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Musik und die Ordnung der Dinge im ausgehenden Mittelalter und in der Frühen Neuzeit

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Karsten Mackensen

Die «Musica» ist in Weltvorstellungen des Mittelalters und der Frühen Neuzeit oft nicht nur ein Bestandteil des Wissens neben vielen anderen, sondern stellt ein übergeordnetes Ordnungsprinzip dar. Erstmals untersucht dieses Buch die genaue Stellung von Musik innerhalb der universalen Ordnung der Dinge, wie sie sich in enzyklopädischen Texten auch jenseits des fachdisziplinären Diskurses darstellt. Anhand zentraler Leitthemen wie Produktivität, Kombinatorik und Kosmologie führt die Untersuchung von der mittelalterlichen Logik Ramon Llulls über zahlreiche Stationen bis hin zur Weltkonzeption Athanasius Kirchers. Noch im 17. Jahrhundert, so wird deutlich, kann die Rolle der Musik nur vor dem Hintergrund der anhaltenden Wirksamkeit mystischer, magischer und kosmologischer Denkweisen verstanden werden.

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Kritik und Aneignung des Lullismus’ – Jean Charlier de Gerson

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Innere und äußere Musik

Der erste Hinweis auf eine frühe Llull-Rezeption in Paris stammt aus der Zeit zwischen 1392 und 1402 – es handelt sich um das Verbot der Schriften das Katalanen an der theologischen Fakultät. Wesentlicher Motor des Verbots war Jean Gerson. Obwohl sein Vorstoß nichts mit Llulls in einen enzyklopädischen Zusammenhang eingebetteten Äußerungen zur Musik zu tun hat, findet sein eigenes, bis zu einem bestimmten Grad entgegengesetztes Konzept mystischer Erkenntnis auffallenderweise Ausdruck in einem musikalisch-kosmologischen Modell. Damit stellt er, vielleicht überraschend, eine wichtige Vermittlungsfigur dar im Übergang von Llulls aristotelischer und kombinatorischer Enzyklopädik zu neuplatonisch-pythagoreischen Ansätzen mystischer und magischer Ausprägung mit ihrer tendenziellen Aufwertung der Musik als Wissensinstanz. Diese Ansätze beziehen sich seit Jacques Lefèvre wiederum positiv auf Llull.

Gersons Angriffe auf Llull richteten sich – darin ähnlich dem Häresie-Vorwurf des dominikanischen Inquisitors Nicolau Eymerich – gegen dessen Ideen zum Zusammenhang von Glaube und Vernunft. Eine Theologia mystica war aus seiner Sicht unbedingt einer Theologia propria vorzuziehen, die mit dem forschenden Verstand arbeitet.210 Beruht nun Llulls Ars einerseits auf einem rationalistischen Kalkül, das der Vernunft eine wichtige Rolle bei der Erkenntnis Gottes und des rechten Glaubens zuweist, war Llulls von ihm selber immer wieder thematisiertes Bekehrungserlebnis durchaus mystischer Natur. Auch die Erleuchtung, durch die er die Ars empfangen hat, erklärt sich nicht aus einem Akt rationaler, logischer Herleitung, sondern verdankt sich mystischer, göttlicher Inspiration. Diesem spezifischen Mystizismus allerdings stand Gerson skeptisch...

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