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Kognitive Aspekte der Phraseologie

Konstituierung der Bedeutung von Phraseologismen aus der Perspektive der Kognitiven Linguistik

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Anna Sulikowska

Diese Monographie verfolgt das Ziel, die zentralen Begriffe der Semantik von Phraseologismen – ihre Idiomatizität, Motiviertheit, Bildhaftigkeit, Bildlichkeit, Ambiguität – aus kognitiver Perspektive zu beschreiben. Die Autorin arbeitet ein Verfahren heraus und erprobt es in korpusbasierten Detailstudien, mit dem semantische Aspekte der Idiome in ihrer Komplexität und Vielfalt anhand eines kongruenten Instrumentariums, unter kohärenten theoretischen Prämissen, erläutert werden. Der wissenschaftliche Wert des Buches liegt in seiner Interdisziplinarität: Hier treffen die empirisch breit abgesicherten Theorien zu Metapher und Metonymie, kognitiver Semantik, mentalen Repräsentationen, literaler und figurativer Sprache, mit der Korpuslinguistik und Phraseologie zusammen.

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Einführung

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Einführung

Idioms are the poetry of daily discourse.

(Johnson-Laird 1993: IX)

Anstelle der theoretischen Erwägungen wird einleitend am Beispiel eines meisterhaften, aber keinesfalls vereinzelten Gebrauchs die besondere semantische Potenz der Phraseologismen diskutiert:

Männer würden ihren Frauen viel mehr zu den Füßen liegen, würden diese ihnen nicht so oft auf die Zehen treten. Frauen verbrennen sich gerne die Zunge an der Suppe, die sie sich mit den falschen Männern eingebrockt haben. (Ruth W. Lingenfelser)

Aus traditionell-sprachwissenschaftlicher Perspektive sind es zwei zusammengesetzte Sätze, die vier Phraseologismen im engeren Sinne (= Idiome) enthalten. Diese Idiome – definiert als feste Mehrwortverbindungen, deren Bedeutung sich nicht aus Bedeutungen der einzelnen Konstituenten ableiten lässt – werden als arbiträre Sprachzeichen betrachtet. Als solche lassen sie sich ohne größere Schwierigkeiten mit Paraphrasen umschreiben, so wie es z.B. im duden Universalwörterbuch der Fall ist:

jmdm. zu Füßen liegen (gehoben: jmdn. über die Maßen verehren)

jmdm. auf die Zehen treten (1. umgangssprachlich: jmdm. zu nahe treten; jmdn. beleidigen. 2. jmdn. unter Druck setzen, zur Eile antreiben)

sich die Zunge verbrennen (seltener; Mund 1a) sich <Dativ> den Mund verbrennen (umgangssprachlich: sich durch unbedachtes Reden schaden)

jmdm., sich eine schöne Suppe einbrocken (umgangssprachlich: jmdn., sich in eine unangenehme Lage bringen) (DUW online, Zugriff am 29.12.2017)

Das Erste, was auffällt, ist die Tatsache, dass die Bedeutungsparaphrasen selbst viele Phraseologismen (= feste Wortverbindungen) enthalten (über die Maßen, jmdm. zu nahe treten, jmdn. unter Druck setzen, zur Eile antreiben). Versucht man das Zitat mit möglich wenigen Idiomen anhand der angeführten Bedeutungsumschreibungen wiederzugeben, dann könnte man folgende Paraphrase vorschlagen:

Männer würden ihre Frauen mehr verehren, würden diese sie nicht so oft beleidigen (belästigen? bedrängen?). Frauen schaden sich gerne (durch unbedachtes Reden?), indem sie sich mit falschen Männern in eine unangenehme Lage bringen.

Dieser Text hätte den Status eines Aphorismus wahrscheinlich nie erreicht. Das Bildhafte, Raffinierte, Sprachspielerische ist verloren gegangen. Unter lexikalisierten Spracheinheiten kommt Idiomen nämlich eine besondere Stellung zu: Einerseits fest, alltäglich, lexikalisiert, entfalten sie doch (unter bestimmten ←15 | 16→kontextuellen Bedingungen) ein besonderes Inferenz- und Emotionspotenzial; sie eröffnen Auslegungsspielräume, rufen individuelle Assoziationen wach, evozieren mentale Bilder, heben bestimmte Bedeutungsaspekte hervor und lassen andere in den Hintergrund treten.

So geht die Bedeutung des Idioms jmdm. zu den Füßen liegen in der einfachen Paraphrase ‚verehren‘ nicht auf, viele konnotative Werte schwinden in der Bedeutungsumschreibung dahin. Der sprachliche Ausdruck (der phonologische oder graphematische Pol einer sprachlichen Einheit) funktioniert nämlich als ein kognitiver Stimulus, der den Rezipienten zur Konstruktion einer aktuellen Bedeutung, einer Konzeptualisierung veranlasst. Dabei ist die konnotative Potenz des Idioms um Vielfaches reicher als die eines Einwortlexems: Das mentale Bild des einer Frau zu Füßen liegenden Mannes ruft unwillkürlich Inferenzen wach, die beim Lexem ‚verehren‘ nur infolge einer vertieften linguistischen Reflexion zustande kommen könnten. Dementsprechend weiß der Rezipient, dass die Frau wie eine Göttin behandelt wird, dass sie angebetet, vergöttert, verhimmelt, angeschwärmt ist. Aus der Lage des Mannes, der unten ist, aufblicken muss, kann des Weiteren geschlussfolgert werden, wer das Sagen in der Beziehung hat: In ähnlicher Stellung, zu Füßen kniend, huldigte man doch früher einem Herrscher. Da diese Position ebenfalls als Unterwerfungsposition gilt, wird ersichtlich, in welchem affektiven Zustand (einer hoffnungslosen Verliebtheit) sich der Verehrende befindet. Das mentale Bild vermittelt eine emotionale Dramatik, die der Paraphrase nicht eigen ist.

Ein anderes, für Phraseologismen im authentischen Gebrauch typisches Phänomen – die Vagheit der Bedeutung – liegt im Idiom jmdm. auf die Zehen treten vor. Die beiden lexikographisch erfassten Teilbedeutungen (1. jmdm. zu nahe treten; jmdn. beleidigen. 2. jmdn. unter Druck setzen, zur Eile antreiben) schöpfen potenzielle Auslegungsmöglichkeiten keinesfalls aus. Die literale Lesart des Idioms nimmt Bezug auf eine wohl von allen Menschen geteilte körperliche Erfahrung: Jeder weiß, wie empfindlich und innerviert die Zehen sind, wie schmerzhaft und unangenehm das Treten auf einen Fuß ist. Aktiviert wird auch das Wissen, dass diese Handlung einen unmittelbaren körperlichen Kontakt voraussetzt, der als eine Verletzung der Privatsphäre, Eindringen in interne, intime Angelegenheiten empfunden werden kann. Diese Wissensinhalte werden in die komplexe psychologische Domäne der männlich-weiblichen Beziehungen projiziert und eröffnen den Spielraum für die Interpretationen, die im vorliegenden Fall folgendermaßen aussehen können:

  (i)Frauen sind den Männern gegenüber zu kritisch. Sie verletzen, kränken, beleidigen die Männer. Die schmerzhaften Aspekte der körperlichen Erfahrung werden hervorgehoben und auf die psychologische Domäne projiziert.

 (ii)Frauen sind zu aufdringlich, ihr verbales Verhalten in der Beziehung ist zu invasiv, ihre Forderung nach hundertprozentiger Offenheit und Ehrlichkeit zu penetrant. Die physische Überschreitung der Privatsphäre wird fokussiert und in den Bereich der verbalen Handlungsweise übertragen.

(iii)←16 | 17→Frauen wollen zu viel Nähe in der Beziehung, sie streben Unzertrennlichkeit an. Dies wird von Männern als Einengung der Freiheit, der Entfaltungsmöglichkeiten empfunden, ist belästigend, einschränkend, ruft Verärgerung aus.

 (iv)Frauen sind zu ehrgeizig, zu aktiv, schwer zu befriedigen. Sie lassen die Männer nicht in Ruhe, wollen immer mehr, setzen sie unter Druck. Das idiomatische Treten auf die Zehen wird hier als nachdrückliches Ermahnen zur Aktivität, irritierendes Antreiben ausgelegt.

Die interindividuelle Variabilität der potenziellen Auslegungsmöglichkeiten ist darauf zurückzuführen, dass das Idiom hier in gewissem Maße wie eine innovative Ad-hoc-Metapher funktioniert: Das sprachliche Zeichen bildet den Impuls, der beim Sprachproduzenten und dem Sprachrezipienten die geteilten Wissens- und Erfahrungsinhalte evoziert. Zwar ist der Interpretationsraum durch die lexikalisierte Bedeutung teilweise abgegrenzt, aber zugleich groß genug, um eine Vielzahl der Auslegungen zuzulassen. Viele Idiome sind durch derartige semantische Unschärfe und Dehnbarkeit gekennzeichnet.

Der zweite Satz: Frauen verbrennen sich gerne die Zunge an der Suppe, die sie sich mit den falschen Männern eingebrockt haben veranschaulicht textbildende Potenzen, kontextuelle Abwandlungen und semantischen Mehrwert der Idiome. Das Idiom sich die Zunge verbrennen wird modifiziert (okkasionell abgewandelt) und um das Nomen Suppe erweitert, das zugleich eine integrale Konstituente des Idioms sich/jmdm. die Suppe einbrocken ausmacht. Durch die Extension der ersten Wortverbindung wird die Verschränkung der beiden Idiome erzielt und um die ‚Suppe‘ herum ein leicht visualisierbares Szenario ausgebaut. Die angestrebte und erreichte Bildhaftigkeit und stilistische Auffälligkeit des Satzes ziehen die Notwendigkeit eines innovativen und kreativen Umgangs mit Idiomen nach sich und setzen einen größeren kognitiven Aufwand seitens des Sprachrezipienten voraus: So ist die lexikographisch erfasste Paraphrase des Idioms sich die Zunge verbrennen ‚sich durch unbedachtes Reden schaden‘ an dieser Stelle nur eingeschränkt einsetzbar. Möglicherweise wird konzeptuell an ein in seinem Konstituentenbestand ähnliches Idiom sich die Finger verbrennen ‚[durch Unvorsichtigkeit] bei etwas Schaden erleiden‘ (DUW online, Zugriff am 16.03.2018) angeknüpft, die Autorin hat sich für das Zungen-Idiom der Kohärenz des ausgebauten Szenarios halber entschieden. Aus demselben Grund wird unter zahlreichen Idiomen der schwierigen Lage das Idiom sich die Suppe einbrocken gewählt. Die Fokussierung der Sprachproduzentin auf die ‚Suppe‘ ist dennoch nicht zufällig und lässt sich möglicherweise nicht ausschließlich auf die ästhetisch-semantische Funktion der Sprache reduzieren: Die Suppe als warme, gekochte Mahlzeit wird mit häuslichem Herd, dem weiblich-mütterlichen Element, dem Alltag assoziiert. Sie lässt einen zusätzlichen, nuancierenden, emotiven Wert in der Konzeptualisierung der männlich-weiblichen Beziehungen mitschwingen (Nähe suchende Frauen, bindungsunwillige bzw. -unfähige Männer, Einzug des Alltags in die Beziehung), der in der „idiomfreien“ Paraphrasierung ‚Frauen lassen sich gerne auf Beziehungen mit falschen Männern ein, wodurch sie sich selber schaden‘ verloren geht.

←17 | 18→Die besprochenen Idiome führen semantische Potenzen vieler Phraseologismen im engeren Sinne, ihre vielfältigen Assoziierungs- und Modifizierungsmöglichkeiten vor Augen. Idiome sind in ihrer Struktur fest und flexibel zugleich, holistisch und doch auch in Bezug auf einzelne Komponenten analysierbar. Sie sind bildhaft, d.h. sie evozieren mentale Bilder, woraus ihre erhöhte Expressivität sowie Inklination zum sprachspielerischen Gebrauch resultiert. Ihre Bedeutungen sind zwar konventionalisiert, oft werden sie aber idiosynkratisch gebraucht und modifiziert: erweitert, reduziert oder in ihrem Konstituentenbestand verändert. Als Sprachzeichen mit einer phraseologisierten Bedeutung sind sie arbiträr, dennoch gleichzeitig für viele Muttersprachler post festum motiviert: Wären die Sprachrezipienten ausschließlich an die lexikalisierten Bedeutungen gebunden, wären die Hinzuinterpretationen – so wie es im Falle von jmdm. auf die Zehen treten oder sich die Zunge verbrennen ist, nicht möglich. Die vielen Idiomen eigene Unschärfe, semantische Dehnbarkeit und Vagheit, ihre konnotative und kreative Potenz lassen schlussfolgern, dass die jeweiligen Ko- und Kontexte nicht die Bedeutungen, sondern Bedeutungspotenziale aktivieren.

Dabei muss hervorgehoben werden, dass Phraseologismen eine äußerst heterogene Gruppe der sprachlichen Einheiten bilden. Die Probleme mit ihrer Beschreibung sind einerseits auf die terminologische Vielfalt einer sich etablierenden sprachwissenschaftlichen Disziplin zurückzuführen – die germanistische Phraseologie hat sich als wissenschaftliche Disziplin erst in den 70er Jahren des 20. Jh. herausgebildet. Andererseits gehört es zur Natur der Phraseologismen, dass sie sich aufgrund der Phraseologizitätskriterien (Polylexikalität, Stabilität, Idiomatizität, Lexikalisierung, Motiviertheit, Bildhaftigkeit) intuitiv klar erfassen lassen, keines der genannten Kriterien ist aber – für sich genommen – ausreichend trennscharf, um die Grenze zwischen dem Phraseologischen und dem Nicht-Phraseologischen eindeutig ziehen zu können. Die Phraseologismen sind mehr oder weniger stabil, mehr oder weniger idiomatisch, mehr oder weniger bildhaft und motiviert, selbst die Polylexikalität gilt in manchen Fällen als umstritten (vgl. die Meinungsunterschiede bezüglich des Status von metaphorischen Komposita wie Strohwitwe oder sog. strukturellen Phraseologismen wie weder … noch, sowohl … als auch im Deutschen, Burger 2010: 15, Ehegötz 1990: 3, Fleischer 1982: 72, Stöckl 2004: 156). Insgesamt gilt es zu betonen, dass die Phraseologie einen sprachwissenschaftlichen Bereich darstellt, in dem man grundsätzlich mit skalaren und nicht mit absoluten Größen operiert. Ein kurzer Forschungsüberblick über die Phraseologie im weiteren und im engeren Sinne (= Idiomatik) und somit eine einleitende Bestimmung des Untersuchungsgegenstandes erfolgen im ersten Kapitel.

Kapitel 2 reflektiert den linguistisch-theoretischen Rahmen der vorliegenden Arbeit. Zahlreiche semantische Aspekte der Phraseologismen im engeren Sinne: ihre Bildhaftigkeit, Motiviertheit, ihr konnotativer Mehrwert lassen sich im Rahmen reduktionistischer1 Sprachtheorien nicht erklären. Theoretische Ansätze, ←18 | 19→die die Sprache als ein von anderen kognitiven Fähigkeiten abgegrenztes Modul beschreiben, sind nicht imstande, die Motiviertheit der Idiome zu erfassen. Die idiomatische Bildhaftigkeit setzt Herangehensweisen voraus, die die psycholinguistische Relevanz der modalitätsspezifischen mentalen Repräsentationen des gesammelten Wissens anerkennen und Erklärungsansätze dafür liefern. Die kreativ-emotiven Potenzen und Interpretationsbreite der idiomatischen Einheiten sind mit den traditionellen semantischen Merkmalstheorien nicht erläuterbar, sie entziehen sich den strengen Formalisierungen. Einen geeigneten Rahmen für die Erklärung der semantischen Besonderheiten der Idiome im Gebrauch bildet der holistische Ansatz der Kognitiven Linguistik. Generell liegt der Kognitiven Linguistik ein ganzheitliches Bild des Menschen zugrunde, in dem keine trennscharfen Abgrenzungen zwischen Körper und Geist, Sprache und anderen kognitiven Fähigkeiten, Perzeption, Kognition und Emotion vorausgesetzt werden. Sprachliche Zeichen beziehen sich nicht auf außersprachliche Entitäten (Gegenstände, Phänomene und Personen), sondern auf mentale Konstrukte von diesen Entitäten, anders gesagt, sie beziehen sich nicht auf die wirkliche, sondern auf die projizierte Welt. Jede Erfahrung konstituiert somit das konzeptuelle System eines Menschen, darunter sein sprachliches Weltbild (Bartmiński/Tokarski 1986, Bartmiński 1990). Dementsprechend fasst die Kognitive Linguistik Bedeutungen als dynamische, gebrauchsbasierte Konstrukte des menschlichen Geistes auf. So verstandene Bedeutungen weisen weder strikte Grenzen noch exakt zugewiesene stabile Werte auf. Im Gegenteil: Es wird angenommen, dass bei der Konstituierung der Bedeutungen auf die Gesamtheit des aufgesammelten Wissens und die ganze Erfahrung Bezug genommen wird. Das zweite Kapitel untergliedert sich in drei größere Themenbereiche: Zuerst wird auf die Grundprämissen des holistischen Ansatzes mit besonderer Hervorhebung der Bedeutungsauffassung aus der kognitiven Perspektive eingegangen. Demnächst werden die Theorien dargelegt, die Einsicht in die Frage der mentalen Repräsentationen geben. Abschließend werden Metonymien und Metaphern thematisiert – kognitive Mechanismen, denen sowohl in der Kognitiven Linguistik als auch in der Phraseologie ein besonderer Stellenwert zugewiesen wird.

Im dritten Kapitel werden semantisch relevante Aspekte von Idiomen aus kognitiver Perspektive diskutiert. Im Zentrum des Interesses steht dabei die Doppelbödigkeit der semantischen Struktur von Phraseologismen im engeren Sinne, d.h. die Tatsache, dass viele Idiome aus einer literalen und einer phraseologisierten Lesart bestehen. Im Spannungsfeld zwischen den beiden Lesarten konstituieren sich ihre Bedeutungen. Ebenfalls die zentralen und in der traditionellen Phraseologie als problematisch betrachteten Merkmale der Phraseologismen wie Idiomatizität, Motiviertheit/Motivierbarkeit und Bildlichkeit/Bildhaftigkeit können erst vor dem Hintergrund der beiden Lesarten und den zwischen ihnen festzustellenden Beziehungen beschrieben werden.

Angesichts der Annahmen zur Dynamik, Emergenz der Bedeutungskonstituierungsprozesse und der fundamentalen Rolle des Sprachgebrauchs bei der Konstituierung von konzeptähnlichen Strukturen ist der Rückgriff auf authentische ←19 | 20→Sprachbelege unumgänglich. Die Bedeutung einer sprachlichen Einheit wird als eine Spur der vorausgehenden kognitiven Erfahrungen betrachtet. Die aktuellen Bedeutungen bilden somit den Ausgangspunkt zur Untersuchung der Semantik der sprachlichen Einheiten, was in der Praxis in der Zuwendung zu korpusbasierten Analysen innerhalb der kognitiv ausgerichteten Forschung ersichtlich wird. Aus diesem Grunde wird der theoretische Teil der vorliegenden Arbeit im Rahmen eines Exkurses mit einer kurzen Darstellung der Korpuslinguistik abgerundet, in der eine Übersicht über die Desiderata und Errungenschaften des neuen linguistischen Forschungszweiges gegeben wird.

Das Ziel des vierten Kapitels, das den empirischen Teil der vorliegenden Arbeit darstellt, liegt in der Veranschaulichung der Bedeutungskonstituierungsprozesse in ihrer Vielfalt und Komplexität. Einer semantisch-kognitiven Analyse werden Phraseologismen unterzogen, die sich onomasiologisch einem ausgebauten Erfahrungs- und Diskursbereich Schwierigkeit/schwierige Lage zuordnen lassen. Auf eine kurze Darstellung der methodologischen Herangehensweise folgt eine eingehende semantisch-kognitive Analyse des zu besprechenden semantischen Feldes. Idiome als konventionalisierte, d.h. weitgehend von den Sprachgemeinschaften akzeptierte und gebrauchte Einheiten der figurativen Sprache sind zur Erforschung der Reichweite der konzeptuellen Metapherntheorie (Conceptual Theory of Metaphor von Lakoff/Johnson 1980) von Natur aus par excellence geeignet: Aus der anhand lexikographischer Werke zusammengestellten Phraseologismensammlung lassen sich problemlos konzeptuelle Metaphern eruieren, die dem zu besprechenden semantischen Feld eine Struktur auferlegen. Es bleibt dennoch zu betonen, dass die Theorie der konzeptuellen Metaphern nicht auf die Beschreibung der den einzelnen sprachlichen Ausdrücken zugrunde liegenden metaphorischen Übertragungen, sondern vor allem auf die Entdeckung eines Systems von vernetzten Metaphern und die Beschreibung der dahinter liegenden konzeptuellen Strukturen ausgerichtet ist. Die konzeptuellen Metaphern sind in vielen Konzeptualisierungen richtungsweisend, keinesfalls aber ausreichend, um die Vielschichtigkeit der semantischen Struktur von Idiomen und ihre semantischen Potenzen aufzufassen. Der umfangreichste Analyseteil ist demzufolge auf detaillierte semantisch-kognitive Fallstudien ausgerichtet. Es wird an Korpusbelegen untersucht, wie sich im Spannungsfeld zwischen der literalen und der phraseologisierten Lesart unter dem Einfluss der epistemischen und konzeptuellen Metaphern, Metonymien, Metaphtonymien, mentalen Bildern und grundlegenden kognitiven Mechanismen von einem sehr hohen Generalitätsgrad wie Vorstellungsschemata (image schemas) die Bedeutungen von Idiomen konstituieren.

In resümierenden Schlussbemerkungen werden die wichtigsten Ergebnisse des Buches zusammengefasst.

Die Arbeit lässt sich in mehrere Subdisziplinen der Phraseologie einordnen. Primär ist es die kognitive Phraseologie: Der Schwerpunkt der Untersuchung liegt auf der Modellierung von kognitiven Bedeutungskonstituierungsprozessen. Den theoretischen Ausgangspunkt bildet die enzyklopädische Bedeutungsauffassung, ausgehobene Rolle spielen die Metaphern und Metonymien, die die phraseologische ←20 | 21→Motiviertheit und Bildlichkeit weitgehend bedingen. Da dabei näher auf phraseologische Merkmale: Idiomatizität, Motiviertheit und Bildlichkeit/Bildhaftigkeit eingegangen wird, dürfte das Buch ebenfalls einen Beitrag zur allgemeinen Phraseologie leisten, in dessen Zentrum sich u.a. die Fragen nach der Abgrenzung des Phraseologischen von dem Nicht-Phraseologischen und den Indizien der Phraseologizität befinden. Durch die gebrauchsgestützte Ermittlung der Bedeutungen und Unterbedeutungen (Verwendungsprofile und Verwendungsmuster) einzelner idiomatischer Einheiten anhand eines gegenwärtigen Korpus trägt die vorliegende Arbeit zu der Phraseographie und der phraseologischen Metalexikographie bei. Die vorgeschlagene Herangehensweise zur Beschreibung der Bedeutungskonstituierungsprozesse dürfte des Weiteren erfolgreich in kontrastiven und kontrastiv-translatorischen Studien eingesetzt werden.

1„Reduktionistisch ist eine Sprachtheorie dann, wenn ihre methodischen Prämissen zu einer unzureichenden Erfassung verstehensrelevanter Bedeutungsaspekte führen oder deren Erfassung sogar verhindern“ (Ziem 2008: 3), vgl. auch Kardela (2006).