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Innovation und Tradition: Der junge Borges und die Avantgarde

Literarische Entwürfe zwischen europäischer und argentinischer Moderne

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Regina Samson

Borges wurde in Europa zum Schriftsteller. Aber erst in Argentinien fand er Formen für sein Schreiben. Der Band untersucht das Entstehen seiner Gedichte und Essays der zwanziger Jahre zwischen Europa und Argentinien, Avantgarde und Tradition. Borges schreibt zwischen Imitation, Intertextualität und Kreation. Er setzt sich mit dem deutschen Expressionismus und dem spanischen Ultraísmo auseinander und diskutiert mit Schriftstellern wie Cansinos Assens, Macedonio Fernández, Güiraldes und Lugones. Er erfindet sich zunächst als criollistischer Dichter und besingt die Ränder von Buenos Aires, die «orillas». Im Dialog mit Henríquez Ureña und Reyes beginnt Borges schließlich, die Literaturen und Kulturen der Welt nach Argentinien zu holen.

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IV. Europäische Moderne und argentinische Differenz

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1. Auf der Suche nach einer argentinischen Literatur der Moderne

Die Rückreise vom europäischen Kontinent in die alte Heimat startete am 4. März 1921 im Hafen von Barcelona. Nach zwanzig Tagen Überfahrt betrat die Familie Borges in Buenos Aires wieder argentinischen Boden.294 Am Dock erwartete sie Macedonio Fernández, ein Freund und Studienkollege Jorge Guillermo Borges’ (vgl. Borges 1987: 35). Macedonio sollte in den kommenden Jahren zum literarischen Modell für Borges werden; der junge Argentinier entwickelte an Verehrung grenzende Sympathie für ihn, wie er sie zuvor bereits seinem anderen väterlichen Freund, Rafael Cansinos Assens, hatte zuteil werden lassen.295 Die Freundschaft mit Macedonio ist in der Begrifflichkeit Bourdieus ein ererbtes soziales Kapital.296 Durch die intellektuelle Auseinandersetzung mit dem in ← 213 | 214 → argentinischen Avantgardekreisen geschätzten Macedonio und die Teilnahme an seiner Tertulia bekam Borges unmittelbaren Zugang zu Akteuren und Institutionen des literarischen Feldes, auf dem er, anders als zuletzt in Spanien, ein Neuling war. Borges orientierte sich lange Zeit am Modell Macedonios und fand in ihm einen Mitstreiter für das gemeinsame Anliegen der literarischen Erneuerung.

Neben dem Vorbild und Freund sollte es in den folgenden Jahren allerdings auch einen Gegenspieler für Borges geben: Leopoldo Lugones, die dominierende Figur des literarischen Establishments. Zu Beginn der zwanziger Jahre war Lugones längst ein konsekrierter Würdenträger. Borges entwickelte die Strategie, den Übervater zu seinem Antagonisten zu machen und in der Abgrenzung von ihm einen eigenen literarischen Identitätsenwurf...

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