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Innovation und Tradition: Der junge Borges und die Avantgarde

Literarische Entwürfe zwischen europäischer und argentinischer Moderne

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Regina Samson

Borges wurde in Europa zum Schriftsteller. Aber erst in Argentinien fand er Formen für sein Schreiben. Der Band untersucht das Entstehen seiner Gedichte und Essays der zwanziger Jahre zwischen Europa und Argentinien, Avantgarde und Tradition. Borges schreibt zwischen Imitation, Intertextualität und Kreation. Er setzt sich mit dem deutschen Expressionismus und dem spanischen Ultraísmo auseinander und diskutiert mit Schriftstellern wie Cansinos Assens, Macedonio Fernández, Güiraldes und Lugones. Er erfindet sich zunächst als criollistischer Dichter und besingt die Ränder von Buenos Aires, die «orillas». Im Dialog mit Henríquez Ureña und Reyes beginnt Borges schließlich, die Literaturen und Kulturen der Welt nach Argentinien zu holen.

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II. Borges und der deutsche Expressionismus: Eine kulturhistorische Annäherung

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1. Ein junger Argentinier im Horizont der europäischen Moderne

Im Jahr 1914 verlässt der 14-jährige Jorge Luis Borges mit seinen Eltern – dem Vater Jorge Guillermo Borges, der Mutter Leonor Acevedo – und seiner jüngeren Schwester Norah Buenos Aires in Richtung Europa.4 Jorge Guillermo will in der Schweiz ein Augenleiden kurieren. Nach kurzen Aufenthalten in Lissabon und Paris lassen sich die Borges, überrascht von der Heftigkeit des Kriegsgeschehens auf dem Kontinent, gezwungenermaßen für längere Zeit in Genf nieder. Borges bekannte viele Jahre später: „Yo era tan ignorante que no sabía nada de la guerra del 14.“ (Irby/Murat/Peralta 1968: 63) Hier, in der politisch neutralen Schweiz, verfolgen sie den Krieg aus der Nähe, aber in Sicherheit.5 Im Juni 1918, nach dem Tod der Großmutter mütterlicherseits, Leonor Suárez de Acevedo, die sie nach Europa begleitet hatte, verlassen sie Genf und bereisen für einige Monate die Schweiz. 1919 führt sie eine Reise durch Südfrankreich, Barcelona, dann nach Mallorca (im Sommer), schließlich nach Ibiza (September) und Südspanien (Granada und Murcia, im Oktober; vgl. zu den Daten García 2015: 12). Nach Sevilla kamen sie wohl im November (vgl. ib.). Im Jahr 1920, ab Februar oder März (vgl. García 2015: 17) wohnt die Familie zwei Monate in Madrid, bevor sie erneut nach Mallorca umzieht.

1921 kehrt der erwachsen gewordene Borges in die argentinische Hauptstadt zurück, zunächst mit europäischem...

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