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Kognitive Aspekte der Phraseologie

Konstituierung der Bedeutung von Phraseologismen aus der Perspektive der Kognitiven Linguistik

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Anna Sulikowska

Diese Monographie verfolgt das Ziel, die zentralen Begriffe der Semantik von Phraseologismen – ihre Idiomatizität, Motiviertheit, Bildhaftigkeit, Bildlichkeit, Ambiguität – aus kognitiver Perspektive zu beschreiben. Die Autorin arbeitet ein Verfahren heraus und erprobt es in korpusbasierten Detailstudien, mit dem semantische Aspekte der Idiome in ihrer Komplexität und Vielfalt anhand eines kongruenten Instrumentariums, unter kohärenten theoretischen Prämissen, erläutert werden. Der wissenschaftliche Wert des Buches liegt in seiner Interdisziplinarität: Hier treffen die empirisch breit abgesicherten Theorien zu Metapher und Metonymie, kognitiver Semantik, mentalen Repräsentationen, literaler und figurativer Sprache, mit der Korpuslinguistik und Phraseologie zusammen.

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1. Phraseologie und Phraseologismen

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1. Phraseologie und Phraseologismen

Phraseologismen, als (mehr oder weniger) feste Wortverbindungen verstanden, bilden eine inhomogene Gruppe der sprachlichen Einheiten, deren Beschreibung im Rahmen einer Theorie und unter dem Einsatz eines einheitlichen methodologischen Verfahrens Probleme bereitet. Die Schwierigkeiten sind einerseits auf die terminologische Vielfalt einer jungen sprachwissenschaftlichen Disziplin2 zurückzuführen, andererseits gehört es zum Wesen der Phraseologie, dass ihre zentralen Bereiche sich relativ leicht und ohne Kontroversen erfassen lassen, wohingegen die Randgebiete umstritten sind. Während also die Mehrwortverbindungen wie sich in die Höhle des Löwen begeben, ins Gras beißen, ein heißes Pflaster aufgrund ihrer Polylexikalität, Festigkeit, Idiomatizität, Motiviertheit und Bildhaftigkeit eindeutig als Phraseologismen eingestuft werden, ist der Status der sprachlichen Einheiten: Blaustrumpf, hierzulande/hier zu Lande, blondes Haar, etw. in Erwägung ziehen, gleichschenkliges Dreieck, Wenn ich fragen darf, oder Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Ihren Arzt oder Apotheker als phraseologische Einheiten eher kontrovers.

Im folgenden Kapitel wird der Versuch vorgenommen, einen kurzen Überblick über die Geschichte und den Forschungsstand der germanistischen Phraseologie zu geben, sowie die für die weiteren Erörterungen zentralen Termini: ‚Phraseologie‘, ‚Phraseologimus‘ und ‚Idiom‘ zu definieren.

1.1 Geschichte und Forschungsstand der Phraseologie in Deutschland

Phraseologie als ein Zweig der Linguistik stellt eine relativ junge Forschungsdisziplin dar, die allerdings auf eine Jahrhunderte lange vorwissenschaftliche Phase zurückblicken kann. Demnach teilt Kühn (2007: 620) die Geschichte der germanistischen Phraseologie in drei Etappen ein, die er als (vorwissenschaftliche) Vorphase3 ←23 | 24→(bis zur Veröffentlichung von Černyševa 1970), die Anfangsphase (1970–1982) und die gegenwärtige Konsolidierungsphase bezeichnet.

In der ersten historischen Periode, deren Anfänge auf das 16. Jh. zurückgreifen und bis zu den 70er Jahren des 20. Jh. dauern, befassen sich vor allem die Lexikographen mit den sog. sprichwörtlichen Redensarten und Sprichwörtern. Beispiele für die deutschen Phraseologismen sind in dem sog. Großen Fries, dem Dictionarium Latinogermanicum von Johannes Frisius (1556) und im Lexicon trilingue von Schelling/Emmel (1586) zu finden (Müller/Kunkel-Razum 2007: 940). Im Jahr 1529 verzeichnet Johann Agricola sog. ‚metaphoricae phrases‘ in der ersten deutschen Sprichwörtersammlung, 1607 taucht der Begriff ‚Phraseologie‘ im Titel einer Synonymensammlung von Johann Rudolph Sattler Teutsche Orthographey und Phraseologey auf (Pilz 1978: 781). Bis ins 19. Jh. befindet sich allerdings die Parömiologie im Zentrum des Interesses. Dabei dient die Sprichwörterforschung und -lexikographie in der ersten Reihe den kulturell-erzieherischen Zielen: Die Sprichwörtersammlungen werden nämlich „für gebildete Leser, die sich freuen Deutsche zu sein und die unsre prächtige Sprache lieb haben“ (Schrader 1894: X), zur „Pflege vaterländischer Sprachkenntnis in der Volksschule“ (Wunderlich 1886) angelegt, die linguistischen Versuche, Sprichwörter und sprichwörtliche Redensarten auseinanderzuhalten, werden nicht vorgenommen (z.B. Eiselein 1840) oder nicht konsequent durchgeführt (vgl. Kühn 2007: 620). Ein wichtiger Schritt für die Entwicklung der Parömiologie erfolgt erst in den 80er Jahren des 19. Jh. mit der Veröffentlichung des Deutschen Sprichwörter-Lexikons von Karl Friedrich Wilhelm Wander (1867–1880).

Die Konstituierung der Phraseologie als ein sprachwissenschaftlicher Bereich vollzieht sich in Deutschland am Anfang der 70er Jahre des 20. Jh.4 Ein wichtiger Forschungsimpuls geht dabei von der sog. Auslandsgermanistik aus. Eine sowjetische Forscherin, Irina Černyševa, macht in ihrer Monographie Frazeologija sovremennogo nemeckogo jazyka (1970) auf eine Lücke in der Erforschung von festen Mehrwortverbindungen im Deutschen aufmerksam und schlägt in Anlehnung an die bereits anerkannten Definitionen der slawischen Phraseologie die Termini, Ziele und Desiderate der neuen Disziplin vor (Fleischer 1982: 24, Kühn 2007: 621). Einen wichtigen Beitrag leistet des Weiteren die ein Jahr später veröffentlichte Doktorarbeit von Ulla Fix Versuch einer objektivierten Klassifizierung und Definition des Wortgruppenlexems (1971) sowie die im Jahre 1973 erschienene erste Einführung in die deutsche Phraseologie von Harald Burger Idiomatik des Deutschen. Der Forschungsschwerpunkt liegt in der Anfangsphase der Entwicklung der deutschen Phraseologie auf der Definition und Klassifikation der Phraseologismen (vgl. z.B. Burger 1973, Rothkegel 1973, Häusermann 1977, Jaksche/Sialm/Burger 1981). Die Versuche der klaren Abgrenzung des sich etablierenden sprachwissenschaftlichen ←24 | 25→Forschungsbereiches, der Herausbildung einer konsistenten Terminologie und Aufstellung von exakten Klassifikationen haben dennoch zu einem fachbegrifflichen, die Kommunikation erschwerenden Chaos geführt (Kühn 2007: 621). Neben dem Begriff ‚Phraseologismus‘ funktionieren beispielshalber ebenfalls die Termini: ‚idiomatische Phrase‘, ‚idiomatische Lexemkette‘, ‚Floskel‘, ‚Frasmus‘, ‚Fügung‘, ‚Phraseolexem‘, ‚Redensart‘, ‚Redewendung‘, ‚Stereotyp‘, ‚Sprachformel‘, ‚Schematismus‘, ‚Wortverbindung‘, ‚Wortgruppenlexem‘, ‚Verbindung‘, ‚Wortfügung‘, ‚Wortgefüge‘, ‚Wendung‘5.

Der Umbruch und die Überführung in die Konsolidierungsphase erfolgen mit der Veröffentlichung von zwei Monographien: der Phraseologie der deutschen Gegenwartssprache von Wolfgang Fleischer (1982) sowie des Handbuches der Phraseologie von Burger/Buhofer/Sialm (1982), deren Autoren terminologische Vereinheitlichung anstreben. Dementsprechend wird in diesen Arbeiten eine flexible Definition des Begriffes ‚Phraseologismus‘ angenommen, der als Oberbegriff für eine uneinheitliche Klasse fester Wortverbindungen gilt. Die Heterogenität und Vielfalt der sprachlichen Phänomene, die man als Phraseologismen bezeichnet sowie die Undurchführbarkeit von eindeutigen Klassifizierungen und Kategorisierungen der Phraseologismen werden dabei als Merkmale der Phraseologie akzeptiert. Es konstituiert sich in terminologischen Fragen ein Zentrum-Peripherie-Modell: Phraseologismen werden als eine radiale Kategorie mit fließenden Übergängen dargestellt, deren Kernbereich sich relativ gut erfassen lässt, für die Grenzbereiche dennoch unterschiedliche Auffassungen zu akzeptieren sind (Fleischer 1982: 34).

Diese liberale Auffassung der Phraseologismen ist ebenfalls für die gegenwärtige Forschung gültig. Zwar besteht immer noch die Notwendigkeit, das Verständnis des Begriffes ‚Phraseologie‘ und ihrer Grenzen für die Bedürfnisse der jeweiligen Fragestellung zu definieren und dieser Notwendigkeit wird auch in neueren Monographien nachgegangen (vgl. z.B. Folkersma 2010, Guławska-Gawkowska 2013, Hümmer 2009, Komenda-Earle 2015, Ptashnyk 2009, Szczęk 2010a), zugleich ist aber ein weitgehender Konsens in der Auffassung der zentralen Bereiche der Phraseologie herausgearbeitet worden. So wird der Terminus ‚Phraseologismus‘6 als ein Hyperonym einer ganzen Klasse von heterogenen festen Wortverbindungen angesehen, die durch die Polylexikalität (Mehrwortcharakter) und Festigkeit ←25 | 26→gekennzeichnet sind. Das Spektrum der als Phraseologismen im weiteren Sinne angesehenen Spracheinheiten reicht folglich von Funktionsverbgefügen (in Erwägung ziehen), phraseologischen Termini (das rechteckige Dreieck), Kollokationen (blondes Haar), onymischen Phraseologismen (das Rote Kreuz), über Routineformeln (Guten Tag!), Sprichwörter (Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm), geflügelte Worte (Verweile doch! Du bist so schön!) bis zu formelhaften Texten (vgl. dazu Dausendschön-Gay/Gülich/Krafft 2007). Die Phraseologismen im engeren Sinne weisen zusätzlich das Merkmal der Idiomatizität auf (vgl. Burger/Dobrovol’skij/Kühn/Norrick 2007b: 2, Burger 2010: 11–12, Dobrovol’skij/Piirainen 2009: 11, Palm 1995: 2–3).

Die für die Anfangsphase charakteristischen theoretischen Diskussionen zu terminologischen und klassifikatorischen Kontroversen werden zurzeit durch stärker anwendungsorientierte, z.T. empirisch untermauerte Herangehensweisen ersetzt. Die Phraseologie ist als eine von Natur aus heterogene Disziplin mit unscharfen Rändern und zahlreichen Überschneidungen mit anderen sprachwissenschaftlichen Bereichen aufgefasst. Daraus ergeben sich interdisziplinäre Zugänge7 zur Phraseologie. Viel Aufmerksamkeit wird beispielshalber der Phraseopragmatik (vgl. z.B. Coulmas 1981, Elspaß 2007, Hyvärinen 2011, Stein 2001, Übersicht in Filatkina 2007), der Phraseographie (vgl. u.a. Bergenholtz 2005, 2006, Bergenholtz/Tarp 2005, Burger 1992, 2009, Dobrovol’skij 2002b, 2009, Ettinger 1989, 2004, Filipienko 2009, Guławska-Gawkowska 2013, Hahn 2006, Hallsteinsdóttir 2006a, 2006b, 2007, 2009, Hartmann 2002, Hessky 1992c, Jesenšek 2008, 2009, Kątny 2011, Komorowska 2011, Lipczuk/Lisiecka-Czop/Misiek 2011, Mellado-Blanco 2009a, 2009b, Müller/Kunkel-Razum 2007, Nerlicki 2011, Pilz 1987, Steffens 1989, Szczęk 2010b, Worbs 1994, 1997), der Phraseodidaktik (vgl. z.B. Baur/Chlosta 1996, Chrissou 2018, Czarnecka 2010, Ettinger 2007, 2009, 2011, Hallsteinsdóttir 2001, Hallsteinsdóttir/Šajánková/Quasthoff 2006; Hessky 1992a, 1997, Jesenšek 2006, Kühn 1992, Schatte 1993, 1995, 2008a, 2008b, Schmale 2009, Zenderowska-Korpus 2017), der Fachphraseologie (u.a. Duhme 1991, Gläser 2007, Gréciano 2007) sowie stilistischen (z.B. Fleischer/Michel/Starke 1993, Sabban 2007b, 2014, Sandig 2007), arealen (z.B. Burger 2002b, Ernst 2011, Piirainen 2001, 2007, Zürrer 2007), kontrastiven und kontrastiv-translatorischen (z.B. Chrissou 2000, Dobrovol’skij 1997b, 1999, Eismann 1989, Földes 1996, Koller 2007, Komenda-Earle/Staffeldt 2009, Korhonen 2007, Łabno-Falęcka 1995, Piirainen 2004), interkulturellen (z.B. Dobrovol’skij/Piirainen 1997, Dobrovol’skij 2006, Sabban 2007a, Stypa 2009, Szczęk 2013), kognitiven (z.B. Dobrovol’skij 1995a, 1995b, Dobrovol’skij/Piirainen 2009, Feyaerts 1999, Folkersma 2010, Hartmann 1999, Mellado-Blanco 2014, Pohl/Kaczmarek 2014, Roos 2001, Staffeldt/Ziem 2008, Vega-Moreno 2001), psycholinguistischen (z.B. Dobrovol’skij 1997a, Häcki-Buhofer 1989, 1993, 1996, 2004, 2007a, 2007b, Hallsteinsdóttir ←26 | 27→ 2001, Levorato 1993, Wray 2007) Aspekten gewidmet. Einen wichtigen Platz nehmen innerhalb der Phraseologie die Sprichwörterforschung (Parömiologie) (vgl. u.a. Mieder 1992, 1995, 2007, Steyer 2012) sowie historische Aspekte der Phraseologie (z.B. Komenda-Earle 2015) ein. Zahlreiche Beiträge sind der sog. Autorenphraseologie – der Erforschung des Einsatzes und der Funktion von Phraseologismen in literarischen Werken (Palm 1989, Eismann 2007, Baranov/Dobrovol’skij 2007) und dem Gebrauch der Phraseologismen im Diskurs sowie in unterschiedlichen Text- und Gesprächssorten gewidmet (z.B. zur Phraseologie der Jugendsprache vgl. Ehrhardt 2007, zur Phraseologie der Fernsehnachrichten vgl. Burger 1999, zur Phraseologie des Wetters vgl. Burger 2006, zu Phraseologismen in politischen Reden vgl. Elspaß 2007, zu Phraseologismen in Pressetexten vgl. Pociask 2007).

Neue, vielversprechende Perspektiven der Erforschung der Phraseologismen eröffnet die sich in den letzten Jahrzehnten intensiv entwickelnde Korpuslinguistik. Die Stellung der Korpuslinguistik in der Sprachwissenschaft ist umstritten: Manche weisen ihr den Status einer neuen linguistischen Disziplin zu, andere sehen darin eher einen methodologischen Ansatz. Auf jeden Fall stellen Korpora Zugang zu riesengroßen Sammlungen natürlichsprachlicher Daten, durch deren Analyse Einsichten in die Struktur, Funktionen und Gesetzmäßigkeiten der Sprache gewährleistet werden können. Damit stellt der Einsatz der Korpora eine Wende in der Methodologie sprachwissenschaftlicher Forschung dar: Die bisherige, von künstlich konstruierten Sätzen ausgehende „Lehnstuhl-Linguistik“ (Fillmore 1992: 35) wird immer häufiger durch den datenorientierten, empirischen Ansatz ersetzt. Dies eröffnet neue Perspektiven, lässt grundlegende Fragestellungen traditioneller Sprachwissenschaft aufgreifen und führt zu ihrer Revidierung.

Die korpuslinguistisch ausgerichteten Projekte, Untersuchungen und Beiträge gewähren neue Einblicke in das Wesen der phraseologischen Frequenz, Stabilität, Modifizierbarkeit, Variabilität sowie Semantik und distributionellen Lexikongrammatik (vgl. z.B. Bubenhofer/Ptashnyk 2010, Dräger/Juska-Bacher 2010, Ettinger 2009, Hein 2012, Parina 2014, Quasthoff/Schmidt/Hallsteinsdóttir 2010, Stathi 2006, Taborek 2011). Damit leisten sie einen wesentlichen Beitrag zu der Erforschung der Idiome und Phraseologismen. Zu bahnbrechenden Erkenntnissen der von den authentischen Sprachdaten ausgehenden Forschung gehört aber vor allem die Neueinschätzung des Vorgeprägten, Formelhaften, Routinierten, Idiomatischen in der Sprache. Insbesondere induktive, korpusgesteuerte Verfahren, die unvoreingenommen an das Korpus herangehen und rein automatisch nach sich wiederholenden Sprachgebrauchsmustern8 suchen wie die korpusgesteuerten Analysen der Kookkurrenz (das statistisch überproportional häufige gemeinsame Auftreten von sprachlichen Einheiten in den Korpora) führen zu wegbreitenden Ergebnissen, die in der extremen Form in der Behauptung zum Ausdruck kommen, dass „die irrige Idee von der völlig freien Kombinierbarkeit von Lexemen ad acta gelegt ←27 | 28→werden“ kann (Schmale 2017: 44). Ob derart radikale Stellungnahmen berechtigt sind, ist zweifelhaft, es liegt dennoch empirische Evidenz dafür vor, dass die Sprache in einem erheblichen Maße aus formelhaften, reproduzierbaren Fügungen, aus usuellen Wortverbindungen (Terminus von Steyer 2013) besteht, die als „Halbfertigprodukte der Sprache“ (Hausmann 1984: 398) aufzufassen sind. Somit verweist Feilke (1996: 366) darauf, dass die Sprache als Mittel der Kommunikation nicht nur auch, sondern wesentlich idiomatisch ist. Dies führt zur Neudefinierung zentraler Begriffe der Phraseologie: der Festigkeit und Idiomatizität.9

Die empirischen Daten finden theoretische Fundierung: In der Kognitiven Linguistik, der daraus entspringenden Konstruktionsgrammatik sowie dem Forschungsstrang zu der sog. ‚formelhaften Sprache‘ (Stein 1995) wird davon ausgegangen, dass eine natürliche Sprache aus Form-Bedeutungspaaren (Konstruktionen) besteht. Die Sprache ist also weitgehend vorgeprägt und verfestigt, während die (mehr oder weniger) festen Wortverbindungen nicht die Krönung der Sprachbeherrschung, sondern ihre Grundlage bilden. Dies hat natürlich Folgen für die sich per definitionem mit festen Wortverbindungen befassende Phraseologie. Ob sich der Gegenstandsbereich der Phraseologie unter dem Einfluss von neuen theoretischen Ansätzen und Forschungsmethoden weiter ausweitet oder – wie Stumpf (2015) postuliert – sich gegen die Konstruktionsgrammatik und formelhafte Sprache abgrenzt, lässt sich im Moment schwer vorhersagen. Möglicherweise steht die Phraseologie vor einer Wende, die entweder zu einer enormen Ausweitung ihres Gegenstandsbereiches und Umformulierung der Grundbegriffe, oder zur Etablierung von einer neuen, sich in dem Forschungsgegenstand mit der Phraseologie verzahnenden linguistischen Disziplin führen wird. Welcher Weg eingeschlagen wird, ist im Moment nicht voraussehbar, fest steht, dass vor dem Hintergrund gegenwärtig vorherrschender theoretischer Ansätze (Kognitive Linguistik, Konstruktionsgrammatik, Untersuchungen zur formelhaften Sprache) und innovativer Forschungsmethoden (Korpuslinguistik) neue Zugänge und Abgrenzungen erwünscht und notwendig sind (vgl. u.a. Berdychowska/Schatte 2017, Feilke 2007, Schmale 2017, Stumpf 2015).

1.2 Phraseologismen und Idiome

Trotz der terminologischen Schwierigkeiten der Anfangsphase herrscht in der gegenwärtigen Phraseologie eine weitgehende Einstimmigkeit in der Auffassung der Phraseologismen unter der Berücksichtigung von drei zentralen Bestimmungsmerkmalen: der Polylexikalität, der Festigkeit (Stabilität) und der (eventuellen) Idiomatizität (Burger/Dobrovol’skij/Kühn/Norrick 2007b, Burger 2002a, 2010, Donalies 1994, Fleischer 1982, 1997, Palm 1995, Ptashnyk 2009, Wotjak 1992). Diese Kriterien dienen vorerst der Abgrenzung der Phraseologismen gegenüber anderen sprachlichen Einheiten, wobei polylexikale und feste Wortverbindungen als ←28 | 29→Phraseologismen im weiteren Sinne, polylexikale, feste und idiomatische Wortverbindungen als Phraseologismen im engeren Sinne (Idiome) bezeichnet werden. Zahlreiche Forscher führen auch weitere Phraseologizitätsmerkmale wie Lexikalisierung, Reproduzierbarkeit, unikale Komponenten, Motiviertheit, Bildlichkeit, Bildhaftigkeit, semantischer Mehrwert, Sprachüblichkeit heran, die sich entweder mit den primären Phraseologizitätskriterien decken oder verschiedene Facetten der Komplexität der Phraseologismen in den Fokus des Interesses rücken, ohne dennoch für alle als Phraseologismen bezeichneten Sprachphänomene repräsentativ zu sein. Diese Merkmale werden als sekundäre Phraseologizitätsaspekte im Kap. 1.2.2 dargestellt.

1.2.1 Primäre Merkmale der Phraseologismen

Unter primären Phraseologizitätskriterien werden im Folgenden diejenigen Kriterien verstanden, die in der Meinung der meisten Forscher als entscheidende und notwendige Merkmale den Bereich des Phraseologischen von anderen Bereichen abheben: die Polylexikalität und Festigkeit (Stabilität) sowie die für Idiomatik obligatorische Prämisse der Idiomatizität.

1.2.1.1 Polylexikalität

Das Merkmal der Polylexikalität (Mehrgliedrigkeit) bezieht sich auf den Mehrwortcharakter der Phraseologismen: Ein Phraseologismus besteht aus mindestens zwei Wörtern. Auch wenn dieses Phraseologizitätskriterium auf den ersten Blick wegen seines formal-strukturellen Charakters als unproblematisch erscheint, bereitet es bei näherer Betrachtung wesentliche Schwierigkeiten: Zum einen ist man in der Sprachwissenschaft immer noch weit von dem Konsens in der Definition des Terminus ‚Wort‘ entfernt (vgl. dazu Miodunka 1989: 69, Reichmann 1976: 4). Zum anderen liegen umstrittene Grenzfälle vor, die phraseologiespezifisch sind. Die Kontroversen beziehen sich dabei sowohl auf die obere als auch die untere Grenze des phraseologischen Bereiches.

So herrscht beispielshalber keine Einigkeit in Bezug auf die Stellung der sog. Ein-Wort-Phraseologismen, d.h. (teil-)idiomatischer Wortbildungskonstruktionen wie Strohwitwe, Achillesferse, Augiasstall in der Phraseologie. Der Terminus wurde von Duhme (1991, 1995) eingeführt, von zahlreichen Forschern wird er aber zurückgewiesen (Fleischer 1997: 248, Burger 2001: 38, Burger/Dobrovol’skij/Kühn/Norrick 2007b: 9). Im Deutschen, als einer aus sprachtypologischer Sicht die Tendenz zum synthetischen Sprachbau aufweisenden Sprache (Ehegötz 1990: 500, Munske 2015 [1993]10: 91), müssten derartige Komposita aus dem phraseologischen Bereich ausgeklammert werden; in anderen, analytischen Sprachen (engl. ←29 | 30→Achilles heel, poln. pięta Achillesa) funktionieren sie dagegen als Phraseologismen. Topczewska (2017: 29) führt weitere Beispiele für idiomatische Komposita an, deren Ausklammerung aus dem phraseologischen Bereich kontrovers ist: So werden die Wortverbindungen ein Mann von der Welt, hart wie Stein als Phraseologismen angesehen, während Komposita Weltmann und steinhart das Kriterium der Polylexikalität nicht erfüllen.

Darüber hinaus ist der Status einer sprachlichen Einheit als eines Lexems oder eines Syntagmas in der Sprachwissenschaft weitgehend an die orthographische Norm gebunden: Die Getrennt- und Zusammenschreibung entscheiden in der Phraseologie, was in ihren Bereich eingenommen oder aus diesem Bereich ausgeschlossen wird. Viele Phraseologismen hat demzufolge im Deutschen die Orthographiereform erzeugt, die die Getrenntschreibung der Verben vom Typ spazieren gehen (zuvor spazierengehen) durchgesetzt hat (vgl. Ewald 2002: 153, Levin-Steinmann 2007: 40, Heine 2010: 13). Die Grenzen zwischen Wort und Syntagma lassen sich aber nicht immer eindeutig ziehen (Heine 2010: 16), eine Reihe von sprachlichen Einheiten, deren Zugehörigkeit zur Phraseologie umstritten ist, liegt vor: Es funktionieren nach 1996 beispielshalber orthographische Varianten: zugunsten/zu Gunsten, hierzulande/hier zu Lande, zumute/zu Mute (Ewald 2002: 153), die je nach willkürlicher Entscheidung des Schreibenden als Phraseologismen oder Einwortlexeme betrachtet werden können, während unzweifelhafte Phraseologismen ihren phraseologischen Status verlieren, sobald sie als Erstglied in Komposita vorangestellt werden: Nacht-und-Nebel-Aktion, Friede-Freude-Eierkuchen-Stimmung (Topczewska 2017: 30). Deswegen verweisen viele Forscher (Korhonen 1992a: 2, Kühn 2007: 623, Topczewska 2017: 30) zu Recht auf die Künstlichkeit der Grenzziehung zwischen Wortbildung und Phraseologie aufgrund orthographischer Konventionen. Univerbierungsprozesse11 beeinflussen Inventar und Merkmalausprägung auf so gravierende Weise, dass ihre stärkere Beachtung seitens der Phraseologie dringend geboten scheint (Ewald 2002: 153).

Kontrovers diskutiert wird ferner, ob Wortverbindungen aus Synsemantika als Phraseologismen angesehen werden können. So bezeichnet Burger (2010: 37) die festen Wortverbindungen weder … noch, entweder … oder, sowohl … als auch, so dass) als strukturelle Phraseologismen, Korhonen (2002: 402) spricht von „Minimaleinheiten“ der Phraseologismen, wohingegen Fleischer (1982: 72) und Lipczuk (2011b: 44) das Kriterium der Polylexikalität auf Wortverbindungen mit wenigstens einem Autosemantikum einschränken und synsemantische Wortverbindungen aus dem Bereich der Phraseologie ausschließen.

←30 | 31→Keine Einstimmigkeit herrscht ebenfalls bezüglich der Frage, wie man den phraseologischen Bereich von oben abstecken könnte. Als eine etablierte obere Grenze der Phraseologie wird traditionellerweise der Satz angesehen, womit Sprichwörter, Antisprichwörter, Wellerismen, geflügelte Worte zu den Phraseologismen zählen (vgl. Burger/Dobrovol’skij/Kühn/Norrick 2007b, Burger 2010, Donalis 1994, Hartmann 1999, Hessky 1992b, 2000, Munske 1993, Palm 1995). Unter dem Einfluss der Textlinguistik und Pragmatik taucht dennoch immer häufiger die Frage auf, ob man formelhafte Texte: Todesanzeigen, Ansagen im Zug und auf dem Bahnhof (wie z.B. Verehrte Fahrgäste! Wir befinden uns in der Anfahrt auf …. Sie erreichen dort alle planmäßigen Anschlussmöglichkeiten …), die zwar die Satzgrenze überschreiten, aber zugleich fest sind und reproduziert (nicht konstruiert) werden, in den Gegenstandsbereich der Phraseologie aufnehmen soll. (Näheres zu Beziehung Phraseologismus und Text bei Fix 2007: 460–462 und Dausendschön-Gay/Gülich/Krafft 2007). Wie Stein (1995: 17) überzeugt, können bei weiter Auslegung des Terminus ‚Phraseologie‘ die Attribute ‚phraseologisch‘ und ‚formelhaft‘ gleichgesetzt werden.12 Stein (ebd.) veranschaulicht das erweiterte Verständnis der Phraseologie in der folgenden Tabelle:

Tab. 1: Die Ausweitung des phraseologischen Begriffsverständnisses und Gegenstandes nach Stein (1995: 25).

BegriffsverständnisPhraseologie im engen Sinnephraseologisch = idiomatischPhraseologie im weiten Sinnephraseologisch = formelhaft 
GegenstandIdiomatische WendungenFormelhafte Wendungen (pragmatische Idiome, pragmatische Phraseologismen, Routineformeln)Formelhafte Textteile und Texte
BeschreibungsansatzSyntaktisch-semantischPragmatisch(kommunikativ-funktional)Pragmatisch (kommunikativ-funktional) und textlinguistisch bzw. formulierungstheoretisch
BezugsgrößeSatzgliederSätzeÄußerungen ÄußerungssequenzenTextteileTexte
Beispielejmdm. ins offene Messer laufenTag für TagGuten TagPaß mal aufDanksagungenUnfallberichte

←31 | 32→Die Tendenz, formelhafte Texte doch als einen peripheren Bereich der Phraseologie zu betrachten, scheint sich in den letzten Jahren durchzusetzen, wovon ihre Berücksichtigung z.B. im HSK Handbuch der Phraseologie (Burger/Dobrovol’skij/Kühn/Norrick 2007a) zeugt.

1.2.1.2 Festigkeit

Die Festigkeit, ebenfalls als Festgeprägtheit (Reichstein 1973), Fixiertheit (Thun 1978), Kohäsion (Gréciano 1983) und Stabilität (Fleischer 1997) bezeichnet, beruht darauf, dass der Komponentenbestand und die Bedeutung der Phraseologismen (mehr oder weniger) fest, stabil, nicht veränderlich sind. Die Festigkeit stellt ein komplexes Merkmal der Phraseologismen dar, das aus wenigstens zwei Perspektiven – einer strukturellen und einer psycholinguistischen Perspektive – beschrieben werden kann (Burger 2010: 15–29).

Aus struktureller Sicht beruht die Festigkeit darauf, dass die Komponenten von Phraseologismen auf der paradigmatischen Ebene nicht substituierbar sind (mit einem blauen Auge davon kommen, aber *mit einem blauen Äuglein davonkommen) und ihre Kombinierbarkeit auf syntagmatischer Ebene eingeschränkt ist. Dabei weisen Idiome oft morphosyntaktische Anomalien13 auf, die in lexikalisierten Abweichungen von den gegenwärtigen Sprachregeln erfasst werden, wie z.B.: unflektierte Adjektive (auf gut Glück), oder Restriktionen in der Tempusbildung:

Otto hat an Emma einen Narren gefressen.

*Otto frisst einen Narren an Emma.

*Otto fraß an Emma einen Narren (nur Perfekt möglich). (Burger 2002a: 395)

Aus psycholinguistischer Perspektive wird unter phraseologischer Festigkeit verstanden, dass ein Phraseologismus als eine Einheit gespeichert wird, d.h. dass er als eine Ganzheit abgerufen und nicht wie freie Wortverbindungen in jeder konkreten Äußerung ad hoc unter Einbezug der Sprachregeln und des Lexikons ←32 | 33→generiert wird (diese Eigenschaft wird manchmal auch als Reproduzierbarkeit oder Lexikalisierung bezeichnet, vgl. Bogusławski 1989, Dobrovol’skij 1995a).

Relativ schnell wurde in der Phraseologie wahrgenommen, dass die Festigkeit – als absolute Unveränderlichkeit der Form und der Bedeutung verstanden – nur auf wenige Gruppen der Phraseologismen (vor allem auf opake Idiome sowie Phraseologismen mit unikalen Komponenten) zutrifft (Burger 2010: 25). So bemerkt Häusermann im Jahre 1977:

In der Sprache gibt es Tendenzen zur Bildung fester Wortverbindungen und Tendenzen zur Auflösung derselben. Den Grund dazu bildet die (…) Doppelnatur des Frasmus (die Reproduzierbarkeit), die zu der Tatsache führt, daß der Sprecher zwischen freien und festen Wortverbindungen auswählen muß und daß dabei oft Gesetze der freien Wortverbindungen auf die festen angewendet werden und umgekehrt. Man kann vom Sprecher nicht erwarten, daß er freie und feste Verbindungen so gut auseinanderhalten kann wie Lexeme und Morpheme oder wie Lexeme und freie Wortverbindungen. (Häusermann 1977: 83, zit. nach Barz 1992: 27)

Viel Aufmerksamkeit wird aus diesem Grunde den phraseologischen Variationen (Barz 1992, Korhonen 1992b) und Modifikationen (Krawczyk 2006, Ptashnyk 2009, Sabban 2014) gewidmet.

Unter Variation wird verstanden, dass ein Phraseologismus keine vollständig fixierte Nennform hat, sondern zwei oder mehrere ähnliche Varianten zulässt (Burger 2010: 24): keinen Finger rühren/krumm machen/regen; jmdm. fällt die/eine Binde von den Augen, auf/unter den Nägeln brennen, weder aus noch ein wissen/nicht aus und ein wissen, Daumen/Däumchen drehen. Die Variabilität der Phraseologismen wird als ein Spielraum aufgefasst, „innerhalb dessen formale Veränderungen des Phraseologismus möglich sind, ohne dass phraseologische Bedeutung verloren geht, wobei dieser Spielraum lexikographisch erfasst werden kann und soll“ (Burger/Buhofer/Sialm 1982: 69). Korhonen (1992b: 49–50) unterscheidet dabei zwischen morphosyntaktischer und lexikalischer Variabilität.

Die morphosyntaktische Variabilität bezieht sich auf Möglichkeiten der Veränderung der Form bei völlig oder weitgehend konsistenter denotativer Bedeutung, d.h., die einzelnen Ausdrücke werden als verschiedene morphosyntaktische Realisationen (Form- bzw. Strukturvarianten) eines bestimmten Phraseologismus angesehen (Korhonen 1992b: 50). Die lexikalische Variabilität betrifft dagegen Austauschmöglichkeiten von lexikalischen Komponenten (Autosemantika), bei dieser Variabilitätsart kann die Bedeutung entweder konsistent bleiben (z.B. jmdn. in die/seine Schranken weisen/zurückweisen/verweisen), leicht variieren (z.B. sich das Maul/den Mund/die Zunge verbrennen) oder sogar ins Gegenteil verkehrt werden (z.B. sich jmdm. in den Weg stellen, jmdm. aus dem Weg gehen). Auf diese Art und Weise werden synonyme und antonyme Idiome erzeugt (ebd.).

Im Gegensatz zu den phraseologischen Varianten, die einen usualisierten (konventionellen, lexikographisch kodifizierten) Charakter haben, sind die phraseologischen Modifikationen okkasionell. Hier handelt es sich um eine spontane, für ←33 | 34→die Zwecke eines bestimmten Textes hergestellte Abwandlung der Phraseologismen (Burger 2010: 26). Als Beispiel führt Burger eine Modifikation des Sprichwortes Guter Rat ist teuer in der Schlagzeile heran:

Schlechter Rat ist teuer

Eine Berufs-Hotline verspricht für 3.13 Franken pro Minute Hilfe

Guter Rat ist teuer, heißt es. Für unsichere Arbeitnehmer, die sich mit ihren Fragen an die 157er-Berufs-hotline wenden, ist der teure Rat noch schlecht (…) (Tages-Anzeiger Zürich, 04.09.1996, zit. nach Burger 2010: 26)

Phraseologische Modifikationen gelten als nahezu typische Verwendungsweisen von Phraseologismen, denn Phraseologismen fordern aufgrund ihrer textbildenden Potenzen die Sprecher zu kreativem Sprachgebrauch heraus (Fleischer 1982: 217). Die Ursachen für okkasionelle Abwandlungen sind vielfältig:

Die den konventionellen, normalen Phraseologismen eigene Expressivität kann sich abnutzen und innerhalb der Sprachgemeinschaft als überholt und abgedroschen empfunden werden. Solche tradierten Phraseologismen können umfunktioniert werden, indem sie in Inhalt, Form und Funktion der spezifischen Kommunikationssituation angepasst werden (Bebermeyer/Bebermeyer 1977: 1): Sie werden so zum Ausdruck kreativer Individualität, innovatorischer Originalität und subjektiver Funktions- und Aussageintentionen. Oftmals muss der komplexe, vielschichtige Inhalt von Phraseologismen auch bei einer Verwendung innerhalb eines Textes konkretisiert werden: Gréciano nennt diese Konkretisierung eine „situative Füllung von Leerstellen“ (1983: 239). Schließlich ist die Freude am Sprachspiel ein nicht zu unterschätzender Grund für die Vielzahl okkasioneller Abwandlungen in bestimmten Textsorten der Belletristik, Publizistik und Werbung. (Drumm 2004: 76)

Selbstverständlich ist die Unterscheidung zwischen den usuellen Variationen und okkasionellen Modifikationen in vielen Fällen wegen der Verschwommenheit der Grenzen zwischen dem Individuellen/Idiosynkratischen und dem Überindividuellen/Sich-Konventionalisierenden äußerst schwierig. Nicht immer zuverlässig sind in dieser Hinsicht auch lexikographische Nachschlagewerke (vgl. die Diskussion um die Nennform der Phraseologismen, z.B. Lisiecka-Czop/Misiek 2011, Misiek 2011). Die sich schnell entwickelnde Korpuslinguistik liefert dennoch empirisch gut untermauerte Evidenz dafür (Burger 2010: 29; Hümmer 2009: 83; Kühn 2007: 623), dass die Variationen und Modifikationen im authentischen Sprachgebrauch weit verbreitet sind und die Festigkeit ein relatives Kriterium darstellt. Hümmer (2009: 248–249) veranschaulicht beispielshalber anhand einer Korpusanalyse, dass Modifikationen des Idioms jd. ist mit allen Wassern gewaschen in 36 % von 548 Belegen auftreten, im Falle des Idioms jd. schüttelt etw. aus dem Ärmel sind es 14 % der Belege und bei Idiom jd. hat es faustdick hinter den Ohren – 6 %.

←34 | 35→

1.2.1.3 Idiomatizität

Das letzte Kriterium der Idiomatizität dient als eine Trennungslinie, die Phraseologismen im weiteren Sinne von den Phraseologismen im engeren Sinne (= Idiomen) abgrenzt. Dieses Kriterium ist schwer fassbar und facettenreich, wovon beispielshalber eine Reihe der von Kühn (2007: 623) als Synonyme angeführten Begriffe: ‚Bedeutungsübertragung‘, ‚Metaphorizität‘, ‚Bildlichkeit‘, ‚Motiviertheit‘ zeugt. Diese Begriffe sind mit der Idiomatizität – als semantischer Undeutbarkeit eines Mehrwortausdrucks aus seinen Komponenten verstanden – eng verbunden, heben aber zugleich ihre unterschiedlichen, nicht unbedingt gleichzeitig aufzutretenden Aspekte hervor.

Idiomatizität wird zurzeit in der Linguistik, insbesondere in der Pragmatik und Konstruktionsgrammatik viel weiter aufgefasst als in der Phraseologie14. In einer weiten pragmalinguistischen Auffassung wird unter Idiomatizität das Formelhafte in der Sprache verstanden. Zahlreiche alltägliche sprachliche Äußerungen, wie Grüßen, Vorstellen, Verabschieden, Ess- und Trinkformeln, Danken und Entschuldigen, Kontakteröffnung und Kontaktbeendigung sind habitualisiert (Filatkina 2007: 139), d.h. nach Feilke (1994) idiomatisch geprägt. Idiomatisch geprägt sind demnach Ausdrücke, die als „Handlungsmodelle fungieren können, indem sie Schemata sozialer Koorientierung indizieren“ (Feilke 1994: 369). In weiteren Publikationen baut Feilke (1998, 2004) den Terminus der ‚idiomatischen Prägung‘15 aus und definiert sie als eine pragmatische, durch den Gebrauch bedingte Bindung. So ist die Präpositionalphrase in der Äußerung: Er sitzt in der Sonne idiomatisch geprägt, weil die semantischen Adäquatheitsbedingungen alleine durch den Gebrauch erzeugt sind: Die gegen grammatische Regeln nicht verstoßenden Substitutionen *Er sitzt im Mond, *Er sitzt unter der Sonne sind nicht konventionalisiert ←35 | 36→und aus diesem Grunde unzulässig (Feilke 1998: 72). Idiomatizität bedeutet in dieser weiten Auffassung, dass aus einem Spektrum von Konstruktionsmöglichkeiten für Ausdrücke durch die Konventionalisierung von Selektions- und Kombinationsmöglichkeiten bestimmte verbindlich geworden sind (ebd., 74). Es ist dennoch zu betonen, dass derart weit verstandene Idiomatizität aus phraseologischer Perspektive an dem Schnittpunkt zwischen zwei Merkmalen, der Festigkeit und der Idiomatizität, anzusiedeln ist.

In der Phraseologie wird die Idiomatizität auf zwei Weisen aufgefasst. In der weiten Auffassung versteht man unter der Idiomatizität die morphosyntaktische oder semantische Irregularität in der Sprache (Burger/Buhofer/Sialm 1982: 1, Burger 2010: 29, Fleischer 1982: 35, Lewicki/Pajdzińska 2001: 315). So definieren Lewicki/Pajdzińska (2001: 315) idiomatische Wortverbindungen als „sozial konventionalisierte Wortverbindungen, die in einer Hinsicht Irregularität aufweisen“16. Derart aufgefasste Idiomatizität kann auf der Formebene in Gestalt der lexikalen, Flexions-, Wortbildungsirregularitäten oder syntaktischen Archaismen zum Vorschein kommen (vgl. dazu die morphosyntaktischen Anomalien wie unübliche Wortstellung: auf des Messers Schneide stehen, undeklinierte Adjektive: sich bei jmdm. lieb Kind machen), oder auf der semantischen Ebene als die Non-Kompositionalität der Bedeutung erachtet werden.

In der zweiten, engeren Auffassung bezieht sich die Idiomatizität ausschließlich auf den semantischen Aspekt und bedeutet, dass die phraseologische Bedeutung sich nicht regulär (oder nur partiell regulär) aus den freien Bedeutungen der Komponenten ableiten lässt (Böhmer 1997: 1, Hartmann 1999: 221, Palm 1995: 9, Roos 2001: 9). „Idiomatizität bedeutet, daß das Frege-Prinzip außer Kraft gesetzt ist, daß die Bedeutung eines komplexen Ausdrucks nicht gleich der Summe der Einzelbedeutungen der jeweiligen Lexeme ist“ (Stein 1995: 30). Palm (1995: 9, 12) spricht hier von der semantischen Transformation der Phraseologismuskomponenten. Es ist dabei hervorzuheben, dass die Idiomatizität einen graduellen Charakter hat. Je nachdem, wie viele Phraseologismuskomponenten einer semantischen Derivation unterzogen wurden, unterscheidet man zwischen:

  (i)vollidiomatischen Idiomen, in denen alle Komponenten semantisch transformiert sind, z.B. sein Schäfchen ins Trockene bringen ‚für sich großen Gewinn verschaffen‘, vom Fleische fallen ‚abmagern‘;

 (ii)teilidiomatischen Idiomen, in denen manche Komponenten semantisch transformiert sind, andere (hier mit Fettdruck markiert) aber ihre phrasemexterne Bedeutung beibehalten, z.B. einen Streit vom Zaune brechen ‚einen Streit herausbeschwören‘, sich ins Fäustchen lachen ‚heimliche Schadenfreude empfinden‘, von Tuten und Blasen keine Ahnung haben ‚etw. nicht wissen oder nicht können‘;

(iii)←36 | 37→nicht idiomatischen Phraseologismen, z.B. sich die Zähne putzen (Burger 2010: 30, Palm 1995: 12).

Außer der Einteilung nach dem Grade der Idiomatizität sind auch andere Klassifikationskriterien möglich. Palm (1995: 12–13) differenziert beispielsweise zwischen folgenden Arten der Idiomatizität:

  (i)Von durchsichtigen Metaphorisierungen spricht man bei Phraseologismen mit einer literalen Lesart, bei denen die semantische Transformation aufgrund metaphorischer Prozesse nachvollziehbar ist.

 (ii)Undurchsichtige Metaphorisierungen liegen vor, wenn der Bildspenderbereich der Metapher dem heutigen Sprecher nicht mehr vertraut ist, aus einem historischen Milieu stammt, z.B.: einen Narren an jmdm. gefressen haben ‚DUW17: umgangssprachlich: jemanden, etwas in übertriebener Weise gern mögen; nach der alten Vorstellung, jemand habe einen Dämon in seinem Innern stecken‘, alle(s) über einen Leisten schlagen ‚DUW: umgangssprachlich: alles mit dem gleichen Maßstab messen; ohne Rücksicht auf wesentliche Unterschiede alles gleich behandeln; wohl nach dem Bild eines nachlässig arbeitenden Schusters, der alle Schuhe über einen Leisten schlägt und so nur Schuhe gleicher Größe anfertigt‘.

(iii)Als Spezialisierungen bezeichnet Palm die Phraseme, die aus Synsemantika – hier als bedeutungsschwache Wörter18 verstanden – bestehen. Die Bedeutungsschwäche der Komponenten erschwert die bildhafte Vorstellung der Wortverbindungsbedeutung, da keine metaphorische Relation zwischen der wörtlichen und der idiomatisierten Lesart besteht, z.B. nicht ganz ohne sein ‚nicht ganz harmlos sein‘, es in sich haben ‚schwierig oder toll sein‘.

Da der Idiomatizität aus pragmatischer, konstruktionsgrammatischer und vor allem phraseologischer Perspektive viel Aufmerksamkeit im Kap. 3.2 gewidmet wird, werden an dieser Stelle weitere Erörterungen zu diesem Thema vorerst ausgespart. Festzuhalten bleibt, dass für die Bedürfnisse der vorliegenden Arbeit die enge, semantische Auffassung der Idiomatizität richtungsweisend ist. Somit wird die Idiomatizität als semantische Undeutbarkeit der Gesamtbedeutung eines Mehrwortausdrucks aus den Bedeutungen seiner Konstituenten definiert.

1.2.2 Sekundäre Merkmale der Phraseologismen

Außer den bereits beschriebenen primären Merkmalen der Phraseologismen, die als konstitutive Aspekte angesehen werden, tauchen in der Fachliteratur auch sog. ←37 | 38→sekundäre Merkmale der Phraseologizität auf: Lexikalisierung, Reproduzierbarkeit, unikale Komponenten, Motiviertheit, Bildlichkeit, Bildhaftigkeit sowie eine Reihe der Begriffe, die sich auf den besonderen pragmatisch-konnotativen Wert vieler Phraseologismen beziehen und als semantischer Mehrwert (Kühn 1985), stilistische Potenz (Burger 1973: 95), textbildende Potenz (Sabban 2007b: 237, Wotjak 1994: 622–623) oder Mehrdimensionalität des Inhalts (Gréciano 1982: 298) bezeichnet werden. Die sekundären Merkmale treten in unterschiedlichen Kombinationen auf, sind nicht obligatorisch und für die Abgrenzung der Phraseologismen von anderen Spracheinheiten nicht ausschlaggebend, können dennoch als Behelfskriterien zu ihrer Identifizierung herangezogen werden. Zum großen Teil sind die sekundären Phraseologizitätsmerkmale auf den besonderen Status der Idiome aus semiotischer Perspektive zurückzuführen: Idiome als sekundäre Sprachzeichen weisen nämlich zwei Lesarten auf, aus deren Beziehung sich die Motiviertheit, Bildhaftigkeit/Bildlichkeit, gesteigerte Expressivität sowie semantischer Mehrwert der Phraseologismen im engeren Sinne ergibt. Da diesen Eigenschaften viel Aufmerksamkeit im dritten Kapitel geschenkt wird, werden sie an dieser Stelle nur skizzenhaft umrissen.

Lexikalisierung und Reproduzierbarkeit

Die Phraseologiziätsmerkmale, Lexikalisierung und Reproduzierbarkeit, hängen aufs Engste mit der Festigkeit/Stabilität zusammen: Sie heben verschiedene Aspekte der phraseologischen Festigkeit und den Einheitsstatus (Begriff von Donalies 1994: 341–342) der Phraseologismen hervor. Diese Verflochtenheit kommt bereits in Fleischers Definition der Phraseologismen zum Ausdruck:

Ihr besonderer Charakter als feste Wortverbindungen ergibt sich vor allem aus ihrer (semantischen) Idiomatizität und ihrer (semantisch-syntaktischen) Stabilität. Damit zusammen hängt ihre Speicherung (Lexikalisierung) als lexikalische Einheit, die bei der Textgestaltung reproduziert wird. (Fleischer 1983: 307)

Die Lexikalisierung unterstreicht also den Einheitsstatus der Phraseologismen im Langzeitgedächtnis, sie kann aber auch auf die Systemebene bezogen werden, wo sie der Tatsache Rechnung trägt, dass „die Wortverbindung in einer Sprachgemeinschaft ähnlich wie ein Lexem gebräuchlich“ ist (Burger/Buhofer/Sialm 1982: 1). Wie Donalis (1994: 394) bemerkt, ist bereits in den Benennungen: ‚komplexe Einheit‘ (Daniels 1978), ‚lexikalische Einheit‘, ‚syntaktische Einheit‘ und ‚phraseologische Einheit‘ (Pilz 1978) eine Vorstellung von sprachlichen Gebilden enthalten, die „zwar aus mehreren Wörtern bestehen, die sich aber wie ein Wort verhalten“ (Pilz 1981: 25).

Mit der mentalen Festigkeit19 wird die Reproduzierbarkeit gleichgesetzt: Dieser Terminus hebt den psycholinguistischen Status der Phraseologismen hervor, ←38 | 39→die aus dem Langzeitgedächtnis als Ganzheiten abgerufen werden. Dies bedeutet, dass Phraseologismen im Gegensatz zu freien Wortverbindungen nicht mithilfe sprachlicher Regeln produziert, sondern als Mehrwortverbindungen reproduziert werden. Selbstverständlich sind beide Kriterien wenigstens teilweise an den individuellen Usus gebunden:

Die Differenzierung zwischen den lexikalisierten und den nicht lexikalisierten, nach produktiven Regeln generierbaren Entitäten basiert, kognitiv gesehen, auf dem lexikalischen Wissen der Sprecher. Wenn ich irgendein Idiom zum ersten Mal höre und aufgrund seines Bildes bzw. der kontextuellen und situativen Einbettung seine Bedeutung verstehe, kann ich nicht entscheiden, ob es sich dabei um ein Idiom oder einen ad hoc gebildeten metaphorischen bzw. metonymischen Ausdruck handelt. Diese Entscheidung ist nur aufgrund eines spezifischen Wissens der Muttersprachler möglich, das als eine Art des Usus-Wissens definiert werden kann und eine Komponente des mentalen Lexikons darstellt. Die Grenzen der Klasse der Idiome sind also u.a. im individuellen Idiolekt des Sprechers begründet. Real operieren die Sprecher mit einer intersubjektiven Schnittmenge, an deren Peripherie ambivalente Entscheidungen möglich sind. (Dobrovol’skij 1995a: 16)

Sprachüblichkeit

Als eines der 5 konstitutiven Phraseologizitätskriterien20 sieht Donalies (1994) die Sprachüblichkeit an. Darunter wird „nicht die statistische Frequenz, sondern die Verfügbarkeit einer sprachlichen Einheit, ihre Präsenz im Wortschatz, die sich aus dem in einer Sprachgemeinschaft wiederholten Gebrauch tradiert“ (Donalies 1994: 342) verstanden. Dieser Aspekt wird auch von anderen Phraseologieforschern zum Ausdruck gebracht: Pilz (1978: 33) spricht z.B. von „usuellen Einheiten des Sprachschatzes“, der Aspekt der Tradierung, eines von Sprechergeneration zu Sprechergeneration wiederholten Gebrauchs sprachlicher Einheiten ist in Termini wie Topos, Stereotyp, Klischee, Phrase, Formel, Floskel, Redensart und Redeweise aufgegriffen, die häufig synonym oder teilsynonym verwendet oder zur gegenseitigen Definition herangezogen werden (ebd.).

Unikale Komponenten

Manche Phraseologismen weisen des Weiteren unikale Komponenten auf. Hier handelt es sich um Komponenten, die außerhalb des Phraseologismus (phrasemextern) nicht verwendet werden und denen man innerhalb eines Phraseologismus (phrasemintern) keine isolierbare Bedeutung zuschreiben kann (Burger 2002a: 393, ←39 | 40→Burger 2010: 22). Als unikale Komponenten fungieren Nekrotismen (ausgestorbene Wörter) wie im Idiom Zeter und Mordio, Archaismen (veraltete Wörter) oder sog. Cranberry-Wörter, deren Vorkommen ausschließlich auf die Phraseologismen eingeschränkt ist, z.B. aus dem Stegreif, in Mitleidenschaft ziehen, Fersengeld geben.

Motiviertheit

Die Motiviertheit der Phraseologismen beruht darauf, dass ihre Bedeutung auf der Basis von Komponentenbedeutungen, Struktur und Metapher oder Metonymie verstehbar/nachvollziehbar ist (Burger 2003: 66). Dies bedeutet, dass der Sprachproduzent oder -rezipient, der den Ausdruck und seine phraseologische Bedeutung kennt, einen Zusammenhang zwischen der literalen und der phraseologisierten Ebene erkennen kann (Hümmer 2006: 35). Viele Phraseologismen sind also „nachträglich interpretierbar“ (Dobrovol’skij 2001: 90), d.h., die Verbindung zwischen der literalen und der phraseologisierten Lesart ist nachvollziehbar, wenn man mit der phraseologisierten Lesart vertraut ist (Beispiele im Kap. 3.3). Motiviertheit stellt ein weitgehend individuelles, intersubjektiv schwer fassbares Merkmal der Phraseologismen dar: Ob ein Idiom für einen Sprachteilhaber motiviert oder nicht motiviert ist, hängt zu einem erheblichen Maße von seinen individuellen Wissensbeständen ab. Dieses Kriterium steht des Weiteren in einer komplementären Beziehung zu der Idiomatizität: Je höher die Idiomatizität, desto niedriger ist die Motiviertheit eines Phraseologismus und umgekehrt. Idiome, die nicht im Geringsten motiviert sind, werden als opake Idiome bezeichnet (vgl. Dobrovol’skij 1995a).

Bildhaftigkeit

In der neueren Forschung wird zwischen der Bildlichkeit und der Bildhaftigkeit differenziert (Burger 1989, 2007a, 2010, 2015, Häcki-Buhofer 1989, Kapuścińska 2014, Rothkegel 2004, 2014, Stöckl 2004, Topczewska 2004).

Die Bildhaftigkeit besteht darin, dass manche Phraseologismen mentale Bilder zu evozieren vermögen, auch wenn sich nicht immer ein Verhältnis zwischen dem Bild und der phraseologischen Bedeutung feststellen lässt. Fix (2002: 18, zit. nach Kapuścińska 2014: 34) definiert Bildhaftigkeit als „Anschaulichkeit der Bedeutung“, denn die Bedeutung selbst „stellt uns Inhalte vor unser inneres Auge“ (ebd.). Bildhaftigkeit ist nicht auf Phraseologismen eingeschränkt: Mentale Bilder können Einzellexeme evozieren, wie die Verben schlurfen, trippeln, latschen (Beispiele von Fix 2002: 19, zit. nach Kapuścińska 2014: 34), bildhaft können allerdings auch die Texte sein: Bei der Lektüre der Belletristik setzt man das Gelesene in Bilder um, man entwickelt Imaginationen, was die Verfilmungen bekannter Literaturwerke so schwierig macht (Diekmannshenke 2008: 85, nach Kapuścińska 2014: 34). Bildhaftigkeit ist von großer Relevanz für die Entstehung und Semantik der Phraseologismen. So führt Häusermann (1977: 20) den Prozess der Entstehung der Phraseologismen auf zwei grundsätzliche Prozeduren zurück: Entweder bilden sie sich aus ursprünglich freien Wortverbindungen heraus, die sich zu einer festen ←40 | 41→Gesamtbedeutung entwickelt haben, oder sie werden aufgrund ihrer Bildhaftigkeit von Anfang an in ihrer übertragenen Gesamtbedeutung verwendet. Als Beispiel für den ersten Entstehungsprozess dient das Idiom nach Canossa gehen ‚sich unterwerfen‘, das vor der (historisch motivierten) Bedeutungsübertragung als eine freie Wortkombination funktionierte. Die zweite Prozedur illustriert Häusermann mit den Idiomen: vom Regen in die Traufe kommen, über seinen eigenen Schatten springen. Das von der literalen Lesart evozierte mentale Bild hatte einen entscheidenden Einfluss auf ihre Herausbildung, wörtlich genommen stellen sie kaum sinnvolle Konstruktionen dar.

Bildlichkeit

Bildlichkeit hängt mit der Metaphorizität (ev. Metonymisierung und Symbolisierung), der Motiviertheit und Bildhaftigkeit zusammen. Bildlich sind die Äußerungen, in denen ein abstrakter, schwieriger, komplexer Sachverhalt über einen konkreteren (das Bild) konzeptualisiert wird. Im phraseologischen Bereich handelt es sich vor allem um metaphorisch motivierte Idiome. Zugleich wird allerdings die Bildlichkeit sehr oft von der Bildhaftigkeit, d.h. der Fähigkeit, mentale Bilder auszulösen, begleitet.

In den meisten Fällen sind die Begriffe ,Bildhaftigkeit‘ und ,Bildlichkeit‘ aufs Engste verbunden und kommen gleichzeitig vor: Bildhafte Idiome sind aufgrund der ihnen zugrunde liegenden Metapher bildlich, bildliche Idiome sind bildhaft, vgl. die Idiome: Öl ins Feuer gießen, in die Zange nehmen, wie ein begossener Pudel dastehen. Beachtenswert ist allerdings, dass sich bildhafte Phraseologismen herausfinden lassen, die nicht bildlich sind (vgl. die Kollokationen wie blondes Haar) sowie – auch wenn hier unterschiedliche Interpretationen möglich sind – bildliche Idiome, die keine mentalen Bilder evozieren, also nicht bildhaft sind, z.B. jmdn. im Stich lassen. Die Abgrenzung der beiden Termini stellt eine der methodologisch schwierigsten Aufgaben der Phraseologie dar, zumal sowohl die Bildlichkeit als auch die Bildhaftigkeit weitgehend durch individuelle Faktoren beeinflusst sind. Ein Versuch, beide Begriffe näher zu erörtern sowie die Unterschiede zwischen einem mentalen, sprachlichen und idiomatischen Bild festzulegen, wird im Kap. 3.4.2 unternommen.

Semantischer Mehrwert

Bereits Černyševa macht darauf aufmerksam, dass die Phraseologismen „gebrauchssemantisch hochgradig komplex“ sind (Černyševa 1984: 18). Dieses Merkmal trifft insbesondere auf idiomatische Phraseologismen zu, die im Vergleich zu Lexemen über mehr differenzierende und konkretisierende Seme verfügen (Wotjak 1992: 24).

Gläser (1986: 42) und Roos (1992: 192) sprechen den Phraseologismen eine in stilistisch-konnotativer Hinsicht intensivierende Funktion zu: a rolling stone ist mehr als seine nicht-idiomatische Paraphrase ‚an unsteady person‘ (Roos 1979: 124), ←41 | 42→genauso wie ein heißes Eisen anschaulicher, expressiver und emotionsbeladener als die freie Wortverbindung ‚ein unbeliebtes Thema‘ ist. Die semantische Komplexität der Idiome fällt besonders auf, wenn man Idiome ihren nicht-idiomatischen Paraphrasen gegenübersetzt:

Will man die Bedeutung einer phraseologischen Einheit bestimmen, so ist es überaus nützlich herauszufinden, wie sich der jeweilige Phraseologismus von seiner nicht-phraseologischen Entsprechung unterscheidet. Hierzu ist sowohl eine Interpretation des situativen Kontextes, in dem der Phraseologismus geäußert wird, als auch die Berücksichtigung seiner Einbettung in den gesamten Textverlauf unumgänglich. (Kühn 1987: 127)

Für den schwer fassbaren Komplex der semantisch-pragmatisch-stilistischen Eigenschaften der Phraseologismen im engeren Sinne hat Kühn den Begriff des semantischen Mehrwerts eingeführt:

Phraseologismen haben gewissermaßen einen semantischen Mehrwert, ihre Bedeutung geht über ihre nicht-phraseologische Entsprechung insofern hinaus, als man mit dem Gebrauch von Phraseologismen immer bestimmte Einstellungen ausdrückt. Phraseologismen dieses Typs können also als eine besondere Art stilistischer Formulierungen angesehen werden. (Kühn 1985: 42)

Für das stilistisch-konnotative Plus der Phraseologismen gegenüber einfachen Lexemen funktionieren in der Literatur außer dem Begriff des semantischen Mehrwerts auch andere Termini. Burger (1973: 96) spricht beispielshalber von stilistischen Potenzen der Phraseologismen, die auf zwei grundlegende Aspekte: die bildhafte Motivierung der Idiome sowie ihre feste, vorgeformte Gestalt zurückzuführen sind.

Eines großen Interesses erfreuen sich auch gebrauchssemantische Funktionen und Potenziale der Phraseologismen in Texten, die als Potenzen beschrieben werden. Den Begriff führt Černyševa (1980) ein, weiterentwickelt wird das Konzept von Dobrovol’skij (1987), Wotjak (1994) und Sabban (2004, 2006, 2007b, 2014). Die Potenzen von Phraseologismen beziehen sich nach Sabban (2007b: 238) auf das in ihrer Beschaffenheit begründete und daher im Vergleich zu Einzellexemen besondere Potenzial von Phrasemen, zu verschiedenen Dimensionen des Textes einen wesentlichen oder gar entscheidenden Beitrag zu leisten. Wotjak (1994: 662) sieht den besonderen Wert der Phraseologismen in einer „vielfältigen Assoziierungs- und Modifizierungsfähigkeit, die über die von Einzellexemen bei aller prinzipiellen Ähnlichkeit hinausgeht“.

Expressivität

Für ein wichtiges Merkmal der Phraseologismen wird ebenfalls ihre Expressivität gehalten (Burger 2007a: 82, Ehegötz 1990: 499, Hümmer 2006: 30, Worbs 1998: 262–263). Unter Expressivität wird verstanden, dass Phraseologismen Bedeutungsaspekte in sich tragen, die auf besondere emotionale Involvierung ←42 | 43→des Sprachproduzenten verweisen. Fleischer/Michel/Starke (1993: 15) sehen in Phraseologismen „expressive Konkurrenzformen zu Benennungseinheiten in der Wortstruktur“, Hümmer (2006: 30) verweist darauf, dass phraseologischen Einheiten nur selten die primäre Funktion der Benennung von Sachverhalten zugesprochen wird: Vielmehr erfüllen sie die Funktion der Kommunikation emotionaler Zustände, der Expressivitätssteigerung (Fleischer 1996: 336), welche sich aus ihrer Bildlichkeit, eventuellen besonderen lautlich-rhythmischen Eigenschaften, semantischen Verdoppelungseffekten etc. speisen.

Gesteigerte Expressivität der Phraseologismen hat zur Folge, dass phraseologische Einheiten sich schnell „abnutzen“, aus dem Usus verdrängt und durch Neologismen ersetzt werden. Auf die Dynamik in der Entwicklung des phraseologischen Bestandes der Sprache machen Worbs (1998: 262) und Lewicki/Pajdzińska/Rejakowa (1987: 40) aufmerksam.

1.3 Klassifikationen der Phraseologismen

In der germanistischen Phraseologie sind mehrere Klassifikationen entstanden, die anhand unterschiedlicher Kriterien Ordnung und Hierarchie in den vielfältigen und komplexen Bereich einzuführen versuchen. So wurden die Phraseologismen nach semantischen (z.B. Agricola 1977, Korhonen 2002), morpho-syntaktischen (Fix 1974, Fleischer 1982) oder semantischen und syntaktischen (z.B. Černyševa 1975, Rothkegel 1973) Kriterien eingegliedert. Die pragmatische Klassifikation von Coulmas (1981) bezieht sich auf den kommunikativen Wert der Phraseologismen und hat einen funktionalen Charakter.

Da mit einzelnen Kriterien der ganze phraseologische Bestand nicht erfasst werden kann, sind die neuesten Systematisierungsversuche durch die Kombination von verschiedenen Kriterien gekennzeichnet. Im Folgenden sei hierfür stellvertretend und repräsentativ an der Klassifizierung von Harald Burger (2010: 36–42) die Probe aufs Exempel gemacht. Als Erstes werden die Phraseologismen im weiteren Sinne nach dem Kriterium der Zeichenfunktion in 3 Gruppen eingeteilt: Referentielle Phraseologismen beziehen sich auf Objekte, Vorgänge oder Sachverhalte der Wirklichkeit (z.B. blondes Haar, Schwarzes Brett, jmdm. Sand in die Augen streuen). Die strukturellen Phraseologismen (z.B. sowohl … als auch, so … dass, weder … noch) stellen grammatische Relationen her. Kommunikative Phraseologismen (z.B. Wie geht’s?, meines Erachtens, Sie wünschen?) sind dagegen für die Herstellung, Definition, den Vollzug und die Beendigung kommunikativer Handlungen von Relevanz (Burger 2010: 36).

Die referentiellen Phraseologismen machen wohl die größte Gruppe der Phraseologismen aus. Sie lassen sich weiter in nominative und propositionale Phraseologismen eingliedern. Die nominativen Phraseologismen bezeichnen in semantischer Hinsicht Objekte und Vorgänge, in syntaktischer Hinsicht sind sie satzgliedwertig, d.h., sie umfassen die Spracheinheiten unterhalb der Satzgrenze (z.B. Schwarzes Brett, Tomaten auf den Augen haben). Die propositionalen Phraseologismen dagegen fungieren als Aussagen über Objekte und Vorgänge und ←43 | 44→sind – syntaktisch gesehen – satzwertig (z.B. Ihr habt zu Hause wohl die Säcke an den Türen?, Morgenstunde hat Gold im Munde).

Bei der weiteren Untergliederung der nominativen Phraseologismen bedient sich Burger des semantischen Idiomatizitätskriteriums. Nach dem Grad der Idiomatizität lassen sich die satzgliedwertigen Phraseologismen in Idiome (z.B. den Löffel abgeben, ins Gras beißen), Teil-Idiome, in denen nicht alle Komponenten umgedeutet sind (z.B. einen Streit vom Zaune brechen) und nicht-idiomatische bzw. schwach-idiomatische Kollokationen (z.B. blondes Haar, Zähne putzen) subklassifizieren.

Da die Anwendung des Idiomatizitätsgrades als Klassifikationskriterium der propositionalen Phraseologismen die traditionell gut etablierte Klasse der Sprichwörter auseinanderreißen würde (vgl. das idiomatische Sprichwort: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm vs. das nicht-idiomatische Sprichwort: Durch Schaden wird man klug), entscheidet sich Burger (ebd., 38–39) bei der Einteilung dieser Gruppe für eine Eingliederung nach einem syntaktisch-textlinguistischen Aspekt und teilt die propositionalen Phraseologismen in feste Phrasen und topische Formeln ein. Feste Phrasen sind explizit an den Kontext durch bereits verfestigte Komponenten (vgl. das deiktische Demonstrativpronomen Das schlägt dem Fass den Boden aus) oder ad hoc formulierte Elemente (z.B. jmds. Aktien steigen) angeschlossen. Topische Formeln umfassen satzwertige Phraseologismen, die durch kein lexikalisches Element mit dem Kontext verbunden sein müssen, vgl. die Sprichwörter (z.B. Ohne Fleiß kein Preis) oder Gemeinplätze (z.B. Was sein muss, muss sein; Man lebt nur einmal).

In Form eines Schemas lässt sich die Klassifikation von Burger wie folgt (Abb. 1) veranschaulichen:

Abb. 1: Klassifikation der Phraseologismen nach Burger (2010).

←44 | 45→Dank der Kombination von mehreren Kriterien ist es Burger gelungen, verschiedene Klassen der Phraseologismen einzubeziehen. Somit gibt diese Basisklassifikation vorerst einen Überblick über die Vielfalt und Komplexität der Phraseologismen. Dennoch muss nachdrücklich betont werden, dass die auch so vielseitige Einteilung aufgrund der offenen Grenzen des phraseologischen Bereiches keinen exhaustiven Charakter hat und der Fülle der zur Phraseologie zählenden Sprachphänomene nicht gerecht wird. Phraseologismen können aus unterschiedlichen Perspektiven beschrieben werden: Zum einen gibt es Phraseologismengruppen (Zwillingsformeln, Kinegramme, komparative Phraseologismen, geflügelte Worte, Modellbildungen, onymische Phraseologismen, phraseologische Termini u.a.), die in der phraseologischen Tradition fest verankert sind, von den Basisklassifikationen allerdings nicht erfasst werden bzw. sich mit ihnen verzahnen. Zahlreiche Beispiele für spezielle Klassen der Phraseologismen führt für das Deutsche Burger (2007a: 45–52), für das Polnische Chlebda21 (2005: 82–83) heran. Zum anderen ist die semantische, syntaktische, pragmatische Struktur vieler Phraseologismen von Natur aus facettenreich – ein und derselbe Phraseologismus kann aus verschiedenen Perspektiven unterschiedlich beschrieben und klassifiziert werden:

So gehört z.B. engl. live and learn strukturell zu den „Zwillingsformeln“/„binominals“, und zwar zum speziellen Typus der irreversiblen „Zwillingsformeln“/„irreversible binominals“ und syntaktisch zum Typus V+V, kann aber hinsichtlich Gebrauch und Verbreitung als „Sprichwort“ gelten. Idiomatisch ist live and learn bei manchen Verwendungen, wo es so viel bedeutet wie ‚man lernt nie aus‘, aber manchmal ist es auch wörtlich zu verstehen, z.B. als einfache Aufforderung. Je nach Interesse des Forschers (Systemlinguistik oder Pragmatik/Diskursanalyse oder Phraseographie) kann die eine oder andere Typisierung im Vordergrund stehen. (Burger/Dobrovol’skij/Kühn/Norrick 2007b: 6)

Darüber hinaus muss man sich des dichotomischen Entweder-Oder-Prinzips bewusst sein, auf dem alle Klassifikationen aufbauen. Dichotomien vereinfachen das Wesen der Phraseologie, für die unscharfe Grenzen charakteristisch sind. In Chlebda (2003: 35) heißt es dazu:

←45 | 46→

… Dichotomisierung des Weltbildes, auch wenn sie in der Anfangsphase der Realitätserkennung unerlässlich ist, befindet sich doch im „steten Nicht-Anpassungskonflikt“ (A. Schaff) mit seiner faktischen Natur. Die Realität ist dynamisch, unbeständig, sie beruht, einem klassischen Ausdruck nach, auf „Einheit und Kampf der Gegensätze“, wodurch ihre Bestandteile einen relativen, dialektisch widersprüchlichen Charakter (p/q) (q/p) haben. (Chlebda 2003: 35, übers. von A. S.)22

1.4 Zusammenfassung und Ausblick

Phraseologie hat sich als wissenschaftliche Disziplin in Deutschland in den 70er Jahren etabliert. Seit ihrer Entstehung waren die Phraseologieforscher damit befasst, den Forschungsgegenstand zu definieren und die neu etablierte Forschungsdisziplin von anderen linguistischen Bereichen abzugrenzen. Diese Versuche werden (auch in Bezug auf die Vereinheitlichung der internationalen Terminologie) immer noch vorgenommen. Angesichts der sich schnell entwickelnden Pragma-, Text- und Korpuslingustik, der Hinwendung zu den Fragen des authentischen Sprachgebrauchs, der (Online-)Verfügbarkeit der Sprachkorpora, die Zugang zu empirischen Daten in einem bisher unbekannten Umfang verschaffen, ist allerdings die Tendenz erkennbar, auf die Ausweitung des Gegenstandsbereiches hinzuarbeiten (Burger/Dobrovol’skij/Kühn/Norrick 2007b: 9, Filatkina 2007: 132).

Phraseologie wird heutzutage vorwiegend interdisziplinär betrieben: Dies kommt in den neuesten Publikationen, in denen sie als eine Schnittstelle aufgefasst wird (z.B. Berdychowska/Schatte 2017), plakativ zum Vorschein. Somit wird eine enge, strukturalistisch ausgerichtete Konzeption immer mehr durch die Phraseologie im weiteren Sinne ersetzt, die ein sehr breites Spektrum sprachlicher Phänomene und Fragestellungen umfasst. Deutlich erkennbar ist des Weiteren die Verlagerung des Forschungsschwerpunktes vom Zentrum auf die Peripherie: Viel Aufmerksamkeit wird in der neueren Forschung der Musterhaftigkeit/Formelhaftigkeit der Sprache, den usuellen Wortverbindungen, Kollokationen, Routineformeln, formelhaften Texten gewidmet, was neue Abgrenzungen und Definierungen mit sich bringt. Dies bedeutet aber bei Weitem nicht, dass das Zentrum der Phraseologie ausreichend erforscht wurde.

Die vorliegende Arbeit fügt sich in die gegenwärtige Tendenz der interdisziplinären Forschung ein, indem sie den methodologischen Apparat der Kognitiven Linguistik einsetzt und korpuslinguistische Zugangsweisen praktiziert. Zugleich wird aber das Zentrum der Phraseologie – die Idiomatik – in den Fokus des Interesses gerückt. Dementsprechend besteht hier keine Notwendigkeit neuer ←46 | 47→Abgrenzungen. Etablierte, weitgehend akzeptierte Definitionen der Grundbegriffe werden angenommen und herangeführt: Als ein übergeordneter Begriff der Phraseologie wird der ‚Phraseologismus‘ angesehen, der durch zwei obligatorische Kriterien, die Polylexikalität und Festigkeit, definiert wird. Als ein zusätzliches, für die Phraseologie im engeren Sinne (= das Zentrum der Phraseologie) unabdingbares Phraseologizitätsmerkmal gilt die Idiomatizität. Die Termini: ‚Phraseologismus‘ und ‚Idiom‘ werden im Folgenden, insbesondere im empirisch ausgerichteten vierten Kapitel, abwechselnd verwendet: Die Klasse der Phraseologismen schließt nämlich die Klasse der Idiome mit ein. Sekundäre Aspekte wie Lexikalisierung, Reproduzierbarkeit, Sprachüblichkeit, Bildhaftigkeit, Bildlichkeit, Motiviertheit, unikale Komponenten oder Expressivität fungieren bei der Grenzziehung zwischen den Phraseologismen und den freien Wortverbindungen als Behelfskriterien.

Demnach umfassen die Phraseologismen im weiteren Sinne u.a. Kollokationen (blondes Haar), Funktionsverbgefüge (in Erwägung ziehen), Routineformeln (Guten Tag!), geflügelte Worte (Sein oder nicht sein, das ist hier die Frage!), onymische Phraseologismen (der Ferne Osten) oder phraseologische Termini (Dividende ausschütten). Weit verstandene Phraseologie schließt ebenfalls Parömien ein, wobei Sprichwörter idiomatisch oder nicht-idiomatisch sein können. Als Idiome (Phraseologismen im engeren Sinne) werden Phraseologismen bezeichnet, die außer der Polylexikalität und Festigkeit das Merkmal der Idiomatizität aufweisen, d.h., im Laufe des Phraseologisierungsprozesses einer semantischen Derivation (Neusemantisierung) unterzogen wurden.

Hervorzuheben ist an dieser Stelle der relative Charakter der Phraseologizitätskriterien. Sowohl die Festigkeit als auch die Idiomatizität stellen skalare und nicht absolute Größen dar. Viele Phraseologismen sind mehr oder weniger fest, mehr oder weniger idiomatisch, sogar bezüglich ihres Mehrwortcharakters gibt es umstrittene Randerscheinungen, was Heine (2010: 12) überzeugend am Beispiel von der Wortverbindung Dank sagen/danksagen veranschaulicht: Je nach der Schreibpräferenz kann der Ausdruck als Kollokation Dank sagen oder als Wortbildungskonstruktion danksagen angesehen werden.

2Auch wenn die europäische Phraseologie eine über jahrhundertlange Tradition hat – Ballys Monographie Traité de stylistique française ist bereits 1909 veröffentlicht worden – entwickelte sie sich erst in den 70er Jahren des 20. Jh. zu einer international anerkannten linguistischen Forschungsdisziplin (Burger/Dobrovol’skij/Kühn/Norrick 2007b: III).

3Eine detaillierte Beschreibung der vorwissenschaftlichen Entwicklungsphase der Phraseologie findet man bei Pilz (1978: 57–466). Die folgende Darstellung stützt sich hauptsächlich auf die wesentlich kürzere, bis in die Gegenwart hinreichende Darstellung von Kühn (2007: 619–643). Einen ähnlichen Entwicklungsgang mit den Wendepunkten 1970, 1982 verzeichnet auch Stein (1995: 22–23).

4Näheres zu der Frühgeschichte der europäischen Forschung, dem Beitrag des schweizerischen Strukturalisten Charles Bally und der sowjetischen Phraseologie zur Entwicklung der deutschsprachigen Phraseologie stellen Burger (2005) und Milczarek (2009) dar.

5Eine ausführliche Liste der in den 70er Jahren üblichen Begriffe hat Pilz (1978: VIII–XII) zusammengestellt.

6Gelegentlich wird auch der Terminus ‚Phrasem‘ als Synonym zu dem weitverbreiteten ‚Phraseologismus‘ gebraucht (vgl. z.B. Donalies 1994, Palm 1995, Sabban 2007b). Wie Burger/Dobrovol’skij/Kühn/Norrick (2007: 3) bemerken, hat der Terminus ‚Phrasem‘ den Nachteil, durch das Suffix ,-em‘ stark den Systemaspekt zu betonen (vgl. Phonem, Morphem, Lexem, Textem). Darüber hinaus haftet den Termini Phonem, Morphem, Lexem die Assoziation der kleinsten sprachlichen Einheit an: Diesbezüglich verweist Pilz (1978: 43) darauf, dass z.B. Amosova als Phraseme nur die nominalen Phraseologismen vom Typ ägyptische Finsternis oder etw. zur Diskussion stellen bezeichnet. Nähere bibliographische Angaben werden nicht angeführt.

7Einen Überblick über die phraseologische Forschung in der polnischen Germanistik sowie eine biographische Zusammenstellung der Monographien und Beiträge zur Phraseologie und Phraseographie findet man bei Lipczuk (2011a, b).

8Vgl. u.a. das von Steyer geleitete IDS-Projekt Usuelle Wortverbindungen, Näheres im Exkurs: Korpuslinguistik.

9Vgl. auch die Kap. 1.2.1.3, 3.2.1.

10Munskes Beitrag wurde ursprünglich 1993 in einem von Hoffmann/Macha/Solms herausgegebenen Band Vielfalt des Deutschen veröffentlicht. Im Folgenden bediene ich mich seines Abdrucks aus dem 2015 von Lee digital herausgegebenen Band: Horst Haider Munske. Ausgewählte sprachwissenschaftliche Schriften (1970–2015). Die Seitenangaben entstammen diesem Abdruck.

11Unter Univerbierung wird an dieser Stelle nach Bußmann (1990: 563) der Vorgang und Ergebnis des Zusammenwachsens mehrgliedriger syntaktischer Konstruktionen zu einem Wort verstanden, z.B.: ob + schon zu obschon.

12Vgl. dazu „Das Gesicht der Phraseologieforschung hat sich also stark verändert: Wurde mit der Berücksichtigung von Routineformeln/pragmatischen Phraseologismen in einem ersten Schritt die rein semantische Betrachtungsweise um die pragmatische Dimension erweitert, so vollzieht sich nun in einem zweiten Schritt die Ergänzung der pragmatischen Betrachtungsweise um die textlinguistische Dimension. Die kontinuierliche Ausweitung des Gegenstandbereiches der Phraseologie bedingt, daß formelhafte Wendungen und formelhafte Texte nicht mehr (allein) mit den klassischen syntaktischen und semantischen Mitteln der Phraseologie beschrieben werden können, sondern auch und vor allem der Analyse mittels pragmatischer und textlinguistischer Kriterien bedürfen. Die Phraseologie ist, so könnte man sagen, im Laufe ihrer recht kurzen Entwicklungsgeschichte quasi zu einem Sammelbecken geworden für alle in fester Form verwendeten sprachlichen Einheiten – gleich welcher Größe und Bauart“ (Stein 1995: 24).

13Fleischer (1982: 54) bedient sich hier des Begriffes ‚transformationelle Defektivität‘.

14Allerdings eröffnet die neueste Forschung erweiterte Perspektiven und innovative Zugänge zur Auffassung der Idiomatizität in der Phraseologie. So greifen z.B. Berdychowska/Schatte (2017: 8–10) das von Feilke (2004) vorgeschlagene Konzept der „Pragmatisierung der Phraseologie“ auf und sehen darin eine deutliche Tendenz in der Entwicklung der phraseologischen Forschung, deren Verlauf in drei Etappen eingegliedert werden kann: (i) In der vorpragmatischen Phase haben sich die zentralen Bestimmungsmerkmale der Phraseologismen: Polylexikalität, Festigkeit und Figuriertheit herausgebildet. (ii) In der Phrase der Pragmatisierung der Idiomatik wurde die situative Bindung der Phraseologismen hervorgehoben, was in der Herausbildung von neuen Klassen der Phraseologismen: pragmatischen Idiomen (Burger/Buhofer/Silam 1982), Routineformeln (Coulmas 1981) oder situativen Idiomen (Szulc 1981, 1982) zum Ausdruck kommt. (iii) Die dritte Phrase der „konstruktiven Pragmatik“ ist durch die Verschiebung vom Zentrum-Peripherie-Modell zum Ebenen-Modell gekennzeichnet: „Was im Zentrum-Peripherie-Modell bisher peripher erscheint, wird hier zum Fundament“ (Feilke 2004: 57, zit. nach Berdychowska/Schatte 2017: 10), womit das Ausmaß des Vorgeprägten/Formelhaften in der Sprache hervorgehoben wird.

15Vgl. auch das Kap. 3.2.1.

16„społecznie utrwalone połączenia wyrazów wykazujące nieregularność pod jakimś względem“ (Lewicki/Pajdzińska 2001: 316).

17DUW = Duden Universalwörterbuch 2006

18Synsemantika beziehen sich auf Lexeme mit der Funktion der grammatischen Verknüpfung im Satz. Verben werden traditionellerweise den Autosemantika zugeordnet, aber Palm (1995: 13) betrachtet beziehungsweise Verben mit sehr offener und vager Bedeutung als „fast Synsemantika“.

19Burger (2002) unterscheidet zwischen grammatischer, syntaktischer und mentaler Festigkeit.

20Als relevante Kriterien der Phraseologizität werden von Donalis (1994: 336): Mehrwortcharakter, Stabilität, Idiomatizität, Einheitsstatus und Sprachüblichkeit angesehen.

21Vgl. unter anderem klassische Phraseologismen (frazeologizmy klasyczne) z.B. pięta Achillesa ‚Achillesferse‘; metasprachliche und metatextuelle Operatoren (operatory metajęzykowe i metatekstowe) z.B. jak to się mówi ‚wie man sagt‘, ciąg dalszy nastąpi ‚die Fortsetzung folgt‘; Sprichwörter; geflügelte Worte; rekursive Aphorismen (aforyzmy rekursywne) z.B. Sumienie miał czyste. Nie używane. ‚Er hatte ein reines Gewissen. Ein nicht gebrauchtes Gewissen‘; Gattungsformeln (formuły gatunkowe) z.B. W pierwszych słowach mojego listu ‚In den ersten Worten meines Briefes‘; Mitteilungen (komunikaty) z.B. Die Beamten suchen nun nach Zeugen (Chlebda 2005: 82–83).

22„…dychotomizowanie obrazu świata, jakkolwiek nieodzowne we wstępnym poznawaniu rzeczywistości, znajduje się w stałym „konflikcie niedopasowania“ (A. Schaff) z jego faktyczną naturą. Rzeczywistość jest dynamiczna, zmienna, stanowi ją, wedle klasycznego wyrażenia „jedność i walka przeciwieństw“, przez co jej elementy mają charakter względny, dialektycznie sprzeczny: (p/q) (q/p)“ (Chlebda 2003: 35).