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Arbeitsmarktmobilität in höherem Lebensalter

Eine empirische Untersuchung gelungener betrieblicher Wechsel und Reintegrationen

Martina Kattein

Die Autorin erforscht in ihrem Buch betriebliche Wechsel und Reintegrationen in Erwerbsarbeit, die Erwerbspersonen in höherem Lebensalter gelungen sind. Die Studie zielt insbesondere darauf, die Qualität der neu aufgenommenen Stellen zu ermitteln und Vorgehensweisen der Erwerbspersonen bei der Stellensuche sowie ihre Handlungsmodi mit der Umbruchphase in höherem Lebensalter zu identifizieren. Zudem werden Einstellungskriterien von Unternehmen untersucht. Basierend auf qualitativen Interviews verdeutlichen die Ergebnisse eine große Heterogenität in den Vorgehensweisen und Handlungsmodi der Erwerbspersonen in der Umbruchphase in höherem Lebensalter. Für einige Handlungsebenen werden Möglichkeiten zur Unterstützung von Erwerbsbiografien in höherem Lebensalter aufgezeigt.

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4 Erwerbsbiografisch orientiertes Handeln älterer Erwerbspersonen

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4 Erwerbsbiografisch orientiertes Handeln älterer Erwerbspersonen

Ziel dieses Kapitels ist es, verschiedene, vorrangig soziologische und erziehungswissenschaftliche theoretische Ansätze, Diskurse und Forschungsperspektiven daraufhin zu prüfen, inwieweit sie für eine Analyse des Handelns in einer Umbruchphase in höherem Lebensalter mit gelungenen75 betrieblichen Wechseln und Reintegrationen fruchtbar gemacht werden können. Eine detaillierte Auseinandersetzung mit der Fülle diverser Handlungstheorien und ihrer Ausdifferenzierungen kann hier jedoch nicht geleistet werden.

Wie ist Handeln begrifflich-konzeptionell zu verorten? Wie erklärt sich Handeln? In welchem Verhältnis stehen Handeln und Struktur, Individuum und Gesellschaft? Unter diesen Fragestellungen werden in Kap. 4.1 handlungstheoretische Diskurse geprüft. Herangezogen werden hierfür ausgewählte Entwicklungen innerhalb der soziologischen Handlungstheorie (Kap. 4.1.1), handlungstheoretische Implikationen aus den Diskursen zur Theorie der reflexiven Modernisierung (Kap. 4.1.2) sowie aus den Diskursen der Biografieforschung (Kap. 4.1.3).

Gibt es spezifische Rahmungen, Determinanten und Aspekte des Handelns in höherem Lebensalter, die es zu berücksichtigen gilt? Eine Antwort auf diese Fragen wird in Kap. 4.2 zum einen unter Prüfung der Diskurse der Alternssoziologie (Kap. 4.2.1) versucht. Zum anderen werden zentrale Handlungsdimensionen aus der Perspektive des höheren Lebensalters in Anlehnung an Rosenmayr inhaltlich gefüllt (Kap. 4.2.2).

Wie Handeln im erwerbsbiografischen Kontext zu konkretisieren ist, wird in Kap. 4.3 analysiert. Nach einer begrifflichen Klärung werden mögliche Ausdifferenzierungen erwerbsbiografisch orientierten Handelns anhand verschiedener, in empirischen Studien entwickelter Typologien aufgezeigt und im Hinblick auf ihre Nutzbarkeit für die vorliegende Forschungsarbeit diskutiert (Kap. 4.3.14.3.5). In einem abschließenden Resümee werden die zentralen Ergebnisse dieses Kapitels zusammengefasst und diskutiert (Kap 4.4).

4.1 Handlungstheoretische Diskurse

In diesem Kapitel wird eine begrifflich-konzeptionelle Klärung des Handlungsbegriffs vorgenommen und nach Parametern des Handelns gefragt, insbesondere nach dem Verhältnis von Handeln und Struktur, Individuum und Gesellschaft. Unter diesen Fragestellungen werden handlungstheoretische Diskurse mit Blick auf die hier interessierende Thematik geprüft: Ausgehend von dem Weber’schen Handlungsbegriff und dem Sinnbegriff nach Schütz werden ausgewählte Entwicklungen innerhalb der soziologischen Handlungstheorie nachgezeichnet. Hierbei wird ein Schwerpunkt auf die Theorie der Strukturation nach Giddens sowie jüngere Ausdifferenzierungen der Handlungstheorie gelegt (Kap. 4.1.1). Handlungstheoretische Implikationen, die aus den Diskursen zur Theorie der reflexiven Modernisierung nach Beck, Giddens und Lash ableitbar sind, werden im Folgenden ausgeführt. Näher eingegangen wird hierbei auf Untersuchungen zu biografischer Sicherheit sowie auf Deutungs- und Handlungsmuster bei erwerbsbiografischen Entscheidungen, in deren Rahmen jeweils Typologien entwickelt und empirisch geprüft wurden (Kap. 4.1.2). Weitere handlungstheoretische Implikationen werden aus den Diskursen der Biografieforschung ermittelt. Nach Erörterung der Kontroverse, ob es sich bei den auch in der Biografieforschung anzutreffenden unterschiedlichen Ausdeutungen des Verhältnisses ‚Individuum und Gesellschaft‘ um lediglich unterschiedliche Forschungsperspektiven oder um verschiedene Theorieansätze handelt, wird die soziologische Biografieforschung näher vorgestellt. Im Mittelpunkt steht hierbei das nach wie vor prägende Lebenslaufkonzept nach Kohli. Aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive wird insbesondere auf Schulze sowie Alheit und Dausien Bezug genommen. Das Konzept der Prozessstrukturen nach Schütze bildet einen weiteren Schwerpunkt. (Kap. 4.1.3)

4.1.1 Ausgewählte Entwicklungen innerhalb der soziologischen Handlungstheorie

Eine grundlegende Definition zum Handlungsbegriff entwickelte Max Weber:

„‘Handeln‘ soll dabei ein menschliches Verhalten (einerlei ob äußeres oder innerliches Tun, Unterlassen oder Dulden) heißen, wenn und insofern als der oder die Handelnden mit ihm einen subjektiven Sinn verbinden. ‚Soziales Handeln‘ aber soll ein solches Handeln heißen, welches seinem von dem oder den Handelnden gemeinten Sinn nach auf das Verhalten anderer bezogen wird und daran in seinem Ablauf orientiert ist.“ (Weber 1925, S. 1)

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Soziales Handeln wie auch Handeln allgemein kann nach Weber zweckrational, wertrational, affektuell oder traditional bestimmt sein. Weber verweist jedoch zugleich darauf, dass diese Klassifikation nicht erschöpfend alle Arten der Orientierung des Handelns ausweist und idealtypisch zu verstehen ist, d.h. dass sich das reale Handeln diesen Typen mehr oder weniger annähert und überwiegend auch aus mehreren Typen mischt. Irrationales Handeln kann nach Weber zwar sinnhaft und verstehbar sein, wird von ihm aber aus forschungsmethodischen Gründen als „Ablenkungen“ und „Abweichungen“ von zweckrationalem Handeln gefasst – dies dürfe aber nicht als „Glaube(n) an die tatsächliche Vorherrschaft des Rationalen über das Leben umgedeutet werden“ (Weber 1925, S. 3). Auch zum Sinnbezug des Handelns betont Weber die Differenz zwischen den idealtypischen konstruktiven Begriffen und dem realen Handeln:

„Das reale Handeln verläuft in der großen Masse seiner Fälle in dumpfer Halbbewußtheit oder Unbewußtheit seines ‚gemeinten Sinns‘. Der Handelnde ‚fühlt‘ ihn mehr unbestimmt als daß er ihn wüßte oder ‚sich klar machte‘, handelt in der Mehrzahl der Fälle triebhaft oder gewohnheitsmäßig. Nur gelegentlich, und bei massenhaft gleichartigem Handeln oft nur von Einzelnen, wird ein (sei es rationaler, sei es irrationaler) Sinn des Handelns in das Bewußtsein gehoben. Wirklich effektiv, d.h. voll bewußt und klar sinnhaftes Handeln ist in der Realität stets nur ein Grenzfall.“ (Weber 1925, S. 10)

Rosenmayr kritisiert an Webers Handlungsbegriff u.a. die hier fehlende Verbindung zur Lernkapazität und den von Weber konzipierten Norm- und Wertbezug des Handelns, in dessen Folge Triebhaftigkeit, insbesondere Sexualität von Weber als „sinnfremde Gegebenheit“ und „Konstellation von Faktizitäten“ außerhalb des Handlungsansatzes verortet würden (Rosenmayr 1989, S. 153, 161). Demgegenüber argumentiert Rosenmayr:

„(…) gerade in der Auseinandersetzung mit körperlichen, gesundheitlichen, triebhaften, sozialen und ökonomischen ‚Faktizitäten‘, die im historischen Kontext gelagert sind, vollzieht sich der Aufbau oder liegt die Aufrechterhaltung von Handlungsfähigkeit.“ (Ders. 1989, S. 161)

Wenngleich die von Weber vorgenommene Hervorhebung des sinnhaften, insbesondere zweckrationalen Handelns sowie die Ausweisung der vier Handlungsorientierungen im Rahmen der handlungstheoretischen Weiterentwicklungen zu Recht infrage gestellt, ergänzt und ausdifferenziert wurden (s.u.), so wird Webers Handlungsbegriff in seiner Rezeption häufig unzulässig verkürzt und seine o.g. Einschränkungen, z.B. in Bezug auf die Marginalität zweckrationaler Begründungen im realen Handeln sowie die nur idealtypisch und keine Vollständigkeit beanspruchenden vier Handlungsorientierungen, außer Acht gelassen.

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Eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem bei Max Weber angelegten Sinn-Begriff und in Abgrenzung zu diesem nimmt Alfred Schütz vor.76 Schütz unterscheidet zwischen dem Sinn einer Handlung in dem der Handlung vorab konstituierten Handlungsentwurf und dem Sinn einer vollzogenen Handlung. In beiden Fällen erfolgt die „reflexive Zuwendung“ zu dem Sinn des Handelns aus einem jeweiligen „Jetzt und So“, das sich im Zeitverlauf zwischen dem Entwurf einer Handlung und dem Rückblick auf eine vollzogene Handlung allein aufgrund der zwischenzeitlich eingetretenen Erlebnisse jeweils verändert. (Vgl. Schütz 2004, S. 164–166.)

Der Sinn des Handelns definiert sich nach Schütz über die „Um-zu-Motive“, die das Handeln aufgrund des Entwurfs motivieren. Als Beispiel benennt er das Aufspannen eines Regenschirms, um nicht nass zu werden. Schütz unterscheidet hiervon die Weil-Motive, die aufgrund vorangegangener Erlebnisse zur Konstituierung eines Entwurfs motivieren – z.B. weil es regnet, einen Schirm aufzuspannen oder als alternativen Entwurf, einen trockenen Ort aufzusuchen. Weil-Motive stellen somit nicht den Sinn des Handelns, sondern die Genese seines Entwurfs dar und sind insofern auch erst rückblickend als solche erkennbar. (Vgl. Schütz 2004, S. 195–209.) An Weber kritisiert Schütz u.a., dass er weder die Unterscheidung zwischen den Um-zu- und den Weil-Motiven noch diejenige nach dem Sinn im Handlungsentwurf und dem Sinn nach Handlungsvollzug berücksichtigt hat (vgl. ebd., S. 166, 196).

Durch die Heraushebung und Umgrenzung eines Erlebnisses in der reflexiven Zuwendung erhält dieses seinen Sinn, das Sinnhafte liegt „nur in dem Wie der Zuwendung auf dieses Erlebnis“. Dessen erzeugende Aktivität erscheint als sinnhaftes Verhalten. Wird der reflexive Blick auch auf den vorhergehenden Handlungsentwurf gerichtet, dann erscheint die das Erlebnis erzeugende Aktivität als sinnhaftes Handeln. (Vgl. ebd., S. 172–175, Zitat S. 172.) Die Art der Zuwendung unterliegt dabei „attentionalen Modifikationen“, die „das jeweilige Jetzt und So mitkonstituiert“ und umgekehrt in ihrer Modifikation auch vom jeweiligen Jetzt und So abhängt (vgl. ebd., S. 175–179).

Als Deutung eines Erlebnisses definiert Schütz „den Prozeß der Einordnung eines Erlebnisses unter die Schemata der Erfahrung durch synthetische ←129 | 131→Rekognition“ und meint damit die „Rückführung von Unbekanntem auf Bekanntes“. Erfahrungsschemata bezeichnet Schütz insofern auch als Deutungsschemata. Ist eine Rekognition nicht möglich, weil ein neues Erlebnis keinem Erfahrungsschema zugeordnet werden kann, werden die verfügbaren Erfahrungsschemata selbst zu einem Problem.77 (Vgl. ebd., S. 192 f.) In einer späteren Arbeit führen Schütz & Luckmann aus, dass das Handeln in jeder Situation erfordert, diese mithilfe des Wissensvorrats zu bestimmen, über den das Subjekt aufbauend auf sedimentierten Erfahrungen verfügt. In „Routine-Situationen“ erfolgt deren Bestimmung automatisch. Nur soweit in diesem Prozess offene und als relevant eingeschätzte Elemente verbleiben, müssen diese bewusst mit dem bestehenden Wissensvorrat geprüft werden. Falls dieser keinen als ausreichend befundenen Klarheitsgrad ermöglicht, müssen die offenen Elemente weiter ausgelegt und somit alte Wissenselemente erweitert bzw. neue Wissenselemente erworben werden oder gar neue Deutungsschemata entworfen werden. Letzteres bezeichnen Schütz und Luckmann jedoch lediglich als theoretischen Grenzfall, da auch für die Auslegung offener Elemente vorhandene Deutungsschemata genutzt werden (vgl. Schütz & Luckmann 1979, S. 133, 148–151).

Anknüpfend an die Weber’sche Fokussierung auf zweckrationales Handeln entwickelt sich die „Rational-Choice“-Theorie zum dominierenden theoretischen Ansatz innerhalb der soziologischen Handlungstheorie und wird begrifflich teils sogar synonym zur Handlungstheorie bezeichnet (vgl. Miebach 2006, S. 16). Die Rational-Choice-Theorie bezieht sich in ihrem Kern auf das individuelle Entscheidungsverhalten und seine Orientierung an der Nutzenmaximierung für das handelnde Subjekt, die als „universelles Prinzip jenseits von sozialen Kontexten und Wertgemeinschaften“ gilt (Miebach 2006, S. 399).

Innerhalb der Rational-Choice-Theorie haben sich unterschiedliche Ansätze herausdifferenziert: Neben einer an „Rational-Choice“-festhaltenden Orientierung wird, u.a. von Elster, auch nicht-rationales, z.B. altruistisches oder emotionales, Handeln untersucht; der spieltheoretische Ansatz geht über den Rahmen des individuellen Entscheidungshandelns hinaus und bezieht auch kooperatives Verhalten mit ein; der Ansatz der Bounded Rationality schließlich gibt die Prämisse der vollständigen Information auf und untersucht Entscheidungsverhalten ←130 | 132→unter Unsicherheitsbedingungen (vgl. Miebach 2006, S. 31, 399 f.). Die Rational-Choice-Theorie erscheint indes kaum tragfähig für die Beobachtung erwerbsbiografisch orientierten Handelns, das vielmehr in seinem Beziehungsgeflecht von Erfahrungen, Rahmungen etc. zu kontextualisieren ist (vgl. Kap. 4.1.3).

Neben der Rational-Choice-Theorie stellen insbesondere der an Schütz anknüpfende Sozialkonstruktivismus nach Berger und Luckmann, die Systemtheorie nach Luhmann sowie die Strukturationstheorie nach Giddens weitere einflussreiche Strömungen innerhalb der Handlungstheorie dar (vgl. Miebach 2006). Letztere bietet insbesondere in der Bestimmung des Verhältnisses von Individuum und Gesellschaft passende Anknüpfungspunkte für die hier untersuchten Fragestellungen und wird im Folgenden näher vorgestellt.78

Die von dem britischen Soziologen Anthony Giddens entwickelte Theorie der Strukturation stellt nach Miebach ein neues Paradigma in der Soziologie dar, das sich neben den Paradigmen der Systemtheorie, der interpretativ-interaktionistischen Theorie und der Rational-Choice-Theorie etablieren konnte. Der Begriff der Strukturation leitet sich aus der Kombination von Struktur und Handlung („action“) ab (vgl. Miebach 2006, S. 376).

Giddens grenzt sich sowohl gegen den Subjektivismus, als auch gegen den Objektivismus bzw., wie Joas formuliert, gegen Voluntarismus und Determinismus ab (vgl. Giddens 1995, S. 34, Joas 1995, S. 14). Als Kern der Strukturationstheorie benennt Giddens die Konzepte Struktur, System und „Dualität von Struktur“. Struktur definiert er als Regeln und Ressourcen, die als Momente sozialer Systeme organisiert sind. Als System bezeichnet er reproduzierte Beziehungen zwischen Akteuren oder Kollektiven, die als regelmäßige soziale Praktiken organisiert sind (vgl. Giddens 1995, S. 67, 77). Das dritte benannte Konzept, die Dualität von Struktur, führt er wie folgt aus:

„Konstitution von Handelnden und Strukturen betrifft nicht zwei unabhängig voneinander gegebene Mengen von Phänomenen – einen Dualismus –, sondern beide Momente stellen eine Dualität dar. Gemäß dem Begriff der Dualität von Struktur sind die Strukturmomente sozialer Systeme sowohl Medium wie Ergebnis der Praktiken, die sie rekursiv organisieren.“ (Giddens 1995, S. 77)

Die Dualität von Struktur bedeutet somit nicht nur eine Einschränkung für das Handeln, sondern auch dessen Ermöglichung (vgl. Giddens 1995, S. 78). Durch die Postulierung dieser Gleichzeitigkeit von Einschränkung und Ermöglichung lässt Giddens nach Auffassung von Miebach offen, ob das Handeln auf ←131 | 133→der Akteur- oder Systemebene anzusiedeln ist, und vermutet gerade darin eine Begründung für die verbreitete Bezugnahme auf die Strukturationstheorie in der empirischen Forschung (vgl. Miebach 2006, S. 386).

Auf der Ebene des Akteurshandelns konzipiert Giddens ein „Stratifikationsmodell des Handelnden“, wonach drei Dimensionen des Handelns unterschieden werden: Giddens geht davon aus, dass die Akteure ihr Handeln reflexiv steuern und sich damit nicht nur auf ihr eigenes Verhalten, sondern auch auf das anderer Handelnder beziehen („reflexive Steuerung des Handelns“). Unter dem Begriff der „Handlungsrationalisierung“ nimmt Giddens an, dass Akteure routinemäßig für ihre Handlungsgründe ein ‚theoretisches Verständnis‘ entwickeln. Damit ist nicht die Fähigkeit gemeint, Gründe für bestimmte Verhaltensweisen diskursiv explizieren zu können. Die Fähigkeit, auf Nachfrage eine Erklärung für das eigene Handeln abgeben zu können, benennt er jedoch als grundlegendes Kriterium für die Beurteilung von Handlungskompetenz im Alltag. Die „Handlungsmotivation“ bezieht sich im Gegensatz zu den Gründen nicht auf die Ursachen des Handelns, sondern auf die dieses veranlassende Bedürfnisse, und sie wirkt sich im Unterschied zu den beiden vorhergehenden Dimensionen zudem nicht direkt auf das Handeln in seiner Kontinuität aus, sondern auf das Handlungspotential. Hiervon zu unterscheiden sind, unter Verweis auf Schütz, die Motive als Gesamtpläne oder Programme des Handelns, die zudem vielfach unbewusst das Verhalten prägen. Handeln in der „durée des Alltagslebens“ fasst Giddens als intentionales Handeln. Hierbei können jedoch – und dem misst Giddens eine hohe Bedeutung zu – unbeabsichtigte Folgen auftreten, die zudem als unerkannte Bedingungen das weitere Handeln beeinflussen können. Alltagshandeln und Routine bilden einen wichtigen Fokus bei Giddens. (Vgl. ders. 1995, S. 55 ff., 335 ff.)

Somit finden sich auch bei Giddens klare Grenzziehungen des Handelns als intentionales Handeln, in Anerkennung der – bereits bei Weber thematisierten – Relevanz des Routinehandelns sowie weiterer Determinanten, insbesondere der unbeabsichtigten Folgen. Fruchtbar für die vorliegende Forschungsarbeit erscheint indes die in der Giddens’schen Theorie der Strukturation angelegte Verweigerung einer Bevorzugung der subjektiven bzw. der objektiven Ebene. Stattdessen hebt Giddens die Verschränkung von Handelnden und Strukturen als Dualität hervor – wobei er diese aus der Perspektive eines Soziologen als Dualität von Struktur konzipiert.

In Anlehnung und Erweiterung dieser skizzierten Theorieströmungen liegt zudem eine Fülle weiterer Arbeiten vor, die insgesamt als eine zunehmende Ausdifferenzierung der handlungstheoretischen Bezüge und Annahmen bezeichnet werden kann. Ansatzweise lassen sich diese wie folgt umreißen:←132 | 134→

Böhle verweist auf Diskurse um das der Entscheidungssituation zugrunde gelegte Modell der rationalen Entscheidung, die dem Handeln vorausgeht. Hiernach werden auch die Einflussfaktoren auf rationales Handeln in den Blick genommen, z.B. normativ-kulturelle Faktoren, die Begrenzungen rationaler Entscheidung untersucht, wie z.B. die bereits angesprochene bounded rationality, und das rationale Entscheiden ergänzt bzw. substituiert durch z.B. Emotion, Intuition etc. (vgl. Böhle 2009, S. 204, ähnlich: Wilz 2009, S. 112). M.E. wäre in Zuspitzung dieser Diskussion die Rationalitätsanforderung an Entscheidungen per se zu hinterfragen.

Aber auch das Verhältnis von Entscheidung und praktischem Vollzug des Handelns wird in seiner sequenziellen Abfolge zur Disposition gestellt und modifiziert: Dies spiegelt sich nach Böhle in den Konzepten inkrementellen Entscheidens und rekursiver Prozesse aus dem Umfeld der betriebswirtschaftlichen Organisations- und Managementtheorie sowie der Politikwissenschaft wider, weiterhin in den Ansätzen alltäglicher, routinisierter und habitualisierter Praktiken, die im Rahmen der Theories of Practice an Giddens und Bourdieu anknüpfen und die Materialität und Körperlichkeit des Handelns einbeziehen, schließlich in dem Konzept der Kreativität des Handelns nach Hans Joas (vgl. Böhle 2009, S. 204 ff.).

Modifikationen im Verhältnis von Entscheidung und Handeln werden nach Wilz in Verbindung mit dem Verhältnis von Aktion und Interaktion thematisiert: Die konzeptionelle Fassung von Entscheidungen als begrenzter Akt und kognitive Leistung einer einzelnen Person wird infrage gestellt und stattdessen als „Element eines kontinuierlichen Handlungsflusses“ (Wilz 2009, S. 115) und als Prozesshaftigkeit des Entscheidung-Treffens in Interaktion mit anderen handelnden Subjekten und sozialen Zusammenhängen konzipiert.

Wilz formuliert als grundsätzliche Fragestellung:

„Schließen Reflexivität und Gewohnheit, Intention und Impulsivität einander aus – und bilden sie eine klare Linie der Grenzziehung zwischen dem, was als Entscheidung gilt und was nicht? Oder sind die Charakteristika einer Entscheidung als Kontinuum zu denken mit den Polen Bewusstheit, Reflexivität, Intentionalität und Rationalität auf der einen und Unbewusstheit, Routinehaftigkeit und Intuitivität auf der anderen Seite?“ (Wilz 2009, S. 113)

Obgleich Wilz letztlich die Frage unbeantwortet lässt, ob es sich bei dem Rationalitätsgehalt von Entscheidungen um einen lediglich graduellen Unterschied handelt oder ob von zwei Arten von Entscheidungen, nämlich rationalen oder „multizentrischen“, auszugehen ist, erscheint mir das Konzept fließender ←133 | 135→Grenzen deutlich angemessener, um die Komplexität von Entscheidungen und Handlungen erfassen zu können.79

Als Zwischenresümee kann festgehalten werden, dass sich seit der Konzipierung des Handlungsbegriffes bei Max Weber die Handlungstheorie massiv ausdifferenziert hat und selbst grundlegende Annahmen rationalen Handelns infrage stellt.

4.1.2 Handlungstheoretische Implikationen aus den Diskursen zur Theorie der reflexiven Modernisierung

Die Theorie der reflexiven Modernisierung ist eine der gegenwärtig einflussreichen soziologischen Gesellschaftstheorien, die auf Arbeiten von Ulrich Beck, Anthony Giddens und Scott Lash gründet und u.a. in dem von der Ludwig-Maximilians-Universität München koordinierten Sonderforschungsbereich 536 „Reflexive Modernisierung“ fortgeführt wurde.80 Im Folgenden wird die Theorie kurz erläutert und mit einigen kritischen Hinweisen kommentiert, anschließend werden handlungstheoretische Implikationen dieser Theorie für das vorliegende Vorhaben erörtert.

Die Theorie der reflexiven Modernisierung diagnostiziert einen Umbruch innerhalb der seit dem 18. Jahrhundert einsetzenden, international unterschiedlich verlaufenden Modernisierungsprozesse, die als radikalisierte Modernisierung, als Meta-Wandel und Strukturbruch bezeichnet wird. In der bis zum 20. Jahrhundert währenden sog. Ersten Moderne setzte sich demnach eine institutionelle Ordnung durch, die sich durch Dichotomien und Dualismen, durch Eindeutigkeiten und Grenzziehungen (Entweder-Oder-Prinzip) auszeichnete und den Gesellschaftsmitgliedern „einen eindeutigen Platz zuwies“ (Beck, Bonß & Lau 2004, S. 23). Diese institutionellen Grenzziehungen besaßen eine handlungsorientierende Funktion der Zuweisung wie auch Entlastung von Verantwortung sowie eine Standardisierungs- und Normalisierungsfunktion. Abweichungen vom Normalmodell gab es zwar, wurden jedoch, wie z.B. vom ←134 | 136→Normalmodell abweichende Familienformen, nicht anerkannt. Im Zuge der Ersten Moderne bilden sich, verknüpft mit der zunehmenden Globalisierung und Individualisierung, jedoch auch zunehmende Kontingenzen und nicht-intendierte Nebenfolgen, wie z.B. Umweltgefahren, heraus, die eine Selbsttransformation und eine Selbstgefährdung von Modernität bewirken. Uneindeutigkeiten und Ambivalenzen – im Hinblick auf Nationalstaat, Klasse, Familie, Normalbiografie etc. – gewinnen an Bedeutung. Neue Entscheidungszwänge entstehen, zu deren Bearbeitung institutionalisierte Entscheidungskonventionen der Ersten Moderne an Grenzen stoßen und die eine neue Strukturlogik erfordern: Auf institutioneller wie auf individueller Ebene, auf der weltpolitischen Ebene wie auch auf der Ebene von Paarbeziehungen bildet sich eine neue Strukturlogik heraus, die die Dualität der Ersten Moderne mit ihrem Entweder-Oder-Prinzip ersetzt durch das plurale ambivalente Sowohl-als-auch-Prinzip. Dies sind die Konturen der Zweiten Moderne. Im Übergang zur Zweiten Moderne erodieren jedoch die alten Strukturen nicht gänzlich, sondern bestehen – entgegen früherer Annahmen der Theorie reflexiver Modernisierung – teilweise fort. (Vgl. Beck, Bonß & Lau 2004.)

Ohne die Theorie reflexiver Modernisierung an dieser Stelle umfassender diskutieren zu wollen, sei zumindest darauf verwiesen, dass die als neu herausgebildeten nicht-intendierten Nebenfolgen, Uneindeutigkeiten und Strukturlogiken des Sowohl-als-auch-Prinzips durchaus bereits in der sog. Ersten Moderne existent waren, wie z.B. die verheerenden Auswirkungen der Kolonialpolitik oder „Normalitätsmodelle“ von Leben und Arbeiten, die vom bürgerlichen Normalmodell nicht nur u.a. klassen- und geschlechtsspezifisch abwichen – und daraus folgende, durchaus auch als plural und ambivalent anzunehmende Entscheidungs- und Bewältigungsanforderungen stellten –, sondern in ihren Milieus auch auf Anerkennung gestoßen sein dürften. Die klassenübergreifende Leitorientierung des bürgerlichen Kleinfamilienmodells mit nichterwerbstätiger Ehefrau war zudem historisch nur von kurzer Dauer. Zu fragen ist, inwieweit die sog. Erste Moderne in ihrer Komplexität tatsächlich ausreichend differenziert erfasst ist. Wenn z.B. Kleinfamilie und geschlechtsspezifische Arbeitsteilung als einige der Basisinstitutionen der Ersten Moderne bezeichnet werden (vgl. Beck, Bonß & Lau 2004, S. 22), so hat es auch früher schon erfolgreiche Versuche von Frauen gegeben, diese zu durchbrechen. Die Frage, wann die zunehmende Verbreitung von – z.B. emanzipatorischen oder flexibilisierten – Arbeits-, Lebens- und Handlungsweisen in eine neue Qualität umschlägt, die einen Strukturbruch anstelle einer bloßen Veränderung innerhalb einer auch weiterhin unter dem begrifflichen Dach der „Moderne“ gefassten Epoche begründet, bleibt ungeklärt. Neu erscheint allein die Qualität ←135 | 137→produzierter nicht-intendierter Nebenfolgen, die in Form von Waffen- und Rüstungspotentialen sowie Umweltkatastrophen erstmalig eine Auslöschung allen menschlichen Lebens ermöglichen könnten. Einerseits eine grundsätzliche Abkehr vom Muster der Ersten Moderne zu diagnostizieren und andererseits etwaige Widersprüchlichkeiten damit zu erklären, dass die alten Strukturen nicht grundsätzlich erodieren, sondern teils auch fortbestehen, scheint m.E. eine zu vereinfachte Einglättung von Widersprüchen.81

Im Hinblick auf handlungstheoretische Implikationen der Theorie reflexiver Modernisierung haben Böhle und Weihrich (dies. 2009) in einem HerausgeberInnenband den Versuch unternommen, nach der Notwendigkeit einer neuen Handlungstheorie unter den Prämissen der Zweiten Moderne sowie nach den Anregungen zu fragen, die die Theorie reflexiver Modernisierung hierfür bietet. Diese ist vorrangig eine Gesellschafts-, keine Handlungstheorie, diagnostiziert aber weitreichende Folgen für Entscheidungs- und Handlungsprozesse, die nach Böhle und Weihrich mit den Dimensionen Ungewissheit, Uneindeutigkeit und Unsicherheit bezeichnet werden. Die hier aufgeführten Beiträge von VertreterInnen verschiedener soziologischer Handlungstheorien stellen zugleich Erörterungen der jeweiligen Forschungsperspektiven dar, die an dieser Stelle nicht detaillierter dargelegt werden können. Weihrich resümiert in dem Abschlussbeitrag des genannten HerausgeberInnenbandes:

„In der Ersten Moderne ermöglichte als sicher erachtetes Wissen (wissenschaftliches Wissen oder Expertenwissen) Entscheidungen unter Ungewissheit, die Zugehörigkeit zu einer sozialen Lage stiftete Verhaltenssicherheit in Situationen der Uneindeutigkeit, und Unsicherheit wurde durch gesellschaftliche Institutionen wie etwa den Nationalstaat bearbeitet. Diese etablierten erstmodernen Abstimmungsmechanismen verlieren, so die Theorie reflexiver Modernisierung, in der Zweiten Moderne ihre problemlösende Kraft. So man sich dennoch an sie hält, produzieren sie desaströse Nebenfolgen. In der Folge verliert sich das Vertrauen in gesichertes Wissen, der Prozess der Individualisierung setzt die Akteure weiter aus Handlungssicherheit garantierenden sozialen Zugehörigkeiten frei und Institutionen wie die gesellschaftliche Organisation von Arbeit oder der Nationalstaat sind den neuen Herausforderungen durch die Entgrenzung von Arbeit und Globalisierung nicht gewachsen. In der Folge stehen die Akteure der Zweiten Moderne vor dem Problem, sich die Grundlagen für ihre Handlungsentscheidungen selbst verschaffen zu müssen und alternative Abstimmungsmechanismen zu generieren.“ (Dies. 2009, S. 316)

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Als solche alternative Lösungsformen, die in den Einzelbeiträgen des von Böhle und Weihrich herausgegebenen Bandes herausgearbeitet wurden, verweist u.a. Hofer auf die zunehmende Bedeutung nicht-rationaler Begründungen für Entscheidungen, die unter Unsicherheitsbedingungen getroffen und somit nicht bzw. nur begrenzt rational gefällt werden können, wie z.B. Spaß oder Intuition bei einer heute mit mehr Wahlmöglichkeiten verbundenen Berufswahlentscheidung. Neu ist hierbei die gesellschaftliche Akzeptanz gegenüber nicht-rationalen Entscheidungsbegründungen (vgl. Hofer 2009). Böhle analysiert für den Bereich des Arbeitshandelns die Grenzen planmäßig-rationalen Handelns infolge zunehmend komplexer werdender und somit begrenzter plan- und kontrollierbarer technischer Anlagen und sozio-technischer Systeme und eine damit verknüpfte steigende Relevanz erfahrungsgeleitet-subjektivierenden Handelns (vgl. Böhle 2009). Poferl verweist auf die erforderliche Neukonzeptionierung des Subjektbegriffs unter den Bedingungen der reflexiven Moderne, die sich – unter Hinweis auf Keupp und Hohl – durch Kontingenz, Diskontinuität, Fragmentierung, Bruch und Reflexivität auszeichnet. Handlungstheoretische Bezüge der Theorie der reflexiven Modernisierung, die sie als subjektorientierte Gesellschaftstheorie kennzeichnet, sieht sie in vier Aspekten: erstens in einem neuen soziologischen Blick auf das ‚Subjekt‘ und das ‚Individuum‘ im Kontext von Brüchen institutionalisierter Arrangements, der Vielfalt menschlicher Lebens- und Handlungsweisen sowie der Fragilität ihrer gesellschaftlichen Grundlagen. Zweitens wird das „Subjekt“ bzw. „Individuum“ als „wissender Akteur“ konzipiert, demzufolge gesellschaftliche Umstrukturierungen auch in ihren subjektiven Wahrnehmungen und Relevanzen zu analysieren sind. Drittens wird angestrebt, neue Formen gesellschaftlicher Strukturierung in einer konsequenten Verknüpfung von „Struktur“ und „Handeln“ herauszuarbeiten. Und viertens wird mit den Kategorien „Quasi-Subjekt“ und „Quasi-Subjektivität“ eine Historisierung und Re-Formulierung des Subjekt- und Subjektivitätsbegriffs versucht, insofern in der reflexiven Moderne eine Situation „fiktiver Subjektautonomie“ angenommen wird (vgl. Poferl 2009).

Aus den empirischen Teilprojekten des Sonderforschungsbereichs Reflexive Modernisierung erscheinen darüber hinaus insbesondere zwei Arbeitsfelder fruchtbar für das vorliegende Forschungsvorhaben, weil sie mögliche Untersuchungsdimensionen für das Handeln und Deuten von Erwerbspersonen entfalten: In Untersuchungen über biografische Sicherheit wird diese nach Bonß, Esser, Hohl, Pelizäus-Hoffmeister und Zinn (dies. 2004) infolge der Modernisierungs- und Individualisierungsprozesse zu einem Problem, da klassen-, schicht- und geschlechtsspezifische Lebenslauf-Prägungen zwar nicht gänzlich verschwinden, aber ihre Wirkungskraft verlieren. Somit nehmen biografische ←137 | 139→Entscheidungsspielräume zu, woraus biografische Unsicherheit entsteht, z.B. hinsichtlich beruflicher Orientierungen und privater Beziehungen.

„Unter diesen Bedingungen wird die Gestaltung des eigenen Lebens zu einer den Handelnden selbst zuzurechnenden Aufgabe mit offenem Ausgang, die keineswegs beliebig gelöst wird (…).“ (Dies. 2004, S. 213)

In ihrer Untersuchung ermitteln die AutorInnen bei allen Befragten82 Unsicherheit als wichtigen Bezugspunkt biografischer Selbstthematisierung, was auch für die befragten Beamten und Angestellten in unkündbaren Beschäftigungsverhältnissen zutreffe und nach ihrer Annahme vor zwei bis drei Jahrzehnten noch nicht der Fall gewesen sei. Die individuellen Ansprüche an Sicherheit können hierbei in den einzelnen Teilbereichen der materiellen Sicherheit, der Beziehungssicherheit und der Deutungssicherheit (Bezugsmöglichkeit auf einen das eigene Leben übergreifenden Sinnzusammenhang) unterschiedlich ausgeprägt sein. Individuen können insofern unterschiedliche Handlungslogiken ausbilden, für die die AutorInnen eine Typologie entwickelt haben, die sich ausdrücklich nicht auf Personen, sondern auf Handlungsmuster bezieht. Die Differenzierungskriterien sind typenspezifische Ausprägungen zweier Problembezüge: a) der Umgang mit bestehenden Normen in den Bereichen der Erwerbsarbeit und Partnerschaft, die von Akzeptanz bis Ablehnung reichen können, und b) die Perzeption von Unsicherheit als Risiko, das dem eigenen Handeln zugeschrieben und damit als beeinflussbar eingeschätzt wird oder als Gefahr, die außerhalb des eigenen Handelns und Einflussbereichs verortet wird. Im Ergebnis konstruieren Bonß, Esser, Hohl, Pelizäus-Hoffmeister und Zinn fünf idealtypische Sicherungsmodi.

Modus Tradierung: Normierte Handlungsmuster werden möglichst bruchlos reproduziert, Unsicherheit wird nicht erwartet und im Falle ihres Eintretens dann als fatalistisch hinzunehmende Katastrophe perzipiert;

Modus Annäherung: Auf Normen wird positiv Bezug genommen, deren Umsetzung aber an die komplizierte Wirklichkeit angepasst und handlungspraktisch gelöst, Unsicherheit wird als Gefahr perzipiert, auf die lediglich reagiert werden kann, während eine aktive Vorbeugung kaum möglich scheint;

Modus Optimierung: Normen werden weniger inhaltlich, denn als Mechanismus – Lebenslauf als „Konkurrenzkampf um Erfolg und Mißerfolg“ – ←138 | 140→akzeptiert, Unsicherheiten erscheinen als Risiken, die es durch rationales Kalkulieren zu mindern gilt;

Modus Autonomisierung: Hier erfolgt eine Distanzierung bzw. Emanzipation von normativen Vorgaben, Unsicherheit wird als aus den eigenen Durchsetzungsstrategien resultierendes Entwicklungsrisiko wahrgenommen;

Modus Kontextualisierung: Der Umgang mit Normen ist offen und wird situativ entschieden, Unsicherheit wird sowohl als Risiko als auch Gefahr perzipiert und zugleich als Chance für Neues bewertet.

Unter der Sowohl-als-auch-Maxime der reflexiven Moderne können nach Auffassung der AutorInnen alle fünf Modi biografische Sicherheit erfolgreich herstellen, wobei die Modi Tradierung und Annäherung eine radikale Komplexitätsreduktion mit einer hoch wirksamen Orientierungsleistung ermöglichen, die Modi Optimierung und Autonomisierung die individuelle Lebensgestaltung durchsetzbar erscheinen lassen, solange sie mit Erfolg oder ausreichenden Ressourcen zur Kompensation eines Misserfolgs verbunden sind, und der Modus Kontextualisierung eine größere biografische Flexibilität und Offenheit gegenüber Unvorhergesehenem ermöglicht. (Vgl. Bonß, Esser, Hohl, Pelizäus-Hoffmeister & Zinn 2004.)

Biografische Unsicherheit wird von den AutorInnen als normale Handlungssituation sowohl in der Ersten als auch in der Zweiten Moderne bezeichnet. Schlussfolgerungen aus ihren Analysen für veränderte Handlungsstrategien zur Herstellung biografischer Sicherheit in der reflexiven Moderne lassen sich aus ihren Untersuchungen nicht ableiten. Dies ist auch nicht Gegenstand des vorliegenden Vorhabens. Dennoch können die für die Typologie relevanten Dimensionen für die folgende empirische Erhebung fruchtbar gemacht werden, insbesondere indem sie die Perzeption von Unsicherheit ausdifferenzieren.

Neben den Arbeiten zur biografischen Sicherheit bietet sich als weiteres Arbeitsfeld aus den empirischen Teilprojekten des Sonderforschungsbereichs Reflexive Modernisierung für das vorliegende Forschungsvorhaben besonders die Analyse der Veränderung von Arbeit und der auf dieser Basis untersuchten Deutungs- und Handlungsmuster bei erwerbsbiografischen Entscheidungen und deren Begründungen an: Hacket, Janowicz und Kühnlein konstatieren im Zuge der reflexiven Modernisierung strukturelle und normative Brüche im Bereich der gesellschaftlichen Arbeit (vgl. dies. 2004, S. 281). Diese erläutern sie unter den Stichworten: tendenzielle Erosion von Normalarbeitsverhältnissen, Entgrenzung zwischen Erwerbsarbeit, bürgerschaftlichem Engagement und Eigenarbeit sowie eine Pluralisierung innerhalb der drei Tätigkeitsfelder (s. auch Kap. 3.6 der vorliegenden Arbeit). In deren Folge erweitern sich die ←139 | 141→Gestaltungsoptionen der Individuen, die neue Handlungsrationalitäten und -ressourcen erfordern. Wie sich die industriegesellschaftlichen Veränderungen mit Herausbildung der reflexiven Moderne auf der individuellen Deutungs- und Handlungsebene darstellen, wurde anhand einer theoriegeleiteten Typologie untersucht. Diese weist für Tätigkeiten innerhalb und außerhalb der Erwerbsarbeit als idealtypische Muster der Ersten Moderne ein Handeln in festgefügter Gewohnheit mit übernommenen Begründungsstrukturen (Deutungsebene I) und als Reflexivitätsform eine fraglose Selbstverständlichkeit (Deutungsebene II) aus, als idealtypische Muster der Zweiten Moderne auf der Handlungsebene eine aktive Lebensgestaltung, auf der Deutungsebene I sich selbst zugerechnete Begründungsstrukturen und auf der Deutungsebene II als Reflexivitätsform das Erwägen vielfacher Optionen und Nebenfolgen. Anhand dieser Dimensionen wurden acht empirisch gesättigte tätigkeitsbezogene Individualisierungstypen ermittelt (vgl. Hacket & Janowicz/Kühnlein 2004, insbesondere S. 293 ff.):

Doxische Traditionalisten richten ihre Deutungen und Handlungen unhinterfragt nach sozialen Vorgaben und orientieren sich am Modell des männlichen Familienernährers – verknüpft mit der Arbeitshaltung, Erwerbsarbeit als notwendiges Übel anzusehen;

Reflexive Traditionalisten werten gesellschaftliche Veränderungsanforderungen negativ, rechnen sich Entscheidungen selbst zu, aber orientieren sich an festen Gewohnheiten, Orientierung am Modell des männlichen Familienernährers – verknüpft mit vorwiegend extrinsischen Arbeitshaltungen („Hauptsache, ich verdiene Geld“)83;

Opfer gestalten ihr Leben aktiv und flexibel, dies aber erzwungenermaßen, gegen ihren Willen und darunter leidend – verknüpft mit vorwiegend extrinsischen Arbeitshaltungen;

Hyperreflexive erwägen viele Optionen, ohne sie umzusetzen, sie sehen ihre Lebensgestaltung als problematisch an – nicht verknüpft mit eindeutigen Arbeitshaltungen;

Reflexive Konvertiten erachten eine aktive und flexible Lebensgestaltung als allgemeingültige Anforderung – nicht verknüpft mit eindeutigen Arbeitshaltungen;

Reflexive Fundamentalisten wissen um die Optionenvielfalt, entscheiden sich aber bewusst an festgefügten Gewohnheiten – nicht verknüpft mit eindeutigen Arbeitshaltungen;

Strategen gestalten ihr Leben aktiv unter Anstreben einer grundsätzlich richtigen Lösung – verknüpft mit vorwiegend intrinsischen Arbeitshaltungen (i.S. von persönlicher Entwicklung und Selbstbestimmung) sowie

Gestalter gestalten ihr Leben aktiv unter Berücksichtigung vielfältig vorhandener Optionen, Risiken und nicht intendierter Nebenfolgen – verknüpft mit vorwiegend intrinsischen Arbeitshaltungen.

Hacket, Janowicz und Kühnlein schlussfolgern aus dieser Typologie, „daß derzeit nicht von einer umfassenden und homogenen Durchsetzung reflexiv-moderner Deutungs- und Handlungsmuster gesprochen werden kann“ (dies. 2004, S. 294) und Deutungs- und Handlungsveränderungen individuell auch partiell und widersprüchlich erfolgen können.

Nun ist an dieser Typologie kritisch anzumerken, dass sie sowohl den jeweiligen Handlungs- und Deutungskontext als auch die Subjektperspektive vermissen lässt. Die sich verändernden gesellschaftlichen und Arbeitsmarktstrukturen wirken schließlich nicht auf alle Individuen gleich, sondern dies hängt von ihrer jeweiligen Positionierung am Arbeitsmarkt, ihrer Ausstattung mit Ressourcen u.a.m. ab. Dies gilt in ähnlicher Weise auch dann, wenn sich die Typologie auf Tätigkeiten und nicht auf Personen bezieht. Anforderungen und Möglichkeiten der aktiven und flexiblen Lebensgestaltung stellen sich z.B. für eine alleinerziehende Hilfskraft in der Gebäudereinigung anders dar als für eine leitende Angestellte im Bankensektor, die keine zusätzlichen familiären Versorgungspflichten hat. Auch ist eine Zuordenbarkeit von Handlungsmustern zu zwei Polen – Gewohnheit oder aktive Lebensgestaltung – fragwürdig. Insgesamt erscheint die Differenzierung zwischen den Handlungs- und Deutungsmustern der Ersten und Zweiten Moderne als eine Frage vorhandener bzw. nicht vorhandener Handlungs- und Deutungskompetenz, was unterkomplex und simplifizierend anmutet. Und schließlich sind die Individualisierungstypen zudem mit einem sprachlichen Duktus versehen, der mehrheitlich negativ konnotiert ist. Zugleich aber sind die konzipierten Dimensionen der Typologie, insbesondere der übernommenen versus selbstzugeschriebenen Begründungsstrukturen sowie der Reflexivität zwischen Selbstverständlichkeit und Optionenvielfalt, ertragreich und nutzbar für das vorliegende Vorhaben.

Als Fazit kann festgehalten werden, dass die Forschungsarbeiten im Rahmen der Theorie der reflexiven Modernisierung folgende Anregungen für die Analyse erwerbsbiografisch orientierten Handelns bieten, die für die vorliegende ←140 | 143→Arbeit fruchtbar gemacht werden können. Diese beziehen sich zum einen auf die gesellschaftstheoretische Herausarbeitung der Dimensionen Ungewissheit, Uneindeutigkeit und Unsicherheit als Rahmung für Entscheidungs- und Handlungsprozesse, zum anderen – und insbesondere – auf die konzipierten Analysedimensionen der Perzeption von Unsicherheit und der Reflexivität von Lebensgestaltung, die insofern in der Anlage der empirischen Untersuchung berücksichtigt werden. Dass bestimmte Ausprägungen dieser Analysedimensionen Teil der „Moderne“ sein sollen oder die Herausbildung einer „Zweiten Moderne“ anzeigen, ist, anknüpfend an die eingangs benannten Kritikpunkte, m.E. nicht nur theoretisch-konzeptionell in Zweifel zu ziehen. Dies ist für die vorliegende Arbeit allerdings auch ohne Belang. Insofern soll und kann es hierbei nicht darum gehen zu prüfen, ob die Annahmen über die Herausbildung einer Zweiten/reflexiven/modernisierten Moderne im Rahmen der hier geplanten Arbeit bestätigt oder widerlegt werden können – zumal dies auch allein aus methodischen Gründen auf Basis einer Querschnittuntersuchung, wie sie hier geplant ist, nicht möglich wäre.

4.1.3 Handlungstheoretische Implikationen aus den Diskursen der Biografieforschung

Die Rekonstruktion von Biografien berührt die Frage, inwieweit diese durch gesellschaftliche Bedingungen determiniert bzw. durch individuelle Handlungsspielräume gestaltet sind. Geht es insofern „nur“ um die Aufdeckung von Mustern, die letztlich auf das (Zusammen-)Wirken struktureller Merkmale und Bedingungen zurückzuführen sind, wie z.B. arbeitsmarktliche und wirtschaftliche Rahmenbedingungen, sozio-kulturelle Normen, individuelles Alter, Alterskohorte, Geschlecht, Beruf, Erwerbsstatus, familiäre Situation, Herkunftsfamilie, ethnische Herkunft, gesundheitlicher Zustand, sozial-materielle Lage etc.? Welche Relevanz kommt individuellen Einstellungen, Orientierungen und Strategien als eigenständige Einflussfaktoren in der individuellen Erwerbsbiografie zu? Diese Fragestellungen lassen sich in der Leitfrage zusammenfassen: Kann eine Analyse von Erwerbsbiografien sowohl deren Prägung durch gesellschaftliche Bedingungen als auch deren Gestaltung durch individuelle Handlungsspielräume und -orientierungen sowie deren Gewichtung für einzelne Phasen verdeutlichen? Im Folgenden werden hierzu ausgewählte theoretische Ansätze der soziologischen und erziehungswissenschaftlichen Biografieforschung diskutiert.

Nach den Ausführungen des Soziologie-Lexikons (vgl. Reinhold 2000) ist mit Biografie im Sinne der Verlaufsstruktur der individuellen Lebensführung

←141 | 144→

„ein Doppeltes angesprochen: Die soziale Tatsache der subjektiven Ausformung des Lebens als Gesamterfahrung als auch die soziale Strukturiertheit der individuellen Lebensführung als soziologisch entzifferbarer Lebenslauf.“ (Reinhold 2000, S. 69)

Dabei sieht Rosenthal in der Konzeption der Biografie als sozialem Gebilde,

„das sowohl soziale Wirklichkeit als auch Erfahrungs- und Erlebniswelten der Subjekte konstituiert und das in dem dialektischen Verhältnis von lebensgeschichtlichen Erlebnissen und Erfahrungen und gesellschaftlich angebotenen Mustern sich ständig neu affirmiert und transformiert, (…) die Chance, den Antworten auf eine der Grundfragen der Soziologie, dem Verhältnis von Individuum und Gesellschaft, näher zu kommen.“ (Dies. 1995, S. 12)

Unterschiedliche Forschungsperspektiven oder Theorieansätze?

Die Biografieforschung, die sich über verschiedene Disziplinen erstreckt, unter denen die soziologische Biografieforschung eine besondere, auch prägende Bedeutung innehat, weist eine Vielzahl unterschiedlicher Forschungsthemen, Theorieansätze und Methoden auf.84 In diesem Zusammenhang wird häufiger die Auffassung vertreten, dass es sich hierbei um unterschiedliche Forschungsperspektiven handelt: so z.B. die makrosoziologische Perspektive der Biografie, die die, den biografischen Verlauf prägenden, gesellschaftlichen Kräfte untersucht, sowie die mikrosoziologische Perspektive, die die Regeln der individuellen Aneignungen gesellschaftlicher Gegebenheiten zu erfassen sucht (vgl. Hoerning 1991, S. 16). Siebers (1996, S. 26 f.) ordnet der erstgenannten Perspektive insbesondere die Lebensverlaufsforschung85 zu, wohingegen sie das Lebenslauf-Konzept Kohlis86, das eine Gleichzeitigkeit der Institutionalisierung von Lebensläufen einerseits sowie der Individualisierung andererseits formuliert, als beide Perspektiven integrierend verortet. Auch Dausien, Lutz, Rosenthal und Völter (2005, S. 7) verweisen auf zwei unterschiedliche Forschungsperspektiven, die zum einen eher an historisch-sozialen Strukturbildungen interessiert sind, zum andern eher auf die Erfahrungsstrukturen und Bildungsprozesse auf der Einzelfallebene fokussieren. Sie stellen ein gemeinsames Grundverständnis in den Vordergrund:

←142 | 145→

„Individuelles und Gesellschaftliches wird in der Biographieforschung gleichermaßen in den Blick genommen. Wie diese Dialektik im Einzelnen ausformuliert wird, ist abhängig von den jeweils gewählten Bezugstheorien, von wissenschaftstheoretischen Prämissen und methodologischen Konzepten.“ (ebd., S. 8)

Im Gegensatz dazu wird hier die Auffassung vertreten, dass es sich in der Biografieforschung nicht nur um unterschiedliche Forschungsperspektiven, sondern auch um unterschiedliche Theorieansätze handelt, die die das Verhältnis „Individuum und Gesellschaft“ bestimmenden Einflussfaktoren sowohl unterschiedlich gewichten als auch einzelne negieren, somit die unterschiedlichen Forschungsperspektiven nicht allein auf unterschiedliche Forschungsgegenstände rückführbar sind. So argumentiert Fuchs-Heinritz:

„Theoreme vom Verhältnis Individuum und Gesellschaft entscheiden mit darüber, was eine Lebensgeschichte bedeutet, was aus ihr herauszuholen ist. Ein Gesellschaftsbegriff, demzufolge die Individuen durchs soziale Milieu determiniert sind, wird andere Erkenntnisse aus Lebensgeschichten gewinnen als eine theoretische Orientierung, die die Menschen als Produzenten des sozialen Lebens auffasst.“ (Ders. 2005, S. 188)

Obgleich zwar vielfältige Theorieansätze erkennbar sind, aus denen sich die Biografieforschung speist, sind diese bislang jedoch nicht eindeutig aufgearbeitet. So findet sich z.B. ein Überblick über die verschiedenen theoretischen Traditionen und Orientierungen bei Fuchs-Heinritz, der diese insbesondere nach den Bestimmungsfaktoren von Lebenslauf und Lebensführung unterscheidet und Folgende benennt (vgl. Fuchs-Heinritz 2005, S. 188–194):

theoretische Orientierungen, die von einer individuellen relativen Klarheit der Erfahrungsfähigkeit ausgehen,

milieutheoretische Orientierung: entscheidender Einfluss der sozialen Umgebung,

psychologische Theorien des Lebenslaufs als Ausdruck einer inneren Dynamik,

entwicklungspsychologische Orientierung: Entwicklungsstufen des Lebenslaufs,

psychoanalytische Orientierung: Lebenslauf als Variation eines in der Kindheit geprägten Grundthemas,

struktursoziologische Orientierung: Vororganisiertheit durch institutionalisierte Sequenzmuster,

sozialisationstheoretische Orientierung: Kontinuität wichtiger Grundstrukturen aus der primären Sozialisation,

diverse Orientierungen aus phänomenologischer Soziologie und Interaktionismus, u.a.: Wandelbarkeit und Mehrdeutigkeit der Identität, individuelle Deutung der sozialen Welt nach relativ einheitlichen basalen Regeln,

diverse marxistische Theorietraditionen: Bedeutung der kollektiven Lebenslagen der jeweiligen Klasse bzw. Sozialschicht.

Mit Blick auf die erziehungswissenschaftliche Biografieforschung differenziert Schulze vorwiegend nach der Disziplin, dem Forschungsgegenstand und dem verfolgten Interesse folgende sechs Ansätze (vgl. Schulze 1996, S. 21):

einen soziologischen und sozialisationstheoretischen Ansatz,

einen entwicklungspsychologischen Ansatz,

einen phänomenologischen oder anthropologischen Ansatz,

einen erziehungstheoretischen Ansatz,

einen bildungs- und lerntheoretischen Ansatz,

einen hermeneutischen und kommunikationstheoretischen Ansatz.

Diese Differenzierungen verdeutlichen zum einen unterschiedliche Zugänge zur Biografieforschung aus den verschiedenen Disziplinen – der Soziologie, der Erziehungswissenschaft und Psychologie und ihrer Verbindungslinien. Sie beinhalten zudem unterschiedliche Forschungsperspektiven und Untersuchungsfelder. Weiterhin markieren sie, zumindest teilweise, unterschiedliche Theorieansätze über das Bestimmungsgefüge „Individuum und Gesellschaft“. Aber zugleich wird dieses Bestimmungsgefüge auch innerhalb der genannten Ansätze unterschiedlich nuanciert.87

Die Auffassung von Krüger, der in den nach Schulze differenzierten Ansätzen jeweils nur die Betrachtung eines „spezifischen Ausschnitt(s) des umfassenden Gegenstandsfeldes der pädagogischen Biographieforschung“ sieht (ders. 1996, S. 46), erscheint unzureichend, da sich die genannten Theorieansätze nicht allein auf verschiedene Untersuchungsfelder oder -ausschnitte beziehen, sondern den gleichen Untersuchungsausschnitt auch in unterschiedlicher Art und Weise beleuchten können. Das Untersuchungsfeld gibt noch nicht den theoretischen Ansatz vor. So wird z.B. die Analyse des Bildungs- und Erwerbsverhaltens von ←143 | 147→Arbeiterinnen einer bestimmten Alterskohorte von einem (struktur-)soziologischen und einem (entwicklungs-) psychologischen Ansatz zu unterschiedlichen Ergebnissen führen. Insofern ist es erforderlich, neben einer klaren Umgrenzung des Untersuchungsgegenstandes auch die Reichweite und somit zugleich die Begrenzung der Aussagefähigkeit der Analyseergebnisse zu reflektieren und zu benennen.

Soziologische Biografieforschung/Lebenslaufkonzept

Das bereits zitierte und weite Bereiche der Biografieforschung prägende Lebenslauf-Konzept Kohlis integriert nach Siebers (1996, S. 26 f., ähnlich: Krüger 1996, S. 46) die Mikro- und die Makroebene. Im Gegensatz dazu wird hier jedoch die Auffassung vertreten, dass das Lebenslauf-Konzept diesen Anspruch nicht einlöst, sondern im Gegenteil eine immanente Widersprüchlichkeit verdeutlicht: Das Verhältnis von System- und Handlungsebene, bezogen auf den Lebenslauf als „institutionelles Programm“ und als „subjektive Konstruktion“, kann nach Kohli weder nur hinsichtlich des institutionellen Programms untersucht werden noch als Parallelität und gegenseitige Ergänzung zwischen Lebenslauf als institutionellem Programm und Biografie als subjektiver Konstruktion. Zusätzlich müsse auch das Spannungsverhältnis zwischen diesen analysiert werden.

„Biographisches Handeln weist – wie jedes Handeln – ein Moment von Emergenz und Autonomie auf. Handeln ist nie nur Vollzug sozial tradierter Wissensbestände, sondern hat immer auch den Charakter des offenen Entwurfs.“ (Kohli 1985, S. 21)

In einer gemeinsamen Veröffentlichung von Fischer und Kohli (1987) wird der Handlungs- begriff zusammen mit dem Erfahrungs- und Strukturbegriff als integrierte Aspekte im sozialen Konstrukt „Biographie“ gefasst. Erfahrung wird dabei sowohl auf Vergangenheit, als auch auf Zukunft bezogen, indem im Umgang mit Wirklichkeit „Altes“ aufgenommen und variiert sowie „Neues“ geschaffen wird. Vorgegebene „biographische Fahrpläne“ können transformiert und alte Orientierungen durch neue ersetzt werden. (Vgl. Fischer & Kohli 1987, S. 31 f.)

„In der lebendigen Erfahrung wird (…) Vergangenes reinterpretierbar; aktuelle Orientierung und biographisch Vergangenes stehen also in einer Wechselwirkung. (…) Die Reinterpretation der Vergangenheit und das konkretisierende Umschreiben der Zukunft sind somit wesentliche Konstitutionselemente der Realisierung biographischer Schemata (…).“ (Fischer & Kohli 1987, S. 33)

Im Hinblick auf den Handlungsbegriff kritisieren Fischer und Kohli an verstehenden Ansätzen der Sozialforschung, wie z.B. dem Interaktionismus und eingeschränkt auch der Ethnomethodologie, dass nichtintentionale und vorgegebene ←144 | 148→Bedingungen des Handelns vernachlässigt werden, während umgekehrt in Analysen objektiver Beziehungen auf die Relevanz des Handlungsbegriffs verzichtet wird. Eine Lösung aus diesem Dilemma bietet nach Auffassung der Autoren die soziologische Biografieanalyse, da sie

„sowohl dem Anliegen ‚subjektiver‘ wie ‚objektiver‘ Analyse gerecht werden (kann), sofern sie Erfahrung und Intention im Handlungsbegriff als auch das der Handlung vor-intentional zugrundliegende Schema enthüllen kann.“ (Dies. 1987, S. 35)

Mit Verweis auf das Verlaufskurven-Konzept von Schütze (s.u.) heben Fischer und Kohli die Relevanz unbeabsichtigter Folgen des Handelns, die ggf. einen Kontrollverlust nach sich ziehen können, hervor und betonen, dass die Sinnbezüge einer Handlung nicht auf die Intention der Handelnden reduzierbar sind (vgl. ebd., S. 38).

Fruchtbar an den dargestellten Ausführungen von Kohli bzw. Fischer und Kohli erscheint zum einen die Verknüpfung von Erfahrung und Orientierung, die somit die Ziele und Wünsche von Individuen wahrnimmt, ihnen gleichwohl aber keinen eigenen Stellenwert einräumt, sondern dem Erfahrungsbegriff unterordnet bzw. diese auch im Handlungsbegriff nicht berücksichtigt, sondern hier allenfalls auf den Aspekt der Intention reduziert.

Zum anderen ist der Anspruch der Autoren, das Zusammenwirken sowohl subjektiver wie auch objektiver Faktoren zu analysieren, wegweisend auch für das hier verfolgte Vorhaben. Er wird jedoch, um die anfänglich angedeutete Kritik aufzugreifen, in dem von Kohli entwickelten Lebenslauf-Konzept nicht eingelöst. Handeln spielt hier de facto keine Rolle: Die Individualisierung, die sich hiernach im europäischen Modernisierungsprozess der letzten vier Jahrhunderte vollzog, wird definiert als Freisetzung der Individuen aus ständischen und lokalen Bindungen, als neues, an den Individuen ansetzendes Vergesellschaftungsprogramm, als dessen „notwendiges Korrelat“ die Institutionalisierung des Lebenslaufs als Ablaufprogramm und v.a. als Orientierung für die Lebensführung fungiert. Nach Kohli hat sich im Modernisierungsprozess ein „chronologisch standardisierter ‚Normallebenslauf‘ “ durchgesetzt, der sich heute (1985) durch die Dreiteilung in Vorbereitungs- (Kindheit, Jugend), Aktivitäts- (aktives Erwachsenenleben = Erwerbstätigkeit) und Ruhephase (Alter) kennzeichnet. (Vgl. Kohli 1985, Fischer & Kohli 1987.)

(Biografisches) Handeln interessiert in diesem Konzept gleichwohl weder theoretisch noch empirisch. Denn die Herausarbeitung eines „Normallebenslaufs“ nimmt biografisches Handeln nur in seiner Mehrheitsausprägung wahr, nicht in seiner Vielfältigkeit und somit realen Ausformung. Zudem ist die in der Aktivitätsphase unterstellte kontinuierliche Erwerbstätigkeit empirisch ←145 | 149→nicht haltbar, da dies für Frauen kaum zutraf.88 Insofern formuliert Kohli zwar den Anspruch, Makro- und Mikroebene zu verbinden, setzt ihn jedoch mit der Generalisierung seines Lebenslauf-Konzepts nicht um.89

Ansätze der erziehungswissenschaftlichen Biografieforschung

Grundlegende Ausführungen zum Handeln aus erziehungswissenschaftlich-biografietheoretischer Perspektive hat Theodor Schulze in seinem Grundlagenaufsatz zur Biografieforschung formuliert (vgl. Schulze 2006, S. 37 ff.): Nach Schulze wird das menschliche Leben „in erster Linie als Prozess“ ←146 | 150→und zwar i.W. als Lernprozess betrachtet, der weder ausschließlich einer inneren Bestimmung noch einem äußeren Zwang folgt; sondern das Individuum muss sich jegliche gesellschaftliche und institutionelle Vorgaben, individuelle Anlagen, Entwicklungsstadien, Zufälle etc. „lernend zu eigen machen“, in „ein zu lebendes Leben“ und letztlich in seine Lebensgeschichte verwandeln, Biografie90 gilt nach ihm daher als „ein sich selbst organisierender Lernprozess“ (ebd., S. 39). In einer evolutionären Dimension von Biografie bezeichnet Schulze die „Biographisierung“ als das Entstehen von Bedingungen, unter denen eine über biologische Prozesse hinausweisende Biografie überhaupt erst möglich wird, sowie die fortdauernde Veränderung dieser Bedingungen, die hiermit an den Individualisierungsdiskurs in der Moderne anknüpft. In einer soziologischen Dimension weist Schulze gesellschaftlichen Strukturen zwar keine „biographiekonstituierende und -generierende“, aber eine „biographieevozierende und -regulierende Bedeutung“ (ebd., S. 45) zu – sowohl bezogen auf reale soziale Strukturen, wie z.B. Institutionen, als auch auf mentale Strukturen, wie z.B. Annahmen über einen „normalen“ Biografieverlauf. In Abgrenzung zum soziologischen Biografieverständnis, nach dem, so Schulze, der Blick nicht vom biografischen Subjekt auf die Gesellschaft, sondern von der Gesellschaft auf das Individuum gerichtet wird und gesellschaftliche Strukturen nicht mehr als Gegenüber, sondern als Zentrum individueller Biografien erscheinen, fasst er dieses Verhältnis als „in der Tatsache der Biografie in Erscheinung tretende Dialektik von Individuum und Gesellschaft“ und als „dramatische Interaktion und Auseinandersetzung zwischen zwei unterschiedenen Antagonisten“ (ebd., S. 46), in deren Verlauf sich die Individuen biografiebezogene soziale Strukturen aneignen, sie verändern, sich ihnen widersetzen oder auch an ihnen scheitern. Mit „Biographizität“ konzeptioniert Schulze die pädagogische Dimension, die er als Fähigkeiten und Wissen zur autobiografischen Reflexion als Voraussetzung für die Gestaltung einer Biografie definiert. In einer psychologischen Dimension führt Schulze psychische Strukturen mit biografiekonstituierender und -generierender Bedeutung an91: Hierzu zählt er erstens das biografische Subjekt als das an einen bestimmten Körper gebundene Zentrum einer Biografie, das ‚Ich‘ als allgemeine Voraussetzung, ←147 | 151→nicht als inhaltliche Ausprägung einer Biografie. Aus der Annahme eines solchen biografischen Subjekts bestimmt sich u.a. der

„Zusammenhang von Erleben, Erinnern, Erzählen und Deuten (…) die Unterscheidung von Außen und Innen, (…) das Sehfeld (…) des Biographieträgers“. (ebd., S. 41)

Zweitens benennt er das autobiografische Gedächtnis, das im Unterschied zum semantischen (= Wissens-)Gedächtnis nicht nur die Informationen, sondern auch die Umstände der Informationsaufnahme, z.B. in Hinblick auf Erlebnisse und Situation, speichert, hierbei unbewusst selegiert und insbesondere emotional besetzte Eindrücke bewahrt. Drittens schließlich führt Schulze das biografische Potential an, das er von dem Begriffsverständnis u.a. nach Hoerning als biografische Ressourcen oder nach Bourdieu als Kapital abgrenzt, das sich jeweils als dem Individuum von außen zukommende Unterstützungen aus Familie, Milieu oder Umwelt darstellt. Stattdessen bezieht er das biografische Potential auf die Eigenressourcen des Individuums, von Alheit auch als Lernpotential gefasst. Kern des biografischen Potentials bilden aufgeschichtete Lebenserfahrungen. Vom Begriff der Erfahrung ist der der Erinnerung zu unterscheiden: Erinnerungen halten Erlebnisse fest, dabei können sie zwar „vergessen und verdrängt“ werden, aber wenn sie im Bewusstsein vorstellig werden, sind sie „nicht immer klar umrissen, aber doch deutlich genug, um sie mitteilen zu können“ (ebd., S. 42). Erfahrungen hingegen verarbeiten Erlebnisse, sind aber schwerer zu benennen oder zu beschreiben, da sie im Bewusstsein nicht deutlich konturiert sind. Erfahrungen führen zu Einstellungen und Handlungsmaximen. Das biografische Potential als „Ansammlung von Erfahrungen“ bildet

„auf vielfältige Weise mit Emotionen, Motivationen, Orientierungen und Deutungsmustern verknüpft, eine Art Reservoire von Kräften und Impulsen. Sie werden zusammen mit Erwartungen, Interessen, Vorbildern und Kenntnissen von Hilfsquellen, Schwierigkeiten oder Gefahren mobilisiert, wenn ein Individuum lebensbedeutsame oder folgenreiche Entscheidungen zu treffen hat oder unerwartet in eine aussichtsreiche und verlockende oder schwer zu bewältigende Lage gerät.“ (ebd., S. 43)

Während Alheit und Dausien von einer engeren Strukturiertheit von Lebenserfahrungen im Sinne eines „Erfahrungscodes“ ausgehen, postuliert Schulze eine eher unsystematische und lockere Organisation, trotz bestehender Leitthemen gewinnen nach seiner Auffassung je unterschiedliche Erfahrungskomplexe Priorität. Das Individuum kann sich aus Vernunft oder Zwang auch gegen die eigenen Wünsche und Erfahrungen entscheiden und somit das biografische Potential unterdrücken. In welcher Weise sich eine solche lockere Organisation von Erfahrungen von den vorab von Schulze erläuterten sich aus Erfahrungen herleitenden Handlungsmaximen abgrenzen, lässt er offen.

←148 | 152→

Die Ausführungen von Schulze verdeutlichen eine unterschiedliche Verwendung und Definition zentraler Begriffe, z.B. biografisches Potential92, und einen fortbestehenden Bedarf weiterer Theorieentwicklung, ebenfalls z.B. mit Blick auf die konzeptionelle Füllung des biografischen Potentials im Zusammenhang von Erfahrungsaufschichtung und ihrer Organisation. In etwas ausgedeuteter Weise als dies bei Fischer und Kohli erfolgte (s.o.), berücksichtigt Schulze auf der Subjektebene nicht nur die Relevanz vorliegender Erfahrungen, sondern auch die Bedeutung individueller Orientierungen im Rahmen des biografischen Potentials, ergänzt um Interessen und Ziele. Eine präzisere konzeptionelle Klärung bleibt hier allerdings offen.

Von einem ebenfalls erziehungswissenschaftlich-biografietheoretischen Ansatz ausgehend versuchen Peter Alheit und Bettina Dausien, das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft, das bei Schulze noch als „dramatische Interaktion und Auseinandersetzung zwischen zwei unterschiedenen Antagonisten“ konzipiert war, zu integrieren:

„Biographisches Handeln und biographische Sinnkonstruktionen als subjektive Leistungen sind (…) angewiesen auf gesellschaftliche Strukturen, auf Orientierungsmuster, institutionalisierte Prozeduren (…). Diese Dialektik ist jedoch nicht als Wechselwirkung oder Reiz-Reaktions-Verkettung konzipiert.“ (Alheit & Dausien 2006, S. 441)

Die Begriffe Bewältigung, Coping-Strategien und Verarbeitungsmuster halten sie daher für unzureichend. Alheit und Dausien – und dieser Auffassung soll hier gefolgt werden – fassen das Verhältnis von Struktur und Handeln stattdessen als eine „biographische Prozessstruktur“, die sie als „Temporalstruktur“ einer einmaligen biografischen „Organisation von Erfahrungen im sozialen Raum“ (ebd., S. 441) sowie in Anlehnung an Giddens als eine „generative Struktur, die zugleich strukturiertes und strukturierendes Element im gesellschaftlichen Prozess ist“, erläutern (ebd., S. 442) – wenngleich auch nicht näher inhaltlich untersetzen.

Das Konzept der Prozessstrukturen nach Fritz Schütze

Handlungstheoretische Implikationen ergeben sich aus dem Konzept der Prozessstrukturen von Fritz Schütze, in denen er die Relevanz von Erfahrungshaltungen für die lebensgeschichtliche Deutung und damit auch für angenommene lebensgeschichtliche Interventionsmöglichkeiten verdeutlicht (vgl. Schütze 1984): Als Prozessstrukturen des Lebensablaufs ←149 | 153→bezeichnet Schütze eine Ordnungsstruktur im Hinblick auf Lebensphasen, die in autobiografischen Stegreiferzählungen sichtbar werden und entsprechend derer Ereignisabläufe zu Darstellungseinheiten mit einem sie begrenzenden Beginn und Ende strukturiert werden. In jeder Prozessstruktur dominiert eine spezifische Haltung gegenüber lebensgeschichtlichen Erlebnissen, die „Erfahrungshaltung“, die nach Schütze in vier Arten ausgeprägt sein kann: „biografische Handlungsschemata“, in denen das Individuum Planungen zu realisieren versucht, „institutionelle Ablaufmuster der Lebensgeschichte“, in denen das Individuum institutionalisierte Erwartungsmuster befolgt, „Verlaufskurven“, in denen das Individuum Handlungsorientierung infolge übermächtiger und mit Erfahrungen des Erleidens verbundener lebensgeschichtlicher Ereignisse verliert sowie „Wandlungsprozesse“, in denen sich Identitätsveränderungen des Individuums und damit Veränderungen seiner Erlebnis- und Handlungsmöglichkeiten vollziehen. (Vgl. Schütze 1984, S. 92 f., Jakob 2010, S. 227.)

Mit der Orientierung an einer bestimmten Prozessstruktur wird nach Schütze somit auch die Perspektive festgelegt, unter der ein Individuum die berichteten Ereignisse und Erlebnisse des jeweiligen Zeitraums sieht. Hieraus ergeben sich wiederum unterschiedliche Zukunftserwartungen, so z.B. Zukunft als

Realisierungsraum im Falle biografischer Handlungsschemata, in dem etwaige Hindernisse als überwindbar eingeschätzt werden,

flexible Anpassung an erwartete Routinen im Falle institutioneller Ablaufmuster,

ein das Individuum zu lähmen drohendes Verhängnis im Falle der Verlaufskurven, das zu Kontroll- und Fluchthandlungen führt sowie

prekär infolge eines permanenten Diskrepanz-Erlebens zwischen Realitätsplanung und Realisierung im Falle von Wandlungsprozessen (vgl. Schütze 1984, S. 93).

Die Erfahrungshaltung hat zudem Relevanz für die Art der grundsätzlichen Interventionsmöglichkeiten des Individuums in den Ereignisablauf der jeweiligen Prozessstruktur: Interventionsmöglichkeiten erscheinen

im Rahmen biografischer Handlungsschemata u.a. als Anpassung eigener Handlungsplanungen auf Basis erreichter Handlungsergebnisse und deren realistischer Einschätzung,

im Rahmen institutioneller Ablaufmuster als Kombination der Nutzung vorgesehener Lernkapazitäten und der (distanzierten) Orientierung an den Erwartungsmustern,

im Rahmen der Verlaufskurven im Versuch eines kognitiven Erfassens des Verlaufskurvenpotentials, der Überwindung des durch die Verlaufskurve ausgelösten Lähmungszustands sowie der Entwicklung handlungsschematischer Kontroll- und Gegenwehrversuche sowie

im Rahmen der Wandlungsprozesse als Erkennen des eigenen Kreativitätspotentials und der Einrichtung von Entfaltungsmöglichkeiten hierfür93 (vgl. ebd., S. 95).

In einzelnen Lebensabschnitten können nach Schütze je unterschiedliche Erfahrungshaltungen dominieren oder gar widersprüchliche Erfahrungshaltungen zusammenwirken. In der Situation einer autobiografischen Stegreiferzählung ist die gegenwärtige Erzählperspektive geprägt durch die Erfahrungshaltung des erzählten Lebensabschnitts. Wirksam wird hier aber auch die Erfahrungshaltung zum Jetzt-Zeitpunkt der Stegreiferzählung: Ist z.B. eine Verlaufskurvenentwicklung zum Zeitpunkt des Erzählens noch nicht abgeschlossen und durch eine weniger bedrohliche Prozessstruktur abgelöst, dürfte dieser Lebensabschnitt nach Schütze negativer geschildert werden als im umgekehrten Fall. (Vgl. ebd., S. 96.)

Wenngleich Schütze die Rekonstruktion von Erfahrungshaltungen auf narrative autobiografische Stegreiferzählungen bezieht, die im Rahmen des empirischen Teils der vorliegenden Arbeit nicht als Erhebungsmethode eingesetzt werden, so können jedoch die von ihm analysierten Erfahrungshaltungen gegenüber lebensgeschichtlichen Erlebnissen und die damit verbundenen Zukunftserwartungen und angenommenen Interventionsmöglichkeiten heuristisch für die Analyse erwerbsbiografischer Umbrüche in höherem Lebensalter genutzt werden. Darüber hinaus erweisen sich für die hier vorliegende Studie die Diskurse der Biografieforschung fruchtbar im Sinne einer theoretischen Verortung, indem in der dort angestrebten Integration von Struktur und Handeln ein zentraler Anknüpfungspunkt für die vorliegende Forschungsarbeit gesehen wird, der insbesondere von Schulze konzeptionell fundiert und von Alheit und Dausien weiter pointiert wurde.

4.2 Handeln und Alter

Inwieweit ist Handeln in höherem Lebensalter altersspezifisch definierbar? Hierzu wird im Folgenden ein kurzer Überblick über theoretische Diskurse der Alternssoziologie gegeben (Kap. 4.2.1). Anschließend erfolgt eine inhaltliche Untersetzung zentraler Handlungsdimensionen unter dem Altersbezug nach Rosenmayr, der seine Thesen auf der disziplinübergreifenden Gerontologie und Lebenslaufforschung aufbaut (Kap. 4.2.2).

4.2.1 Diskurse der Alternssoziologie

Klaus R. Schroeter skizziert die strukturfunktionalen sowie die handlungstheoretisch orientierten Theorieansätze innerhalb der Alternssoziologie. Erstere, die insbesondere in den 1950er bis 1970er Jahren entwickelt wurden, attestieren dem Alter – mit Verweis auf Burgess – einen Rollenverlust bzw. – mit Verweis auf Parsons – einen Funktionsverlust in der nacherwerblichen Phase des Ruhestands. Auch die Modernisierungsdebatte, vertreten z.B. von Cowgill und Holmes, geht von einem historisch in Folge von Industrialisierung und Urbanisierung herausgebildeten Funktionsverlust im Alter aus. Wenngleich Schroeter die Leistungen des letztgenannten Ansatzes im Hinblick auf die Analyse makro-struktureller Veränderungen hervorhebt, kritisiert er jedoch die zwischenzeitlich widerlegte Annahme eines generell hohen Status der alten Menschen in traditionalen Gesellschaften. Zu den strukturfunktionalen Ansätzen zählt des Weiteren die Disengagementtheorie nach Cumming und Henry, die den sozialen Rückzug älterer Menschen beschreibt und diesen als unvermeidbar und gesellschaftlich wie auch individuell funktional erklärt. In Anerkennung der Leistung dieser Theorie im Hinblick auf die Entwicklung eines auf das gesamte soziale System bezogenen Alternskonzepts, kritisiert Schroeter dessen Generalisierung, die in einer zunehmend differenzierter gewordenen Gesellschaft nicht mehr haltbar ist. Im Altersstratifikationsmodell nach Riley u.a. schließlich wird Alter als soziale Ordnungskategorie gefasst, durch die Akteure und soziale Rollen „stratifiziert“ werden, jedoch, so die Kritik Schroeters, vernachlässigt dieses Modell die Unterschiede innerhalb der Altersschichten und somit die individuelle Lebenslage. (Vgl. Schroeter 2003, S. 51 f., vgl. auch Backes & Clemens 2008, S. 118 ff.)

Im Gegensatz zu den vorgenannten, i.W. auf die Strukturebene bezogenen Ansätzen führt Schroeter als „handlungstheoretische Entgegnungen“ diverse Theorierichtungen seit den 1960er Jahren an, die er allerdings ebenfalls in mehrfacher Hinsicht als unzulänglich erachtet: In der Subkulturhypothese nach Rose wird von der Herausbildung eines Altersgruppenbewusstseins infolge einer zunehmenden Interaktion unter den Älteren ausgegangen. Die damit unterstellte ←150 | 156→Altershomogenität stellt Schroeter ebenso infrage, wie auch die Annahme einer Subkultur vor dem Hintergrund sich ausdifferenzierender Lebensstile. In der Stigma-Theorie nach Goffman und dem Etikettierungsansatz u.a. von Hohmeier werden die Bedeutung von altersbezogenen Stigmatisierungen herausgearbeitet. Diese sieht Schroeter angesichts pluralisierter Altersbilder als differenzierungsbedürftig an, er verweist jedoch zugleich auf deren normative Relevanz, insbesondere dann, wenn Alte von den dominierenden Altersbildern, wie z.B. derzeit dem „aktiven“, „produktiven“ und „erfolgreichen“ Altern, abweichen. Die von Havighurst u.a. entworfene Aktivitätsthese betont die Bedeutung von Aktivität und beinhaltet eine nach Schroeter unzulässige Gleichsetzung von Aktivität und Lebenszufriedenheit im Alter. Sie stellt, so Schroeter, eher ein „Instrument im Kampf gegen das Defizitmodell“ dar denn ein hinreichendes Analyseinstrument. Das Kontinuitätskonzept nach u.a. Rosow erachtet in einer gelingenden Kontinuität der Lebensformen das Erfolgskriterium für soziale Anpassung und Umweltverarbeitung im Alter, so z.B. die Kontinuität psychischer und sozialer Muster als Sicherung des Zutrauens auch im Alter. Schroeter benennt als Weiterentwicklungsbedarf dieser Theorie, die gesellschaftlichen Bedingungen für kontinuitätsorientiertes Anpassungsverhalten im Alter einzubinden sowie das Kontinuitätsstreben theoretisch zu fundieren. In Anlehnung an die exchange-theory nach Homans und Blau werden von Dowd ungleiche Tauschprozesse zwischen älteren und jüngeren Menschen und die geringere Verfügung Älterer über Macht und Ressourcen als Ursache für den sozialen Rückzug der Älteren verortet. Unter Hervorhebung der Relevanz der Tauschbeziehungen als Zugang zur Alternsanalyse verweist Schroeter zugleich auf die Komplexität von Alterskultur und spezifische Kapitalien im Alter, die theoretisch und empirisch zu fundieren sind. (Vgl. Schroeter 2003, S. 52 ff., vgl. auch Backes & Clemens 2008, S. 118 ff., zur „Produktivität des Alters“ Tews 1996, zum „erfolgreichen Altern“ Lehr 2007, S. 56 ff.)

Demgegenüber stellt Schroeter ein von ihm unter Bezugnahme auf Bourdieu und Elias entwickeltes heuristisches Modell der figurativen Felder, das sich gegen die auch im Altersdiskurs bestehende Dichotomie von Individuum und Gesellschaft wendet und von drei Rahmungen, dem Struktur-, dem Handlungs- und dem Deutungsrahmen ausgeht. Dieses Modell wird für das Feld der Pflege als einer spezifischen Figuration im Alter exemplarisch erläutert. Hiernach umfasst der Strukturrahmen das „Arrangement der personalen, interaktiven, organisatorischen und gesellschaftlichen Ebene“, der Handlungsrahmen das Handeln der mit jeweiligen Kapitalien ausgestatteten individuellen und kollektiven Akteure und der Deutungsrahmen die Sinnverständnisse und Regeln. (Vgl. Schroeter 2003, S. 59 f.)

←151 | 157→

Zu den Diskursen der Alternssoziologie resümiert Schroeter:

„Das Alter ist also immer eine komplexe Konstruktion mit vielschichtigen und z.T. divergierenden Sinnzusammenhängen. Es wird auf verschiedenen Ebenen (Interaktions-, Organisations- und Gesellschaftsebene) wahrgenommen, gedeutet – und konstruiert. Insofern ist Altern ein soziales Ordnungsprinzip, das stetigen Änderungen unterworfen ist.“ (Schroeter 2003, S. 60)

Das Alter regelt, so Schroeter, hierbei zum einen als Klassifikations- und Strukturierungsprinzip den Zugang zu sozialen Teilnahmechancen und stellt soziale Beziehungen her bzw. unterbindet sie, zum anderen wird das Alter selbst durch gesellschaftliche Differenzierungen und Ordnungen berührt.

Insoweit Schroeter somit einen komplexen und differenzierten Rahmen zur Analyse der Verknüpfung von Handeln und Alter aufgezeigt hat, so fokussiert er dennoch in seinem Resümee auf die Meso- und die Makro-Ebene, während die Dimension des individuellen biografischen Umgangs mit dem Altern unbeachtet bleibt.

Neben dem Verdienst der Alternssoziologie, Fragen von Handeln und Struktur, Lebenslage, gesellschaftlicher Teilhabe, Kultur etc. überhaupt aus der Alter(n)sperspektive zu betrachten, sind die in dieser Teildisziplin entwickelten Theorien nur begrenzt für die hier interessierende Themenstellung nutzbar, da sie sich weitgehend auf die nacherwerbliche Phase des Ruhestands beziehen (Funktionsverlust, Disengagement, Aktivität). Gleichwohl werden Dimensionen des Handelns thematisiert, die bereits auch für Erwerbspersonen in höherem Lebensalter relevant sein dürften und mögliche Altersbezüge aufweisen. Zu nennen sind insbesondere: altersbezogene Stigmatisierungen, Lebenszufriedenheit, Zutrauen, Macht und Ressourcen sowie Deutungen. Grundlegend erscheint hierbei die mehrfach von Schroeter formulierte Kritik an einer unterstellten Altershomogenität, die sich in verschiedenen Theorien finden lässt und die z.B. im Hinblick auf Lebenslage, Lebensstile, Altersbilder, Alterskultur und Kapitalien im Alter nicht haltbar ist – weder für die sich weiter ausdifferenzierenden Gesellschaften der Gegenwart noch für deren Vorläufertypen.

4.2.2 Zentrale Handlungsdimensionen aus der Perspektive des höheren Lebensalters

Der österreichische Soziologe und Sozialgerontologe Leopold Rosenmayr definiert die Begriffe Handlung und Altern wie folgt:

„Unter Handlung sei eine Tätigkeit verstanden, die dadurch, daß sie gestaltenden (und insofern festlegenden und begrenzenden) Charakter hat, befreiend wirkt, also Entscheidungen ermöglicht, trifft und durchträgt und dadurch in ästhetischer, intellektueller, ←152 | 158→ethischer, religiöser, politischer oder wirtschaftlicher Hinsicht Veränderung erwirkt.“ (Rosenmayr 1989, S. 151)

Damit wählt Rosenmayr eine sehr verengte Definition, die sowohl alle reaktiven und ggf. nicht befreiend wirkenden Handlungen – wer definiert zudem die Grenze zwischen befreiend und nicht befreiend wirkenden Handlungen? –, als auch alle bewusst entschiedenen und auch unbewusst erfolgten Nicht-Handlungen ausgrenzt.

Rosenmayrs Sicht auf das Altern beinhaltet zwar

„Prozesse der Erfahrung, die Erweiterung und Vertiefung, unter besonderen Umständen auch neue Dimensionen des Denkens, Fühlens und Handelns einschließen können“. (Rosenmayr 1989, S. 153)

Auch umfasst sein Verständnis von Altern die Möglichkeit, bis ins höchste Alter entwicklungs- und glücksfähig zu bleiben. Dennoch erscheint seine Definition von Altern eindimensional, defizitorientiert und reduziert auf die fortgeschrittenen Lebensphasen:

„Altern ist eine naturhafte Veränderung des Lebendigen, die durch Verluste und Einschränkungen gekennzeichnet ist. (…) ‚Wachstum‘, Prozesse fortdauernder und neu anzusetzender Entfaltung, sind wie die zielbestimmten Handlungsprozesse in gewisser Weise gegenläufig zum Altern.“ (Rosenmayr 1989, S. 153)

Auf dieser Basis betrachtet Rosenmayr ausgewählte Dimensionen des Handelns – Lernen, Kreativität, Wissen, Umgang mit Krisen, Kompetenz – aus der Perspektive auf das höhere Lebensalter sowie mögliche Risiken im Alter.

Dem Lernen weist Rosenmayr im Hinblick auf Handeln eine besondere Bedeutung zu, da über das Lernen die Teilhabe an der Kultur und die eigene Behauptung in ihr vermittelt werden. Im Vergleich zu Jüngeren lernen Ältere nicht schlechter, aber anders, z.B. im Hinblick auf Zeitbedarf, Störungsanfälligkeit, Sinnbezug, Erfolgsbestätigung, Anschlussfähigkeit, Sicherheit. Erfahrungen mit dem Lernen, Lernbereitschaft und Förderung von außen sind weitere wichtige Einflussfaktoren. Auch erfahrungsbasierte Qualitäten, wie z.B. Entscheidungskraft, erweitern die Handlungsfähigkeit und mit dem Alter wächst potentiell die Erfahrung.

Kreativität, die sich auf die Kompetenz des Problemlösens und die Originalität der Lösung bezieht, sieht Rosenmayr im Alter in einer spezifischen Ausformung. Demnach bezeichnet er als Alterskreativität die Fähigkeit, zur Problemlösung geeignete Ideen zu erkennen, auszuwählen und auf fremde Lösungsversuche einzugehen.

←153 | 159→

Auch dem Wissen schreibt Rosenmayr eine spezifische Altersperspektive zu. Als Alterswissen bezeichnet er die Möglichkeit, das „Durchbrechen gesellschaftlicher Zwänge“ durch neue Denkwege zu wagen oder sich im Gegenteil auch für Informationsaskese als ein Nicht-Wissen-Wollen zu entscheiden. Im Alter kann sich ein vertieftes Urteilsvermögen einstellen und die Fähigkeit zunehmen, Unsicherheit zu ertragen, eigene Irrtümer einzusehen oder eigene Erfahrungen zu transferieren – wobei Rosenmayr die reale Ausprägung dieser Fähigkeiten lediglich bei Minderheiten und Eliten vermutet.

Krisen können zu Verlusten und zu schweren Erschütterungen führen, sie können jedoch auch Handlungsfähigkeit stärken, wenn sich das Individuum die Krise eingesteht und mit ihr auseinandersetzt. Der Aufbau einer „neuen Wertbereitschaft“ als Umgehen mit Krisen im mittleren und späten Alter kann sich hierbei, im Gegensatz zur Jugend, auf bereits vorliegende Erfahrungen mit der Welt und mit sich beziehen. Hierzu zählt letztlich auch eine bessere Kenntnis der eigenen Triebhaftigkeit, die gemeinsam mit unbewussten Steuerungen Voraussetzungen für die eigene Orientierungsklarheit und damit ein Element der Handlungskapazität darstellen. (Vgl. Rosenmayr 1989, S. 153 ff.)

Kompetenz definiert Rosenmayr als erwiesene Fähigkeit zum Handeln, das im Hinblick auf die gestellten Ziele und Aufgaben, weder eine Über-, noch eine Unterforderung bedeuten darf.

„Kompetenz verlangt in den veränderungsbetonten Phasen von Jugend und Alter eine Steigerung der Selbstwahrnehmung und der Selbstinterpretation.“ (Rosenmayr 1989, S. 157)

Aktivität ist für ältere Menschen jedoch nur dann befriedigend, wenn sie vom Selbst frei gewählt und möglichst an frühere Lebensziele anknüpfen kann. Dies setzt nicht nur die Bereitschaft der Älteren, sondern häufig auch externe Hilfe voraus. Mit der Orientierung an Selbstbestimmung und dem Annehmen der Gewordenheit der eigenen Person wendet sich Rosenmayr damit gegen Ansätze im Rahmen der Disengagement-Theorie nach Cumming und Henry sowie der Aktivierungstheorie mit ihren allgemeinen Postulaten des sozialen Rückzugs bzw. der Aktivität.

„Die Selbstbestimmung des Lebensstils und der Verhaltensweisen ist ein entscheidendes Element der Lebensqualität im fortgeschrittenen Alter. Dieses Ziel kann aber nur aus einem dauernden Prozeß der verstärkten Bemühung um Selbststeuerung während des ganzen Lebenslaufs hervortreten. (…) Kompetenz im vollen Sinn (Eigenkompetenz) setzt Selbstbestimmung voraus, und je mehr Eigenkompetenz erworben wird, desto mehr Selbstbestimmung wird ermöglicht.“ (Rosenmayr 1989, S. 157)

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Jedoch befördert der gegenwärtig rasche gesellschaftliche und technologische Wandel, z.B. hinsichtlich sozialer Beziehungen, Umgang mit Behörden, Technologien in Beruf und Haushalt, in zunehmendem Alter Ängste, diesem nicht mehr gewachsen zu sein. Die Fähigkeit zur Anpassung an solchermaßen veränderte Daseinstechniken muss jedoch verbunden sein mit der Fähigkeit zur Selbstbehauptung, zur „Treue mit sich selbst“, die durchaus auch einen selbst bejahten Verzicht beinhalten kann:

„So zählen gekonnte Einschränkungen, überlegte Ablösungsprozesse bei Kompensation und neue emotionale Ziele zu den wichtigen Übergangsleistungen in der Phase vor oder bald nach der Pensionierung.“ (Rosenmayr 1989, S. 157)

Auch können Isolationseffekte eintreten, wenn Kommunikationsfähigkeit auch im Alter nicht stets neu erworben wird. Schließlich verweist Rosenmayr auf die Bedeutung sozio-ökonomischer Strukturen, die begünstigend oder hemmend auf Kompetenz und Handlungsfähigkeit einwirken. Ökonomische Abhängigkeit verstärkt sich bei einer Mehrheit der Älteren in der nachberuflichen Phase. Ältere und alte Menschen in ökonomisch schwächerer Lage weisen einen schlechteren Gesundheitszustand auf und verfügen in geringerem Maße über lebenserleichternde Haushaltsgeräte sowie über eine geringere Schulbildung. Ältere mit solchermaßen kumulierten Benachteiligungen, überwiegend verwitwete Frauen, sind zugleich schwieriger für soziale Angebote zu interessieren. Eine Teilursache für kumulative Benachteiligung verortet Rosenmayr in einer „gesellschaftsbedingten Selbstverursachung“, die

„im Verlauf lebenslanger Sozialisationsprozesse entstanden (ist), und zwar dadurch, daß keine Haltungen vermittelt wurden, die ein planendes soziales und ökonomisches oder ein sich befreiendes Gesundheits- und Körperverhalten erlauben. In besonders benachteiligten sozialen Verhältnissen mag individuelle Handlungsfähigkeit praktisch ‚gegen Null‘ gehen.“ (Rosenmayr 1989, S. 160)

In Auseinandersetzung mit dem von Rosenmayr kritisierten norm- und wertbezogenen Handlungsbegriff Webers stellt er diesem einen gerontologisch orientierten entgegen,

„welcher die Entscheidungsnotwendigkeiten und -fähigkeiten des älteren Menschen ebenso herausstellt wie seine Gestaltungskapazität. Gerade diese letztere trägt zur Zufriedenheit im eigenen Erleben und zur Erhöhung von Selbstbestimmung bei (…).“ (Rosenmayr 1989, S. 162)

Rosenmayr bezieht sich in seinen Ausführungen in ähnlicher Weise wie auch die oben vorgestellten Ansätze der Alternssoziologie auf die nachberufliche Phase bzw. deren Vorbereitungsphase. Sie sind somit nicht vollständig übertragbar auf ←155 | 161→die Situation älterer Erwerbspersonen, die im Mittelpunkt der vorliegenden Forschungsarbeit stehen. Die beleuchteten Dimensionen des Handelns sind allerdings gerade für die Erwerbssphäre von hoher Bedeutung, hiervon zeugen die in Kap. 3.1 bereits ausgeführten Diskurse über die Lern- und Leistungsfähigkeit älterer Beschäftigter. Auch ältere Erwerbspersonen können die von Rosenmayr benannten Altersspezifika bereits als Stärken ausgebildet haben, die auf beruflichen und lebensweltlichen Erfahrungen sowie Entwicklungen der eigenen Persönlichkeit gründen und als solche z.B. eine höhere Entscheidungskraft, Kreativität bei Problemlösungen, einen selbstbewussteren Umgang mit Wissen und Nicht-Wissen oder auch einen erfahrungsbasierten Umgang mit Krisen ermöglichen.

Zu berücksichtigen ist allerdings, dass diese altersspezifischen Ausformungen lediglich eine Potentialität darstellen, deren Realisierung von vielerlei Voraussetzungen abhängt. Fehlen diese, können sie im Gegenteil die genannten Dimensionen in höherem Lebensalter ggf. auch deutlich negativ prägen. Ein solch genereller Hinweis fehlt bei Rosenmayr. Stattdessen problematisiert er dies nur ansatzweise, z.B. unter Verweis auf Lernerfahrungen und externe Förderung als Einflussfaktoren auf das Lernen oder die Einschränkung, dass das „Alterswissen“ real voraussichtlich nur bei einer Minderheit ausgeprägt ist.

Als aufschlussreich können die von Rosenmayr thematisierten Risiken bezeichnet werden, wenngleich auch davon auszugehen ist, dass diese in der Phase des Ruhestands eine weitaus bedrohlichere Qualität annehmen dürften, verbunden mit den vielfach massiven Umwälzungen im ökonomischen, sozialen und gesundheitlichen Bereich. So ist davon auszugehen, dass solche Risiken auch für ältere Erwerbspersonen virulent werden können, insoweit z.B. Arbeitslosigkeit ein altersspezifisches Risiko darstellt mit finanziellen, sozialen, gesundheitlichen und persönlichen Folgeproblemen und die Angst hiervor bereits Wirkkraft entfalten kann. Ängste, Isolationseffekte, finanzielle, soziale und gesundheitliche Risiken können des Weiteren ältere Erwerbspersonen betreffen, insofern sie möglicherweise gerade ein Ergebnis ihrer Berufswege, Arbeits- und Lebenserfahrungen darstellen, z.B. als Folge etwaiger Dequalifizierungsprozesse, arbeitsbedingter Krankheiten oder altersdiskriminierender Erfahrungen.

Besonders relevant schließlich erscheint Rosenmayrs Orientierung an Selbstbestimmung im Alter, die er letztlich auch als Voraussetzung für Kompetenz fasst. Obschon die Aufrechterhaltung von Selbstbestimmung im sog. „abhängigen Alter“ eine ganz andere Qualität im Vergleich zur Erwerbsphase beinhaltet, erscheint der Aspekt der Selbstbestimmung jedoch auch hier relevant. Gerade im Hinblick auf die Bewältigung erwerbsbiografischer Umbruchphasen kann ←156 | 162→Selbstbestimmung als ein wichtiger Kompass fungieren, wie auch die Ausführungen im folgenden Kapitel 4.3 zeigen werden.

4.3 Handeln im erwerbsbiografischen Kontext

Nach der Betrachtung des Handelns aus der Altersperspektive soll nun abschließend das Handeln im erwerbsbiografischen Kontext spezifiziert werden. Nach einer Erörterung der vielfältig genutzten und teils unterschiedlich definierten Begrifflichkeiten werden empirische Studien vorgestellt, die eine Annäherung an die Dimensionen erwerbsbiografischen Handelns anhand der hier entwickelten Typologien ermöglichen. Näher vorgestellt werden Typologien zu „Arbeitsmarktstrategien und Orientierungen von Facharbeitern im berufsbiographischen Verlauf“ nach Baumeister, Bollinger, Geissler und Osterland (1991) (Kap. 4.3.1), zu „Berufsbiographischen Gestaltungsmodi“ (BGM) junger Fachkräfte nach Zinn (2001) (Kap. 4.3.2) sowie zu „Berufsbiographischen Orientierungen und Ausprägungen von Kompetenzen“ von (ehemaligen) WeiterbildungsteilnehmerInnen nach Hendrich (2003) (Kap. 4.3.3). Anschließend werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen diesen drei Typologien herausgearbeitet (Kap. 4.3.4). Auf drei weitere Typologien wird nur ansatzweise eingegangen: zu „Lebenskonzepten“ von Jugendlichen nach Baethge, Hantsche, Pelull und Voskamp (1988), zur „Lebensplanung junger Frauen“ nach Geissler und Oechsle (1990/1996) sowie zu „Erwerbsorientierungen in entgrenzten Arbeitsformen“ nach Pongratz und Voß (2003) (Kap. 4.3.5). Alle Typologien werden im Hinblick auf ihre Nutzbarkeit für die vorliegende Forschungsarbeit diskutiert.

Im erwerbsbiografischen Kontext wird Handeln unter verschiedenen Begrifflichkeiten gefasst, so z.B. Arbeitsmarkthandeln, berufs- oder erwerbsbiografisches Handeln oder Gestalten bzw. verbunden mit dem Kompetenzbegriff als Handlungs- oder Gestaltungskompetenz.

Berufliche Handlungskompetenz definiert Schwadorf

„als Fähigkeit und Bereitschaft, in beruflichen Situationen sachgerecht, gruppen- und beziehungsorientiert sowie verantwortlich reflektiert zu handeln.“ (Schwadorf 2003, S. 116)

Schwadorf spricht damit die Sach-, Sozial- und Selbstkompetenz an. Der Handlungsbegriff wird im Gestaltungsbegriff zielorientiert präzisiert. Munz, Rainer und Portz-Schmitt schreiben berufsbiografischer Gestaltungskompetenz die Fähigkeit zu,

„zwischen den eigenen Strebungen und den Interessen und Anforderungen der Umwelt abzuwägen“ (dies. 2005, S. 15).

←157 | 163→

In Anlehnung an Elias heben sie hierbei die Relevanz hervor, die eigene Identität als „Wandlungskontinuum“ zu verstehen, „die in allen Umbrüchen dennoch Bestand und Richtung hat“ (ebd., S. 11). Durch das Verständnis der eigenen Biografie als Wandlungsprozess, der trotz Veränderungen individuelle Muster und Gestalten aufweist, können äußere Anforderungen beurteilt und hierzu „individuell angemessene Umgehensweisen“ entwickelt werden. Neben einer solchen biografischen Orientierung benennen sie die Selbstlernkompetenz – als beständige und eigeninitiierte Auseinandersetzung mit Neuem –, das Erkennen des eigenen Kompetenzprofils sowie das Selbstmarketing – mit Verweis auf Sattelberger als Schaffung von „Öffentlichkeit für die eigenen Talente“ unter Berücksichtigung äußerer Anforderungen und persönlicher Entwicklungsstrebungen – als Fähigkeitsbündel berufsbiografischer Gestaltungskompetenz (vgl. dies. 2005, S. 10 ff.).

Noch pointierter fasst Hendrich den Begriff der berufsbiografischen Gestaltungskompetenz: In Auseinandersetzung mit dem viel diskutierten Begriff der Beschäftigungsfähigkeit, den er als „Kernstück neoliberaler Arbeitsmarktkonzeption“ bezeichnet und an dem er die hier geforderte Anpassung der Individuen in qualifikatorischer und sozialpsychologischer Hinsicht an unhinterfragte gesellschaftliche und ökonomische Entwicklungen kritisiert, konzipiert Hendrich berufsbiografische Gestaltungskompetenz als Gegenentwurf. Diese Gestaltungskompetenz bezieht er auf die Fähigkeit,

„Zusammenhänge, in die man gestellt ist, zu erkennen und sich in ihnen orientieren zu können, um auf diese Weise Spielräume für eigenverantwortliches Handeln entdecken und nutzen zu können (…).“ (Hendrich, 2004, S. 266)

Hierzu zählt auch, mit Verweis auf Dobischat, das Erkennen von Interessen und Interessenkonflikten im individuellen Lebensverlauf wie auch auf betrieblicher und gesellschaftlicher Ebene, die nur, wenn sie thematisiert werden, konstruktiv verarbeitet werden können. In diesem Sinne beinhaltet berufsbiografische Gestaltungskompetenz nach Hendrich „immer auch die Herstellung subjektiver berufsbiographischer Anschlußfähigkeit“. (Vgl. Hendrich 2004, S. 264 ff.)94 ←158 | 164→Gegenüber dem Handlungsbegriff betont der Gestaltungsbegriff nach Hendrich, mit Verweis auf Rauner, stärker die „schöpferische Qualität des selbstverantworteten Tuns“ (vgl. Hendrich 2003, S. 266).

Die bisherigen Ausführungen verdeutlichen, dass Handeln im erwerbsbiografischen Kontext – und hier insbesondere in der Betrachtung als Gestaltungskompetenz – bezogen wird auf Handlungsanforderungen, die nicht nur durch die Umwelt, wie z.B. Betrieb, Arbeitsmarkt etc., bedingt werden, sondern auch mit den eigenen Interessen auszutarieren sind. Die eigene Identität kann sich hierbei wandeln, darf jedoch nicht in ihrem Bestand und ihrer Richtung gefährdet werden. Relevant bei Veränderungen ist insofern die Frage ihrer berufsbiografischen Anschlussfähigkeit.

Für die hier vorliegende Arbeit wird im Weiteren der Begriff des erwerbsbiografisch orientierten Handelns genutzt. Hierunter wird alles Handeln gefasst, das über eine konkrete Handlungssituation hinausgehend sich auch auf grundlegendere Weichenstellungen der Erwerbsbiografie bezieht. Ohne die Relevanz der beruflichen Qualifikation und Identität und deren Entwicklung für die Erwerbspersonen und ihre Chancen am Arbeitsmarkt infrage stellen zu wollen, fordert der Begriff der Erwerbsbiografie dazu auf, den Blick ebenso auf berufliche Brüche mit ggf. nachfolgenden Phasen außerhalb der qualifikationsgerechten Berufstätigkeit zu richten, z.B. in geringer qualifizierten Erwerbsarbeitsverhältnissen, Arbeitslosigkeit etc., die eine Erwerbsbiografie in unterschiedlicher Weise prägen können.95 Erwerbsbiografisch orientiertes Handeln ist dabei immer im Kontext beruflicher sowie außerberuflicher Bedingungen, Ressourcen, Erfahrungen und Orientierungen zu verorten.

Um erwerbsbiografisch orientiertes Handeln empirisch erfassen zu können, stellt sich die Frage, wonach dieses differenziert werden kann. In vorliegenden erwerbsbiografischen Analysen wurden hierzu verschiedene Typologien entwickelt, die im Folgenden im Hinblick auf ihren theoretischen Ansatz und mögliche Anknüpfungspunkte für das hier verfolgte Forschungsvorhaben vorgestellt werden.

4.3.1 Typologie zu Arbeitsmarktstrategien und Orientierungen von Facharbeitern im berufsbiografischen Verlauf (nach Baumeister, Bollinger, Geissler und Osterland)

Die Typologie wurde in einem DFG-geförderten Projekt entwickelt und differenziert nach den jeweils dominanten und handlungsleitenden Motiven und Orientierungen bzw. ihrem Fehlen. Die Untersuchungsgruppe bilden 76 männliche Schlosser, Elektrofacharbeiter und Maler/Lackierer, mehrheitlich im Alter von 25 bis 35 Jahren in der Region Bremen. Folgende Typen werden unterschieden:

arbeitsinhaltlich orientierter Facharbeiter,

Optimierer,

sicherheitsorientierter Facharbeiter,

lohnorientierter Facharbeiter,

der Inaktive.

In die Typologie fließen das Arbeitsmarkthandeln, die Orientierungen, Persönlichkeitsmerkmale und strukturelle Bedingungen wie Beruf, Alter und Arbeitsmarktlage ein.96 Die genannten Persönlichkeitsmerkmale beziehen sich auf zwischen Handlungskompetenzen und Persönlichkeitsbestimmungen liegende Eigenschaften, die den Grad der berufsbiografischen Eigen-Gestaltung – auch unter Krisenbedingungen – determinieren, und werden differenziert in: realitätsbezogenes Planungsvermögen, Flexibilität und Veränderungsbereitschaft sowie Selbst- und Qualifikationsbewusstsein. Festgestellte Änderungen des dominanten Motivs im Lauf der Berufsbiografie erfolgten fast ausnahmslos in Richtung „Sicherheit“ – dies wurde jedoch nur auf Basis einer geringen Fallzahl ermittelt –, mehrheitlich blieb hingegen die primäre Orientierung stabil. (Vgl. Baumeister, Bollinger, Geissler & Osterland 1991, S. 64–66, 127, 135–161.)

Theoretischer Ansatz:

„Handeln meint hier also im Sinne Giddens (…) ‚den Menschen als selbstbewußt und entscheidungsfähig aufzufassen‘, dessen Selbstbewußtsein und Entscheidungsfähigkeit freilich ‚stets gebunden ist, da sie von dem institutionellen Kontext, in dem das Handeln stattfindet eingeschränkt ist‘. Allerdings schränken die sozialstrukturellen Systeme nicht nur ein, ‚sie befähigen auch zum Handeln … Die Struktur (ist) gleichzeitig Voraussetzung und Ergebnis selbstbewußter menschlicher Praxis‘.“ (Baumeister, Bollinger, Geissler & Osterland 1991, S. 16)

←159 | 166→

„Selbst wenn man nicht eine generelle Autonomie des individuellen Entschlusses unterstellt, gibt es gewisse vorgegebene Spielräume für ein ‚strategisches‘ Arbeitsmarktverhalten einerseits, ein subjektiv unterschiedliches Interesse und Vermögen, sie zu nutzen, andererseits.“ (Ebd., S. 18)

„Im individuellen Arbeitsmarkthandeln drückt sich auch die in der Sozialisation entwickelte Persönlichkeit aus. Sowohl in der Interpretation der sozialen Wirklichkeit, den Motivlagen, Orientierungen und Lebensentwürfen, als auch in bestimmten Handlungsdispositionen und -kompetenzen, die über die Art und Weise entscheiden, wie sich die Facharbeiter praktisch gegenüber vorgegebenen Bedingungen und Anforderungen verhalten, wird die Persönlichkeit erkennbar. Persönlichkeit und Subjektivität bedeutet gerade nicht Identität mit den objektiven Strukturen, sondern vielmehr, diesen ‚reflexiv, distanzierend gegenübertreten zu können, sich zu ihnen zu verhalten … Handlungsfähig sein heißt: Sich bewußt als die eigene Lebenssituation (und die jeweils aktuelle Situation) mitbestimmendes Subjekt wahrzunehmen und sich als solches zu setzen.‘ (Diezinger u.a. […]).“ (Ebd., S. 148)

Der Begriff der Orientierung wird mit Verweis auf Kudera in engen Zusammenhang mit den Deutungen der eigenen Lebenslage gestellt (vgl. Baumeister et al. 1991, S. 62, 312).

Anknüpfungspunkte zur vorliegenden Arbeit bzw. eine Übertragbarkeit werden in folgender Hinsicht gesehen:

Insgesamt bezieht die Typologie strukturelle Rahmenbedingungen, wie z.B. Arbeitsmarktlage, Arbeitsbedingungen etc., und normative Vorgaben – mit Bezug auf Kohli: der institutionalisierte Lebenslauf als Orientierungsschema –, des Weiteren die Orientierungen und Strategien der Individuen im Rahmen dieser strukturellen und normativen Vorgaben und in Auseinandersetzung mit diesen sowie zudem Persönlichkeitsstrukturen und Handlungskompetenzen der Individuen ein.

Hierbei wird insbesondere der Zusammenhang von strukturellen Rahmenbedingungen – anhand der Ende der 1970er Jahre einsetzenden Arbeitsmarktkrise –, Einstellungen zur Arbeit sowie persönlichen Dispositionen und Fähigkeiten prägnant herausgearbeitet.

Die bei Baumeister, Bollinger, Geissler und Osterland herausgearbeiteten, zwischen Handlungskompetenzen und Persönlichkeitsstrukturen verorteten Eigenschaften liefern fruchtbare Hinweise zur Erfassung und Analyse der in der vorliegenden Forschungsarbeit als „Erwerbsbiografisch orientiertes Handeln“ gefassten Analysedimension (s. Kap. 5.1, Abschnitt „Analysedimensionen“).

Inhaltlich knüpfen die Typen – mit Ausnahme des „Inaktiven“ – an die in der vorliegenden Ausarbeitung differenzierten „Handlungsgründe“ an (s. Kap. 5.1, Abschnitt „Analysedimensionen“).

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In folgenden Aspekten sind jedoch auch Abgrenzungen vorzunehmen:

Die Fragestellung und die (ausschließlich männliche) Untersuchungsgruppe unterscheiden sich stark von der hier vorliegenden Fragestellung – wobei erstere eine punktuelle Überschneidung bietet.

Theoretisch und konzeptionell wird die außerberufliche Lebenssituation, insbesondere familiäre Anforderungen und Interessen, die auch für Männer/Väter heterogen ausgeprägt sind und erwerbsbiografisch jeweils spezifisch wirken, nahezu vollständig ausgeblendet. Lediglich am Rande finden „Freizeitorientierung“ oder „Familiengründung und Hausbau“ Erwähnung.

Alter wirkt nach Baumeister et al. typenunspezifisch als zunehmendes Interesse an Stabilität und Kontinuität. Dabei räumen sie selbst ein, dass diese Aussage insofern einzuschränken ist, da nur wenig Befragte überhaupt knapp über 40 Jahre waren (vgl. dies. 1991, S. 159, 314), d.h. diese Aussage ist somit im Grunde unzulässig.

4.3.2 Berufsbiografische Gestaltungsmodi (BGM) junger Fachkräfte (nach Zinn)

Die Typologie wurde im Sonderforschungsbereich (SFB) 186 der Universität Bremen97 entwickelt.98 Sie ist eine Handlungstypologie, die Typenzuordnung erfolgte anhand der Dimensionen Arbeit, Qualifikation, Karriere, Einkommen und Betrieb. Als Untersuchungsgruppe wurden 31 Bank- und Einzelhandelskaufleute (ca. hälftig weiblich/männlich) im Zeitraum von acht Jahren nach Ausbildungsabschluss in drei Erhebungswellen in den Regionen Bremen und München interviewt. Folgende Typen wurden herausgearbeitet:

Betriebsidentifizierung,

Chancenoptimierung,

Laufbahnorientierung,

Lohnarbeiterhabitus,

Persönlichkeitsgestaltung,

Selbstständigenstatus.

←161 | 168→

„Die BGM sind die Konsequenz aus der Erfahrung, daß die Handlungsweisen junger Fachkräfte nicht allein auf gesellschaftliche Rahmenbedingungen, institutionelle Gatekeepingprozesse, situative Umstände und auch nicht auf die individuelle Lebensgeschichte der Handelnden reduziert werden können.“ (Zinn 2001, S. 68)

BGM typisieren „berufsbiographische Handlungsweisen“ (ebd., S. 239);

sie sind „sowohl Medium wie Folge berufsbiographischer Erfahrungsverarbeitung“, sie „strukturieren einerseits die Aktivitäten der Handelnden und sind gleichzeitig das Ergebnis ihrer Aktivitäten“ (ebd., S. 240);

BGM stehen für „individuelle Konsequenzen aus Sozialstrukturerfahrungen und integrieren eigene biographische Orientierungen und im Prozeß der Selbstsozialisation angeeignete Auseinandersetzungsformen mit beruflichen Gelegenheitsstrukturen und Handlungsmustern der Biographiegestaltung.“ BGM beziehen sich nicht auf einzelne berufsbiografische Stationen, sondern auf „übersituative Handlungslogiken“ (ebd., S. 68); BGM sind, mit Verweis auf Witzel, „problemfeldübergreifende, aber kontextspezifisch aktivierte Orientierungs- und Handlungsmuster“ (ebd., S. 71).

Theoretischer Ansatz: In Anlehnung an Giddens wird auf die Dualität sozialer Strukturen verwiesen: als Ergebnis der Handlungspraxis von Subjekten sowie als Medium ihrer Handlungen, wobei Strukturen als Rahmengeber jedoch nie Handlungen vollständig determinieren können (vgl. Zinn 2001, S. 236).

„Subjekte, die im Lebensverlauf ihre Biographie gestalten, indem sie zu unterschiedlichen Zeitpunkten (vor allem im Zusammenhang mit sozial definierten Statuspassagen) auf die Zukunft gerichtete Entscheidungen treffen, wurden ‚biographische Akteure‘ genannt. Damit wird betont, daß sich die Handelnden bei ihren Entscheidungen bezüglich des weiteren Lebensverlaufs nicht allein an normativen Vorgaben und Leitbildern orientieren, sondern Konsequenzen aus eigenen Erfahrungen ziehen und zu ihren individuellen Zukunftswünschen ins Verhältnis setzen.“ (Ebd., S. 237 f.)

Die BGM beziehen sich sozialisationstheoretisch auf das Konzept der Selbstsozialisation nach Heinz, Kelle, Witzel und Zinn (1998), das die zwischen der Kindheits- und Jugendsozialisation einerseits sowie der Erwachsenensozialisation andererseits identifizierte sozialisationstheoretische Lücke füllen soll. Handlungstheoretisch wird den BGM das hierfür entwickelte „ARB-Schema“ als Handlungsmodell zugrunde gelegt,99 das sich auf sich wechselseitig beeinflussende Aspirationen – wie z.B. Interessen, Motive, Ziele, Planungen etc. –, Realisationen – als konkrete Handlungsschritte zur Umsetzung von Aspirationen – und Bilanzierungen – als Bewertungen von Handlungsfolgen und Kontexterfahrungen – bezieht. (Vgl. Zinn 2001, S. 68 ff.)

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Als Anknüpfungspunkte zur vorliegenden Arbeit bzw. Übertragbarkeit können Folgende genutzt werden:

Die Typologie von Zinn, resp. Witzel und Kühn, basiert auf individuellen Orientierungen und Strategien und wird anschließend im Zusammenhang mit, anhand des Schulabschlusses indizierten Ressourcen, persönlichen (geschlechtlichen, familiären) sowie arbeitsmarktlichen (branchenstrukturellen, regionalen) Kontextbedingungen analysiert.

Hierbei wird insbesondere die Komplexität von Wirkungszusammenhängen zwischen Ungleichheitsindikatoren und berufsbiografischen Handlungsweisen – hinsichtlich Orientierungen, auf Frauen und Männer unterschiedlich wirkender familiärer Situationen sowie nach Geschlecht, Branche und Region unterschiedlich wirkender beruflicher Chancen – klar herausgearbeitet.

Auf dieser Grundlage lassen sich untersuchungsleitende Anforderungen an die Differenziertheit und Komplexität erwerbsbiografischer Analysen ableiten.

Inhaltlich knüpfen die in der vorliegenden Forschungsarbeit differenzierten „Handlungsgründe“ punktuell an die entwickelten BGM-Typen an (z.B. „Chancenoptimierung“, „Persönlichkeitsgestaltung“ und „Lohnarbeiterhabitus“ an Gründe der „beruflich bedingten Veränderungswünsche“, s. Kap. 5.1, Abschnitt „Analysedimensionen“).

Zugleich sind Abgrenzungen vorzunehmen:

Die Begriffe Handlungsweisen, Handlungslogiken und Handlungsmuster werden bei Zinn synonym verwendet. Letztere werden, im Unterschied zu Baumeister, Bollinger, Geissler und Osterland, nicht spezifisch analysiert.

Fragestellung und Untersuchungsgruppe unterscheiden sich sehr stark von der hier vorliegenden Fragestellung und sind nicht übertragbar, zudem sind sie mit einem relativ kurzen zeitlichen Bezugsrahmen (acht Jahre nach Ausbildungsabschluss) verbunden.

4.3.3 Cluster berufsbiografischer Orientierungen und Ausprägungen von Kompetenzen von (ehemaligen) WeiterbildungsteilnehmerInnen (nach Hendrich)

Bei der Studie (vgl. Hendrich 2003) handelt es sich um eine unveröffentlichte Habilitationsschrift.100 Sie nimmt Bezug auf ein Leonardo-Projekt, in dessen ←163 | 170→Rahmen in den Regionen Flensburg und Oldenburg Interviews mit 40 (ehemaligen) WeiterbildungsteilnehmerInnen geführt wurden, die aus Arbeitslosigkeit (Frauen und Männer) oder nach einer familiär bedingten Unterbrechung (Frauen) einen beruflichen Wiedereinstieg realisieren wollen oder bereits realisiert haben. Das Alter der Interviewten lag zwischen 30 Jahre bis Ende 40. Folgende Cluster wurden ermittelt:

männliche aufstiegsorientierte Fachqualifizierte mit Betriebswechseln und erfolgreichen Verbesserungen ihrer Arbeitssituation,

weibliche hochmotivierte Fachqualifizierte ohne besondere Karriereplanung,

weibliche erfolgreich Selbstständige,

weibliche stabilitätsorientierte abhängig Beschäftigte mit positivem Berufsverlauf,

weibliche „luxurierende“ abhängig Beschäftigte ohne besondere materielle Interessen,

männliche Angelernte mit häufigen Betriebswechseln in prekären Arbeitsverhältnissen und

weibliche stabilitätsorientierte Beschäftigte mit erfolglosem Berufsverlauf (vgl. Hendrich 2003, S. 144).

Die Cluster differieren somit nach Geschlecht, beruflicher Orientierung und z.T. erwerbsbiografischem Verlauf (Qualifikationsniveau, Kontinuität, Erfolg). Die Cluster weisen jeweils spezifische Ausprägungen von Schlüsselkompetenzen auf. Hierfür wurde in dem Projekt ein Kompetenzmodell von Schlüsselqualifikationen entwickelt mit den Dimensionen: a) inhaltsbezogene und praktische Kompetenzen, wie z.B. inhaltlich fachgerechtes Arbeiten, b) methodische Kompetenzen, z.B. Organisationskompetenzen, Fähigkeit zur Situationsanalyse, zu angemessenem Handeln, zur Zeitplanung, c) soziale Kompetenzen, z.B. Fähigkeit zur Kooperation, zur Selbstbeobachtung, positive Einstellung zu sich selbst, Fähigkeit zum Meistern von Konflikten, d) Einstellungs- und wertorientierte Kompetenzen, z.B. Akzeptanz zur Selbstverantwortung, Zeigen von Loyalität und Verpflichtung, Umgang mit Veränderungen, sowie e) Lernkompetenzen, z.B. Wahrnehmungsfähigkeit von Lernerfahrungen und Selbstlern-Fähigkeit (vgl. Hendrich 2003, S. 121). Die Untersuchung zielt auf die Analyse von „heimlichen“ nicht-fachlichen Schlüsselqualifikationen, die in außerberuflichen Lebenszusammenhängen erworben wurden und für die Berufsverläufe und beruflichen Chancen relevant sind. In den Interviews wurden die Erwerbsbiografie, das Bewusstsein über die etwaigen „heimlichen“ Schlüsselkompetenzen sowie die beruflichen Orientierungen erfragt.

←164 | 171→

Theoretischer Ansatz: Hendrich knüpft an die von Baumeister, Bollinger, Geissler und Osterland sowie von Witzel und Kühn gewählte berufsbiografische Perspektive an, die auf die Handlungsmotive der Individuen bzw. ihre Orientierungs- und Handlungsmuster fokussieren und die berufsbiografischen Orientierungen als Widerspiegelung der individuellen Bilanzierungen von Bildungs- und Arbeitserfahrungen herausarbeiten (vgl. Hendrich 2003, S. 41–46). Auch mit Bezugnahme auf Helling (1996) betont Hendrich den letztgenannten Aspekt für die Erwerbsbiografie:

„Subjektive Bilanzierungen von Berufswechseln und Qualifikationsverwertung (…) reflektieren (…) zum einen Erfahrung der eigenen Bildungsgeschichte und Erwerbsbiographie und sind zum anderen aber immer auch von dem Bemühen gezeichnet, durch den Versuch der Herstellung einer subjektiven erwerbsbiographischen Kontinuität, Ansprüche auf personale und soziale Identität zu wahren.“ (Hendrich 2003, S. 45 f.)

Als Anknüpfungspunkte zur vorliegenden Forschungsarbeit bzw. Übertragbarkeit sind zu nennen:

Die Typologie bezieht sich auf individuelle Orientierungen, Kompetenzen, erwerbbiografische Verläufe, Ressourcen und persönliche Kontextbedingungen.

Die Ausprägung „heimlicher Schlüsselkompetenzen“ und das Bewusstsein hierüber ist für die Cluster spezifisch herausgearbeitet.

Das hierfür entwickelte Kompetenzmodell bietet inhaltlich nutzbare Anknüpfungspunkte.

Individuelle Handlungskontexte und personale Strukturindikatoren sind in die Cluster integriert.

Inhaltlich knüpfen die Typen – mit Ausnahme der „weiblichen erfolgreich Selbständigen“ und der „weiblichen stabilitätsorientierten Beschäftigten mit erfolglosem Berufsverlauf“ – an die in der vorliegenden Forschungsarbeit differenzierten „Handlungsgründe“ an (s. Kap. 5.1, Abschnitt „Analysedimensionen“).

Als Abgrenzung ist Folgende zu ziehen:

Fragestellung und Untersuchungsgruppe unterscheiden sich deutlich von der hier vorliegenden Fragestellung.

4.3.4 Die Typologien nach Baumeister et al., Zinn und Hendrich im Vergleich

Die vorstehend erläuterten Typologien beinhalten neben anlagespezifischen Unterschieden auch einige Überschneidungen. Zur besseren Übersichtlichkeit werden die entwickelten Typen nachfolgend synoptisch dargestellt (s. Tab. 1).

Tab. 1:Überblick über die Typologien nach Baumeister et al., Zinn und Hendrich

Baumeister, Bollinger, Geissler & Osterland (1991): Arbeitsmarktstrategien und Orientierungen von Facharbeitern im berufsbiographischen VerlaufZinn (2001): Berufsbiographische Gestaltungsmodi (BGM) junger FachkräfteHendrich (2003): Cluster berufsbiographischer Orientierungen und Ausprägungen von Kompetenzen von (ehemaligen) WeiterbildungsteilnehmerInnen
arbeitsinhaltlich orientierter FacharbeiterBetriebsidentifizierungmännliche aufstiegsorientierte Fachqualifizierte mit Betriebswechseln und erfolgreichen Verbesserungen ihrer Arbeitssituation
OptimiererChancenoptimierungweibliche hochmotivierte Fachqualifizierte ohne besondere Karriereplanung
sicherheitsorientierter FacharbeiterLaufbahnorientierungweibliche erfolgreich Selbständige
lohnorientierter FacharbeiterLohnarbeiterhabitusweibliche stabilitätsorientierte abhängig Beschäftigte mit positivem Berufsverlauf
der InaktivePersönlichkeitsgestaltungweibliche „luxurierende“ abhängig Beschäftigte ohne besondere materielle Interessen
Selbständigenstatusmännliche Angelernte mit häufigen Betriebswechseln in prekären Arbeitsverhältnissen
weibliche stabilitätsorientierte Beschäftigte mit erfolglosem Berufsverlauf
←165 | 172→←166 | 173→

Die drei Typologien weisen folgende Gemeinsamkeiten auf:

Der Fokus liegt jeweils auf berufsbiografischen Handlungsstrategien und/oder Orientierungen, wobei Hendrich sowie Baumeister, Bollinger, Geissler und Osterland diese um Cluster- bzw. Typen-spezifische Ausprägungen von Kompetenzen ergänzen. In ihren (handlungs-)theoretischen Begründungen setzen Zinn sowie Baumeister et al. (ähnlich: Hendrich) die berufsbiografischen Orientierungen in einen engen Zusammenhang mit Deutungen und Bilanzierungen von Erfahrungen, strukturellen Rahmenbedingungen und normativen Vorgaben.

Zwischen einzelnen Typen gibt es inhaltliche Überschneidungen: a) Optimierer (Baumeister et al.)/Chancenoptimierung (Zinn)/männliche aufstiegsorientierte Fachqualifizierte mit Betriebswechseln und erfolgreichen Verbesserungen ihrer Arbeitssituation (Hendrich); b) sicherheitsorientierter und lohnorientierter Facharbeiter (Baumeister et al.)/Lohnarbeiterhabitus (Zinn)/weibliche stabilitätsorientierte abhängig Beschäftigte mit positivem Berufsverlauf (Hendrich); c) Selbstständigenstatus (Zinn)/weibliche erfolgreich Selbstständige (Hendrich).

Die interviewten Erwerbspersonen umfassen keine älteren Personen ab 50 Jahren.

Das Qualifikationsspektrum der Interviewpersonen umfasst schwerpunktmäßig FacharbeiterInnen bzw. Fachangestellte (bei Hendrich mit größerer Berufsvielfalt).

Die Untersuchungsregionen liegen in den alten Bundesländern mit hoher Gewichtung Norddeutschlands: die Region Bremen bei Baumeister et al., die Regionen Bremen und München bei Zinn, die Regionen Flensburg und Oldenburg bei Hendrich.

Unterschiede zwischen den drei Typologien lassen sich wie folgt benennen:

Neben den genannten einzelnen inhaltlichen Überschneidungen gibt es Unterschiede zwischen den Typen, die i.W. auf die unterschiedlichen Fragestellungen und Untersuchungsgruppen zurückzuführen sein dürften.

Den Typologien liegen innerhalb der Klammer berufsbiografischer Orientierungen je eigene Fragestellungen zugrunde: Arbeitsmarktstrategien und Orientierungen im berufsbiografischen Verlauf (Baumeister et al.), berufsbiografische Gestaltungsmodi in den ersten Berufsjahren nach der Ausbildung (Zinn) sowie berufsbiografische Orientierungen und Ausprägungen von Kompetenzen (Hendrich). Diese Fragestellungen beziehen sich jeweils auf spezifische Untersuchungsgruppen.

Die Untersuchungsgruppen unterscheiden sich nach Alter und z.T. auch nach Geschlecht: das Spektrum reicht von jüngeren, ausschließlich männlichen Facharbeitern mehrheitlich im Alter von 25 – 35 Jahren (Baumeister et al.) und jungen Fachkräften beiderlei Geschlechts während der ersten acht Jahre nach Ausbildungsabschluss (Zinn) bis zu weiblichen und männlichen (ehemaligen) WeiterbildungsteilnehmerInnen im Alter zwischen 30 Jahren und Ende 40 (Hendrich).

Die Strukturkategorie Geschlecht, soweit überhaupt beide Geschlechter untersucht wurden, fungierte bei Hendrich als eines der Cluster konstituierenden Kriterien, während Zinn im Sinne eines Perspektivwechsels zuerst die Gemeinsamkeiten in den allgemeinen Handlungslogiken erforschte und anschließend im Kontext personaler Strukturindikatoren analysierte. In der Tat sind bei Zinn Unterschiede in der Typenverteilung nach Geschlecht aufgrund des geringen Umfangs und der gezielt auch extreme Fälle umfassenden Zusammensetzung des Samples kaum aussagekräftig, wohingegen die anschließende Analyse der Typen im Kontext von Geschlecht, Familie/Kinder etc. gleichwohl „vielschichtige Wirkungszusammenhänge“ verdeutlichten.

Unter Berücksichtigung der je spezifischen Untersuchungsanlage verbindet die drei Typologien dennoch eine theoretische Nähe zueinander, indem Einstellungen gegenüber der Erwerbsarbeit und berufs- bzw. erwerbsbiografisches Handeln im Wirkungszusammenhang von individuellen Orientierungen, Deutungen, Strategien, Kompetenzen, Ressourcen, persönlichen Eigenschaften und Kontextbedingungen – wenn auch in je unterschiedlicher Berücksichtigung – untersucht wurden.

4.3.5 Weitere Typologien

Baethge, Hantsche, Pelull & Voskamp (1988): Lebenskonzepte von Jugendlichen: Die Typologie wurde im Rahmen eines Projekts am Soziologischen Forschungsinstitut Göttingen (SOFI) im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung, des Bundesministeriums für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit sowie des DGB entwickelt. Im Mittelpunkt steht die Identität bzw. das Lebenskonzept, fokussiert auf die Bedeutung der Erwerbsarbeit und des Wandels der Arbeitsmarkt- und Berufsbildungsstrukturen für die Identitätsentwürfe von Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Hierbei wurden nur solche Jugendliche in die Typenbildung aufgenommen, die bereits über ein „halbwegs erkennbares“ ←167 | 175→Lebenskonzept verfügen.101 Die Untersuchungsgruppe umfasst weibliche und männliche Jugendliche zwischen 19 und 25 Jahren. Folgende Typen wurden ermittelt:

arbeitsorientiertes Lebenskonzept,

ausbalanciertes Lebenskonzept,

familienorientiertes Lebenskonzept,

freizeitorientiertes Lebenskonzept.

Geissler und Oechsle (1990/1996): Lebensplanung junger Frauen: Die Typologie wurde im Rahmen des bereits erwähnten SFB 186 der Universität Bremen entwickelt. Der Fokus liegt auf der handlungswirksamen Planung des eigenen Lebens – was die Typologie nach der Kritik Zinns jedoch nicht einlöst. In die Typologie wurden nur Frauen aufgenommen, die über Planungskompetenz i.S. des Verfolgens bestimmter Formen der Lebensplanung verfügen.102 Die Untersuchungsgruppe bezieht sich auf junge Frauen zwischen 20 und 30 Jahren. Herausgearbeitet wurden folgende Lebensplanungstypen:

doppelte Lebensplanung,

familienzentrierte Lebensplanung,

berufszentrierte Lebensplanung,

individualisierte Lebensplanung.

Beide Typologien sind für die vorliegende Untersuchung inhaltlich nicht unmittelbar nutzbar, da sie sich im Ergebnis i.W. nicht auf Handlungsstrategien, sondern auf das Verhältnis der verschiedenen Lebensbereiche zueinander beziehen, dies gilt auch – trotz gegenteiligen Anspruches – für die Typologie von Geissler und Oechsle (zur Kritik vgl. Zinn 2001, S. 55–67).

Pongratz und Voß (2003): Erwerbsorientierungen in entgrenzten Arbeitsformen: Im Rahmen einer von der Hans-Böckler-Stiftung geförderten Studie und anknüpfend an Vorarbeiten der Autoren über das von ihnen idealtypisch entwickelte Konzept des „Arbeitskraftunternehmers“ (Voß & Pongratz 1998) untersuchten sie, inwieweit Erwerbsorientierungen von Beschäftigten diesem Typus entsprechen, der sich durch „eine unternehmerische Entwicklung und ←168 | 176→Vermarktung der eigenen Arbeitskraft als Ware“ auszeichnet (Pongratz & Voß 2003, S. 24). Hierfür wurden 40 männliche und 20 weibliche Beschäftigte mittlerer bis hoher Qualifikation ohne Vorgesetztenfunktion in Gruppen- bzw. Projektarbeit interviewt, da diese im Unterschied zur „Normalarbeit“ „entgrenzte Arbeitsformen“ darstellen, in denen der Typus Arbeitskraftunternehmer in relevanterem Umfang vermutet wird. Die Befragten sind aus sechs Betrieben unterschiedlicher Branchen (Versicherung, Fertigungswerk/Elektrotechnik, Meßsystemhersteller/Maschinenbau, Automobilzulieferer, IT-Unternehmen/Hardware-Hersteller und IT-Unternehmen/Technologieentwicklung in den Bundesländern Bayern, Baden-Württemberg und Hessen. Ihr Alter liegt zwischen 21 und 57 Jahren, darunter fast die Hälfte in den 30er und 6 Personen in den 50er Jahren. Zur Analyse der Erwerbsorientierungen wurde differenziert in drei Orientierungssegmente, für die eine jeweils spezifische Typologie entwickelt wurde:

a)der Bereich Arbeitsfeld mit Konzentration auf den Aspekt der Leistungsorientierung und den Typen:

Leistungsoptimierung (mit den Subtypen: „Ambitioniert“ und „Moderat“),

Leistungssicherung (mit den Subtypen: „Erweitert“ und „Souverän“) und

Leistungserfüllung;

b)der Bereich Erwerbsperspektive, fokussiert auf die individuellen berufsbiografischen Orientierungen und unter Übernahme der von Witzel und Kühn entwickelten Typologie berufsbiografischer Gestaltungsmodi, die leicht modifiziert folgende Typen ergab:

Autonomiegewinn (nicht wie bei Witzel und Kühn mit der Differenzierung nach Selbstständigenhabitus und Persönlichkeitsgestaltung, da jeweils beide Aspekte bedeutsam waren),

Karriereambition (wie bei Witzel und Kühn mit den Subtypen „Chancenoptimierung“ und „Laufbahnorientierung“),

Statusarrangement (nicht wie bei Witzel und Kühn mit der Differenzierung nach Betriebsidentifizierung und Lohnarbeiterhabitus, die bei Pongratz und Voß nicht als unterschiedliche Typen, sondern vielmehr in überschneidender Ausprägung auffindbar waren; stattdessen mit den Subtypen „Anwartschaft“, „Abrundung“ und „Erhaltung“);

c)der Bereich Lebensführung mit Konzentration auf den Aspekt der Elastizitätsmuster im Verhältnis von Arbeit und Privatleben mit den Typen:

Entgrenzung (Pol der Vermischung),

Integration (Zwischenfeld zwischen den Polen),

Gleitende Segmentation (Zwischenfeld zwischen den Polen),

Starre Segmentation (Pol der Trennung). (Vgl. Pongratz & Voß 2003, S. 52–123.)

Allerdings hielten die Autoren „eine den Einzelfall (über die drei Bereiche hinweg) zusammenfassende Typisierung“ aus inhaltlichen und zeitlichen Gründen für verzichtbar (dies. 2003, S. 49 f.). Dieses Vorgehen bietet somit einen methodischen und empirischen Erkenntnisgewinn zu einzelnen Analysedimensionen von Orientierungen, die aber unterhalb der personalen Ebene verortet sind. Für die vorliegende Forschungsarbeit ist die Studie von Pongratz und Voß trotz Unterschieden in der Fragestellung von Interesse, da sie die Berufsbiografischen Gestaltungsmodi nach Witzel und Kühn auch für Untersuchungsgruppen anderer Altersstufen und Qualifikationssegmente grundsätzlich bestätigt und damit validiert (vgl. Pongratz & Voß 2003, S. 88).

4.4 Resümee

In diesem Kapitel wurden grundlegende handlungstheoretische Diskurse aufgearbeitet und für die hier interessierende Fragestellung beruflichen Handelns in höherem Lebensalter zum einen unter der Altersperspektive, zum anderen im Hinblick auf den erwerbsbiografischen Kontext spezifiziert.

Seit der Konzipierung des Handlungsbegriffs bei Max Weber (1925) als sinnhaftes Handeln, dessen zweckrationale Orientierung zwar das reale Handeln keinesfalls dominiert, forschungsmethodisch aber von Weber ins Zentrum gerückt wird, hat sich die Handlungstheorie massiv ausdifferenziert. So nimmt Schütz eine differenziertere Auslegung des Sinn-Begriffs vor. Er sieht den Sinn des Handelns in der reflexiven Zuwendung aus einem jeweiligen „Jetzt und So“ bestimmt und verweist – gemeinsam mit Luckmann – auf die Bedeutung des Wissensvorrats für das Handeln. Im weiteren handlungstheoretischen Diskurs werden lange Zeit dominierende und auf Weber rekurrierende grundlegende Annahmen rationalen Handelns selbst infrage gestellt, so u.a. die Bindung des Handlungsbegriffs an Rationalität, Intentionalität, Bewusstheit und Reflexivität. Stattdessen rücken zunehmend weitere Einflussfaktoren auf das Handeln in den Fokus der Betrachtung, wie z.B. Alltagshandeln und Routine, Normen, Emotion, Intuition, Körperlichkeit, Kreativität sowie Interaktion mit anderen handelnden Subjekten und sozialen Zusammenhängen. Auch die beleuchteten Dimensionen des Handelns werden ausdifferenziert, wie z.B. die Prozesshaftigkeit und Verschränkung von Entscheidung und Handeln – statt ihrer bloß sequentiellen Abfolge – sowie durch Handeln ausgelöste unbeabsichtigte ←169 | 178→Folgen. Insofern diese handlungstheoretischen Weiterentwicklungen als eine Annäherung an die Komplexität von Entscheidungen und Handlungen eingeschätzt werden können, so erscheint es m.E. eben aufgrund dieser Komplexität auch wenig tragfähig, rationales Handeln um weitere monofokale Kategorien zu ergänzen, denen jeweils verschiedene Handlungsarten zuordenbar sind. Stattdessen wird hier die Auffassung vertreten, dass Handeln angemessener mit einem Konzept fließender Grenzen zwischen Rationalität und Intuition, Reflexivität und Gewohnheit, Intention und Impulsivität erfasst werden kann – womit die von Wilz (2009) aufgeworfene, aber unbeantwortet gelassene Frage kommentiert wird.

Bezieht sich dieser skizzierte Strang der Diskurse auf die Frage nach der Definition und Charakteristik des Handelns, so fragt ein weiterer Diskussionsstrang nach der Verortung des Handelns im Spannungsfeld von Individuum und Gesellschaft. Während in der Rational-Choice-Theorie, die eine der einflussreichen Strömungen innerhalb der Handlungstheorie darstellt und begrifflich teils synonym mit dieser bezeichnet wird, die Frage sozialer Kontextbedingungen kaum bis gar nicht in den Blick nimmt, bilden gesellschaftliche Strukturen als Bedingungen für individuelles Handeln in insbesondere makrosoziologischen Ansätzen den ausschließlichen Fokus. Die Theorie der Strukturation von Giddens (1995) erscheint hier als ein theoretischer Ansatz, der sich explizit einer Bevorzugung einer der beiden Pole, der subjektiven bzw. objektiven Ebene, verweigert und die Verschränkung von Handeln und Struktur als Dualität konzipiert – wenngleich aus der Perspektive des Soziologen als Dualität von Struktur.

Auch die Biografieforschung beansprucht, beide Seiten in den Blick zu nehmen. Hier soll jedoch die mehrfach in der Literatur vertretene Auffassung zurückgewiesen werden, dass es sich bei den unterschiedlichen Forschungslinien allein um unterschiedliche Perspektiven oder gar, so Krüger, nur unterschiedliche Gegenstandsfelder handelt. Stattdessen werden diese der Argumentation von Fuchs-Heinritz (2005) entsprechend als unterschiedliche theoretische Orientierungen gefasst, die in ihren jeweiligen Annahmen über das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft die damit verbundenen Einflussgrößen auf individuelles Handeln unterschiedlich gewichten. Im Rahmen der erziehungswissenschaftlichen Biografieforschung leistet Schulze im Hinblick auf das Konzept von Biografie eine Integration der evolutionären, soziologischen, pädagogischen und psychologischen Dimension und fasst hierbei das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft als „dramatische Interaktion und Auseinandersetzung zwischen zwei unterschiedlichen Antagonisten“ (ders. 2006, S. 46). Diesen Dualismus versuchen Alheit und Dausien, ebenfalls von einem ←170 | 179→erziehungswissenschaftlich-biografietheoretischen Ansatz ausgehend, zu integrieren, indem sie Struktur und Handeln als eine „biographische Prozessstruktur“ i.S. einer biografischen „Organisation von Erfahrungen im sozialen Raum“ (dies. 2006, S. 441) konzipieren und hiermit an Giddens anknüpfen. Wenngleich auch eine nähere inhaltliche Untersetzung offen bleibt, erscheint dieser Ansatz in seiner Betonung des Aspekts der Dialektik – anstelle von Wechselwirkung –, der sich in ähnlicher Form in der Giddens’schen Begrifflichkeit der Dualität – statt Dualismus – wiederfindet, am ehesten angemessen, um sich dem komplexen Verhältnis von Individuum und Gesellschaft als Bestimmungsgrößen für individuelles Handeln anzunähern.

Im Kontext dieser beiden Diskussionsstränge konnten für die hier geplante Analyse erwerbsbiografisch orientierten Handelns in höherem Lebensalter vielfältige Analysedimensionen aufgearbeitet werden. So fragen z.B. ForscherInnen im Umfeld der Theorie reflexiver Modernisierung nach den Folgen der mit der Zweiten Moderne verbundenen Uneindeutigkeiten und Ambivalenzen auf die Entscheidungs- und Handlungsprozesse der Individuen. Ohne dem zugrunde liegenden Theoriegehalt folgen zu wollen – so erscheint der zur Herausbildung einer Zweiten Moderne behauptete Strukturbruch durchaus zweifelhaft –, bieten hier verortete Forschungsarbeiten zugleich fruchtbare Hinweise für die Analyse von Handlungsstrategien. Hierzu zählen insbesondere die im Rahmen der Untersuchungen über biografische Sicherheit ermittelte Bedeutung der Perzeption von Unsicherheit103 für die Ausbildung unterschiedlicher Handlungslogiken (vgl. Bonß, Esser, Hohl, Pelizäus-Hoffmeister & Zinn 2004) sowie die im Rahmen der Analysen zur Veränderung von Arbeit herausgearbeitete Relevanz von Begründungsstrukturen104 und Reflexivität105 für Deutungs- und Handlungsmuster (vgl. Hacket, Janowicz & Kühnlein 2004).

In biografietheoretischen Ansätzen erscheint neben der bereits diskutierten Integration von Struktur und Handeln die schon bei Fischer und Kohli (1987) angelegte, bei Schulze (2006) differenzierter erfolgte Betrachtung von Erfahrungen, Orientierungen, Interessen und Zielen ertragreich für die Analyse von Handeln. Schließlich bieten die von Schütze (1984) ermittelten ←171 | 180→Erfahrungshaltungen106 gegenüber lebensgeschichtlichen Erlebnissen und damit verbundene Zukunftserwartungen107 wie auch angenommene Interventionsmöglichkeiten108 heuristisch nutzbare Anknüpfungspunkte für eine Analyse von Handeln.

Die Frage nach spezifischen Rahmungen, Determinanten und Aspekten des Handelns in höherem Lebensalter wird in vielfältigen alternssoziologischen Untersuchungen aufgegriffen. Das hier skizzierte Theorienspektrum thematisiert in den älteren strukturfunktionalen Ansätzen, wie z.B. der Disengagementtheorie, einen Funktions-, Rollen- und Statusverlust im Alter. Auch nachfolgende Theorien beleuchten nahezu ausschließlich das Alter in defizitorientierter Konnotation, wie z.B. die Stigma-Theorie im Hinblick auf altersbezogene Stigmatisierungen oder die exchange-theory in Bezug auf eine geringere Verfügung Älterer über Macht und Ressourcen. Zu Recht kritisiert Schroeter (2003) die hier vielfach unterstellte Altershomogenität. Differenzierungen innerhalb der Altersschichten sowie zwischen den individuellen Lebenslagen und Lebensstilen sind theoretisch zu berücksichtigen. Das von Schroeter entwickelte Modell der figurativen Felder versucht, die auch im Altersdiskurs bestehende Dichotomie von Individuum und Gesellschaft durch das Konzept der drei Rahmungen, dem Struktur-, dem Handlungs- und dem Deutungsrahmen, zu überwinden. Wenngleich die skizzierten Theorien i.W. auf die nacherwerbliche Phase des Ruhestands fokussieren, können viele der hier herausgearbeiteten Dimensionen auch für Erwerbspersonen in höherem Lebensalter als bedeutsam erachtet werden. Dies meint z.B. altersbezogene Stigmatisierungen, Lebenszufriedenheit, Zutrauen, Macht, Ressourcen und Deutungen als relevante Dimensionen des Handelns, die spezifische, wenngleich auch zu differenzierende Altersbezüge aufweisen können. Letztlich verbleiben jedoch nahezu alle vorgestellten Theorien109 in soziologischen Kategorien, mit denen ertragreich soziale Prozesse und ←172 | 181→Strukturen unter der Altersperspektive erforscht werden können, während die Dimension des individuellen biografischen Umgangs mit dem Altern unbeachtet bleibt.

Auch die von dem Soziologen und Sozialgerontologen Rosenmayr (1989) vorgenommene inhaltliche Untersetzung zentraler Handlungsdimensionen unter dem Altersbezug orientiert sich i.W. auf die nachberufliche Phase bzw. auf deren Vorbereitungsphase. Dennoch können die von ihm untersuchten Dimensionen des Handelns bereits für Erwerbspersonen in höherem Lebensalter als relevant erachtet werden. Rosenmayr verknüpft ausgewählte Dimensionen des Handelns – Lernen, Kreativität, Wissen, Umgang mit Krisen, Kompetenz – mit spezifischen Ausformungen in höherem Lebensalter. Diese heben im Unterschied zu den zuvor skizzierten Diskursen der Alternssoziologie besondere Fähigkeiten im Alter hervor, wie z.B. eine höhere Entscheidungskraft, Kreativität bei Problemlösungen, einen selbstbewussteren Umgang mit Wissen und Nicht-Wissen oder auch einen erfahrungsbasierten Umgang mit Krisen. Anzunehmen ist, dass auch ältere Erwerbspersonen die genannten Fähigkeiten auf Basis ihrer aufgebauten beruflichen, erwerbsbiografischen und lebensweltlichen Erfahrungen sowie ihrer Persönlichkeitsentwicklung ausgebildet haben können.

Dennoch stellen die genannten altersspezifischen Ausformungen letztlich nur eine Potentialität dar, deren Realisierung auch in negativer Ausprägung erfolgen kann. So könnten z.B. problematische Lernerfahrungen und erlebte Altersstigmatisierungen zu einem verunsicherten statt selbstbewussten Umgang mit Wissen und Nicht-Wissen führen. An Rosenmayr ist insofern zu kritisieren, dass er dies nicht generell klarstellt, sondern nur vereinzelt Einflussfaktoren und Einschränkungen benennt. Zugleich geht Rosenmayr auf spezifische Risiken im Alter ein, die, wenn auch in anderer Qualität im Vergleich zur Ruhestandsphase, auch ältere Erwerbspersonen betreffen können. Hierzu zählen Ängste, Isolationseffekte, finanzielle, soziale und gesundheitliche Risiken, die gerade bei älteren Erwerbspersonen z.B. als Folge erfahrener Dequalifizierungsprozesse, arbeitsbedingter Krankheiten oder altersdiskriminierender Erlebnisse denkbar sind.

Soziale, ökonomische, gesundheitliche und weitere Problemlagen können kumulativ wirken und nach Rosenmayr auch auf einer „gesellschaftsbedingten Selbstverursachung“ gründen. Hierunter versteht er eine im lebenslangen ←173 | 182→Sozialisationsprozess fehlende Vermittlung von Haltungen, die individuelle Handlungsfähigkeit ermöglichen. Mit der Hervorhebung von Selbstbestimmung im Alter, in der Rosenmayr letztlich auch eine Voraussetzung von Kompetenz sieht, spricht er einen weiteren wichtigen Bezug auch für ältere Erwerbspersonen an. Wenngleich auch die Bedeutung von Selbstbestimmung in der Ruhestandsphase, insbesondere im sog. abhängigen Alter, qualitativ nicht vergleichbar ist mit der Erwerbsphase in höherem Alter, so erscheint Selbstbestimmung als Kompass des Entscheidens und Handelns gerade auch in erwerbsbiografischen Umbruchphasen von Relevanz.

Abschließend wurde Handeln im erwerbsbiografischen Kontext betrachtet. Die hierzu bestehende Begriffsvielfalt – Arbeitsmarkthandeln, berufs- oder erwerbsbiografisches Handeln oder Gestalten bzw. Handlungs- oder Gestaltungskompetenz – umfasst unterschiedliche Nuancierungen. Sichtbar wird die Bedeutung, äußere Handlungsanforderungen mit den eigenen Strebungen auszutarieren, hierbei die eigene Biografie als Wandlungsprozess zu verstehen, aber verknüpft mit einer „in allen Umbrüchen dennoch Bestand und Richtung“ aufweisenden eigenen Identität (vgl. Munz, Rainer und Portz-Schmitt 2005). Ähnlich fasst Hendrich (2004) dies als „Herstellung subjektiver berufsbiographischer Anschlußfähigkeit“, wobei er berufsbiografische Gestaltungskompetenz explizit als Gegenentwurf zu dem allein auf Anpassung zielenden Begriff der Beschäftigungsfähigkeit bezeichnet. Für die vorliegende Arbeit wird der Begriff des erwerbsbiografisch orientierten Handelns gewählt, das ein sich auf grundlegendere Weichenstellungen der Erwerbsbiografie beziehendes Handeln meint. In Anerkennung der hohen Relevanz von Beruflichkeit für die Erwerbspersonen und ihre Chancen am Arbeitsmarkt werden mit dem Begriff der Erwerbsbiografie aber gerade auch berufliche Brüche und Erwerbsphasen außerhalb des gelernten Berufs sowie Phasen außerhalb von Erwerbsarbeit in den Blick genommen. Erwerbsbiografisch orientiertes Handeln ist dabei immer im Kontext beruflicher sowie außerberuflicher Bedingungen, Ressourcen, Erfahrungen und Orientierungen zu verorten.

Vorliegende empirisch gestützte Typologien von Handeln in erwerbsbiografischem Kontext wurden im Hinblick auf die dort einbezogenen Dimensionen und mögliche Anknüpfungspunkte für die vorliegende Forschungsarbeit geprüft. Im Ergebnis zeigte sich, dass eine direkte, nur thematisch modifizierte Übertragung der Untersuchungs- und Analysemethodik auf die hier interessierende Fragestellung bei keiner der vorgestellten Typologien realisierbar ist. Dies ergibt sich aus den jeweils aufgeführten Abgrenzungen. Aber sie sind in mehrfacher Hinsicht fruchtbar für die Entwicklung einer eigenen Vorgehensweise:

←174 | 183→

Insbesondere die drei erstgenannten Typologien nach Baumeister, Bollinger, Geissler und Osterland (1991) sowie nach Zinn (2001) und nach Hendrich (2003) bieten Anknüpfungspunkte für die vorliegende Forschungsarbeit, da sie sich jeweils auf Einstellungen gegenüber der Erwerbsarbeit und auf berufsbiografisches Handeln beziehen und hierbei – wenn auch in je unterschiedlichem Maße – den Wirkungszusammenhang von individuellen Orientierungen, Deutungen, Strategien, Kompetenzen, Ressourcen, persönlichen Eigenschaften und strukturellen, normativen sowie personalen Kontextbedingungen einbeziehen. Die Berücksichtigung einer solchen Komplexität und Differenziertheit ist als untersuchungsleitende methodische Anforderung auch für das vorliegende Vorhaben transferierbar.

Unter Berücksichtigung der Unterschiede hinsichtlich Fragestellung und Untersuchungsmethodik im Verhältnis zu der hier verfolgten Fragestellung bieten die drei Typologien weitere methodische Anknüpfungsmöglichkeiten: die von Baumeister et al. herausgearbeiteten, zwischen Handlungskompetenzen und Persönlichkeitsstrukturen verorteten Eigenschaften können als Grundlage für die in der vorliegenden Forschungsarbeit als „erwerbsbiografisch orientiertes Handeln“ gefasste Analysedimension genutzt werden. Inhaltlich können die Untersuchungsergebnisse der typisierten Orientierungen und Handlungsstrategien in die in der vorliegenden Forschungsarbeit als „Handlungsgründe“ bezeichneten Analysedimension einfließen. (S. Kap. 5.1, Abschnitt „Analysedimensionen“.)

Eine interessante Frage an das forschungsmethodische Vorgehen ergibt sich aus den unterschiedlichen Herangehensweisen von Zinn und Hendrich in Bezug auf die Analyse personaler Strukturindikatoren, wie z.B. Geschlecht. Während Geschlecht bei Hendrich in die Cluster-Konstitution integriert ist, stellt Zinn in seiner Typologie die Gemeinsamkeiten in den allgemeinen Handlungslogiken in den Vordergrund und nimmt anschließend eine Analyse der Typen im Kontext von Geschlecht, Familie etc. vor. Letzteres Vorgehen wurde für die vorliegende Arbeit gewählt.

Neben den je spezifischen Fragestellungen, die den vorgestellten Typologien zugrunde liegen und somit nicht übertragbar sind für die hier interessierende Fragestellung, stellt insbesondere das Alter der Untersuchungsgruppen ein stark divergierendes Element dar, da sie sich schwerpunktmäßig auf jüngere Erwerbspersonen beziehen und keine Interviewperson, mit Ausnahme der Studie von Pongratz und Voß, über 50 Jahre alt war. Auch die ausschließlich in den alten Bundesländern gelegenen Untersuchungsregionen sind für erwerbsbiografische Analysen von Relevanz, während in dem hier verfolgten Vorhaben Untersuchungsregionen aus Ost- und Westdeutschland verfolgt werden.

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Schließlich ist darauf hinzuweisen, dass alle vorgestellten Typologien erwerbsbiografische, personale und weitere Auswahlkriterien voraussetzen, somit die Typologien sich jeweils auf spezifische Untersuchungssegmente beziehen und damit kein vollständiges Abbild unterschiedlicher erwerbsbiografischer Orientierungen und Handlungsstrategien von Erwerbspersonen darstellen: Bei Baumeister et al. wurden Beschäftigte interviewt – Arbeitslose mit der gleichen Qualifikation wurden nicht erfasst. Zinn bezieht sich auf Interviews mit jungen Fachkräften, die eine Ausbildung abgeschlossen haben – junge Erwerbspersonen, die in den gleichen Berufen eine Ausbildung begonnen, aber nicht abgeschlossen haben oder die sich vergeblich um eine Ausbildung bemüht haben, wurden nicht berücksichtigt. Hendrich analysiert Interviews mit (ehemaligen) WeiterbildungsteilnehmerInnen – (ehemalige) Arbeitslose, denen keine Weiterbildung bewilligt wurde, fanden keinen Eingang in die Untersuchung.

Baethge, Hantsche, Pelull und Voskamp (1988) sowie Geissler und Oechsle (1990/1996) schlossen geführte Interviews aus ihrer Auswertung aus, die nicht dem von ihnen jeweils zugrunde gelegten Modell hinsichtlich eines „halbwegs erkennbaren“ Lebenskonzepts bzw. bestimmter Formen der Lebensplanung entsprachen – Zinn (2001) kritisierte hieran den Ausschluss von empirisch ermittelten Reaktions- und Umgehensweisen, die nicht den entwickelten Konzepten entsprachen. Pongratz und Voß (2003) schließlich suchten gezielt nach bestimmten „Arbeitskraft“-Eigenschaften und wählten hierfür als Filter bestimmte „entgrenzte“ Arbeitsformen – Beschäftigte, die aus diesen Arbeitsformen ausschieden, weil sie möglicherweise deren Arbeitsanforderungen nicht erfüllten, wurden nicht befragt. Ebenso ist für die vorliegende Forschungsarbeit zu berücksichtigen, dass sie zusätzlich zu bestimmten Strukturvariablen, wie z.B. eine in höherem Lebensalter eingetretene erwerbsbiografische Umbruchphase, auch deren Einmündung in eine realisierte Neueinstellung voraussetzte und ältere Erwerbspersonen, denen dies nach einem erwerbsbiografischen Bruch nicht gelungen war oder die außerberufliche Ziele verfolgten, nicht einbezog. Während die meisten der hier erörterten Studien Auswahlkriterien zur Abgrenzung des Samples zugrunde legten, deren Erfordernis entsprechend ihrer Fragestellung deutlich erkennbar war, zeigten gerade die Untersuchungen von Baethge et al. sowie von Geissler und Oechsle die besondere Relevanz, die Auswahlkriterien einer empirischen Untersuchung in eine Passung zur Fragestellung zu bringen oder Letztere entsprechend einzugrenzen, um einer empirischen oder konzeptionellen Verkürzung vorzubeugen. Diese Anforderung wurde im hier verfolgten Forschungsprozess zu berücksichtigen versucht.

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Unter Nutzung der skizzierten Erträge aus der konzeptionellen Fassung des Handlungsbegriffs sowie spezifischer Bezüge in der Perspektive auf das höhere Lebensalter, wie auch im erwerbsbiografischen Kontext wird im folgenden Kapitel das Design der empirischen Arbeit entwickelt.

75Der hier genutzte Gelingens-Begriff wird i.S.v. Erreichen verwendet, hiermit sind keine Aussagen über die Qualität der neu aufgenommenen Stelle impliziert.

76Endreß und Renn schreiben als Herausgeber der Alfred Schütz Werkausgabe der Sinnkonstitutionstheorie von Schütz eine neue Aktualität zu, die eine „Absage an ökonomische Handlungsbegriffe“ darstelle. Gegen Schütz formulierte Einwände, dass er die Systemebene und ihre Komplexität unterschätze, halten sie für nicht berechtigt und als Ergebnis einer verkürzten Rezeption. (Vgl. Endreß & Renn 2004, S. 63–66, Zitat S. 63.)

77Schütz löst dieses Dilemma über den Interesse-Begriff auf, indem über das Interesse an einem in der rückblickenden Zuwendung ausgewählten Ereignis dessen Deutungsschema selbst bestimmt werde (vgl. ebd., S. 193 f.). Naheliegender erscheint indes die Interpretation von Schüßler, die auf die Grenzen vorhandener Deutungsschemata für die Bewältigung neuartiger Anforderungen verweist, vgl. Schüßler 2000, S. 24.

78Zum Überblick über das gesamte Theorienspektrum innerhalb der Handlungstheorie vgl. exemplarisch Miebach 2006, Etzrodt 2003, Böhle & Weihrich 2009.

79Am Beispiel einer Zugreisenden, die sich für die Nicht-Intervention in ein störendes Verhalten anderer Fahrgäste entscheidet, erläutert Wilz sehr anschaulich die Verschränkung kognitiver wie nicht-kognitiver Einflussfaktoren, wie z.B. die Deutung der Stimmung bei den anderen Fahrgästen, und die analytisch nicht eindeutig zuordenbare Rekonstruktion des Entscheidungsprozesses, vgl. dies. 2009, S. 116 f.

80Vgl. Beck 1986, Beck, Giddens & Lash 1996, Beck & Bonß 2001, Beck & Lau 2004, Internetpräsentation Sonderforschungsbereich 536 in der DFG-Datenbank GEPRIS o.J.: http://gepris.dfg.de/gepris/projekt/5483766.

81Zur Kritik der Theorie reflexiver Modernisierung vgl. exemplarisch Dörre 2002, der das zeitdiagnostische Potential der Theorie würdigt, aber u.a. diverse theoretische Unschärfen, z.B. im Hinblick auf das Verhältnis von Kontinuität und Wandel, kritisiert.

82Die empirische Basis hierfür bilden 60 qualitative Interviews mit Personen zwischen 25 und 45 Jahren.

83Die mehrdeutig nutzbare Begrifflichkeit der intrinsischen und extrinsischen Motivation im Sinne von innen- bzw. außengeleitetem Antrieb und/oder von tätigkeits- bzw. zweckbezogener Motivation (vgl. Gage & Berliner 1996, S. 360) wird von Hacket, Janowicz und Kühnlein in der letztgenannten Semantik verwandt (vgl. dies. 2004, S. 296).

84Vgl. zur Genese der Biografieforschung sowie zum aktuellen Stand aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive: Krüger & Marotzki 2006, von Felden 2008, Krüger 1996, Schulze 1996, Schulze 1991, Reinhold, Pollak & Heim 1999, S. 101–104, aus soziologischer Perspektive: Fuchs-Heinritz 2005, Apitzsch 2003, Siebers 1996, Alheit, Fischer-Rosenthal & Hoerning 1990.

85Vgl. zum Ansatz der Lebensverlaufsforschung Mayer 1987.

86Vgl. zum Lebenslauf-Ansatz Kohli 1985.

87Exemplarisch sei hier auf die Diskurse innerhalb der marxistischen Orientierung verwiesen, wie bei Fuchs-Heinritz (ders. 2005, S. 192–194) erläutert, sowie innerhalb der Sozialisationstheorie, die „je nach der Gewichtung der Funktionsbedeutung der externen Bedingungen und des subjektiven Aktivitätsstatus“ (Veith o.J., S. 1) sehr unterschiedliche Theorien umfasst – vgl. zur Differenzierung der verschiedenen Sozialisationstheorien Veith o.J., Griese 2009.

88Die konzeptionelle Ausklammerung von Frauen wurde von dem Autor dabei sehr wohl erkannt, der in einer Fußnote hierauf verweist, ohne jedoch den Begriff des „Normallebenslaufs“ in seiner Generalisierung zu korrigieren, und der somit den androzentristischen Reduktionismus dieses Konzepts bewusst beibehält. Vgl. zur Kritik an Kohli und dem Konzept des „Normallebenslaufs“ auch: Siebers 1996, S. 29–38, Hoerning 1990, S. 77, 82–89.

89Erst für den Zeitraum ab Anfang der 1970er Jahre sieht Kohli Entwicklungen in einigen „westlichen“ Ländern, die auf eine Destandardisierung des Lebenslaufs hinweisen und damit die Herausbildung eines chronologisch standardisierten „Normallebenslaufs“ beenden. Diese Entwicklungen werden nach Kohli (ders. 1985, S. 22 ff.) markiert durch eine Destandardisierung des Familienzyklus’, eine Aufweichung der „Dreiteilung des Lebenslaufs“ und einem Geltungsverlust strikter Altersnormen (z.B. in Bezug auf Kleidung, Sexualität, Teilnahme an formaler Bildung). Dies deutet er als einen neuen Schub bzw. eine neue Form der Individualisierung, die, mit Verweis auf Ulrich Beck, „auf dem Hintergrund eines staatlich regulierten Arbeitsmarktes und funktionierender staatlicher Stützsysteme erfolgt und nur auf diesem Hintergrund erfolgen kann“ (Kohli 1985, S. 24). In einer Fußnote problematisiert Kohli selbst, dass diese Hintergrundbedingungen durch Arbeitsmarktkrise und sozialpolitische Wende für Teile der Bevölkerung nicht mehr gegeben sind, die Individualisierungsthese demzufolge für sie nur „in eingeschränktem Sinn“ zutrifft – aus heutiger Sicht, so ist zu ergänzen, eine Entwicklung, die seither an Schärfe zugenommen hat. Die vor der einsetzenden Destandardisierung postulierte Gültigkeit standardisierten „Normallebenslaufs“ wird mit der Destandardisierung jedoch nicht infrage gestellt, sondern in einer späteren Veröffentlichung dahingehend modifiziert, dass die sich in der Moderne herausbildende Individualisierung „Gruppen (…), insbesondere die Arbeiter und die Frauen“ (Kohli 1988, S. 44 f.) erst im Rahmen des neuen Individualisierungsschubs erfasst, wenn also zugleich eine De-Institutionalisierung des Lebenslaufs einsetzt. „Die erfolgreiche Institutionalisierung der Normalbiographie schafft heute die Möglichkeit, sich individualisierend davon abzustoßen.“ (ders. 1988, S. 42) Da aber die „Normalbiographie“ für große Bevölkerungsteile vor dem „neuen Individualisierungsschub“ gar nicht zutraf, verliert mit diesem Versuch, das empirische Defizit des Konzepts „Normallebenslaufs“ zu mindern, dessen theoretische Grundlage zugleich seine Konsistenz.

90Gemeint ist hier und im Folgenden Biografie als reales Leben, nicht als Text über eine Lebensgeschichte.

91Zusätzlich zu den im Folgenden erläuterten drei Konstrukten benennt Schulze das Selbst und das Selbstkonzept als weitere psychische Strukturen, die aber nicht biografiekonstituierend und -generierend wirken, sondern Produkt einer Biografie sind und zugleich als Selbsterfahrungen in das biografische Potential (s.u.) eingehen, vgl. ebd., S. 44 f.

92Weitere Definitionsunterschiede stellt Schulze im Hinblick auf die Begriffe Selbst, Biografisierung und Biografizität dar (vgl. ebd., S. 44, 47 f.).

93Als weitere Merkmale neben Zukunftserwartung und Interventionsmöglichkeit, die durch die vier Erfahrungshaltungen beeinflusst werden, benennt Schütze die Art der ersten Berührung mit der Prozessstruktur, die Art der Veranlassung und In-Gang-Setzung der Prozessstruktur sowie die Art der Auswirkung der Prozessstruktur auf die Identität, deren nähere Erläuterung im Rahmen der vorliegenden Arbeit verzichtbar ist, vgl. ebd., S. 93–95.

94In seiner – aufgrund seines Todes unveröffentlicht gebliebenen – Habilitationsschrift wählt Hendrich den Begriff der erwerbsbiografischen Gestaltungskompetenz und bezieht sich damit auf die „Bewältigung erwerbsbiographischer Wechselprozesse“. Diese Begrifflichkeit versteht er nicht als Distanzierung vom Berufskonzept, zumal nach seiner Auffassung die Berufsqualifikation eine zentrale Voraussetzung der weiteren individuellen Anpassungs- und Lernpotentiale darstellt, jedoch sollte das Berufskonzept nach Hendrich erweitert werden auf die Lebensperspektiven, die mit einer Berufsausbildung verknüpft sind, vgl. Hendrich 2003, S. 273 f., Zitat S. 273.

95Der zu Beginn der Forschungsarbeit priorisierte Begriff des „berufsbiografisch orientierten Handelns“ wurde anknüpfend an die hohe Relevanz der Beruflichkeit für die Erwerbspersonen gewählt, musste im weiteren Forschungsprozess aber zugunsten des Begriffs des „erwerbsbiografisch orientierten Handelns“ aufgegeben werden, um die im untersuchten Sample häufig mehrfachen Brüche und Abweichungen präziser erfassen zu können.

96Mit ihren empirischen Ergebnissen und der entwickelten Typologie wenden sich Baumeister et al. insbesondere gegen die bis dahin dominierenden, prioritär homogenisierenden Zuschreibungen zum „Typus Facharbeiter“, vgl. dies. 1991, S. 62 f.

97SFB 186 „Statuspassagen und Risikolagen im Lebensverlauf“, vgl. Internetpräsentation Sonderforschungsbereich 186 o.J.: www.sfb186.uni-bremen.de.

98Zinn verweist als grundlegende Quelle für die Entwicklung der BGM auf Witzel und Kühn (2000).

99Witzel und Kühn (1999), die die BGM-Typologie entwickelten, konzipierten das ARB-Schema als BARB-Schema: Bilanzierungen, Aspirationen, Realisationen, Bilanzierungen.

100Die folgenden Cluster werden auch in einem posthum veröffentlichten, von Axel Bolder redigierten Aufsatz erläutert, vgl. Hendrich 2009.

101Zinn problematisiert an diesem methodischen Vorgehen, dass auch eine Nicht-Festlegung auf bestimmte Lebenskonzepte „als angemessene Reaktion auf eine zunehmend komplexer erscheinende Zukunft“ aufgefasst werden könne, vgl. Zinn 2001, S. 59 ff.

102Dies stellt nach Zinn eine Einschränkung der Forschungsperspektive dar, zumal er die Frage aufwirft, ob nicht auch verweigerte Planung und Nicht-Planung eine typische Umgangsform mit einer überkomplexen Umwelt darstellt, vgl. Zinn 2001, S. 66 f.

103Die Perzeption von Unsicherheit lässt sich nach Bonß et al. als Risiko, das dem eigenen Handeln zugeschrieben und damit als beeinflussbar eingeschätzt wird, oder als nicht beeinflussbare Gefahr fassen, vgl. dies. 2004.

104Bei den Begründungsstrukturen handelt es sich nach Hacket et al. um übernommene oder um sich selbst zugeschriebene Begründungsstrukturen, vgl. dies. 2004.

105Hacket et al. differenzieren die Reflexivität nach Selbstverständlichkeit und Optionenvielfalt, vgl. ebd.

106Schütze differenziert vier Erfahrungshaltungen: biografische Handlungsschemata, institutionelle Ablaufmuster der Lebensgeschichte, Verlaufskurven und Wandlungsprozesse, vgl. ders. 1984.

107Als Zukunftserwartungen weist Schütze Folgende aus: Realisierung, Anpassung, Verhängnis und Diskrepanz, vgl. ebd.

108Die Interventionsmöglichkeiten umfassen nach Schütze Folgende: Anpassung eigener Handlungsplanung, Orientierung an Erwartungsmustern, Kontroll- und Gegenwehrversuche sowie Einrichten von Entfaltungsmöglichkeiten für das erkannte eigene Kreativitätspotential, vgl. ebd.

109Auszunehmen hiervon ist das von Schroeter entwickelte Modell der figurativen Felder, obgleich er sich in seinem Resümee zur Alternssoziologie ebenfalls nur auf die Meso- und die Makro-Ebene bezieht, indem er Alter zum einen als soziales Ordnungsprinzip und zum anderen in seiner Prägung durch gesellschaftliche Kontexte fasst, vgl. ders. 2003, S. 60.