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Musik und die Ordnung der Dinge im ausgehenden Mittelalter und in der Frühen Neuzeit

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Karsten Mackensen

Die «Musica» ist in Weltvorstellungen des Mittelalters und der Frühen Neuzeit oft nicht nur ein Bestandteil des Wissens neben vielen anderen, sondern stellt ein übergeordnetes Ordnungsprinzip dar. Erstmals untersucht dieses Buch die genaue Stellung von Musik innerhalb der universalen Ordnung der Dinge, wie sie sich in enzyklopädischen Texten auch jenseits des fachdisziplinären Diskurses darstellt. Anhand zentraler Leitthemen wie Produktivität, Kombinatorik und Kosmologie führt die Untersuchung von der mittelalterlichen Logik Ramon Llulls über zahlreiche Stationen bis hin zur Weltkonzeption Athanasius Kirchers. Noch im 17. Jahrhundert, so wird deutlich, kann die Rolle der Musik nur vor dem Hintergrund der anhaltenden Wirksamkeit mystischer, magischer und kosmologischer Denkweisen verstanden werden.

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Ramon Llull und die Folgen

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Lullismus im Kontext

Die Bedeutung des Lullismus für universalwissenschaftliche Entwürfe des 17. Jahrhunderts aus der Perspektive der Musik ist hinlänglich bekannt.97 Paradigmatisch für ein derartiges polyhistorisch-enzyklopädisches Denken stehen die Werke des deutschen Jesuiten am Collegium Romanum, Athanasius Kircher. Bestechend ist in der Tat die scheinbar konsequente, ja rücksichtslose Umsetzung einer kombinatorischen Erkenntnis- und Wissensform unter vollständiger Preisgabe ihres grundlegenden intelligere zugunsten mathematisch-kalkulierender Produktionslogik, in Form einer mechanischen Zusammen-setzungs-, einer Komponier-„Maschine“ in der Musurgia universalis.98 Selbst musikalisch Ungebildeten sollte so die Anfertigung von Musik möglich werden. Damit repräsentierte Kircher eine auf eine moderne Kombinationslogik reduzierte Lesart der Ideen Llulls, die einen weiteren Höhepunkt bei Leibniz erreichen sollte. Nicht weniger beeindruckend ist der Stolz, mit dem Marin Mersenne (von dem Kircher ja die kombinatorische Idee ← 53 | 54 → übernahm99), Seite um Seite seiner Harmonie universelle mit der Ausstellung der computierten Ergebnisse von Permutationsmöglichkeiten einer Reihe von unterschiedlichen Tönen füllt – die technische Grundlage der Zusammenfügung komplexerer Musikgebilde darstellend. Mersenne fragt nach nichts weniger als nach unfehlbaren Regeln zur Herstellung jeder Art von Gesängen zu jedem Thema.100 Geradezu ideal fügt sich solches Verständnis musikalischer Struktur, ja künstlerischer Leistung insgesamt der Prävalenz eines mechanistischen Weltbildes, einer rationalistischen, „erklärenden“ Erkenntnislogik jenseits „verstehender“ Erkenntnishorizonte von imaginare, inspirare und intelligere. Gerade die unverständlichste, weil abstrakteste der Künste mit ihrer schier unbegreiflichen Ausdrucksvielfalt ließe sich so bändigen, fassen und der wissenschaftlichen...

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