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Timur Kibirovs dichterisches Werk in seiner Entwicklung (1979–2009)

Ringen um Werte in einer Zeit der Umbrüche

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Marion Rutz

Ein Paradigmenwechsel Mitte der 1990er Jahre hat in der Slavistik die Gegenwartsliteratur als Thema etabliert, allerdings betraf er vor allem die postmoderne Prosa. Die Dichtung (Lyrik) erfuhr lange Zeit wenig Aufmerksamkeit. Diese Arbeit stellt einen der wichtigsten russischen Dichter der letzten Jahrzehnte vor: Timur Kibirov (*1955). Kibirovs Verstexte sind ein Seismograph der gesellschaftlichen Prozesse im spät- und postsowjetischen Russland. Immer wieder fragen sie nach moralischen, ästhetischen und religiösen Werten. Sie suchen nach einem Mittelweg zwischen den Extremen der ideologischen Verfestigung und des postmodernen Relativismus, ob sie in konzeptualistischer Manier sowjetische Ideologie dekonstruieren oder postmodern für Moral und Glauben agitieren.

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9. Rekapitulation und Forschungsperspektiven

9. REKAPITULATION UND FORSCHUNGSPERSPEKTIVEN

In der vorliegenden Arbeit wurde Timur Kibirovs dichterisches Gesamtwerk auf literarische Reflexionen gesellschaftlich-kultureller Prozesse untersucht, die im spät- und postsowjetischen Russland abliefen. Gesellschaftsbezug findet sich dabei nicht nur in Texten der 1980er Jahre wie dem Poem Л. С. Рубинштейну, die dem „inoffiziellen“ Dichter am Ausklang der Perestrojka zu Bekanntheit verhalfen. Die gesellschaftliche Thematik bleibt auch in Gedichten präsent, die als Reaktion auf das Übermaß an politisch-publizistischer Perestrojkaliteratur den Rückzug ins postsowjetische literarische Privatleben als Akt der literarischen Emanzipation proklamieren. Der Kreis schließt sich in den 2014 publizierten Büchern Kibirovs, in denen als Folge der Ukraine-Krise das politische Zeitgeschehen ins Werk zurückkehrt. Die Intention, aktuelle gesellschaftliche Diskurse literarisch aufzugreifen und möglichst zu beeinflussen, eint das thematisch vielfältige Œuvre.

Ein zentrale Aufgabe der vorliegenden Untersuchung bestand darin, die thematische Vielfalt durch die Herausarbeitung von Leitideen zu ordnen und deren Abfolge und Transformationen zu verfolgen. Die chronologische Anordnung der Kapitel hat diese Entwicklung des Werkes, die parallel zu den gesellschaftlichen Veränderungen verlief, wie auch das Vorhandensein einzelner Schaffensperioden sichtbar gemacht, was als Grundlagen für fundierte Untersuchungen unverzichtbar ist. Einige der erstmals systematisch erfassten Werkphasen wurden weiter unterteilt (vgl. die Übersicht auf S. 57), anschließend für jede der chronologisch-thematischen Einheiten exemplarische Schlüsseltexte ausgewählt. Die Konzentration auf sowohl thematisch aussagekräftige wie auch analytisch fruchtbare Verstexte ermöglichte detaillierte Analysen, begrenzte den Umfang und sorgte für ein relatives Gleichgewicht zwischen den einzelnen Kapiteln der Arbeit. Der Untersuchungszeitraum reicht vom Ende der 1970er / Anfang der 80er Jahre bis zu dem 2009 herausgebrachten Buch Греко- и римскокафолические песенки и потешки. Die 2014 erschienenen neuen Gedichte wurden vergleichend berücksichtigt, die von 2015 zumindest bibliographisch verzeichnet.

Die oben bezeichnete Themensetzung lässt sich in der Retrospektive genauer spezifizieren: Kibirovs Reflexionen kreisen um die Frage nach den Werten, die die Gesellschaft als Ganzes sowie das konkrete Individuum prägen oder prägen sollten, und den Anteil der Literatur an diesem Ringen. In den ersten Büchern richtet sich dieser Wertediskurs zuerst kritisch auf sowjetische Ideologeme, deren innere Leere offengelegt und deren Abbau durch die Parodie befördert wird. Im Zentrum der Analyse standen die in Общие места und Лирикодидактические поэмы dominierenden ‚Führertexte‘: die Dekonstruktion eines bekannten Textes der sog. Leniniana in Когда был Ленин маленьким sowie die parodistische Inszenierung einer offenkundig simulakren Führerbiographie in ← 381 | 382 → Жизнь К. У. Черненко. Eingegangen wurde aber auch auf die Einordnung des eigenen Schaffens in zwei poetologischen Gedichten, die Soz-Art und Konzeptualismus nahestehen. Für den Konzeptualismus untypisch ist allerdings das Motto des ersten Buches, das aus der Ästhetiktheorie des Religionsphilosophen Vladimir Solov’ev stammt. Kibirov zitiert Solov’evs Definition von Komödie als einen spezifischen Darstellungsmodus, der auch auf Kibirovs eigene Gedichte zutrifft.

Während in den ersten beiden Büchern die „Komödien“-Perspektive dominiert, wechseln der Zyklus Рождественские аллегории (Рождественская песнь квартиранта) und die mehrteilige Montage Сквозь прощальные слезы zur Tragödie – oder zumindest zur Tragikomödie, denn ein gewisses Maß an Ironie bleibt. In den beiden, 1986 bzw. 1987 entstandenen, Texten wird noch vor dem eigentlichen Einsetzen von Glasnost’ und Perestrojka (die in Kibirovs Gedichten kritisch als Fortführung sowjetischer Praktiken bewertet werden) die Frage nach der Zukunft der Gesellschaft gestellt sowie der Abschied von der sowjetischen Kulturformation vollzogen. Dabei schiebt sich insbesondere in Рождественские аллегории das Christentum als neues Wertesystem in den Vordergrund. Die Allegorien beschreiben das menschliche Scheitern von vier homini sovietici und scheinen am Ende ein erfülltes Privatleben auf der Basis des Evangeliums zu verheißen. Beide Werke legen den Schwerpunkt auf das emotionale Erleben durch die Leserschaft, was zu den textinternen Bezugnahmen auf die Gattung Tragödie passt, deren Wesen nach Aristoteles in der Einwirkung auf das Publikum durch „Mitleid und Furcht“ gesehen wird. Sowohl Рождественские аллегории als auch Сквозь прощальные слезы haben sich dabei als narratologisch komplexe Texte erwiesen, die das klassische „lyrische“ Sprechen aus der Ich-Perspektive hinter sich lassen und letztendlich kollektive Mentalitäten abbilden.

Die ersten beiden Bücher der 1988 explizit proklamierten zweiten Schaffensphase sind geprägt von einer neuen Positionsbestimmung des Dichters im veränderten literarischen Feld. Zwei programmatische expositorische Texte – das Vorwort zu Стихи о любви sowie der Versbrief an Michail Ajzenberg aus dem Buch Сантименты – reflektieren die aktuelle Position des ehemaligen underground und projektieren die zukünftige Richtung des eigenen Schreibens. Wie im Fall von Viktor Erofeevs bekannten Artikeln Поминки по советской литературе (publ. 1990) oder Русские цветы зла (publ. 1993) handelt es sich um Manifeste einer neuen Literatengeneration, allerdings auf die Dichtung bezogen und mit abweichenden Zielvorstellungen. Eine Dominante von Kibirovs Stellungnahmen ist die Polemik gegen die älteren sowjetische Autor/innen- und Publizist/innen, insbesondere gegen Andrej Voznesenskij. Kibirovs Manifeste negieren das sowjetische Literaturmodell, das von einer politischpropagandistischen Funktion sowie einem Bildungsauftrag im Sinne der Partei ausging. Diese proklamierte Richtungsänderung verbindet sich nicht nur mit Referenzen auf Vladimir Nabokov (Emigration) und Osip Mandel’štam ← 382 | 383 → (repressierte Literatur), sondern überraschenderweise auch mit Anleihen an die klassizistische Literatur des 18. Jahrhunderts. Gattungsvielvalt und bukolische Topoi verkörpern die erstrebte literarische Autonomie. Мише Айзенбергу. Эпистола о стихотворстве bezieht sich explizit auf Sumarokovs „Epistel über die Dichtkunst“ und vollzieht dessen Wende von der (politisch instrumentalisierten) Ode hin zu den übrigen Gattungen programmatisch in der Gegenwart nach. Ein dritter Schlüsseltext an der Wende zu den 1990er Jahren ist das Gedicht К вопросу о романтизме, das mit dem Konzept des ‚Romantischen‘ eine Verbindung zwischen Kibirovs Feindbildern der sowjetischen und der postsowjetischen Zeit herstellt.

Der in К вопросу о романтизме proklamierte Gegensatz zwischen einem romantisch-destruktiven Paradigma (романтизм) und einer positiv konnotierten ‚spießbürgerlichen‘ Kulturformation (мещанство) prägt auch die folgenden Bücher. Das spießbürgerliche Ideal wird in Послание Ленке и другие сочинения und Парафразис inhaltlich durch die autobiographische Narration über Liebe, Ehe und Vaterschaft motiviert. Es nimmt ein idyllisches Familienleben Gestalt an, das in einer von Krisen und (Überlebens-)Problemen gezeichneten Gegenwart Stabilität verspricht. Prägend für die gesamte zweite Schaffensphase ist der Wechsel des Chronotops – die Welt sowjetischer Diskurse wird von einem ländlichen Idyll abgelöst, das die postsowjetische Gegenwart mit Gattungen, Themen und Zitaten des „Goldenen Zeitalters“ kreuzt. In den Büchern der ersten beiden Drittel der 90er Jahre werden intertexutell v. a. Puškin und Deržavin als Verkörperungen des spießbürgerlichen Ideals inszeniert. Insbesondere Puškins historischer Roman Капитанская дочка scheint die eigene Gegenwart zu spiegeln: eine dramatische Umbruchsituation, in der die Familie als Zuflucht dient. Kibirovs Texte vereinnahmen Puškin als moralischen (andernorts auch: christlichen) Autor. Die Konstruktion Puškins als „Spießbürger“, die wohl aus Jurij Lotmans Schriftstellerbiographie stammt, verbindet sich sich allerdings mit der Interpretation als ironisch-freches, unernstes Genie in der Tradition von Terc / Sinjavskij. Steht Послание Ленке и другие сочинения im intertextuellen Schatten Puškins, handelt es sich bei Парафразис um Kibirovs Deržavin-Buch: Der Zyklus Памяти Державина benennt ihn als Bezugspunkt für die eigenen Reflexionen der conditio humana, das poetologische Gedicht Молитва rekurriert auf Deržavins Verbindung von hohem Inhalt und parodistisch-satirischer Variation, und natürlich schrieb er als erster über den eigenen ruralen Familienalltag. Fanden sich in Kibirovs ersten Büchern explizite Anknüpfungen an Soz-Art / Konzeptualismus, wird in der zweiten Schaffensphase die Abgrenzung betrieben. Ein Schlüsseltext sind die zwanzig Sonette an Tochter Saša, die sich gegen Brodskijs (postmoderne) Schreibweise richten, gegen Sorokin sowie die gesamte Literatur des Antiästhetischen und Amoralischen polemisieren. Sie verherrlichen die Tochter als Ausgangspunkt einer alternativen Poetik und Weltsicht. Spätestens hier reiht sich Kibirovs neosentimentalistisches Schreiben in den u. a. von Ellen Rutten beschriebenen Trend der „Neuen Aufrichtigkeit“ ein. An sei ← 383 | 384 → nem Beispiel lässt sich ihre These, das New Sincerity Teil des postmodernen Diskurses sei bzw. sich aus der Postmoderne heraus entwickle, verifizieren.

Das Buch Интимная лирика bricht 1997 mit der Ausmalung pseudobiographischer, idyllischer Welten und der positiven Inszenierung des Spießertums. Eine dritte Schaffensphase beginnt, in der spontane Stellungnahmen zu unterschiedlichsten Themen dominieren, die zu inhaltlich heterogenen Gedichtbänden kompiliert werden. Ein Leitthema ist die Verarbeitung neuer literarischer und intellektueller Trends. Diese expliziten Reflexionen verschiedener in den Bereich der Postmoderne gehörender Aspekte erlaubt es, die in der Forschung omnipräsente, aber nicht befriedigend gelöste Frage nach Kibirovs Verhältnis zur jüngsten literarischen Epoche und seiner (Nicht-)Postmodernizität aus einer anderen als der typologisch-vergleichenden Richtung anzugehen. Zu Kibirovs Auseinandersetzung mit dem Phänomen Postmoderne gehören erstens die poetischen Reaktionen auf in dieser Zeit aktiv rezipierte westliche (poststrukturalistische) Literaturtheorie, die sich insbesondere im Buch Интимная лирика finden. Dem Karnevalismus, der Kritik am Phallogozentrismus der europäischen Kultur (verbunden mit der Kritik am russischen Literaturzentrismus) sowie den poststrukturalistischen Theorien zum Umgang mit Literatur wird insgesamt ein bedrohliches Potential zugeschrieben. Breiten Raum im Werk nimmt zweitens die Infragestellung von Originalität und Authentizität ein – scheinbar wurde schon alles gesagt bzw. geschrieben –, was für Kibirov das eigentliche postmoderne Grundproblem darstellt und im eigenen Schaffen grundsätzlich berücksichtigt wird. Programmatisch wird diese Herausforderung im Buch Amour, exil… am Beispiel der Liebesdichtung angegangen. Aus dieser postmodernen Perspektive (wie lässt sich etwas Neues schreiben) wird drittens auch zur Literatur der europäischen Moderne Stellung genommen, die Antiästhetik und Amoral als neue Themen entdeckt und der Postmoderne sozusagen weitervererbt habe. Gedichte aus Улица Островитянова deuten in der kritischen Revision von Baudelaires Fleurs du Mal die moderne Literatur als Resultat künstlerischer Langeweile und einer pubertären Weltsicht. Dieser scheinbar nur auf innerliterarische Belange gerichteten Polemik wächst insofern eine gesellschaftliche Dimension zu, da von jeder Art von Literatur eine Wirkung auf die Leserschaft ausgehe,1262 die folglich auch Schaden anrichten könne. ← 384 | 385 →

In Kibirovs vierter Schaffensphase (2001–2009) treten an die Stelle unsystematischer Kollektionen allmählich wieder thematisch geschlossenere Gedichtbände. Schreibanlässe liefert häufig die internationale Kinder- sowie die ausländische Literatur. Insbesondere aus der englischen Literatur, die schon in früheren Texten sporadisch als Alternative zur sowjetischen Kulturformation und als literarische Wahlheimat figurierte, bezieht Kibirov im neuen Jahrtausend Vorbilder für die eigene Poetik und Legitimationen seiner literarischgesellschaftlichen Intentionen. Die Palette von Kibirovs „englischen“ Dialogen ist umfangreich und bunt: Die sog. nursery rhymes und Lewis Carrolls Alice-Romane stehen für eine sprachspielerische und antididaktische Literatur. Sie werden als Vorbild des eigenen Schreibens entdeckt, das postmodernes Spiel mit Didaktik verknüpft. Alfred Edward Housmans Gedichtzyklus A Shropshire Lad inspirierte zu 63 Gedichtrepliken, die die „pessimistische Ideologie“ der Vorlage überschreiben, aber auch auf Gemeinsamkeiten schließen lassen. Gemeinsam ist beiden Autoren z. B. die Bedeutung, die der Vermittlung von Emotionen zugeschrieben wird, und die Opposition zu den jeweiligen literarischliteraturwissenschaftlichen Trends ihrer Zeit. Neben solchen punktuellen Dialogen mit einzelnen Autor/innen und Texten wird auch der englischen Literatur als Ganzes eine bestimmte Rolle zugewiesen. Kibirovs Werk durchzieht ein systematisch ausgebauter englisch-französischer Antagonismus. Die französische Literatur manifestiert sich dabei in der Regel in negativ konnotierten Phänomenen, während Repräsentationen des Englischen positiv gewertet werden. Insbesondere in den beiden Баллады поэтического состязания (Кара-барас, 2002–2005) wird diese konzeptuelle Gegnerschaft konkret fassbar. Als französisch eingeordnete nietzscheanische Positionen treffen auf ein mit Walter Scotts Ivanhoe verbundenes moralisch-christliches Wertesystem. Dieses Bild einer Traditionen und Werten verpflichteten englischen Literatur findet sich im Buch Греко- и римско-кафолические песенки и потешки (publ. 2009) fortgesetzt, das sich intertextuell auf Texte mit christlichem Inhalt von C. S. Lewis und v. a. Dorothy L. Sayers beruft. Kibirovs Wissen um diese christlichen Autor/innen, zu denen auch G. K. Chesterton hinzuzunehmen ist, geht wohl in nicht geringem Maße auf die Vermittlungstätigkeit der Übersetzerin und gläubigen Christin Natal’ja Trauberg zurück. Diese Präferenz verbindet Kibirov mit der aus dem sowjetischen religiösen underground hervorgegangenen christlich-liberalen Intelligenz. Die zahlreichen Bezugnahmen auf ausländische Prätexte und die ausgesprochene Liebe zur englischen Literatur ist insbesondere von den aktuell wieder aufgebrochenen politischen Konflikten, in denen erneut Bilder des frem ← 385 | 386 → den und amoralischen Westens geprägt werden, bemerkenswert. Kibirovs konservative Plädoyers für Moral und Christentum setzen sich durch englische und explizit nicht-orthodoxe Bezüge von xenophob-antiwestlichen Diskursen ab. Russlands von Hassliebe geprägter Beziehung zu Europa und dem Entstehen von Ressentiments spürt der letzte in der Arbeit behandelte Verstext – Лироэпическая поэма – literarisch nach. Das metanarrational konstruierte Poem lässt den gutgemeinten Versuch seines lyrischen Helden, Russland an Charles Dickens genesen zu lassen, selbstironisch in der erzählten Welt scheitern.

Die in dieser komprimierten Zusammenfassung deutlich fassbaren konservativen Inhalte und Intentionen werden auch in Russland durchaus nicht von allen Kritiker/innen und Literaturwissenschaftler/innen begrüßt und geschätzt. Von postmodernen Klassikern wie Erofeev, Sorokin oder Pelevin kommenden (westlichen) Leserinnen und Lesern mögen sie wenig attraktiv erscheinen. Was Kibirovs Werk jedoch auszeichnet und lesenswert macht, ist die paradoxe Verbindung ideologisch zu nennender Positionen mit gegenläufigen postmodernen Strategien. Wie der Dichter in Interviews formuliert: Die altmodischen, ungeliebten Inhalte müssen so „verpackt“ werden, dass sie eine zeitgenössische Leserschaft ansprechen.1263 Die Gegensätze Ernst und Spiel, Intention und Selbstrelativierung finden in den Gedichten zusammen. Auf der Ebene spezifischer Verfahren sind insbesondere die Karnevalisierung – die Verbindung von Hohem (Sakralem) und Niedrigem (Profanem) –, sowie die omnipräsente Intertextualität hervorzuheben. Dabei gilt v. a. die intertextuelle Dichte (центонность) als Markenzeichen. Sich mit Kibirovs Texten zu beschäftigen, ohne intertextuellen Verweisen nachzugehen, ist tatsächlich unmöglich. Die TextText-Bezüge erscheinen dabei meist als bewusst gesetzten intertextuellen Referenzen, die bestimmte Bedeutungen aufbauen und meist nicht auf eine Suspendierung der Instanz des Autors zielen.

Intertextualität stellt eine Konstante des Werks dar; dessen ungeachtet lässt sich eine Evolution der intertextuellen Thesauri und eine Veränderung ihrer Funktion (aus Produktions- wie Rezeptionsperspektive) feststellen. In der ersten Werkphase dominieren die Referenzen auf sowjetische Texte (im weiteren Sinne: Literatur, Musik, Film), die einer breiteren Leserschaft vertraut waren, auch wenn die intertextuellen Spuren für Kulturfremde und Nachgeborene nur mühsam nachvollziehbar sind. Die Bezugnahmen dienen im Frühwerk häufig der Parodie bzw. Dekonstruktion von ideologischen Inhalten, etwa der Entsakralisierung Lenins. In Сквозь прощальные слезы fügen sich die unzähligen Verweise zu Epochenporträts zusammen und schaffen eine Art kollektiven Erinnerungstext, wobei zeitgenössische Leserinnen und Leser die einzelnen Zitate quasi als Chor nachsprechen und die Sowjetkultur Revue passieren lassen ← 386 | 387 → können. In den 1986 bis 1989 entstandenen Texten ist weiterhin die Präsenz von repressierten bzw. Emigrationsautoren (Nabokov, Mandel’štam) auffällig, die Leitfiguren der inoffiziellen Literatur darstellten und in der zweiten Hälfte der 80er in der Sowjetunion erstmals legal publiziert wurden.

Die in den Texten der zweiten Schaffensphase aufscheinenden Referenzen verlassen den sowjetischen Intertext-Kosmos. Ab Стихи о любви sind für einige Jahre Zitate und Topoi prägend, die aus der Literatur des „Goldenen Zeitalters“ stammen. Wie die sowjetischen Allusionen sind diese Zitate und Anspielungen für durchschnittliche Leserinnen und Leser, die sich den Kanon in der Schule aneignen mussten, meist gut nachvollziehbar, allerdings richten sie sich stärker an ein literaturinteressiertes Publikum. Was ihre Funktion betrifft, so soll die Aktualisierung der vor-sowjetischen Klassik eine Basis für die Implementierung bestimmter Inhalte schaffen. Überhaupt ist das Plädoyer, das literarische Erbe zu bewahren bzw. wiederzuentdecken, ein im zitatreichen Werk deutlich erkennbares Anliegen. Insbesondere mit Puškin und Deržavin werden intensive Dialoge geführt; es werden systematisch verschiedene Aspekte ihres Schaffens herausgearbeitet und auf das eigene Schreiben projiziert.

In den Texten der dritten Schaffensphase sind die Referenzen hinsichtlich Herkunft und Thematik breit gestreut und oft unsystematisch. Sie sind teils leicht nachvollziehbar, teils überaus spezifisch. Punktuell werden über intertextuelle Dialoge (Baudelaire, Walter Scott, die englische Literatur) bestimmte Reflexionen angestoßen, die dann in späteren Büchern ausgearbeitet werden. Gesondert zu erwähnen ist das Buch Amour, exil…, das Intertextualität auf einer Meta-Ebene zum Thema macht und die Gattungstradition des Liebesgedichts in ihrer intertextuellen Breite ausarbeitet. Neben einzelnen Gedichten im Buch Нотации gehört in den Bereich der expliziten Verhandlung von Intertextualität auch das Интимная лирика abschließende Literaturverzeichnis.

In der vierten Schaffensphase – spätestens in Шалтай-Болтай – rücken Intertextfelder ins Zentrum, die vorher nur peripher auftraten. Neben der Kinderist es v. a. die englische Literatur, die Anreize zum Schreiben gibt und aus der die eigenen Positionen geschöpft werden. Die Dialoge sind von der vermuteten Leserschaft offenbar nur bedingt nachvollziehbar und werden daher stärker erläutert. Explizite Hilfestellung leisten beispielsweise Kibirovs Vorwort zu На полях «A Shropshire Lad» oder die überdimensionierte „Fußnote“ in Лироэпическая поэма. Oft werden – wie in Schaffensphase 3 bei den mehrmaligen Verweisen auf Baudelaire / Cvetaeva im Buch Улица Островитянова – auch textintern Indizien gestreut: So geht dem Band Греко- и римско-кафолические песенки и потешки etwa ein als Motto vorangestelltes Gedicht von Dorothy L. Sayers samt Quellenangabe voran, das einen eindeutigen Bezug zu ihrem wenig bekannten Gedichtband herstellt. ← 387 | 388 →

Im Ganzen betrachtet setzen sich die in Kibirovs Werk aufscheinenden Prätexte zu einem Gesamtbild der russischen sowie der aus russsischer Perspektive betrachteten europäischen Literatur zusammen. Anders als bei den üblichen Konzeptualisierungen des literarischen Erbes – von Philologen erstellten Literaturgeschichten oder Lektürelisten – handelt es sich dabei um einen Entwurf eines Literaturproduzenten. Ein derartiger persönlicher Kanon berücksichtigt den (negativen oder positiven) Bezug zum eigenen Schreiben mit und spricht aus dieser intentionalen Perspektive Werturteile, die nicht selten von der literaturwissenschaftlichen communis opinio abweichen.

Im Rahmen dieses resümierenden Überblicks ist noch einmal danach zu fragen, welche grundsätzlichen Folgen die bei Kibirov zu beobachtende konsequente „Intertextualisierung“ der Texte hat.1264 In den Gedichten und insbesondere in Interviews ist davon die Rede, dass es sich um einen notwendigen Tribut an den Zeitgeist handle. Man könne als verständiger Autor heutzutage nicht ohne Berücksichtigung der reichen literarischen Tradition schreiben.1265 Ähnlich lautet eine der Antworten, die Natal’ja Fateeva auf die Frage nach den Funktionen von Intertextualität gibt: Erst die Abgrenzung von dem schon Vorhandenen durch intertextuelle Referenz mache die Originalität und Innovation des Eigenen sichtbar.1266 Bei Kibirov entsteht sogar der Eindruck, dass Intertextualität zu einem Motor der Textproduktion wird. Viele Gedichte erwachsen aus Text-Text-Bezügen und haben den Dialog mit sowjetischen Texten, Sumarokov, Mandel’štam, Puškin, Deržavin, Baudelaire etc. als Hauptinhalt. Zitate und Allusionen bieten dabei sowohl Ansatzpunkt für Parodie und Kritik als auch eine Legitimation der eigenen Positionen.

Das intertextuelle Rätselspiel führt natürlich auch zu einer Aktivierung der Leserschaft. Das literarische Vorwissen wird aktualisiert und das literarische Erbe vitalisiert. Wie Fateeva mit Verweis auf Borges formuliert, wird die literarische Tradition dabei von der Gegenwart aus in die Vergangenheit hineingeschrieben und neu gestaltet.1267 Im Werk von Kibirov, das konzeptuelle Deutungen bestimmter Texte, Autorinnen und Autoren, Epochen sowie ganzer Nationalliteraturen konstruiert, ist dies in besonderem Maße der Fall. ← 388 | 389 →

Schließlich handelt es sich bei den Stellen, die auf andere Texte verweisen (Fateevas „textuellen Anomalien“1268), um die rätselhaftesten und bedeutungsoffensten Passagen der Texte. Ihr Verständnis hängt von dem individuellen Vorwissen und dem jeweiligen interpretativen Transfer auf den neuen Kontext ab. Nicht selten verästeln sich die Referenzen sogar, wobei sich – etwa bei den Nabokov-Carroll-Referenzen in Двадцать сонетов к Саше Запоевой – Bedeutungen ergeben können, die der Hauptintention der Texte potentiell entgegenlaufen. In den projektierten Gesellschaftsentwürfen lassen sich subversive Elemente auffinden, die die Eindimensionalität der eigenen Botschaft überwinden – sofern der Leser oder die Leserin nach solchen Relativierungen verlangt. Viele der herangezogenen Autoritäten sind fragwürdig: antididaktische Kinderliteratur trägt den Kulturpessimismus, Juvenilia einer englischen Queen of Crime die christliche Predigt, der späte Gogol’ soll als Vorbild dienen, etc. Dass Ideen und Positionen qua Zitat auf bestimmten Quellen zurückgeführt werden, führt laut Fateeva insgesamt zu einer Objektivierung, da neben der eigenen die Meinung anderer einbezogen wird.1269 Die Objektivierung baut Distanz zum Gesagten auf und relativiert es, da es sich nur noch mittelbar um eigene Aussagen handelt. Um mit Umberto Eco zu sprechen – nicht ich sage, „ich liebe dich“, sondern ich zitiere nur (vgl. Kap. 7.3.1.). Man kann auch Bachtins Vorstellung von Dialog heranziehen, bei dem die fremde Rede dem gebrochenen Ausdruck der Intention des Autors dient (vgl. S. 28). Kibirovs literarische Texte unterscheiden sich hierdurch von seinen Interviews, die eindeutige Positionen formulieren.

Die Brechung monologischer Aussagen durch Intertextualität (und Karnevalisierung) lässt sich in den Kontext von Konzeptualismus und Postmoderne einordnen. Kibirov fand seine eigene Stimme in der Tat im Kontakt mit Rubinštejn und insbesondere Prigov, auch wenn gerade in den Interviews der 1990er Jahre die Unterschiede zu den früheren „Lehrern“ betont werden (vgl. Kap. 2.3.4). Dabei bewegt sich Kibirovs Denken, anders als bei Prigov, im recht traditionellen Rahmen der Literatur, die nicht hinterfragt oder suspendiert, sondern gepflegt und am Leben gehalten werden soll. Auch die nach 1988 zu beobachtende Hinwendung zur autobiographischen Narration sowie das Festhalten an traditionellen Autorkonzepten (weder имиджи noch мерцание, vgl. S. 74) unterscheiden sich. Es wird auch weder die Qualität des hergestellten literarischen Produkts als Kategorie abgelehnt, noch die emotionale Reaktion der Rezipient/innen als unerwünscht bezeichnet, etc. Für Kibirov selbst besteht der zentrale Unterschied zu den Konzeptualisten darin, dass Prigov die Wahrheitsansprüche aller Diskurse gleichermaßen relativiere, während er nach Existenzmöglichkeiten solcher Wahrheiten vor dem Hintergrund der Postmo ← 389 | 390 → derne suche. Auf diesen Punkt fokussiert auch ein Schlüsselinterview mit Šapoval, das um die Beziehung zu Prigov kreist und in die erweiterte Neuauflage eines Buchs mit Prigov-Interviews (2014) eingegangen ist. Kibirov erklärt hier:

        Я прошел очищение приговской иронией и понял, что у меня теперь два выхода: или принять идеологию Пригова, согласно которой нет абсолютного языка культуры, поэтому необходимо отказаться от потуг приблизиться к метафизическим вопросам и последним истинам, добиваясь пафоса, или же делать все это, но с учетом Пригова.1270

Hinsichtlich der Postmoderne finden sich in Gedichten und Interviews neben dem positiven Aufgreifen der unausweichlichen Intertextualität explizit v. a. Abgrenzungen. Die poststrukturalistische Kritik überkommener philosophischphilologischer Grundannahmen gilt als Bedrohung der Literatur (vgl. Kap. 7.1). Die „falsch verstandene Postmoderne“, die alle Wahrheiten in Frage stelle, zerstöre die Grundlagen der Zivilisation.1271 Implizit weisen die in den Gedichten vertretenen Positionen jedoch immer ein Moment der Ambivalenz auf und die eigenen Metanarrative werden in Frage gestellt. Diese Tendenz zu nur partikular gültigen, „postmodernen“ Wahrheiten zeigt sich deutlich an der Hochschätzung gerade solcher Autorinnen, Autoren und Texte, bei denen die Kombination von ernsten Intentionen und literarischem Spiel gesehen wird.

Kibirovs Reputation, d. h. seine Position im literarischen Feld und in der Literaturgeschichte, wurde über die Bezugspunkte Konzeptualismus und Postmoderne bestimmt. Daher wurden vor allem die Kontakte mit und Beziehungen zu Lev Rubinštejn und D. A. Prigov genauer untersucht. An vielen Stellen der Arbeit sind jedoch weitere Dichterinnen und Dichter sowie auch Künstler wie Semen Fajbisovič erwähnt, die als Bezugspunkte ebenfalls eine Rolle spielen. Sie werden namentlich genannt oder zitiert, einige der Verstexte sind an sie adressiert. Anhand der im Werk hinterlassenen Spuren dieses soziale Netz detaillierter und systematischer zu untersuchen und literarischen Wechselbeziehungen nachzugehen, wäre eine durchaus lohnenswerte Aufgabe. In vorliegendem Buch war allerdings die Beschränkung auf punktuelle Hinweise auf Michail Ajzenberg, Sergej Gandlevskie oder Igor’ Pomerancev notwendig, wobei auch auf den Wechsel des Bekanntenkreises hingewiesen wurde, der Mitte der 1990er (zumindest im Werk) stattfand. ← 390 | 391 →

Kibirov hat gegenwärtig den Status eines Klassikers der Gegenwartsdichtung erreicht. Aus dem literarischen Untergrund kommend, hat er in den 1990er Jahren stabile Publikationswege in den sog. dicken Literaturzeitschriften und bekannten Verlagen etabliert. Den Medien gilt Kibirov als relevante Figur, was sich in den häufigen Interviews für verschiedenste Zeitschriften, Zeitungen und Internet-Foren zeigt, die die Möglichkeit zur Bewerbung der neuesten Bücher und der Selbstausdeutung geben. Ellen Rutten umreißt diese Publikationskontexte mit den Formulierungen „eminent quality publishers“ und „semiconservative journals that had and have a high symbolical status in Soviet and post-Soviet Russia“.1272 Die Interaktion innerhalb der Literaturszene hat für Kibirov eher geringe Bedeutung.1273 Tatsächlich finden sich Kibirovs Texte aktuell nicht in den innovativsten, experimentellsten Segmenten des literarischen Feldes (kleinen Poesieverlagen und auf neue Namen setzenden Zeitschriften), man sieht den Dichter selten auf literarischen Abenden anderer Autoren. Die Vernetzung mit einflussreichen Autoritäten der jüngeren Generation ist eher schwach. Symptomatisch erscheinen seine Gedichte nicht im Umfeld von Dmitrij Kuz’mins Projekten oder in Zeitschrift / Verlag NLO, was im Vergleich mit ihm in den 1980er Jahren nahestehenden Autoren wie Prigov, Rubinštejn oder Gandlevskij auffällt. Kibirov, der 2015 das 60. Lebensjahr erreicht hat, scheint das Schicksal solcher Autorinnen und Autoren zu teilen, deren frühere Texte große Resonanz fanden, während das spätere Werk von Kritik und Publikum weniger oder erst nachträglich geschätzt wird.1274

Kibirovs literarische Sinnsuchen im neuen Jahrtausend sollten jedoch nicht weniger von Interesse sein als die Demontagen des Sowjetischen, die die frühen Erfolge bescherten, oder die als Forschungsthema populären Puškin-Dialoge aus den 90ern. Gerade vor dem Hintergrund der jüngeren gesellschaftlichen Entwicklungen verdient der aus der Postmoderne stammende Prediger des Spießbürger- und Christentums Aufmerksamkeit. In gänzlich neue Bereiche streben Kibirovs aktuelle Experimente an der Schnittstelle zu anderen Gattungen: der Roman Лада, или Радость oder die genreüberschreitenden, sogar die Musik miteinbeziehenden Texte der 2010er Jahre. 2017 druckte die Literaturzeitschrift Znamja einen zweiten Roman, Генерал и его семья. Offenbar befinden sich Gedichte aktuell nicht mehr im Zentrum von Kibirovs schriftstellerischen Aktivitäten. ← 391 | 392 →

Vorliegende Arbeit beinhaltet weiterhin den Appell, die Textgrundlage der Kibirov-Forschung zu erweitern. Man sollte sich nicht allein auf die bequem zugänglichen Vremja-Ausgaben von 2001, 2005 und 2009 beschränken, die charakteristische Lücken aufweisen und die Texte recht einfallslos aneinanderreihen. In vielen Fällen fördert die Einbeziehungen weiterer Publikationen mitsamt ihrer spezifischen Kontexte faszinierendes Material zu Tage. In vorliegender Arbeit kamen auf diese Weise hinzu: ein dritter Černenko-Text, das ursprüngliche Vorwort zum Buch Стихи о любви, die Illustrationen von Rezo Gabriadze und Aleksandr Florenskij. Gerade für die in den 1980er und frühen 1990er Jahren verfassten Texte sind Erstausgaben, Kompilationen, Veröffentlichungen als Samizdat, in Zeitschriften und sogar Zeitungen interessantes Material. Neben abweichenden Textversionen, alternativen Textkombinationen, Illustrationen sowie der gesamten „materiellen“ Gestaltung finden sich hier auch apokryphe Werke, die in späteren Editionen fehlen. Die Publikationsgeschichte erklärt auch gewisse Anachronismen in der Rezeption, da einige Texte erst mit großer Verspätung erschienen. Aufschlussreiche Quellen, die – ähnlich wie im Fall von Brodskij oder Prigov – gesammelt und archiviert werden sollten, sind ebenfalls Kibirovs Interviews. Im vorliegenden Buch wurden sie über umfangreiche Zitate zumindest punktuell dokumentiert.

Am Ende der Arbeit darf, ungeachtet des Strebens nach wissenschaftlicher Objektivität und Distanz, auch der subjektive Wunsch eingestanden werden, die Beschäftigung mit Gegenwartsliteratur ein Stück in Richtung Dichtung zu lenken und einen weiteren Klassiker zu erschließen. Ohne unkritisch die Kanonisierung des eigenen Themas betreiben zu wollen, steht hinter einer Monographie zu einem zeitgenössischen Autor oder einer Autorin per se das Votum, das er / sie eine stärkere wissenschaftliche Rezeption inner- und außerhalb der Heimatkultur verdient. Ob allerdings die Möglichkeit besteht, Kibirov einem breiteren, nicht-russischsprachigen Lesepublikum nahezubringen, ist zu bezweifeln: Die Dichte an kulturspezifischen intertextuellen Referenzen erschwert Kulturfremden den Zugang und macht gerade die besten Texte unübersetzbar. ← 392 | 393 →


1262 Vgl. entsprechende Interviewstatements von Kibirov aus den Jahren 2008–2010 „[…] никаких ненравоучительных книг не бывает. Любой автор навязывает читателю свою систему ценностей. Флобер не менее нравоучителен, чем дедушка Крылов.“ (Кочеткова, Наталья: Тимур Кибиров – Гениальный поэт Маяковский служил злу); „Любая литература чему-то учит, то есть навязывает смысл. Сорокин не менее моралистичен, чем дедушка Крылов.“ (Александров, Николай: Тимур Кибиров – «Отказ от внятного высказывания завел русскую поэзию в тупик»); „Мы живем в мире, который мы вычитали. Книги сформировали мир, в котором мы живем, сформировали нас, наши реакции, нашу систему ценностей. […] Поэтому вот эта позднеромантическая, ну или, может быть, и не поздняя, но романтическая декадентская уверенность, что искусство, в частности, книги, «ничему не учат и никуда не ведут», как это сформулировал недавно Рубинштейн. Я не понимаю, откуда это. Потому что наш личный опыт, этому, безусловно, противоречит.“ (Костюков, Леонид; Кокусева, Татьяна: «Мы живем в мире, который мы вычитали».)

1263 Siehe Kap. 7.3.1, Seite 306.

1264 Ein Spektrum allgemeiner Funktionen bei Fateeva: Фатеева, Н. А.: Интертекст в мире текстов, 16–39 [=Фатеева, Н. А.: Интертекстуальность и ее функции в художественном дискурсе].

1265 Vgl. das Interviewzitat in Kap. 2.3.4, S. 78.

1266 Фатеева, Н. А.: Интертекст в мире текстов, 23; 38. Für Literatinnen und Literaten gilt somit der gleiche Anspruch wie für Literaturwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler.

1267 Фатеева, Н. А.: Интертекст в мире текстов, 21.

1268 Фатеева, Н. А.: Интертекст в мире текстов, 16; 19.

1269 Ebd., 37.

1270 Кибиров, Тимур: «Пригов был блюстителем пристойности», 181.

1271 Im Werk findet sich diese Problematik z. B. in dem in Kap. 8.4 analysierten Balladenwettstreit sowie weiteren Gedichten aus dem Buch Кара-барас, etwa in Внеклассное чтение und insbesondere in К вопросу о релятивизме (Кибиров, Тимур: Кара-барас, 7–10; 41–42).

1272 Rutten, Ellen: Strategic Sentiments, 208.

1273 Vgl. ebd., 207.

1274 Майофис, Мария: Пригов и Державин. Поэт после прижизненной канонизациий. // Неканонический классик. Дмитрий Александрович Пригов (1940–2007). Сборник статей и материалов. Под ред. Е. Добренко и др. М.: НЛО 2010. 281–304 nimmt diese These als Basis für einen Vergleich Prigovs und Deržavins.