Show Less
Open access

Zeit- und Alterstopik im Minnesang

Eine Untersuchung zu Liedern Walthers von der Vogelweide, Reinmars, Neidharts und Oswalds von Wolkenstein

Series:

Simone Loleit

Der Band präsentiert ein grundlegendes systematisch-theoretisches Gesamtkonzept zur Erforschung minnesangspezifischer Zeit- und Alterstopik sowie innovative Ergebnisse zur Walther-, Reinmar-, Neidhart- und Oswald-Philologie. Die Analysen widmen sich sowohl ‚kanonischen‘ als auch seltener behandelten Liedern der vier Autoren und arbeiten unter anderem mit Verfahren der rhetorischen und literaturwissenschaftlichen Toposforschung, der Varianzforschung und der Erzähltextanalyse.

Show Summary Details
Open access

1. Ansätze der Toposforschung

1. Ansätze der Toposforschung

1.1. Zum Realitätsgehalt von Topoi

Die Frage, inwiefern Topoi auf eine außerliterarische ‚Realität‘ rekkurieren, soll im Folgenden am Beispiel der laudatio temporis acti/Zeitklage und des Jahreszeitentopos erörtert werden. Aufgrund der besonderen Häufigkeit, mit der die Toposkombination laudatio temporis acti/Zeitklage in den Prologen höfischer Romane vorliegt, werden in diesem Fall ausnahmsweise Beispiele aus der Epik gewählt.

Welcher Missstand im Konkreten beklagt wird, ob nun der gegenwärtige triuwe-Verlust (wie in Konrads von Würzburg Engelhard), ein allgemeiner Sittenverfall, vröide-Verlust, fehlende Kultiviertheit o. ä. – meist lässt sich dies durch einen expliziten oder impliziten Abgleich mit einer vermeintlich besseren Vergangenheit als Abweichung von einer Norm glaubhaft machen. Laudatio temporis acti und Zeitklage übernehmen in den Prologen dabei u. a. die Funktion, das Publikum belehrbar und wohlwollend zu stimmen (parare docilis et benevolens). Doch welche semantische Referenz besitzen diese Topoi? Zunächst ist festzuhalten, dass sie sich sozusagen in eine lange Reihe von Topoi stellen und ihre Positionierung im Prolog durchaus nicht originell, sondern vielmehr traditionell ist. In diesem Sinne könnte das Publikum die Topoi goutieren, ohne sich Gedanken über ihr Verhältnis zur außerliterarischen ‚Realität‘ zu machen. Man könnte den Blick direkt auf die mit der Ausformulierung der Topoi einhergehende Artistik richten oder sich auf den Argumentationsgang, in den sie eingebunden sind, also u. a. auf ihr Zusammenspiel mit anderen Topoi, konzentrieren. Dennoch drängt sich die Frage auf, welche aktuellen Missstände konkret gemeint sein könnten und wann die ‚glorreiche‘ Vergangenheit, in der alles besser war, zeitlich zu situieren sei.1

Von jeder Gegenwart aus betrachtet, erscheint das topische Beklagen derselben, selbst wenn völlig pauschal und unbegründet, niemals inhaltsleer, sondern füllt sich während des Rezeptionsvorgangs mit konkreten Inhalten: Im Meleranz-Prolog wird etwa konstatiert:←31 | 32→

Ouch waren da die iaur gimaget. | Nun haut eß sich verkert gar; | ye lenger, so böser jar. | Die lüt vil grimeklichen | lebent in allen richen. | Es nimpt ab an gimageten dingen.2

Zusammen mit der recht schwammigen Eingrenzung auf den Bereich von Sitte und Moral, von ‚heute‘ fehlender und vormals vorhandener [g]efimageg, zuht unnd hubschhayt3 sowie die aktuelle Freudlosigkeit der Reichen, der adligen Jugend und der Frauen4 hat dies für ein zeitgenössisches Publikum vermutlich ausgereicht, um sich ein Bild davon zu machen, worin der beklagte Sittenverfall nun genau bestehen könnte. Dabei ist nicht wichtig, ob jeder oder jede zu dem gleichen Schluss kommt, sondern zunächst zu klären, warum es den Rezipienten möglich ist, eine unscharf umrissene Zeitklage mit konkretem Inhalt zu füllen – daran anschließend wäre auch noch zu fragen, ob und warum auch ein inhaltlich einigermaßen unpräzise bleibender Topos überzeugend wirken kann.

Der erste Teil der Frage führt zum allgemeineren Problem, wie ‚kompetente‘ Teilhaber einer Sprachgemeinschaft Texte verstehen. Das im Zusammenspiel von Linguistik und Kognitionsforschung entwickelte Modell der Inferenz erklärt Textverstehen als einen Prozess, bei dem die gehörten oder gelesenen Informationen um unausgesprochen gebliebene, für das Verständnis aber notwendige Informationen (Implikationen und Präsuppositionen) ergänzt und erweitert werden.5 Relevant in Hinsicht auf Topik erscheint hierbei zunächst, dass sprachliche Äußerungen grundsätzlich ‚unvollständig‘ sind, d. h., dass z. B. im Bereich von Alltagskommunikation Elemente ausgespart bleiben, die sich sozusagen ‚von selbst‘ verstehen. Bei der Textproduktion (hier geht es noch nicht um die Semantik von im engeren Sinne literarischen, ‚dichterischen‘ Texten) werden also grundsätzlich zum Bereich des kollektiven, habitualisierten oder konventionalisierten Wissens gehörige Elemente ausgespart, die dann beim Rezeptionsvorgang (wieder) ergänzt werden.

Topik – i. S. einer Sammlung von für die Argumentation verfügbar gehaltenen Topoi (Gemeinplätzen)6 – ist nun einerseits fundamentaler Bestandteil und gleichermaßen Voraussetzung wie Ergebnis eines solchen geteilten Wissens; andererseits ist das Verständnis konkret ausformulierter Topoi jeweils an eine spezifische Gebrauchs- oder Rezeptionssituation, einen spezifischen situativen Kontext gebunden. Nicht nur, aber vor allem bezüglich älterer literarischer Texte ist grundsätzlich zwischen drei situativen Kontexten zu unterscheiden: a) dem←32 | 33→ ursprünglichen, intendierten Adressatenkreis, b) späteren Rezipienten und c) der Metaebene wissenschaftlicher Interpreten.

Das für den Verfasser zeitgenössische Publikum (a) kann auf ein Wissen zurückgreifen, das es untereinander und mit dem Verfasser teilt. Für spätere Rezipienten (b) ist denkbar, dass ihnen die historische Distanz und dadurch – um auf das Beispiel Zeitklage und laudatio temporis acti zurückzukommen – auch bewusst wird, dass es sich nicht um gesellschaftliche Missstände ihrer eigenen Zeit, sondern um ihnen möglicherweise nicht einmal mehr bekannte vergangene handelt; denkbar ist jedoch auch, dass sie Missstände aus ihrer eigenen Zeit assoziieren. (Deutlicher Distanzmarker für spätere nicht-adlige Rezipienten wäre bei den genannten Beispielen die Eingrenzung auf die höfische Kultur und Gesellschaft. Aber eine solche ‚einfache‘ Distanzmarkierung lässt sich nicht für alle Beispiele aus den in dieser Untersuchung behandelten Texten gleichermaßen festmachen.) Die wissenschaftlichen Interpreten (c) sehen sich u. a. vor die Aufgabe gestellt, einen historischen Gebrauchs- und Rezeptionskontext sowie das von den ursprünglichen Adressaten wahrscheinlich geteilte Wissen zu rekonstruieren, um herauszufinden, auf welche konkreten historischen Ereignisse und Zustände mit einer Zeitklage angespielt worden sein könnte. Dies mag gelingen, soweit die Passagen genug einigermaßen konkrete Hinweise enthalten; bei diesbezüglich im Vagen bleibenden topischen Aussagen ist einem derartigen Rekonstruktionsversuch hingegen wenig Erfolg beschieden.

Es ist allerdings fraglich, ob diese ‚realhistorische‘, z. B. literatursoziologische Annäherung zum Verständnis eines Topos führt. Generell erscheint das Nachdenken über (historische) Referentialiät sinnvoller als die Suche nach konkreten historischen Referenzen. Diese Feststellung lässt sich in ähnlicher Weise auch auf biographische Referentialität, also das Erkennen von Autobiographischem in topischen Äußerungen übertragen. Zu nennen wäre hier etwa der Lebensaltertopos: Darf man, wenn sich eine Ich-Instanz in einem Lied als alt bezeichnet, von dieser Aussage auf das Alter des Verfassers rückschließen und, falls ja, mit welchem Zusatzwert für die Interpretation? Die oben gemachte Feststellung lässt sich des Weiteren auf den Jahreszeitentopos übertragen: Sind die fast durchweg mit Natureingang gestalteten Winter- und Sommerlieder Neidharts in der jeweiligen Jahreszeit entstanden bzw. im Winter bzw. Sommer aufzuführen? Bedeutet die Leserezeption solcher Lieder dann eine Entkoppelung von ihrer intendierten Gebrauchssituation innerhalb einer agrarischen Gesellschaft? Inwiefern ist überhaupt von einem Realitätsbezug des Jahreszeitentopos bei Neidhart auszugehen?7 Dass innerhalb der Forschung be←33 | 34→züglich topischer Aussagen immer wieder nach einem ‚Sitz im Leben‘ gesucht wird, bedeutet m. E. nicht, dass man damit dem Verständnis topischer Aussagen näher kommt; es zeigt aber, dass topisches Sprechen ‚Realität‘ evoziert – und dies unabhängig davon, ob im Einzelfall darauf referiert wird oder nicht.

Die Frage nach der historischen, biographischen oder allgemeiner situativen Referentialität von Topoi bewegt sich im Grenzbereich von Künstlichkeit und Natürlichkeit. Die deutsche Bezeichnung des humilitas-Topos als Topos der ‚affektierten Bescheidenheit‘ (Curtius) bringt die Vorstellung des ‚Erkünstelten‘ ins Spiel.

„Der Redner hatte in der Einleitung die Hörer wohlwollend, aufmerksam und gefügig zu stimmen. Wie macht man das? Zunächst durch bescheidenes Auftreten. Man muß diese Bescheidenheit aber selbst hervorheben. So wird sie affektiert.“8

Dass selbst dieser erwartbare und leicht zu erkennende Topos in der Lage ist, Rezipienten in die Irre zu führen, zeigt die wissenschaftliche Rezeption: „Unzählige mittelalterliche Autoren versichern, sie schrieben auf Befehl. Die Literaturgeschichten nehmen das als bare Münze. Doch ist es meistens nur ein topos.“9 In jedem Fall ist Curtius darin recht zu geben, dass der topische Charakter einer←34 | 35→ Aussage berücksichtigt werden muss und dass das ‚Affektierte‘ so weit gehen kann, dass das Ausgesagte nur fingiert ist. Festzuhalten ist jedoch, dass mit der Identifikation einer konkreten Aussage als Topos nichts darüber gesagt ist, ob das Ausgesagte in dem Sinne ‚wahr‘ ist, dass es mit einer außertextuellen Wirklichkeit übereinstimmt. Problematisch erscheint daher in Curtius’ Formulierung das Wörtchen ‚nur‘. Ein Topos ist, unabhängig davon, ob das darin Ausgesagte mit der Realität übereinstimmt oder nicht, ein Topos.

Dies wird deutlicher, wenn man an die argumentative Funktion denkt, die Topoi in einem Textzusammenhang haben. Die Künstlichkeit des Topos besteht also nicht in erster Linie im ‚Erkünsteln‘ oder ‚Fingieren‘, im Evozieren oder Beanspruchen von Wahrheit, sondern zunächst darin, dass er mit einer Wirkungsabsicht, einem Argumentationsziel eingesetzt wird.

1.2. Topik und (poetische) Argumentation

Ausgehend von der aristotelischen Topik und Rhetorik kann man Topoi als ‚Fundorte‘ oder ‚Sitze‘10 von Argumenten bzw. als Argumente auffassen.

„Was nun ein Argument ist, wird immer allein in dem Zusammenhang deutlich, in dem es wirkt. Daß aber Topoi als Argumente verwandt werden, indem sie in einem Sinnzusammenhang – also in einer Finalität – verwandt werden, ist ebenso evident.“11

Topoi zeichnen sich durch relative semantische Offenheit, eine „allgemeine, polyvalente Bedeutungshaltigkeit“12 aus.

„Das Unbestimmt-Allgemeine bedeutet keinen Leerraum, sondern Komplexität. Die Interpretationsbedürftigkeit eines Topos fordert heraus, er inspiriert, er setzt Denken in Bewegung, er öffnet im konkreten Problemzusammenhang neue argumentative bzw. amplifikatorische Möglichkeiten.“13

Für Bornscheuer stellt dieser „Charakter der Fülle oder der Potentialität14 ein zentrales Strukturmoment des Topos dar. Er beschreibt damit die Merkmale des Topos vor seiner konkreten Verwendung. Die von Aristoteles intendierte Form der dialektischen Argumentation ist das Gespräch, das dialogartige Frage-und-←35 | 36→Antwort-Spiel,15 u. a. auch als „Form dialektischen Argumentierens mit sich selbst“16. Auf diese Form beziehen sich auch die Erklärungen Bornscheuers zur Potentialität des Topos: Aus jedem einzelnen Topos ließen sich

„verschiedenartige und sogar völlig gegensätzliche Argumente gewinnen, derselbe Topos kann bei derselben Problemfrage beiden Kontrahenten nützlich sein (in utramque partem-Prinzip). Ausschlaggebend ist stets, in welchem Sinne ein Topos jeweils ins Spiel gebracht und interpretiert wird.“17

Insofern sei „das konkrete Verständnis eines Topos, seine unmittelbare Überzeugungskraft jeweils abhängig […] von dem Grad der interpretatorischen Übereinstimmung zwischen den Disputanten.“18

Wenn man davon ausgeht, dass sich die Prinzipien dialektischer Argumentation auch in poetischer Rede festmachen lassen, sind hinsichtlich der Potentialität des Topos einige bedeutende Unterschiede feststellbar. Im dialektischen Gespräch (zu Übungszwecken, mit der Menge, vor Gericht) wie auch bei der Anwendung dialektischer Argumentationsprinzipien innerhalb der antiken Rede wird stets auf ein Beweisziel hin argumentiert. Quintilian rät nachdrücklich, dieses beim Argumentieren im Blick zu behalten:

„Denn wie Geschosse für jemanden überflüssig sind, der nicht weiß, was er treffen will, so Beweise, wenn man nicht voraussieht, wofür man sie verwenden muß. Das ist es, was man durch Kunstregeln nicht erfassen kann (nam ut tela supervacua sunt nescienti quid petat, sic argumenta, nisi provideris, cui rei adhibenda sint. hoc est, quod comprehendi arte non possit).“19

Auch einen lyrischen Text kann man als Argumentationsgang lesen und dabei ein Argumentationsziel erkennen. Was aber in der Rede zu vermeiden wäre, dass nämlich die zur Veranschaulichung der Topoi bzw. Argumente verwendeten Bilder, die als oder wie Beweise angeführten Beispiele eine Eigendynamik entwickeln und mehrdeutig statt eindeutig erscheinen, gehört zum Wesen dichterischen Sprechens. Dichtung bietet eine im Vergleich zur Rede einerseits offenere, andererseits verdichtetere Form der Argumentation; dies gilt in besonderer Weise für lyrische Texte. Auch wenn man mittelalterlicher Lyrik aufgrund des Charakters der Gelegenheits←36 | 37→dichtung nicht in gleichem Maße die Eigenzwecklichkeit20 zumessen kann wie modernen Gedichten, erscheinen die folgenden Überlegungen Helmstetters zur poetischen Rede gleichwohl auch auf die hier behandelten Texte zutreffend: „Die poetische Sprache erschwert, verlangsamt, problematisiert das Verstehen“21, und:

„Die poetische Rede schöpft Möglichkeiten der Sprache aus, die im zweckgerichteten Gebrauch nicht genutzt werden […]. Indem die poetische Rede ‚das Wort als Wort‘ inszeniert, lenkt sie die Aufmerksamkeit auf die materialen, strukturalen und relationalen Qualitäten der Worte selbst: […] der Automatismus der Bedeutungen wird irritiert.“

Das Phänomen der Verdichtung ist oben im Zusammenhang mit der Metapher bereits angesprochen worden. Verdichtung und Offenheit stehen in Beziehung zueinander: Jannidis, der die fast ubiquitäre Annahme, Dichtung zeichne sich durch Polyvalenz aus, hinterfragt, führt den Eindruck des Polyvalenten, den ‚poetischen Effekt‘, auf das „Vorhandensein einer endlichen Zahl von schwach manifesten Informationen“22 zurück. Diese ‚Unbestimmtheit‘ bedeutet, dass Argumente innerhalb des dichterischen Sprechens nicht zwingend auf eine eindeutige, konkrete Bedeutung hin zugespitzt, sondern offen und interpretationsbedürftig gehalten werden. Die dem Topos inhärente „Unschärfe bzw. Allgemeinheit23 wird in dichterischer Rede also auch in seiner Konkretisierung nicht aufgegeben. Dies gilt auch für die Verknüpfung von Argumenten. Generell eröffnet die Anordnung der Argumente den Disputanten bzw. dem Redner einen großen Spielraum:

„Höchst unbestimmt ist vor allem auch die Art und Weise, in der man sich innerhalb einer dialektischen Erörterung zwischen den Topoi (bzw. Argumenten) hin- und her- oder fortbewegt.“24

Jeder Topos könne „jedem anderen über- oder untergeordnet werden, je nach Problemlage und Argumentationsinteresse.“25 Dies bedeutet, daß die Funktion eines Topos innerhalb eines Argumentationsgangs wesentlich durch das Zusammenspiel mit anderen Topoi begründet ist und dass insofern, vom Rezipientenstandpunkt aus betrachtet, das Toposverständnis nicht in erster Linie auf den Einzeltopos gerichtet ist, sondern auf die argumentatorische Einbindung und Funktionalisierung und in vielen Fällen eben auch auf die Effekte, die aus seiner Kombination mit anderen Topoi resultieren.←37 | 38→

Die vorliegende Untersuchung will nicht erklären, wie so etwas wie ‚poetische Argumentation‘ generell funktioniert, sondern vertritt für den hier behandelten Bereich des Minnesangs bzw. der Liedlyrik die Auffassung, dass es sich dabei auch um argumentierende Texte handelt. Argumentation wäre im Sinne eines das jeweilige Lied oder ein oder mehrere Strophen umgreifenden Gedankengangs zu verstehen, aber auch in dem Sinne, dass für argumentierende, diskursive Texte typische Argumentationstechniken verwendet werden. Hierhin gehört eben auch der Toposgebrauch, wobei die Grenze zwischen Topos- und Motivgebrauch fließend ist. Diesbezüglich erscheint Wolfs Aufsatz „Überbieten und Umkreisen. Überlegungen zu mittelalterlichen Schaffensweisen am Beispiel des Minnesang“ instruktiv: Wolf spricht von einem für die Minnekanzone (seit Hausen) charakteristischen ‚auslotenden Umkreisen bestimmter Vorstellungen‘. Wenn „bestimmte Leitthemen, zentrale Motive, bedeutsame sprachliche Fügungen und Signalwörter in immer neuen Anläufen und mit wechselnder Akzentuierung umkreist […] und dabei gleichsam ‚abgeklopft‘“26 würden (z. B. die herze-lîp-Formel), so dürfe man darin

„nicht nur die Repetition üblicher Topoi sehen. Dieses hartnäckige Wiederaufgreifen und Neusehen dürfte mehr sein als bloss technisches Variieren. Es ist wohl eher ein intensives Sichherandichten an Vorgegebenes, ein unermüdliches Umkreisen zur besseren Einsicht und gelegentlich ein Überbieten, auch der eigenen Position“27.

Wolf geht dabei von einem „nicht abgeschlossenen und letztlich auch nicht abschliessbaren Gesprächs- und Reflexionscharakter dieser umkreisenden Lyrik“28 aus. Er verwendet den Terminus ‚Topos‘ hier mit der Bedeutung der (bildhaft) verfestigten Vorstellung, des bekannten bis abgedroschenen Motivs. Dem damit naheliegenden Eindruck der „Eintönigkeit“29 tritt er entgegen. Die von Wolf beschriebene Technik des ‚Umkreisens‘ bestimmter ‚Vorstellungen‘ ließe sich jedoch sehr wohl auch mit einer aus der Topik und Toposforschung entliehenen Terminologie beschreiben.30←38 | 39→

Während die bereits benannten Prinzipien der Offenheit, Mehrdeutigkeit und Verdichtung sich auch an einzelnen Liedern festmachen lassen, ist für die Offenheit der Argumentationsverknüpfung gerade die Untersuchung von Liedern, deren Fassungen Strophenfolge- und -bestandsvarianz31 aufweisen, aufschlussreich. Mit Hilfe des Fassungsvergleichs lässt sich demonstrieren, dass dieselben argumentatorischen Versatzstücke in verschiedener Auswahl und Reihung kombinierbar sind, wobei es auch jeweils zu Bedeutungsveränderungen und -verschiebungen kommen kann. Hier ist zum einen an das Prinzip der ‚Poetik der Einzelstrophe‘ zu denken, also die Beobachtung, dass die einzelnen Strophen in den Liedern auch als in sich abgeschlossene Texte überliefert bzw. verstanden werden können. Zum anderen bedeutet dies, dass die Verknüpfung zwischen den Argumenten wesentlich assoziativer erfolgt – dass die Topoi bzw. Argumente also noch innerhalb der Anwendung für ständige Neuverknüpfbarkeit offener gehalten werden – als in Disputation oder Rede.

1.3. Topos und Metapher

Woran erkennt man einen Topos, und welchen (interpretatorischen) Mehrwert bringt diese Erkenntnis? Obgleich Topos und Metapher in vielerlei Hinsicht als einander nahestehende Phänomene betrachtet werden können (und in der Forschung dementsprechend auch oft zusammen diskutiert werden), unterscheiden sie sich bezüglich ihrer Identifikation fundamental. Die Metapher stellt als Form uneigentlichen Sprechens eine „Störung der Kohärenzbildung“32, eine „semantische Unstimmigkeit“33 innerhalb der wörtlichen Bedeutungsebene dar. Zymner bezeichnet diese ‚Unstimmigkeit‘ als „Initialsignal der Uneigentlichkeit“, aus dem sich das „Transfersignal zur Richtungsänderung der semantischen Kohärenzbildung“ ableite. Wie Röska-Hardy hervorhebt, zeige eine ‚semantische Ano←39 | 40→malie‘ nur dann eine Metapher an, „wenn wir die Annahmen über die absichtliche Produktion des Satzvorkommnisses, über die Bedeutungskompetenz des sprachlich Handelnden und über seine Rationalität konstant halten“34, der Aussage also Sinnhaftigkeit unterstellen.

Wenn man alle Formen bildhaft verfestigter Topoi ausklammert, so gibt es auf der semantischen Ebene kein spezifisches Erkennungsmerkmal topischer Rede. Dies bedeutet nicht, dass Topoi nicht markiert sein könnten (z. B. durch die Figur der Sentenz oder durch Nennung einer Autorität) – hervorgehoben wird dann aber die Allgemeingültigkeit des Gesagten. Den Bereich des Wörtlichen oder ‚Eigentlichen‘ verlassen Topoi zunächst einmal nicht, und damit ergibt sich, bei Nicht-Erkennen, auch kein so eminenter Unterschied im Verständnis, wie dies bei einer im übertragenen und einer im wörtlichen Sinn verstandenen Metapher der Fall wäre. Das Nicht-Erkennen eines Topos birgt nicht die Gefahr, dass die Äußerung für ‚Unsinn‘ gehalten werden könnte.

Das Erkennen eines Topos bzw. des topischen Gehalts einer Äußerung entspricht einem Wiedererkennen. Dies lässt sich auf verschiedenen Weise begründen. Zunächst erscheint in diesem Zusammenhang der von Bornscheuer als „erstes Strukturmerkmal“35 des Topos genannte „Charakter der Habitualität“ bedeutsam:

„Ein Topos ist ein Standard des von unserer Gesellschaft jeweils internalisierten Bewußtseins-, Sprach- und/oder Verhaltenshabitus, ein Strukturelement des sprachlich-sozialen Kommunikationsgefüges, eine Determinante des in einer Gesellschaft jeweils herrschenden Selbstverständnisses und des seine Traditionen und Konventionen regenerierenden Bildungssystems.“

Für die weiter oben gestellte Frage nach Gründen, warum Topoi überzeugend wirken, erscheint gerade ihre Auffindbarkeit im Bereich des alltäglichen Erfahrungswissens (Stereotype, Klischees) und die damit verbundene „Selbstverständlichkeit“36 relevant, wie Schmidt-Biggemann am Beispiel der Sprichwörter verdeutlicht: „Sprichwörter aus der Erfahrung sind für vieles tauglich, ihre Argumentationskraft reicht so weit, daß sie bspw. als Rechtskriterien verwandt werden.“37 Dass Topoi wiedererkannt werden, lässt sich besonders gut an den in Form von Sprüchen, Sprichwörtern u. ä. aus der alltäglichen Erfahrung gefassten Topoi verdeutlichen. Bei diesen ist ein auf die allgemeinere Bedeutung der Äu←40 | 41→ßerung bezogenes Wiedererkennen von einem auf die konkrete Formulierung bezogenen zu unterscheiden. Letzteres ist dann der Fall, wenn das zu vermittelnde allgemeingültige Wissen in einer z. B. sprichwortartig verfestigten Form vorliegt. Bornscheuer bezeichnet dies als „Strukturmoment […] der Symbolizität38; jeder Topos sei

„geeignet zu einer gewissen formelhaften Fixierung. Topoi lassen sich in knappen Regeln, Kurzsätzen, zusammengesetzten Ausdrücken oder bloßen Stichworten formulieren. Und zwar kann derselbe Topos verschiedene Grade sowohl der verbalen wie der semantischen Konzentration annehmen.“

Semantisch ähnliche Redewendungen und Sprichwörter wie ‚Eile mit Weile‘, ‚Nur net hudele nur net haste‘, ‚Gut Ding will Weile haben‘ und ‚Was lange währt, wird endlich gut‘ zielen im Kern auf einen gemeinsamen Grundgedanken. Ein Sprichwort lässt sich demnach, bis zu einem gewissen Grade, in ein bedeutungsähnliches oder -gleiches Sprichwort übersetzen.39 Nicht erst hinsichtlich der argumentativen Verwendung von Topoi lässt sich also von einer „Rückführung des Partikularen […] auf etwas Nichtpartikulares, das allgemein zugänglich ist“40, sprechen, sondern auch schon auf der Ebene der topischen ‚Merkformeln‘ (Bornscheuer) selbst. Die Merkformel speichert und vermittelt etwas Allgemeingültiges, das dann auch in anderer Formulierung wiedererkennbar ist.

Mit der Terminologie der antiken Rhetorik könnte man auch sagen, dass die Topoi zwischen der Ebene der res und der verba vermitteln. Indem die Vermittlung topischen Wissens über einfache Merkformeln wie Sprichwörter Teil der Sozialisiation ist, prägt sich dieses Wissen und auch die darüber vermittelten←41 | 42→ vorsprachlichen (z. B. an einen situativen Kontext geknüpften) Inhalte als Habitus ein. Auch Topoi operieren also wie Metaphern mit einem Transfervorgang. Während dieser sich aber bei der Metapher primär zwischen wörtlicher und übertragener Bedeutung abspielt, stehen beim Topos die Applikation des Allgemeinen auf das Besondere und die Rückkoppelung des Besonderen an das Allgemeine im Fokus. Den Transferbewegungen von Metapher und Topos gemeinsam ist, dass jeweils ein Fundus von geteiltem Wissen aktiviert werden muss und dass die Bedeutungsfindung durch den situativen Kontext und den Kotext gelenkt wird.41 Dies soll im Folgenden an einem Beispiel von Black verdeutlicht werden.

Black diskutiert die (explizit selbst metaphorische) Vorstellung der Metapher als ‚Filter‘ anhand der Aussage: ‚Der Mensch ist ein Wolf‘:

„Man kann sagen, daß hier zwei Gegenstände vorliegen – der Hauptgegenstand […] Mensch (oder Menschen) und der untergeordnete Gegenstand […] Wolf (oder Wölfe). Nun wird der fragliche Satz seine intendierte Bedeutung keinem Leser vermitteln, der über Wölfe nicht genug weiß. Erforderlich ist weniger, daß der Leser die Wörterbuchbedeutung von ‚Wolf‘ kennt – oder dieses Wort im wörtlichen Sinne gebrauchen kann, als die Kenntnis dessen, was ich das System miteinander assoziierter Gemeinplätze […] nenne. […] Vom Expertenstandpunkt aus gesehen, mag das System der Gemeinplätze Halbwahrheiten oder regelrechte Fehler miteinschließen […]; entscheidend für die Wirksamkeit der Metapher ist jedoch nicht, daß die Gemeinplätze wahr sind, sondern daß sie sich zwanglos42 und ohne Umstände einstellen.“43

Das von Black gewählte Beispiel ist, je nach Betrachtungsweise, als Metapher oder als bildhaft verfestigter Topos einzustufen. Interessant erscheint, dass Black eine Verbindung zwischen Metapher und Topos sieht, indem er annimmt, dass die Rezipienten für die Bedeutungsermittlung auf ein System miteinander vernetzter Gemeinplätze zurückgreifen müssen. Das dabei zu aktivierende Wissen lässt sich mit Zymner auch als ‚Bedeutungsschicht‘ der

Konnotation (also diejenigen konventionell bestimmten semantischen Merkmale, die vermitteln, als was etwas in einer Sprechergemeinschaft gilt, und die aufgrund ihres konventionellen Charakters nicht mit bloßen Assoziationen verwechselt werden dürfen)“44←42 | 43→

bezeichnen. Die von Black angebotene Erklärung, dass die Bedeutung einer Metapher über den Rückgriff auf Gemeinplätze sozusagen aufgefunden werden muss, und die damit assoziierbare Vorstellung der Bedeutungsermittlung als Suchbewegung ist jedoch auch bezüglich der definitorischen Abgrenzung von Metapher und Topos interessant. Die mit der Metapher – und dies gilt m. E. für den Produktions- wie den Rezeptionsvorgang – verbundene Suchbewegung bezieht sich auf ein System von Gemeinplätzen, also ‚gefüllter‘, bildhaft verfestigter Topoi. Im Unterschied dazu bezieht sich die Suchbewegung der Topik (auch hier gilt dies letztlich für den Produktions- wie für den Rezeptionsvorgang) auf ein System von Topoi als ‚Orten‘ oder ‚Leerformen‘:

„Dem Redner wird ein Gegenstand (quaestio) aufgegeben; um Argumente zu finden, läßt der Redner seinen Gegenstand über einen Raster von Leerformen ‚gleiten‘: aus dem Kontakt zwischen dem Gegenstand und jedem einzelnen Feld (jedem ‚Platz‘) des Rasters (der Topik) entspringt eine mögliche Idee, die Prämisse eines Enthymems.“45

Ein Vergleich zwischen Topos und Metapher kann auch bezüglich ihrer explikativen Funktion und erkenntnisfördernden Wirkung vorgenommen werden. Für die Metapher konstatiert Black: „der Hauptgegenstand wird ‚durch den metaphorischen Ausdruck gesehen‘ – oder, wenn man so will, der Hauptgegenstand wird auf das Feld des untergeordneten Gegenstands ‚projiziert‘.“46 Diese Veränderung der Sichtweise auf einen Gegenstand wird von Black mit den Bildern des Filters oder des rußgeschwärzten Glases beschrieben, wobei es ihm darum geht, dass durch den ‚Filter‘ z. B. der Wolf-Metapher bestimmte menschliche Charaktermerkmale besonders akzentuiert, andere unterdrückt werden.47 Dieser an die Metapher gebundene Filterungs- und Neuperspektivierungsvorgang wird von Radman, der schwerpunktmäßig die Metaphernverwendung im naturwissenschaftlichen Kontext untersucht, dem Bereich des Fiktionalen angenähert: Er konstatiert, dass die wörtliche Bedeutung der Metapher zu der übertragenen in einem ‚als ob‘-Verhältnis stehe, und sieht darin „a turn from the actual toward the possible, from the empirical toward the fictional“48; hierin liege „the explanatory power of metaphor“49: „The cognitive import of metaphorical language is chiefly due to its capacity to acquire an extra, unusual or novel point of view.“50←43 | 44→

In seiner Topik benennt Aristoteles als letztes der vier Werkzeuge der Deduktion die Betrachtung des Ähnlichen.51 Hierbei sei die Ähnlichkeit zwischen in verschiedenen Gattungen stehenden Dingen zu untersuchen; als Beispiele nennt er die Analogie zwischen der ‚Sehkraft im Auge‘ und der Einsicht in der Seele‘ sowie zwischen der ‚Ruhe im Meer‘ und der ‚Windstille in der Luft‘.52 Dass das Auffinden derartiger Ähnlichkeiten eine besondere inventorische und kognitiv-analytische Leistung und Fähigkeit darstellt, wird an einem Hinweis zur Einübung dieses Werkzeugs deutlich:

53

image

Das Herausfinden derartiger Ähnlichkeiten könnte als eine Art Vorschule zur Metaphernbildung genutzt werden;54 entscheidend ist jedoch, dass die von Aristoteles für die Betrachtung des Ähnlichen genannten Beispiele bei der Form des Vergleichs stehen bleiben, den Schritt zur Ineinssetzung zweier semantischer Bereiche (z. B. die ‚Sehkraft der Seele‘ als Metapher für die Einsicht) nicht vollziehen. Im Kontext der Topik dient die Betrachtung des Ähnlichen eben auch nicht der Metaphernbildung, sondern stellt ein in der Argumentation einsetzbares „Verfahren“55 dar. Eine ähnliche Unterscheidung trifft Quintilian zur Abgrenzung von Metapher und Gleichnis:

„Im ganzen aber ist die Metapher ein kürzeres Gleichnis und unterscheidet sich dadurch, daß das Gleichnis einen Vergleich mit dem Sachverhalt bietet, den wir darstellen wollen, während die Metapher für die Sache selbst steht (in totum autem metaphora brevior est similitudo eoque distat, quod illa comparatur rei, quam volumus exprimere, haec pro ipsa re dicitur).“56←44 | 45→

In der Rhetorik werden Gleichnisse zu den Beweismitteln gerechnet.57 Aristoteles zählt sie zum Beispiel (Paradeigma) und zwar zu der Art des Beispiels, ‚etwas Ähnliches zu erdichten‘; in diesem Sinne grenzt er Gleichnis und Fabel vom historischen exemplum, dem ‚Bericht vergangener Taten‘, ab.58 Zwar ist das Beispiel (und damit auch das Gleichnis) laut Aristoteles der Induktion gleichzusetzen;59 Beispiele seien aber beim Fehlen von rhetorischen Schlüssen (Enthymemen) durch nachgestellte Positionierung wie Beweise zu gebrauchen.60

In der antiken Rhetorik werden die Gleichnisse sowohl im Kontext der Ausführungen zu elocutio und ornatus als auch im Kontext der Beweismittel aufgeführt: Quintilian erwähnt die Gleichnisse innerhalb der Ausführungen zur claritas (Deutlichkeit) als vorzügliches Mittel, um einen Sachverhalt zu ‚erhellen‘.61 Voraussetzung hierfür sei, dass das,

„was wir um der Ähnlichkeit willen herangezogen haben, nicht unklar sei oder unbekannt; denn es muß, was zur Erklärung einer anderen Erscheinung dienen soll, selbst klarer sein als das, was es erhellt (debet enim quod inlustrandae alterius rei gratia adsumitur, ipsum esse clarius eo, quod inluminat).“62

Quintilian unterscheidet Gleichnisse als Beweismittel von solchen, die der Verdeutlichung (claritas) dienen, hält aber fest, dass beide auch Schmuckfunktion hätten.63 Allerdings scheint die Trennlinie, die zwischen dem schmückenden und dem kognitiv-argumentativen Potential der Gleichnisse verläuft, recht durchlässig. Cicero nennt das Gleichnis (similitudo) zusammen mit dem Beispiel (exemplum) unter den Gedankenfiguren als die am meisten ‚bewegenden‘, also besonders gut zur Leidenschaftserregung geeigneten Mittel.64 Gleichnisse, auch die als Beweismittel verwendeten, machen die Rede laut Quintilian „erhaben, blühend, lieblich und staunenswert (sublimen, floridam, iucundam, mirabilem)“65, die zuletzt genannte Wirkung begründet er folgendermaßen:←45 | 46→

„Denn je weiter das betreffende Bild hergeholt ist, desto stärker ist die Wirkung des Neuen, das es dem Gedanken liefert, und desto überraschender ist es (nam quo quaeque longius petita est, hoc plus adfert novitatis atque inexpectata magis est).“66

Mit dem ‚weit hergeholten Bild‘ wäre man dann wieder bei Aristoteles’ viertem Werkzeug der Deduktion, der Betrachtung des Ähnlichen, angelangt.

Die vorangehenden Überlegungen deuten bereits an, dass es einen Überschneidungsbereich von Topik und Formen bildhaften, uneigentlichen Sprechens gibt und damit zusammenhängend eine traditionell unterschiedliche Gewichtung von Topos- und Metapherngebrauch in Rede und Dichtung. Welche methodischen Überlegungen und Prämissen sich diesbezüglich innerhalb dieser Arbeit für den Umgang mit Liedlyrik ergeben, soll weiter unten erläutert werden. Zunächst ist der Vergleich zwischen den Transferbewegungen von Topos und Metapher fortzuführen.

Der Transfer von einer wörtlichen zu einer übertragenen, uneigentlichen Bedeutung wird in der (nach)modernen Metaphernforschung mit Hilfe der Größe des ‚Kontextes‘ erklärt. Ich gehe hierbei von Zymners Erklärungsansatz aus, der das Bedeutungspotential des metaphernfähigen Sprachzeichens (Denotation, Konnotation und – als Unterart der Konnotation – emotive Bedeutung) und seine Verwendung als Redezeichen in einem sprachlichen Kotext oder situativen Kontext unterscheidet.67 Mit ‚Denotationen‘ und ‚Konnotationen‘ nimmt Zymner eine ähnliche Unterscheidung vor wie Black mit ‚Wörterbuchwissen‘ und dem ‚System miteinander vernetzter Gemeinplätze‘ (s. o.). ‚Kotext‘ und ‚situativer Kontext‘ entsprechen in etwa Blacks Unterscheidung von ‚Rahmen‘ (frame) und ‚Kontext‘.68 Entscheidend sei, und hier folgt Zymner der Interaktionstheorie von Black und Richards, dass das Redezeichen

„in den jeweiligen Kontext im Prinzip alle Bedeutungsschichten mit ein[bringt], die es auch als Sprachzeichen hat, das heißt, daß es selbst als metaphorisches Redezeichen sein Bedeutungspotential nicht verliert oder wechselt[.]“69←46 | 47→

Black und Zymner sprechen beide von einer ‚Filter‘funktion, die Black auf der Ebene der Metapher (das wäre in Zymners Terminologie das ‚metaphernfähige Redezeichen‘), Zymner hingegen auf der Ebene des Ko- und Kontextes ansiedelt. Black beschreibt mit ‚Filter‘ also z. T. das, was Quintilian ‚Erhellung‘ des Gegenstands durch das Gleichnis nennt. Wenn man die Verwendung der Filter-Metapher bei Black und Zymner zueinander in Beziehung setzt, bleibt offen, was ‚filtert‘ und was ‚gefiltert‘ wird, ob also die Metapher ein ‚Filter‘ ist oder der sprachliche und situative Kontext, in dem sie verwendet wird. Beide Vorstellungen ergänzen sich insofern, als sie zusammengenommen verdeutlichen, dass sich beim Verstehen der Metapher ein komplexer Rezeptionsvorgang abspielt, der unter Rückgriff auf vorhandenes Wissen (Black) und auf das sprachliche und situative Umfeld der Metapher (Zymner) erfolgt. Dabei wird zum einen der Gegenstand durch die Metapher in einer bestimmten Weise herausgearbeitet, akzentuiert – ähnlich der von Quintilian in Bezug auf das Gleichnis genannten ‚erhellenden‘ Wirkung; andererseits wird das Verständnis der uneigentlichen Bedeutung der Metapher durch das sprachliche und situative Umfeld gelenkt. Beide Prozesse greifen ineinander, zudem beziehen sich beide auf das an den metaphorischen Ausdruck gebundene geteilte Wissen (‚System miteinander vernetzter Gemeinplätze‘, ‚Konnotationen‘), wobei das sprachliche und situative Umfeld den Zugriff auf dieses Wissen und das aktivierte Wissen dann wiederum die Wahrnehmung des Gegenstands lenkt bzw. ‚filtert‘.

Besonders das Modell von Black zeigt die Nähe von metaphorischem und topischem Sprechen. Hier könnte man eine weitere Filter-Metapher, in Anlehnung an die Verwendung bei Zymner, erproben: Die Metapher wäre insofern ein ‚Filter‘ der Topoi, als sie auf topisches Wissen zurückgreift, dieses aktiviert – und dies, soweit es sich um originellen, innovativen Metapherngebrauch handelt, in einer wesentlich freieren Weise als bei verfestigteren bildhaften Ausdrücken wie den Sprichwörtern; damit ist die Metapher eine gerade für den poetischen Gebrauch relevante Form des Zugriffs auf und der Darstellung von topischem Wissen. Topoi sind demnach gerade auch auf der Ebene der Metaphorik (und generell der Bildsprache) poetischer Texte zu vermuten und zu untersuchen. Insofern sind auch Richards’ Überlegungen zur ‚Kooperation‘, der ‚Ko-Präsenz‘ von wörtlicher und übertragener Bedeutung (vehicle und tenor) einerseits für einen kontrastiven Vergleich, andererseits unmittelbar für die Frage nach dem Topischen, der topischen Rede von Interesse.

Die moderne Metapherntheorie löst sich von der alleinigen Verortung der Metapher im Bereich des Redeschmucks (ornatus) und fragt genereller nach dem Verhältnis von Metapher und Sprache bzw. Denken:←47 | 48→

„Die traditionelle Theorie hat nur einige wenige Spielarten der Metapher zur Kenntnis genommen und beschränkte sich bei der Anwendung des Terminus Metapher auf ganz wenige Arten. Die Metapher erschien dabei als eine auf Verschiebung und Verdrängung von Wörtern beschränkte Angelegenheit, wogegen sie doch in allererster Linie Austausch und Verkehr von Gedanken, eine Transaktion zwischen Kontexten ist.“70

Dass aber schon die antike Rhetorik hierzu durchaus wichtige Überlegungen beisteuert, wird ersichtlich, wenn man sich nicht nur auf die Behandlung der Metapher im Bereich des ornatus beschränkt, sondern breiter nach der Behandlung des Ähnlichen (simile), „das als Beweis-locus […] und als ornatus […] angewandt wird“71, fragt. Hierzu zählen Gleichnis (lat. similitudo) und Beispiel (lat. exemplum / griech. paradeigma)72 – beide werden insbesondere auch im Rahmen der Beweisführung verhandelt – sowie, außerhalb des rhetorischen Kontextes, im Rahmen der aristotelischen Topik die (der Metaphernbildung nahestehende) ‚Betrachtung des Ähnlichen‘ (s. o.). Richards berücksichtigt die Parallelen zwischen Rhetorik und Dialektik zu wenig, wenn er folgenden Passus aus Aristoteles’ Poetik zitiert:

73

image

und daraus drei Hypothesen ableitet: Erstens spreche Aristoteles damit nicht allen Menschen ‚ein Auge für Ähnlichkeiten‘ zu, zweitens streite er ab, dass die Fähigkeit, Metaphern zu bilden, von anderen erlernt werden könne, drittens weise er der Metapher im Sprachgebrauch einen Sonderstatus zu.74 Richards übergeht aber, dass Aristoteles von ‚guten‘ Metaphern spricht und dass er diesen Hinweis im Rahmen der Poetik, also gerade nicht im Zusammenhang mit dem gewöhnlichen Sprachgebrauch gibt. Damit geht es Aristoteles um dichterische Begabung und nicht allgemein um Sprachbegabung. Der oben zitierte Abschnitt aus der Topik zur ‚Betrachtung des Ähnlichen‘ zeigt, dass Aristoteles sehr wohl davon ausgeht, dass das Auffinden und Erkennen von Ähnlichkeiten einübbar, also nicht bloß von der Begabung abhängig ist.←48 | 49→

Ein nicht unbedeutender Unterschied zwischen den Ansichten der rhetorischen und poetischen Schriften der Antike und der modernen Metapherntheorie besteht zudem darin, dass erstere vornehmlich den Produktionsprozess, letztere vornehmlich den Rezeptions- bzw. Interpretationsprozess fokussiert,75 erstere spezielle Anwendungsbereiche (Rede, Dichtung) im Blick hat, letztere auch den ‚normalen‘ Sprachgebrauch einbezieht und auf Fragen der Interpretation rhetorisch durchgeformter bzw. spezifisch dichterisch-literarischer Texte nicht immer zu sprechen kommt. Dementsprechend sind die antiken Texte in stärkerem Maße praxisbezogen als die der modernen Theoriebildung. Dass sich aus diesem Praxisbezug unterschiedliche Blicke auf vergleichbare Fragen und Phänomene ergeben, zeigt sich etwa an der Behandlung der Homonyme76 in Aristoteles’ Topik. Aristoteles berührt unter dem Oberbegriff der ‚Verwendungsweise eines Ausdrucks‘77 das an Fragen der Metapherntheorie angrenzende Polyvalenzproblem, das er unter der Perspektive der Vermeidung von Mehrdeutigkeiten angeht. Das Erkennen von Mehrdeutigkeiten sei sowohl im Kontext der dialektischen Disputation als auch bei der Anwendung dialektischer Prinzipien im Rahmen von Gerichtsverhandlungen von großer Wichtigkeit. Aristoteles erörtert das Verfahren, die verschiedenen Verwendungsweisen eines Ausdrucks zu bestimmen,78 als ‚zweites Werkzeug der Deduktion‘. Sich mit den Verwendungsweisen der Ausdrücke zu beschäftigen, sei der Klarheit des Ausgesagten nützlich und lenke das argumentatorische Schlussverfahren auf die Sache;

79

image

Auch wenn bei Aristoteles das Ziel der sprachlichen und gedanklichen Präzision und der Verständnissicherung im Vordergrund steht, erörtert er in diesem Zusammenhang zugleich, warum Sprache diese Präzision und Sicherheit eben nicht bietet, sondern, soweit der Verständigungsprozess nicht durch ausdrückliche Kontrollmechanismen abgesichert wird, Mehrdeutigkeiten und Unschärfen Raum lässt.←49 | 50→

Die von Aristoteles beschriebenen Verfahren, einen Ausdruck auf Mehrdeutigkeit zu überprüfen, sind im Folgenden noch eingehender zu erörtern. Jedoch kann hier bereits festgehalten werden, dass sich Aristoteles damit auf sprachtheoretisches Terrain begibt. An literarischen Texte, denen gegenüber der Alltagssprache eine bis zur Polyvalenz (Vieldeutigkeit) erhöhte Mehrdeutigkeit zugesprochen wird, wäre umgekehrt gerade das spielerische Ausschöpfen der in der Sprache angelegten Mehr- und Vieldeutigkeiten zu beobachten. Dies führt dann, auf verschiedenen Wegen, auch wieder zu Metapher und Metapherntheorie.

Quintilian hält für die Dichtung einen anderen, komplizierteren Gleichnis- und Metapherngebrauch für angemessen als für die Rede. Bildliche bzw. uneigentliche Ausdrücke, denen aufgrund ihrer Komplexität nicht mehr so leicht zu folgen ist, die somit kein rasches, erhellendes Schlaglicht auf die behandelte Sache werfen, haben ihren Platz eher in der Dichtung als in primär argumentierenden Texten wie der Rede.80 Dies heißt aber nicht, und so ist m. E. Quintilian auch nicht zu verstehen, dass eine ‚dunkle‘ oder ‚harte‘81 Verwendung von Bildlichkeit prinzipiell keinen kognitiv-argumentatorischen Wert haben kann. Gerade im Kontext von Lyrik könnte man von einer verdichteten, verlangsamten, intensivierten, vielstimmigen Form der Argumentation sprechen, die schon aus sich selbst heraus mit dem Aufspüren von Mehrdeutigkeiten und weit hergeholten Ähnlichkeiten zu tun hat.

Hier ergeben sich erneut Anknüpfungspunkte an Richards’ prototypische Interaktionstheorie und seine Überlegungen bezüglich des Phänomens der ‚Ko-Präsenz‘ oder ‚Kooperation‘ von wörtlicher und bildlicher Ebene der Metapher:

„Auf die einfachste Formulierung gebracht, bringen wir beim Gebrauch einer Metapher zwei unterschiedliche Vorstellungen in einen gegenseitigen aktiven Zusammenhang, unterstützt von einem einzelnen Wort oder einer einzelnen Wendung, deren Bedeutung das Resultat der Interaktion beider ist.“82

Dementsprechend ergebe „erst die Ko-Präsenz von Vehikel und Tenor eine (eindeutig vom Tenor unterschiedene) Bedeutung […], die ohne die Interaktion beider nicht zu erreichen wäre.“83 Hinweise auf den Mehrwert des metaphorischen←50 | 51→ Ausdrucks gegenüber dem wörtlichen finden sich bei Quintilian, bezogen auf diejenigen Metaphern, die keine Katachresen sind: Grund für die Wahl einer Metapher sei dann, dass die übertragene Bedeutung besser (melius) – d. h. bezeichnender (significantius) oder schöner (decentius) – sei als die eigentliche;84 die Metapher müsse, „wenn sie auf einen Platz kommt, der einem anderen gehört, mehr leisten als das, was sie verdrängen will (si in alienum venit, plus valere eo, quod expellet).“85 Daran knüpft sich bei Quintilian aber noch nicht die Vorstellung, dass dieser Mehrwert darin bestehen könnte, dass in der Metapher mehrere Vorstellungen gleichzeitig präsent sind und miteinander kooperieren und interagieren. Eine solche Idee formuliert er ansatzweise bezüglich der Synekdoche: Diese vermöge

„Abwechslung in die Rede zu bringen, so daß wir bei einem Ding an mehrere denken, bei einem Teil an das Ganze, bei der Art an die Gattung, bei dem Vorausgehenden an das Folgende (haec variare sermonem potest, ut ex uno plures intellegamus, parte totum, specie genus, praecedentibus sequentia)“86.

Richards verwendet die Termini ‚Ko-Präsenz‘, ‚Kooperation‘ und ‚Interaktion‘ eng aufeinander bezogen; aus systematischen Gründen könnte man jedoch zwischen diesen Termini unterscheiden. Ko-Präsenz bedeutet noch nicht zwingend Interaktion, Interaktion wiederum ist nicht identisch mit Kooperation. Hierbei wäre zunächst zu trennen zwischen einem auf Basis der Ko-Präsenz durch Kooperation erreichten Synthese-Effekt und einer ‚reinen‘ Ko-Präsenz, d. h. einem autonomen Nebeneinander-Bestehen verschiedener Vorstellungen. Des Weiteren wäre zu fragen, ob die Vorstellungen sich miteinander zu einem Ganzen, einer Synthese verbinden (Kooperation) oder ob eher von einer prozesshaften, im Fluss befindlichen, tendenziell unabgeschlossenen Interaktion der Vorstellungen auszugehen ist. Ko-Präsenz würde bedeuten, dass Metaphern so etwas wie Schaltstellen übereinander gelagerter Bedeutungsebenen sind; Interaktion hieße, dass diese (in ihrem Verhältnis zueinander ggf. widersprüchlichen) Bedeutungsebenen z. B. dialogisch in Beziehung gesetzt werden können. Für den für die vorliegende Untersuchung wichtigen Zusammenhang von Dichtung und Argumentation würde dies im extremsten Fall bedeuten, dass die Metapher als verdichtete Form einer unabgeschlossenen und somit ergebnisoffenen Argumentation bzw. Diskussion, als sozusagen innerer (im metaphorischen Ausdruck selbst angelegter und vom Rezipienten zu entfaltender) Dialog betrachtet werden kann. Selbstverständlich←51 | 52→ ist die diesen gedanklichen Prozess regulierende Bedeutungs- und Rezeptionslenkung durch den sprachlichen Kotext zu berücksichtigen, jedoch entzieht sich gerade poetisches Sprechen einer solchen Reglementierung.87←52 | 53→


1 In einem humorvollen Essay mit dem Titel „Die gute alte Zeit“ ist Delbrück rückwärtsschreitend von den Zeitklagen und laudationes temporis acti seiner Gegenwart aus der Frage nachgegangen: „Wann war sie, die gute alte Zeit?“ (Delbrück 1905, S. 181) – und hat letztere dabei (erwartungsmäß) nicht gefunden, sondern stattdessen immer neue topische Verweise auf dieselbe.

2 „Melerantz von Frankreich“ 2011, S. 1, V. 22–27.

3 Ebd., V. 8.

4 Vgl. ebd., V. 28–37.

5 Vgl. Art. „Inferenz“ in: Bußmann 1990, S. 335.

6 Vgl. Schmidt-Biggemann 2000, S. 245.

7 Zur Frage nach dem Realitätsgehalt des Natureingangs bei Neidhart haben Bein und J.-D. Müller gegensätzliche Positionen formuliert: Die meisten Natureingänge in Liedern Neidharts werden vom Sänger-Ich artikuliert, haben einen ausdrücklich deiktischen Charakter und arbeiten mit Publikumsapostrophen bzw. dem das Publikum einbeziehenden „uns“, entsprechen also der von Bein angenommenen typischen kommunikativen Struktur von Minneliedern mit Jahreszeitentopos. Für so strukturierte Lieder geht Bein, in Anlehnung an Adam und Händl, davon aus, dass die Erwähnung der Jahreszeit „Signal für außerliterarische Gegebenheiten [sei], an denen Sänger und Publikum hic et nunc partizipieren.“ Er könne sich „nicht vorstellen, daß ein solches ‚Sommerlied‘ im Herbst oder Winter zum gesellschaftlichen Vortrag kommen konnte […]. Eine ‚stille‘ Leserezeption verändert freilich die pragmatische Situation nicht unwesentlich“ (Bein 1995, S. 223). Laut Müller hingegen appelliere der Zeigegestus der Neidhartschen Natureingänge „nicht an die allen präsente alltagsweltliche Erfahrung, sondern an die Imagination. Dem Jahreszeitentopos geht, indem er Basis typenmäßiger Differenzierung des Liedcorpus wird, der alltagsweltliche Referenzbezug verloren“ (J.-D. Müller 1995a, S. 35). Eder gibt grundlegend zu bedenken, dass ein „bereits vor dem Minnesang verdichtetes Saisonalitätskonzept der höfischen Kultur so nirgendwo belegt“ (Eder 2016, S. 350) sei und somit aus dem Minnesang abgeleitet werden müsse; dementsprechend bestehe die Gefahr, „dass wir – selbst in den Fällen von Liedern, die solche vorgängigen Gesellschaftskonzepte durchaus suggerieren – bei dem Konnex dieser textinternen Entwürfe mit den soziokulturellen Struktierungsmustern […] den argumentativen Strategien der Texte auf den Leim gehen“ (ebd.).

8 Curtius 1965, S. 93.

9 Ebd., S. 95.

10 Siehe zu den von Cicero verwendeten Metaphern der loci, an denen sich die Argumente versteckt halten, und der sedes argumentorum Schirren 2000, S. xxvi.

11 Schmidt-Biggemann 2000, S. 245. Diese Finalität wird in Curtius’ oben zitierten Ausführungen zum Bescheidenheitstopos deutlich.

12 Bornscheuer 1976, S. 98.

13 Ebd., S. 98 f.

14 Ebd., S. 99.

15 Vgl. Sprute 1982, S. 49.

16 Ebd., S. 54; vgl. hierzu Aristoteles: Topik, VIII, 14 [1636b] u. Wagner/Rapp: Einleitung zu Aristoteles 2004, S. 36.

17 Bornscheuer 1976, S. 98.

18 Ebd., S. 99.

19 Quintilian, V, 10, 109 f.

20 Siehe zum Selbstzweck poetischer Texte Helmstetter 1995, S. 33 f.

21 Ebd., S. 34; das folgende Zitat ebd.

22 Jannidis 2003, S. 324.

23 Bornscheuer 1976, S. 33.

24 Ebd., S. 34.

25 Ebd., S. 43; vgl. ebd., S. 98.

26 Wolf 1989, S. 6.

27 Ebd., S. 10.

28 Ebd., S. 6.

29 Ebd., S. 3.

30 So schreibt Wolf z. B., Friedrich von Hausen habe der schon klischeehaft verfestigten huote „überraschende und neue Aspekte“ abgewonnen, dies (technisch) u. a. durch „das simple Verfahren, etwas in sein Gegenteil zu verkehren. […] Was der ‚normale‘ Minnesänger fürchtet, eben die huote, stellt sich für Hausen anders dar. Er sagt, er wäre glücklich, wenn er unter der huote zu leiden hätte, denn dann könnte er vielleicht hoffen, einen Gunsterweis der Dame zu erhalten.“ (ebd., S. 8). Man könnte auch formulieren, dass aus dem huote-Thema und den damit verbundenen allseits bekannten Vorstellungen verschiedene Argumente ableitbar sind, die huote-Vorstellung somit in verschiedenen Kontexten unterschiedlich entfaltet werden kann und dabei auch gedankliche Neuverknüpfungen entstehen: huote kann ursächlich für das ebenfalls topische Minneleid verstanden werden, was einem Gemeinplatz entspräche; dieser Gemeinplatz kann aber auch argumentatorisch neu gewendet werden. Das Ableiten von Prämissen aus den Gegenteilen (anscheinend) anerkannter Meinungen gehört zu den zentralen Techniken, die Aristoteles in Hinsicht auf das Erfassen von Prämissen nennt (siehe Aristoteles: Topik, I, 14 [105 a-b]).

31 Siehe hierzu Bein 2002, bes. S. 75 ff., Scholz 1989.

32 Zymner 2003, S. 142.

33 Zymner 1995, S. 162; die beiden folgenden Zitate ebd.

34 Röska-Hardy 1995, S. 142.

35 Bornscheuer 1976, S. 96; die folgenden Zitate ebd.

36 Schmidt-Biggemann 2000, S. 246; vgl. Bornscheuer 1976, S. 101.

37 Schmidt-Biggemann 2000, S. 246.

38 Bornscheuer 1976, S. 103; das folgende Zitat ebd.

39 Dies betrifft sowohl die Übersetzung von einer Sprache in eine andere wie auch das ‚Übersetzen‘ eines Sprichworts in ein anderes derselben Sprache, z. B. zwecks der Verdeutlichung des damit Ausgesagten sowie zur gegenseitigen Bestärkung und damit Festigung des Arguments. Beispiele für die poetisch-argumentative Anwendung dieses Übertragungsvorgangs finden sich in Oswalds Lied Kl 10; in der vierten Strophe werden nahezu bedeutungsgleiche Sätze, die in Hofmeisters Übersetzung als Phraseologismen gekennzeichnet sind (siehe Oswald von Wolkenstein 2011, S. 33) in unterschiedlicher Ausformulierung nebeneinander gestellt: Und sich das guet zu argem bald verwandelt (Str. IV, V. 5) entspricht inhaltlich dem direkt darauf folgenden und arg zu guetem selden widerhandelt (Str. IV, V. 6); in der Formulierung unterschiedlicher sind die folgenden beiden Stellen: seid das all sach zu diser welt | kain wesen stät befleusset (Str. IV, V. 3 f.) und Hie ist gewesen, hie ist nicht (Str. IV, V. 9), die sich in der Kernaussage dennoch gleichen.

40 Bubner 1990, S. 64.

41 Vgl. Zymner 1995, S. 160; ders., 2003, S. 144.

42 Mit ‚zwanglos‘ beschreibt Black ein ähnliches Rezeptionsphänomen wie oben Schmidt-Biggemann mit ‚Selbstverständlichkeit‘.

43 Black 1983, S. 70 f.

44 Zymner 1995, S. 159.

45 Barthes 1988, S. 68.

46 Black 1983, S. 72.

47 Vgl. ebd.

48 Radman 1995, S. 132.

49 Ebd., S. 133.

50 Ebd., S. 134.

51 Vgl. Aristoteles: Topik, I, 13 [105a].

52 Vgl. Aristoteles: Topik, I, 17 [108a].

53 Ebd.

54 Siehe etwa Aristoteles’ Behauptung, dass das Gleichnis der Metapher im Wesentlichen gleichzustellen sei und man aus jedem Gleichnis eine Metapher machen könne und umgekehrt, wobei er sich speziell auf die Art der aus der Analogie gebildeten Metapher bezieht, vgl. Aristoteles: Rhetorik, III, 4, 1 u. 3 [1406b-1407a], III, 10, 3 [1410b] u. III, 11, 11 [1412b]; siehe auch Aristoteles: Poetik, 22 [1459 a], vgl. dazu Fuhrmann 1992, S. 48; Quintilian (VIII, 6, 52) weist auf die Verwendbarkeit des Beispiels als Allegorie hin, wenn man es, ohne vorher den Sinn zu nennen, anführe.

55 Wagner/Rapp: Einleitung zu Aristoteles 2004, S. 27.

56 Quintilian, VIII, 6, 8.

57 Vgl. Aristoteles: Rhetorik, II, 20, 2 [1393a], II, 20, 9 [1394a]; Quintilian V, 11, 1, V, 11, 6, VIII, 3, 72.

58 Aristoteles: Rhetorik, II, 20, 2 [1393a].

59 Vgl. Aristoteles: Rhetorik, I, 2, 8 [1356b].

60 Vgl. Aristoteles: Rhetorik, I, 20, 9 [1394a].

61 Vgl. Quintilian, VIII, 3, 72.

62 Quintilian, VIII, 3, 73.

63 Vgl. Quintilian, VIII, 3, 72 u. 74.

64 Vgl. Cicero: De oratore, III, 295.

65 Quintilian, VIII, 3, 74.

66 Ebd.; Quintilian unterscheidet den Gleichnisgebrauch in der Rede von dem in der Dichtung; schwer zu verstehende, dunkle Gleichnisse seien der Dichtung vorbehalten, weil sie die Rede nicht erhellen würden (vgl. Quintilian, VIII, 3, 73 f.).

67 Siehe Zymner 1995, S. 159 f.; mit dieser terminologischen Unterscheidung werden problematische Abgrenzungen zwischen ‚sprachlich‘ und ‚außersprachlich‘, wie sie Röska-Hardy (1995) bei ihrem der Sprechakttheorie verpflichteten Ansatz vornimmt, vermieden.

68 Vgl. Black 1983, S. 58.

69 Zymner 1995, S. 160.

70 Richards 1983, S. 35.

71 Lausberg 1963, S. 133, § 400.

72 Siehe ebd., S. 133 ff., §§ 400–406.

73 Aristoteles: Poetik, 22 [1459 a].

74 Richards 1983, S. 31 f.

75 Entsprechend könnte man eine auf Ähnlichkeiten abzielende Suchbewegung beim Rezeptionsvorgang (Aristoteles, Poetik) und eine Suchbewegung beim Rezeptionsvorgang (moderne Metapherntheorie) unterscheiden.

76 Den Terminus ‚homonym‘ image verwendet Aristoteles: Topik, I, 15 [107a] u. VIII, 2 [157b].

77 Siehe hierzu besonders das gesamte fünfzehnte Kapitel des ersten Buchs von Aristoteles’ Topik.

78 Vgl. Aristoteles: Topik, I, 13 [105a]

79 Aristoteteles: Topik, I, 18 [108a].

80 Vgl. Quintilian, VIII, 6, 17 f.

81 Übermäßiger Metapherngebrauch bewirke eine Verdunkelung der Rede und laufe schließlich auf Allegorie oder Rätsel hinaus (Quintilian, VIII, 6, 14), als harte (durae) Metaphern bezeichnet Quintilian solche, „die aus einer zu weitläufigen Ähnlichkeit gewonnen sind, so etwa ‚des Hauptes Schnee‘ (id est a longinqua similitudine ductae, ut capitis nives)“ (Quintilian, VIII, 6, 17).

82 Richards 1983, S. 34.

83 Ebd., S. 39 f.

84 Vgl. Quintilian, VIII, 6, 5 f.

85 Quintilian, VIII, 6, 18.

86 Quintilian, VIII, 6, 19.

87 Zu denken wäre etwa an die kontroversen Interpretationen, die das bilde in Walthers ‚Alterston‘ Ir reiniu wîp, ir werden man (Bein, Ton 43 / L 66,21) angestoßen hat: „Die Waltherphilologie hat u. a. vorgeschlagen: die Seele, das Herz, den Leib, das Fleisch, den Teufel, die Welt, die Gesellschaft, die Geliebte“ (Knapp 1993, S. 74). Knapp schreibt, bevor er zu seiner Auslegung des bilde als Götzenbild gelangt: „Selbst wenn Walther den so vieldeutigen Begriff bilde gewählt haben sollte, um damit zugleich Frau, Mensch, Natur und Welt und den eigenen Leib erfassen zu können […]“ (ebd., S. 78). Dieser Gedanke, von Knapp unter starkem Vorbehalt fomuliert, behandelt indirekt das Problem der in Metaphorik angelegten Mehrstimmigkeit bzw. Bedeutungsüberlagerung. Das Moment der Autorintention, die Knapp einbezieht, erscheint in diesem Zusammenhang irrelevant, weil auch der Autor letztlich einen Interpretenstatus hat. Selbstverständlich ist er verantwortlich für die „Wahl dieses in keiner Interpretation auszuschöpfenden ‚Bildes‘“ (ebd., S. 79), damit geht jedoch nicht die Möglichkeit einer klaren Fixierung einer oder mehrerer Bedeutungen einher. Zu beobachten ist, dass die Metapher bilde zwischen verschiedenen Bedeutungssträngen des Lieds vermittelt, diese sozusagen zusammenführt und bündelt.