatur des persönlichen Dokuments, die im Warschauer Ghetto entstanden sind, versuchen die Autoren auf verschiedene Weise, die Hilflosigkeit der Sprache zu überwinden, und bemühen sich, so über den Holocaust zu sprechen, dass sie zum Kern vordringen.

In Kapitel 1 habe ich zwei Typen von Erzählung vorgestellt – die persönliche und die unpersönliche. In Kapitel 2 befasse ich mich mit dem Ort, den das Element der Schilderung und eine ganz bestimmte seiner Ausprägungen in der narrativen Struktur einnehmen (Themen wie das Bild von Figuren, von Tod und Leichnam). Kapitel 3 wiederum handelt vom religiösen Diskurs (dabei interessiert mich vor allem das Spannungsverhältnis zwischen einerseits einer Sprechweise, die darauf abzielt, die Anwesenheit des Sacrum zu erfassen, und die einem besonderen Druck von Traditionen, Konventionen, Ritualisierung unterworfen ist, und andererseits der Herausforderung, zu der die Erfahrung der Ghettorealität für den Autor wird).

*

Ähnlich wie die Erzähler in Romanen lassen sich auch die Erzähler des Ghettos grob in zwei Kategorien einteilen. In eine Kategorie gehören die Erzähler, die als Sprecher ihr „Ich“ im Text aufscheinen lassen und in der ersten Person schreiben. In die zweite hingegen gehören diejenigen, die sich durch die Wahl der dritten Person hinter der erzählten Welt verbergen137. Ein personalisierter Diskurs scheint am charakteristischsten für die Literatur des persönlichen Dokuments zu sein – ist er doch Ausdruck einer autobiographischen Haltung, eine Manifestation der Person des Autors und dessen eigener Weltsicht. Eine Erzählweise in der ersten Person ist die natürliche Form, Tagebuch zu führen. Dennoch lassen sich bei den untersuchten Texten bedeutende und recht zahlreiche Beispiele für eine grundlegend andere Aussagegestaltung finden. Ein nicht-personalisierter Diskurs kommt sowohl in den Gattungen vor, die für das persönliche Dokument klassisch sind – wie Tagebuch oder Erinnerungen –, als auch in Grenzformen wie zum Beispiel Berichten. Manches Mal erweisen sich übrigens die traditionell personalisierten Gattungen unpersönlicher als Texte, die in der ursprünglichen Absicht fast einen Gebrauchscharakter haben.

Strategien, in der ersten Person zu erzählen, gibt es verschiedene; das Gleiche gilt für die Arten und für den Grad, in dem die eigene Privatheit enthüllt wird. ←134 | 135→Bei den Ghettodokumenten – die unter besonderem Zeitdruck, an einem besonderen Ort, in einer besonderen Situation entstanden sind – nimmt die Frage der Enthüllung, der Ausdruck der eigenen Persönlichkeit, die Manifestierung des eigenen „Ich“ eine zusätzliche Dramatik an. Der Schreibende ringt nicht nur mit den Konventionen der persönlichen Aussage, sondern auch mit einer endgültigen existenziellen Herausforderung. Das wachsende Bewusstsein einer – vollkommenen und unumkehrbaren – Vernichtung wirft ein neues Licht auf die Rolle des Tagebuch- oder Memoirenverfassers als eines Menschen, der von sich spricht, der seine Erlebnisse, Beobachtungen, Urteile festhält.

Die Vorstellungen darüber, was und wie man über sich oder auch von sich schreiben kann, werden einer Revision unterzogen. Umformuliert werden die bisherigen Regeln für ein solches Schreiben sowie die Motivationen, die der Anfertigung einer Niederschrift zugrunde liegen. Unter den neuen Umständen muss nämlich der Begriff der Privatheit oder auch Intimität selbst einem radikalen Wandel unterzogen werden, weswegen sich bei der Kommunikation auch deren Bereich, Methode und Zweck ändern.

Der Mensch wird zum anonymen Teil einer Masse, die einem gemeinsamen Schicksal unterworfen ist. Niemand ist mehr bei sich zu Hause, alle sind Vertriebene – sie werden aus größeren Städten und kleineren Orten hinter Mauern getrieben, aus Wohnungen auf die Straße, in Verstecke und Bunker, auf den Umschlagplatz. Der Einzelne ist zum Leben, zum Leiden, zum Sterben in Bedrängnis und Enge gezwungen – oder er muss in einem Versteck dahinvegetieren, jeden Moment in Erwartung des Todes. Hier ist kein Platz für den Luxus der Privatheit, die Intimsphäre wird zerstört. Diese Erfahrung ruft im Bewusstsein des Schreibenden einen Selbstverteidigungsreflex hervor, der sich im heroischen Akt des Schreibens äußert. Diesen Akt anzugehen, bedeutet eine Manifestierung der persönlichen Eigenheiten, der individuellen Existenz. Ich schreibe, also bin ich – trotz der Verurteilung zur Vernichtung. Mein individuelles Schicksal nimmt universale Züge an, ist es doch eine Spiegelung des gemeinschaftlichen Schicksals. Ich bin nicht mehr nur Privatperson, spreche nicht nur von mir, über mich. Daher ist auch in diesem Sinne kein Platz mehr für den Luxus der Privatheit.

Deswegen bedeutet auch das erzählende „Ich“ der Ghettoautoren mehr als nur die Realisierung einer bestimmten Diskursart. Jener personalisierte Diskurs ist in ein kompliziertes Netz eingewoben – ein Netz von Verpflichtungen der Wirklichkeit gegenüber, der Geschichte, dem zukünftigen Leser, dem sprechenden Subjekt. Wie die Rolle des Erzählers in der ersten Person zu realisieren ist, entscheidet nicht die schriftstellerische Konvention allein, sondern auch das Schicksal, das dem Schreibenden zuteil wird.←135 | 136→

Jakub – Hirszfeld – Levin – Perechodnik

Eindeutiges Beispiel für eine schreibende Tätigkeit, die einem völlig unvorbereiteten Menschen als Gebot des Schicksals auferlegt wurde, ist das Tagebuch des Jakub. Dieser Text überdauerte ohne Titel und ohne Autorennamen bis in unsere Zeiten, wobei zu bezweifeln gilt, dass der Autor ihm überhaupt einen Titel gegeben hat. Wäre der Krieg nicht gewesen, hätte er wahrscheinlich nie zur Feder gegriffen. Er war ein einfacher Mensch und vermutlich weit davon entfernt, in disziplinierter schriftlicher Form persönliche Reflexionen abzugeben. Bei Kriegsausbruch war er 30 Jahre alt und lebte mit Eltern und Geschwistern im Warschauer Stadtteil Praga. „Ich bin Buchhalter von Beruf“ (S. 59), stellt er sich vor, schreibt aber an anderer Stelle: „[V]‌or dem Krieg habe ich in Fabriken gearbeitet, meine Stellung war Expeditor oder Lagerist“ (S. 161). Sich selbst nennt er einen „ganz gewöhnlichen Menschen der Arbeit“. Doch dieser gewöhnliche Arbeiter schreibt, während er sich von Mai 1943 bis August 1944 in einer Wohnung in Praga versteckt, ein umfassendes, 537 Seiten dickes Tagebuchmanuskript.

Von anderen persönlichen Dokumenten unterscheidet sich Jakubs Tagebuch durch seine Spontaneität des Ausdrucks, seine offen vorgebrachte Emotionalität, seine Authentizität bei der Schilderung von Erlebnissen und Beobachtungen. Die Form dieser Niederschrift spiegelt eine ausgeprägte Individualität ihres Autors. Jakub ist fraglos der Herr seines Textes, er beherrscht ihn auf seine eigene – könnte man sagen – naive und unreflektierte Weise. Er arbeitet ohne ein Bewusstsein für Schreibtechniken, Regeln und Konventionen, hat manchmal Probleme mit der korrekten Formulierung von Sätzen. Seine Sprache ist sehr einfach, zeitweise sogar fehlerhaft, und voller Kolloquialismen, Dialektismen und milieutypischer Ausdrücke. Bei der Lektüre dieses Textes begleitet den Leser unweigerlich das Gefühl einer besonderen Nähe zum Autor, der geradezu physisch greifbar zu sein scheint.

Was sich um ihn herum und mit ihm ereignet, ist hier stets Hauptthema der Narration. Jakubs eigenes Erleben ist stets der Mittelpunkt, selbst dann, wenn er weitschweifig über die Situation an der Front schreibt. Nachrichten bezieht er aus der täglichen Lektüre deutscher Zeitungen, füllt die Seiten seines Tagebuchs mit eingehenden Auseinandersetzungen mit der Nazi-Propaganda. Jakubs politische und militärische Analysen werden durch seine originelle Persönlichkeit und spezielle Denkweise gefiltert und sagen mehr über ihn selbst aus als über das tatsächliche Kriegsgeschehen. Es wäre im Übrigen interessant, einen Vergleich zwischen zwei Stilen anzustellen, in denen die Besatzungspresse gelesen wurde – Jakubs plebejischem und emotionalem Stil und dem ←136 | 137→intellektuellen und gelehrten Stil Ludwik Landaus in seiner Kronika lat wojny i okupacji.

Jakub ist authentisch. Er kennt keine Zurückhaltung, wenn er über sich selbst schreibt. Er ist aufrichtig, wenn er sich verbittert über seinen Bruder äußert, der ihn hintergeht und ausnutzt, wenn er stolz über seine Erfolge beim Handel mit deutschen Soldaten in einer Kaserne in Praga berichtet, wenn er über das Unrecht klagt, das ihm geschieht, seine Sorgen und Nöte beichtet und entsetzt die schwindenden Chancen auf Rettung beobachtet. Stellenweise verwandelt sich sein Tagebuch in einen großen inneren Monolog – den Gedankenstrom eines leidenden, seiner Freiheit beraubten Menschen, der vor Sehnsucht nach dieser fast den Verstand verliert.

Der Autor hat keine Probleme mit der „Form“ oder mit der Inadäquatheit von Wörtern gegenüber dem Inhalt. Es scheint, als sei er einer der wenigen, die sich nicht des Topos „Das lässt sich nicht mit Worten ausdrücken“ bedienen. Spontan erfindet er neue Ausdrucksmöglichkeiten, erweitert die Formel seiner Aussagen. Eine solche Rolle spielen auch seine eigenen, jeweils situativ entstandenen Gedichte, die er in die Tagebuchnarration einflicht und die persönliche Erlebnisse (zum Beispiel den Tod der Mutter im Ghetto, die Angst vor den „Schmalzowniks“) sowie die allgemeine Kriegssituation kommentieren. Der Wechsel von ungebundener zu gebundener Rede ist weniger ein Zeichen für Erhabenheit oder Pathos als eine noch radikalere Enthüllung der eigenen Person. Jakub bedient sich der Versform, weil es die einzige ihm bekannte Form zutiefst persönlicher, intimer Rede ist. Deshalb sind die naiven, unbeholfen gereimten Verse trotz ihrer geradezu spektakulären Gestelztheit eine grundehrliche Manifestation seines „Ich“. Und mehr noch – sie spiegeln den Prozess wider, in dessen Verlauf in Jakub als Privatperson das Gefühl einer gesellschaftlichen Verpflichtung entsteht. Das Schreiben über sich selbst wird für den Autor zum inneren Gebot, zur Verpflichtung, anderen Menschen das selbst Durchlebte weiterzugeben. Die Gedichtform – eine fest in der Tradition verwurzelte Art der Vermittlung persönlichster Empfindungen – scheint für die Realisierung dieses Bedürfnisses am besten geeignet zu sein. So eben geht Jakub vor – ein gewöhnlicher Mensch, einer von vielen. Indem er sein von Versen durchzogenes Tagebuch verfasst, macht er seine Privatheit öffentlich, macht sie zu einer zukunftsgerichteten Botschaft.

Am entgegengesetzten Pol des personalisierten Diskurses siedelt sich Ludwik Hirszfelds Geschichte eines Lebens an. Im Juni 1943, als Hirszfeld, der sich in Stara Miłosna bei Warschau versteckte, zu schreiben begann, war er bereits eine öffentliche Person, ein Wissenschaftler von internationalem Rang. Seine Ehefrau gab ihm den Gedanken ein, „aufzuschreiben, was wir erlebt hatten und was Polen in dieser Zeit hatte erleiden müssen“, doch er entschloss sich, ←137 | 138→„den Rahmen auszuweiten und Erinnerungen aus meinem ganzen Leben festzuhalten“ (S. 345). Eine solch breit gefasste Autobiographie lässt sich unter den Dokumenten aus der damaligen Zeit kein zweites Mal finden, mit Ausnahme vielleicht von Janusz Korczaks Tagebuch, das jedoch eher von Absichten als von tatsächlich durchgeführten Vorhaben handelt. Wenn bei Korczak überhaupt Informationen über das Schicksal des Verfassers in der Zeit vor Kriegsausbruch enthalten sind, dann in Form von wenige Sätze langen Einschüben oder – wie bei Karol Rotgebers Erinnerungen – als Zusammenfassung auf ein paar Seiten. Hirszfeld dagegen zeichnet freimütig sein Selbstportrait. Er beginnt ganz am Anfang – bei seinen Studentenjahren, der Revolution von 1905, seiner Arbeit in Heidelberg, in Zürich, auf dem Balkan, präsentiert ein Panorama des Ersten Weltkriegs und schildert seine wissenschaftliche Tätigkeit in den Zwischenkriegsjahren, beschreibt die Geschichte seiner eigenen intellektuellen Formung vor dem Hintergrund der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts. Im Vorwort erklärt er:

Die Geschichte eines menschlichen Leidens möchte ich darstellen und von den Geschicken eines Gelehrten erzählen, der daran glaubte, dass die Wissenschaft den Menschen zum Besseren zu bekehren vermag. Ich möchte erzählen, wie sehr er sich mit dieser Annahme irrte und wie das Schicksal ihm zuletzt das größte Leiden vor Augen führte – den Tod ganzer Völker. […]

Doch bin ich weder Historiker noch Literat, ich kann eine Epoche nicht Punkt für Punkt abhandeln, nicht Datum für Datum wiedergeben. Deshalb versuche ich – wie groß meine Widerstände auch sein mögen –, die Geschichte einer Epoche mit der Geschichte meines Lebens zu verbinden (S. 7).

Hirszfeld ging voller Eifer und Leidenschaft ans Schreiben heran, jedoch auch äußerst methodisch, er kannte sich mit dem Handwerk des Schreibens aus, mit der Erarbeitung und Redaktion von Texten. Das Geschriebene las er Freunden und Familie vor; sie waren seine ersten Kritiker und Rezensenten. Der Text entstand somit im stetigen Dialog mit seinen Adressaten; der Autor nimmt deren Erwartungen vorweg, sieht Reaktionen voraus, ist sich der Verpflichtung bewusst, die auf ihm lastet. Das Schreiben erachtet er nämlich von Beginn an als moralische Pflicht und gibt dies auch offen als seine Motivation zu erkennen. Mit einem Wort, hier ist das gesamte Vorgehen des Autors durchdacht, die Intentionen sind ihm bewusst und deren Realisierung – trotz mancher konventioneller Einwände – professionell („[I]‌ch [bin] weder Historiker noch Literat“, ebd.).

Manchmal stand ich um vier, fünf Uhr morgens auf, schrieb ein paar Seiten, legte mich wieder hin, diktierte später meiner Frau etwas, die es auf der Schreibmaschine tippte, legte mir während des Mittagessens die nächsten Kapitel zurecht – und so arbeitete ich wie im Rausch. Das gesamte Buch entstand im Laufe von nur zwei Monaten […]. Dass ←138 | 139→mein Leid einen Sinn haben sollte, dass ich die Pflicht und die Aufgabe hätte, Bericht zu erstatten von den Leiden der Völker in dem „Lebensraum“, den die Deutschen als ihr Eigentum betrachteten – dieser Gedanke hielt mich aufrecht […]. [D]‌as Schreiben war ein Kampf gegen den Feind (S. 346).

Hirszfeld hätte sicher auch ohne die Erfahrung des Krieges seine Autobiographie verfasst. Darauf lief die Logik seines schöpferischen Lebens hinaus, sein Bewusstsein, er habe zum Wohle der Allgemeinheit Anstrengungen auf sich zu nehmen, und auch seine analytische, kritische, reflektierte Geisteshaltung. Früher oder später äußert ein Mensch in Hirszfelds Position öffentlich seine Überlegungen, beurteilt den eigenen Lebensweg, zieht Bilanz über das Erreichte, formuliert Urteile über Welt und Menschen. Von da an ist er nicht mehr nur Privatperson, und das verleiht seiner persönlichen Aussage zusätzlich Berechtigung, Nachdruck und Gewicht. Der Verfasser der Geschichte eines Lebens spricht ununterbrochen über und von sich selbst, exponiert dabei aber zugleich seine Errungenschaften, seine Stellung und gewisse sich daraus ergebende öffentliche Verpflichtungen als eine besondere Bevollmächtigung, das Wort zu ergreifen. Wenn er auch in der ersten Person spricht, weiß er doch, dass er sich ebenfalls im Namen anderer äußert.

Angesichts der präzedenzlosen Kriegserfahrung bekommen sowohl das Gefühl, in öffentlicher Mission zu handeln, als auch die Wahrnehmung der Privatsphäre eine andere Dimension. In Hirszfelds Fall könnte man sogar davon sprechen, dass die tiefe innere Verpflichtung, vor der Gemeinschaft Zeugnis abzulegen über den Holocaust, und die Schilderung des eigenen und des familiären Schicksals stark miteinander kollidieren. Hirszfelds Drama ist ein Drama, das in jenen Zeiten alle Polen jüdischer Abstammung durchlitten, die vollends assimiliert und darüber hinaus sogar getauft waren. Die Nürnberger Gesetze ordneten Hirszfeld in eine ihm vollkommen fremde Gemeinschaft ein. Zunächst versuchte er, das besetzte Polen zu verlassen, und legte sich die ideelle Motivation dafür zurecht: „Sollte ich die Gelegenheit bekommen, ins Ausland auszureisen, würde ich sie nutzen. Denn dort könnte ich auf breiterer Ebene für mein Volk kämpfen“ (S. 212). Später bemühte er sich mithilfe des Grafen Ronikier und des von diesem geleiteten Hauptfürsorgerats [poln. Główna Rada Opiekuńcza] um einen legalisierten Aufenthalt auf der arischen Seite, um auf keinen Fall ins Ghetto zu müssen. Dieser Schritt jedoch sollte sich als folgenschwer erweisen. Die Deutschen nutzten ein von Ronikier zur Verfügung gestelltes Verzeichnis von Neophyten jüdischer Herkunft als Proskriptionsliste und zwangen die dort aufgeführten Personen im Frühjahr 1941 zum Umzug hinter die Mauer.138 ←139 | 140→Hirszfeld wird demnach erst mehrere Monate nach dessen Abriegelung ins Ghetto verlegt. Anfangs verspürt er – außer Mitgefühl – keinerlei Verbundenheit mit der Gemeinschaft, deren Schicksal er nun teilen soll.

Ich kannte keine Juden und wusste nicht, wie man zu ihren Herzen vordrang. […]

Als Fremder für jenes Volk. Von der Menge als Christ zurückgewiesen. Ich hatte nur mein großes, grenzenloses Mitgefühl. […]

Schon nach wenigen Tagen schickten unsere Freunde falsche Papiere und bestanden darauf, dass wir aus dem Ghetto flohen. Zudem setzte ich meine Bemühungen um Emigration fort. […] (ebd.)

Zusammen mit seiner Familie das Ghetto zu verlassen soll ihm erst gelingen, als die große Liquidierungsaktion schon im Gange ist. Indessen ernennt Czerniaków ihn zum Vorsitzenden des Gesundheitsrates, und der Professor leitet den Kampf gegen die Fleckfieberepidemie im geschlossenen Bezirk. Er wohnt im Pfarrhaus der Allerheiligenkirche am Grzybowski-Platz, nimmt am katholischen religiösen Leben teil, und mit der Bezeichnung „mein Volk“ bedenkt er lieber Polen als Juden. Beispielsweise notiert er mit Stolz Hilfsleistungen von der anderen Seite: „[…] wie mir das Herz aufging, als ich hörte, dass mein Volk, dem die Welt so häufig Antisemitismus vorwirft, gütig war“ (S. 257). Der Aufenthalt im Ghetto wird für Hirszfeld zu einer Zeit des Lernens und Umdenkens. Das über Jahre entwickelte Bild seiner eigenen Identität kollidiert brutal mit der Realität der „Endlösung“. Der Autor legt somit die Armbinde mit dem Davidstern an, tritt in eine neue Erfahrung ein – „erst im Bezirk lernte ich die jüdische Seele näher kennen“ (S. 271) – doch über Juden schreibt er nach wie vor nicht „wir“, sondern „sie“.

Die persönlichen Dokumente aus dem Ghetto enthüllen dem Leser die Dimension innerer Empfindungen, die anscheinend keinen Platz innerhalb der durch kulturelle Konventionen regulierten Normen des Sprechens über sich selbst finden. Es geht dabei natürlich nicht um drastische Details aus jemandes Privatleben oder um Sittenskandale, sondern um die radikale und kompromisslose Selbstanalyse der Autoren, um ihren Mut, bis zum Grund ihrer vor Schmerz, Angst und Rachedurst schier wahnsinnigen Seele vorzudringen. Unter den zahlreichen Zeugnissen dieser Art möchte ich zwei Texte mit besonders starker Aussage hervorheben: die Tagebücher von Avrom Levin und von Calel Perechodnik.

Avrom Levin schafft eine vielfältige Ansicht des geschlossenen Bezirks; vor allem verarbeitet er eigene Erlebnisse und Beobachtungen, zusätzlich jedoch auch Informationen aus anderen ihm verfügbaren Quellen (bei Levin als Oneg-Schabbat-Mitglied flossen gewissermaßen alle Informationsfäden zusammen). Sein Ghettobild setzt sich aus Realien zusammen, die sich aus der soliden ←140 | 141→faktographischen Schicht seiner Schilderung speisen. Die rasch hingeworfenen, oftmals auf einen Satz oder wenige Satzfragmente reduzierten Notizen – besonders charakteristisch bei der eiligen Berichterstattung über die große Liquidierungsaktion – lassen eine Welt des Grauens erkennen. Die Dokumentation jener alptraumhaften Wirklichkeit bekommt eine zusätzliche Dimension dank der eigentümlichen Aura eines tatsächlich geträumten Alptraums – eine Projektion der gequälten Psyche des Autors, die sich durch sein gesamtes Schreiben zieht. Darin genau manifestiert sich das Außergewöhnliche an Levins Zeugnis. Bei ihm ist das Ghetto eine im düsteren Spiegel der Seele gespiegelte Welt. Dieser dunkle Lichtstrahl durchdringt das gesamte Tagebuch, ist immer anwesend, mal an der Oberfläche der Sätze, dann wieder knapp darunter. Manchmal sichtbar, manchmal verborgen, bildet er eine Art Luftmaschenschnur, mit der der Tagebuchschreiber die Notizen der aufeinanderfolgenden Tage verflicht.

Wörter wie „Angst“, „Furcht“, „Grauen“ erscheinen sehr häufig auf den Seiten des Tagebuchs, kehren hartnäckig zurück, wie ein Echo. Manchmal stellen sie gar eine deutliche lexikalische Dominante dar und verdichten die Sprachschicht des Textes durch anaphorische Verbindungen, refrainartige Wiederholungen. Auf diese Weise wird die Narration quasi von innen gesättigt, nach einem existentialistischen Erzählton gestimmt. Und jener Ton ist – um den Titel eines bekannten Werkes von Søren Kierkegaard anzuführen – „Furcht und Zittern“.

Die Angst ist ein Attribut der Wirklichkeit, von Raum und Zeit:

Ein Tag der Sorge und Unruhe. […] In den jüdischen Straßen liegt Angst in der Luft (BŻIH 21, S. 125).

Schwärze und Angst – das ist unser Heute und Morgen (S. 137).

Der Alptraum der Realität verdichtet sich unentwegt und verwandelt das Leben in eine Hölle (BŻIH 22, S. 94).

Die Angst ergreift alles und alle, niemand kann ihr entfliehen:

Eine unentwegte Angst treibt uns um […]. Und zerfrisst uns gleich einer Motte („Biuletyn ŻIH“ 25, S. 124).

Unsere Herzen und Hirne erdrückt eine große Angst (S. 126).

Diese Angst ist Ausdruck einer allgemeinen Erfahrung. Alle empfinden sie, daher sagt Levin im Namen der Gemeinschaft:

Er erdrückt und bedrängt uns schwarze Angst – schreibt er unter dem Datum des 16. Mai 1942. – Immer näher kommt uns allen der Abgrund, der Schlund einer apokalyptischen Bestie, auf deren Stirn folgende Worte geschrieben stehen: Tod, Verwüstung, Vernichtung und Schmerzen der Agonie, ewige Ungewissheit; die ständige Angst ist das scheußlichste aller unserer ohnehin schwer erträglichen und quälenden Gefühle, Wahrnehmungen und Leiden. Falls wir das Ende dieses furchtbaren Krieges erleben, ←141 | 142→[…] werden wir feststellen, dass das ständige Verharren in einer Atmosphäre der Angst und Furcht um das nackte Überleben das Schlimmste war, […] das unentwegte Lavieren zwischen Leben und Tod, der Zustand, in dem unser Herz jederzeit vor Angst und Furcht zu zerbrechen drohte (BŻIH 19–20, S. 176).

Auch wenn die Formeln eines kollektiven Bekenntnisses der Angst in diesem Textauszug zahlenmäßig die persönlichen Bekenntnisse überwiegen, ist es doch in erster Linie Avrom Levin, der sich hier fürchtet. Seine „Furcht“ und sein „Zittern“ notiert er im Tagebuch:

Mittwoch, 29. Juli [1942]. Achter Tag der „Aktion“. […] In manchen Momenten bin ich etwas weniger beunruhigt über mein Schicksal, manchmal werde ich nahezu gleichgültig, bis mich plötzlich wieder eine solche Angst vor dem Tod ergreift, dass ich mich dem Wahnsinn nahe fühle (BŻIH 21, S. 130).

Donnerstag, 3. September [1942]. […] Heute war ein unglückseliger Tag. […] Uria und ich haben nur durch ein Wunder überlebt. Gott, was war das für eine Angst, was für ein Gefühl des nahen Todes! (BŻIH 22, S. 98).

Die Tag für Tag verzeichnete Litanei der Angst wird durch einen anderen Themenstrang ergänzt: eine ebenfalls nach Art einer Litanei konstruierte verzweifelte Anklage, sich wiederholende Bekenntnisse des Schmerzes und persönlichen Leids: „Meine Seele kann keinen Trost mehr finden. […] [I]‌ch verspüre tiefen Schmerz, der für ewig andauern wird“ (BŻIH 22, S. 86), schrieb Levin nach dem Verlust seiner Frau, die bei einer Blockade des Shops in der Gęsia-Straße 30 auf den Umschlagplatz verschleppt worden war. Der Autor wirft sich vor, nicht genügend Mut aufgebracht zu haben, um seiner Frau zu folgen, wie es andere Männer getan hatten, nicht genügend Liebe empfunden zu haben, um gemeinsam mit ihr in den Tod zu gehen. Das Maß an innerer Zerrissenheit, das er damals fühlte, steht bereits außerhalb des Wortes, lässt sich nicht bekennen oder beschreiben. Dennoch versucht Levin nicht, der Schilderung seines Traumas auszuweichen. Er will auch die besonders intime und beschämende Erfahrung des Versagens, der Demütigung, der Erniedrigung in seinem Tagebuch festhalten und weitergeben.

Calel Perechodnik geht noch weiter in seiner radikalen Selbstanalyse, macht sich selbst zum Objekt einer grausamen Vivisektion. Bereits am Anfang, im Vorwort, klassifiziert der Autor in bezeichnender Weise sein Tagebuch: „Im Grunde genommen ist es die Beichte meines Lebens, eine aufrichtige und ehrliche Beichte. […] Ich bitte daher, diese Memoiren als letzte Beichte zu betrachten“ (S. 17). Alles, was danach kommt, ist eine Ergänzung dieser Aussage. Wir haben es demnach mit einem Text zu tun, dem der Autor vollkommen bewusst die Form eines Bekenntnisses besonderer Art gegeben hat. Die in den Text ←142 | 143→eingeschriebene Situation des Bekenntnisses ist um das Wort „beichten“ herum angeordnet. Stellen wir daher nun Überlegungen zur Bedeutung des Sprechaktes an, den dieses Verb impliziert139.

Ein Beichtender verspürt den inneren Drang, eine schlimme Tat, die er selbst vollführt hat, zu gestehen. Dieses Schlimme ist zugleich eine tiefe Wahrheit, die er nicht länger verbergen muss. Das Bedürfnis, die Wahrheit zu bekennen, ist stärker als der Wunsch, die schlimme Tat zu verheimlichen. Jener innere Drang kann religiöser, moralischer oder rein psychologischer Natur sein; ein innerer Impuls zwingt den Menschen, die ganze Wahrheit über sich zu sagen, selbst wenn sie auch eine dunkle Seite beinhaltet. In Perechodniks Fall ist die Beichte nicht religiös motiviert; er stellt fest: „[W]‌enn ich an Gott, an Himmel, an Hölle, an Belohnung oder Strafe nach dem Tode glaubte, würde ich überhaupt nicht schreiben“ (S. 17).

Perechodniks Beichte ist ergreifend in ihrer Konsequenz. Die Schilderung seines persönlichen Leids vermeidet jeden klagenden oder gar bis zur Selbstanklage und Selbstverurteilung gehenden Tonfall. Der Autor will tatsächlich die ganze Wahrheit über sich und die Welt offenbaren – eine Wahrheit, wie er sie bei der Liquidierung des Ghettos von Otwock zu Gesicht bekommen hat, als er in seiner Funktion als jüdischer Polizist seine eigene Frau und Tochter in einen Waggon nach Treblinka setzen musste. Jene Wahrheit nahm er mit in sein Versteck auf der arischen Seite Warschaus, und mit ihr zusammen verbrannte er nach der Niederschlagung des Warschauer Aufstands in einem Bunker. Er war Zeuge und aufmerksamer Beobachter des Holocaust. Er war dessen Opfer und zugleich Henker, eingespannt in die Vernichtungsmaschinerie. In seinem Tagebuch beichtet er diese entsetzliche Erfahrung.

In der Nacht vor der Hinrichtung bewachten wir, jüdische Polizisten, unsere jüdischen Mitbrüder. Wir wußten, daß sie am nächsten Tag erschossen werden, die Verurteilten wußten es auch. […] Alle wollten fliehen. Gewiß war das aus psychologischer Sicht eine völlig verständliche Erscheinung, wir aber hatten eine andere, eine eigene Sicht. Was sollten wir denn tun, wir, die Opfer der eigenen Niedertracht? Sollten wir die Fluchtversuche gestatten? Sie waren von vornherein zum Scheitern verurteilt, und für uns bedeuteten sie das Todesurteil. […] Die schlimmste Stunde nahte, wenn ich ich zusammen mit den Kollegen dem Rettungswillen der anderen Juden entgegenwirken mußte. Schlimmer konnte es nicht mehr werden, ich fühlte, wie mein Herz in Stücke gerissen wurde. (S. 113, 116–117)

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Der Gegenstand dieser Beichte in Tagebuchform ist moralisch zweideutig – wobei der Autor nicht beabsichtigt, dies zu beschönigen oder zu vertuschen. Darin liegt die Stärke von Perechodniks Zeugnis. Es beschreibt die psychischen Qualen, die Leid und Schuldgefühle zugleich verursachen, ein Gefühl des Unrechts, gemischt mit Scham, Hilflosigkeit und Apathie. Perechodnik zeigt offen den Schmerz, den er erleidet und den er anderen zufügt, er registriert das entsetzliche Bewusstsein, selbst ein Beteiligter an dem Verbrechen zu sein. Dabei erwartet er weder Vergebung noch Verständnis, sondern appelliert eher an das Rachebedürfnis: „Um eines bitte ich nur: Führt mein Testament der Rache gewissenhaft aus“ (S. 304).

Der Autor verschont weder sich selbst noch irgendjemanden um ihn herum. Er konstatiert einen Verfall der bis dahin geltenden Welt der Werte: einen Niedergang der Religion, einen Bankrott der moralischen Normen, einen Zerfall der Familien- und gesellschaftlichen Bande; er spricht zu seinen Adressaten gewissermaßen „von der Höhe der Ruinen seiner selbst“ – um sich einer Phrase Cyprian Kamil Norwids zu bedienen – und zeichnet ein Bild der Verheerung.

Perechodnik beschloss, sich selbst zu beschreiben, zu verstehen, was mit ihm, mit seinem Volk, mit der Welt geschehen war. Die Erfahrung zu erforschen, welche das Schicksal ihm bereitet hatte. Er besaß den Mut, diese erkenntnisreiche Reise bis zum Ende zurückzulegen, nicht auf halbem Wege anzuhalten, sich nicht mit Halbwahrheiten zufriedenzugeben. Das versetzte ihn in eine Situation, die mit der letzten Beichte vergleichbar ist – eine Situation der absoluten Ehrlichkeit, wenn der Mensch im Angesicht des Todes erkennen muss, wer er wirklich ist –, und er hielt dieser Situation stand. In seiner Beichte gelangt er an seine Grenzen und muss schließlich feststellen: „[…] [I]‌ch kann nicht mehr schreiben. Ich fühle mich zu sehr schuldig“ (S. 289).

Die Briefe der Juden von Płońsk

Eine eigene Textvariante mit einem stark personalisierten, auf den Ausdruck von Privatheit und Intimität zugeschnittenen Diskurs ist der Brief. Ich abstrahiere hier von der Gattungstradition der Epistolographie, denn ich glaube, dass sie in den Briefen, die ich betrachten möchte, keine große Rolle spielt – handelt es sich dabei doch um Fetzen von Papier, die auf dem Weg zum Vernichtungslager aus Waggons ins Leere geworfen wurden. Im November und Dezember 1942 wurde das Ghetto in Płońsk aufgelöst und die dort versammelten Juden nach Auschwitz deportiert. Aus den fahrenden Waggons warfen sie Briefe an Verwandte und Bekannte im Warschauer Ghetto. Man weiß nicht, auf welchem Wege diese Briefe zu Ringelblum gelangten, der Abschriften von ihnen anfertigte und sie ←144 | 145→dem Warschauer Ghettoarchiv hinzufügte140. An ihrem Beispiel kann man beobachten, wie angesichts des Todes, in articulo mortis, Privatheit in bruchstückhafter Briefform ausgedrückt wird.

Ein Brief ist eine besondere Zusammenstellung von Wörtern. Intimen Wörtern, sind sie doch für diese eine, einzige Person gedacht, an die man schreibt. Es sind fliegende Wörter, da dieses eigentümliche, intime Gespräch zwischen Verfasser und Empfänger auf ein Blatt Papier geschrieben und – im wahrsten Sinne des Wortes – von einem Ort zum anderen getragen wird. Und es sind verfliegende Wörter, sind sie doch der Flüchtigkeit des Augenblicks, in dem sie geschrieben werden, verhaftet. Sie beziehen sich auf eine Situation und auf Umstände, die oft nur dem Verfasser und dem Empfänger bekannt sind. Daher sind sie nur in diesem Kontext verständlich – und auch nur in ihm wesentlich.

Die Wörter in einem Brief sind fliegend auch in dem Sinne, dass mittels der Flugmetapher Hoffnung ausgedrückt werden kann. Ein Brief fußt nämlich auf dem Fundament der Hoffnung. Wer weiß, dass sein Brief den Empfänger nicht erreichen wird, schreibt ihn erst gar nicht. Die kommunikative Hoffnung ist somit notwendige Bedingung dafür, dass ein leeres Blatt mit Schrift bedeckt wird. Und obwohl mancher Brief niemals von seinem Adressaten gelesen werden konnte, wäre doch ohne eine diesbezügliche Hoffnung kein Brief jemals verfasst worden.

Wenn jemand im Dezember 1942, in einem Viehwaggon auf dem Weg nach Auschwitz, an einen Empfänger im Warschauer Ghetto schreibt und den Brief einfach in den freien Raum wirft – dann ist das so, als glaubte er, durch ein vergittertes Fenster den Sternenhimmel erreichen zu können.

Ende 1942 erinnerte das Ghetto kaum noch an den sogenannten Jüdischen Wohnbezirk [eine Bezeichnung der Besatzer; Anm. d. Übers.] von vor dem 22. Juli selbigen Jahres, in dem die große Liquidierungsaktion begann. Wer geblieben war, wohnte nicht mehr in seinem Haus. Zum Schluss waren alle, die eine „Lebensnummer“141 besaßen, in den Shops, in denen sie ihre Arbeit verrichteten, und in zugeteilten Blocks eingepfercht. „Wilde“ oder „Illegale“ versteckten sich. Aufgrund dessen konnte zwangsläufig niemand mehr eine eigene Adresse vorweisen.

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Miła-, Niska-, Muranowska-, Nalewki-Straße waren die am dichtesten bevölkerten Straßen des Restghettos. Alle Briefe, die vom Transport der Płońsker Juden erhalten geblieben sind, tragen solche Adressen: Nalewki 47/19, Niska 6, Miła 46, Muranowska 40/35. Die physische Existenz des Adressaten war in jener Zeit eine illusorische Annahme. Illusorisch war auch die Möglichkeit der tatsächlichen Zustellung des Briefs an jenen illusorischen Adressaten.

Ab dem 15. Januar 1941 unterstand die Tätigkeit der Post im Ghetto der Jüdischen Gemeinde. Zu Anfang der großen Liquidierungsaktion führten die Deutschen eine sogenannte Postsperre [im Orig. deutsch] ein – ein Verbot von Postverbindungen mit der Welt außerhalb des Ghettos. Nach einer Woche änderten sie die Verordnung und gestatteten den Postverkehr in eine Richtung. Im Ghetto eintreffende Briefe durften ausgetragen werden. Doch aus dem Ghetto nach draußen durfte man keine Post senden. Während der Deportationen trugen rund 400 jüdische Briefträger ununterbrochen Briefe aus. Auf der Straße trugen sie Kappen mit orangenem Band, die sie davor schützen sollten, aufgegriffen zu werden. Auf diese Weise entging jeder Zehnte dem Umschlagplatz.

Was steht in den Briefen der Juden von Płońsk? Was wollten die Menschen, die sich auf direktem Weg nach Auschwitz befanden, ihren Verwandten mitteilen? Wie schreibt man in einer solchen Situation einen Brief?

Am 16. Dezember 1942 warf eine Frau namens Laja auf dem Bahnhof Warschau-Praga einen Brief an jemanden namens L. Przygoda, wohnhaft Miła-Straße 46, aus einem Waggon. Dieses Haus stand noch, wenn es auch fünf Monate später zusammen mit der gesamten Miła-Straße in Schutt und Asche gelegt werden sollte. Aber das konnte Laja nicht wissen. Schließlich wusste sie nicht einmal, was am nächsten Tag oder in der nächsten Stunde mit ihr selbst geschehen würde. Sie schrieb:

Ich bin an der Haltestelle Praga, schreibe nur schnell ein paar Worte an Euch. Wir fahren wer-weiß-wohin. Bleib gesund!

Laja (S. 197)

Ein anderer Brief trägt die Überschrift „Płońsk 16/XII – 42“. Der Verfasser ist unbekannt. Aus dem Inhalt des Briefes geht hervor, dass er gleich nach dem Verladen geschrieben wurde, als der Zug sich eben in Bewegung setzte.

Es ist Morgen. Unsere ganze Familie ist im Waggon. Wir machen uns auf unseren letzten Weg. Płońsk ist gesäubert. Bitte gehen Sie zu Familie Baum, Niska-Straße 6, und richten Sie Grüße aus (S. 196).

Laja wusste nicht, wohin sie fuhr. Wusste es der, der schrieb: „Wir machen uns auf unseren letzten Weg“?

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Der einzige der Płońsker Briefe, der nicht aus einem Waggon geworfen wurde, ist Dinas und Salas Brief an ihre Schwester Rózia im Warschauer Ghetto, datiert auf den 14. Dezember 1942. Wie er ins Ghetto gelangte, konnte nicht festgestellt werden. Er handelt u.a. von einer „letzten Seite“.

Uns scheint, das ist jetzt unsere letzte Seite. Mittwoch um 5 Uhr morgens geht es für uns alle los. Vor uns liegt schon unser bescheidenes Gepäck, und auf dem Bahnhof warten bereits die Waggons. Es ist uns schrecklich weh ums Herz, wenn wir daran denken, dass wir nur noch eine Nacht zu Hause schlafen und danach auf Irrfahrt in die weite Welt gehen. Wer weiß, wohin uns das Schicksal verschlägt, es ist überhaupt schwer, sich unser Leben vorzustellen, was uns erwartet und was wohl werden wird (S. 193).

War diese „letzte Seite“ nicht vielleicht eine Metapher für das Leben, das unweigerlich seinem Ende zuging: nur noch eine letzte Briefseite, die beschrieben werden musste, es war spät, am nächsten Morgen die Abreise … „auf die Irrfahrt“?

Der Abschied von der Schwester ist ein Aufruf, das eigene Schicksal stoisch zu akzeptieren, aber dennoch nicht die Hoffnung aufzugeben. Auch die entsetzlichste Wirklichkeit kann den irrationalen Glauben an das Überleben nicht ersticken. Zwar lässt sich nicht vorhersehen, was die Verurteilten erwartet, absolut unvorstellbar jedoch scheint nur eins zu sein – die Vernichtung. Der letzte Brief an die Schwester im Ghetto wird daher zu einer Botschaft der Hoffnung, allem Anschein und allen Anzeichen zum Trotz.

Leb also wohl, du Liebste. Ich weiß, dass Du Dich schwer mit dem Gedanken wirst abfinden können, dass Du uns schon verloren hast, aber was können wir tun. So will es das Schicksal, und so muss es sein. Lebe wohl, ich drücke Dich fest an mein Herz. Hoffentlich sehen wir uns noch wieder. […] Wo immer wir auch sein werden, unsere Gedanken sind immer bei Dir, unsere Liebste. […] Bleib gesund, unsere Einzige! Wir glauben fest daran, dass wir weiterleben und dass wir uns noch wiedersehen! (S. 192).

Ähnlich zu denken scheint Gitla, die während eines Zwischenhalts in Częstochowa einen Brief an die Adresse Muranowska-Straße 40, Wohnung 35, aus dem Waggon wirft. Auf dem adressierten Zettel steht: „Wir sind schon den zweiten Tag unterwegs.“ Und auf der Rückseite, zusammen mit dem Datum „17/XII/ – 42“, folgender Text:

Meine Lieben! Wir sind gerade auf der Durchfahrt durch Częstochowa, also schreibe ich Euch ein paar Worte. Durch Warschau sind wir auch gefahren, es geht zur Arbeit. Seid zuversichtlich! Eine neue Adresse kann ich Euch nicht geben, ich habe sie noch nicht.

Lebt wohl, ich küsse Euch, Eure

Gitla (S. 198)

Man kann sich fragen, wie viel Gitla von dem glaubte, was sie schrieb. War ihre Hoffnung bloß noch eine Figur der epistolischen Rhetorik, eine Aufmunterung ←147 | 148→für die Verwandten? Oder diente sie der Selbsttherapie? War sie ein Zeichen für Naivität oder sogar eine beschönigende Lüge, wie sie ein Arzt gegenüber dem todkranken Patienten ausspricht?

Noch schwerer erraten lassen sich die Intentionen eines Mannes namens Dawid, der einen Zettel mit dem Datum „Legionowo, 15. Dezember 1942“ an „Warschau, Nalewki-Straße 47/19“ adressierte und neben die Adresse schrieb: „Bitte freundlicherweise in den Briefkasten einwerfen“. Und ergänzte: „Nachzahlung 18 Groszy“. Hier der Inhalt:

Heute sind wir von Płońsk aufgebrochen, unsere ganze Familie und alle Juden. Gib acht, denn wir fahren zur Hochzeitsfeier.

Auf Wiedersehen

Dawid (S. 194)

Dawid bedient sich einer höflichen Formulierung, die beim Versand eines Briefes zur Anwendung kommt, bei dessen Zustellung, außer der Arbeit von Post und Briefträger, noch die Hilfe einer anderen Person benötigt wird. Penibel notiert er auch, dass der Adressat beim Empfang würde nachzahlen müssen, um die fehlende Briefmarke auszugleichen. Jenen so genau und fachmännisch adressierten Brief wirft er dann aus dem Waggon, der ihn nach Auschwitz bringen wird, ins Leere.

Dawids Text ist der beunruhigendste von allen Płońsker Briefen. Neben all den anderen Mitteilungen an die Empfänger über das Reiseziel – „[Wir gehen] auf Irrfahrt in die weite Welt“, „Wir machen uns auf unseren letzten Weg“, „Wir fahren wer-weiß-wohin“, „[E]‌s geht zur Arbeit“ – scheint Dawids Angabe vollkommen absurd: „[W]ir fahren zur Hochzeitsfeier“. Was kann das bedeuten? Höhnische Ironie? Einen makabren Scherz? Eine verschlüsselte Warnung? Wenn er sich schon zu schreiben entschied, wenn er sich irgendwie einen Zettel und Bleistift organisierte und im überfüllten Waggon ein paar Worte zu Papier brachte, wenn er diesen Brief nach draußen zu werfen wagte – warum schrieb er dann gerade das?

Man weiß ungefähr, was später mit Dawid geschah. Die Tötungstechnologie, die gegen ihn angewandt wurde, ist bekannt. Wir können uns alle Etappen des Prozesses vorstellen, dem sein Körper unterzogen wurde. Nur eines wissen wir nicht – und werden es auch nie erfahren: Warum er damals, im Waggon nach Auschwitz, schrieb: „Gib acht, denn wir fahren zur Hochzeitsfeier.“

Das an Dawids Brief so beunruhigend wirkende Geheimnis verweist zugleich auf ein typisches Phänomen des individuellen, privaten Zeugnisses. Es ist der unschätzbare Wert eines solchen Bruchstücks vom Schicksal eines Menschen, das unverhofft in unsere Hände gerät. Die Kraft eines solchen Zeugnisses ←148 | 149→offenbart sich eben in jenem Unübersetzbaren, Unerklärlichen, das nicht nicht erraten lässt. Das sich nicht standardisieren oder verallgemeinern lässt, das sich der Statistik entzieht. Es ist fest und undurchdringlich, wie ein Stein. Dawids Brief bleibt ein Geheimnis für uns. Die Unruhe, die er in uns sät, enthüllt einen Spalt, durch den ein Stückchen Wahrheit über den Holocaust hervorschimmert.

*

Die Texte, in denen sich ein solches oder anderes Abweichen vom personalisierten Diskurs beobachten lässt, sind insgesamt inhomogener als jene, in denen eine Erzählstrategie in der ersten Person dominiert. Die verschiedenartigen Erscheinungsbilder des entpersonalisierten Diskurses haben eine gemeinsame Grundlage: die direkt oder implizit geäußerte Überzeugung ihrer Autoren, sich in einer absoluten Ausnahmesituation zu befinden, die ihnen – gewöhnlichen Privatleuten – eine außergewöhnliche Mission auferlegt. Im Vordergrund dürfe daher nicht das Schicksal des Schreibenden stehen, sondern das Schicksal der Gemeinschaft – ist es doch nicht das Wichtigste, was „ich“ erlebe, was mich persönlich betrifft, sondern was mit uns allen, was ringsum geschieht.

Diese überindividuelle Perspektive kommt auch beim personalisierten Diskurs vor. Der Ich-Erzähler kann sie andeuten, schließlich ist er fähig zur Verallgemeinerung, zu panoramischen Aufnahmen und zu kollektiven Szenen, zu Versuchen, über die persönliche Erfahrung hinauszugehen und das große Ganze zu betrachten. Und so schildern Ludwik Hirszfeld und Calel Perechodnik – jeder auf seine Weise – allgemeine Szenen der Bevölkerung in den Kriegswirren, Reflexionen über den Sinn der Geschichte, die Erfahrung des Holocaust. Avrom Levin verleiht nicht nur seinen eigenen Ängsten und Schmerzen Ausdruck, sondern schreibt auch über das Trauma der Mitmenschen, in seiner Stimme schwingen Furcht und Zittern der ganzen Gemeinschaft mit.

Für viele Autoren erweist sich die erzählerische Ich-Perspektive jedoch als nicht ausreichend. Sie wollen die individuelle – und somit eingegrenzte – Perspektive verlassen, wollen sich aus der direkten Verstrickung in die geschilderte Realität befreien und mit einer gewissen Distanz auf sie blicken, interessieren sie doch vor allem die historischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen Prozesse, die Tätigkeit öffentlicher Institutionen in einer Zeit von Terror und Besatzung, die Umformung von Normen und Werten im Leben einer zur Ausrottung bestimmten Gemeinschaft, die Mechanismen von Selbstverteidigung und kollektivem Widerstand. Der Umsetzung dieser Ziele scheint am besten mit dem Modell einer Erzählweise in der dritten Person gedient zu sein. Der Autor stellt sich in den Dienst eines gestaltlosen Narrators, zieht sich selbst in den Schatten zurück. Die gesuchte Distanz ist bereits in die Konstruktion des erzählerischen Akts eingeschrieben. Der Erzählende bleibt verdeckt, die erzählte Welt wird exponiert.

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Die unpersönliche Darstellung der Welt setzt eine andere kognitive Haltung voraus als die Darstellung durch ein konkretes, in jener Welt platziertes Subjekt. Ihr fehlt der bestimmte, an die Person gebundene Gesichtspunkt, dem der Ich-Erzähler nicht entkommen kann. Ein so angesiedeltes Subjekt wird zum durchsichtigen Medium, verstellt also nicht mit seiner Gestalt den Blick auf die Welt, sondern ordnet sie sich nur unter. Es ist so etwas wie ein „allwissender Erzähler“. Wird die Welt von einem solchen Narrator dargestellt, gewinnt sie den Wert der Objektivität. Kommentare und Wertungen werden ebenfalls als objektive Wahrheiten und nicht als subjektive Urteile übermittelt. Eine solche Platzierung des sprechenden Subjekts verleiht ihm somit eine spezielle Autorität. Diese gründet auf der Überzeugung, hinter einem erzählenden Subjekt, das sich einer solchen narrativen Konvention bedient, stehe ein verpflichtendes System von Ansichten, Bewertungskriterien und Verständnisnormen, kurz gesagt: jenes Subjekt drücke eine objektive Wahrheit aus142.

Indem der entpersonalisierte Erzähler den Fluss der Bilder registriert, die verschiedensten, ineinander verflochtenen Fragestellungen kühl und sachlich analysiert, Daten und Zahlen nennt, Schlussfolgerungen und Bewertungen formuliert, nimmt er die Gestalt eines über der Welt stehenden Beobachters an. Er überschreitet den beschränkten Horizont des Individuums, um mehr zu sehen und mehr zu wissen. Seine Stimme wird zur Stimme der Gemeinschaft, die aus der Tiefe der Jetztzeit in Richtung Zukunft spricht. Eine solche Haltung birgt die optimistische Überzeugung, dass die Fundamente der Zivilisation, die geschichtliche Kontinuität, die Bande zwischen den Generationen, wenn auch ernstlich bedroht, so doch noch nicht vollends zerrissen seien. Wer sich im Namen von Menschen, die zur Vernichtung verurteilt sind, mahnend an die dereinst kommenden Bürger einer freien Welt wendet, setzt voraus, dass eine solche Kommunikation überhaupt noch möglich sein wird. Der entpersonalisierte Erzähler richtet seine Botschaft an eine ebenso entpersonalisierte Menschheit, ←150 | 151→an unpersönlich begriffene zukünftige Generationen und besonders Fachleute und Spezialisten – Historiker, Richter, Moralphilosophen. Vor allem sie sind es, für die er sein Analysematerial sammelt und Beweise zusammenstellt, glaubt er doch an die Beständigkeit von Institutionen und zivilisatorischen Errungenschaften wie Recht, Gerechtigkeit, Gerichte.

Der persönliche Erzähler appelliert an reale Personen, nimmt Einfluss auf Emotionen, weil er Emotionen offenbart. Die treibende Kraft bei seinem Schreiben ist der Glaube an das Fortbestehen des einzelnen Menschen, was nicht immer gleichbedeutend ist mit einem Sieg der Menschlichkeit und einem Triumph der Gerechtigkeit. Der Appell an den zukünftigen Leser, der zu einem späteren Zeitpunkt die persönlichen Zeugnisse des Autors in den Trümmern finden soll – gleich einer aus dem Meer gefischten Flaschenpost –, klingt daher manchmal wie ein Schrei ins Leere. Ein Schrei, der zur Rache aufrufen, der beunruhigen und keine Ruhe mehr lassen soll. Der Adressat eines so begriffenen Schreibens ist ein Vertreter einer Welt nach der Sintflut, wobei den Autor mehr als einmal Zweifel befallen, ob dieser Adressat auch in der Lage sein wird, das Zeugnis anzunehmen, zu erfassen, zu glauben, was er da liest.

Die beiden oben entworfenen Figuren des sprechenden Subjekts und der ihm gegenüberstehenden Adressaten lassen sich nicht exakt und symmetrisch den zwei besprochenen Diskurstypen zuordnen. Sie können in erster oder in zweiter Ordnung auftreten, indem sie zum Beispiel einer objektivierten Narration in der dritten Person eine pessimistische Färbung geben, während sie einen persönlichen Erzähler mit dem Glauben an eine fortbestehende Ordnung der Welt und an den Sieg der zwischenmenschlichen Solidarität versehen. Auf diese Weise tritt eine stetige Spannung zwischen dem personalisierten und dem entpersonalisierten Diskurs zutage.

Horowitz – Sznapman – Puterman

Das fast 250 Seiten zählende Manuskript Przesiedlenie w zaświaty [Umsiedlung ins Jenseits] ist mit den Initialen „B.H.“ unterzeichnet, die wahrscheinlich Beniamin Horowitz zuzuordnen sind143. Er war der Leiter einer Abteilung ←151 | 152→der Versorgungsanstalt der Jüdischen Gemeinde und betätigte sich auch bei der Jüdischen Sozialen Selbsthilfe [poln.: Żydowska Samopomoc Społeczna; jiddisch: Yidishe Sotsyale Aleynhilf]. Er stellt eine fundierte Orientierung im gesellschaftlichen, administrativen und wirtschaftlichen Leben des Ghettos unter Beweis, kennt sich auch bei rechtlichen Problematiken und Fragen zu Wirtschaft und Handel sehr gut aus, wovon zum Beispiel eine interessante Analyse der Tätigkeit von Steuereintreibern und Zwangsverwaltern oder die Darstellung eines komplexen Systems zur Abschöpfung illegaler Gewinne zeugen. Kurz gesagt, der Autor ist vom Fach. Er hat Zugang zu zahlreichen Informationsquellen, er hat Einblick in die Arbeitsweise vieler Institutionen, kennt alle wichtigen Offiziellen des Ghettos. Dieses Wissen, diese Professionalität verleihen ihm Überlegenheit gegenüber dem durchschnittlichen Ghettobewohner. Der Autor nutzt seine privilegierte Stellung und bemüht sich, in einem Panoramablick die gesamte Besatzungszeit, soweit sie seiner Erfahrung zugänglich ist, zu erfassen. Er will nicht allein Fakten wiedergeben, sondern sich an einer Problematisierung der angeschnittenen Fragen versuchen.

Horowitz ordnet seinen Text als „Reportage“ ein und deklariert den folgenden kompositionellen Gedanken:

Die vorliegende Reportage soll die dem Autor zugänglichen Materialien sowie seine persönlichen Erfahrungen und Beobachtungen in den Jahren 1939–1944 offenlegen. Aus technischen Gründen teilt sich der Inhalt in drei Abschnitte: (a) die Beziehung der Deutschen zu den Juden; (b) die wechselseitige Beziehung zwischen Polen und Juden; c) das innere Erleben der jüdischen Gesellschaft. […] Diese drei Aspekte des Geschehens anzusprechen und dabei zugleich strikt die chronologische Ordnung einzuhalten, schien wenig zielführend, hätte diese Vorgehensweise doch die Bedeutung jeder einzelnen Fragestellung verdunkelt. Bei der einzelnen Besprechung jeder dieser Fragen ist es jedoch nicht immer gelungen, Rückgriffe und kleine Wiederholungen zu vermeiden („Pamiętniki“, Sign. 121, S. 8).

Wir haben hier also einen Text mit durchdachter Konstruktion, dessen Autor sich seiner eigenen schreibenden Handlungen in hohem Maße bewusst ist. Indem er seiner „Reportage“ eine chronologisch-inhaltliche Ordnung verleiht, wählt Horowitz die für diese Art von Narration angemessenste Methode. Das sprechende Subjekt verschwindet aus dem Blickfeld. Die Narration ist objektiviert, besitzt häufig einen trockenen, amtlichen Stil bar jeglicher Emotionen. Im Tagebuch hingegen dominiert die gemeinschaftliche, historische Zeit (die Schilderung der Geschichte der Warschauer Juden unter der Besatzung) und nicht die private Zeit der persönlichen Erlebnisse. Auch kommen wenig direkte persönliche Reflexionen vor.

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Hierbei sollte auch das Schicksal des Textes und der Einfluss beachtet werden, den es auf die Entwicklung seiner Gestalt gehabt haben muss. Die erste Version von Horowitz’ „Reportage“, an der er im Untergrund laufend weiterschrieb, ging verloren. Der Autor schrieb den ganzen Text im Juli 1944 aus dem Gedächtnis noch einmal auf, immer noch im Versteck. Auch diese Version ist nur in Teilen erhalten, sodass Horowitz den verbleibenden Textteil zum wiederholten Male aus dem Gedächtnis niederschrieb und um Neuigkeiten ergänzte, die er erst nach der Befreiung erfuhr. Im Jahr 1946 korrigierte er seinen Text (im Manuskript sind Streichungen, Kürzungen, stilistische Korrekturen zu sehen) und versah ihn, sicherlich in Vorbereitung auf eine Veröffentlichung, mit Anmerkungen unter dem Namen „Władysław Pawlak“. Auf der Titelseite des Manuskripts steht nämlich: „Verlagsgenossenschaft »Wiedza« 1947“. Der Text wurde mit einer kurzen Einleitung versehen, datiert auf „Juni 1946“, und auch mit einem Zensurstempel zur Genehmigung von Satz und Druck. Im Text selbst finden sich zahlreiche Spuren des Zensurstifts. Przesiedlenie w zaświaty wurde dennoch nie veröffentlicht.

Die Version, die bis in heutige Zeiten erhalten geblieben ist, stellt somit eine Art Palimpsest dar. Sie trägt nicht nur die Spuren von mehreren Schreibperioden, sondern auch von redaktionellen Arbeiten und sogar Eingriffen durch die Zensur. Diese Phasen der Umgestaltung, Vervollständigung, Redaktion schwächen zusätzlich die Spontaneität der von vornherein kühl angelegten, emotionslosen und der geschilderten Welt distanziert gegenüberstehenden Aufzeichnung.

Über Stanisław Sznapman, dessen gerettetes Tagebuch Helena Boguszewska und Jerzy Kornacki nach dem Krieg dem Archiv des Jüdischen Historischen Instituts übergaben, ist praktisch nichts bekannt. Der Text erklärt ebenfalls nichts, zieht sich sein Autor doch programmatisch in den Schatten zurück, schreibt nichts über sich selbst. Das Einzige, was wir wissen, ist, dass er sich bis Juli 1943 im Ghetto aufhielt und anschließend auf die arische Seite hinübergelangte, wo er unter ungeklärten Umständen den Tod fand. Der Titel, den Sznapman seinem Text gab – Dziennik z getta [Tagebuch aus dem Ghetto] – suggeriert fälschlicherweise, es handle sich um laufende Aufzeichnungen. Tatsächlich jedoch beginnt der Verfasser erst in seinem Versteck auf arischer Seite zu schreiben, wobei er die zeitliche Distanz zu den beschriebenen Ereignissen deutlich macht. Er fertigt keine täglichen Notizen an, sondern schildert seine Erinnerungen und stellt Erörterungen an, nimmt dabei sehr klar eine überindividuelle Perspektive ein. Die Privatheit des Autors ist äußerst reduziert und der öffentlichen Sphäre, der öffentlichen Zeit untergeordnet. Mit seinem Blick möchte der Autor das Ganze erfassen und der Narration einen objektivierten, verallgemeinernden Ton geben, der Reflexionen mit der Registrierung von Fakten verbindet.

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Sznapmans Tagebuch ist der Gemeinschaft gewidmet, nicht der Person des Autors, der das Schicksal der Gemeinschaft teilt und beschreibt. Der Erzähler bemüht sich, neutraler Beobachter zu sein, der die Ereignisse, deren Zeuge er wird, schildert und kommentiert. Daher rühren sicherlich die vielen unpersönlichen narrativen Formeln144. Außer ihnen findet noch das kollektive „Wir“ Anwendung – ein anderer Ausweg aus der persönlichen Narration. Eine Erzählperspektive der ersten Person Plural bedeutet die Manifestation einer Schicksalsgemeinschaft. Auch stellt sie für den Verfasser eine indirekte Ausdrucksmöglichkeit für starke Emotionen dar, die er ansonsten konsequent verbirgt, deren Offenbarung er sich nicht gestattet: „Hoffnung hält Einzug in unsere Herzen. Vielleicht werden wir doch noch ein Wunder erleben. Wir möchten so sehr überleben und die Niederlage der Bestie mit ansehen“ (Pamiętniki z getta, S. 141).

Charakteristisch für Sznapmans Tagebuch ist die zutiefst pessimistische Reflexion über die menschliche Natur und Geschichte, die der Verfasser in die Narration einarbeitet. So bringe die Situation des Holocaust im Menschen Egoismus hervor, beraube ihn jeglicher höherer Gefühle und degradiere ihn. Die Geschichte hingegen gewähre weder Opfern noch Henkern Gerechtigkeit, stattdessen werde die Wahrheit über den Holocaust zum Gegenstand der Manipulation, wohingegen sich die Verbrecher der Gerechtigkeit entziehen und reingewaschen würden. Schließlich würden sich die Mörder für das geraubte Geld irgendwo in den warmen Ländern Südamerikas ein sicheres Asyl kaufen. Diese bitteren Worte voll beißendem Sarkasmus schrieb ein Mensch, der nicht mehr miterleben durfte, wie sich seine düstere Prophezeiung nach Kriegsende tatsächlich erfüllte.

Samuel Puterman, Funktionär beim Ordnungsdienst im Ghetto, wendet in seinem Tagebuch Methoden an, die eigentlich charakteristisch für Romane des klassischen Realismus sind. Er konstruiert einen allwissenden Erzähler in der dritten Person, dessen Geschichte über das Ghetto sich in vielen verschiedenen Akten abspielt. Die durchdacht angelegten Szenen mit plastisch gezeichneten Figuren und Dialogen besitzen eine eigene innere Dramaturgie. Ihre Form verrät, dass dem Autor die literarische Praxis geläufig sein muss; er ist sich der Funktion einer sparsamen Erzählweise, knapper und klarer Dialoge bewusst, ←154 | 155→kann bei einem einzelnen Detail verweilen, an entsprechenden Stellen verstummen, Dinge unausgesprochen belassen oder aber expressiv hinausrufen. Wie es sich für einen allwissenden Erzähler gehört, gibt er den Gedankenfluss seiner Figuren wieder.

Puterman verfügt über ein weit verzweigtes Wissen über die Realität und die verschiedenen Gestalten des Ghettos. Er besitzt Scharfblick und eine besondere Fähigkeit, klare Portraits zu zeichnen, achtet auf eine genaue zeitliche und räumliche Einordnung der geschilderten Begebenheiten, auf die getreue Wiedergabe der Topographie. Somit entsteht ein literarisch ausgefeiltes Bild des geschlossenen Bezirks, das an vielen Stellen an eine erzählerische Reportage erinnert. Der Reporter bleibt weit hinter der dargestellten Realität verborgen.

Ich möchte mich nun näher mit einer Szene befassen, die einen der Kulminationspunkte jener literarischen Reportage darstellt. Darin betreten am 22. Juli 1942 drei Männer das Büro des Gemeindevorsitzenden Adam Czerniaków: SS-Sturmbannführer Höfle – Befehlshaber des soeben von Lublin in Warschau eingetroffenen Vernichtungskommandos, SS-Obersturmführer Karl Brandt – Referent für Judenangelegenheiten bei der Warschauer Gestapo, und Oberscharführer Mende. Sie geben den Deportationsbefehl an den Vorsitzenden weiter und legen ihm eine entsprechende Bekanntmachung zur Unterzeichnung vor. Wir Leser werden nun also Zeugen einer Szene, von der niemand, außer den vier Beteiligten, etwas wissen konnte. Der Autor nennt den Ort des Geschehens, schildert das Verhalten der Beteiligten, macht auf charakteristische Details aufmerksam, schafft eine Atmosphäre.

Eine Moment lang herrschte ungetrübte Stille, die Julisonne schien durch die bunten Glasfenster145 und warf regenbogenfarbene Flecken an die Wand des Arbeitszimmers. […] Brandt wippte rhythmisch mit seinem glänzenden Schuh und schlug mit der weißen Papierrolle den Takt dazu. Der Vorsitzende saß unbewegt da. Sein Gehirn hinter der hohen Stirn arbeitete auf Hochtouren (Pamiętniki z getta, S. 93).

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Wir verfolgen die Gedankengänge des Vorsitzenden mit, die im Kontrast zu dem trockenen Befehlston stehen, den die Gestapomänner ihm gegenüber anschlagen. Czerniaków schweigt noch immer, wird jedoch bald antworten müssen. Unerbittlich rückt der Moment der Entscheidung näher. An dieser Stelle wechselt der Erzähler in die erlebte Rede:

Czerniaków griff nach Papier und Feder. Etwas in ihm schrie, lass es, um Himmels willen, tu es nicht. Das verflixte Herz, wie es schlägt. Ich muss jetzt etwas sagen. Er seufzte tief, holte Atem und schaffte es, seine Stimme, wie ihm schien, sehr ruhig klingen zu lassen (S. 94).

Die dramatische Szene endet mit einer lakonisch vorgebrachten Information über Czerniakóws Selbstmord, einschließlich einem charakteristischen bewertenden Kommentar des Erzählers.

Das Gesicht des Vorsitzenden war bleich, doch zeichnete sich ein Lächeln auf ihm ab. Das befreiende Lächeln des Todes. Der Vorsitzende hatte sich mit einer winzigen Dosis Zyankalipulver vergiftet. Das mitfühlende Herz Adam Czerniakóws, Ingenieur und Vorsitzender der größten jüdischen Gemeinde Europas, hatte zu schlagen aufgehört (S. 94).

Dieses Beispiel beweist die literarische Gewandtheit des Verfassers (man bedenke den raffinierten Kunstgriff der erlebten Rede!) sowie das Spektrum des künstlerischen Effekts, den er bewusst anstrebt – und sei es auf Kosten der „harten Fakten“. Czerniaków vergiftete sich in seinem Büro nämlich nicht am ersten Tag der Deportationen (und von jenem Tag, dem 22. Juli 1942, als die Gestapo den Vorsitzenden offiziell über den Beginn der Deportationsaktion in Kenntnis setzte, handelt die analysierte Szene), sondern einen Tag später. Puterman denkt jedoch in dramaturgischen Kategorien, sieht sich in gewissem Sinne als Regisseur der geschilderten Wirklichkeit.

Erst im hinteren Teil des Tagebuchs, bereits mit der Perspektive des Kriegsendes, erscheint das narrative „Ich“. Jener Ich-Erzähler ist ohne Zweifel Puterman selbst, der erst jetzt sein Gesicht zeigt. Er hatte sich auf arischer Seite versteckt. Nach dem Warschauer Aufstand nach Sachsenhausen und Oranienburg deportiert, kehrt er gleich nach der Befreiung nach Warschau zurück. Er ist endlich frei, doch die Freiheit kommt zu spät. In den Trümmern erwartet ihn niemand mehr. Mit der ganzen Kraft des persönlichen Bekenntnisses verleiht Puterman seinem privaten Schmerz Ausdruck. Er legt die Maske des unpersönlichen narrativen Mediums ab, spricht nur noch von sich selbst und über sich selbst:

Es ist niemand da! Und so viele Menschen ringsum. Ich bin zurück, ich habe überlebt […], doch es gibt niemanden, der sich darüber freut. Ich ging mit klopfendem Herzen, in dem das Blut heiß wallte. […] Ich war in die Freiheit zurückgekehrt, doch du wartetest nicht vor dem Haus auf mich, nahmst nicht bei meinem Anblick freudig die Hände ←156 | 157→vom Gesicht. Keine grünen Augen leuchteten auf vor Glück. Zur Begrüßung schlug mir nur der noch nicht verwehte Brand[geruch], starrten mir die leeren Augenhöhlen des zerstörten Hauses entgegen (S. 239).

Kula – Ringelblum – Landau

Im Vorwort zu Ludwik Landaus Kronika lat wojny i okupacji [Chronik der Kriegs- und Besatzungsjahre] äußert sich Witold Kula bewundernd über den unpersönlichen Tonfall, den der Autor dieses monumentalen Werkes anschlägt. Die verschiedenen Niederschriften aus den Besatzungsjahren wiesen nahezu ausschließlich den Charakter eines Tagebuchs auf, nicht jedoch einer Chronik, stellt Kula fest und meint damit wohl, dass im Tagebuch das persönliche Element offenbart werde, das in einer Chronik verborgen bleibe. In Quellen mit dem Charakter eines Tagebuchs oder persönlicher Erinnerungen sei das „individuelle menschliche Erleben das Hauptmotiv“, wenn auch zusätzlich, wie der Verfasser des Vorworts bemerkt, „ein weiter gefasster Gedanke“ durchscheine: „ein wahres Zeugnis zu geben“. In dieser Hinsicht ist Landaus Kronika eine Ausnahme. Ihre erschütternde Aussage „leitet sich wohl davon her, dass jegliche persönlichen Akzente fehlen, dass alles ausgelassen wird, was nicht allgemeine Bedeutung besitzt“.146

Als er im Dezember 1960 jenes Vorwort verfasste, war Witold Kula bereits ein bekannter und anerkannter Historiker. Dass er Landau als Autor einer perfekt ausgearbeiteten Textquelle für historische Forschungen sei Lob ausspricht, hat somit eine besondere Aussage – es drückt die Überzeugungen eines erfahrenen Wissenschaftlers aus. Es sollte sich jedoch herausstellen, dass Kula selbst der Autor eines Textes namens Dziennik czasu okupacji [Tagebuch der Besatzungszeit] ist, das erst vor nicht allzu langer Zeit bei seinen posthumen Papieren gefunden wurde147. Jenes Tagebuch weicht stark von der Form ab, die Kula 20 Jahre später so sehr schätzt. Es besteht in mehreren Dutzend Seiten persönlicher Beobachtungen und Eindrücke, die der angehende Wissenschaftler in unregelmäßigen Abständen im besetzten Warschau notierte, und wirkt wie ein Entwurf für einen autobiographischen Roman. Auch die enthaltenen Notizen zu geplanten wissenschaftlichen Arbeiten, Berichte über Lektüren, vorläufig formulierten Thesen und Konzeptionen, Merklisten mit anstehenden Forschungsaufgaben verdecken nicht den zutiefst introspektiven Charakter dieser Aufzeichnungen. ←157 | 158→Es sind alles andere als unpersönliche Notizen. Der Autor enthüllt sein persönliches Drama, ringt mit sich selbst, und das ist der Hauptgegenstand jenes Tagebuchs. Erst durch diesen Filter bekommt der Leser die Realien der Besatzungszeit zu sehen.

Am anstrengendsten und ermüdendsten an der Besatzung ist für mich – vertraut Kula seinem Tagebuch am 23. Juli 1942 an – der ständige psychische Kraftakt, zu dem ich mich immer wieder aufschwingen muss, so wie ich immer wieder atmen muss, und der sich auf zwei Ziele richtet: keine Angst zu haben und nicht an die ganzen Gräuel ringsum zu denken.148

Der Versuch, sich von dem Druck der brutalen Wirklichkeit abzugrenzen, gelingt jedoch nicht. Unter dem Datum des 24. Juli notiert Kula:

„Ich durchlebe den krassesten Gegensatz dessen, was ich oben geschrieben habe. Ich kann nicht arbeiten, denken, lesen, nicht einmal schlafen – ich kann meine Gedanken nicht von all den Gräueln losreißen, die geschehen. […] (Ich mache jetzt eine Pause. Ich kann nicht schreiben, ich gehe Schuhe zubinden).“149

Das ist der letzte Tageseintrag. Somit gibt der Verfasser das Tagebuchschreiben zwei Tage nach Beginn der Deportationen aus dem Ghetto auf. An dieser Stelle muss daran erinnert werden, dass tatsächlich nur wenig gefehlt hätte, und Witold Kula hätte sein Tagebuch auf der anderen Seite der Ghettomauer geschrieben. Seine erste Ehefrau, die 1943 verstorbene Nina z Jabłońskich Kulina, war jüdischer Abstammung. Bereits im November 1939 stand der Autor vor einem Dilemma: „Man befiehlt mir, eine Entscheidung zu treffen zwischen dem Ghetto oder der Flucht in den Osten.“150 Schlussendlich siegte die Ansicht, einfach auf der arischen Seite Warschaus zu bleiben. Im Kontext jener Entscheidung nimmt der Satz, mit dem der Tagebuchtext abreißt, einen tieferen Sinn an: „Sich zu einem klaren, schlüssigen Lebenskonzept durchzuringen – schon das ist nicht leicht. Dies zu tun, ohne mit dem Tod in Berührung zu kommen, ist wohl gänzlich unmöglich.“151 Dieser Satz bestätigt endgültig auch die individuelle, persönliche Dimension der Aufzeichnungen Witold Kulas, auf den Landaus ←158 | 159→Kronika viele Jahre später gerade aus dem Grund, „dass jegliche persönlichen Akzente fehlen“, solch erschütternden Eindruck machte.

Landau legt seine Kronika systematisch an, verzeichnet laufend und akribisch Daten und Fakten. Dazu fasst er eigene Beobachtungen sowie ihm zugängliche (offizielle und konspirative) Pressematerialien und andere Quellen, an die er gelangen kann, zusammen. Die Informationen, die ihn erreichen, unterzieht er zunächst einer vorläufigen Bearbeitung. Gute Dienste leisten ihm dabei zweifellos seine vor dem Krieg erworbene wissenschaftliche Praxis und das feine Gespür des Forschers, der sich mit gesellschaftlichen und ökonomischen Prozessen befasst. Er behandelt zahlreiche Bereiche: das besetzte Warschau (samt dem Ghetto), das Generalgouvernement, die dem Deutschen Reich einverleibten und die sowjetisch besetzten Gebiete, die weltweiten Kriegsschauplätze. Diese breite Perspektive objektiviert die Narration, die dem Zweck einer Dokumentation der Ereignisse sowie deren Verifizierung und Interpretation dient.

Zu bedenken ist jedoch, dass auch Landaus großes Werk mit einer zutiefst persönlichen Perspektive, einem ganz deutlich als privat gekennzeichneten Blick ihren Ausgang nimmt.

Für ein Tagebuch der Kriegszeit ist es eigentlich etwas zu spät […] – so lautet der erste Satz der Kronika, die mit dem Datum 30.9.1939–17.10.1939 beginnt. – Zwar denke ich, dass die Zeit, die noch vor uns liegt, eine Aufzeichnung lohnt, momentan jedoch möchte ich die Eindrücke erfassen, die mir von einem Monat Krieg geblieben sind (S. 3).

Dann folgt eine ausführliche Analyse der Belagerung Warschaus – eine Kombination aus dem Tagebuch eines Zivilisten, der das Kriegsgeschehen beobachtet und die momentane Stimmungslage verzeichnet, und der sachverständigen Darstellung der politischen und militärischen Lage. Auf diese Weise tritt das Spannungsverhältnis zwischen dem persönlichen und dem unpersönlichen Diskurstypus zutage. In den weiteren Partien seiner Kronika entscheidet sich der Autor ganz dezidiert für letzteren Typus152.

Emanuel Ringelblums Kronika getta warszawskiego [Chronik des Warschauer Ghettos] ist bereits nicht mehr in einem so kühlen und objektiven Ton gehalten, auch wenn ihr Verfasser sich über die individuelle Erkenntnisperspektive erhebt. Seine Interessen umfassen weit mehr als den Bereich der direkten Erfahrung – er möchte das Schicksal der Juden im gesamten polnischen Gebiet ←159 | 160→erfassen. Ringelblum trennt seine eigenen Beobachtungen von aufgeschnappten Informationen, selbst gesammelte Daten von Daten aus zweiter Hand. Die einzelnen Textsegmente versieht er häufig mit einem eigenen modalen Rahmen, der den Status der enthaltenen Inhalte und deren Quellen umreißt. Mal weist er auf eine gewisse Distanz zu den genannten Informationen hin und unterstreicht seine Rolle des Vermittlers, des Sammlers: „Ich habe gehört, dass“, „man sagte mir“, „es heißt, dass“, „man erzählt sich“, „Folgendes wird gesagt“. Dann wieder beschränkt er sich auf die unpersönliche Präsentation, setzt dem Eintrag eine Art Qualifikation voraus: „Szene“ oder „Bild“. Nach einem Doppelpunkt folgt die Darstellung des so angekündigten Ereignisses. Wieder ein anderes Mal gibt er deutlich seine Augenzeugenschaft an: „Mit eigenen Augen habe ich dieses Bild gesehen“ (S. 307) oder „Ich habe folgende Szene gesehen“ (S. 250).

Erstaunlich ist die Detailliertheit der Narration, die schier unerhörte Menge an rasch aufeinanderfolgenden kleinen Einzelheiten, Szenen, Bildern, die manches Mal den Rahmen eines Chronikeintrags sprengen. Im Laufe der Zeit schreibt Ringelblum immer eiliger, wie im Fieber. Die Anforderungen der konspirativen Arbeit sind der Grund, aus dem die Kronika nur in Teilen vorliegt. Nacheinander treffen die Textteile im Ghettoarchiv ein und werden sogleich versteckt. Daher sind die Eintragungen notwendigerweise fragmentarisch, ungeordnet, häufig nicht redaktionell bearbeitet. Auffällig ist auch die stilistische Uneinheitlichkeit – umgangssprachliche und für das Ghetto charakteristische Ausdrucksweisen mischen sich mit der Sprache geschichtlicher Analysen. Der Autor notiert Redensarten, Scherze, Ausdrücke von Ghettofolklore. Stellenweise wendet er eigene Verschlüsselungen, eine „äsopische Sprache“ voller Gleichnisse an. So entwickelt er beispielsweise ein ganzes System von Kryptonymen für die Deutschen. Am häufigsten treten die Bezeichnungen „Galeje“ (für die Gestapo) und „tamci“ [„die da“; die Deutschen allgemein] auf, weiterhin gibt es die „władcy“ [Herrscher], „żółci“ [„die Gelben“; die Gestapo). Hitler nennt er „Horowitz“ oder „Czapnik“ [Mützenmacher, Hutmacher] – die Bedeutung des Namens „Hitler“ auf Jiddisch153. Spezifisch ist die – durch die Umstände der Konspiration erzwungene – quasi-briefliche Form der Kroniki. Besonders am Anfang leitet Ringelblum manche Textpartien mit Anreden ein: „Meine Lieben!“, „Geliebter Vater!“, „Lieber Großvater!“, „Mein lieber Freund!“, „Werter Freund!“ Das sorgt für eine Erosion der objektivierten, entpersonalisierten Chronikform.

Es scheint, als regiere hier die Regel eines kontrollierten Chaos, was Spannung in den Text bringt – gestattet doch der Zustand der ständigen Bedrohung ←160 | 161→keine gemäßigte Objektivität. Er erlaubt kein normales Schreiben, keine Textredaktion mit der angezeigten Ruhe. Der Chronist ist nicht imstande, eine kühle Distanz zu wahren; er ringt mit der brutal hereinbrechenden Wirklichkeit und müht sich, sie zu zähmen, irgendeiner Kontrolle zu unterwerfen, sie zu beherrschen und festzuhalten, indem er sie aufzeichnet. Ringelblums persönliches Engagement, seine Leidenschaft, die auf den Seiten der Kronika spürbar werden, sind ein charakteristischer Zug seines Werkes.

Czerniaków

Adam Czerniakóws Tagebuch fand seinen aufmerksamen Leser in Roman Zimand, der den Tagebuchtext weniger als historische Quelle denn als eine Art und Weise der Manifestation des Autors betrachtet. Folgt man diesem Ansatz, gelangt man ins Zentrum der hier erörterten Frage nach dem Spannungsverhältnis zwischen persönlicher und unpersönlicher Erzählweise. Der erste Satz, den der Tagebuchschreiber am 6. September 1939 zu Papier bringt – „In der Nacht habe ich von 12 bis 5 Uhr früh nicht geschlafen“ – trägt den Charakter eines persönlichen Geständnisses und führt den Leser in die Sphäre der Privatheit ein. So könnten die Aufzeichnungen eines romantischen jungen Mannes oder auch eines schwerkranken alten Menschen beginnen, meint Zimand und bemerkt, dass „diese Worte, wenn man sie dem weiteren Inhalt des Tagebuchs gegenüberstellt, zu Reflexionen sowohl über das Schicksal als auch über die Poetik der täglichen Niederschrift anregen“154. Hinzuzufügen wäre, dass jener – wie ein Auszug aus einem journal intime klingende – Anfangssatz im Kontext der Gesamtheit einen Kontrapunkt zu den trockenen, unpersönlichen Notizen eines Beamten über sein Amt darstellen – wobei dieser Beamte der Vorsitzende des Judenrates im größten Ghetto des besetzten Europa war.

Worin besteht das Phänomen jenes entpersonalisierten und dabei zugleich zutiefst persönlichen Tagebuchs des Adam Czerniaków? Den Versuch einer Antwort auf diese Frage finden wir in Zimands Publikation; daher möchte ich mich hier auf ein paar besondere Ergänzungen beschränken.

Czerniaków legt Notizen von der Art eines Tagebuchs pro memoria an und betrachtet sie als Material, das ihm später – nach einem für die Alliierten siegreichen Krieg – als Grundlage für eine eventuelle Verteidigung seiner öffentlichen Tätigkeit dienen könnte. Zimands These von einem solchen Tagebuch als Mittel zur Selbstverteidigung erklärt sowohl die Knappheit oder geradezu Unlesbarkeit ←161 | 162→mancher Einträge wie auch die Überzahl von Informationen und Materialien, die mit Czerniakóws Funktion als Gemeindevorsitzender155 zusammenhingen, darunter eine detaillierte Dokumentation der Kontakte mit den deutschen Behörden. Schreibt er also über sich selbst, so schreibt Czerniaków zwangsläufig über die öffentliche und nicht über die Privatperson.

Und trotzdem hat die Beschreibung der amtlichen Funktionen individuelle Merkmale, trägt einen persönlichen Stempel des Autors. Das offenbart sich in der Konstruktion des Textes – angefangen bei der manchmal extremen Lakonik und Zurückhaltung im Ausdruck von Urteilen und Emotionen, bis hin zu Zweideutigkeiten und dem Spiel mit Zitaten, subtiler Ironie. Hier zum Beispiel ein selbstironischer Kommentar über die charitative Tätigkeit der Gemeinde:

Ich schreibe hin und wieder Gedichte. Dazu braucht man eine angeregte Phantasie. Niemals ist diese Phantasie so weit gegangen, die Suppen, die wir an die Bevölkerung verteilen, Mittagessen zu nennen (S. 179).

Ein anderes Beispiel ist das Spiel mit Zitaten (über die Zitatenregel, die die Grammatik eines Tagebuchtextes bestimmt, kann man ausführlich bei Zimand lesen). Ein Zitat aus Stefan Żeromskis Roman In Schutt und Asche [Originaltitel: Popioły; PL 1902, D 1904] benutzt Czerniaków eindeutig, um indirekt seine eigene Situation zu charakterisieren156. Erörterungen über die Figur Winston Churchills, die er einem Buch Roman Landaus über Paderewski entnahm (New York 1934, Warschau 1935), dienen ihm zur versteckten Aussage über die aktuellsten politischen Themen. Vier Tage nach der Besetzung der Stadt Paris durch die Deutschen, knapp einen Monat nach Churchills Amtsantritt als Premierminister, überträgt Czerniaków in sein Tagebuch einen umfänglichen ←162 | 163→Ausschnitt aus jenem in der Vorkriegszeit erschienenen Werk, wodurch das Zitat eine überraschende Aktualität gewinnt.157

Der Gemeindevorsitzende zeigt sich selten als Privatperson. Die hierzu notierten Einträge betreffen häufig seinen Schlafrhythmus und seine Lektüren. „Ich lege mich um 9 Uhr abends schlafen und lese. Um 2 Uhr nachts wache ich auf. Und so bis 5–6 Uhr morgens, wenn ich aufstehe. Schuhe“ (S. 17). Was bedeutet das Wort „Schuhe“, das hier als Satzäquivalent fungiert? Vielleicht geht es dabei um ähnliche Kleidungsprobleme wie die, von denen Czerniaków an anderer Stelle selbstironisch schreibt: „Morgens bemerkte ich das Fehlen eines Hosenknopfs. Selbst der bedeutendste Mann kann dadurch lächerlich werden“ (S. 35).

Wenn jedoch der Autor des Tagebuchs geradeheraus über sich selbst spricht, widmet er die meiste Aufmerksamkeit eindeutig seiner Gesundheit: Leber- und Herzinsuffizienz, Probleme mit Hexenschuss, Zähnen, erfrorenen Zehen, Luftröhrengrippe, Verkühlung. Vor allem jedoch schreibt er von hartnäckigen Kopfschmerzen. Von 29 Bemerkungen über Krankheiten handeln allein elf von der Migräne. Die erste ist vom 22. Januar 1940: „Mit Kopfschmerzen ins Bett“ (S. 35), die letzte vom 19. Juli 1942, vier Tage vor seinem Selbstmord: „Heute habe ich 2 Kopfschmerzpulver, 1 Cybalgin und Baldriantropfen eingenommen. Trotzdem will mir der Kopf zerspringen. Ich gebe mir Mühe, daß ein Lächeln nie mein Gesicht verläßt“ (S. 282). Auf den Spuren der Privatheit in Czerniakóws Tagebuch möchte ich einen Moment bei der Geschichte mit dem Hut verweilen – so nenne ich die persönlichen Erfahrungen des Gemeindevorsitzenden mit der Grüßpflicht gegenüber allen Deutschen, die den Juden auferlegt worden war. Die Geschichte mit dem Hut spielt sich in drei Zeitabschnitten ab: Juni 1940, Mai 1941 und September 1941, und wird in fünf Akten erzählt. Der Autor spielt darin die Rolle desjenigen, der den Hut nicht ziehen, keine Ehrerbietung zeigen will und damit passiven Widerstand leistet. Ein Wachmann vor ←163 | 164→dem Palais Brühl weist Czerniaków zurecht: „Der Wachposten wies mich […] darauf hin, daß ich ‚frühzeitigʽ [im Original deutsch] den Hut zu ziehen hätte“ (S. 85), so lautet der Eintrag vom 25. Juni 1940 – erster Akt. Die drei folgenden Akte erhöhen die Spannung. Es ändert sich die Szenerie – zunächst ist der Ort der Sitz des Generalgouverneurs des Distrikts Warschau (bei den Einträgen vom 8. Mai 1941: „Im Hof des [Palais] Brühl rief man mir aus dem Auto zu ‚Nimm den Hut abʻ. Ich habe ihn nicht abgenommen“ (S. 145) sowie vom 12. Mai 1941: „Auf dem Hof des Palais ‚Brühlʽ hat man mir wieder befohlen, den Hut abzunehmen“ (S. 147), danach die Treppe vor dem Sitz der Gemeinde (beim Eintrag vom 15. Mai 1941): „Heute hat man auf der Treppe in der Gemeinde versucht, mir den Hut vom Kopf zu stoßen“ (S. 148). Der Druck erhöht sich – von Ermahnungen bis hin zu körperlicher Aggression. Czerniaków ordnet sich dem Befehl nicht unter, auch wenn er das nur am 8. Mai direkt notiert. Der fünfte und letzte Akt findet am 2. September 1941 vor dem Palais Brühl statt: „Nach dem Hinausgehen ließ uns die Wache kehrtmachen, weil wir uns nicht verbeugt hätten“ (S. 183).

Der Privatkrieg gegen die Grüßpflicht gegenüber den Deutschen hatte seine Helden und forderte seine Opfer. „Heute, am 29. September [1940] habe ich einen Fausthieb ins Gesicht bekommen, weil ich [vor dem Deutschen] nicht meinen Hut gezogen hatte“, schreibt Ringelblum in seiner Kronika (S. 158). Mehrmals kommt er auf diese Sache zurück, führt Beispiele des Widerstands gegen das verpflichtende Hutziehen an. Czerniakóws Fall ist jedoch einzigartig; es scheint, als sei die oben angeführte rekonstruierte Geschichte ein Beispiel dafür, wie in seinem Tagebuch das Persönliche mit dem Öffentlichen und Offiziellen untrennbar verflochten ist. Das Verhalten des Gemeindevorsitzenden nimmt aufgrund seiner Funktion schließlich stets öffentlichen Charakter an, selbst wenn es zutiefst privaten Motiven entspringt. Das musste Czerniaków bedenken, wenn er auf der Straße den Hut nicht zog und auch, wenn er gerade diese Geste – neben vielen anderen Amtshandlungen – in seinem Tagebuch notierte.

Es gibt allerdings einen Eintrag, der dieses heroisch anmutende Bild Czerniakóws ins Wanken bringt – einen Eintrag, den ich sogar beschämend nennen würde. Roman Zimand hingegen hält eine Notiz vom 25. Juli 1941 für „den beschämendsten Eintrag im ganzen Tagebuch“; darin ist beschrieben, wie ein jüdischer Polizist Bettler vor den Fenstern von Czerniakóws Büro vertreibt, indem er milde Gaben an sie austeilt. Den Kommentar zu der Szene – „Das würde kein Polizist anderer Nationalität tun“ (S. 174) – sieht der Forscher nicht nur als Ausdruck der Naivität des Verfassers. Er entdeckt darin auch einen Schatten von Chauvinismus, obwohl Chauvinismus, wie er betont, Czerniaków ←164 | 165→eigentlich vollkommen fremd gewesen sei158. Ohne diese Interpretation infrage stellen zu wollen, muss ich bemerken, dass jene Textstelle mir im Vergleich mit der folgenden Notiz vom 29. Mai 1942 vollkommen harmlos erscheint:

Ich pflege mit Brandt durch die Straßen zu gehen und die Hausmeister zurechtzuweisen bzw. zu belohnen. Bei einer derart gering entwickelten Zivilisationsstufe kann das Getto nicht sauber sein. Die Menschen benehmen sich leider wie Schweine. Jahrhunderte der Nachlässigkeit rächen sich. Und gefördert wird das durch das grenzenlose Leid und Elend (S. 260).159

Nach fast drei Jahren Besatzung und 18 Monate nach Abriegelung des geschlossenen Bezirks die Feststellung zu treffen, der Schmutz im Ghetto sei eine Folge „der gering entwickelten Zivilisationsstufe“, ist eine entsetzliche Verkennung der Umstände. Czerniaków kannte die Bandbreite der Repressionen, absichtlich herbeigeführten Qualen, Gewalttätigkeiten nur zu gut. Niemand wusste besser als er, dass die Organisation einer regelmäßigen Müllabfuhr aus dem Ghetto fortwährend auf die verschiedensten Hindernisse stieß. Aus diesem Grund häuften sich auf Straßen und Hinterhöfen Berge von Unrat.

Im Winter und Frühjahr 1942 versuchte Czerniaków – so geht es aus seinen Aufzeichnungen hervor – diese Angelegenheit in Ordnung zu bringen.

Die Häuser sind entsetzlich verunreinigt. Ich habe energisch angeordnet, den Müll zu beseitigen. 2 Maulhelden, Usman und Pożaryk, habe ich dem Liegenschaftsamt zugeteilt, Abteilung Müll. (S. 230)

Die deutschen Behörden befehlen dem Vorsitzenden, vermehrt auf die Hygieneverhältnisse im Ghetto zu achten. Kontrollen werden durchgeführt. „Vor Mittag besichtigte ich mit Auerswald verschiedene Häuser und überprüfte das Maß der Veruneinigung“ (S. 235), notiert er am 16. März. Einen Monat darauf findet bei ←165 | 166→Dr. Wilhelm Hagen, dem vom Besatzer ernannten Warschauer Oberarzt in den Jahren 1941–1943, eine Konferenz zum Thema Müllabfuhr statt, an der auch Czerniaków teilnimmt. Die Notiz von jenem Tag handelt von Unstimmigkeiten zwischen arischen und jüdischen Abfuhrunternehmen sowie von endlos sich hinziehenden finanziellen Verwicklungen.

Im Wissen um all diese Dinge schreibt Czerniaków völlig ungeniert, mit dem unverhohlenen Ärger des Beamten, der sich mit einem strafbaren Regelverstoß konfrontiert sieht, über die Ghettobewohner, sie benähmen sich wie Schweine. Die Erwähnung des „grenzenlosen Leids und Elends“ kann die Schärfe und Ungerechtigkeit jenes Urteils kaum mildern. Das Fass zum Überlaufen bringt ein Sachverhalt, der bei der Interpretation des Eintrags vom 29. Mai eine Schlüsselrolle spielt. Czerniaków nimmt die Inspektion, wie angegeben, gemeinsam mit Karl Brandt vor, SS-Obersturmführer und Leiter des Judenreferates der Warschauer Gestapo. Mir ist bewusst, dass der Gemeindevorsitzende von Amts wegen gezwungen war, Schulter an Schulter mit Brandt durch die Straßen des Ghettos zu gehen und die Sauberkeitskontrolle durchzuführen – ebenso wie er am 15. März 1940 gezwungen war, Brandts Vertreter, SS-Oberscharführer Mende, zu assistieren, als der den pünktlichen Antritt von Juden zur Zwangsarbeit überprüfte. Bei der Bestrafung der „Verspäteten“ zerbrach Mende damals seine Reitpeitsche, die er anschließend auf Kosten der Gemeinde reparieren ließ160. Dem Tagebuchschreiber gelingt es, in die beiläufige Notiz zu diesem Ereignis einen bitteren Sarkasmus einfließen zu lassen, das Drama der unfreiwilligen Mittäterschaft, und eine Distanz zwischen seiner eigenen Person als schreibendes Subjekt und als Gegenstand des Schreibens herzustellen. All das fehlt hingegen bei der Schilderung der gemeinsam mit Brandt absolvierten Inspektion; hier gewinnt der von den Nazis eingesetzte Beamte des Judenrates Überhand über den Ingenieur Adam Czerniaków, den Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde von Warschau.

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Im Kontext der Überlegungen zum „beschämendsten Eintrag“ im Tagebuch des Adam Czerniaków wäre die Frage angebracht: Was gibt es denn nicht in jenem Tagebuch? Nicht mit dem Inhalt oder Stil bestimmter Einträge sollte man sich befassen, sondern damit, ob etwas umgangen oder ausgelassen wurde. Gleich nach den blutigen Ereignissen der Nacht vom 17. auf den 18. April 1942, als im Ghetto 52 oder 53 Menschen ermordet wurden, intervenierte Czerniaków bei Auerswald und Brandt. Unter dem Datum des 18. April 1942 notiert er:

[Brandt erklärte] auf meine Frage […], ich könne die Bevölkerung, die ihre Beschäftigung wiederaufnehmen solle, beruhigen. Wer sich nur damit beschäftige, dem werde nichts geschehen. Ich wies den Ordnungsdienst an, mit Hilfe der Hauskomitees die Bevölkerung zu beruhigen (S. 244).

Diese Notiz ergänzt Tomasz Szarota durch eine Bekanntmachung des jüdischen Ordnungsdienstes vom 19. April 1942. Der Text ist in einer der Meldungen erhalten geblieben, die an das Departement für Innere Angelegenheiten der polnischen Regierungsdelegatur gelangten. Man kann ihn als eine Art Fortsetzung des zitierten Tagebucheintrags von Czerniaków sehen, als den Teil, den der Gemeindevorsitzende schon nicht mehr notierte:

Im Auftrag des Vorsitzenden Czerniaków wird der Bevölkerung des Jüdischen Bezirks in Warschau bekanntgegeben, dass die Aktion in der Nacht vom 17. auf den 18. April 1942 sporadischen Charakter gehabt habe, mit dem Ziel, die Menschen zu bestrafen, die nicht mit ihren eigenen Angelegenheiten befasst waren. Es wird der Bevölkerung empfohlen, sich ruhig mit ihren gewöhnlichen Dingen zu beschäftigen, dann werde diese Aktion sich nicht wiederholen.161

In seinem Kommentar zu Czerniakóws Reaktion auf jene „Bartholomäusnacht“ des 17./18. April im Ghetto nennt Tomasz Szarota diese Reaktion Czerniakóws größten Fehler.162

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Widmen wir nun unsere Aufmerksamkeit dem Wetter. Vor dem Hintergrund all der auf beiden Seiten der Mauer systematisch geschriebenen Tagebücher oder Chroniken fällt auf, dass Czerniaków häufig über das Wetter schreibt, vor allem über die Temperatur. Die erste derartige Notiz stammt vom 30. Dezember 1939: „Schrecklicher Frost, -15°“ (S. 29), die nächste vom 10. Januar 1940: „Seit einigen Tagen schrecklicher Frost (morgens -24–25°), und Kohle gibt es nicht“ (S. 32). Ende Januar notiert der Verfasser wieder die Temperatur, im Februar zwei weitere Male, im März sieben Mal, im April dann beinahe täglich. Ab dann beginnt fast jeder Tageseintrag – wie ein meteorologischer Bericht – mit der aktuellen Temperaturangabe. Czerniaków geht selten über diese trockene Information hinaus, schreibt zum Beispiel: „Was für eine Gluthitze wird das heute?“ (S. 83), „Nachts Regen“ (S. 86), „Bewölkt, heiß, schwül“ (S. 91). Die lakonischen Temperaturangaben hören mit dem 8. November 1940 auf, um erst am 2. Januar 1942 wieder einzusetzen („Heute der erste Tag mit strengem Frost, -15–20°“, S. 214) und ab Ende jenes Monats an ihren alten Platz zurückzukehren. Im April und Mai nimmt die Häufigkeit der meteorologischen Einträge deutlich ab, bis sie ab dem 28. Mai 1942, an dem der Verfasser +18° registriert, ganz verschwinden.

Welche Logik steht hinter jenen Einträgen, wozu dienen sie, warum tauchen sie in Schüben auf? Am Anfang wurde Czerniaków zweifellos von der allgemeinen Atmosphäre dazu verleitet, meteorologische Aufzeichnungen zu machen. Der erste Besatzungswinter war nämlich besonders hart und frostig, was in Kombination mit den Zerstörungen durch den Krieg und dem chronischen Mangel an Brennmaterial das Leben sehr erschwerte. Über das Wetter schrieben zu der Zeit vermutlich alle. In Ludwik Landaus Kronika ist unter dem Datum des 8. Januar 1940 zu lesen: „[G]‌erade dieses Jahr haben wir einen besonders harten Winter, die Temperaturen sinken fast bis auf -20°“ (Bd. 1, S. 180). Bis Mitte März selbigen Jahres flicht der Chronist 14 Mal kürzere oder längere Notizen über das Wetter ein, in den darauffolgenden Monaten dann nur noch sporadisch. Den strengen Frost erwähnt zu der Zeit mehrmals auch Chaim Kaplan, häufig tut dies ebenfalls Zofia Nałkowska in ihren Dzienniki [Tagebüchern]. Eine Ausnahme ist Emanuel Ringelblum, der im ersten Besatzungswinter meteorologische Beobachtungen beiseite ließ. Die erste Bemerkung über das Wetter („Der Frost zeigte seine Wirkung“, S. 334) taucht in der Kronika getta warszawskiego erst am 14. November 1941 auf.

An Czerniakóws Aufzeichnungen aus der damaligen Zeit ist demnach oberflächlich betrachtet nichts Originelles – jedoch nur oberflächlich betrachtet. Außer dem Gemeindevorsitzenden führte wohl niemand sonst so systematisch und über einen so langen Zeitraum hinweg Aufzeichnungen über das Wetter. ←168 | 169→In keiner der meteorologischen Aufzeichnungen, die ich in den persönlichen Dokumenten aus dem besetzten Warschau finden konnte, stehen die Wetterinformationen einfach für sich; immer erfüllen sie irgendeine Funktion. Landau dienen sie zur Illustration der Brennmaterialkrise, der Knappheit an Kohle und Torf, des sprunghaften Preisanstiegs auf dem Markt oder aber der Konsequenzen, die sich in der Praxis aus dem strengen Frost und dem Schneefall ergaben (geplatzte Wasserleitungen, die Schwierigkeiten, in der Stadt von einem Ort zum anderen zu gelangen). Im Winter 1942 werden die Bemerkungen über das Wetter für den Chronisten zum Aufhänger, um über die militärische Situation an der Ostfront zu sprechen. Bei Kaplan gesellen sich zu den Klagen über den Mangel an Heizmaterial neue Motive – der beißende Frost wird zum sichtbaren Zeichen eines auf den Juden lastenden Fluches, er ist ein weiterer Ausdruck der Torturen, denen sie ausgesetzt sind, ein weiteres Glied in der Kette von Unglückseligkeiten. Nałkowska hingegen nutzt die Beobachtungen über den Frost u.a. für die Konstruktion einer Metapher über die Versklavung durch die Besatzung163. Bei Czerniaków hingegen scheinen die meteorologischen Notizen Routine zu sein, ein rein formaler Vorgang ohne tiefere Motivation – ausgenommen sind die ersten beiden Aufzeichnungen vom 10. und 29. Januar, in denen es heißt, „Kohle gibt es nicht“ und „in der Gemeinde sitzt man in kalten, ungeheizten Räumen“. Der Verfasser scheint aus einer Art Gewohnheit heraus täglich die Lufttemperatur anzugeben, ohne weitere Kommentare oder Erklärungen. Aufgrund dieser Daten lässt sich eine Isotherme zahlreicher Besatzungsmonate erstellen. Nach wie vor jedoch bleibt die Frage, zu welchem Zweck der Verfasser des Tagebuchs seine Temperaturaufzeichnungen anstellt.

Es fällt schwer, hier eine eindeutige Erklärung zu finden. Wie vieles in Czerniakóws Tagebuch bleibt auch diese Sache letztendlich geheimnisvoll. Ich denke, der Schlüssel könnte hier in Czerniakóws Persönlichkeit und auch in der Strategie seines Schreibens liegen. Die Angaben in Grad Celsius, die Beschränkung auf sachliche Zahlen ist ein extremer Ausdruck seines Strebens nach Objektivität – bleiben doch jegliche wertenden oder emotional geprägten Äußerungen bezüglich des Wetters konsequent ausgeklammert, so als vertraue Czerniaków den Angaben einer Quecksilbersäule mehr als dem eigenen Urteil. Es wirkt, als ←169 | 170→habe er ein rein physikalisch bemessenes Quäntchen nackter Wirklichkeit auf die Seiten seines Tagebuchs übertragen und dort festhalten wollen. Auf ähnliche Weise werden z.B. in der Geologie Felssplitter zusammengetragen, um auf ihrer Grundlage die Struktur der Erdoberfläche nachzubilden. Ist die Temperaturkarte, jenes bis zum Äußersten objektivierte Abbild eines winzigen Bruchteils der damaligen Realität, möglicherweise ein Versuch, der Nachwelt einen Aspekt der Ghettoerfahrung mitzuteilen, den Czerniaków auf andere Weise nicht übermitteln konnte?

Berichte – Rapporte – Arbeiten

Zum Schluss nun möchte ich das Spannungsverhältnis zwischen dem personalisierten und dem entpersonalisierten Diskurs in Texten untersuchen, die an der Grenze des persönlichen Dokuments angesiedelt sind oder darüber hinausgehen. Ich denke dabei an Rapporte, Berichte, Arbeiten zu sozialen, wirtschaftlichen, demographischen Fragen, Feldstudien, Entwürfe von wissenschaftlichen Arbeiten. Manches Mal repräsentieren solcherart Texte eine zweifache Einordnung: Sie sollen objektives faktographisches Material darstellen, werden dabei jedoch zugleich zum persönlichen Zeugnis des Autors oder der Autoren. Einerseits versuchen sie, eine wissenschaftlich-dokumentative Funktion zu erfüllen und, wie es die Gattungspoetik besagt, dieses Ziel auf disziplinierte und methodische Weise zu erreichen, indem sie sich an vorab formulierte Problematiken und Fragebögen halten, die den Erkenntniswert des gesammelten und bearbeiteten Materials, dessen Vielseitigkeit und Vergleichbarkeit mit anderen Daten garantieren sollen. Andererseits wiederum verleihen die Autoren, die unter dem überwältigenden Ansturm der geschilderten Realität stehen und – nolens volens – ihre Emotionen und Wertungen nicht vom übermittelten Inhalt trennen können, diesen unfreiwillig oder bewusst Ausdruck. In einem Text, der eigentlich kein subjektives „Ich“ des Erzählers manifest werden lassen sollte, kommt dennoch das persönliche „Ich“ des Autors zum Vorschein.

Die überwältigende Mehrheit von Dokumenten dieses Typus entstand rund um die Gruppe Oneg Schabbat – eine geplante Entwicklung. Emanuel Ringelblum, der in seiner Kronika die Arbeitsweise und den Interessensbereich der Gruppe beschreibt, nennt dort auch deren Prinzipien und methodologischen Direktiven, wobei er die angestrebte „Objektivität“ betont, den Wunsch, „ein möglichst genaues und vielseitiges Bild der Ereignisse zu erhalten“ sowie das Ideal, dass „möglichst viele Menschen dieselbe Begebenheit schildern, […] damit die historische Wahrheit, der tatsächliche Ablauf der Ereignisse herausgeschält wird“ (S. 479). Informationen für die weitere Bearbeitung wurden mithilfe ←170 | 171→von Fragebögen, Interviews, Gesprächen zusammengetragen, wobei der wahre Zweck dieser Befragungen vor den Gesprächspartnern verborgen gehalten wurde, handelte es sich doch um Untergrundarbeit. Interessant ist, dass Ringelblum, der doch solchen Wert auf Objektivität legte, den Ausdruck persönlicher Empfindungen nicht nur gestattete, sondern sogar dazu anregte.

Wir waren immer bemüht, dass der Bericht über jedes Ereignis die Zeichen des Unmittelbaren, des echten Erlebens trug. Deswegen sind die Materialien von „Oneg Schabbat“ auch so von Subjektivität durchtränkt (S. 483).

Die Verschiedenheit der Dokumente all jener Menschen, die sich zu jener Zeit an den Tätigkeiten des Ghettoarchivs beteiligten, ist enorm. Professionelle Abhandlungen wurden in Auftrag gegeben, Dokumentationen angeregt, die Mitarbeiter bekamen bestimmte Forschungsbereiche zugeteilt, man trug Informationen und Quellenmaterial zusammen und unterzog es einer ersten Bearbeitung. Das Ergebnis waren Arbeiten und Berichte auf der Grundlage von Gesprächen mit den Flüchtlingen, die im Ghetto eintrafen. Monographien wurden nach einem eigens hergestellten Konspekt verfasst, die Irrfahrten von Flüchtlingen geschildert, Arbeiten zum Überfall Deutschlands auf Polen 1939 geschrieben, Materialien über Lager und Gefängnisse zusammengetragen. Die Berichte von Rückkehrern aus Arbeitslagern – und später von Geflüchteten aus Konzentrationslagern – wurden festgehalten. Kinder wurden befragt, Textwettbewerbe organisiert, die Tätigkeit von Hauskomitees, Volksküchen, Gesundheitsdiensten dargestellt. Die Autoren waren manches Mal auch Schriftsteller, die die unpersönliche Form des Berichts mit einer erzählerisch gestalteten Form der Reportage kombinierten und ihren Texten durch die Einflechtung persönlicher Erlebnisse Merkmale eines individuellen Stils verliehen.

Des Weiteren wurden Berichte erstellt über die Arbeit verschiedener Institutionen und Zentren für soziale Hilfsleistungen. In einem dieser Berichte – verfasst von einer Betreuerin im Kinderhort eines Heims für Umsiedler an der Sliska-Straße 28, Estera Karasiówna – prallen zwei Perspektiven aufeinander: die amtliche und die individuelle. Die Dynamik des persönlichen Bekenntnisses bricht die bürokratisch-trockene Form des Berichts über die dienstliche Tätigkeit auf. Karasiówna bemüht sich, die Poetik des amtlichen Gebrauchstextes zu wahren, und arbeitet deswegen sachliche Schilderungen von Aussehen, Möblierung, Tagesordnung des Hortes ein, beschreibt den Charakter der betreuten Kinder und gibt am Textende unter dem Stichwort „Was kann wie verbessert werden?“ ihre Schlussfolgerungen und Desiderate bekannt. Dennoch ist nahezu jeder Satz von Emotionen durchtränkt, hinter jedem Satz steht das Erleben der Autorin. Ihr Bericht ist keine emotionslose Inventarisierung, sondern die ←171 | 172→Schilderung eigener Erfahrung. Geformt wird diese Erfahrung durch triviale Details aus dem alltäglichen Elend des Ghettos, durch die konkrete Welt, die Welt der Dinge: ein Eimer mit Grütze, Spucknäpfe statt Tellern, zerbrochene Scheiben, Öfen und Ofenrohre, Brot mit Marmelade, krätzebefallene Hände, die beim Waschen schmerzen. Estera Karasiównas konsequent in der ersten Person Singular verfasster Bericht verwandelt sich in die öffentliche Beichte164 eines verzweifelt hilflosen Menschen, der jedoch unermüdlich darum kämpft, „an die hundert Kinder, Menschen einer lichteren Zukunft, aus dem Sumpf zu ziehen“ (S. 105).

Durch die gemeinsamen Bemühungen der Gruppe Oneg Schabbat entstanden Rapporte, die später auf konspirativem Wege der restlichen Welt übermittelt wurden. Zu den hochrangigen Texten zählt der Bericht der vereinigten Untergrundorganisationen des Ghettos an die polnische Exilregierung in London und die alliierten Regierungen vom 15. November 1942 mit dem Titel The Liquidation of Jewish Warsaw. Von Jan Karski in den Westen gebracht, spielte jener Bericht eine internationale Rolle und wurde für die polnische Exilregierung zur grundlegenden Wissensquelle über die Judenvernichtung in polnischen Gebieten. Verfasst worden war er von führenden Köpfen der Oneg-Schabbat-Gruppe: Ringelblum, Gutkowski, Wasser. Fachmännisch verfertigt und mit zahlreichen Diagrammen, Tabellen, statistischen Darstellungen und Anhängen versehen, stellt dieser Bericht den ersten Versuch einer monographischen Erfassung des damals noch andauernden Vernichtungsprozesses dar – seines Verlaufs, seiner Mechanismen, seiner Folgen.

Bei all seinen unschätzbaren inhaltlichen Werten verbindet jener Rapport auf geschickte Weise eine berichtende Narration mit einer beinahe episch angelegten Geschichte der Tragödie eines Volkes. Zahlenkolonnen, eine Quellendokumentation, Aufzählungen von Namen, Institutionen, Städten und Dörfern – all das ist hier in einen Diskurs eingebunden, der sich häufig poetischer Bilder und Metaphern bedient, der auch Emotionalität und Pathos nicht scheut. Eine Statistik der Deportationsopfer, unterteilt nach Geschlecht und Altersgruppen, mit einer pedantischen Unterscheidung nach Todesarten – natürlicher Tod, Selbstmord, Erschießung – steht direkt neben expressiven, schmerz- und zornerfüllten ←172 | 173→Darstellungen von zum Umschlagplatz verschleppten Opfern oder grauenvollen Szenen aus Treblinka.

Die ersten Sätze des Berichts exponieren auf ganz eigene Weise jenes Drama, leiten das Epos von den polnischen Juden ein:

Im Leuchten des unvergleichlichen polnischen Herbstes glänzt und flirrt eine Schicht von Schnee. Dieser Schnee ist der nichts anderes als die Federn und der Flaum aus jüdischem Bettzeug, das 500 000 „nach Osten“ evakuierte Juden mit ihrem sämtlichen Hab und Gut – von Schränken, Truhen und Koffern voller Wäsche und Kleidung bis hin zu Schüsseln, Töpfen, Tellern und anderen Haushaltsdingen – zurücklassen mussten. Die herrenlosen Dinge […] liegen in wilder Unordnung […], sie sind bedeckt von jenem Schnee aus der Zeit des vielfachen deutschen Mordes an den Warschauer Juden – von den herausquillenden Eingeweiden jüdischen Bettzeugs. […] Verstohlen huscht ein wandelndes Gerippe eine Häuserwand entlang, blutbespritzt sind die Pfastersteine, Rauch und beißender Brandgeruch erhebt sich von glimmenden und erlöschenden Feuern in den Straßen – all das gibt dieser Todesstadt, in der vor dem schrecklichen 22. Juli innerhalb zehn Kilometern Ghettomauer fast 370 000 Juden vor sich hinveregtierten, das passende Kolorit.165

Die Konstruktion jenes Textabschnitts mit seinem Gegensatz aus allgemeiner Perspektive und Detailaufnahme, mit der eingeflochtenen Figur der Enumeratio, mit einem wirkungsvoll dosierten Überraschungseffekt deutet auf bestimmte Regeln hin, die den Diskurs des Rapports lenken. Eine dieser Regeln ist unzweifelhaft das Prinzip der Gegenüberstellung von Metapher und konkreter Beschreibung, plastischem Bild und Zahl. Eine andere Regel ist die Kombination zweiter Perspektiven: der kollektiven und der individuellen, der objektivierten und der subjektivierten, persönlichen Perspektive.

Die schmucklose Poetik des objektiven und fachkundigen Gebrauchstextes mit berichtend-informativem Charakter hält dem Ansturm der zu schildernden Realität nicht stand. Die protokollarische, vom Prinzip her entpersonalisierte Aussageweise prallt auf den Drang, Emotionen, Urteilen, Wertungen Ausdruck zu verleihen und auch einen individuellen Blick, eine eigene Subjektivität zu manifestieren. Um es mit Ringelblums Worten zu sagen: Der Text ist „durchtränkt von Subjektivität“. In die intime Sphäre dringt die Geschichte ein, die Privatheit wird öffentlich gemacht, und die persönliche Erfahrung gewinnt unter solchen Bedingungen einen universalen Wert. Daher mischen sich hier auch der persönliche und der unpersönliche Diskursverlauf. Ein Dokumentationstext, ja selbst die einfachste Verzeichnung von Fakten wurde schließlich im Ghetto zu einem heroischen persönlichen Akt.

136 Dt. Übers. von D. Daume, in: DAS und andere Gedichte, München 2004; Anm. d. Übers.

137 In der Theorie der Narrationsformen wird generell zwischen zwei Arten von Erzählern unterschieden; in W.C. Booth’ klassischer Auffassung sind das der „dramatisierte“ und der „nicht-dramatisierte“ Erzähler.

138 Darüber schreibt E. Ringelblum in seiner Kronika getta warszawskiego, S. 236.

139 Ich stütze mich hier auf die semantische Paraphrase und den Kommentar zum Eintrag „Confess“ in: A. Wierzbicka: English Speech Act Verbs. A Semantic Dictionary, Sydney 1987, S. 317–319.

140 Ich zitiere nach R. Sakowska: Archiwum Ringelbluma, op. cit.

141 Eine gestempelte Karte, die bestätigte, dass jemand aufgrund seiner Arbeit im Ghetto unabkömmlich war und deshalb von der Deportation verschont bleiben sollte; Anm. d. Übers.

142 Zur Frage der Autorität eines allwissenden Erzählers im realistischen Roman und der Wahrheit im Roman siehe M. Głowiński: „Powieść i autorytety“ [Roman und Autoritäten], in: ders: Porządek, chaos, znaczenie. Szkice o powieści współczesnej [Ordnung, Chaos, Bedeutung. Skizzen zum zeitgenössischen Roman], Warschau 1968; „Powieść i prawda“ [Roman und Wahrheit], in: ders.: Gry powieściowe. Szkice z teorii i historii form narracyjnych [Romanspiele. Skizzen aus Theorie und Geschichte narrativer Formen] , Warschau 1979. Der „allwissende Erzähler“ in der Literatur des persönlichen Dokuments aus dem Warschauer Ghetto hat jedoch einen – entscheidenden – Makel: In Wirklichkeit weiß er nicht, wie das alles enden und wie sein eigenes Los sein wird.

143 Auf diese – hypothetische – Weise löst ein Informationsblatt einer Archiveinheit aus der Gruppe „Pamiętniki“, Sign. 121, im Archiv des Jüdischen Historischen Instituts die Frage der Initialen. Michał Grynberg belässt sie in Auflage 1 der von ihm bearbeiteten Anthologie als nicht entziffert, in Auflage 2 gibt er unter Berufung auf Informationen von Antoni Marianowicz an, B.H. sei Beniamin Horowitz, siehe Pamiętniki z getta warszawskiego, op. cit., S. 371.

144 Zum Beispiel: „Die Bevölkerung atmete auf. Man begann, auf die Straße hinauszugehen und die Verheerung zu betrachten“ (Pamiętniki z getta, S. 23); „Die Menschen wurden auf Wagen platziert und zum sogenannten »Umschlagplatz« abtransportiert. Dort lud man sie in Güterwaggons“ (S. 95).

145 Das Detail mit den Buntglasfenstern verrät eine ausgezeichnete Kenntnis der Realien. Czerniaków hatte tatsächlich für sein Büro Buntglasfenster mit biblischen Szenen bestellt, die ein Künstler namens Śliwiak Anfang Februar 1942 anfertigte. Czerniaków war sehr zufrieden mit dieser Arbeit: „Sie sind sehr schön gelungen“, schrieb er am 4. Februar 1942 (S. 223) – und am 12. Februar lautet der Eintrag: „Ein schöner Tag. Die Sonne reflektiert wunderbar durch die Glasfenster in meinem Arbeitszimmer“ (S. 225–226). Es ist wenig wahrscheinlich, dass Puterman jene Einträge Czerniakóws kannte, dennoch ähneln beide Textstellen über die Fenster einander auf mysteriöse Weise.

146 W. Kula, Vorwort in: L. Landau: Kronika lat wojny i okupacji, op.cit, S. V.

147 W. Kula: Dziennik czasu okupacji [Tagebuch der Besatzungszeit], hrsg. von N. Assorodobraj-Kula und M. Kula, Warschau 1994.

148 Ebd., S. 46.

149 Ebd., S. 48. Kula arbeitete als Lagerist in „einer der eigentümlichsten Institutionen des besetzten Warschau: in der Schuhfabrik des Instituts für soziale Angelegenheiten [poln.: Instytut Spraw Społecznych]. Das ISS beschäftigte 100 Warschauer Schuster, und auf der Lohnliste standen über 50 exzellente Wissenschaftler und Künstler“ (ebd., S. 57, Fußnote der Herausgeber).

150 Ebd., S. 12.

151 Ebd., S. 48.

152 Landaus Werk erwähne ich hier nur in Kürze und unterziehe es keiner tieferen Analyse. Schließlich ist es keine Chronik des Warschauer Ghettos oder des besetzten Warschau, auch wenn die Stadt ohne Zweifel die Hauptrolle bei den Aufzeichnungen spielt. Landaus Intention ist jedoch die Erfassung des weltweiten Kriegsschauplatzes.

153 Siehe die Fußnote des Herausgebers der Kroniki, S. 160.

154 R. Zimand: „W nocy od 12 do 5 rano nie spałem“, op. cit., S. 68.

155 A. Czerniaków verwendet nicht das Wort „Judenrat“ als Bezeichnung einer vom Besatzer geschaffenen Institution, sondern „Gemeinde“, womit er die Kontinuität seines Amtes unterstreicht, zu dem er am 23. September 1939 durch die souveräne Regierung der Rzeczpospolita, vertreten durch den Warschauer Stadtpräsidenten Stefan Starzyński, berufen worden war. Wenige Tage nach der Besetzung Warschaus ernannten die Deutschen Czerniaków zum Oberhaupt des Judenrates. „Man brachte mich zur Szuch-Allee, und dort teilte man mir mit, daß ich 24 Personen für den Gemeinderat aussuchen und an dessen Spitze treten soll“, schreibt er am 4. Oktober 1939 (S. 6).

156 „In Żeromskis ‚In Schutt und Asche‘ lese ich: ‚Habe denn nicht auch ich unter meinem Befehl Häscher, Schergen und Mörder, und gleichwohl schone und schätze ich sie, denn sie verstehen es am besten […]. Gerade sie werden am besten aus einer mißlichen Lage herausführen, im Falle einer Umzingelung.‘ “ (S. 215).

157 In dem Eintrag vom 18. Juni 1940 ist u.a. zu lesen: „Welchen englischen Politiker halten Sie für den beeindruckendsten?“ „Nun, Winston Churchill natürlich. […]“ „[I]‌ch wage zu behaupten, dass sich in der internationalen Politik vieles bessern würde, wenn er an der Spitze des Foreign Office stünde“ (S. 82). Genau an jenem Tag – wovon Czerniaków, als er den Eintrag machte, nichts wissen konnte – lud die englische Regierung den Präsidenten der Rzeczpospolita Polska nach England ein. Einen Tag später traf General Sikorski sich mit Winston Churchill, der „die unbeugsame Haltung Polens im Bündnis gegen Hitler“ betonte und versicherte, dass „seine Regierung Krieg führen werde bis zum endgültigen Sieg“. Siehe A. Albert (eigentl. W. Roszkowski): Najnowsza historia Polski [Die jüngste Geschichte Polens], Bd. 1, London 1994, S. 450–451.

158 op. cit., S. 46.

159 R. Zimand führt in seinem Buch diese Textstelle auf, ordnet sie jedoch der Sorge des Vorsitzenden „um den allgemeinen Stand der Zivilisation“ zu und kommentiert all das nicht weiter. Beim Zitieren kürzt er die Stelle wie folgt: „Ich pflege […] durch die Straßen zu gehen und die Hausmeister zurechtzuweisen […]“ (ebd., Czerniaków S. 260). Dieser Schritt ist mir unbegreiflich. Die ausgelassenen Textteile umfassen nur neun Buchstaben! Gründe des Platzsparens kommen hier somit nicht infrage, umso mehr, als zwei der ausgelassenen Wörter – „mit Brandt“ – von entscheidender Bedeutung für die gesamte Textstelle sind. Es scheint, als sei Zimand besonders daran gelegen gewesen, dass Czerniaków durch die verschmutzten Straßen des Ghettos ging und allzu nachlässige Hausmeister schalt. Jedoch war Czerniaków dabei eben nicht allein, und genau deswegen erlaube ich mir, ebendiesen Eintrag als den beschämendsten im ganzen Tagebuch zu bezeichnen.

160 Czerniakóws Eintrag hierzu: „Morgens um 5 zur Twarda-Str. (Inspektion der ausrückenden Arbeiter). M[ende] erschien in Begleitung. Die Arbeiter begannen sich um 6:30 zu sammeln. Die Verspäteten bestrafte man sofort an Ort und Stelle. Die Reitpeitsche zur Reparatur“ (S. 52). Ringelblum, der dem Vorsitzenden gegenüber kritisch eingestellt war, unterstreicht Czerniakóws aktive Haltung bei dem Ereignis: „Die Geschichte mit dem Vorsitzenden der Juden und der Reitpeitsche stellte sich so dar: als [die Peitsche] beim Auspeitschen der Juden, die zur spät zur Arbeit erschienen waren, zerbrach, ordnete er an, sie zur Reparatur zum Sattler und um neun Uhr [wieder] ins Büro zu bringen“ (Bd. 1, S. 120).

161 Zitat aus: T. Szarota: „Getto warszawskie u progu zagłady“ [Das Warschauer Ghetto an der Schwelle zur Vernichtung], in: „Kronika Warszawy“ 1993, Nr. 2, S. 12. Ich danke Prof. Szarota, dass er mich auf die Sammlung von Meldungen aus dem Warschauer Ghetto an die Vertretung (Archiwum Akt Nowych, Abt. IV, Gruppe polnische Regierungsdelegatur, Akte 202/11 – 27 und 28) sowie auf die Korrelation zwischen Czerniakóws Eintrag und dem Inhalt der Bekanntmachung aufmerksam gemacht hat.

162 „Ich persönlich meine, dass der Vorsitzende der Gemeinde in ebenjenem Moment den größten Fehler seinen Lebens beging, indem er sich der Illusion hingab, im Gegenzug für die damals verlorenen mehreren Dutzend Menschen andere vor der Vernichtung retten zu können, wenn er nur loyal die Anordnungen der deutschen Behörden befolgte. […] Und so forderte er sie zu Arbeit, Demut und der Aufgabe jeglicher Gedanken an Widerstand und Protest auf“ (ebd.).

163 Unter dem Datum des 20. Januar 1940 ist zu lesen: „Ein anhaltender Frost wie seit Jahren nicht mehr hält alles mit eisigem Griff umklammert. Kälte zu Hause, Kälte im Geschäft, alle Wege durch die Stadt finden in diesem seltsamen Medium statt, in einer Welt der Arktis oder der Eiszeit.“ Z. Nalkowska: Dzienniki V. 1939–1944 [Tagebücher V. 1939–1944]. bearb. von H. Kirchner, Warschau 1996, S. 180.

164 Charakteristischerweise verwendet Ringelblum für derartige Texte die Bezeichnung „Beichte“. Er bemerkt, dass ein dem Ghettoarchiv übergebener Bericht über die Arbeit der Sanitärabteilung „aus der Feder eines Mitglieds der Desinfektionskolonne den Charakter einer Beichte“ habe (Bd. 1, S. 488).

165 R. Sakowska: Archiwum Ringelbluma, op. cit., S. 275.