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Geschichte der mecklenburgischen Regionalsprache seit dem Zweiten Weltkrieg

Varietätenkontakt zwischen Alteingesessenen und immigrierten Vertriebenen. Teil 1: Sprachsystemgeschichte

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Klaas-Hinrich Ehlers

Der erste Band der mecklenburgischen Sprachgeschichte rekonstruiert den Strukturwandel der regional gebundenen Varietäten des Deutschen im Norden Mecklenburgs. An ausgewählten Variablen aus der Phonetik/Phonologie, Morphosyntax und Lexik wird die diachrone Entwicklung des Niederdeutschen und des mecklenburgischen Regiolekts in ihrer kontaktlinguistischen Wechselwirkung mit dem überregionalen Standard herausgearbeitet. Erstmals in der modernen Regionalsprachenforschung bezieht die Studie auch die Herkunftsvarietäten der vielen Vertriebenen ein, die nach dem Zweiten Weltkrieg ins Land kamen. Die korpusbasierten Variationsanalysen zeigen die sprachlichen Folgen auf, die die Vertriebenenimmigration für die sprachlichen Ausgleichsprozesse in den mecklenburgischen Kommunikationsräumen hatte.

Dieses Buch ist mit dem Johannes-Sass-Preis 2018 ausgezeichnet worden.

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6. Schlussfazit – Strukturwandel der mecklenburgischen Regionalsprache seit dem Zweiten Weltkrieg

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6.  Schlussfazit – Strukturwandel der mecklenburgischen Regionalsprache seit dem Zweiten Weltkrieg

Geschichte der mecklenburgischen Regionalsprache rekonstruiert zentrale Entwicklungsprozesse im Strukturwandel der regional gebundenen Varietäten des Deutschen in einem begrenzten Untersuchungsgebiet im Norden Mecklenburgs. Herausgearbeitet werden die „Sprachsystemgeschichten“510 des mecklenburgischen Nieder­deutsch und des mecklenburgischen Regiolekts in ihrer kontaktlinguistischen Wechselwirkung untereinander und in ihrem Verhältnis zum überregionalen mündlichen Standarddeutsch. Innerhalb der modernen Regionalsprachenforschung bezieht meine Sprachgeschichte erstmals systematisch auch das dialektale und regiolektale Sprachverhalten der 12 Millionen Flüchtlinge und Vertriebenen mit ein, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus den östlichen deutschen Sprachregionen in die Gebiete der späteren BRD und DDR einwanderten. Am Beispiel einer Untersuchungsregion, in welcher der Anteil der Zuwanderer nach dem Krieg besonders hoch war, werden die sprachlichen Folgen untersucht, die dieser große und jähe Immigrationsschub für die sprachlichen Ausgleichsprozesse in den Zuwanderungsgebieten hatte.

Der zeitliche Fokus der Sprachgeschichte liegt damit auf den sieben Jahrzehnten seit dem Zweiten Weltkrieg bis zur Gegenwart. Historische Sprach- und Tondokumente ermöglichen es, teilweise auch die Entwicklungen unmittelbar vor dem Zweiten Weltkrieg einzubeziehen und bis in das ausgehende 19. Jahrhundert zurückzuverfolgen. Empirische Grundlage der Untersuchung sind biographische und sprachbiographische Interviews, die ich mit insgesamt 90 Gewährspersonen geführt habe und die um verschiedene Sprachtests und historische Sprachaufnahmen aus dem ← 439 | 440 → Erhebungsgebiet ergänzt werden. Um die Varietätenkontakte zwischen alteingesessenen Mecklenburgern und immigrierten Vertriebenen klar konturieren zu können, habe ich nur Vertriebene aus mittel- und oberdeutschen Herkunftsregionen und deren Nachkommen in die Untersuchung einbezogen und den alteingesessenen Gewährspersonen sprachlich gegenübergestellt. Als Gegenstand der diachronischen Strukturanalyse wurden dabei Ausschnitte aus dem regiolektalen und dem dialektalen Sprachgebrauch der Gewährspersonen gewählt. Sie wurden in jeweils identischen Erhebungssituationen aufgezeichnet und bieten somit eine kohärente Vergleichsbasis für die Analyse von Sprachvariation über große Stichproben von Probanden.

Anders als dem Norddeutschen Sprachatlas oder dem Marburger REDE-Projekt geht es mir nicht vorrangig darum, areale und situative Varianzen im regionalsprachlichen Spektrum zu erfassen. Vielmehr wird die soziale und diachrone Heterogenität des regionalen Sprachgebrauchs in einem räumlich bewusst begrenzten Untersuchungsgebiet dokumentiert und im Hinblick auf ihre Entwicklungsdynamik analysiert. Gezeigt wird, dass der dialektale und der regiolektale Sprachgebrauch in den verschiedenen Altersgruppen und Herkunfts­gruppen der Bevölkerung erheblich variieren und auch in Ortschaften verschiedener Urbanitätsgrade zum Teil unterschiedlich ausfallen. Die Tendenzen in der diachronen Entwicklung und in den Konvergenzprozessen im Varietätenkontakt werden mit der Methode der frequentiellen Variationsanalyse rekonstruiert. Dabei werden die Vorkommensfrequenzen ausgewählter dialektaler und regiolektaler Varianten in den entsprechenden Aufnahmekorpora ermittelt und in ein quantitatives Verhältnis zur Gesamtzahl der Belege für die jeweiligen Variablen gesetzt. Bestimmt werden auf diese Weise nicht nur die gruppenspezifischen Differenzen in der Realisierung der regionalsprachlichen Merkmale. Vielmehr wird auch der interpersonellen Varianz des regionalen Sprechens ein eigenes Augenmerk gewidmet, an der sich die Stabilität der Gebrauchsnormen für die betreffenden Varianten ablesen lässt.

In der Gesamtschau der Einzelbefunde für die ausgewählten Variablen in den dialektalen und den regiolektalen Sprachlagen zeichnen sich im mecklenburgischen Varietätengefüge zwei übergreifende Entwicklungstendenzen ab:

In den untersuchten Ausschnitten des dialektalen und des regiolektalen Sprachgebrauchs dominiert im Untersuchungszeitraum eindeutig eine starke Dynamik der strukturellen Annäherung an das Standarddeutsche ← 440 | 441 → („Standardadvergenz“). Sowohl im Regiolekt als auch im Niederdeutsch meiner Gewährspersonen aus alteingesessenen Familien und Familien der Vertriebenen werden regional gebundene Varianten abgebaut und inter­generationell zunehmend durch standardnähere oder standardidentische Varianten ersetzt. Dieser Sprachwandel lässt sich als struktureller Varietätenabbau beschreiben, bei dem die „linguistische Dichte“ (Lameli 2010: 29) exklusiver Merkmale der betroffenen regionalen Varietäten ausgedünnt wird. Auch wenn sich die ‚relativen Geschwindigkeiten‘ des Variantenabbaus von Fall zu Fall stark unterscheiden, ist festzustellen, dass der standardadvergente Strukturwandel im Regiolekt ebenso wie im Niederdeutschen alle Sprachebenen erfasst: In Wortschatz, Morphosyntax und Phonetik / Phonologie nehmen die Gebrauchsfrequenzen von ehemals kennzeichnenden Varietätenmerkmalen im Untersuchungs­zeitraum deutlich ab. Dabei bringen sich auch sprachinterne Faktoren dadurch zur Geltung, dass bestimmte phonetische und prosodische Kontexte bzw. bestimmte Lexeme und Lexemgruppen von der Entwicklungsdynamik stärker erfasst werden als andere. Bei einigen dialektalen und regiolektalen Varianten mündet der standardadvergente Strukturwandel bereits in ihrer vollständigen Tilgung aus dem Sprachgebrauch der jüngeren Probanden, die an ihrer Stelle auf standardidentische Varianten zurückgreifen. Beim mecklenburgischen Niederdeutsch hatte der merkmalübergreifenden Abbauprozess nachweislich bereits im 19. Jahrhundert eingesetzt und kulminiert vielfach schon in der Vorkriegsgeneration der Gewährspersonen.

Betroffen von der standardadvergenten Strukturnivellierung sind insbesondere auch arealspezifische Varianten, mit denen sich der mecklenburgische Dialekt und der dortige Regiolekt innerhalb der deutschen Sprachlandschaft von den regionalen Varietäten der Nachbargebiete abheben. Der Sprachwandel ist also auch als eine fortschreitende „Entregionalisierung“511 des Niederdeutschen und des Regiolekts in Mecklenburg zu charakterisieren. Dieser Prozess ist offensichtlich im urbanen Milieu der Großstadt Rostock weiter vorangeschritten als im kleinstädtischen Umfeld. In dörflichen Siedlungen ist er unter den Alteingesessenen vergleichsweise ← 441 | 442 → am schwächsten ausgeprägt. Im Vergleich etwa mit dem Niederdeutsch in Schleswig-Holstein scheinen speziell im mecklenburgischen Niederdeutsch die „Transfergrenzen“ (Hansen-Jaax 1995: 163) gegenüber seinen hochdeutschen Kontaktvarietäten Regiolekt und Standard deutlich durchlässiger zu sein für die Adaption nichtdialektaler Strukturelemente.

Die allgemeine Tendenz des standardadvergenten Variantenabbaus erfasst besonders durchgreifend auch die kennzeichnenden Merkmale der Herkunftsvarietäten aus den südöstlichen Vertreibungsgebieten. Im regiolektalen Sprachgebrauch der Vertriebenen, die als Schulkinder, Jugendliche oder junge Erwachsene in Mecklenburg angesiedelt wurden, sind heute nur noch in sehr geringem Ausmaß Varianten ihrer Herkunftsdialekte und -regiolekte nachweisbar. Schon in der ersten Nachkommengeneration der Zuwanderer­­familien sind dann sämtliche Relikte der Herkunftsvarietäten aus der regionalen Umgangssprache der Sprecher getilgt.512 Hier kann von einem vollständigen Varietätenverlust oder Sprachwechsel gesprochen werden, zumal die radikale Tilgung der sprachlichen Merkmale der Herkunftsvarietäten auf allen Sprachebenen durchgesetzt wird. Da die alteingesessenen Mecklenburgerinnen und Mecklenburger in ihrem Sprachgebrauch ihrerseits keinerlei Annäherung an die allochthone Sprechweise der Vertriebenen erkennen lassen, werden sich die Spuren ihrer Herkunfts­varietäten mit dem Ableben der letzten Zuwanderer im mecklenburgischen Varietätengefüge ganz verlieren.

Neben der übergreifend dominanten Dynamik der Standardannäherung unterliegt den Entwicklungen im mecklenburgischen Varietätengefüge zum Teil aber auch eine gegenläufige Tendenz der Dissimilation vom hochdeutschen Standard. Diese Dynamik der Standard­divergenz bleibt allerdings in ihrer systematischen Reichweite begrenzt: Im intendierten Niederdeutsch der in den 1950er und 1960er Jahren geborenen Alteingesessenen werden einzelne altdialektale Varianten, die im Niederdeutsch der Elterngeneration bereits stark zurückgedrängt waren, wieder vermehrt verwendet. Diese ← 442 | 443 → archaisierende Tendenz verdankt sich offensichtlich dem Bemühen, durch eine Revitalisierung exklusiv niederdeutscher Varianten die Varietätengrenze des Niederdeutschen gegenüber den hochdeutschen Kontaktvarietäten Regiolekt und Standard zu markieren. Die Entwicklung bezieht sich hier nur auf einzelne niederdeutsche Merkmale – wie die alveolare Aussprache von s vor t oder einzelne exklusiv niederdeutsche Lexeme –, die für viele Alteingesessene offenbar zu emblematischen Niederdeutschmarkern werden.

Die Dynamik der Standarddivergenz bestimmt das Sprachverhalten der Vertriebenen und ihrer Nachkommen in weit größerem Umfang als das der alteingesessenen Mecklenburger. Für die Zuwanderer und ihre Nachkommen wird der dialektale und regiolektale Sprachgebrauch der älteren Alteingesessenen – neben dem überregionalen Standard – zu einem zweiten Orientierungspol ihrer Anpassung an das Sprachumfeld in Mecklenburg. Insbesondere die jüngeren Altersgruppen der Menschen, die 1945 / 1946 ins Land kamen, haben das mecklenburgische Niederdeutsch vielfach gelernt und jahrelang in der Kommunikation mit den Alteingesessenen verwendet. Die Zahl der aktiven Niederdeutschsprecher hat sich also durch die Immigration der Vertriebenen zunächst deutlich erhöht. Das ungesteuert erworbene Niederdeutsch der Zuwanderer und ihrer Nachkommen weist sodann deutlicher noch als das Niederdeutsch der jüngeren Alteingesessenen archaische Züge auf, deren Gebrauch vor allem in der Generationsfolge der Vertriebenenfamilien noch zunimmt. Die Revitalisierung von im Abbau befindlichen exklusiven Merkmalen des Niederdeutschen erstreckt sich hier einerseits auf mehr Varianten als bei den Alteingesessenen. Andererseits werden die altdialektalen Varianten von den Nachkommen Vertriebener mit Frequenzen verwendet, die nicht nur über den Gebrauchshäufigkeiten bei den gleichaltrigen Alteingesessenen liegen, sondern zum Teil noch die Anteile im Niederdeutsch der ältesten Mecklenburger hyperfrequent übertreffen.

Am stärksten bringt sich diese Dynamik der Standarddivergenz aber im regiolektalen Sprachgebrauch der Vertriebenenfamilien zur Geltung. In der Generationsfolge der Zuwandererfamilien nimmt die Verwendung standardabweichender Merkmale des mecklenburgischen Regiolekts deutlich zu und führt bei einer Reihe von Varianten zu hyperfrequentem Gebrauch im Vergleich mit den entsprechenden Altersgruppen der alteingesessenen Familien. Schon in der Vorkriegsgeneration der Vertriebenenfamilien übernehmen einige Gewährspersonen einzelne Varianten des mecklenburgischen ← 443 | 444 → Regiolekts mit Gebrauchsfrequenzen in ihre eigene regionale Umgangssprache, die die Vorkommenshäufigkeiten bei den gleichaltrigen Alteingesessenen weit übertreffen. In der Nachkommengeneration der Vertriebenenfamilien integrieren manche Gewährspersonen dann ganze Bündel von charakteristischen mecklenburgischen Regiolektmerkmalen hyperfrequent in ihre eigene Umgangssprache.

Während sich der regiolektale Sprachgebrauch in den Vertriebenenfamilien also intergenerationell dem Vorbild des Regiolekts der älteren Alteingesessenen annähert und dieses Vorbild dabei in Teilen überzeichnet, werden die Merkmale des mecklenburgischen Regiolekts in derselben Generationsfolge der alteingesessenen Familien zunehmend durch standard­identische Varianten ersetzt. Der Dynamik der Standardadvergenz, die in der Entwicklung des Regiolekts bei den Alteingesessenen durchgängig vorherrscht, steht im regiolektalen Sprachgebrauch der Vertriebenen und ihrer Nachkommen partiell eine Dynamik zunehmender Standarddivergenz entgegen. Ausgerechnet die Nachkommen der ehemals ortsfremden Zuwanderer bewahren die im Abbau befindlichen Merkmale des mecklenburgischen Regiolekts damit zum Teil nachhaltiger als die gleichaltrigen Alteingesessenen.

Die Fachliteratur zur deutschen Sprachgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts ist sich bis heute weitgehend in der Annahme einig, dass die massive Immigration der Flüchtlinge und Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg den funktionalen und strukturellen Abbau der autochthonen dialektalen und regiolektalen Sprachformen in den Zuwanderungsgebieten stark beschleunigt, wenn nicht gar ausgelöst habe (vgl. Abschnitt 1.1). Die empirischen Befunde aus meinem mecklenburgischen Untersuchungsgebiet widersprechen diesem vorherrschenden sprach­historiographischen Narrativ. Die immigrierten Vertriebenen und ihre Nachkommen zeigen in ihrem dialektalen und regiolektalen Sprachverhalten ein deutliches bis überdeutliches Bemühen, einerseits von den eigenen Herkunftsvarietäten abzurücken und andererseits die regional gebundenen Sprachformen ihres mecklenburgischen Lebensumfeldes zu übernehmen. Damit bringen sie in die Varietätendynamik der mecklenburgischen Kommunikationsräume einen konservativen Zug ein. In den kommunikativen Ausgleichsprozessen vor Ort könnte das zum Teil hyperfrequent ‚altmecklenburgisch‘ markierte Sprachverhalten der Zuwanderer und ihrer Nachkommen die fortschreitende Standardannäherung der autochthonen regionalen Varietäten sogar ← 444 | 445 → stellenweise gebremst haben. Die weitgehend kanonisierte Geschichte des Deutschen seit dem Zweiten Weltkrieg ist also mit Blick auf die sprachlichen Folgen der Vertriebenenimmigration zu überprüfen und neu zu überdenken. Dabei sind regionale, soziale und zeitliche Unterschiede in den sprachlichen Entwicklungen in den Zuwanderungsgebieten der (späteren) BRD und DDR in Rechnung zu stellen.

Ich habe in diesem ersten Band meiner Geschichte der mecklenburgischen Regionalsprache den Strukturwandel im Detail der quantitativen Verschiebungen in den Varianten­konstellationen im dialektalen und regiolektalen Sprachgebrauch verschiedener Bevölkerungsgruppen nachgezeichnet. Diese Begrenzung auf die Strukturanalyse war arbeitstechnisch in dem Bestreben begründet, zunächst in hoher Dichte präzise Daten zur Sprachvariation und zum Sprachwandel im Untersuchungsgebiet zu gewinnen. Selbst­verständlich ist der hier rekonstruierte Sprachstrukturwandel aufs engste mit Veränderungen im Sprachgebrauch und in der Sprachbewertung verschränkt. So deutet die durchgreifende Dynamik der Standardadvergenz in Dialekt und Regiolekt auf einen erheblichen Prestigezuwachs des überregionalen Standarddeutsch gegenüber den regionalen Varietäten im Untersuchungs­zeitraum hin, das die regionalen Varietäten auch im örtlichen und familiären Sprachgebrauch immer weiter zurückdrängt. Die radikale Abkehr von den Herkunftsvarietäten und die strukturelle (Über)Anpassung an die mecklenburgischen Regionalvarietäten können als Indizien für einen sehr starken und ganz einseitigen sprachlichen Anpassungsdruck gewertet werden, unter dem die Familien der Vertriebenen in ihrem neuen Lebensumfeld standen bzw. stehen. Die sozialgeschichtlichen Hintergründe und die soziolinguistischen und perzeptions­linguistischen Kontexte des hier dargestellten Strukturwandels sollen im zweiten Band meiner Studie rekonstruiert werden. Erst die Zusammenschau der Befunde der „Sprachsystem­geschichten“ der in Mecklenburg aufeinandertreffenden Kontaktvarietäten mit ihren „Sprach­gebrauchs­geschichten“ und „Sprachbewusstseinsgeschichten“ können ein Gesamtbild der Geschichte der mecklenburgischen Regionalsprache erschließen und interpretative Schlüssel zu Erklärung ihres Verlaufs an die Hand geben. ← 445 | 446 →


510 In der Strukturierung des sprachhistoriographischen Gegenstands orientiere ich mich an Mattheiers (1995) Aufriss einer deutschen Sprachgeschichte, die die vier empirischen Teilbereiche der „Sprachsystemgeschichte“, der „Sprachgebrauchsgeschichte“, der „Sprachbewusstseinsgeschichte“ und der „Sprachkontaktgeschichte“ zu umfassen hat, vgl. Abschnitt 1.2.

511 Besch (2003: 24). Spiekermann (2005) charakterisiert vergleichbare Prozesse in den Regiolekten Südwest­deutschlands mit dem Begriff der „regionalen Standardisierung“.

512 Die Zuwanderer haben auch ihre Herkunftsdialekte nur in seltenen Ausnahmefällen an die Nachkommen­generation ihrer Familien tradiert. Von alteingesessenen Mecklenburgern sind diese Herkunftsdialekte der Vertriebenen in meinem Untersuchungsgebiet nie aktiv erworben worden. Über Erwerb und Tradierung der Herkunftsdialekte wird der zweite Band dieser Studie detaillierter informieren.