Show Less
Open access

Kognitive Aspekte der Phraseologie

Konstituierung der Bedeutung von Phraseologismen aus der Perspektive der Kognitiven Linguistik

Series:

Anna Sulikowska

Diese Monographie verfolgt das Ziel, die zentralen Begriffe der Semantik von Phraseologismen – ihre Idiomatizität, Motiviertheit, Bildhaftigkeit, Bildlichkeit, Ambiguität – aus kognitiver Perspektive zu beschreiben. Die Autorin arbeitet ein Verfahren heraus und erprobt es in korpusbasierten Detailstudien, mit dem semantische Aspekte der Idiome in ihrer Komplexität und Vielfalt anhand eines kongruenten Instrumentariums, unter kohärenten theoretischen Prämissen, erläutert werden. Der wissenschaftliche Wert des Buches liegt in seiner Interdisziplinarität: Hier treffen die empirisch breit abgesicherten Theorien zu Metapher und Metonymie, kognitiver Semantik, mentalen Repräsentationen, literaler und figurativer Sprache, mit der Korpuslinguistik und Phraseologie zusammen.

Show Summary Details
Open access

2. Kognitive Linguistik: Entwicklung, Grundvoraussetzungen, Ansätze

←47 | 48→ ←48 | 49→

2. Kognitive Linguistik: Entwicklung, Grundvoraussetzungen, Ansätze

Die weit gefasste Kognitive Linguistik stellt keine einheitliche Sprachtheorie dar, deren Vertreter sich in allen wichtigen Punkten einig sind. Es ist eher ein Bündel von verschiedenen Ansätzen und mehr oder weniger detailliert ausgearbeiteten und akzeptierten Hypothesen und Thesen, die sich zum Teil miteinander verzahnen, zum Teil in Konkurrenz zueinanderstehen (Evans/Green 2006: XX, 156, Fabiszak/Konat 2013: 132, S. Grucza 2012: 90–93, Osmańska-Lipka 2012: 47, Schwarz 2008: 40–41). Generell lässt sie sich folgendermaßen definieren:

Die Kognitive Linguistik ist eine auf mentalistischen Prämissen basierende Forschungsrichtung, die sich als diejenige Disziplin innerhalb der Kognitiven Wissenschaft versteht, welche sich mit Sprache als einem bestimmten Teil der Kognition beschäftigt. (Schwarz 2008: 41)

Im Rahmen der so verstandenen kognitivistisch ausgerichteten Sprachwissenschaft werden zwei Leithypothesen, Modularismus und Holismus, vertreten. Der Konzeption des Modularismus zufolge sei der menschliche Geist ein zu unterteilender Komplex von verschiedenen Fähigkeiten, unter denen der Sprache ein besonderer Status zukommt. Die Vertreter des Holismus sind dagegen der Ansicht, dass der Geist ein unteilbares Ganzes darstellt, das von einer Reihe fundamentaler Prinzipien determiniert wird (Schwarz 2008: 26). Da die Entwicklung der Kognitiven Linguistik zuerst mit der modularistischen Auffassung einherging, heutzutage dagegen vom Holismus dominiert wird, spricht Wierzbicka (1999: 5) von der ersten und der zweiten kognitiven Revolution (cognitive revolution).

Die erste kognitive Revolution hat Noam Chomsky (1959) mit seiner Kritik an Skinners Buch Verbal Behavior in die Wege geleitet. Chomsky stellt sich mit seiner mentalistischen Sprachauffassung entschieden dem Behaviorismus entgegen. Mentalistisch ist Chomskys generative Sprachtheorie, weil sie mit der behavioristischen Forschung des menschlichen Verhaltens im Sinne Reiz-Reaktions-Schema bricht und sich der Untersuchung der menschlichen Kognition zuwendet. Es ist „the shift (…) from behavior and products of behavior to states of the mind/brain that enter into behavior“ (Chomsky 1986: 1). Diese Verschiebung ist nicht nur für die Linguistik, sondern für alle Geisteswissenschaften folgenreich, aber nach Wierzbicka (1999: 6) nicht folgerichtig genug, indem sie nicht zuletzt eine asemantische Positionierung bezog.

Die im Rahmen des Modularismus entstandenen semantischen Theorien verweisen – Chomskys Leitgedanken von der streng modularen Organisationsform menschlicher Kognition und besonderer Rolle der Sprache unter anderen kognitiven Fähigkeiten folgend – auf die Notwendigkeit der Trennung des Sprachlichen von dem Nicht-Sprachlichen. Demnach ist den modularistisch geprägten ←49 | 50→Semantik-Theorien ein Versuch gemeinsam, das semantische Wissen von dem konzeptuellen Wissen zu trennen. Modularistische Semantiktheorien werden dementsprechend öfter als Ebenen-Semantiken bezeichnet: z.B. Zwei-Ebenen-Semantik von Bierwisch/Lang (1987), Drei-Ebenen-Semantik von Schwarz (1992; 2008), Mehr-Ebenen-Modell der Bedeutungsrepräsentation von Dölling (2001), vgl. hierzu eine komprimierte Darstellung und Diskussion der dargestellten Modelle in Ziem (2008: 46–103).

Die zweite Revolution wird in den 80er Jahren von amerikanischen Forschern wie u.a. Langacker, Lakoff, Fillmore eingeleitet und hängt mit der holistischen Sprachauffassung zusammen. Die Sprache wird nicht als ein autonomes Subsystem, sondern eher als Epiphänomen der Kognition betrachtet (Schwarz 2008: 53). Somit unterliegt sie auch einer Menge universeller Prinzipien und Operationen, die für die ganze Kognition ausschlaggebend sind, wie z.B. Kategorisierung, Schematisierung, Vordergrund/Hintergrund-Unterscheidung oder Automatisierung23. Die Besonderheit der Sprache liegt also nicht in ihrem modularen Status unter anderen kognitiven Fähigkeiten, sondern ist eher methodologischer Natur: Sprache verschafft uns den Zugang zur Untersuchung der Kognition, denn sie ist „eine Widerspiegelung der kognitiven Prozesse, die sich im Menschen vollziehen und sie stellt deshalb einen inhärenten Bestandteil der menschlichen Erkenntnis dar“ (Tabakowska 1995: 12)24. Sprachliche Manifestationen, z.B. Flexion- und Derivationseigenschaften, Phraseologismen, Synonymiegruppen gewähren uns den Einblick in die Art und Weise, wie die Welt wahrgenommen und konzeptualisiert wird (Grzegorczykowa 1999: 41).

Auf die engste Verflochtenheit zwischen der Sprache und dem Menschen verweist ebenfalls F. Grucza, der Begründer der anthropozentrischen Linguistik: Der Mensch sei demnach von Natur aus ein sprachliches Wesen, die Ausdrücke wie „der Mensch und seine Sprache“ sind inadäquat und irreführend (F. Grucza 1997b: 81). Weder können wir den Intellekt des Menschen losgelöst von seiner Sprache untersuchen, noch die Sprache isoliert von dem sprechenden Menschen erforschen:

Der Gegenstand der Linguistik, die sich mit den wirklichen Sprachen befasst, wird von konkreten Menschen bestimmt, deren konkrete sprachliche Eigenschaften (Fähigkeiten) das Interesse der Linguistik finden. Es sind sprachliche Eigenschaften, die den Menschen die Erzeugung und Sendung eigener sowie die Rezeption und das ←50 | 51→Verstehen (Interpretieren) sprachlicher Äußerungen anderer Sprecher/Hörer ermöglichen. Den zentralen und hauptsächlichen Forschungsgegenstand der Linguistik bilden daher nicht die sprachlichen Äußerungen, sondern Menschen als Sprecher/Hörer und derer sprachliche Eigenschaften. (F. Grucza 1983: 292)

Heutzutage werden immer häufiger unter der Kognitiven Linguistik ausschließlich die holistischen25, mit der modularen Sprachauffassung brechenden Modelle bezeichnet26 (vgl. Kardela 2006, Ziem 2008: 48, Ziem 2014a). Von der generellen Untrennbarkeit der Sprachfähigkeit von allgemeinen kognitiven Fähigkeiten gehen Vorreiter der Kognitiven Linguistik aus: z.B. Langacker (1987, 2008) in seiner Kognitiven Grammatik, Lakoff und Johnson (Lakoff/Johnson 1980, Lakoff 1987, 1993) in der konzeptuellen Metapherntheorie, Goldberg (1995) in der Konstruktionsgrammatik, Fillmore (1975, 1988, Fillmore/Atkins 1992, Fillmore/Baker 2009) in der Frame-Semantik sowie Fauconnier und Turner (1998, 2002; vgl. auch Libura 2010) in der Theorie der mentalen Räume. Oft wird auf die sich keiner Strömung zuzuordnenden Untersuchungen zu Lingua Mentalis von Wierzbicka (1980, 1999) Bezug genommen.

Da auch ein schematischer Umriss der wichtigsten Standpunkte der in der Kognitiven Linguistik vertretenen Ansätze in ihrer Vielfalt und Komplexität den Rahmen der vorliegenden Arbeit sprengen würde, wird im Folgenden eine Auswahl getroffen: Weil die Erklärung von Bedeutungskonstituierungsprozessen der Idiome nur aus einer weiten, das enzyklopädische Wissen einschließenden Perspektive möglich ist, werden holistische Erklärungsansätze in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt. Aber auch innerhalb des Holismus weisen die Modelle und Hypothesen auf der begrifflich-terminologischen Ebene deutliche Unterschiede auf und beschreiben die Sprache und ihre Verankerung in der Kognition mit unterschiedlichen Schwerpunkten und unter Einbezug unterschiedlicher methodologischer Instrumente. In den Unterkapiteln 2.1.12.1.7 wird also eher eine generelle Darlegung der Grundvoraussetzungen und Entwicklungstendenzen der holistisch geprägten Kognitiven Linguistik denn als eine detaillierte Beschreibung einzelner Positionen angestrebt.

In diesem Sinne wird zuerst auf die philosophischen Grundprämissen eingegangen, die Lakoff (1987) als experiential realism (dt. Erfahrungsrealismus) bezeichnet. Die Annahmen des Erfahrungsrealismus bilden die Opposition zu dem in den Geisteswissenschaften traditionell vorausgesetzten objektivistischen Realismus und liegen (von den einzelnen Forschern mehr oder weniger explizit genannt und unterschiedlich betont) dem Holismus zugrunde. Nach kurzer Darstellung der ←51 | 52→allgemein akzeptierten philosophischen Prämissen und der Rolle von Embodiment, der verkörperten Erfahrung, wird überblicksartig geschildert, wie die Bedeutung in den holistisch geprägten Ansätzen der Kognitiven Linguistik aufgefasst wird. Zu diesem Zweck wird zuerst auf die kognitive Auffassung der Kategorisierung, des für die Kognition und mentale Repräsentation der äußeren Welt grundlegenden Prozesses, eingegangen. Danach werden die Grundannahmen der Kognitiven Linguistik zur Wechselbeziehung von Grammatik und Lexikon, Weltwissen und Sprachwissen sowie die wichtigsten theoretischen Konstrukte (Frames, ICMs, Domänen), die die konzeptuelle Struktur (conceptual structure) und ihre Funktionsweise modellhaft darzulegen versuchen, umrissen. Im Fokus der Aufmerksamkeit steht dabei die Kognitive Grammatik von Langacker (2008) mit ihren inhärenten Begriffen: Domänen und Profilierungen. Anschließend werden die Themen angeschnitten, die für die Darstellung der phraseologischen Bildhaftigkeit und Motiviertheit von Relevanz sind:

  (i)Für die Erklärung der potenziellen Bildhaftigkeit sprachlicher Einheiten sind diejenigen Ansätze ausschlaggebend, die der Frage von Repräsentationsmodi nachgehen. Nicht alle Forscher befassen sich explizit mit dieser Problematik – gleichwohl gehört zu den großen Vorteilen des holistischen Ansatzes der Kognitiven Linguistik die Tatsache, dass sie außer den Propositionen auch andere Repräsentationsformate zulässt. Besonders intensiv wird die Frage der mentalen Repräsentationen im Rahmen der sog. Grounded Cognition erforscht. Generell wird davon ausgegangen, dass mentale Repräsentationen in verschiedenen Modalitäten (z.B. visuell, taktil, olfaktorisch) aufbewahrt werden: Die analogen und propositionalen Repräsentationen sind dabei am besten erforscht (Anderson 1988, Schwarz 2008).

 (ii)Für die Darstellung der Bedeutungskonstituierungsprozesse in der Idiomatik sind die Theorien unumgänglich, die die Beziehungen zwischen der literalen und der phraseologisierten Lesart eines Phraseologismus erklären können. Von unüberschätzbarer Bedeutung für die Entwicklung der Kognitiven Linguistik und die moderne Auffassung von Metonymien und Metaphern ist die konzeptuelle Metapherntheorie (Conceptual Metaphor Theory, im Weiteren: CTM-Theorie) von Lakoff und Johnson (1980). Auf der revidierten und erweiterten Version dieser Theorie baut der sog. Zwei-Domänen-Ansatz auf, der im Kap. 2.3 dargestellt wird. Auch diese Darlegung erhebt keinen Anspruch auf die Vollständigkeit: Es handelt sich eher um eine Zusammenstellung ausgewählter Ansätze, die im Rahmen der Metapher- und Metonymie-Theorie vertreten werden.

2.1 Grundprämissen des holistischen Ansatzes

Allen kognitiven Ansätzen ist im holistischen Paradigma ein komplexes Bild des Menschen und seiner geistigen Fähigkeiten gemeinsam: Zwischen Körper und Kognition (vgl. Embodiment, Kap. 2.1.2), Perzeption und Kognition (vgl. Grounded ←52 | 53→Cognition, Kap. 2.2.2.3), Emotion, Kognition und Sprache (vgl. Schwarz 2007, Schwarz-Friesel 2008, Mazurkiewicz-Sokołowska 2014, 2015, 2016, 2017b), Sprache und anderen kognitiven Fähigkeiten bestehen keine strikten Abgrenzungen. Dem Holismus liegt die generelle Überzeugung von

… the unity of human cognition, that is, that all the higher cognitive processes, such as memory, language, problem solving, imagery, deduction and induction, are different manifestations of the same underlying system. (Anderson 1996: 1)

zugrunde. Demnach bilden die einzelnen Subsysteme der menschlichen Kognition (Wahrnehmung, Gedächtnis, Sprache, logisches Denken und Schlussfolgern, Problemlösen usw.) und Emotion ein Rückkopplungsgefüge, das bestimmten allgemeinen Regeln unterliegt, die über die in einzelnen Subsystemen herrschenden Gesetzmäßigkeiten hinausgehen und sich nur aus einer weiten, ganzheitlichen Perspektive erfassen lassen. Holisten gehen von einem Kontinuum zwischen der Sprache und dem weit verstandenen Weltwissen aus und setzen deren Verzahnung, das Durchdringen voraus.

Im Kognitivismus behauptet man, dass die Sprache ein in der menschlichen körperlichen, psychischen und kulturellen Erfahrung verankertes Werkzeug der Erkenntnis ist, und dass sie zugleich eine Widerspiegelung des Erkenntnisprozesses ist, das Bild unserer Welt ausmacht. Wenn es so ist, muss die Sprache als Gegenstand der linguistischen Untersuchung in einem weiten psychologischen, soziologischen und kulturellen Kontext angesiedelt werden. Die Kontinuität zwischen Weltwissen und Sprache sowie deren gegenseitiges Durchdringen werden unterstrichen, der Wert des Weltwissens in den kommunikativen Prozessen hervorgehoben. (Pajdzińska 2001: 13–14, übers. von A. S.)27

Von dem operationalen, prozessualen, ganzheitlichen Charakter der Sprache geht ebenfalls F. Grucza aus, der die Sprache als eine Art des praktischen Wissens definiert:

Die menschliche Sprache ist das praktische Wissen eines Individuums, das ihm ermöglicht, (a) Formen (Strukturen) von Ausdrücken/Äußerungen bestimmter Art zu bilden und diese einzusetzen, um (b) mit deren Hilfe bestimmte Ziele zu erreichen, d.h., der Mensch bedient sich dieser Formen/Strukturen gezielt, um etwas zu bewirken, (c) den Formen bestimmte Werte, vor allem Zeichenfunktionen, zuzuschreiben, (d) die von anderen Menschen erzeugten analogen Ausdrücke/Äußerungen zu ←53 | 54→erkennen, d.h. sie zu identifizieren und differenzieren, (e) die den Ausdrücken/Äußerungen gegebenen Werte, vor allem ihre Bedeutungen zu entziffern und zu verstehen. Das praktische Wissen, das die einzelnen Sprachen ausmacht, ist einfach ein gewisser Typ oder Umfang des Operationswissens, das bestimmte Menschen innehaben, d.h. eines solchen Wissens, das ihnen ermöglicht, bestimmte Bewegungen, Handlungen, Akte u.Ä. sowohl mit dem Körper (den Muskeln) als auch mit dem Gehirn (Verstand) auszuführen. (F. Grucza 1993b: 31–32, übers. von A. S.)28

Vor diesem Hintergrund wird argumentiert, dass die Sprache nicht als eine abstrakte, vom Sprecher losgelöste Entität betrachtet und analysiert werden kann. Die Sprache verschafft uns Einblicke in die konzeptuelle Struktur eines Menschen, darf aber nicht von ihr abgesondert werden. Nur aus ganzheitlicher, holistischer Betrachtungsweise kann man das Wesen der Sprache und der Bedeutung erfassen.

Diese Grundprämissen finden Widerspiegelung in den philosophischen Fundamenten des holistischen Paradigmas: dem Erfahrungsrealismus, der Embodied und Grounded Cognition sowie in der Aufhebung der traditionellen Dichotomien zwischen dem Welt- und dem Sprachwissen, der Grammatik und dem Lexikon, auf die im Folgenden näher eingegangen wird.

2.1.1 Erfahrungsrealismus als philosophische Grundlage holistischer Ansätze

Die traditionellen Theorien der Sprachwissenschaft fußen auf einer epistemologischen Annahme, die Lakoff (1987: 158) als objektivistischen Realismus bezeichnet. Dem Realismus liegen folgende zentrale Voraussetzungen zugrunde:

  (i)Die reelle Welt existiert.

 (ii)Es existiert eine Verbindung zwischen dem menschlichen konzeptuellen System und anderen Aspekten der Wirklichkeit.

(iii)Es besteht stabiles Wissen über die außersprachliche Welt.

←54 | 55→

Diese Annahmen werden auch von den Vertretern des holistischen Paradigmas in der Kognitiven Linguistik akzeptiert (Lakoff 1987: 266, Kardela 1992: 15–16). Der philosophische Realismus wird demnach zugelassen, auch wenn zugleich hervorgehoben wird, dass das Signifikat der sprachlichen Zeichen einen mentalen Charakter hat, indem es kein direktes, sondern sinnlich und geistig projiziertes Bild der Welt darstellt29 (Grzegorczykowa 2011: 31). Umstritten und von den Vertretern der holistisch geprägten Kognitiven Linguistik abgelehnt sind somit die Grundvoraussetzungen des Objektivismus (vgl. Lakoff 1987: 266, Langacker 2008: 28), dessen wichtigsten Hypothesen wie folgt formuliert werden können:

  (i)Die Konzepte und das Denkvermögen (reason) sind transzendent, d.h. von der Natur und dem Körper unabhängig.

 (ii)Konzepte liefern die internen Repräsentationen der externen Realität. Die Vernunft ist „der Spiegel der Natur“30: Die korrekte Schlussfolgerung spiegelt die Logik der externen Welt wider, während das Denken auf mechanistischer Manipulation mit abstrakten, an sich selbst bedeutungslosen Symbolen beruht. (Lakoff 1987: 162–163)

Die Omnipräsenz der objektivistischen Voraussetzungen in der abendländischen Wissenschaft hat dazu geführt, dass sie zweitausend Jahre lang eine implizit angenommene epistemologische Prämisse bildeten31. Die Grundüberzeugung, dass man die Sprache so wie ein Tier- oder Pflanzenreich taxonomisch einteilen und präzise beschreiben oder ihre Elemente nach klaren logischen Regeln so wie in der Mathematik handhaben kann, entspricht den Vorstellungen der objektiven Wissenschaft. Zu den großen Leistungen der Kognitiven Linguistik gehört in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass sie diese gut etablierten und für selbstverständlich gehaltenen Grundannahmen hinterfragt. In philosophisch-methodologischer ←55 | 56→Hinsicht fußt das holistische Paradigma der Kognitiven Linguistik auf dem von Lakoff eingeleiteten experientalism/experiential realism (in Lakoffs und Johnsons 1999 erschienenem Werk Philosophy in the Flesh auch als embodied realism bezeichnet), was im Folgenden mit dem im Deutschen bereits etablierten Begriff ‚Erfahrungsrealismus‘ wiedergegeben wird (vgl. Kleiber 1983, Baldauf (1997). Die Leithypothesen des Erfahrungsrealismus lassen sich in Anlehnung an Lakoff (1987) folgendermaßen zusammenfassen:

  (i)Kognition und Sprache sind an unseren Körper gebunden, sie sind embodied. Die Strukturen, die unser konzeptuelles System aufbauen, sind durch Erfahrung geprägt, weswegen der Kern des konzeptuellen Systems eines Menschen direkt mit der Wahrnehmung, Körperbewegungen, körperlicher und sozialer Erfahrung zusammenhängt (Lakoff 1987, Langacker 2008: 28). Kognition und Sprache sind untrennbar an das denkende und sprechende Subjekt gebunden und können nicht unabhängig von ihm beschrieben werden.

 (ii)Die mentalen Repräsentationen der äußeren Reize können nicht als interne 1:1-Repräsentationen der externen Realität aufgefasst werden, der Verstand ist „kein Spiegel der Natur“. Mentale Repräsentationen aller Modalitäten haben einen konstruktiven Charakter, es sind Gebilde des menschlichen Geistes. In jedem Repräsentationsmodus werden die sich neu bildenden mentalen Repräsentationen durch die bereits vorhandenen kognitiven Strukturen – Domänen, Schemata, Frames, Skripts – beeinflusst32.

(iii)Konzepte bestehen nicht aus „Bausteinen“, die mit allgemeinen logischen Regeln gebunden werden, der Gedanke hat eine Gestalt-Struktur. Somit ist der Gedanke mehr als mechanistische Operationen, die an abstrakten Symbolen durchgeführt werden. Der Gedanke hat eine ökologische Struktur: Die Geschwindigkeit und Effizienz der Informationsverarbeitung, das Lernen und Gedächtnis hängen von der Struktur des konzeptuellen Systems ab.

 (iv)Kognition muss sich nicht ausschließlich in Propositionen manifestieren, sie kann ebenfalls eine bildhafte/bildliche Struktur aufweisen. Begriffe, die nicht auf direkter Erfahrung fußen, können z.B. mittels Metapher, Metonymie und anderer Verbildlichungsmechanismen ausgedrückt werden.

←56 | 57→

Betonenswert ist dabei, dass der Erfahrungsrealismus nicht als subjektivistisch-idealistische Theorie (im Sinne von George Berkeleys Subjektivismus, vgl. Ajdukiewicz 2004 [1949]: 55) aufgefasst wird: Obwohl Erfahrungen zum Teil individuell und subjektiv sind, haben sie doch eine Struktur, die sich aus der Interaktion des Menschen mit der Umwelt ergibt und bestimmte universelle Züge aufweist (Kardela 1992: 15–16). Diese Erfahrungsbasis spiegelt sich in der Sprache beispielshalber in Form von präkonzeptuellen Strukturen wie image schemas (Vorstellungsschemata) wider. Zugleich unterstreichen Lakoff und Johnson nachdrücklich, dass der Erfahrungsrealismus auch nicht rein empiristisch ist. Im Erfahrungsrealismus lehnt man nämlich die die Philosophie Jahrhunderte lang prägende Rationalismus-Empirismus-Dichotomie33 in ihrer strikten Form ab – zugunsten der Annahme, dass die Kognition zugleich auf angeborenen und erfahrungsbasierten Mechanismen (built-in and learned cognitive mechanisms, Johnson/Lakoff 2003: 248) fußt. Diese Prämisse ist nicht a priori, sondern ergibt sich zwingend aus der neueren entwicklungspsychologischen (Überblick in Lewkowicz 2011, vgl. auch Mandler 2005: 140), psycholinguistischen (Überblick in Mazurkiewicz-Sokołowska 2010: 83–103) und neurologischen (vgl. u.a. Regier 1996, zit. nach Johnson/Lakoff 2003: 248) Forschung:

Modern neuroscience has thrown out the innate–learned, nature–nurture, and rationalism–empiricist dichotomies. There is no way to sort out exactly what is „inborn“ from what is learned. The recent revelation that babies learn part of their mothers’ intentional system in the womb brings into question the innate–learned dichotomy: it’s learned, but you are born with it. The dichotomy is also challenged by the discovery that our visual systems are tuned in the womb via neural patterns activated across the retina. Neural „learning“ is taking place, with input from the perceptual organs, but with no perception of anything external – and well before birth. (Johnson/Lakoff 2003: 247–248)

Damit lässt sich der Erfahrungsrealismus keiner der klassischen philosophischen Richtungen zuordnen, er ist weder strikt rationalistisch noch rein empiristisch. Lakoff und Johnson verzichten auf die Dichotomien nature-nurture, Geist-Körper, Empirismus-Rationalismus und argumentieren, dass sich solche Abgrenzungen vor dem Hintergrund der neueren Forschung nicht aufrechterhalten lassen:

… we reject the rationalist–empiricist dichotomy in favor of the evidence indicating a third alternative that allows both inborn and learned aspects of our conceptual systems, as well as many that cannot clearly be called either inborn or learned. (Johnson/Lakoff 2003: 248)

… the question of the necessity and cognitive reality of embodied realism is an empirical issue, not a matter of armchair speculation but rather a question of what view ←57 | 58→of human cognition is supported by the evidence and is necessary to explain human meaning and all forms of symbolic expressions. (Johnson/Lakoff 2003: 246)

2.1.2 Embodied Cognition

Das Fundament des objektivistischen Realismus bildet die Grundvoraussetzung, dass Konzepte und das Denkvermögen (reason) transzendent, d.h. von der Natur und dem Körper unabhängig sind. Dies bedeutet, dass die menschliche Kognition und Sprache losgelöst von körperlicher Bedingtheit untersucht werden können. Diese Annahmen werden bildlich durch die Computer-Metapher34 veranschaulicht: So wie die Software von der Hardware eines Computers unabhängig ist und an einen anderen Computer übertragen werden kann, so sind die Kognition und Sprache abstrakt und können von dem erkennenden Subjekt losgelöst untersucht werden. Das symbolische System, das der menschlichen Kognition unterliegt, ist somit disembodied. Dies impliziert zum einen, dass seine Eigenschaften erfolgreich auf andere Systeme, z.B. auf einen anderen Computer, übertragen werden können. Zum anderen wird vorausgesetzt, dass das symbolische System bei allen Menschen gleich ist: So wie man eine Software unabhängig von dem Computer beschreiben kann, so kann man auch das menschliche symbolische System unabhängig von seiner biologisch-neuronalen Grundlage, von der Beschaffenheit des Körpers und von sensomotorischer Erfahrung charakterisieren.

An dieser Prämisse rütteln die Vertreter der Embodied/Grounded Cognition, die auf die leibliche Verankerung aller kognitiven Prozesse35 sowie die tief gehende Verwurzelung der Sprache in den allgemeinen perzeptiven und sensomotorischen Aktivitäten verweisen. Die Embodiment-Hypothese wurde explizit von Lakoff, Johnson und ihren Mitarbeitern (Lakoff/Johnson 1980, 1999, Lakoff 1987, Johnson 1987, Johnson/Rohrer 2007) formuliert, sie liegt dennoch auch der Sprachauffassung anderer kognitiver Forscher (z.B. Langacker 1987, 2008) zugrunde.

Auf die Verankerung der Sprache in der körperlichen Erfahrung machten Lakoff und Johnson bereits 1980 aufmerksam. Sie argumentieren in der Theorie der Kognitiven Metapher, dass zahlreiche abstrakte Konzepte auf die einfacheren, körperlich verankerten Konzepte zurückzuführen sind und durch die metaphorische Projektion aus der körperlichen in die abstrakte Domäne entstehen. 1987 führt Johnson den Begriff der image schemas (dt. Vorstellungsschemata) ein:

Image schemas constitute a preverbal and pre-reflective emergent level of meaning. They are patterns found in the topologic neural maps we share with other animals, ←58 | 59→though we as humans have particular image schemas that are more or less peculiar to our types of bodies. (Johnson/Rohrer 2007: 30)

Der Herausbildung sprachlicher Einheiten gehen ontogenetisch zahlreiche Ich-Welt-Kontakte voraus, infolge deren schematische räumlich-analoge Vorstellungsschemata entstehen. Die Erfahrung des containters/containments ist im Alltag seit der frühesten Lebensphase omnipräsent: Es liegt empirische Evidenz dafür vor, dass Säuglinge bereits im Alter von 2,5 Monaten über dieses image schema verfügen36 (Mandler 2005: 145–146). Eine Art Behälter bilden Mutterleib, Kinderwagen, Kinderbett, Milchflaschen, Umarmungen. Wir nehmen unseren Körper als ein Objekt in einem Behälter wahr, wenn wir einen engen Raum verlassen und in die Weite blicken. Zugleich erfahren wir den Körper als einen Behälter, wenn wir satt werden oder Schluckauf haben. Die sensomotorisch-räumlichen image schemas und die darauf fußenden ontologischen Metaphern liegen dann zahlreichen abstrakten sprachlichen Ausdrücken zugrunde: Als Gefäße werden z.B. Ereignisse, Handlungen, Tätigkeiten und Zustände konzeptualisiert, was sich beispielshalber im metaphorischen Gebrauch der Präpositionen manifestiert:

Bist du am Sonntag im Rennen?

Gehst du zum Rennen?

Langsam komme ich in Form.

Wir sind jetzt aus allen Schwierigkeiten heraus.

Er fiel in eine tiefe Depression. (vgl. Lakoff/Johnson 2000 [1980]: 41–43)

Ein anderes präkonzeptuelles image schema up-down motiviert konzeptuelle Orientierungsmetapher good is up, bad is down (gutes ist oben, schlechtes ist unten), die wiederum eine Grundlage für weitere konzeptuelle Metaphern von niedrigerem Abstraktionsgrad bildet, z.B.:

glücklich sein ist oben; traurig sein ist unten

Ich fühle mich obenauf. Das beflügelte meinen Geist. Meine Stimmung stieg. (…) Er ist zur Zeit wirklich unten. Ich verfiel in eine tiefe Depression. Meine Stimmung sank.

←59 | 60→

Physische Grundlage: Eine gebeugte Körperhaltung geht typischerweise einher mit Traurigkeit und Depression, eine aufrechte Körperhaltung mit einem heiteren Gemütszustand.

wach sein ist oben; schlafen ist unten

Steh auf. Ich bin schon auf. Er versank in tiefen Schlaf. Er glitt in den Schlaf. Sie steht unter Hypnose. Er fiel ins Koma.

Physische Grundlage: Der Mensch und die meisten Säugetiere schlafen im Liegen und stehen auf, wenn sie wach sind.

kontrolle oder macht ausüben ist oben; der kontrolle oder der macht ausgesetzt sein ist unten

Ich habe die Kontrolle über sie. Ich stehe über der Situation. Er ist in einer Position der Überlegenheit. Er ist auf der Höhe seiner Macht. (…) Seine Macht ist im Fallen inbegriffen. Er ist mir unterlegen. Er ist am untersten Ende der Gesellschaft.

Physische Grundlage: Die Körpergröße eines Menschen entspricht typischerweise seiner körperlichen Stärke und der Sieger in einem Kampf ist typischerweise oben. (Lakoff/Johnson 2000 [1980]: 23–24)

Würden sich die Menschen nicht in der aufrechten Position bewegen, sondern wie beispielshalber Schlangen kriechen, entstünden wahrscheinlich keine derartigen Konzeptualisierungen. Die Sprache ist somit embodied, d.h. sie ergibt sich weitgehend aus den präkonzeptuellen körperlichen Erfahrungen und ist eng an sie gebunden (Lakoff 1987: 267). Der Begriff der Erfahrung wird dabei sehr weit aufgefasst:

“Experience” is not taken in the narrow sense of the things that have “happened to happen” to a single individual. Experience is instead construed in the broad sense: the totality of human experience and everything that plays a role in it – the nature of our bodies, our genetically inherited capacities, our modes, our physical functioning in the world, our social organization etc. In short, it takes an essential much of what is seen as irrelevant in the objectivist account. (Lakoff 1987: 266)

Die Vertreter der Embodied Cognition lehnen also die klassische Annahme ab, dass die Kognition auf der Verwendung von universellen logischen Regeln beruht, die interne mentale, die äußere Welt in abstrakter Form repräsentierende Einheiten regieren. Die Sprache bildet keine objektiv (in der Natur) existierende Entität, die unabhängig von dem Menschen und seiner Natur beschrieben werden kann. Damit verzichtet die Embodied Cognition auf den auf René Descartes zurückzuführenden Körper-Geist-Dualismus (Kardela 2006: 210; Johnson/Rohrer 2007: 17) sowie den darauf fußenden modernen Funktionalismus. Stattdessen knüpft sie an die Ansichten amerikanischer Pragmatiker – James (1990) und Dewey (1925) – an, die davon ausgehen, dass

… everything we attribute to „mind“ – perceiving, conceptualizing, imagining, reasoning, desiring, willing, dreaming – has emerged (and continues to develop) as part of ←60 | 61→a process in which an organism seeks to survive, grow, and flourish within different kinds of situations. (Johnson/Rohrer 2007: 22)

Dewey und James gehen in ihrer Theorie von einer in den Naturwissenschaften für offensichtlich gehaltenen These aus: Die Kognition entwickelt sich aus den verkörperten Prozessen (embodied processes) eines Organismus, der sich ständig an die sich ändernde Umwelt adaptieren muss (ebd.). Kognitive Prozesse sind in den perzeptuellen und senso-motorischen Interaktionen mit der äußeren Welt verankert: „Biological brains are first and foremost the control systems for biological bodies. Biological bodies move and act in rich real-world surroundings“ (Clark 1998: 506). Embodiment bezieht sich dabei nicht nur auf niedrigere kognitive Prozesse. Es besteht keine Erfahrungskluft zwischen Wahrnehmen, Fühlen und Denken. Nach dem Prinzip der Kontinuität

… any explanation of the nature and working of mind, even the most abstract conceptualization and reasoning, must have its roots in our organismic capacities for perception, feeling, object manipulation, and bodily movement. Furthermore, social and cultural forces are required to develop these capacities to their full potential, including language and symbolic reasoning. (Johnson/Rohrer 2007: 23)

Die Menschen denken, um zu handeln und handeln als Teil des Denkens. Unsere körperlichen Erfahrungen sind in unserem Verstand (mind) als präkonzeptuelle Strukturen verankert und als solche bilden sie die Grundlage für Prozesse höheren Abstraktionsgrades: Konzeptualisierungen, Denken (ebd., 26) und Sprache.

Von der fundamentalen Rolle des Embodiments in der menschlichen Kognition geht ebenfalls der zurzeit intensiv diskutierte Ansatz der Grounded Cognition37 aus. Der Schwerpunkt der Grounded Cognition liegt auf dem Format der mentalen Repräsentationen:

Grounded Cognition reflects the assumption that cognition is typically grounded in multiple ways, including simulations, situated action and, on occasion, bodily states. (Barsalou 2008: 619)

Zentral ist der Begriff der Simulation. Die Simulation beruht auf der Wiederaktivierung der perzeptuellen, motorischen und introspektiven Zustände, die in der Interaktion mit der Welt, dem Körper und dem Verstand erworben worden sind (ebd.). Wenn wir also etwas erfahren (z.B. uns in einem Sessel ausruhen), erfasst das Gehirn die Zustände aller Modalitäten und integriert sie zu einer multimodalen, ←61 | 62→in dem Gedächtnis gespeicherten Repräsentation (z.B. wie ein Sessel aussieht und wie er sich taktil anfühlt, die Körperposition des Sitzenden, das introspektive Gefühl der Bequemlichkeit und Entspannung). Selbstverständlich sind unsere Wahrnehmungen auf dieser Etappe bis zu einem gewissen Grade individuell und unterliegen der selektiven Aufmerksamkeit. Neuronale Repräsentationen aus verschiedenen sensomotorischen Gehirnarealen werden dann in einem Simulator zu einem Konzept verwandelt, der bei Bedarf aktiviert werden kann. Falls man also das Wissen über die Kategorie „Sessel“ abruft, werden die multimodalen Repräsentationen, die wir in zahlreichen Erfahrungen mit verschiedenen Sesseln gesammelt haben, reaktiviert, um die damit verbundenen Wahrnehmungen, Handlungen und introspektive Beobachtungen zu simulieren:

According to this account, a diverse collection of simulation mechanism, sharing a common representational system, supports a common representational system, supports the spectrum of cognitive activities. The presence of simulation mechanism across diverse cognitive processes suggests that simulation provides a core form of computation in the brain. Mental imagery constitutes the best known case of these simulation mechanisms. (Barsalou 2008: 619)

Die Grounded Cognition-Hypothese wird zurzeit intensiv erforscht. Zur Etablierung der Embodied/Grounded Cognition tragen u.a. neurolinguistische Erkenntnisse bei, die mit der Entdeckung der Spiegelneuronen einhergehen (Rickheit/Weiss/Eikmeyer 2010: 108). Die im prämotorischen Cortex bei Makaken entdeckten und demnächst bei Menschen nachgewiesenen Spiegelneuronen werden auch dann aktiviert, wenn Menschen einander bei einer Handlung oder bei emotiven Reaktionen beobachten, ohne die Handlung selbst auszuführen bzw. selber zu empfinden. Spiegelneuronen werden sogar durch die Wahrnehmung typischer, eine Handlung begleitender Geräusche oder durch die verbale Beschreibung einer Handlung aktiviert (Barsalou 2008: 623, Rickheit/Weiss/Eikmeyer 2010: 108). Diese Erkenntnisse lassen auf die enge Verbindung auf der neuronalen Ebene zwischen höheren kognitiven Funktionen wie die Sprache und niedrigeren kognitiven Funktionen wie die Perzeption schlussfolgern. Auch wenn der mögliche Einfluss der Spiegelneuronen auf die Evolution der Sprache sowie auf das Verstehen sprachlicher Ausdrücke diskutiert wird, liefern zahlreiche Experimente empirische Evidenz dafür, dass die sog. mentalen Simulationen eine wichtige Rolle bei der Sprachverarbeitung spielen.

Zusammenfassend: Die Embodiment-Hypothese geht davon aus, dass die Erkenntnis von dem erkennenden Subjekt nicht unabhängig ist. Zahlreiche konzeptuelle Strukturen ergeben sich aus sensomotorischen Erfahrungen des Menschen, die wiederum den Wahrnehmungsgrenzen38 des menschlichen Organismus unterworfen sind. Mit dieser Annahme steht der Erfahrungsrealismus im ←62 | 63→Widerspruch zu dem die Transzendenz der Konzepte und des Denkvermögens voraussetzenden Objektivismus. Da die analogen Repräsentationsformate für die Erklärung der idiomatischen Bildhaftigkeit von Relevanz sind, wird in einem separaten, den mentalen Bildern gewidmeten Kap. 2.2.2.3 detailliert auf die Theorie und die empirischen Erkenntnisse der Grounded Cognition eingegangen.

Abschließend sei erwähnt, dass der Einfluss der körperlichen Erfahrung auf Konzeptualisierungen ebenfalls von den polnischen Forschern des Sprachlichen Weltbildes (sog. Językowy obraz świata, JOS39, sog. Lubliner Schule, vgl. u.a. Bartmiński 2006, Bartmiński/Żuk 2009, Głaz 2010, Grzegorczykowa 2009, Pajdzińska/Tokarski 1996; Pajdzińska 2001, Tokarski 1991, Żuk 2010, historischer Umriss in Grzegorczykowa 1999: 39) hervorgehoben wird. Der Anthropozentrismus macht den am besten ausgeprägten Teil des Sprachlichen Weltbildes aus: Der Mensch erfasst die Realität nach seinem Ebenbild, stellt sich selbst in ihr Zentrum, setzt das Äußere in Beziehung zu sich selbst und zu seinem Körper. Dies ist sehr deutlich in der Phraseologie erkennbar40:

Der phraseologische Sprachbestand spiegelt wohl am besten eine typische Einstellung der Menschen der Welt gegenüber wider. Für einen durchschnittlichen Menschen ist der Mensch das Zentrum und das Maß aller Dinge (anthropos metron panton). Unter den festen Wortverbindungen ist es schwer, sogar einzelne Beispiele für das Streben nach einer Unparteilichkeit und einem Objektivismus zu finden. Bereits der Komponentenbestand der Phraseologismen zeugt davon, dass der wichtigste Bestandteil der Wirklichkeit – so wie sie im Alltag wahrgenommen und sprachlich ausgedrückt wird – der Mensch selbst ist. Eine große Anzahl der Phraseologismen beinhaltet in ihrem Konstituentenbestand die Bezeichnungen der Körperteile und deren Eigenschaften – sowohl diejenigen, die wirklich vorkommen als auch diejenigen, die ihnen von der Sprachgemeinschaft zugeschrieben werden – sie motivieren die Bedeutung vieler Phraseologismen. Der Anthropozentrismus kommt in der Phraseologie auch in der überwältigenden Überzahl der Wortverbindungen, die sich unmittelbar auf die Menschen beziehen, zum Vorschein. Von dem Anthropozentrismus zeugt des Weiteren die Mehrheit der Metaphern und der Vergleiche, die in den Phraseologismen lexikalisiert sind. (Pajdzińska 1990: 61, übers. von A. S.)41

←63 | 64→

2.1.3 Kategorisierung und Konzepte

Von grundlegender Bedeutung für die Semantik ist der Prozess der Kategorisierung, d.h. der Herausbildung von mentalen Kategorien:

Human category structure has been a major object of study in cognitive science, and remains of major interest to linguistics – after all, words name conceptual categories. (Dancygier/Sweetster 2014: 11)

Die Auffassung der Kategorisierung ist in den beiden Ansätzen – in dem Erfahrungsrealismus und objektivistischen Realismus – von Grund auf unterschiedlich. Das objektivistische Paradigma setzt ein Abbildverhältnis zwischen der realen Welt und der mentalen Repräsentation dieser realen Welt voraus, was in der Metapher von Richard Rorty (1979) „der Verstand sei der Spiegel der Natur“ zum Ausdruck kommt. Demnach wird die Erkenntnis im Rahmen der objektivistisch ausgerichteten Theorien folgendermaßen verstanden:

Objectivist cognition: Thought is the manipulation of abstract symbols. Symbols get their meaning via correspondences to entities and categories in the world. In this way, the mind can represent external reality and be said to „mirror nature“.

Objectivist concepts: Concepts are symbols that (a) stand in a relation to other concepts in a conceptual system and (b) stand in correspondence to entities and categories in the real world (or possible worlds). (Lakoff 1987: 163)

Diese Prämissen haben in der Sprachwissenschaft eine lange Tradition. Der klassischen Auffassung der Sprache lag jahrelang die objektivistische Annahme zugrunde, dass die Sprache aus einer Reihe von Einheiten (sprachlichen Zeichen) bestünde, die sich durch bestimmte Regeln (grammatikalische Regeln) zu jeweils komplexeren Gebilden kombinieren lassen. Die Aufgabe der Sprachwissenschaft liege in der Auffindung und Beschreibung dieser Regeln mithilfe eines objektiven Instrumentariums. Weitreichende Folgen für die Semantik hatte dabei die Kategorisierung, weil Konzepte als mentale Repräsentationen der Kategorien und Gegenstände der realen Welt aufgefasst werden. Der Begriff der Kategorie mit klar umrissenen Grenzen ist für die objektivistisch geprägte Wissenschaft von zentraler Bedeutung: So wie in der Mathematik eine Entität entweder einer Menge zugehört oder nicht, so gilt dies auch für Konzepte. Die Kategorien werden im objektivistischen Paradigma wie folgt definiert:

←64 | 65→

A conceptual category is a symbolic representation in the real world (or some possible world). Members of a conceptual category are those symbolic entities that correspond to entities in the corresponding real-world category (or possible world category). (…) A conceptual category is defined in terms of necessary and sufficient conditions shared by all members. Such conditions include properties of entities and relation holding among entities. (Lakoff 1987: 166)

Diese Definition der Kategorien kommt in dem sog. klassischen aristotelischen Modell der notwendigen und hinreichenden Bedingungen (NHB-Modell, vgl. Löbner 2003: 259) zum Vorschein, der zwei Millennien lang den Ausgangspunkt semantischer Untersuchungen ausmachte. Die Bedeutung fasste man als Merkmalsbündel notwendiger und hinreichender Merkmale auf, wobei vorausgesetzt wurde, dass sich die Konzepte restlos in Merkmale zerlegen, präzise beschreiben und als Oppositionspaare auseinanderhalten lassen. Die Grundannahmen dieses Modells fasst Löbner in folgenden Punkten zusammen:

Kategorisierung beruht auf einer festen Menge von Bedingungen.

Jede dieser Bedingungen ist unabdingbar notwendig.

Die Bedingungen sind binäre (Entweder-Oder-) Bedingungen.

Zugehörigkeit zu einer Kategorie ist eine binäre Angelegenheit.

Kategorien haben klare Grenzen.

Alle Mitglieder einer Kategorie haben denselben Status. (Löbner 2010: 850)

Dementsprechend kann ein Konzept von hund durch folgende Merkmale (vgl. Tab. 2) von fünf weiteren Tierarten abgehoben werden42:

Tab. 2: Die Beschreibung des Konzeptes HUND als Merkmalsbündels (Sulikowska 2014c: 58).

 lebendigRaubtierin Europa heimischdomestizierthundeartig
Hund+++++
Wolf+++-+
Katze++++-
Löwe++---
Pferd+-++-

Die Beschreibung ist propositional, alle genannten Prädikationen weisen den gleichen Status43 auf. Durch präzise Zuteilung der Merkmale lässt sich die Kategorie ←65 | 66→hund eindeutig von anderen Kategorien abgrenzen: Alle Lebewesen, die die Bedingungen [lebendig], [Raubtier], [in Europa heimisch], [domestiziert], [hundeartig] erfüllen, werden als hunde kategorisiert. Für die nicht-propositionalen psychologischen Konstrukte wie mentale Bilder, Grenzphänomene sowie individuelle Kategorisierungsunterschiede bietet das Merkmalsmodell keine Erklärung.

Deswegen ist in den letzten Jahrzehnten auf die Unzulänglichkeiten des klassischen Merkmalsmodells verwiesen worden. Im Gegensatz zur Phonologie, in der artikulatorische Eigenschaften der Phoneme eindeutig in Form einer Liste von binären Oppositionspaaren festgelegt werden konnten, ist es der Semantik trotz jahrelanger Forschung nicht gelungen, eine Liste der notwendigen und hinreichenden Merkmale zusammenzustellen. Die natürlichen sprachlichen Zeichen weisen eine zu komplexe Natur auf, als dass sie sich derart rigiden Beschreibungsmodellen unterziehen ließen:

Der Ansatz ist eine viel zu simple Theorie, um der Komplexität der semantischen Phänomene im Lexikon gerecht zu werden. Die Verwendung binärer Merkmale mag adäquat sein, wenn es mit kleinen und begrenzten Phänomenbereichen wie in der Phonologie zu tun hat, wo nur vergleichsweise wenige Einheiten zu unterschieden und ihre Systemeigenschaften zu erklären sind. Aber das Lexikon einer Sprache ist von einer Größenordnung, die mit der des Lautsystems nichts mehr gemein hat. Das Lexikon bildet einen beträchtlichen Teil unseres überaus komplexen kognitiven Systems. Es ist nicht adäquat anzunehmen, dass sich die Zusammensetzung von Wortbedeutungen in so simplen Strukturen erschöpft, wie sie die BMS [BMS = Binäre Merkmalstheorie, A. S.] erzeugt. (Löbner 2003: 214–215)

Argumente dafür, dass die objektivistischen Grundannahmen für die alltäglichen Konzepte nicht oder nur eingeschränkt gelten, wurden von Philosophen, Psychologen und Linguisten geliefert. So führt z.B. Wittgenstein (1958) in seiner inzwischen schon plakativen Analyse des spiel-Konzeptes überzeugend vor Augen, dass es Konzepte gibt, die einer Kategorie zugerechnet werden, ohne dass es ein einziges Merkmal gibt, das allen Instanzen der Kategorie gemeinsam wäre:

66. Betrachte z.B. einmal die Vorgänge, die wir „Spiele“ nennen. Ich meine Brettspiele, Kartenspiele, Ballspiel, Kampfspiele, usw. Was ist allen diesen gemeinsam? Sag nicht ←66 | 67→„Es muß ihnen etwas gemeinsam sein, sonst hießen sie nicht ‚Spiele‘ “ – sondern schau, ob ihnen allen etwas gemeinsam ist. (…) Sind sie alle unterhaltend? Vergleiche Schach mit dem Mühlfahren. Oder gibt es überall ein Gewinnen oder Verlieren, oder eine Konkurrenz der Spielenden? Denk an die Patiencen. In den Ballspielen gibt es Gewinnen und Verlieren; aber wenn das Kind den Ball an die Wand wirft und wieder auffängt, so ist dieser Zug verschwunden. Schau, welche Rolle Geschick und Glück spielen. Und wie verschieden ist Geschick im Sprachspiel und Geschick im Tennisspiel. Denk nur an die Reigenspiele: Hier ist das Element der Unterhaltung, aber wie viele der anderen Charakterzüge sind verschwunden! Und so können wir durch die vielen, vielen anderen Gruppen von Spielen gehen, Ähnlichkeiten auftauchen und verschwinden sehen.

Und das Ergebnis dieser Betrachtung lautet nun: Wir sehen ein kompliziertes Netz von Ähnlichkeiten, die einander übergreifen und kreuzen. Ähnlichkeiten im Großen und Kleinen. (Wittgenstein 2010 [1958]: 110–111)

Zu ähnlichen Resultaten kommt Lakoff (1987: 204) bei der Analyse des Konzeptes mutter: Als Mütter werden heutzutage Frauen bezeichnet, die genetisches Material liefern (genetische Mutter), das Kind zur Welt bringen (biologische Mutter), das Kind nur erziehen (Adoptivmutter), die Schwangerschaft einer anderen Frau austragen (Ersatz- oder Tragemutter), mit dem Vater des Kindes verheiratet sind usw. Das Konzept der mutter bildet demzufolge eine radiale Kategorie, in dessen Zentrum sich die prototypische Mutter befindet, die das Kind geboren hat, erzieht und mit seinem Vater verheiratet ist. Die Erstellung eines Merkmalsbündels, das allen genannten, mit der Mutterschaft zusammenhängenden Situationen gerecht werden könnte, ist sowohl beim Konzept spiel, als auch beim Konzept mutter äußerst problematisch.

Fillmore (1975) macht in seinen detaillierten Untersuchungen alltäglicher Konzepte auf die Verschwommenheit der Kategoriegrenzen aufmerksam. In den Überlegungen zum Konzept junggeselle verweist er (1975: 128–129) darauf, dass sich notwendige und hinreichende Merkmale von junggeselle zwar leicht identifizieren lassen [erwachsen], [unverheiratet], [männlich], als Merkmalsbündel aber keine Erklärung für die individuellen Unterschiede und Probleme liefern, die die Probanden bei der Beantwortung folgender Fragen haben:

Given a checklist theory of meaning, boundary research on words like bachelor and widow would take seriously such questions as these: How old does an unmarried man have to be before you call him a bachelor? Is somebody who is professionally committed to the single life properly considered a bachelor? (Is it correct to say of Pope John XXIII that he died a bachelor?) If so, is bachelorhood a state one can enter? That is, if a man leaves the priesthood in middle life, can we say that he became a bachelor at age 47? When we say of a divorced man or a widower that he is a bachelor, are we speaking literally of metaphorically? How can we tell? (Fillmore 1975: 128)

Labov (1973, zit. nach Schwarz 2008: 111) liefert dagegen mit seinem Tassen-Experiment empirische Evidenz dafür, dass die Kategoriengrenzen vom ←67 | 68→Kontext abhängig sind. Die Probanden, denen man verschiedene Gefäße vorlegte, akzeptierten wesentlich mehr Behälter als Tassen, wenn sie gebeten wurden, sich das Trinken aus diesen Gefäßen vorzustellen als ohne diese Anweisung.

In der Kognitiven Linguistik wird demnach die Annahme der eindeutigen, erfahrungsunabhängigen Kategoriengrenzen aufgegeben. Einen wichtigen Beitrag zur Herausbildung der modernen Auffassung der Kategorisierung leistet die Prototypentheorie von Rosch et al. Rosch (1975, 1976) lieferte in psychologischen Experimenten die empirische Evidenz dafür, dass nicht alle zu subsumierenden Exemplare einer bestimmten Kategorie von Probanden als gleich gute Vertreter dieser Kategorie betrachtet werden. So wird beispielshalber ein spatz oder ein rotkehlchen als ein besserer Vertreter der Kategorie vogel als hahn oder pinguin angesehen, womit Kategorien eine abgestufte Binnenstruktur aufweisen: Die besten Exemplare einer Kategorie, die Prototypen genannt werden, sind in der Mitte einer Kategorie; die nicht-prototypischen Exemplare werden in einer Reihenfolge von den guten zu den weniger guten Exemplaren angeordnet, die dann die Peripherie bilden. Das Modell der Kategorisierung charakterisiert Löbner durch folgende Eigenschaften:

Abgestufte Struktur der Kategorien

Mitglieder einer Kategorie haben nicht denselben Status.

Prototypen als beste Beispiele

Es gibt prototypische Fälle, die übereinstimmend als die besten Beispiele für die Kategorie betrachtet werden.

Keine feste Menge von notwendigen Bedingungen

Die Zugehörigkeit zu einer Kategorie ist nicht an die Erfüllung einer festen Menge notwendiger Bedingungen geknüpft. Der Prototyp einer Kategorie kann durch Eigenschaften definiert sein, die nicht alle Mitglieder der Kategorie teilen.

Familienähnlichkeit

Die Mitglieder einer Kategorie verbindet Familienähnlichkeit.

Prototypen als Referenzfälle der Kategorisierung

Prototypen dienen als Referenzfälle für die Kategorisierung. Die Zugehörigkeit zu einer Kategorie ist eine Frage der Ähnlichkeit mit dem Prototyp.

Graduelle Zugehörigkeit

Die Zugehörigkeit zu einer Kategorie ist graduell.

Unscharfe Grenzen

Kategorien haben unscharfe Grenzen. (Löbner 2003: 265)

Die Prototypikalität wird dabei mittels des sogenannten Goodness-of-Exemplar (= GOE) sowie Degree-of-Membership (= DOM)-Wertes ermittelt (Croft/Cruse 2004: 80). Damit ist Karotte, der die Probanden GOE-Wert 1 zugewiesen haben, ein prototypisches Gemüse für unseren Kulturkreis. Die Prototypentheorie in der von Rosch (1975) sowie Rosch et al. (1976) vorgeschlagenen Form wird heutzutage als problematisch angesehen: Sie ist erstens nur bei bestimmten Wortklassen einsetzbar, zweitens nicht imstande, den universellen Mechanismus der ←68 | 69→Polarisierung zu erklären44, drittens auf kontextuelle Gegebenheiten unsensibel. Die Prototypikalitätseffekte spielen dennoch in der Kognitiven Linguistik eine wichtige Rolle und werden von vielen Forschern (u.a. von Lakoff in den ICMs45 sowie von Langacker bei der Bestimmung des Zentralitätsgrads der Domänen) mit einbezogen.

Dementsprechend wird in der modernen Auffassung der Kategorisierung davon ausgegangen, dass Konzepte – mentale Repräsentationen der Kategorien, die infolge der Kategorisierungsprozesse entstehen – die Gesamtheit des menschlichen Wissens und der menschlichen Erfahrung zu einer Kategorie in ihrer ganzen Komplexität und Vielschichtigkeit umfassen. Nur in Ausnahmefällen46 lassen sich Konzepte anhand der klaren Dichotomien begreifen, so wie es in dem Modell der notwendigen und hinreichenden Bedingungen vorausgesetzt wurde. Die Grenzen von den meisten ←69 | 70→Konzepten sind verschwommen und vage, Randphänomene und fließende Übergänge zwischen den Kategorien werden akzeptiert. Darüber hinaus sind die Konzepte nur relativ stabil und unterliegen Modifikationen: Das Konzept der mutter ist – aufgrund des Zuwachses der Erfahrung und der Wissensbestände – anders im Alter von 5 und anders im Alter von 55 Jahren, das Konzept von telefon hat sich innerhalb der letzten 30 Jahre wegen des technischen Fortschritts wohl in der ganzen Gesellschaft wesentlich geändert. In diesem Sinne sind die Konzepte z.T. individuell: Jeder Mensch hat eine andere Lerngeschichte und Erfahrungen.

Darüber hinaus wird unterstrichen, dass Konzepte als Teil der Kognition embodied sind, sie vollziehen sich in einem Menschen und können ohne Berücksichtigung der Eigenschaften des erkennenden Subjektes nicht erfasst werden. Schematisierungs- und Kategorisierungsprozesse werden als teilweise angeborene Mechanismen angesehen, sodass die Entstehung der mentalen Kategorien durch universelle Faktoren, wie z.B. die Beschaffenheit des menschlichen Körpers, bedingt ist. Bereits bei der perzeptuellen Wahrnehmung ist der Mensch durch seine biologische Ausstattung (z.B. das Spektrum der vom menschlichen Auge wahrzunehmenden Farben) eingeschränkt. Jackendoff (1983, zit. nach Ziem 2008: 160) spricht in diesem Zusammenhang von einer projizierten Realität – einer mentalen Repräsentation von Wirklichkeit, die wir über unsere eigentümliche sensomotorische Verfasstheit vermittelt konstruieren. Kategorisierung vollzieht sich also in einem Zusammenspiel von universellen und individuellen Faktoren, sie kann nur vor dem Hintergrund des Menschen und seiner Körpereigenschaften, seiner Weltauffassung, seiner kulturellen Zugehörigkeit erfasst werden.

Das Ziel der kognitiven Bedeutungsauffassung ist deswegen, wie Bartmiński bemerkt, weitreichend:

Kognitive Definition stellt sich zum Hauptziel, das Begreifen eines Gegenstandes von dem eine Sprache sprechenden Menschen zu erfassen. Es handelt sich um die Erfassung von dem sozial verfestigten und sich über die Sprache und Sprachgebrauch erkennen lassenden Weltwissen, von der Kategorisierung der Weltphänomene, ihrer Beschreibung und Evaluierung. (Bartmiński 1988: 169)47

2.1.4 Grammatik und Lexikon

Die holistisch geprägten Ansätze der Kognitiven Linguistik brechen nicht nur mit der Annahme, dass die Bedeutung die in der reellen Welt existierenden Beziehungen vollkommen und verzerrungsfrei widerspiegelt, sondern auch mit dem Postulat, dass das Denken auf mechanistischer Manipulation mit abstrakten, transzendenten Symbolen beruht (Lakoff 1987: 154). Die Grundprämissen der ←70 | 71→traditionell ausgerichteten Semantik: (i) die Homogenitätsprämisse, die besagt, dass alles, was als ‚Bedeutung‘ bezeichnet wird, seiner Natur nach ähnlich oder identisch sei (Lyons 1983: 128 zit. nach Busse 2009: 18) sowie (ii) die Kompositionalitätsprämisse (das sog. Frege-Prinzip), nach der sich die Bedeutung eines Syntagmas oder eines Satzes aus den lexikalischen Bedeutungen seiner Teilausdrücke ermitteln lasse (Busse 2009: 112), werden in der Kognitiven Linguistik stark relativiert. Wie oben dargelegt, ist die Bedeutung einer sprachlichen Einheit nicht auf abstrakte Referenz- und Wahrheitsbedingungen zurückzuführen, sondern sie beruht auf der Aktivierung von konzeptuellen Strukturen, die sich ein Mensch in seiner Phylo- und Ontogenese angeeignet hat. Infrage wird ebenfalls die Omnipräsenz der Kompositionalitätsprämisse gestellt: Es wird darauf verwiesen, dass zur Verständigung zahlreiche Elemente beitragen, die über die Gleichung

„Satzbedeutung = lexikalische Wortbedeutungen + syntaktische Regeln“

hinausgehen. Busse (2009: 112) macht darauf aufmerksam, dass die Unzulänglichkeiten der Kompositionalitätsthese immer da deutlich werden, wo zum Ausgangspunkt der Analyse nicht solche Beispielsätze herangezogen werden, die von den Linguisten hypothetisch konstruiert wurden (die sog. „Lehnstuhl-Semantik“), sondern diejenigen, die im authentischen Sprachgebrauch tatsächlich vorkommen.

Dabei handelt es sich bei der kognitiven Betrachtung der Äußerungen keinesfalls ausschließlich um pragmatische Aspekte des Sprachgebrauchs48, sondern auch um Grammatik und Lexikon. Die kognitiven Linguisten führen vor Augen, dass es selbst bei auf den ersten Blick einfachen und regulären Wortverbindungen wie der Ball unter dem Tisch nicht immer möglich ist, die Bedeutung der ganzen Wortverbindung aus den lexikalischen Bedeutungen der Einzelkonstituenten abzuleiten. So argumentiert Taylor (2007: 126–130) in Anlehnung an Langacker (1987: 279–282) dafür, dass die Interpretation der genannten Mehrwortverbindung notwendigerweise über das linguistische Wissen und über die Bedeutung der Einzelkonstituenten hinausgeht49. Bei der Rezeption des Syntagmas der Ball unter dem ←71 | 72→Tisch nimmt die Konzeptualisierung bei den meisten Menschen folgende Gestalt an (vgl. Abb. 2):

Abb. 2: Der Ball unter dem Tisch – die erste Interpretation.

In der prototypischen Vorstellung befindet sich der Tisch in der klassischen Position: Die Tischbeine stehen auf einem flachen Fußboden, der Ball liegt auf der durch die Tischbeine abgegrenzten Fläche. Von Relevanz ist für diese Konzeptualisierung folglich der Fußboden, der sprachlich nicht kodiert wird. Interessanterweise wird hier die Präposition unter abweichend von ihrer räumlichen Grundbedeutung ‚kennzeichnet einen Abstand in vertikaler Richtung und bezeichnet die tiefere Lage im Verhältnis zu einem anderen Genannten‘ (DUW) gebraucht: Der Ball befindet sich zwar unter der Tischplatte, aber zwischen den Tischbeinen, die doch als ein konstitutives Merkmal des Tisches angesehen werden, vgl. Tisch: ‚Möbelstück, das aus einer waagerecht auf einer Stütze, in der Regel auf vier Beinen ruhenden Platte besteht, an der gegessen, gearbeitet, auf die etw. gestellt, gelegt werden kann‘ (DUW).

Mit etwas Einbildungskraft kann man sich auch andere mögliche Interpretationen der besprochenen Mehrwortverbindung vorstellen: Wenn in einer mit Gerümpel vollgestopften Garage sich ein verkehrt aufgestellter Tisch befindet, unter dessen Tischplatte ein Ball liegt, dann haben wir es ebenfalls mit einer Referenzvariante zu der Ball unter dem Tisch zu tun (vgl. Abb. 3):

Abb. 3: Der Ball unter dem Tisch – die zweite Interpretation.

←72 | 73→Der kompositionellen Bedeutung aller Konstituenten würde am besten eine Konzeptualisierung Rechnung tragen, die in dem alltäglichen Sprachgebrauch unwahrscheinlich ist: Der Ball befindet sich unter dem Tisch, der z.B. an ein aus dem Hubschrauber herabhängendes Seil befestigt worden ist (vgl. Abb. 4):

Abb. 4: Der Ball unter dem Tisch – die dritte Interpretation.

Erst in dieser Konzeptualisierung realisiert sich die Bedeutung der Präposition unter, die die tiefere Lage eines Gegenstandes im Verhältnis zu einem anderen Gegenstand zum Ausdruck bringt.

Selbstverständlich schöpfen die drei Interpretationen keinesfalls alle denkbaren Konstellationen aus, den potenziellen Konzeptualisierungen können nur durch (mangelnde) Einbildungskraft des Individuums Grenzen gesetzt werden. Das angeführte Beispiel veranschaulicht aber deutlich, wie eng das sprachliche Wissen an das allgemeine (enzyklopädische, kulturelle) Wissen gebunden ist. Die Bedeutung, die sich aus der Zusammenstellung von lexikalischen Bedeutungen der Komponenten ermitteln lässt, eröffnet nur einen Spielraum, in dem verschiedene Interpretationen aufgebaut werden. In der prototypischen Interpretation (1) befindet sich der Ball nicht unter dem Tisch, sondern unter der Tischplatte: Sollte sich der Ball wirklich unter dem Tisch befinden, dann müsste er unter den Tischbeinen, also unterhalb des Fußbodens platziert sein. Es ist des Weiteren zu betonen, dass die vorhin demonstrierte Position des Balls anders ist als die des typischerweise klebenden Kaugummis – der Kaugummi unter dem Tisch. Damit stellt dieses Beispiel unter Beweis, dass selbst eine anscheinend einfache, aus Konkreta ←73 | 74→zusammengesetzte Wortverbindung Bedeutungen aufweist, die dem Prinzip der absoluten Kompositionalität widersprechen und – bei entsprechend weiter Auslegung des Kriteriums – als idiomatisch gelten können. Selbstverständlich tragen die Bedeutungen der einzelnen Komponenten Ball, unter, Tisch zur Gesamtbedeutung bei – die Kompositionalitätsthese wird nicht abgelehnt, sondern relativiert. Nichtsdestoweniger geht die Gesamtbedeutung einer Wortverbindung über deren Teilbedeutungen unübersehbar hinaus. Auch in den scheinbar regulären freien Wortverbindungen kommt das gestaltpsychologische Ehrenfels-Gesetz der Übersummativität zur Geltung: Ein Ganzes ist mehr als Summe seiner Teile, wodurch die Grenzen des Idiomatischen in den neueren Ansätzen weitgehend aufgeweicht werden.

Derartige Analysen führen zur Schlussfolgerung, dass man die Semantik und Grammatik nicht getrennt betrachten kann. Die holistisch ausgeprägten Sprachtheorien sind konzeptualistisch: So besteht nach Langackers Kognitiver Grammatik (2008) die Sprache aus symbolischen Einheiten, die wiederum aus einem phonologischen und einem semantischen Pol zusammengesetzt sind. Unter dem phonologischen Pol versteht Langacker materielle (graphematische oder phonologische) Aspekte einer symbolischen Einheit, als der semantische Pol wird das Bedeutungskorrelat verstanden, das vom phonologischen Pol evoziert wird: Es sind weit aufgefasste konzeptuelle Strukturen, die ein Sprachteilhaber mit einer Form (dem phonologischen Pol) verbindet. Symbolisch ist in einer sprachlichen Einheit die Relation zwischen den beiden Polen, die sich durch den wiederholten Gebrauch und die damit verbundene Konventionalisierung konstituiert. Als symbolische Einheiten werden nicht nur Lexeme, sondern auch Strukturen von größerer Komplexität bezeichnet, womit man die traditionelle strikte Aufteilung in Lexikon und Grammatik auflöst und die Übergänge zwischen beiden Bereichen als ein Kontinuum auffasst (vgl. Abb. 5):

Abb. 5: Die Darstellung von (a) moon [[MOON]/[moon]], (b) moonless [[[MOON]/[moon]]––[[LESS]/[less]]], (c) moonless night [[[[MOON]/[moon]]–[[LESS]/[less]]]–[[NIGHT]/[night]]] als symbolische Strukturen: S bezieht sich auf den semantischen Pol, P auf den phonologischen Pol, mit ∑ wird die symbolische Struktur dargestellt (Langacker 2008: 15).

←74 | 75→

Zwischen Lexikon und Grammatik wird demnach keine strikte Grenzziehung vorgenommen: Grammatische Formen erfüllen symbolische Funktionen. Symbolische Einheiten sind niemals abstrakter Natur im Sinne von selbstgenügsamen, rein formalen Einheiten (Ziem 2008: 187). Grammatik und grammatische Regeln werden nicht als Restriktionen oder Einschränkungen, sondern als Schematisierungen aufgefasst:

In CG [Cognitive Grammar, A. S.] rules take the form of schemas. Patterns and regularities of any sort, at any level of specificity, reside in schematic units abstracted from occurring expressions. Even lexical items have this character. Though often regarded as idiosyncratic, lexical items are better thought of as regularities of limited scope. The lexeme cat, for instance, embodies the generalization that creatures of a certain sort are conventionally designated by this form. There is no inconsistency in describing lexical items as specific fixed expressions, on the one hand, and as schemas, on the other. (Langacker 2008: 219)

Einer konzeptualistischen Prämisse folgen ebenfalls die sich zurzeit schnell entwickelnden Konstruktionsgrammatiken (Croft 2001, Fillmore 1988, Fillmore/Kay/O’Connor 1988, Goldberg 1995, Ziem/Lasch 2013). Den Status einer Konstruktion hat jede Form-Bedeutungspaarung, die konventionalisiert ist und sich nicht auf andere Form-Bedeutungspaarungen reduzieren lässt. Der Formseite einer Konstruktion werden neue Komponenten zugeordnet, sie umfasst Informationen phonologischer, syntaktischer und morphologischer Art. Die Bedeutungsseite einer Konstruktion bezieht sich dagegen auf Informationen semantischer, pragmatischer und diskursfunktionaler Art. Ziem veranschaulicht den Aufbau einer Konstruktion mithilfe des folgenden Schemas (Abb. 6):

Abb. 6: Konstruktion als Form-Inhaltspaar (Ziem 2008: 185 in Anlehnung an Croft 2001: 18).

←75 | 76→Konstruktionen gelten somit in den Konstruktionsgrammatiken als einzige und basale Einheiten eines sprachlichen Systems (Ziem 2008: 180):

Was eine Konstruktion und den Aufbau komplexer Konstruktionen möglich macht, ist unsere Fähigkeit zu kategorisieren, also Schema-Instanzbeziehungen mannigfaltiger Art gleichsam automatisch herzustellen. Ein so verstandener sprachkonstruktivistischer Ansatz kommt (anders als die generative Grammatik) ohne Regeln aus. Er baut allein auf menschliche Kategorisierungskompetenz auf, die sich ebenso in anderen Domänen – wie z.B. der kognitiven Verarbeitung visueller oder auditiver Daten – als konstitutiv erweist. (Ziem 2008: 190)

Konstruktionsgrammatiken sind relativ neu und bedürfen weiterer Forschung: Ungelöst bleibt beispielshalber das Problem des Spracherwerbs: Ob man den Vorsprung des frühkindlichen Spracherwerbs anderen kognitiven Fähigkeiten gegenüber ausschließlich mit konstruktionsgrammatischen Annahmen erklären kann, bleibt umstritten. Zweifelsohne verweisen sie dennoch auf die Relevanz des Vorgeformten in der Sprache, darunter auf die Relevanz der Kollokationen und der Phraseologismen, die in der traditionellen Linguistik als Randphänomene betrachtet wurden.

2.1.5 Weltwissen und Sprachwissen

Eine andere folgenreiche Annahme der holistisch ausgeprägten Kognitiven Linguistik liegt in der Aufhebung einer strikten Grenze zwischen der linguistischen und der generellen (enzyklopädischen, Weltwissen-)Repräsentation. Sprachliche Strukturen sind von nicht-sprachlichen Phänomenen weder unterschiedlich noch von ihnen losgelöst, sprachliches Wissen ist denselben kognitiven Operationen wie andere Wissensformen unterworfen50, sowie eng an nicht-linguistisches Wissen gebunden:

The cognition envisaged by cognitive linguists is noninsular, being grounded in perception and bodily experience. Since mental development is stimulated and guided by social interaction, the skills and knowledge acquired are very much attuned to the sociocultural surroundings. The conceptualizations we entertain are undeniably internal, in the sense of taking place in the brain, yet reach beyond it in the sense of being conceptualizations of some facet of the world. In speaking, we conceptualize not only what we are talking about but also the context of dimensions, including our assessment of the knowledge and intentions of our interlocutor. Rather than being insular, therefore, conceptualization should be seen as a primary means of engaging the world. And empty head cannot talk, interact, or negotiate meanings. (Langacker 2008: 29)

←76 | 77→

Die Konzeptualisierung von Spracheinheiten ist nur vor dem Hintergrund ausgebauter epistemologischer Wissensstrukturen möglich. Den konzeptuellen (semantischen) Pol einer Spracheinheit bildet kein sprachspezifisches Wissen. Wie bereits im Kap. 2.1.3 über die Kategorisierung und Konzepte erwähnt, lehnen die Vertreter der holistisch geprägten Linguistik sowohl die klassische Merkmalstheorie wie auch Chomskys modulare Auffassung der Sprachfähigkeit ab und führen zahlreiche Beispiele dafür heran, dass selbst alltägliche Konzepte (vgl. z.B. alimony, on land, pedestrian u.a. bei Fillmore/Baker 2009: 319) ohne Hintergrundinformationen nicht verstanden werden können. So kann z.B. die Bedeutung von einer hypothenuse ohne entsprechendes Wissen von einem Dreieck und einem rechten Winkel nicht erfasst werden (Langacker 1988: 59). Auch alltägliche Konzepte, z.B. dienstag, setzen relevante Wissensstrukturen voraus, die die Aufzählung der Wochentage, Wissen über Zeiteinheiten sowie den in unserer Kultur üblichen Kalender und ggf. seine astronomischen Grundlagen umfassen (Lakoff 1987: 68–69).

Jede sprachliche Bedeutung ist damit in ein Netz epistemischer Annahmen über die Welt eingebettet (Ziem 2008: 173). Croft drückt es in einem einprägsamen Satz aus: „Everything you know about the concept is part of its meaning“ (Croft 2003: 163). Damit wird der Gegenstand der linguistischen Forschung wesentlich erweitert: „the study of linguistic semantics is the study of commonsense human experience“ (ebd.).

Bei einer so komplexen Auffassung der konzeptuellen Seite eines sprachlichen Zeichens werden Versuche unternommen, den konzeptuellen Pol von sprachlichen Einheiten zu modellieren. Als drei populäre Modelle der konzeptuellen Struktur (conceptual structure), die der Verflochtenheit der Sprach- und Wissensstrukturen gerecht zu werden versuchen, werden Frames von Fillmore, ICMs von Lakoff und Domänen von Langacker angesehen: Die Frames und ICMs werden im Folgenden der Vollständigkeit der Beschreibung halber überblicksartig dargestellt, auf die enzyklopädische Semantik Langackers wird näher eingegangen.

2.1.5.1 Frames von Fillmore

Frames als Wissensorganisationsstrukturen wurden zuerst von einem der Begründer der Künstlichen Intelligenz-Forschung, Marvin Minsky (1975), in Nordamerika postuliert, der sie allerdings vor allem in Bezug auf die visuelle Wahrnehmung untersuchte. In die Sprachwissenschaft wurden Frames von Charles J. Fillmore übertragen und weiterentwickelt, wobei die Forschung unterschiedliche Stadien durchlief: von der Kasusgrammatik zu einem integrativen Modell eines Frames, das unterschiedliche Aspekte des verstehensrelevanten Wissens umfasst. Frames definiert Fillmore wie folgt:

By the word ‚frame‘ I have in mind any system of concepts related in such a way that to understand any of them you have to understand the whole structure in which it fits, when one of the things in such a structure is introduced into a text, or into a conversation, all of the other are automatically made available. I intend the word ‚frame‘ as ←77 | 78→used here to be a general cover term for the set of concepts variously known, in the literature on natural language understanding, as ‚schema‘, ‚script‘, ‚scenario‘, ‚ideational scaffolding‘, ‚cognitive model‘, or ‚folk theory‘. (Fillmore 1982: 111)

Die Formseite einer Konstruktion (vgl. Konstruktionsgrammatiken) oder der phonologische Pol einer sprachlichen Einheit (vgl. die Kognitive Grammatik von Langacker) evozieren also Frames: Wissensstrukturen über rekurrente Erfahrungen und Ereignisse sowie die damit verbundenen Beteiligten und Situationsparameter, die als Frame-Elemente (FEs) bezeichnet werden (Fillmore/Baker 2009). Über die Frames lassen sich sprachliche Bedeutungen erfassen. Als typisches Beispiel eines Frames wird ,kommerzielles Ereignis‘ (vgl. z.B. Petruck 2003, Commercial Transaction Frame) angeführt. Dieses Frame beinhaltet folgende Informationen: Es gibt einen Käufer, einen Verkäufer, eine Ware und Geld. Ein Verkäufer erhält das Geld und überlässt dafür einem Käufer eine Ware, der Käufer gibt dem Verkäufer das Geld und darf dafür die Ware behalten. Das Kaufen-Verkaufen-Ereignis kann aus verschiedenen Perspektiven beschrieben werden:

Ich kaufte das Fahrrad (von Thomas) (für 100 Euro).

Thomas verkaufte (mir) das Fahrrad (für 100 Euro).

Das Fahrrad kostete (mich) 100 Euro.

Ich habe 100 Euro (für das Fahrrad) ausgegeben.

Ich habe (Thomas) 100 Euro (für das Fahrrad) gezahlt.

Die Verben kaufen, verkaufen, kosten, ausgeben, zahlen heben verschiedene Aspekte des Frames hervor: kaufen schiebt den Käufer und die Ware in den Fokus der Aufmerksamkeit, während der Verkäufer und der Betrag in den Hintergrund treten. Anders ist es bei dem Verb verkaufen, mit dem der Verkäufer und die Ware fokussiert werden. Beim kosten spielen die Ware und der Betrag (Geld) erstrangige Rolle, bei zahlen der Käufer, der Betrag und eventuell der Verkäufer. Das Frame ‚kommerzielles Ereignis‘ integriert somit all die genannten Verben, setzt sie zueinander in Beziehung:

The idea is that knowing the meaning of any one of these verbs requires knowing what takes place in a commercial transaction and knowing the meaning of any one verb means, in some sense, knowing the meaning of all of them. The knowledge and experience structured by the Commercial Transaction Frame provided the background and motivation for the categories represented by the words. The words, that is, the linguistic material, evoke the frame (in the mind of a speaker/hearer); the interpreter (of an utterance or a text in which the words occur) invokes the frame. (Petruck 2003: 1)

Vor dem Hintergrund dieser geordneten Wissensstrukturen sind auch die Äußerungen verständlich, in denen die Informationen nicht explizit genannt, sondern „hinzugedacht“ werden müssen. Durch die Frame-Aktivierung ist es für den Rezipienten der Äußerung:

←78 | 79→

Ich habe das Fahrrad von Thomas gekauft. Es hat mich 100 Euro gekostet.

verständlich, das Thomas Geld erhalten hat.

Frames sind innerhalb der sog. Frame-Semantik in Bezug auf ihre Struktur intensiv erforscht (vgl. das von Fillmore ins Leben gerufene FrameNet Projekt, Fillmore/Baker 2009). Drei Strukturelemente werden für Frames postuliert (Ziem 2005: 4):

  (i)Slots, also konzeptuelle Leerstellen, die in Gestalt von sinnvoll zu stellenden Fragen identifiziert werden können;

 (ii)Fillers, Füllelemente dieser slots, die der Menge der in der gegebenen Datenbasis enthaltenen Informationseinheiten (das Gesagte, das Gesehene, das Gehörte) entsprechen;

(iii)Default-Werte, vorausgesetzte und prototypisch erwartbare Füllelemente der slots. Obwohl sie in der gegebenen Datenbasis nicht auftreten, sind sie verstehensrelevant. Jeder Filler-Default-Wert bildet dabei selbst einen Frame, sodass Frames insgesamt eher in einer netzwerkartigen als in einer hierarchischen Struktur verbunden sind.

Frames als Wissensstrukturen weisen viele Ähnlichkeiten mit den Domänen in der Kognitiven Grammatik auf, worauf Langacker (2008: 46) und Fillmore/Baker (2009: 317) explizit verweisen. Beide Theorien unterstreichen die Kreativität, den konstruktiven Charakter sowie die Gebrauchsbasiertheit der sprachlichen Einheiten. Die Unterschiede liegen darin, wie die Schwerpunkte gesetzt werden: Frame-Semantik ist als Fortsetzung der Kasusgrammatik entstanden, Fillmores Interesse gilt weitgehend grammatischen Fragen. Heutzutage ist die Frames-Theorie eng an Konstruktionsgrammatiken gebunden. Frames werden hauptsächlich in propositionaler Form beschrieben: Zwar umfassen sie in der gegenwärtigen Auffassung auch Szenen, diesen Begriff lässt Fillmore aber intentional unklar, da die Szene sich nicht leicht in die Struktur von Slots und Standardwerten einfügen lässt (Ziem 2008: 190). Ein wesentlicher Vorteil der Frame-Semantik liegt darin, dass Frames ein einheitliches Format der Bedeutungsbeschreibung darstellen (vgl. das Projekt FrameNet51).

2.1.5.2 ICMs von Lakoff

Idealized Cognitive Models (= ICMs), die in Anlehnung an Lakoffs (1987: 68) Woman, Fire and Dangerous Things. What Categories Reveal about the Mind (1987) beschrieben werden, sind als integrierendes Modell zu betrachten, dessen Wurzeln nach Lakoff (1987: 68) in vier wichtigen kognitiven Theorien: Frame-Semantik ←79 | 80→von Fillmore (1982), Metaphern- und Metonymietheorie von Lakoff und Johnson (1980), in der Kognitiven Grammatik von Langacker (1987) sowie in der Theorie der mentalen Räume von Fauconnier (1985) liegen. Dementsprechend wird ein ICM als komplexe Gedankenstruktur aufgefasst, die vier Strukturierungsprinzipien aufweist (ebd.):

  (i)die propositionale Struktur wie in Fillmores Frame-Semantik. Die Struktur unseres Wissens ist im großen Maße durch propositionale Modelle bedingt (Lakoff 1987: 113). Als propositionale Strukturen bezeichnet Lakoff außer Frames auch mentale Räume (mental spaces) von Fauconnier, Szenarien und Skripte, Taxonomien, Merkmalsbündel, prototypisch organisierte Kategorien (Lakoff 1987: 284);

 (ii)die bildlich-schematische Struktur, so wie sie in image schemas von Johnson oder z.B. in Trajektorienschemata52 in Langackers Kognitiver Grammatik vorhanden ist (Lakoff 1987: 114);

(iii)metaphorische Projektionen wie in der CTM-Theorie von Lakoff und Johnson (1980). Sie beruhen auf der Abbildung (mapping) eines propositionalen oder bildlich-schematischen Modells von einer Domäne auf eine andere (ebd.);

 (iv)metonymische Projektionen, wie sie bei Lakoff und Johnson beschrieben werden (1980). Diese Modelle gehören zu einem oder mehreren der oben dargestellten Typen, wobei ein Element von dem Modell auf ein anderes Modell projiziert wird. In dem Teil-Ganzes-Modell kann ein Teil des Modells auf das Ganze abgebildet werden (Lakoff 1987: 114). Metonymische Modelle gibt es in zahlreichen Ausprägungen: Sie fungieren als soziale Stereotype, typische Beispiele, Ideale, Musterbeispiele, Generatoren, untergeordnete Modelle oder saliente (sinnfällige) Beispiele (salient examples) (Lakoff 1987: 90).

Während sich die propositionalen und die bildlich-schematischen Modelle auf die Struktur beziehen, verweisen metaphorische und metonymische Modelle auf die Beziehungen zwischen den ICMs und machen von den strukturellen Modellen Gebrauch (Lakoff 1987: 154). Jedes ICM verleiht dabei einem mentalen Raum (wie in Fauconniers Theorie, 1985, 1997) Struktur (Lakoff 1987: 68).

Die Eigenschaften der ICMs und ihre Rolle im menschlichen kognitiven System stellt Lakoff (1987: 153–154) folgendermaßen dar:

  (i)ICMs charakterisieren die Struktur unserer Gedanken;

 (ii)die Kategorien unseres Verstandes (mind) entsprechen den Elementen von ICMs;

(iii)←80 | 81→manche ICMs haben eine Skalarstruktur, die eine der Quellen für Prototypikalitätseffekte bildet;

 (iv)manche ICMs sind klassisch: Sie haben scharf umrissene Grenzen und werden durch nötige und ausreichende Bedingungen definiert;

 (v)manche ICM haben einen metonymischen Charakter: Ein Teil der Kategorie (ein einzelnes Element oder eine Subkategorie) repräsentiert die ganze Kategorie zu einem bestimmten Zweck. Auch dies kann prototypikalische Effekte auslösen;

(vi)die radikalsten prototypischen Erscheinungen treten in den radialen Kategorien auf. Diese Kategorien können nicht durch ein einzelnes Modell samt generellen Prinzipien repräsentiert werden. Radiale Kategorien bestehen aus mehreren Modellen, die um ein Zentrum organisiert werden und die Beziehungen zum Zentrum aufweisen. Diese Beziehungen werden durch andere ICMs in einem bestimmten Begriffssystem motiviert oder sind durch eine Ähnlichkeitsrelation bedingt.

2.1.5.3 Domänen und Profilierungen von LangackerDie Unterkap. 2.1.5.3, 2.1.6 sind z.T. in Anlehnung an Sulikowska (2014b, 2014c) entstanden.

Die kurz umrissenen Modelle der Strukturierung des semantischen Gehalts heben zahlreiche Unzulänglichkeiten der klassischen Bedeutungsbeschreibung auf und sind in der einschlägigen Literatur auf große Resonanz gestoßen. Für die Beschreibung der Bedeutungskonstituierung von idiomatischen Einheiten wird dennoch ein Modell benötigt, das sowohl der Dynamik und Vagheit der idiomatischen Bedeutungen im authentischen Sprachgebrauch als auch der Bildhaftigkeit der Idiome Rechnung tragen kann. Fillmores Frames sind aufschlussreich, dennoch hauptsächlich an die propositionale Repräsentationsform gebunden und deswegen zur Erfassung der Bildhaftigkeit nicht geeignet. Lakoffs Modell ist zwar integrativ, scheint aber vage zu sein54: Außer Acht wird beispielsweise die hierarchische Struktur der ICMs gelassen: Das Konzept finger kann nur vor dem Hintergrund des ICMs hand verstanden werden, auch weitere allgemeinere ICMs wie körper, Mensch, Lebewesen leisten zu der Konzeptualisierung von finger einen wichtigen Beitrag. Viele Fragen wirft ebenfalls die mentale Repräsentation von Abstrakta auf: Ob metaphorische und metonymische Projektionen als kognitive Mechanismen ausreichend sind, um komplexe Abstrakta wie Zeit, Liebe, Ärger zu konstituieren, ist fraglich (vgl. Kap. 2.3.3). Aus diesem Grunde wird im Folgenden näher auf die Kognitive Grammatik Langackers eingegangen, die sowohl unterschiedliche ←81 | 82→Repräsentationsmodi (darunter analoge Formate, vgl. Langacker 2008: 32) zulässt, als auch eine detaillierte Darstellung bietet, wie die Bedeutungen entstehen. Die Schilderung der Bedeutungskonstituierung im Rahmen eines ganzheitlich ausgearbeiteten Modells mit einer einheitlichen Terminologie, die hier in Anlehnung an Langackers Cognitive Grammar. An Introduction (2008) erfolgt, gibt Einsicht in die Vielfalt, Komplexität und Dynamik der zu beschreibenden Prozesse.

Als einer der Begründer und prominenter Vertreter des Holismus plädiert Langacker (2008) selbstverständlich für die enzyklopädische Auffassung der Bedeutung. Sprachliche Einheiten bestehen aus einem phonologischen und aus einem semantischen Pol. Der phonologische Pol eröffnet den mentalen Zugang zum semantischen Pol, d.h. einer offenen Wissensmenge, die sowohl sprachliche als auch enzyklopädische, auf dem allgemeinen Weltwissen basierende Strukturen umfasst. Dieses Wissen wird auf der nachstehenden Abbildung 7 schematisch in Form von konzentrischen Kreisen dargestellt, die (wie in der Prototypentheorie) dem unterschiedlichen Gewichtswert der einzelnen Wissenskomponenten bei der Bedeutungskonstruierung Rechnung tragen: Manche Komponenten sind zentral und werden prinzipiell bei jeder Aktivierung einer sprachlichen Einheit abgerufen; andere Komponenten liegen an der Peripherie – auf sie wird nur in besonderen Kontexten zurückgegriffen (Langacker 2008: 39).

Abb. 7: Konzeptualisierung in der Kognitiven Grammatik (Langacker 2008: 39).

Außer den konzentrischen Kreisen sind auf der Abbildung ebenfalls Ellipsen zu sehen, die Domänen schematisch wiedergeben. Unter Domänen werden geordnete ←82 | 83→mentale Vorstellungs- oder Erfahrungsbereiche (Taylor 2007: 528), „structured blocks of knowledge based on experience“ (Barcelona 2003: 232–233) verstanden. Langacker (1991a: 547) definiert sie als „any coherent area of conceptualisation relative to which semantic structures can be characterized (including any kind of experience, concept or knowledge system)“ und verweist darauf, dass die Domänen innerhalb der ganzen Kognition hierarchisch strukturiert sind.

Basisdomänen (basic domains) sind kognitiv nicht reduzierbar: „A basic domain is therefore cognitively irreducible, neither derivable from nor analyzable into other conceptions“ (Langacker 2008: 44). Zu den Basisdomänen gehören die Domänen des Raumes, der Zeit und eine Menge der nicht analysierbaren, mit Sinnen assoziierten Erfahrungsdomänen: z.B. des Farbspektrums, der Tonhöhe, der Temperatur, des Geruchs und Geschmacks. Basisdomänen sind weder Konzepte noch Konzeptualisierungen; sie sind eher ein Erfahrungspotenzial, in dem Konzeptualisierungen auftauchen und spezifische Konzepte mitschwingen können („realms of experiential potential, within which conceptualization can occur and specific concepts can emerge“, Langacker 2008: 44–45). Möglicherweise sind sie auf derselben präkonzeptuellen Ebene angesiedelt, auf der image schemas von Johnson platziert sind.

Die meisten Domänen sind nonbasic/nicht elementar und differieren wesentlich in der Komplexität ihrer inneren Struktur:55

Any kind of conceptualization counts as a nonbasic domain capable of being exploited for semantic purposes. Conceptions fall under this rubric whether they are sensory or intellectual, static or dynamic, fixed or novel, simple or complex. Included as nonbasic domains are instances of immediate sensory, emotive, and motor/kinesthetic experience (e.g. the sensation of wetness, of being afraid, or of blowing up a balloon), as well as the abstracted products of intellectual operations (e.g. concepts like JUSTICE, VERTEBRATE, and BATTING AVERAGE). Also included are conceptions manifested instantaneously at the level of conscious awareness (e.g. the image of a circle), as well as elaborated scenarios that we can only conceptualize stage by stage through processing time (like the successive steps in a complicated recipe). (Langacker 2008: 45)

Alle Domänen, die durch eine lexikalische Entität abgerufen werden, bilden eine Domänenmatrix. Der Ausdruck glass in der Bedeutung eines Trinkgefäßes eröffnet beispielshalber folgende Domänen (Langacker 2008: 47):

(1)Raum (Basisdomäne);

(2)Form (meistens zylindrisch, von unten geschlossen), nicht-elementare Domäne, präsupponiert Raum als Domäne, in der sich eine Form manifestiert;

(3)typische Orientierung im Raum (die lange Seite des Glases aus der senkrechten Perspektive betrachtet), nicht-elementare Domäne, präsupponiert die Domänen des Raumes, der Vertikalität und der Form;

(4)Funktion1 (Behälter für eine Flüssigkeit) präsupponiert typische Orientierung im Raum, das Konzept der Flüssigkeit und des Behälters, die wiederum ←83 | 84→Rauminklusion, potentielle Bewegung, die Kraft und Stabilität in der Zeit voraussetzen;

(5)Funktion2 (die Rolle beim Trinken) präsupponiert Funktion1 und den menschlichen Körper, Halten in der Hand, Armbewegung, Verdauung usw.);

(6)Stoff (meistens Glas);

(7)Größe (leicht in der Hand zu halten);

(8)andere (Domänen des Preises, Waschens, Zerbrechens, Abstellens auf den Tisch bei der Mahlzeit usw.).

Die Domänen liegen auf der voranstehenden Abbildung unterschiedlich zentral. Die Zentralität kann als Wahrscheinlichkeit interpretiert werden, mit der eine Domäne beim Gebrauch eines Wortes mental zugänglich wird (Langacker 2008: 48). Domänenaktivierung in Abhängigkeit vom Wahrscheinlichkeitsgrad bezeichnet Langacker als Zentralitätsgrad, gleichzeitig wird dennoch hervorgehoben, dass die Rolle des Kontextes in diesem Prozess von ausschlaggebender Bedeutung ist (Langacker 2008: 49–50). Unterzieht man die folgenden Aussagen einer Analyse bezüglich der aktivierten Domänen:

  (i)He took another sip from his glass. (Er hat noch einen Schluck aus dem Glas genommen);

 (ii)This antique glass is quite fragile. (Dieses antike Glas ist zerbrechlich);

(iii)The glasses on that table don’t match. (Die Gläser auf dem Tisch passen nicht zusammen);

 (iv)Plastic wine glasses are hard to wash. (Weingläser aus Plastik sind schwer zu waschen).

dann stellt sich heraus, dass nur im Satz (i) alle zentralen Domänen (1–7) aktiviert werden. In den Sätzen (ii)–(iv) treten die zentralen Domänen in den Hintergrund, während den deutlicher peripheren Domänen (das Zerbrechen, Passen und Waschen) eine wichtige Rolle zukommt. Im letzten Satz (iv) werden sogar manche zentralen Attribute des Glases (Stoff, Form und Funktion) aufgehoben, während man eher marginale Wissensbestände über Abwaschen in den Vordergrund schiebt. Somit muss man sich dessen bewusst sein, dass die Domänenzentralität ausschließlich einen Orientierungswert hat:

A ranking of domains for centrality measures their likelihood of being accessed and strongly activated, other things being equal. Yet other things are never really equal, since language use is never truly acontextual; an expressions manifestation is always subject to influence from the physical, linguistic, social, and psychological circumstances. (Langacker 2008: 50)

Die geschilderten kognitiven Strukturen: Basisdomänen, Domänen, der Zentralitätsgrad der Domänen sowie Domänenmatrix bilden den konzeptuellen Inhalt (conceptual content), der zur detaillierten Beschreibung der Bedeutung allerdings nicht ausreicht und erst den Ausgangspunkt für das Zustandekommen der Bedeutungen/Konzeptualisierungen ausmacht. Bedeutungen sind nämlich in Konzeptualisierungen ←84 | 85→angesiedelt, die als dynamisch, interaktiv, bildhaft56 bzw. bildlich57 charakterisiert werden (Langacker 2008: 43). Insbesondere in diesem Punkt ist die Nähe zwischen der perzeptuell-optischen Wahrnehmung58 und der Konstituierung der sprachlichen Bedeutungen in der Kognitiven Grammatik gut sichtbar, Langacker bedient sich zur Veranschaulichung der Beziehung zwischen dem konzeptuellen Inhalt (conceptual content) und dem sog. construal einer Szene-Metapher: Der konzeptuelle Inhalt wird als Szene dargestellt, die man aus verschiedenen Punkten betrachten kann. Wie die Szene wahrgenommen wird, hängt von mehreren Faktoren ab: dem Abstand des Betrachters zur Szene, den Objekten, auf denen er seinen Blick länger ruhen lässt, oder der Betrachtungsperspektive. Parallel dazu besteht auch die Bedeutung aus zwei Komponenten, nämlich aus der Szene – dem konzeptuellen Inhalt und aus der Art und Weise, wie diese Szene angesehen und was in der Szene fokussiert wird – die Letztere wird von Langacker construal (Konstruktion, Interpretation, Deutung) genannt: „Most broadly, a meaning consists of both conceptual content and a particular way of construing that content“ (ebd.). Derselbe konzeptuelle Inhalt kann folglich aus verschiedenen alternativen Perspektiven und mit dem Fokus auf unterschiedliche Aspekte beschrieben werden. Bemerkenswert ist dabei, dass er nur analog, bildhaft abgebildet, neutral bleibt (vgl. Abb. 8a): Jede Versprachlichung ist unausweichlich mit einer interpretativen Konstruktion (construal) aus der Betrachterperspektive verbunden (vgl. Abb. 8b–d): das Glas mit Wasser (Abb. 8b) profiliert ‚Glas‘, das Wasser im Glas profiliert ‚Wasser‘ (Abb. 8c), das Glas ist halbvoll profiliert den Bereich vom Glasboden bis zur Wasseroberfläche (Abb. 8d), das Glas ist halbleer profiliert den Bereich von der Wasseroberfläche bis zum Glasrand (Abb. 8e).

Abb. 8: Konzeptueller Inhalt (conceptual content) und Interpretation (construal) (Langacker 2008: 44).

←85 | 86→

Die Fokussierung hängt mit der Domänenselektion zusammen: Von allen zugänglichen Domänen innerhalb einer Domänenmatrix wird in einem bestimmten Kontext nur eine eingeschränkte Anzahl aktiviert, wobei der Aktivierungsgrad variieren kann und der Hervorhebung (engl. foregrounding) entspricht. Darüber hinaus konstituiert sich aus den aktivierten Domänen ein Bereich (engl. scope), in dem sie sich decken59. Dieser Überlappungsbereich aller aktivierten Domänen nennt Langacker Basis, während besonders hervorgehobene Strukturen, auf denen die Aufmerksamkeit fokussiert ist, Profile genannt und auf den Abbildungen durch fett gedruckte Linien markiert werden (ebd.).

Langackers Auffassung der linguistischen Bedeutung ist in größerem Maße auf die Erforschung der konzeptuellen Ontologie (Evans/Green 2006: 231) gerichtet. Sein Bedeutungsverständnis zeichnet sich sowohl auf der Ebene eines (mehr oder weniger) stabilen Konzepts als auch auf der Ebene einer kontextbedingten Konzeptualisierung durch die Subjektzentriertheit aus. Eine Lautkette kann eine unbestimmbare Anzahl der Domänen aktivieren, deren Grenzen nur in dem von einem Menschen im Langzeitgedächtnis gespeicherten Wissen liegen. Damit werden die Domänen als kognitive Konstruktionen eines Individuums, nicht als objektive Beschreibungsgrößen betrachtet. Dies macht eine nach Objektivität strebende wissenschaftliche Beschreibung einer Konzeptualisierung enorm schwierig: Weder eine genaue Anzahl der jeweils aktivierten Domänen noch deren eindeutige hierarchische Strukturierung lässt sich spezifizieren. Die Konzeptualisierungen sind dynamisch, vage, zu einem gewissen Grad individuell, weisen keine scharfen Grenzen und keine konstanten Werte auf. Auf der anderen Seite lässt Langackers Auffassung die multimodale Struktur der Domänen zu: Das aufgespeicherte Wissen kann sowohl einer propositionalen, als auch einer analogen, motorischen u.a. Natur sein, die interpretative Konstruktion einer Bedeutung (construal) ist von Natur aus verbildlichend. Damit wird auf die Gesamtheit der menschlichen Erfahrung Bezug genommen.

2.1.6 Interaktionismus und die Rolle des Sprachgebrauchs

Die Kognitive Linguistik bricht mit der für die Sprachwissenschaft klassischen Aufteilung in Sprachsystem und Sprachgebrauch (langue und parole von de Saussure). Stattdessen wird ein gebrauchsfundiertes Modell der Sprache vorgeschlagen: Die Bedeutung einer sprachlichen Einheit wird als eine Spur der vorausgehenden kognitiven Erfahrungen eines Menschen betrachtet, dem sprachlichen Gebrauch kommt eine zentrale Rolle zu, die Sprache wird als weitgehend soziokulturell fundiertes kognitives Phänomen angesehen:

←86 | 87→

A language does not reside in grammar books and dictionaries, and looking in a speaker’s brain does not reveal a box labeled L. The basic reality is simply that people talk, in ways that are similar to vary in degrees. Talking is a complex activity, so ultimately a language must be viewed dynamically, as something people do rather than something they have. The various facets of this activity — motor, perceptual, and mental — are either controlled or constituted by neural processing, so in a broad sense talking is cognitive activity. Moreover, since a language is acquired and used by way of interacting with others in a social and cultural context, the activity is socio-cultural in nature. (Langacker 2008: 216)

Sprache hat einen dynamischen, konstruktiven Charakter. „Die lexikalische Bedeutung eines Wortes ist im Grunde genommen eine Hypostasierung, denn die Sprachbenutzer werden eher mit jeweils neuen aktuellen Bedeutungen konfrontiert“ (Sadziński 2018: 60). Sprachlich aktuelle Bedeutungen konstituieren sich direkt in der Kommunikation; als die kleinste Analyseeinheit wird eine sprachliche Einheit angesehen. Grundlegend für die Entstehung der Konzepte sind rekurrente Erfahrungen, sich wiederholende Sprachgebrauchsereignisse (engl. events of language use), wobei die Beziehung zwischen den Konzepten und den ihnen zugrunde liegenden Sprachgebrauchsereignissen durch die Inhaltsbedingung (engl. content requirement) eingeschränkt ist (Langacker 2008: 220). Nach dieser Bedingung werden als sprachliche Einheiten ausschließlich:

  (i)semantische, phonologische und symbolische Strukturen, die in den Sprachausdrücken wirklich vorkommen;

 (ii)die Schematisierungen von diesen Strukturen;

(iii)sowie die kategorisierenden Relationen zwischen diesen Strukturen betrachtet (ebd., 25).

Von ausschlaggebender Bedeutung ist deswegen das Prinzip der Rekurrenz: Die grundlegenden, sich auf alle Sprachebenen beziehenden Prozesse der Schematisierung und der Kategorisierung sind dann möglich, wenn die Ausdrücke mit bestimmter Frequenz auftauchen, d.h. – in der Terminologie der Kognitiven Grammatik ausgedrückt – wenn eine ausreichende Anzahl der Konkretisierungen (Sprachgebrauchsereignisse) vorliegt.

Die Schematisierung wird als ein allgemeiner, die ganze menschliche Kognition bedingender Prozess aufgefasst. Im Spracherwerb beruht der Schematisierungsprozess auf dem Abstrahieren vom kontextuellen Verständnis des jeweiligen Ausdrucks auf der phonetischen und semantischen Ebene. Erst nachdem der Ausdruck in einer ausreichenden Anzahl der Gebrauchsereignisse vorgekommen ist, können sich die kognitiven Routinen herausbilden (Langacker 2008: 220). Schemata werden als verstärkte Regularitäten der auftauchenden Ausdrücke (Konkretisierungen) definiert, was Taylor (2007: 148) in folgender Form (vgl. Abb. 9) darstellt:

Abb. 9: Schema und Konkretisierungen nach Taylor (2007: 148).

←87 | 88→Die sprachlichen Einheiten, die sich durch ursprüngliche Sprachgebrauchsereignisse etabliert haben, üben bei allen weiteren Gebrauchsereignissen die Funktion der Schablonen aus. Bei jedem Sprachgebrauchsereignis, in dem sie vorkommen, werden sie dennoch einer Verifikation unterzogen. Die Beziehung zwischen den etablierten Spracheinheiten und den Ausdrücken in der neuen ko- bzw. kontextuellen Umgebung ist auf die Relation der Kategorisierung zurückzuführen (Langacker 2008: 222). Falls sich das Schema in einem Sprachgebrauchsereignis voll und ohne Verzerrungen manifestiert, liegt die elaborative Kategorisierung vor – der Gebrauch eines Ausdrucks verstärkt dann das Schema. In manchen Fällen stellt der Gebrauch eines Ausdrucks in einem konkreten Sprachgebrauchsereignis eine Innovation dar, was seine Extension zur Folge hat. Dies erklärt, warum die Konzepte im Laufe des Lebens und unter dem Einfluss äußerer Umstände variieren können: Das Konzept eines Computers ist in den letzten 20 Jahren einer grundlegenden Revision unterzogen worden und hat sich an die veränderte Realität angepasst. Der Spracherwerb dauert im gewissen Sinne lebenslang.

Die konventionellen Bedeutungen von Spracheinheiten konstituieren sich demnach auf der Grundlage rekurrenter Sprachgebrauchsereignisse. Da die Schematisierungs- und Kategorisierungsprozesse weitgehend auf persönlichen, individuellen Erfahrungen basieren und bei jedem Sprachbenutzer bis zu einem gewissen Grad variieren können, sind die Kategoriengrenzen verschwommen, unscharf; da sie bei jedem Gebrauch einer Verifikation unterliegen, weisen sie einen dynamischen Charakter auf. Die sprachlichen Einheiten sind „soziale Tatsachen“ (Busse 1987: 272, zit. nach Ziem 2008: 152), sie sind dynamisch, aufs Engste an andere kognitive Bereiche gebunden, kontextabhängig, passen sich an die sich ändernde Wirklichkeit an (Piotrowska 2012, Waszakowa 2012). Sie können immer wieder aufs Neue ausgehandelt werden: Jeder Gebrauch einer sprachlichen Äußerung kann die etablierten Strukturen modifizieren, verschieben oder ändern. Die Stabilisierung ist immer relativ und beruht auf der Routinierung von Kategorisierungen der einer Sprachgemeinschaft zugehörenden Menschen: Die Kenntnis der sprachlichen Bedeutung eines Ausdrucks gründet selbst in der kommunikativen Praxis (Ziem 2008: 138).

Sprachliche Bedeutungen stehen am Ende eines dynamisch-kognitiven Konstruktionsprozesses, den Sprachzeichen initiieren. Anstatt eines gleich bleibenden semantischen „Kerns“ sorgen kognitive Routinen für eine effektive Erschließung sprachlicher ←88 | 89→Bedeutungen. Zur Routine wird Inferenzbildung dann, wenn sie durch rekurrent auftretende Wissens- und Handlungsmuster motiviert ist. (Ziem 2008: 170)

EXKURS: Bedeutung in modularen und holistischen Ansätzen

Der holistische Ansatz der Kognitiven Linguistik hebt damit die deutliche Abgrenzung zwischen dem Sprachsystem und dem Sprachgebrauch, dem Lexikon und der Grammatik, dem Weltwissen und dem Sprachwissen auf. Um die Einheitlichkeit der Bedeutungsauffassung in diesem Paradigma zu demonstrieren, werden im Folgenden zwei Beschreibungsansätze – ein modularistischer (das sog. Drei-Stufen-Modell von Schwarz) und ein holistischer (Langackers Kognitive Grammatik), die im Rahmen der Kognitiven Linguistik anzusiedeln sind – miteinander konfrontiert.

Schwarz (2008: 114) geht in ihrem Drei-Stufen-Modell, das als moderne Bedeutungsauffassung im modularistischen Paradigma angesehen wird, von der Annahme aus, dass Wortbedeutungen sprachlich relevante Ausschnitte von konzeptuellen Domänen sind. Sie unterscheidet in ihrem Drei-Ebenen-Modell zwischen Konzeptualisierungen, Konzepten und Bedeutungen. Konzepte basieren auf dem Prozess der Konzeptualisierung, d.h. der Bildung von geistigen, intern gespeicherten Repräsentationen. Konzepte werden also als stabile, im Langzeitgedächtnis gespeicherte, durch Schemata determinierte Repräsentationen verstanden. Unter Bedeutung versteht Schwarz versprachlichte Konzepte, d.h. mentale Inhalte, die mit einer verbalen Formrepräsentation versehen sind (Schwarz 2008: 114, Schwarz/Chur 2007: 26). Bedeutungen lassen sich folgendermaßen darstellen:

Kon (x1-xn) ↔Semsyn (x2-x5) ↔Rphon

Eine Bedeutung (Sem) entsteht also aus einer selektiven Lexikalisierung (x2-x5) von Konzeptinformationen Kon (x1-xn) und der Bindung an eine phonologische/graphemische Repräsentation Rphon sowie an ein syntaktisches Subkategorisierungsraster (syn):

Bedeutungen werden somit nur als spezifische Selektionen von enzyklopädischen Wissenselementen abgegrenzt. Die Semantik bezieht ihre Inhalte aus dem konzeptuellen System, ihre Formen aber aus dem sprachlichen System. Konzeptuelle Inhalte werden also sprachspezifisch durch phonologische Repräsentationen und syntaktische Raster gebunden. In diesem Sinne ist das semantische Kenntnissystem Schnittstelle zwischen zwei kognitiven Subsystemen. (Schwarz 2008: 114)

Von Relevanz für diese Auffassung der Bedeutung ist die Annahme, dass die Konzepte von resistenter Natur sind. Die Erfahrung mit mehreren Vertretern der Hundefamilie führt zur Etablierung eines hund-Konzeptes, das vereinfacht folgendermaßen beschrieben werden könnte: [ist ein Tier, hat vier Beine, hat einen Schwanz, kann bellen]. „Dieses Konzept fungiert als eine Art Klassifikationsregel für alle Hunde, da jedes Exemplar der Klasse Hund als Mitglied oder Nicht-Mitglied des hund-Konzepts identifiziert werden kann“ (Schwarz 2008: 110). Der ←89 | 90→Inhalt eines Konzepts, der durch die jeweilige Menge an Merkmalen festgelegt wird, bestimmt die Menge aller Instanzen, die dem jeweiligen Konzept zugerechnet werden können (ebd.). Schwarz’ Bedeutungsauffassung berücksichtigt also die Rolle der pragmatischen und enzyklopädischen Aspekte bei der Bedeutungskonstituierung, die Trennung zwischen einer semantischen, einer konzeptuellen und einer pragmatischen Bedeutungsebene wird aber aufrechterhalten.

Der holistische Ansatz unterscheidet sich von dem Drei-Ebenen-Modell in Bezug auf die Bedeutungsauffassung in zwei wichtigen Grundvoraussetzungen, die sich eng miteinander verzahnen. Zum einen wird keine Grenze zwischen dem konzeptuellen und dem sprachlichen System gezogen, man spricht von einer Ein-Ebenen-Semantik. Zum anderen verweist man nachdrücklich auf den dynamischen Charakter der als Konzepte und Konzeptualisierungen bezeichneten Phänomene. So argumentiert Langacker in seiner Kognitiven Grammatik, dass es keine stabilen Konzepte mit scharf umrissenen Grenzen gibt, denen man – so wie dies vom Schwarz am Konzept hund gezeigt wurde – bestimmte feste Merkmale zuschreiben könnte. Was in der Wirklichkeit existiert und linguistisch untersucht werden kann, ist nicht Gegenstand stabiler Konzepte, sondern dynamischer Konzeptualisierungen. Die Bedeutung wird demnach mit den Konzeptualisierungen gleichgesetzt:

Meaning is not identified with concepts but with conceptualization, the term being chosen precisely to highlight its dynamic nature. Conceptualization is broadly defined to encompass any facet of mental experience. It is understood as subsuming (1) both novel and established conceptions; (2) not just „intellectual“ notions, but sensory, motor, and emotive experience as well; (3) apprehension of the physical, linguistic, social, and cultural context; and (4) conceptions that develop and unfold through processing time rather than being simultaneously manifested. (Langacker 2008: 30)

Erklärungsbedürftig ist dabei das Verhältnis zwischen Konzeptualisierungen und Konzepten. Wie bereits erwähnt, verweigert Langacker der Sprache und den sprachlichen Einheiten den Status einer resistenten Entität:

Meanings are seen as emerging dynamically in discourse and social interaction. Rather than being fixed and predetermined, they are actively negotiated by interlocutors on the basis of the physical, linguistic, social, and cultural context. Meaning is not localized but distributed, aspects of it inhering in the speech community, in the pragmatic circumstances of the speech event, and in the surrounding world. (…) The static, insular view ascribed to cognitive semantics is deemed incapable of handling the dynamic, intersubjective, context-dependent nature of meaning construction in actual discourse. (Langacker 2008: 28)

Andererseits gibt er an einer anderen Stelle zu, dass bei aller Dynamik der Sprache den Konzeptualisierungen etwas Stabiles, Konventionalisiertes, Erwartbares zugrunde liegen muss, damit sich die Menschen verständigen können (Langacker 2008: 30). Die Kognitive Semantik lehnt sowohl die objektivistische Annahme der traditionellen Semantik von der stabilen, unflexiblen Bedeutung ab, als auch das ←90 | 91→andere Extrem – die interaktionistische Annahme, laut derer die Bedeutung einer sprachlichen Einheit jedes Mal von Grund auf, von Null im Diskurs interaktiv ausgehandelt wird (ebd.):

Clearly, there must be something inside the head. Speakers must have some preconception of what the words they use are normally expected to mean. Otherwise the meanings negotiated would be completely random, and cat would have no greater likelihood of meaning ‘feline’ than ‘walnut’, ‘book’, or ‘through’. While everything may be negotiable, something has to be learned and conventionalized as a basis for negotiation. (Langacker 2008: 30)

Damit dürfte wohl die Existenz einer mentalen Repräsentation (eines Konzeptes) angenommen werden: Konzepte werden aber nicht als Entitäten mit scharfen Konturen und festen Merkmalen verstanden, sondern eher als gebrauchsbasierte kognitive Routinen, die sich dynamisch ändern, den jeweiligen Kontexten flexibel anpassen und in denen sich – wenigstens teilweise – die individuellen Lerngeschichten der Sprachteilhaber widerspiegeln. Bei aller Dynamik und Unschärfe der Konzeptualisierungsprozesse ist Langackers Theorie – im Gegensatz zu radikal gebrauchsbasierten Ansätzen – als repräsentionalistisch einzustufen.

2.1.7 Zusammenfassung und Ausblick

Die Beschreibung der Sprache aus holistischer Perspektive zeichnet sich durch eine ganzheitliche Sicht auf die Kognition und Sprache, die Veranschaulichung zahlreicher Wechselbeziehungen und verschwommener Grenzen zwischen unterschiedlichen Sprachebenen, sublime Darstellung der Phänomene, die Dasjenige aufbauen, was wir als Bedeutung bezeichnen, aus. Das einfachste Lexem kann die Grundlage einer wissenschaftlichen Monographie bilden, die ungeheure Menge und Komplexität des Wissens, das die jeweiligen Konzeptualisierungen bildet, sowie ihre partielle Subjektivität erleichtern die Arbeit eines Linguisten bestimmt nicht. Vor dem Hintergrund ihrer Dynamik, Prozessualität und ihres interaktionalen Charakters verweist man auf die Relativität der Sprache in der klassischen Auffassung dieses Phänomens:

There is not such a thing as „a language“, at least as this term is commonly understood, both by linguists as ordinary people. (Langacker 2008: 215) (…) Objectively, there is no single entity that can be so identified. There are simply lots of people – hundreds of millions of them – who talk in rough similar ways (sometimes very roughly indeed). Strictly speaking, each person has a distinct linguistic system (or idiolect). These individual systems do exhibit a strong family resemblance, however and like the members of an extended family, some systems resemble one other quite closely, others more distantly (…). If thought of a clearly delimited entity with definite boundaries, neither a dialect nor a language exists in the wild, but only as a mental construction – the product of idealisation, reification and metaphor. The mental construction of the ←91 | 92→language is itself grounded in social interaction and cultural attitudes. (Langacker 2008: 228)

Vor diesem Hintergrund wird ebenfalls bei der Definierung der Bedeutung auf ihre „schimmernde“ Natur im natürlichen Sprachgebrauch – ihre verschwommenen Grenzen, ihre Dynamik und Gebrauchsbasiertheit – verwiesen. Die sprachlichen Bedeutungen werden nicht als stabile Gebilde, denen A- oder B-Werte zugewiesen werden, sondern als dynamische Konstrukte aufgefasst. Die Charakteristika der Bedeutungen lassen sich aus der Perspektive der Kognitiven Linguistik in folgenden Punkten zusammenfassen:

(i) Bedeutungen sind in mentalen Repräsentationen angesiedelt, d.h., sie referieren nicht auf die Objekte der realen Welt, sondern auf mentale Repräsentationen dieser Objekte, die als Konstrukte des menschlichen Geistes gewissen Verzerrungen unterliegen. Die innere Welt der mentalen Repräsentationen steht nie in einem 1:1-Verhältnis zu der realen Welt: Selbst die Wahrnehmung ist durch selektive Aufmerksamkeit gesteuert; die darauf folgende Speicherung der wahrgenommenen Inhalte ist weitgehend durch die bereits bestehenden kognitiven Strukturen beeinflusst und an diese angepasst.60 Die Bedeutungen werden als Manifestationen der konzeptuellen Struktur eines Menschen angesehen und als solche widerspiegeln sie diese Struktur in ihrer ganzen Komplexität, Verflochtenheit, individuellen Zügen und Veränderlichkeit: „Research on cognitive semantics is research on conceptual content and its organisation in language“ (Talmy 2000: 4).

(ii) Die Bedeutungen sind embodied. Sie bauen auf präkonzeptuellen Strukturen auf, die das Kind in der Interaktion mit seiner physischen, sozialen und kulturellen Umwelt erwirbt. Der Körper und die über Körper vermittelte Erfahrung bilden somit den Ausgangspunkt zur Konstituierung der kognitiven Struktur und Wissensorganisation eines Individuums, die unumgänglich durch die Eigenschaften des Körpers und seine biologischen Einschränkungen eingeengt sind:

We have a species-specific view of the world due to the unique nature of our physical bodies. In other words, our construal of reality is likely to be mediated in large measure by the nature of our bodies. (Evans/Green 2006: 45)

Die Beschaffenheit des menschlichen Körpers beeinflusst damit auf einer tiefen Ebene die kognitiven Strukturen, die den konzeptuellen Pol einer sprachlichen Einheit bilden. In diesem Sinne sind die Bedeutungen durch biologische Eigenschaften der Menschen sowie seine körperliche und soziale Erfahrung determiniert.

(iii) Die Bedeutungen sind holistisch. Sprachliche Fähigkeiten sind aufs Engste mit den Denkfähigkeiten verbunden, sprachliche Operationen stellen spezifische Ausprägungsformen von Konzeptualisierungsleistungen dar (Ziem 2008: 103). Es werden keine Grenzen zwischen dem Sprachlichen und dem Konzeptuellen ←92 | 93→gezogen, der phonologische Pol einer sprachlichen Einheit verschafft dem Sprechenden und dem Rezipierenden einen direkten Zugang zu vorstrukturierten Wissensstrukturen, die im Langzeitgedächtnis als mentale Repräsentationen von (rekurrenten) Erfahrungen gespeichert sind. Die Sprache greift auf allgemeines Weltwissen zurück und es bestehen keine eindeutigen und festen Indikatoren dafür, welche Elemente dieses Weltwissens durch den phonologischen Pol einer sprachlichen Einheit evoziert werden. Wie Langacker (1987: 154) am Beispiel des Wortes banana veranschaulicht, sind die semantischen Merkmale, die einer Banane im Rahmen der Merkmalstheorie zugewiesen werden müssten [Frucht, gelb, längliche Form, süßlich, wohlschmeckend] für die Konzeptualisierung der Wortverbindung banana republic zweitrangig. Fundamental für die Konzeptualisierung einer Bananenrepublik ist nämlich ein spezifisches, peripheres Wissen über die Rolle der Bananen als einer Exportware für die Wirtschaft mancher kleinen, vom fremden, hauptsächlich US-amerikanischen Kapitel abhängigen Länder Mittelamerikas. Jede sprachliche Bedeutung ist damit in ein Netz epistemischer Annahmen über die Welt eingebettet (Ziem 2008: 173), es existieren keine Zwischenebenen, die zwischen dem semantischen und dem konzeptuellen Wissen vermitteln. Alle Wissensstrukturen, die im Langzeitgedächtnis gespeichert sind, können in bestimmten Kontexten von Relevanz sein und die Bedeutung konstruieren.

(iv) Die Bedeutungen sind dynamisch: Der phonologische Pol einer sprachlichen Einheit aktiviert Wissensdomänen, unter denen diejenigen profiliert werden, die für die Rezeption einer sprachlichen Einheit in einem Kontext notwendig sind. Weder der Sprache noch den sprachlichen Bedeutungen wird der Status eines konstanten Phänomens zugewiesen, das objektiv existiert und beschrieben werden kann (Langacker 2008: 217–219). Die Bedeutungen werden mit emergenten, in der Interaktion entstehenden Konzeptualisierungen gleichgesetzt, sie konstituieren sich in einzelnen kommunikativen Akten.

(v) Die Bedeutungen sind gebrauchsbasiert: Die Kenntnis der sprachlichen Bedeutung eines Ausdrucks gründet in der kommunikativen Praxis (Ziem 2008: 138). Die Konzeptualisierungen sind emergent, dynamisch, vage. Auf ihrer Grundlage entstehen Konzepte, die dennoch nicht als resistente Strukturen mit scharf umrissenen Grenzen, sondern als kognitive Routinen, schematisierte Kategorisierungsleistungen des Individuums aufgefasst werden. Das traditionelle Bild von sprachlichen Ausdrücken als Behälter für kleine Mengen semantischer Information wird ersetzt durch die Betrachtung sprachlicher Ausdrücke als Zugang (access, Langacker 1987: 161) zu einem umfassenden Wissenssystem, das ein Netzwerk von Beziehungen, den sog. kognitiven Routinen, bildet. (Baldauf 1997: 38)

Dies bedeutet zum einen, dass sie keine scharfen Grenzen, keine feste Struktur und keine eindeutig zuzuordnenden Werte/Merkmale haben und mit jedem Gebrauch modifiziert werden können. Zum anderen erklärt die Auffassung der Konzepte als kognitiver Routinen die individuellen Unterschiede bei den Konzeptualisierungen: Jeder Mensch hat eine andere Vorstellung des Hauses, des Autos, des Hundes, weil jeder Mensch andere Erfahrungen mit diesen Entitäten gesammelt hat. Gleichzeitig ergibt sich aus den wiederholten Erfahrungen ein mehr oder ←93 | 94→weniger umrissenes mentales Konstrukt, das in seinen Grundzügen allen Sprachteilhabern gemeinsam ist.

2.2 Analoge Repräsentationsformate und anschauliches Denken in der Kognitiven Linguistik

Wie aus dem vorangegangenen Kapitel ersichtlich ist, hebt der holistische Ansatz der Kognitiven Linguistik die traditionelle Auseinandergrenzung zwischen der Sprache und anderen kognitiven Fähigkeiten auf, sowie relativiert die Grundannahmen der traditionellen Semantik: die Homogenitäts- und Kompositionalitätsannahme (Busse 2009: 18–19). In den Mittelpunkt des Interesses wird dagegen die Einsicht gerückt, dass das Ganze oft mehr als die Summe der Komponenten impliziert. Diese Einsicht teilt die Kognitive Linguistik mit der Gestaltpsychologie, die sich in den 30er Jahren in Europa, insbesondere in Deutschland, entwickelt hatte und eine Reihe von Gestaltgesetzen und -prinzipien, die die menschliche Wahrnehmung steuern, aufstellte. Interessanterweise bezogen sich die Gesetze der Gestaltpsychologie in erster Linie auf die visuelle Wahrnehmung: Die Gestaltpsychologen stellten unter Beweis, dass der Wahrnehmungsapparat die dargebotenen Reize nicht nur mechanisch abbildet, sondern bereits einer Interpretation unterzieht. Als Beispiel kann an dieser Stelle das von Wertheimer (1923: 83) vorgeschlagene Gestaltgesetz der Geschlossenheit herangeführt werden: Die Punkte, die auf imaginären Kreislinien mit entsprechender Dichte angeordnet sind, werden trotz der Lücken als Kreise wahrgenommen.

Der Einfluss der Gestaltpsychologie auf die Begründer der Kognitiven Linguistik, Lakoff, Johnson, Langacker und Talmy, ist unverkennbar, auch wenn er in der zweiten Hälfte des 20. Jh. bevorzugt indirekt erfolgte (Wildgen 2008: 24). Rosch (1975) weist den Begriffen der Basisebene die Form von ganzheitlich wahrgenommenen und aufbewahrten Gestalten zu, einen Gestaltcharakter haben ebenfalls Lakoffs und Johnsons Domänen in der konzeptuellen Metapherntheorie61. Das Figur-Grund-Gesetz findet Widerspiegelung in der Trajektor (Figur) und Landmark (Grund)-Unterscheidung, der ein wichtiger Stellenwert in Langackers Kognitiven Grammatik zukommt. Auf den Einfluss des Figur-Grund-Gesetzes auf unsere Konzeptualisierungen verweist des Weiteren Talmy (2000: 314): Auch wenn die Präposition near an sich symmetrisch ist, neigen die Menschen dazu, den Satz (ii) als unüblich oder gar dubios zu bezeichnen:

  (i)The bike is near the house.

 (ii)←94 | 95→? The house is near the bike62.

Insgesamt lässt sich feststellen, dass der weit gefassten Bildhaftigkeit ein wichtiger Stellenwert innerhalb des holistischen Paradigmas eingeräumt wird.

Knowing the meaning of a word that denotes a physical object involves in part knowing what such an object looks like. (Jackendoff 1987: 201)

Die neuere Forschung geht dabei über das Visuelle hinaus: Sprache ist eng an das konzeptuelle System gebunden, in dem Erfahrungen des Menschen in allen Modalitäten mental repräsentiert sind. Johnson-Laird spricht in diesem Sinne schon 1983 von mentalen Modellen, die prinzipiell als Kombinationen von ganzheitlichen analogen und propositionalen, symbolmanipulierenden (digitalen) Repräsentationen verstanden werden (Stöckl 2004: 56). Diese mentalen Repräsentationen, die allen kognitiven Prozessen zugrunde liegen, werden als Produkte eines konstruktiven Prozesses angesehen. Zu ihrer Herausbildung ist eine bestimmte Anzahl rekurrenter Erfahrungen notwendig, die sich auf komplexe Mensch-Umwelt-Kontakte beziehen. Dementsprechend ist die Inhaltsseite der sprachlichen Einheit hund auf der Grundlage zahlreicher Erfahrungen entstanden, in denen das Kind den Hund gesehen, gestreichelt, die von ihm gegebenen Laute (bellen, winseln usw.) oder seinen Geruch wahrgenommen hat. Diese Mensch-Umwelt-Kontakte involvieren normalerweise mehrere Sinnesmodalitäten (sensomotorische Modalitäten des Olfaktorischen, Motorischen/Kinesthätischen, Taktilen, Auditiven und Visuellen), in unterschiedlichen Modalitäten sind dementsprechend auch die in das Ultrakurzzeit- und demnächst in das Kurzzeitgedächtnis gelangenden Reize, die dann bei der Überführung in das Langzeitgedächtnis in dauerhaftere Repräsentationsformen umgestaltet werden müssen und mentale Konstrukte bilden. Die Frage, in welcher Modalität diese Konstrukte dann langfristig aufbewahrt werden, d.h., welche Modalität die mentalen Repräsentationen aufweisen, gehört zu den wichtigsten, kontrovers diskutierten und besonders schwierigen Problemen der Gedächtnisforschung und der kognitiven Psychologie, auf die beim derzeitigen Forschungsstand keine unumstrittene Antwort vorliegt.

←95 | 96→Kontrovers diskutiert wird ebenfalls die Frage, ob die mentalen Repräsentationen in einem einheitlichen, alle Sinnesmodalitäten umfassenden Format aufbewahrt werden oder ob mit mehreren Modalitäten zu rechnen ist. Unitäre Repräsentationstheorien setzen die Existenz von amodalen Repräsentationen voraus, die neueren Theorien gehen von der Annahme aus, dass die mentalen Repräsentationen menschlichen Wissens multimodalen Charakter haben.

Da die erwähnten Probleme bei all ihrer Komplexität und Umstrittenheit einen Einblick in die phraseologische Bildhaftigkeit gewähren und bei ihrer Behandlung relevant sind, werden in den folgenden Unterkapiteln zuerst mentale Repräsentationsformate dargestellt, dann unitäre, duale und multimodale Repräsentationstheorien geschildert. Im Fokus der Aufmerksamkeit steht dabei der neuere Grounded Cognition-Ansatz, der die multimodale Natur mentaler Repräsentationen mit zahlreicher empirischer Evidenz unterstützt. Von großer Relevanz für die Erklärung der Rolle von mentalen Bildern in der Phraseologie scheinen auch sog. Begriffe der Basisebene (Rosch et al. 1976) zu sein, die im Kap. 2.2.3 behandelt werden.

2.2.1 Repräsentationsformate

Kognitive Wissensstrukturen umfassen alle Informationen, die modalitätsspezifisch (visuell, motorisch, olfaktorisch, sprachlich usw.) in Erfahrungssituationen verarbeitet worden sind (Schwarz 2008: 119–120). Die im Langzeitgedächtnis aufbewahrten mentalen Repräsentationen definiert Schwarz (ebd., 120) allgemein als systeminterne Zustände, die externe Umstände der Umwelt in einer bestimmten Art und Weise abbilden. Die Frage, ob die mentalen Repräsentationen modalitätsspezifisch (visuell, olfaktorisch, gustatorisch) oder amodal aufbewahrt werden, ist für die Kognitionswissenschaften von zentraler Bedeutung: Die permanent gespeicherten mentalen Repräsentationen bilden den Ausgangspunkt aller Verhaltens- und Denkleistungen. Dabei ist das Interesse der Forscher nicht gleichmäßig auf alle Modalitäten gerichtet: Die Übersicht über die durchgeführten Experimente (vgl. Anderson 1988: 79–120) lässt schlussfolgern, dass besonderes Interesse der Aufbewahrung von visuellen und sprachlichen Reizen zukommt. Ebenfalls Lakoff hebt die Rolle des Visuellen und der Sprache hervor:

Two of our major sources of information are vision and langugage. We can gain information through either perceiving something directly or being told it. (Lakoff 1987: 440)

Es kann also nicht wundern, dass zwei entsprechenden Repräsentationsmodi: der aussagenartigen und der analogen Repräsentation besonders viel Aufmerksamkeit gewidmet wird (Anderson 1988: 79–120; Schwarz 1992: 91–93, Schwarz 2008: 121–123). Betonenswert ist dabei die von Grund auf unterschiedliche Natur der mentalen Repräsentation: Während bei einigen der dauerhaften Repräsentationen die Tendenz besteht, die Struktur der ursprünglichen Wahrnehmung weitgehend zu ←96 | 97→erhalten, wird in anderen Fällen von Wahrnehmungsdetails abstrahiert, sodass nur die Bedeutung des Wahrgenommenen kodiert ist (Anderson 1988: 80).

Analoge (bildhafte, bei Anderson (1988: 86) wahrnehmungsmäßige) Repräsentationen geben die Wirklichkeit in Form von anschaulichen Vorstellungsbildern wieder. Sie werden als mentale Abbilder oder Szenen aufgefasst, die visuelle Charakteristika von repräsentierten Objekten beinhalten. In diesem Modus werden beispielshalber Bilder oder menschliche Gesichter aufbewahrt, die als Ganzes wahrgenommen und abberufen werden. Die ursprüngliche Annahme, dass die Wirklichkeit in dem analogen Repräsentationsformat „spiegelbildlich“ wiedergegeben wird, ist vor dem Hintergrund der neueren Erkenntnisse schwer aufrechtzuerhalten. Selbstverständlich ist für die visuelle Modalität eine bestimmte Ganzheitlichkeit der Wahrnehmung vorauszusetzen, der konstruktive Aspekt des Prozesses – sowohl bei der Wahrnehmung als auch in der Verarbeitung und Überführung der Reize in das Langzeitgedächtnis, wo sie als mentale Repräsentationen aufbewahrt werden – darf dennoch nicht vernachlässigt werden: „Das, was wir sehen, hängt nicht alleine vom optischen Input (Bildmerkmalen) ab, sondern auch ganz maßgeblich von erworbenen mentalen Schemata bzw. Modellen, die die Wahrnehmung in entscheidendem Maße steuern“ (Stöckl 2004: 57). Bildwahrnehmung und Bildverstehen werden des Weiteren von Emotionen, Einstellungen, Erwartungen, kulturellem und sozialem Vorwissen und vor allem von der Aufmerksamkeit beeinflusst (ebd., 58; vgl. auch Barsalou 1999, 2012).

Aussagenartige (propositionale, bei Anderson (1988: 103) bedeutungsmäßige) Repräsentationen stellen menschliches Wissen auf eine abstrakte Weise dar, indem sie von den modalitätsspezifischen Eigenschaften abstrahieren. Zahlreiche psychologische Experimente liefern Belege dafür, dass das Gedächtnis für verbale Kommunikationsinhalte nicht den genauen Wortlaut, sondern lediglich die Bedeutung der Botschaft aufbewahrt: So können sich die Menschen nach einigen Minuten nicht erinnern, ob der Satz im Aktiv oder im Passiv formuliert war, nur die Botschaft bleibt im Gedächtnis haften63. Als entsprechendes Repräsentationsformat werden Propositionen – kleinste Wissenseinheiten, die selbstständige Aussagen bilden können – angenommen. Propositionen setzen sich aus einem Prädikat und einem oder mehreren Argumenten zusammen. Die propositionale Darstellung des Satzes Birgit isst Schokolade sieht folgendermaßen aus (Schwarz 1992: 95):

((ESSEN (BIRGIT, SCHOKOLADE))

Propositionen bilden dann die Strukturen höherer Ordnung: Die Bedeutung eines Satzes oder eines Bildes wird als Netzwerk von Propositionen dargestellt (Anderson 1988: 103). Als Schemata bezeichnet Anderson (ebd.) große, komplexe Wissenseinheiten, die typische Eigenschaften von Mitgliedern allgemeiner Kategorien beinhalten.

←97 | 98→Handlungsmäßige Repräsentationen (Edelmann 1996: 221, 2000: 152) bilden sich durch den handelnden Umgang mit Dingen aus. Das Lernen erfolgt durch unmittelbare Erfahrung und Ausführung von Tätigkeiten, diese Repräsentation ist für Kleinkinder von besonderer Relevanz. Möglicherweise ist die handlungsmäßige Repräsentation ebenfalls für das sog. Körpergedächtnis zuständig: Einmal gelernte Bewegungsabläufe wie Fahrradfahren, Schwimmen oder Tanzen bleiben lebenslang erhalten.

Es liegt nahe, dass außer besprochenen Repräsentationsformaten auch andere Formate für entsprechende Sinnesmodalitäten möglich sind. Wie die Gerüche, Geschmäcke, Tasterlebnisse, innere Zustände aufbewahrt werden, wird zurzeit intensiv erforscht (vgl. u.a. Schack 2010).

2.2.2 Repräsentationstheorien

Bezüglich der Repräsentationsfrage herrschen zwei Positionen vor, die im Folgenden als die unitäre bzw. multimodale Repräsentationstheorie bezeichnet werden. Die unitären (amodalen) Repräsentationstheorien, die man öfters auch klassisch benennt (vgl. Rickheit/Weiss/Eikmeyer 2010: 105, Barsalou 2012: 246), gehen von der Annahme aus, dass die konzeptuelle Seite eines sprachlichen Zeichens durch abstrakte, amodale Symbole konstituiert wird. Im Gegensatz dazu liegt den neueren Embodied/Grounded-Cognition-Ansätzen die Voraussetzung zugrunde, dass Kognition und Wahrnehmung ein gemeinsames System bilden, in dem mentale Repräsentationen in verschiedenen Modalitäten aufbewahrt werden. Einen interessanten Übergang zwischen den beiden Standpunkten stellt die duale Repräsentationstheorie von Paivio dar, auf die im Kap. 2.2.2.2 kurz eingegangen wird.

2.2.2.1 Unitäre Repräsentationstheorie

Zahlreichen kognitiven Theorien des 20. Jh. liegt die Annahme von amodalen Symbolen als wichtigsten Repräsentationseinheiten zugrunde (Newell/Simon 1972, Fodor 1975, Pylyshyn 1984). Die unitäre Repräsentationstheorie nimmt an, dass für alle Informationen nur ein einziges, amodales, abstraktes Repräsentationsformat existiert (Pylyshyn 1973, 1984; Anderson 1976). Auch wenn Menschen perzeptuelle Reize über verschiedene Sinneskanäle aufnehmen, werden die Reize verschiedener Sinnesmodalitäten im Arbeitsgedächtnis zu amodalen Repräsentationen in Form von feature lists, Propositionen, Schemata, semantischen Netzwerken und Produktionssystemen umgewandelt. Diese amodalen Strukturen fungieren dann als vermittelnde und integrierende Kognitionsebene und konstituieren ein System, das allen Funktionen der höheren Kognition wie Gedächtnis, Wissen, Sprache und Denken zugrunde liegt. Die höheren kognitiven Funktionen, darunter die Sprache, operieren demnach auf einem System abstrakter symbolischer Repräsentationen, die – einmal etabliert – auch stabil bleiben. Abbildung 10 veranschaulicht, wie die perzeptuellen Reize den amodalen Repräsentationstheorien zufolge in ein neues amodales System überführt werden:

Abb. 10: Die Grundannahmen der amodalen Repräsentationsysteme (Barsalou 1999: 579).

←98 | 99→Wie Barsalou (2008: 620, 631) bemerkt, ist die Popularität der unitären Repräsentationstheorie vor allem darin begründet, dass sie einen eleganten und ausdrucksstarken Formalismus zur Wissensrepräsentation liefert, intuitiven Annahmen zum symbolischen Charakter der Kognition gerecht wird und sich gut in den Künstliche-Intelligenz-Studien einsetzen lässt. Die unitäre Theorie des konzeptuellen Systems erklärt z.B. die Unterschiede zwischen types und tokens64, erlaubt die kategorialen Schlussfolgerungen und eignet sich zur Darstellung, wie abstrakte Konzepte repräsentiert werden. Pecher/Zwaan (2005) verweisen auf zwei fundamentale Probleme der amodalen Repräsentationstheorien: das Problem der Übersetzbarkeit der modalen Sinnesreize in arbiträre Symbole, die die Konzepte konstituieren (transduction problem), sowie die Frage, wie sich diese Symbole zurück auf die reale Welt beziehen. Darüber hinaus stellen unitäre Repräsentationstheorien vor allem theoretisches Modell dar, das empirisch kaum überprüft und revidiert wurde (Barsalou 1999: 578). Demgegenüber legt die Neurolinguistik immer mehr Evidenz dafür vor, dass das menschliche kategoriale Wissen doch an sensorisch-motorische Gehirnareale gebunden ist und Läsionen von bestimmten Gehirnregionen zu Problemen in der konzeptuellen Verarbeitung von Kategorien führen können.

←99 | 100→

2.2.2.2 Duale Repräsentationstheorie

Parallel zu unilateralen Repräsentationstheorien stellte Paivio in den 70er Jahren des 20. Jh. die duale Repräsentationstheorie vor, die sich besonders auf die Aufbewahrung und Verarbeitung von verbalen und visuellen Informationen konzentriert. Paivio (1971, 1986) setzt die Existenz von zwei modalitätsspezifischen Systemen voraus: Im imaginalen Subsystem werden imagene, d.h. nonverbale, bildhafte Gedächtnisspuren in einer analogen Form aufbewahrt. Das verbale Subsystem der logogene umfasst abstrakte Repräsentationseinheiten, die eng an die menschliche Sprache gebunden sind. Imagene und logogene weisen unterschiedliche Charakteristika auf: Die Erstgenannten werden synchronisch (simultan) verarbeitet und aufbewahrt (Paivio 1986: 59), die Zweitgenannten – als verbale Repräsentationseinheiten – zeichnen sich durch eine sequenzielle Struktur aus. Einzelne Entitäten sind in beiden Systemen miteinander verknüpft und organisiert, während die Subsysteme selbst autonom existieren und arbeiten können. Paivio (1986: 69–70) geht dabei von drei Arten der Beziehungen (connections) innerhalb des ganzen Systems aus: Repräsentationale Beziehungen (representational connections) verbinden modalitätsspezifische Reize der repräsentierten Welt und ihre mentalen Repräsentationen (imagene und logogene). Auf dieser Ebene werden logogene durch sprachliche Stimuli und imagene durch nonverbale Stimuli mental repräsentiert. Assoziative Verknüpfungen (associative structure) finden innerhalb jedes Subsystems statt und bedeuten, dass eine modalitätsspezifische Repräsentation eine andere Repräsentation derselben Modalität aktivieren kann. Referentielle Beziehungen (referential connections) stellen die Verknüpfungen zwischen dem System der logogene und dem System der imagene her: Ein typisches, von Paivio herangeführtes Beispiel dafür ist das Beschreiben von Bildern sowie das Evozieren von mentalen Bildern zu Wörtern. Die dual-coding-Theorie veranschaulicht schematisch Abb. 11.

←100 | 101→

Abb. 11: Schematische Darstellung der dualen Repräsentationstheorie mit repräsentationalen, referentiellen und assoziativen Beziehungen zwischen dem System der logogene und der imagene nach Paivio (vereinfacht nach Paivio 1986: 67, übers. von A. S.).

Paivios duale Repräsentationstheorie stellt einen Übergang zwischen den unitären und multimodalen Repräsentationstheorien dar. Sie trägt dem empirisch in zahlreichen Untersuchungen nachgewiesenen Überlegenheitseffekt65 der imaginalen Speicherung gegenüber der verbalen Speicherung Rechnung. Die doppelte Kodierung erklärt des Weiteren, warum die Informationen von einem hohen Bildhaftigkeitsgrad leichter verstanden und besser aus dem Gedächtnis abberufen werden als nur verbal kodierte Wissensinhalte. Außer Acht gelassen werden dagegen andere Aspekte der menschlichen Kognition: Das Verbale und das Visuelle sind zweifelsohne besonders relevante, dennoch keinesfalls einzige Repräsentationsformate: Das Taktile, Gustatorische, Kinästhetische sowie Emotionen können weder als logogene noch als imagene gespeichert werden.

2.2.2.3 Multimodale Repräsentationstheorie: Grounded Cognition

Eine immer größere Bedeutung wird in der Kognitiven Linguistik heutzutage den Ansätzen beigemessen, die auf die tief gehende Verwurzelung der Sprache in den allgemeinen perzeptiven und sensomotorischen Aktivitäten verweisen. Der Forschungsstrang der Embodied Cognition geht von dem Körper und körperbezogenen Erfahrungen als Grundlage der Kognition aus: Lakoff/Johnson (1980), Lakoff (1987, 1990) und Johnson (1987) machen darauf aufmerksam, dass zahlreiche abstrakte Konzepte metaphorisch in dem auf der Körpererfahrung basierenden Wissen verankert sind: Bei der Herausbildung sprachlicher Einheiten wird beispielshalber auf image schemas zurückgegriffen. Die Ansätze neuester Generation (Barsalou 1999, Simmons/Barsalou 2003) gehen einen Schritt weiter: Barsalou (1999, 2008, 2012) erweitert den Gedanken von Lakoff und Johnson zu einem umfassenderen ←101 | 102→Grounded Cognition-Ansatz, in dem er nicht nur der Körpererfahrung, sondern auch den Simulationen und den situierten Handlungen eine wichtige Rolle in der menschlichen Kognition einräumt. Grounded Cognition stellt zugleich eine Repräsentationstheorie dar: Im Fokus des Interesses befindet sich nämlich die Frage, wie die mentalen Repräsentationen menschlicher Erfahrungen gestaltet und aufbewahrt werden.

Grounded Cognition, die im Folgenden in Anlehnung an Barsalou (1999, 2010, 2012, 2016) beschrieben wird, setzt zwei grundlegende Annahmen voraus: Erstens wird das konzeptuelle System nicht-modular aufgebaut. Es besteht keine strikte Grenze zwischen der Perzeption und Kognition, im Gegenteil, die Perzeption bildet eine natürliche Grundlage der Kognition. Anstatt der separaten Systeme für modal-spezifische und konzeptuelle Prozesse wird ein gemeinsames repräsentationales System postuliert (Barsalou 2012: 250). Die Vertreter der Grounded Cognition lehnen also das nach der kognitiven Wende vorherrschende Sandwich-Modell ab, das die Kognition zwischen der Perzeption und Aktion (Handlung) ansiedelt und sich auf die Erforschung der Aufmerksamkeit, des Arbeitsgedächtnisses, des Langzeitgedächtnisses, der Sprache und des Denkens als relativ modularer Phänomene konzentriert. Stattdessen wird angenommen, dass „cognition will be only understood once the relevant domains of study are expanded significantly beyond classic cognitive mechanisms“ (Barsalou 2016: 13). Nur unter Einbezug der Perzeption, der Interozeption66, der körperlichen Zustände, der Sensomotorik, der Handlung, der sozialen und physischen Umgebung kann man der Kognition in ihrer ganzen Komplexität Rechnung tragen (ebd.).

Zweitens beruht dieses System auf modalen Repräsentationen:

The same types of representation underlie perception and conception. When the conceptual system represents an object’s visual properties, it uses representation in the visual system; when it represents the action performed on an object, it uses motor representations. Depending in the distribution of modalities on which people experience a category, a particular distribution of modality specific information becomes established for it. (Barsalou 2012: 250)

Barsalou postuliert die Existenz der perzeptuellen Symbole (= PS) von einer multimodalen Struktur, die eng an die sensorisch-motorische, introspektive und propriozeptive (mit Eigenempfindung verbundene) Erfahrung gebunden sind. Im Gegensatz zu den amodalen Repräsentationstheorien nehmen perzeptuelle Symbole die an perzeptuelle Modi gebundenen Formen an, was in dem folgenden Bild – stark vereinfacht und modellhaft dargestellt – durch den Umriss eines Stuhls (Abb. 12) veranschaulicht wird:

Abb. 12: Die Grundannahmen der Perceptual-Symbol-Theorie nach Barsalou (1999: 578).

←102 | 103→PS stellen fundamentale Einheiten konzeptueller Struktur dar, sie bauen das grundlegende konzeptuelle System (basic conceptual system) auf, das den Ausgangspunkt zur Herausbildung von komputationalen Operationen bildet. Die perzeptuellen Symbole und das Perceptual Symbol System (= PSS) sind durch folgende Eigenschaften gekennzeichnet (Barsalou 1999: 582–592):

  (i)Perzeptuelle Symbole bilden neuronale Repräsentationen in sensorisch-motorischen Gehirnarealen.

Sie stellen dabei keine physischen Bilder dar, es sind Aufzeichnungen der neuronalen Aktivität, die sich aus der Wahrnehmung ergibt.

 (ii)Perzeptuelle Symbole sind schematischer Natur.

PS repräsentieren schematische Komponenten der perzeptuellen Erfahrung und nicht die ganze Erfahrung in allen Einzelheiten. „Rather than containing an entire holistic representation of a perceptual brain state, a perceptual symbol contains only a schematic aspect“ (ebd., 583). Dieses Merkmal der PS hebt das Perceptual Symbol System deutlich von Aufnahmesystemen (recording system) ab und verleiht ihm den Status eines konzeptuellen Systems mit seinen inhärenten Eigenschaften: Produktivität, Kategorisierung, Fähigkeit zur Bildung von Präpositionen und abstrakten Konzepten. Die schematische Natur der PS ergibt sich aus zwei axiomatischen Annahmen zur Rolle der selektiven Aufmerksamkeit in der kognitiven Psychologie: Die selektive Aufmerksamkeit (i) isoliert die Informationen in der Wahrnehmung (vgl. dazu die Szene-Profil-Differenzierung in der Kognitiven Grammatik von Langacker) und (ii) speichert diese Information im Langzeitgedächtnis (= LZG) auf. Im Entstehungsprozess der PS werden also Teilmengen von den einer Wahrnehmung zugrunde liegenden aktivierten Neuronen selektiert und gespeichert. Im Resultat sind PS dynamisch: Da sie als ein assoziatives neuronales ←103 | 104→Muster aufgefasst werden, sind die Änderungen in den neuronalen Verbindungen bei den darauf folgenden Aktivierungen durchaus möglich: Die Zuführung von zusätzlichen PS in einen zusammenhängenden Bereich kann zur Rekonstruktion der ursprünglichen Patterns führen. Als schematische Konstrukte können PS ebenfalls vage sein: Die mentale Repräsentation eines Tigers zieht keinesfalls die Notwendigkeit mit sich, die genaue Anzahl der Streifen bestimmen zu können.

(iii)Perzeptuelle Symbole sind multimodal.

PS sind multimodal, d.h., in ihrem Entstehungsprozess können beliebige Aspekte der Erfahrung involviert sein. Sie entstehen auf der Grundlage der Wahrnehmungen verschiedener sensorischer Modalitäten (optischer, auditiver, olfaktorischer, gustatorischer und taktiler Sinnesmodalität), der Propriozeption (der Wahrnehmung der eigenen Körperbewegung und Körperlage im Raum) und der Interozeption (der Wahrnehmung von mentalen Zuständen). In jeder Modalität konzentriert sich die selektive Aufmerksamkeit auf ausgewählte Aspekte einer Erfahrung und speichert sie im Langzeitgedächtnis, wo sie als Symbole fungieren, auf. Im Resultat kann eine sensorische Wahrnehmung zur Etablierung zahlreicher PS in verschiedenen Gehirnarealen führen: Visuelle Symbole werden in visuellen Gehirnarealen gegründet, auditive Symbole in auditiven Gehirnarealen, propriozeptive Symbole in motorischen Gehirnarealen usw. Die neueren, auf Neuroimaging beruhenden Untersuchungsergebnisse legen dabei die Vermutung nahe, dass bestimmten Gehirnarealen eine besondere Rolle bei der Verarbeitung von bestimmten konzeptuellen Kategorien zukommt: Für die Kategorie ‚Tiere‘ sind beispielsweise visuelle Gehirnregionen, für die Kategorie ‚Werkzeug‘ motorische und sensomotorische Gehirnareale von besonderer Relevanz (Pulvermüller 1999; Rösler u.a. 1995). Neuropathologische Evidenz bestätigt diese Annahme: Falls sensorisch-motorische Gehirnareale beschädigt werden, spiegelt sich die Läsion in den Schwierigkeiten bei der konzeptuellen Verarbeitung innerhalb der Kategorien wider, bei deren Herausbildung diese Gehirnareale von größter Relevanz waren (Damasio/Damasio 1994; Gainotti u.a. 1995; Pulvermüller 1999).

 (iv)Simulatoren und Simulationen

Perzeptuelle Symbole existieren im Langzeitgedächtnis nicht unabhängig voneinander, verwandte PS werden in einem Simulator organisiert, der das kognitive System zur Konstruktion spezifischer Simulationen von nicht vorhandenen Entitäten oder Ereignissen befähigt. Die von einer Erfahrung abgesonderten PS werden in einen Frame integriert, der PS aus den früheren Erfahrungen beinhaltet: So entstehen z.B. beim Seitenanblick eines Autos PS visueller Art, beim Treten des Gaspedals werden kinästhetische und bei der Wahrnehmung des Motorgeräusches auditive PS erzeugt. Nach der Verarbeitung von vielen Wagen wird eine riesige Anzahl der multimodalen Informationen gespeichert, die bestimmt, wie man ein Auto sensorisch, introspektiv und propriozeptiv zu spüren bekommt: „The frame ‚car‘ contains extensive information of what it is like to experience this type of thing“ (Barsalou 1999: 586).

←104 | 105→Bezüglich der Funktionsweise von Simulatoren müssen dennoch einige Vorbehalte angemerkt werden: Erstens produzieren die Simulatoren immer partielle und schematische Simulationen. Während der Wahrnehmung extrahiert die selektive Aufmerksamkeit jeweils bestimmte PS, nie werden alle potenziell verfügbaren Informationen gespeichert. Bei der Rezeption eines Ausdrucks bestimmen z.B. kontextuelle Begebenheiten, welche der vielen im Simulator gesammelten Aspekte in die Simulation übernommen werden. Zweitens sind die Simulationen verschiedenartigen Verzerrungen ausgesetzt, so wie sie in der Gestaltpsychologie für die visuelle Perzeption beschrieben wurden. Drittens gehen die Simulatoren über eine rein erfahrungsbasierte Aufsammlung sensorischer Eindrücke hinaus, ihre Funktionsweise ist z.T. durch genetische Ausrüstung der Menschen bedingt:

Mechanism with strong genetic constraints almost certainly play central roles in establishing, maintaining, and running simulators. For example, genetic predispositions that constrain the processing of space, objects, movement, and emotion underlie the storage of perceptual symbols and guide the simulation process (…). Thus, a simulator is both a „rational“ and an „empirical“ system, reflecting intertwined genetic and experiential histories. (Barsalou 1999: 586)

Nach Barsalou (1999: 587) entsprechen also Simulatoren den Konzepten: Es ist das Wissen und die dieses Wissen begleitenden Prozesse, die einem Individuum eine adäquate Repräsentation einer Entität oder eines Ereignisses ermöglichen. Ein Simulator kann uneingeschränkt viele Simulationen produzieren, von denen jede eine spezifische Denkweise – Konzeptualisierung – widerspiegelt. „Whereas a concept represents a kind generally, a conceptualisation provides one specific way of thinking about.“ (ebd.)

So aufgefasste Simulatoren erklären auch die dynamische, auf die Körpererfahrung zurückgreifende Herangehensweise zum Problem der Kategorisierung:

If the simulator for a category can produce a satisfactory simulation of a perceived entity, the entity belongs to the category. If the simulator cannot produce a satisfactory simulation, the entity is not a category member. (Barsalou 1999: 587)

 (v)Frames

Ein großer Stellenwert kommt in der PPS-Theorie den Frames zu. Simulatoren werden nämlich durch Frames und Simulationen konstituiert. Unter Frames versteht Barsalou „an integrated system of perceptual symbols that is used to construct specific simulations of a category“ (Barsalou 1999: 590). In einem Frame werden zahlreiche Informationen gesammelt: Je häufiger eine Entität in der alltäglichen Erfahrung vorkommt, desto reichhaltiger ist der entsprechende Frame67.

←105 | 106→Barsalou (1999: 590) erklärt den Entstehungsprozess eines Frames AUTO anhand einer Illustration (Abb. 13). Ein Frame repräsentiert räumliche (spatial) und inhaltliche (content) Informationen separat (ebd.). Auf der ersten Ebene wird ein Objekt volumetrisch dargestellt (die schematische Gestalt in der Abb. 13.A oben). Auf der anderen Ebene werden bestimmte wichtige Subbereiche dieses Objektes (Autotür, Autoräder) repräsentiert, denen bei der Perzeption selektive Aufmerksamkeit zugekommen ist. Diese zusätzlichen Informationen stellen Spezialisierungen innerhalb des sich herausbildenden Frames dar: Die volumetrische Repräsentation stellt ein Gerippe eines Frames auf, das mit Spezialisierungen untermauert wird.

Bei der perzeptuellen Wahrnehmung eines anderen Autos ruft man die bereits gespeicherte mentale Struktur aus dem Langzeitgedächtnis ab und die Verarbeitung in einem Top-Down-Prozess wird eingeleitet. Gleichzeitig kommen weitere PS hinzu – in Abb. 13.B sind es beispielsweise eine Antenne und ein Tankverschluss. Die aus beiden Erfahrungen gewonnenen Informationen werden miteinander integriert und bilden die Basis zur Herausbildung eines car-Frames.

Abb. 13: Die Konstituierung eines Frames für ein Auto nach Barsalou (1999: 590). (A) Ein Beispiel für die Errichtung eines Anfangsframes nach der ersten Wahrnehmung eines Autoexemplars. (B) Evaluierung des Frames nach der Bearbeitung des zweiten Exemplars. (C) Konstruktion von einer Simulation von dem zweiten Exemplar aus dem Frame in Abb. 13B.

Die Abb. 13.C veranschaulicht, wie das kognitive System einen Frame zur Konstituierung einer spezifischen Simulation verwenden kann. Zuerst wird die allgemeine volumetrische Repräsentation samt aller Subregionen aktiviert. Ist die Simulation oberflächlich, dann beinhaltet sie ausschließlich die wichtigsten, bisher am häufigsten verarbeiteten Subregionen. In bestimmten kontextgeleiteten Situationen kann dennoch untergeordneten Subregionen ein besonderer Stellenwert bei der Konstituierung einer Simulation zukommen (vgl. die Produktivität).

An dieser Stelle muss hervorgehoben werden, dass bei der Konstituierung einer Simulation ein Frame nicht nur aufgerufen wird, sondern auch Modifikationen unterzogen werden kann:

During a simulation, processing is not limited to the retrieval of frame information but can also include transformation of it. Retrieved information can be enlarged, shrunk, stretched, and reshaped; it can be translated across the simulation spatially or temporally; it can be rotated in any dimension; it can remain fixed while the perspective on it varies; it can be broken into pieces; it can be merged with other dimensions. Other transformations are no doubt possible as well. (Barsalou 1999: 591)

Vor diesem Hintergrund schlagen Barsalou/Hale (1993) und Barsalou (1999) vier grundlegende Eigenschaften eines Frames vor: (i) predicates, (ii) attribute-value bindings, (iii) constraints, (iv) recursion. (i) Predicates entsprechen den unspezialisierten Frames, z.B. CAR (Door = x, Windows = y, …). (ii) Attribute-value bindings entstehen durch die Spezialisierungen von bestimmten Subbereichen in einer Simulation. Wenn verschiedene Spezialisierungen zu demselben Bereich ←106 | 107→auftauchen, ordnen sie unterschiedliche Werte (values) einem Attribut (attribute, slot) zu. Demzufolge werden genauere Informationen zu den Subregionen, z.B. zu dem Aussehen einer Autotür oder einer Autortürklinke aufgespeichert. (iii) Einschränkungen (constraints) entstehen durch assoziative Verbindungen zwischen zwei Spezialisierungen, die Individuen oder Subkategorien in einem Frame verbinden. Die Aktivierung einer Spezifizierung von einer bestimmten Autotür aktiviert die Spezialisierungen des entsprechenden Autos in anderen ←107 | 108→Bereichen (Autoräder, Autohaube), sodass das ganze Auto simuliert wird. (iv) Rekursionen (recursion) ergeben sich aus der Bildung von einer Simulation innerhalb eines bestehenden Simulators. Bei der ersten Wahrnehmung eines Autos könnte der Simulator bloß über eine äußerst schematische Simulation eines Autorads als eines kreisförmigen Autoteils verfügen. Erst durch die weiteren Simulationen bei den späteren Betrachtungen des Autos wird der Simulator um detailliertere Spezifizierungen zum Subbereich Autorad (Reifen, Radkappe) bereichert. Frames stellen bei der Simulation Hintergrund-Informationen zur Verfügung, die Framing unterstützen:

Frames offer a natural account of background dependent meaning. Foot, for example, is conceptualized differently when human is simulated in the background than when horse or tree is simulated. Because different perceptual symbols are accessed for foot in the context of different frames, simulations of foot vary widely. Similarly, different conceptualizations of red reflect different perceptual symbols accessed in frames for fire truck, brick, hair, and wine. (Barsalou 1999: 592)

(vi)Die Rolle der linguistischen Symbole

Bei der menschlichen Ontogenese wird die Herausbildung der PS durch die gleichzeitige Herausbildung der linguistischen Symbole begleitet68. Wie perzeptuelle Symbole stellen ebenfalls linguistische Symbole schematische Erinnerungen an wahrgenommene Entitäten dar, wobei es sich hier um gesprochene bzw. geschriebene Wörter (gemeint ist die Ausdrucksseite des sprachlichen Zeichens, der phonologische oder graphematische Pol einer sprachlichen Einheit) handelt. Linguistische Symbole, genau wie perzeptuelle Symbole, unterliegen den Mechanismen der selektiven Aufmerksamkeit, schematische Repräsentationen einzelner Erfahrungen werden zu einem Simulator überführt und stehen dann allen anderen Simulationen zur Verfügung (Barsalou 1999: 592).

Die Simulatoren für Wörter werden demnächst mit den Simulatoren für Objekte bzw. Ereignisse, auf die sie sich beziehen, assoziiert. Sobald die Simulatoren für Wörter an die Simulatoren für Konzepte gekoppelt werden, können sie die Kontrolle über Simulationen übernehmen:

(…) the productive nature of language, coupled with the links between linguistic and perceptual simulators, provides a powerful means of constructing simulations that go far beyond an individual’s experience. As people hear or read a text, they use productively formulated sentences to construct a productively formulated simulation that constitutes a semantic interpretation. (…) Conversely, during language production, ←108 | 109→the construction of a simulation activates associated words and syntactic patterns, which become candidates for spoken sentences designated to produce a similar simulation in a listener. Thus, linguistic symbols index and control simulations form a wide variety of useful perspectives. (Barsalou 1999: 592)

Die solche Eigenschaften aufweisenden perzeptuellen Symbole bilden die Grundlage unserer Kognition – das sog. basic conceptual system. Beachtenswert ist dabei, dass der PSS-Ansatz ebenfalls eine überzeugende Theorie zur Aufbewahrung des konzeptuellen Inhalts von abstrakten Begriffen, wie beispielshalber Emotionen liefert. PS umfassen nämlich alle Repräsentationsformate, darunter Introspektion und Propriozeption. Auch abstrakte Inhalte, wie z.B. Emotionen, können als PS aufbewahrt werden. Die Menschen verfügen beispielshalber über unmittelbares Erfahrungswissen darüber, was Ärger ist und wie er sich „anfühlt“, wobei sich dieses Wissen auf zwei Erfahrungsaspekte bezieht:

Ein zentraler Stellenwert kommt den perzeptuellen Symbolen für Introspektion zu, die die Speicherung der emotionalen Zustände ermöglichen. So wie gustatorische, visuelle, auditive u.a. Wahrnehmungen mental als PS Symbole in den entsprechenden Gehirnregionen repräsentiert werden, so werden auch introspektive Zustände wahrgenommen und als introspektive Symbole in den für Emotionen zuständigen Gehirnarealen aufbewahrt. Jeder Erwachsene hat wenigstens einmal im Leben die Basisemotion Ärger gespürt, dementsprechend verfügt er auch über direktes, erfahrungsbezogenes Wissen darüber, was der ärger ist und wie er sich „anfühlt“.

Von Bedeutung für die Konzeptualisierung von Emotionen und Gefühlen ist ebenfalls das Wissen von den Situationen, in denen sie auftauchen. Ärger wird z.B. typischerweise durch eine Sequenz von Ereignissen hervorgerufen, deren Kenntnis eine wichtige Voraussetzung zur Abhebung des Ärgers von anderen Emotionen bildet:

Ärger, das ist Konsens, wird ausgelöst durch die Bewertung, dass irgendetwas meinen Bedürfnissen und Motiven zuwiderläuft und dem Urteil, dass an diesem Zustand (in der Regel) ein anderer Mensch schuld ist, der mit seinem Verhalten gegen Standards und Normen verstößt. (Weber 1994: 34)

Diese Szenario-Informationen konstituieren den Frame des abstrakten Konzeptes mit, wobei das Ganze durch die selektive Aufmerksamkeit gesteuert wird: „An abstract concept is not the entire event simulation that frames it but is a focal part of it“ (Barsalou 1999: 600). Anders als in der CTM-Theorie von Lakoff/Johnson (1980), in der davon ausgegangen wird, dass sich abstrakte Begriffe über konzeptuelle Metaphern konzeptualisieren lassen, vertritt Barsalou einen Standpunkt, nach dem die Emotionen unmittelbar in einem entsprechenden Format – als PS für Introspektion – mental repräsentiert werden.

←109 | 110→

(vii)Kategorisierung, Inferenz, Propositionenbildung und Produktivität im Perceptual Symbol System

Sehr relevant und von Barsalou mehrmals betont wird die schematische Natur der PS, die immer durch ein Individuum unter dem Einfluss individueller Faktoren konstruiert und nicht einfach aufgenommen werden. Wie bereits erwähnt (Pkt. ii), besteht zwischen dem Repräsentierten und der mentalen Repräsentation kein Abbild-, sondern ein Konstruktionsverhältnis. PSS stellt somit ein interpretatives System dar. Dieses Merkmal hat weitreichende Folgen: Nur in einem konstruktiven, interpretativen System sind Operationen möglich, die die Gebundenheit der menschlichen Kognition an die Perzeption und der Sprache an das Hier und Jetzt aufheben. Zu diesen kognitiven Operationen zählt Barsalou (2012: 241) Kategorisierung, Inferenz, Propositionenbildung und Produktivität.

Während der Kategorisierung ordnet das kognitive System die neu wahrgenommenen einzelnen Objekte den konzeptuellen Wissenseinheiten zu: Das auf der Straße wahrgenommene Fahrzeug wird als auto kategorisiert. Die reine Kategorisierung ist noch nicht ausreichend, von Relevanz sind erst die Inferenzen, die sich aus dieser Zuordnung ergeben (Barsalou 2012: 241) und zahlreiche im LZG aufbewahrten Wissensbestände zu dieser Kategorie erschließen. Dementsprechend aktiviert die Kategorisierung Inferenzen, die sich auf das Artefakt auto und sein Aussehen, die von ihm gegebenen Geräusche, seine Funktionsweise usw. beziehen. Infolge der Kategorisierung entstehen Propositionen, die man in einer Vereinfachung als type-token Beziehungen beschreiben kann (Barsalou 2012: 242):

Categorizing an individual chicken, for example, creates a proposition that consists of the individual chicken (a token) being bound to the concept for chicken (a type). In text comprehension, similar type-token propositions arise as the meanings of words are combined. Hearing „Ralph is a chicken“, for example, produces the proposition, chicken (Ralph), where the notation used is type (token). As this example illustrates, chicken is a predicate that takes individuals as arguments, such as Ralph. (Barsalou 2012: 242)

Die schematische Struktur der perzeptuellen Symbole gewährleistet letzten Endes eine Eigenschaft, der seit der kognitiven Wende ein besonderer Stellenwert zukommt – die Produktivität der menschlichen Sprache und des menschlichen kognitiven Systems. Die Produktivität, unter der die Fähigkeit zur Konstruktion von unendlich vielen komplexen Repräsentationen anhand einer begrenzten Anzahl von Symbolen verstanden wird, befähigt den Menschen dazu, weitaus mehr konzeptuelle und linguistische Strukturen zu produzieren, als er direkt erfahren hat: Niemand hat eine Cheshire-Katze69 gesehen, trotzdem können sich viele eine grinsende Katze vorstellen (Barsalou 1999: 592).

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die PSS-Theorie eine überzeugende Modellierung der Struktur des konzeptuellen Pols von einer sprachlichen Einheit ←110 | 111→darstellt, die mit Annahmen des holistischen Ansatzes der Kognitiven Linguistik durchaus kompatibel ist. Das PSS rückt den Repräsentationsaspekt in den Vordergrund und beschreibt die mentalen Repräsentationen aus psychologischer Perspektive und unter Rückgriff auf andere Termini: Die Parallelen zwischen den Simulatoren und Konzepten, oder Simulationen und Konzeptualisierungen liegen dennoch auf der Hand.

Die mentalen Repräsentationen der Wissensstrukturen, auf die man bei Konzeptualisierungen zurückgreift, sind demnach multimodal, d.h. in unterschiedlichen Modalitäten aufbewahrt. Dies liefert eine Erläuterung für Phänomene, die mit den traditionellen amodalen Repräsentationsformaten nicht erklärbar sind, zugleich aber einen wesentlichen Bestandteil unserer täglichen Erfahrung ausmachen: Viele Menschen sind beispielsweise imstande, sich den Duft einer bestimmten Rosengattung zu merken und ihn unter ähnlichen Düften wiederzuerkennen, obwohl sie die beiden Gerüche nicht in propositionaler Form beschreiben könnten. Jeder hat wahrscheinlich Emotionen und Gefühle erfahren, die in ihrem schimmernden Wesen und allen subtilen Schattierungen kaum in Worte fassbar sind. Dasselbe bezieht sich auf andere, für den Alltag konstitutive Bereiche der menschlichen Erfahrung, denen bisher weniger Aufmerksamkeit in der Forschung gewidmet wurde: das Taktile, Gustatorische, Kinästhetische u.a. Einerseits beinhaltet das konzeptuelle System also viel mehr Informationen, als man in Worte fassen kann, weil nicht allen Konzepten Ausdrücke zugeordnet sind:

Viele Konzepte für körperliche Empfindungen, Gefühle oder Stimmungen, für Gesichtsausdrücke und Physiognomien, für Gerüche und Geschmäcker, für Melodien und Harmonien usw. sind kaum oder gar nicht in Worte zu fassen. Zum Beispiel kann eine verbale Beschreibung eines Gesichts nie auch nur annährend den visuellen Eindruck wiedergeben, den wir aufnehmen, kategorisieren und abspeichern und unter Hunderten herauskennen würden. Wörter können nie vollständig beschreiben, wie eine Apfelsine schmeckt, eine Nelke duftet oder eine Geige klingt. Insgesamt ist es plausibel anzunehmen, dass nur ein kleiner Teil unserer Konzepte sprachlich ausgedrückt werden kann. (Löbner 2003: 258)

Andererseits evozieren Ausdrücke mehr als Propositionen: Mentale Bilder, flüchtige Aktivierungen der olfaktorischen, taktilen, motorischen Empfindungen, Emotionen sind psychologisch real, bilden einen integralen Bestandteil der Sprachverarbeitung. Ein emotionaler Gehalt steckt in jeder Konzeptualisierung und deren Versprachlichung (Mazurkiewicz-Sokołowska 2014: 43), auch in den auf den ersten Blick neutralen Konzepten wie stuhl, auto, hund. Es ist kaum möglich, von Menschen zu sprechen, ohne ihre mentalen Bilder vor dem inneren Auge aufkommen zu lassen: Die Namen: Helmut Kohl, Angela Merkel, Charlie Chaplin oder der Mann meiner Nachbarin lösen unwillkürlich mentale Bilder ihrer Gesichter aus. Eine mentale Repräsentation bestimmter Gerüche und Geschmäcke bildet eine wichtige Komponente des Konzeptes weihnachten, das Konzept haus evoziert ein weitgehend individuelles mentales Bild (von einem Landhaus bis zu einer 3-Zimmer-Wohnung in einem Wohnblock) und Emotionen.

←111 | 112→Die enge Bindung der PSS an die körperliche menschliche Erfahrung liefert eine plausible Erklärung für die inter- und intraindividuelle Vagheit der Konzepte und Konzeptualisierungen (Simulatoren und Simulationen): Die Menschen können sich in ihren Erfahrungen mit Autos unterscheiden, gute oder gar keine Fahrer, begeisterte Autofreunde oder Autobenutzer ohne jegliches Technikverständnis sein. Zugleich weisen dennoch ihre Erfahrungen mit Autos, wenigstens innerhalb einer kulturellen Gemeinschaft, genügend gemeinsame Züge auf, dass die Kommunikation möglich ist70. Das so aufgefasste konzeptuelle System trägt ebenfalls der Dynamik und Anpassungsfähigkeit der menschlichen Kognition Rechnung: Mit jeder neuen Autogeneration ändern sich allmählich unsere Wahrnehmungen und in Folge unsere Simulationen von Autos, was in der lebenslangen Modifizierung der Simulatoren resultiert. Durch die Fülle der aufgespeicherten PS und die einordnende Funktion von Frames wird die PSS-Theorie ebenfalls der Kontextabhängigkeit gerecht: Die Konzeptualisierungen sind flexibel, tentativ. In Abhängigkeit vom gegebenen Kontext oder der Situation stehen z.B. entweder die visuellen, taktilen oder auditiven Eigenschaften des Autos im Vordergrund.

Die theoretischen Modellierungen, die annehmen, dass die kognitiven Prozesse, die in höhere kognitive Leistungen wie die Sprache involviert sind, in denselben Systemen wie die Perzeption, Motorik, Emotionen ihre Verankerung finden, werden durch die empirische Forschung untermauert. Es liegt neuro- und psycholinguistische Evidenz71 dafür vor, dass die neuronale Aktivität des Gehirns bei Sprachverarbeitung keinesfalls auf die Sprachzentren eingeschränkt ist, sondern ebenfalls die Gehirnregionen umfasst, die bei der Wahrnehmung von Belang waren: Bei der Verarbeitung der Nomen aus der Kategorie ‚Essen‘ sind die gustatorischen Gehirnareale aktiv, bei den mit Geruch assoziierten Begriffen – olfaktorische Bereiche (Rickheit/Weiss/Eikmeyer 2010: 110). Martin (2007) gibt einen Überblick über eine Reihe von neurologischen Untersuchungen an gesunden Probanden sowie den Patienten mit unterschiedlichen Gehirnläsionen, die sich hauptsächlich auf die mentalen Repräsentationen der Tiere sowie der menschlichen Artefakte (‚Werkzeuge‘) beziehen. Es steht fest, dass bei der Verarbeitung beider Kategorien andere Gehirnregionen aktiviert werden: Bei der Kategorie ‚Tiere‘ werden vor allem visuelle Gehirnareale aktiv, bei ‚Werkzeugen‘ sind es hauptsächlich die mit der Motorik verbundenen Regionen. Ebenfalls bei Gehirnschädigungen kann die Verarbeitung von beiden Kategorien separat gestört werden:

←112 | 113→

Evidence from functional neuroimaging of the human brain indicates that information about salient properties of an object — such as what it looks like, how it moves, and how it is used — is stored in sensory and motor systems active when that information was acquired. As a result, object concepts belonging to different categories like animals and tools are represented in partially distinct, sensory- and motor property-based neural networks. This suggests that object concepts are not explicitly represented, but rather emerge from weighted activity within property-based brain regions. However, some property-based regions seem to show a categorical organization, thus providing evidence consistent with category-based, domain-specific formulations as well. (Martin 2007: 25)

Außer der Neurolinguistik stellt ebenfalls die Psycholinguistik empirische Evidenz für die multimodale Natur der mentalen Repräsentationen zur Verfügung. Zwaan/Stanfield/Yaxley (2002) ließen die Versuchspersonen in einem psycholinguistischen Experiment folgende Sätze lesen:

The ranger saw an eagle in the sky.

The ranger saw an eagle in the tree.

Nach der klassischen amodalen Repräsentationstheorie unterscheiden sich die beiden Sätze, in der propositionalen Form dargestellt: [[SAW[RANGER,EAGLE]], [IN[EAGLE,SKY]]] und [[SAW[RANGER,EAGLE]], [IN[EAGLE,NEST]]], nur in der lokalen Angabe (ebd., 168). Der Adler, als ein abstraktes, amodales Konzept, sollte in beiden Sätzen eine ähnliche Form haben. Demgegenüber erkannten die Versuchspersonen das Bild eines Adlers mit ausgebreiteten Flügeln schneller, nachdem sie den ersten Satz gelesen haben, als nach dem Lesen des zweiten Satzes. Ähnliche Resultate erzielten die Forscher auch für andere Paare (das Ei im Kühlschrank und das Ei auf der Pfanne, der sitzende und der hüpfende Frosch, ein Laib Brot und eine Scheibe Brot). Die Ergebnisse deuteten sie als Beweis, dass die Rezipienten beim Sprachverstehen eine visuelle Simulation bilden, die stark durch die kontextuellen Informationen beeinflusst wird.

2.2.3 Mentale Bilder und Basisbegriffe in der Prototypensemantik von Rosch

Aufschlussreiche Einblicke in das Wesen des für die Sprache und Kognition grundlegenden Prozesses der Kategorisierung gewährt die Prototypensemantik von Eleanor Rosch (1975, 1976). In zahlreichen Experimenten stellt die amerikanische Psychologin unter Beweis, dass nicht alle Elemente einer Kategorie den gleichen Status aufweisen. Rosch und Mitarbeiter (1976) liefern Evidenz dafür, dass in der Taxonomie der Kategorien ein Niveau existiert, das aus der psychologischen, ontogenetischen und kommunikativen Perspektive Vorrang vor anderen Hierarchieniveaus hat. In den Untersuchungen bediente sich Rosch einer Taxonomie der Kategorien, die u.a. die in der Tabelle 3 zusammengestellten Begriffe umfasste.

Tab. 3:Taxonomie der Kategorien nach Rosch et al. (1976: 388, übers. und gekürzt von A. S.).

Übergeordnete EbeneBasisebeneUntergeordnete Ebene
BaumEiche

Birke
Erlenblättrige Eiche

Libanon-Eiche
MöbelTisch

Stuhl

Lampe
Büro-Arbeitstisch

Esstisch

Steintisch
MusikinstrumentGitarre

Geige

Piano
Akustische Gitarre

Hawaiigitarre

Resonatorgitarre
TierHund

Katze
Schäferhund

Dackel
WerkzeugHammer

Säge
Spitzhammer

Gummihammer

Sickenhammer

←113 | 114→Ein aus psychologischer Perspektive besonderer Status kommt dabei dem mittleren Niveau, das Rosch Basisebene nennt:

In general, the basic level of abstraction in a taxonomy is the level at which categories carry the most information, possess the highest cue validity, and are, thus, the most differentiated from one another. (Rosch et al. 1976: 383)

Von dem besonderen Status der Basisebene zeugt die Tatsache, dass sich die Kleinkinder zuerst die auf diesem Niveau liegenden Begriffe wie hund, Katze, Tisch, Stuhl aneignen: Die Kategorisierung auf der Basisebene wird bis zum 3. Lebensjahr beherrscht (Lakoff 1987: 49, Langacker 1987: 48). Den Begriffen der höheren Ordnung wie tier, möbel sowie den Begriffen der niedrigeren Ordnung wie dackel, perserkatze, schaukelstuhl kommt sowohl in der Ontogenese als auch in der Kommunikation eine untergeordnete Rolle zu: Sie werden später erworben und weisen eine niedrigere Frequenz auf. Ebenfalls aus der wahrnehmungspsychologischen Perspektive kommt den Basisbegriffen eine besondere Funktion zu: Es ist ein Niveau, auf dem die Kategorisierung durch ganzheitliche Wahrnehmung – ohne Analyse der distinktiven Eigenschaften – determiniert wird. Lakoff (1987: 46) führt unter Verweis auf Rosch u.a. (1976) folgende Eigenschaften für die Begriffe der Basisebene an:

  (i)Es ist die höchste Ebene, auf der die wahrgenommenen Kategorienelemente ähnliche Formen aufweisen.

 (ii)Es ist die höchste Ebene, auf der das mentale Bild die ganze Kategorie widerspiegeln kann.

(iii)Es ist die Ebene, auf der die Probanden die Kategorienelemente am schnellsten identifizieren.

 (iv)←114 | 115→Es ist die erste Ebene, die sich die Kinder im Spracherwerb aneignen und die ins Lexikon einer Sprache in der ersten Reihe Eingang findet.

 (v)Es ist die Ebene mit den kürzesten Grundlexemen.

(vi)Es ist die Ebene, deren Namen im neutralen Kontext aufgeführt werden. Der Satz Auf der Veranda sitzt ein Hund kann im neutralen Kontext aufgeführt werden, während die Sätze Auf der Veranda sitzt ein Säugetier und Auf der Veranda sitzt ein rauhaariger Foxterrier besonderer Kontexte bedürfen.

(vii)Es ist die Ebene, auf der die Mehrheit unseres Wissens organisiert wird.

Die Entdeckung der Basisebene ist für weitere Ausführungen aus zwei Gründen wichtig: Zum einen verweist sie darauf, dass die wichtigsten Kategorien in Anlehnung an die Strukturen entstehen, die zur Sphäre unserer körperlichen Erfahrung gehören. Die Kategorisierung auf der Basisebene ist durch allgemeine Gestalt und eventuelle motorische Interaktion gekennzeichnet, woraus sich der zweite Grund ergibt: Es ist die Ebene, auf der man mühelos mentale Bilder generieren kann. Während man sich nur schlecht vorstellen kann, wie ein Werkzeug, Tier oder Musikinstrument aussieht oder wie man mit diesen Gegenständen in Kontakt treten könnte, bereitet die Evozierung des mentalen Bildes auf der Basisebene keine Schwierigkeiten, auch wenn sich die Menschen in ihren Bildern wesentlich unterscheiden können. Es ist bemerkenswert, dass die nominalen Begriffe in der überwiegenden Mehrheit der Phraseologismen auf der Basisebene angesiedelt sind72 (den Hammer fallen lassen, zwischen Hammer und Amboss, eine Schraube ohne Ende, jmdn. in der Zange haben).

←115 | 116→

2.2.4 Vorstellungsschemata von Johnson

In diesem Unterkapitel wird auf mentale Strukturen eingegangen, die am Schnittpunkt zwischen mehreren Themenbereichen liegen (Embodiment, Repräsentationsmodi, Metapherntheorie), wegen ihrer Abstraktheit schwer erfassbar sind, dennoch einen wichtigen Ankerpunkt für das ganze konzeptuelle System bilden (vgl. Hampe 2005). Es handelt sich um image schemas (dt. Vorstellungsschemata, Bildschemata), die als Terminus und Modell 1987 von Johnson in die kognitiv ausgerichtete Forschung eingeführt wurden.

Unter image schemas werden die in der frühesten Kindheit herausgebildeten mentalen Strukturen verstanden, die sich in der rekurrenten Interaktion mit der umgebenden Welt entfalten und zur Kohärenz und Struktur menschlicher Erfahrungen einen grundlegenden Beitrag leisten:

An image schema is a recurring dynamic pattern of our perceptual interactions and motor programs that gives coherence and structure to our experience. (Johnson 1987: xiv)

Image schemas sind tief embodied, an die Beschaffenheit unseres Körpers gebunden, in Sinneswahrnehmungen, perzeptuellen Interaktionen und sensomotorischen Abläufen verankert, was Johnson u.a. am Beispiel des image schemas balance (gleichgewicht) veranschaulicht:

It is crucially important to see that balancing is an activity we learn with our bodies and not by grasping a set of rules or concepts. First and foremost, balancing is something we do. The baby stands, wobbles, and drops to the floor. It tries again, and again, and again, until a new world opens up – the world of the balanced erect posture. There are those few days when the synapse connections are being established and then, fairly suddenly, the baby becomes a little homo erectus. Balancing is a preconceptual bodily activity that cannot be described propositionally by rules. As Michael Palanyi has argued, you cannot tell another what steps to take to achieve the balanced riding of a bicycle. (Johnson 1987: 74)

Image schemas bilden somit grundlegende Strukturen von einem ganzheitlichen Charakter, „inkorporierte Muster sensomotorischer Körpererfahrungen“ (Jäkel 2003: 288) von einem sehr hohen Schematizitätsgrad. Zu ihrer Darstellung bedient man sich – zur Not – der Propositionen oder schematischer Bilder, man muss sich aber dessen bewusst sein, dass sie nur als Behelfsmittel fungieren. Image schemas – als gestalthafte Strukturen – integrieren nämlich unterschiedliche Sinnesmodalitäten. Obgleich die erste Komponente image (Bild) auf ihren bildhaften Charakter verweist, sind sie nicht ausschließlich an visuelle Modalität gebunden (Johnson 1987: xx, Hampe 2005: 1): Vorstellungsschemata sind in ihrer Natur weder propositional noch bildhaft, sie sind cross-modal und liegen der menschlichen Fähigkeit zugrunde, „to share activation contours across perceptual modalities“ (Rohrer 2005: 168). In der neueren psychologischen (Mandler 2005) und neurolinguistischen ←116 | 117→(Rohrer 2005) Fachliteratur wird der prozessuale Charakter der image schemas unterstrichen:

An image schema might be a particular pattern of neural activations in a neural map of pitch, say something corresponding to the musical scale in sequence (do-re-mi-fa-so-la …). From such an example we can see that image-schemas patterns are not temporally static, but take place in and through time. The musical scale is a sequence of activity in time; hearing an ascending pitch scale causes us to anticipate its next step. Given those first six notes, we sense its next step – ti – and expect the pattern to continue. The temporal character of image schemate creates the possibility of a normal pattern completion, which in turn serves as the felt basis for their inferential capacity. Image schemata are thus temporally dynamic in the sense that once they are triggered, we tend to complete the whole perceptual contour of the schema. (Rohrer 2005: 168–169)

Als grundlegende Vorstellungsschemata werden von Johnson (1987: 126) und Lakoff (1987: 267) folgende image schemas angesehen73:

containment/container

path/source-path-goal

link

part-whole

center-periphery

balance74

Diese gestalthaften Strukturen beeinflussen dann wesentlich die Konzeptbildung und bieten einen Ansatzpunkt für weitere Konzeptualisierungen:

Image schemas constitute a preverbal and pre-reflective emergent level of meaning. They are patterns found in the topologic neural maps we share with other animals, though we as humans have particular image schemas that are more or less peculiar to our types of bodies. (Johnson/Rohrer 2007: 30)

So stellt das image schema path (weg) und seine inhärenten Eigenschaften: Punkt A, Punkt B, Direktionalität, zeitlicher Ablauf eine präkonzeptuelle Grundlage für die Konzeptualisierung vieler Abstrakta: Als Wege werden u.a. Vorgehensweisen, Fortschritt, Handeln, Führung, Zeit, Karriere und Leben konzeptualisiert (vgl. Baldauf 1997: 151). Das Vorstellungsschema container (behälter) mit seiner Innen-Außen-Dichotomie beeinflusst sowohl die Konzeptualisierungen von ←117 | 118→Präpositionen (in die Schule gehen, aus der Schule zurückkehren) als auch die Art und Weise, wie wir unseren Körper, unsere Emotionen, Gefühle und Sprache konzeptualisieren: körper ist behälter; gefühle, emotionen, gedanken, wörter sind entitäten in diesem behälter. Die image schemas stellen damit einen wichtigen Ankerpunkt für viele konzeptuelle Metaphern von einem großen Generalitätsgrad dar, vgl. z.B. bildschematische Metaphern von Baldauf (Unterkap. 2.3.4.2.5).

Die Eigenschaften der Vorstellungsschemata werden von Johnson/Rohrer folgendermaßen zusammengefasst:

Image schemas can be characterized more formally as:

(1)recurrent patterns of bodily experience,

(2)„image“-like in that they preserve the topological structure of the perceptual whole, as evidenced by pattern-completion,

(3)operating dynamically in and across time,

(4)realized as activation patterns (or „contours“) in and between topologic neural maps,

(5)structures which link sensimotor experience to conceptualization and language and

(6)structures which afford „normal“ pattern completions that can serve as a basis for inference. (Johnson/Rohrer 2007: 37)

2.2.5 Verbildlichung bei Langacker

Abschließend wird auf die Rolle der Bildhaftigkeit in der Grammatik verwiesen. Den bildhaften Charakter semantischer und grammatischer Strukturen hebt Langacker (1991, 2008) in seiner Kognitiven Grammatik nachdrücklich hervor. Wie bereits im Kap. 2.1.5.3 dargestellt, sind die Bedeutungen mit den Konzeptualisierungen gleichgesetzt:

Linguistic meaning resides in conceptualization, which I have so far characterized as being dynamic, interactive, imagistic (as opposed to propositional), and imaginative (involving metaphor, blending, fictivity, and mental space construction). (Langacker 2008: 43)

Die Bedeutung umfasst dabei zwei Aspekte: den konzeptuellen Inhalt (conceptual content) und eine spezifische Art und Weise, wie dieser Inhalt konstruiert wird (construal). Der konzeptuelle Inhalt kann in Bezug auf Repräsentationsformen multimodal sein, bei dem construal, d.h. der interpretativen Konstruktion einer Konzeptualisierung wird aber unwillkürlich auf Phänomene zurückgegriffen, die mit den visuellen Mustern zusammenhängen. Langacker bedient sich der Metapher der Szenenbetrachtung, um dies verständlich zu machen:

←118 | 119→

An expression meaning is not just the conceptual content it evokes — equally important is how that content is construed. As part of its conventional semantic value, every symbolic structure construes its content in a certain fashion. It is hard to resist the visual metaphor, where content is likened to a scene and construal to a particular way of viewing it. Importantly, CG does not claim that all meanings are based on space or visual perception, but the visual metaphor does suggest a way to classify the many facets of construal, if only for expository purposes. In viewing a scene, what we actually see depends on how closely we examine it, what we choose to look at, which elements we pay most attention to, and where we view it from. The corresponding labels I will use, for broad classes of construal phenomena, are specificity, focusing, prominence, and perspective. (Langacker 2008: 55)

Als erste Verbildlichungsdimension wird also ein graduierbarer Spezifizierungsgrad (level of specificity, granularity, resolution) angesehen, d.h. „the level of precision and detail at which a situation is characterized“ (Langacker 2008: 55). Diese Dimension kommt beispielsweise in semantischen Hierarchien deutlich zum Ausdruck: thing→object→tool→hammer→claw hammer (Langacker 2008: 56).

Die zweite Dimension bildet focusing: Aus der Fülle der im konzeptuellen Inhalt gesammelten Informationen werden diejenigen fokussiert, die in einem bestimmten Kontext von Relevanz sind. Fokussierung beinhaltet die foreground/background-Orientierung. Die in den Vordergrund gerückten Inhalte sind auffälliger als diejenigen, die den Hintergrund bilden.

Prominenz (prominence auch salience genannt) hängt damit zusammen, dass die interpretative Konstruktion (construal) asymmetrisch ist. Diese Dimension ist an die Trajektor- und Landmark-Unterscheidung gebunden: have a parent und have a child aktivieren dieselben konzeptuellen Inhalte, die Konzeptualisierungen unterscheiden sich aber in der Direktionalität. Die Konzeptualisierungen sind somit von Natur aus asymmetrisch. Das, was in den Vordergrund gerückt wird, hat immer eine höhere Salienz als die Hintergrundinformationen.

Die Perspektive stellt die letzte Verbildlichungsdimension dar und umfasst mehrere Aspekte wie Orientierung, Standpunkt und Blickwinkel (die Position, aus der die Szene beobachtet wird), Gerichtetheit und Objektivität.

Dabei stellt die Bildhaftigkeit nicht nur ein Merkmal des Lexikons dar, bildhaft ist auch die Grammatik, die konventionalisierte Mittel für die Strukturierung und sinnbildliche Darstellung des konzeptuellen Inhaltes bietet (Langacker 1991b: 12). Dieselbe Szene kann mithilfe von verschiedenen Mitteln beschrieben werden, infolge deren unterschiedliche Bilder entstehen:

The symbolic resources of a language generally provide an array of alternative images for describing a given scene, and we shift from one to another with great facility, often within the confines of a single sentence. (Langacker 1991b: 12)

Da die vorliegenden Untersuchungen primär semantisch ausgerichtet sind, wird auf eine detaillierte Beschreibung der Rolle der Verbildlichung in der Grammatik nicht eingegangen. An dieser Stelle ist es nur erwähnenswert, dass die ←119 | 120→Perspektivierung für die Erklärung der in der Phraseologie häufigen Variationen in den Aktionsarten herangezogen werden kann, vgl.

ingressiv: den Karren/die Karre in den Dreck fahren

durativ: die Karre/den Karren im Dreck stehen lassen

egressiv: die Karre/den Karren aus dem Dreck ziehen

2.2.6 Zusammenfassung und Ausblick

Der Kognitiven Linguistik liegt ein komplexes Bild eines in die Interaktion mit der Umwelt involvierten Menschen zugrunde. Kognitive und sprachliche Prozesse vollziehen sich nicht in einer Welt der abstrakten, symbolischen Repräsentationen, sondern sind von der Sensorik, Motorik und dem zeitlichen Geschehen in der Außenwelt abhängig: Körperliche und perzeptuelle Zustände stellen die Grundlage der Sprache dar (Rickheit/Weiss/Eikmeyer 2010: 103).

Besonders viel Aufmerksamkeit wird dabei der Rolle der analogen Repräsentationen75 gewidmet:

Cognitive linguists incline to imagistic accounts (…). … images seem particularly well suited (and formulas unsuited) for certain aspects of conception. Central to the concept of a trumpet, for instance, is a visual image of its shape, as well as an auditory image of its sound. (Langacker 2008: 32)

Auch wenn sich nicht alle Forscher explizit mit der Frage auseinandergesetzt haben, in welchem Repräsentationsformat die konzeptuellen Strukturen aufbewahrt werden, so spielen doch anschauliches Denken und die dahinter stehenden die analogen Strukturen von verschiedenem Schematizitätsgrad in zahlreichen kognitiven Sprachtheorien eine wichtige Rolle. Auf den fundamentalen Status und die analoge, gestalthafte Struktur der Begriffe der Basisebene verweist Rosch (1976), ebenfalls die image schemas von Johnson (1987) sowie Perspektive, Profilierung und Scanning bei der Bedeutungskonstituierung von Langacker (1987, 2008) setzten die Existenz konzeptueller Strukturen von einem analogen Charakter voraus.

Die neuesten Ansätze der Grounded Cognition gehen von der Annahme aus, dass jede Erfahrung zum Aufbau des konzeptuellen Systems eines Menschen einen Beitrag leistet. Dabei konstruieren diese Erfahrungen multimodale Repräsentationen: sensorische, motorische, introspektive, propriozeptive, affektive perzeptuelle Symbole, die dann – zu Simulatoren zusammengefügt – konzeptähnliche Strukturen von multimodaler Struktur bilden. Von größter Bedeutung ist der konstruktivistische Charakter dieser Repräsentationen: Zwischen dem Repräsentierten und der mentalen Repräsentation besteht kein Abbild-, sondern ←120 | 121→ein Konstruktionsverhältnis, wodurch interpretative Operationen wie Kategorisierung, Bildung der Inferenzen oder Propositionen durchaus möglich sind und die Produktivität der Sprache gewährleisten. Der sprachliche Ausdruck (der phonologische Pol einer sprachlichen Einheit) reaktiviert den konzeptuellen Pol, also perzeptuelle, motorische, introspektive, körperliche, affektive Zustände und ermöglicht die Simulation aus den für eine konkrete kommunikative Situation wichtigen Wissensbeständen. Die Konzeptualisierungen sind demnach nicht nur dynamisch und tentativ, sondern auch multimodal.

Die skizzenhaft umrissenen Ansätze gewähren uns Einblick in die Natur der phraseologischen Bildhaftigkeit. Die literale Lesart der meisten Idiome ist auf der Basisebene angesiedelt, was zahlreiche Konsequenzen mit sich bringt: Die Idiomkonstituenten weisen im alltäglichen Sprachgebrauch hohe Frequenz auf, haben deswegen eine ausgebaute kognitive Struktur (das Prinzip der Rekurrenz) und evozieren unwillkürlich mentale Bilder, die – aufgrund unterschiedlicher Erfahrungen – individuelle Eigenschaften aufweisen können. Auch wenn die mentalen Bilder im normalen Sprachfluss äußerst flüchtig sind und möglicherweise nur minimal über der Bewusstseinsschwelle liegen, so sind sie doch vorwiegend an die literale Lesart gebunden, aktivieren die mit der literalen Lesart verbundenen Wissensstrukturen und tragen zur jeweiligen Konzeptualisierung bei.

2.3 Metapher und Metonymie als kognitive Prozesse

Spricht man von Metapher und Metonymie, dann muss auf die Vielfalt der Forschungstraditionen verwiesen werden (Dobrzyńska 1992: 232), aus deren Koexistenz sich unterschiedliche Auffassungen der beiden Begriffe ergeben. In der klassischen Auffassung werden Metapher und Metonymie als Ausdruck poetischer Kreativität oder eine rhetorische Ausnahmeerscheinung verstanden, als Phänomene also, die auf der sprachlichen Ebene angesiedelt sind. Die kognitive Auffassung der Metapher und Metonymie war lange Zeit durch die konzeptuelle Metapherntheorie geprägt, deren Autoren – Lakoff und Johnson (1980) – anhand zahlreicher Belege von der Omnipräsenz der konzeptuellen Metaphern in der Sprache und in der Kognition überzeugen. Die modernen kognitiven Ansätze (vgl. z.B. Barcelona 2003, Croft 2003, Dancygier/Sweetster 2014, Goosens 2003, Spieß/Köpcke 2015, Taylor 2003) versuchen der Mannigfaltigkeit der beiden Mechanismen Rechnung zu tragen: Die als Metapher und Metonymie bezeichneten Mechanismen sind komplex und unterscheiden sich in ihrer Festigkeit, ihrem Generalitätsgrad, in der kognitiven Funktion und dem Kreativitätsgrad, woraus sich verschiedene Typen ergeben. Grundsätzlich wird dennoch davon ausgegangen, dass sich beide Mechanismen auf einer konzeptuellen Ebene vollziehen und als Mappings – mentale Verbindungen von zwei konzeptuellen (Sub-)Strukturen – verstanden werden.

Es ist auch erwähnenswert, dass der Metapher lange Zeit wesentlich mehr Aufmerksamkeit als der Metonymie geschenkt wurde, woraus die Überzahl der Literatur und der Theorien zum Thema Metapher resultiert. Diese Überzahl kann dennoch nicht als Überlegenheit gedeutet werden: Metonymie gilt heutzutage als ←121 | 122→ein für die Sprache und Kognition genauso wichtiger kognitiver Mechanismus wie die Metapher (Barcelona 2003: 215, Feyaerts 1999: 173, Spieß/Köpcke 2015: 3), manche Forscher weisen ihr sogar eine grundlegendere Rolle zu (vgl. Barcelona 2003: 215, Dancygier/Sweetster 2014: 4, Panther/Radden 1999: 1).

Generell können Metonymie und Metapher als fundamentale Mechanismen der Bedeutungserweiterung definiert werden, die dafür verantwortlich sind, dass eine Grundbedeutung zu einer erweiterten, polysemen Bedeutung ausgeweitet wird:

Metaphor and metonymy figure prominently in most discussions of meaning relations as the primordial mechanism of semantic extension from a ‚basic‘ or ‚root‘ meaning to an ‚extended‘ or ‚polysemous‘ one. (Riemer 2003: 380)

Den großen Wirkungsskopus dieser Mechanismen drückt René Dirven vor dem Hintergrund der neueren Theorien (etwas überspitzt) mit der Bibelparaphrase aus: „At the beginning was the word, and then came metonymy and metaphor“ (Dirven 2003a: 38). Im Folgenden werden Metapher und Metonymie vor allem aus der Perspektive der Kognitiven Linguistik im Rahmen des sog. Zwei-Domänen-Ansatzes beschrieben. Nach dem kurzen Umriss der klassischen Auffassung von Metapher und Metonymie wird auf die konzeptuelle Metapherntheorie (CTM-Theorie) von Lakoff und Johnson (1980) eingegangen, die – einigen Revisionen und Erweiterungen unterzogen – einen wichtigen Ausgangspunkt für die moderne, kognitiv ausgerichtete Auffassung der beiden Prozesse bildet. In den Fokus des Interesses werden des Weiteren die Probleme bei der Definierung von Metapher und Metonymie gerückt, die sich (i) aus den von Natur aus verschwommenen und offenen Domänengrenzen und der Abhängigkeit der Metapher und Metonymie von individuellem und kontextuellem Wissen sowie (ii) aus den Interaktionen zwischen Metapher und Metonymie ergeben.

2.3.1 Metapher und Metonymie in der traditionellen Auffassung

Die klassische Auffassung der Metapher und Metonymie als tropischer Figuren, die für den künstlerischen Umgang mit der Sprache charakteristisch sind, ist auf Aristoteles zurückzuführen. Metapher (z.B. Achilles ist ein Löwe) wird dabei als ein stilistisches Mittel betrachtet, das auf der Ähnlichkeits- bzw. Analogiebeziehung aufbaut: Aristoteles (Poetik, Kap. 21) betrachtet die Metapher als „die Übertragung eines Wortes (…) nach den Regeln der Analogie.“ Das Alter steht demnach in einem analogen Verhältnis zum Leben, wie der Abend zu dem Tag; der Dichter nennt also den Abend ‚Alter des Tages‘, oder, wie Empedokles, das Alter ‚Abend des Lebens‘ bzw. ‚Sonnenuntergang des Lebens‘ (ebd.). Ein Sachverhalt wird also aufgrund von Ähnlichkeitsbeziehungen (tertium comparationis) mit Ausdrücken eines anderen thematischen Bereiches benannt und erhält dadurch eine spezifische Motivationsbedeutung (Munske 2015 [1993]: 109). Da das tertium comparationis nicht explizit benannt wird, eröffnet metaphorischer Gebrauch einen breiten interpretativen Spielraum (ebd.). Lakoff fasst zusammen:

←122 | 123→

The word „metaphor“ was defined as a novel or poetic linguistic expression where one or more words for a concept are used outside of their normal conventional meaning to express a „similar“ concept. (Lakoff 1993: 202)

Die so verstandene Metapher wird hauptsächlich als ein sprachliches Phänomen aufgefasst. Pajdzińska (1991: 131) definiert sie – dieser Tradition folgend – als „Verstoß gegen die Sprachregeln, der einen Empfänger zur sinnbildenden Kooperation zwingt.“76 Auf ähnliche Aspekte verweist Dobrzyńska (1992: 233):

Die Metapher ist eine Ausdruckweise eines im Begriffsrahmen eines Kodes nicht enthaltenen Sinnes. Der Sender setzt voraus, dass der Mitteilungsempfänger die Haltung annimmt, die von H.P. Grice einst als Kooperationseinstellung bezeichnet wurde und dass er im Stande sein wird, einen wenigstens vom Originalsinn des Senders nicht weit entfernten Sinn herzustellen.77 (Dobrzyńska 1992: 233, übers. von A. S.)

Metonymie stellt in der klassischen Auffassung ein Beispiel für eine Ersatzrelation78 in der Sprache dar. Die Ausweitung der Bedeutung beruht nicht auf der Ähnlichkeits-, sondern auf der Kontiguitätsbeziehung, X steht für Y, wobei zwischen X und Y ein Zusammenhang besteht, so wie in dem folgenden Beispiel:

The ham sandwich is waiting for his check.

in dem sich ham sandwich auf den Kunden, der diese Speise bestellt hat, bezieht.

Die Auffindung der Metonymien im Sprachgebrauch ist wesentlich schwieriger als es bei Metaphern der Fall ist: Es handelt sich hier um die Sinnberührung (Ullmann 1972), um Übertragungen innerhalb thematischer Zusammenhänge (Munske 2015 [1993]: 111). In der traditionellen Rhetorik wird die Metonymie als eine Figur bezeichnet, in der

(…) the name of one entity e1 is used to refer to another entity e2, which is contiguous to e1. This process of transferred reference is possible in virtue of what Nunberg (1978) calls a ‘referring function’. There is a referring function which permits the name of a container to refer to the contents of the container, as when we say The kettle’s boiling. ←123 | 124→Similarly, a referring function permits the name of a producer to refer to the product (Does he own any Picassos?; Dickens is on the top shelf). (Taylor 2003: 324)

Eine besondere Spielart der Metonymie, die traditionell zur Sprache gebracht wird, stellt die Synekdoche dar, die als eine Pars-pro-toto (Teil für das Ganze) Beziehung, z.B. She is just a pretty face oder eine Genus-Spezies-Relation definiert wird. Die klassische Rhetorik unterscheidet dabei eine generalisierende (Genus für Spezies, totum pro parte) und eine partikularisierende (Spezies für Genus, pars pro toto) Synekdoche (Munske 2015 [1993]: 114).

Einen interessanten Zwischenschritt zwischen der traditionellen und kognitiven Auffassung der Metapher und Metonymie stellt ein kurzer Beitrag von Roman Jakobson dar. Bereits 1956 bezeichnet er die Ähnlichkeitsrelation der Metapher und die Kontiguitätsrelation der Metonymie als zwei grundlegende Prinzipien, die das menschliche Handeln79 strukturieren und siedelt sie an der paradigmatischen und der syntagmatischen Sprachebene an. Seiner Zeit voraus80 ist vor allem die Bemerkung, dass sowohl Metapher als auch Metonymie ein Kontinuum bilden (Jakobson 2003 [1956]: 46–47) und keine absoluten Größen sind – eine Hypothese, die in der gegenwärtigen Forschung auf große Resonanz stößt und empirisch untermauert wird (Barcelona 2000, 2003; Croft 2003; Dirven 2003b; Radden 2003). Dirven (2003b: 77) veranschaulicht die Beziehung zwischen derart verstandener Metapher und Metonymie und den paradigmatischen und syntagmatischen Sprachebenen anhand folgenden Schemas (Abb. 14):

Abb. 14: Metapher und Metonimie auf der paradigmatischen und syntagmatischen Achse (Dirven 2003b: 77).

←124 | 125→In den letzten drei Jahrzehnten hat sich die Auffassung der Metapher und Metonymie unter dem Einfluss der konzeptuellen Metapherntheorie von Lakoff und Johnson (1980) wesentlich erweitert. Lakoff und Johnson führen in ihrem programmatisch betitelten Buch Metaphors We Live By (1980) zahlreiche Beispiele dafür heran, dass die Metapher keineswegs als ein ausschließlich schöpferisches, einmaliges Sprachphänomen interpretiert werden kann, sondern das sie ebenfalls in der Alltagssprache präsent ist. Die sprachlichen Ausdrücke wie be-greifen, Geld anlegen, Die Inflation steigt sind metaphorisch, auch wenn dies aufgrund der Konventionalisierung erst bei genauerer Betrachtung auffällt. Die Begründer der CTM-Theorie gehen des Weiteren davon aus, dass die Metapher nicht nur die Sprache, sondern auch das Denken und Handeln81 beeinflusst (Lakoff/Johnson 2000 [1980]: 11). Die konzeptuelle Metapher ist somit:

[in the cognitive linguistic view metaphor is] only derivatively a linguistic phenomenon. It exists in language only because it exists in the body/brain and thought. Linguistic metaphors (i.e. metaphors in language) are expressions of metaphorical concepts in the brain’s conceptual system. (Kövecses 2005: 21)

Weitere Charakteristika der konzeptuellen Metaphern werden im Folgenden in Anlehnung vor allem an Lakoff/Johnson (1980) und Lakoff (1993) kurz umrissen und diskutiert.

2.3.2 Grundzüge der konzeptuellen Metapherntheorie von Lakoff/Johnson

Die Entdeckung der konzeptuellen Metapher führt man hauptsächlich auf die bahnbrechende Publikation von Lakoff und Johnson zurück, die auf große ←125 | 126→Resonanz stieß und in den folgenden Jahren einen wichtigen Impuls zur Entwicklung der Kognitiven Linguistik ausmachte. Den Ausgangspunkt der Theorie bildet die bereits erwähnte These von der Allgegenwärtigkeit metaphorischer Ausdrücke in der Alltagssprache. Die richtungsweisende Wirkung dieser Festlegung ist vor dem Hintergrund des in den 80er Jahren des 20. Jh. vorherrschenden Generativismus gut sichtbar. Dazu schreibt Tabakowska:

Die Kognitive Linguistik entstand in der Opposition zu den generativen Grammatiken, die – nach der Meinung der Kognitivisten – so fortgeschrittenen Formalisierung- und Abstraktionsgrad erreichten, dass sie die lebendige Sprache kaum wahrnehmen konnten. Den Generativisten wird vorgeworfen, dass sie nur prototypische Strukturen beschreiben können, die lediglich einige Prozent aller in der authentischen Kommunikation gebrauchten Strukturen ausmachen. (Tabakowska 1990: 90, übers. von A. S.)82

Der Generativismus fasste Metaphern, Metonymien und figurative Sprache als peripheres Sprachphänomen, eine Ausnahmeerscheinung auf. Der Publikation von Lakoff und Johnson ist dagegen zu verdanken, dass Metapher und Metonymie nicht mehr als Randerscheinungen des menschlichen Geistes, sondern als für Sprache und Denken konstitutive Prozesse, als wichtiger Bestandteil menschlicher Sprachkompetenz betrachtet werden. Dies wurde schnell von anderen Forschern aufgegriffen: 1987 räumt Langacker in Foundation to Cognitive Grammar. Theoretical Prerequisites diesbezüglich Folgendes ein:

Figurative language is generally ignored in current theories; at best it is handled by special, ad hoc descriptive devices. Yet it would be hard to find anything more pervasive and fundamental in language, even (I maintain) in the domain of grammatical structure; if figurative language were systematically eliminated from our data base, little if any data would remain. (Langacker 1987: 1)

Von Relevanz war ebenfalls der Verweis auf den kategorialen Charakter der metaphorischen Ausdrücke, die in den meisten Fällen nicht isoliert/zufällig vorkommen, sondern bestimmte Kategorien bilden. Dies hängt damit zusammen, dass die metaphorischen Ausdrücke als sprachliche Manifestationen einer konzeptuellen Metapher zu betrachten sind. So wird die konzeptuelle Metapher zeit ist geld in sprachlichen, weitgehend konventionalisierten Ausdrücken wie Zeitverschwendung, Zeit sparen, dafür ist mir meine Zeit zu kostbar, keine Zeit verlieren, jmdm. die Zeit stehlen, eine Zeit raubende Arbeit sprachlich realisiert.

←126 | 127→Die konzeptuelle Metapher wird somit als ein sich auf der konzeptuellen Ebene vollziehender Prozess/Mechanismus angesehen. Man definiert sie als Mapping zwischen zwei Domänen: einer source domain (Ausgangsdomäne) und einer target domain (Zieldomäne), wobei die zweitgenannte Domäne immer abstrakter als die Erstgenannte ist. Somit wird die Zieldomäne love u.a.83 auf der Folie der Ausgangsdomäne journey konzeptualisiert, was die konzeptuelle Metapher love is journey konstituiert und sich in zahlreichen sprachlichen Ausdrücken des Englischen, Deutschen und Polnischen manifestiert, z.B.:

love is journey/liebe ist eine reise/miłość to podróż

Look, how far we have come. Schau doch, wie weit wir miteinander gekommen sind. Spójrz, jak daleko zaszliśmy.

Our relationship hit a dead-end street. Unsere Beziehung ist in einer Sackgasse. Nasz związek utknął w ślepym zaułku.

We are at a crossroad. Wir sind nun am Scheideweg. Jesteśmy na rozdrożu.

It has been a long, bumpy road. Das war ein langer, steiniger Weg. To była długa, wyboista droga.

The marriage is on the rocks. Unsere Ehe ist auf Grund gelaufen. Nasze małżeństwo ugrzęzło na mieliźnie. (Englische Belege von Lakoff 1993: 206, übers. von A. S.)

Lakoff und Johnson (2000 [1980]84: 22–45) teilen die konzeptuellen Metaphern in drei Typen ein:

Strukturmetaphern liegen vor, wenn ein Konzept von einem anderen Konzept her metaphorisch strukturiert wird. Bei diesen Metaphern liefert die Ausgangsdomäne eine relativ detaillierte Wissensstruktur (rich knowledge structure) für die Zieldomäne (Kövecses 2002: 33). Die bereits angeführte Metapher: liebe ist eine reise stellt ein Beispiel der Strukturmetapher dar.

Orientierungsmetaphern werden durch ein ganzes System von Konzepten, von denen die meisten mit der Orientierung im Raum zusammenhängen, in ihrer wechselseitigen Bezogenheit organisiert: z.B. oben-unten, innen-außen, vorne-hinten, dran-weg, tief-flach, zentral-peripher. Dadurch geben sie einem Konzept eine räumliche Beziehung an (Lakoff/Johnson 2000 [1980]: 22). Orientierungsmetaphern sind weitgehend durch die Beschaffenheit des menschlichen Körpers und die Umgebung, in der der Mensch lebt, bestimmt. Mit großer Wahrscheinlichkeit kann angenommen werden, dass die positive Einschätzung des Oben-Seins allen Kulturen gemeinsam ist: Der erwachsene Mensch bewegt sich in seinen besten Jahren in ←127 | 128→der aufrechten Position, in der er fähig ist, schnell zu laufen, sich effektiv zu verteidigen, Überblick über die Umgebung zu behalten, andere zu kontrollieren. In der waagerechten Position, liegend, befinden sich die Menschen in den Zeiten, in denen sie – aus der biologisch-darwinistischen Perspektive des Überlebenskampfes – den äußeren Umständen schutzlos ausgeliefert sind: Neugeborene, Säuglinge sowie alte, kranke, durch physische oder psychische Erlebnisse geschwächte oder schlafende Menschen. Diese direkte physische Körpererfahrung, um kulturelle Vorgaben85 ergänzt, widerspiegelt sich dann in der übergeordneten konzeptuellen Orientierungsmetapher gut ist oben, schlecht ist unten, die wiederum vielen Orientierungsmetaphern von einem niedrigeren Abstraktionsgrad zugrunde liegt, z.B.:

glücklich sein ist oben; traurig sein ist unten

Ich fühle mich heute obenauf.

Das beflügelte meinen Geist.

Meine Stimmung stieg/sank.

Du bist in Hochstimmung.

Ich fühle mich niedergedrückt.

gesund sein und leben sind oben; krankheit und tod sind unten

Er hat eine hervorragende Gesundheit.

Lazarus erhob sich von den Toten.

Er ist in Höchstform.

Eine Erkältung hat ihn in die Knie gezwungen.

Er ist seiner schweren Krankheit erlegen.

Er fiel tot um.

kontrolle oder macht ausüben ist oben; kontrolle oder macht ausgesetzt sein ist unten

Ich habe die Kontrolle über sie.

Er ist auf der Höhe seiner Macht.

Er hat das Oberkommando.

Seine Macht stieg.

Er ist mir kräftemäßig überlegen.

Ich habe ihn unter Kontrolle.

hoher status ist oben; niedriger status ist unten

Er hat eine erhabene Position.

Sie wird bis zur Spitze aufsteigen.

Er ist auf dem Gipfel seiner Karriere.

Er klettert die Karriereleiter hoch.

←128 | 129→

Er ist am unteren Ende der gesellschaftlichen Hierarchie.

Ihr Ansehen sank. (Auswahl der Beispiele aus Lakoff/Johnson 2000 [1980]: 23–25)

Ontologische Metaphern basieren auf elementaren Erfahrungen des Menschen mit physischen Objekten sowie auf der Tatsache, dass die Menschen Wesen mit einer Physis sind, die durch die Hautoberfläche von der Welt getrennt ist. Aus diesem Grunde neigen wir dazu, die Dinge der umgebenden Welt als Einzelgebilde zu kategorisieren:

Wenn Dinge nicht eindeutig Einzelgebilde sind oder scharfe Grenzen haben, dann kategorisieren wir sie so, als ob sie diese Eigenschaften besäßen, z.B. Gebirge, Nachbarschaft, Hecke usw. Wir müssen physische Phänomene in dieser Weise sehen, damit wir bestimmte Ziele erreichen können: ein Gebirge lokalisieren, sich in der Nachbarschaft treffen, Hecken schneiden. Die vom Menschen gesetzten Ziele verlangen von uns bezeichnenderweise, dass wir künstliche Grenzen setzen, die physische Phänomene zu Einzelgebilden machen, wie wir das auch sind: Entitäten, die durch eine Oberfläche begrenzt sind. (Lakoff/Johnson 2000 [1980]: 35)

Dementsprechend werden die Dinge ohne Physis oder Abstrakta als Entitäten oder Materie konzeptualisiert, z.B.:

inflation ist eine entität

Die Inflation verringert unseren Lebensstandard.

Wir müssen die Inflation bekämpfen.

Die Inflation treibt uns in die Enge.

Die Inflation schlägt an der Kasse im Supermarkt und an der Tankstelle zu.

Immobilien zu kaufen ist die beste Art, der Inflation zu begegnen. (Lakoff/Johnson 2000 [1980]: 36)

die seele ist ein zerbrechliches objekt

Ihr Selbstwertgefühl ist sehr fragil.

Seit dem Tod seiner Frau muss man ihn vorsichtig anfassen.

Er brach unter dem Kreuzverhör zusammen.

Sie ist schnell niedergeschmettert.

Er ist an der Erfahrung zerbrochen. (Lakoff/Johnson 2000 [1980]: 38)

Besonders relevant und verbreitet unter den ontologischen Metaphern sind die gefäss-Metaphern, die der Konzeptualisierung von zahlreichen Ereignissen und Zuständen zugrunde liegen. Als eine Ausprägung der Gefäßmetapher kann z.B. die kognitive Metapher kategorien sind behälter (categories are containers) angesehen werden, die der Kategorisierung von abstrakten Begriffen wie Zeit, Zustand, oder Veränderung zugrunde liegt. Eine Entität ist dementsprechend in oder außerhalb einer Kategorie, kann in eine Kategorie gelegt oder aus ihr entfernt werden. Dies kommt deutlich im Gebrauch der Präpositionen zum Ausdruck:

Er ist in Liebe entbrannt.

Er ist aus dem Koma aufgewacht.

←129 | 130→

Langsam komme ich in Form.

Er fiel in eine tiefe Depression.

Betonenswert ist dabei, dass die sprachlichen Ausdrücke eine wichtige, dennoch keinesfalls einzige Art und Weise, in der sich die konzeptuellen Metaphern manifestieren können, bilden. Konzeptuelle Metaphern werden als kognitiv-konzeptuelle (oder sogar neuronale86) Mechanismen aufgefasst und die Sprache stellt nur eins der vielen Ausdrucksmittel dar, in denen sie in Erscheinung treten. Kövecses (2002: 58–66) führt Beispiele aus den Bereichen u.a. der bildenden Kunst, Film- und Gebrauchskunst sowie der Mythologie für die nicht-linguistische Umsetzung der konzeptuellen Metapher.

A metaphorical mapping allows knowledge about the metaphor’s source domain to be applied to the target in a way that fundamentally determines or influences the conceptualization of the target: metaphor is thus first and foremost a cognitive operation, and only derivately the name for a certain class of linguistic expressions. (Riemer 2003: 392)

Daraus ergibt sich die dritte These (außer den Annahmen von der Omnipräsenz und dem kategorialen Charakter der konzeptuellen Metaphern), nach der das Wesen der Metapher in den Mappings87, d.h. in den konzeptuellen Korrespondenzen (Projektionen) zwischen den Domänen liegt. Diese Mappings könnte man beispielshalber für die konzeptuelle Metapher life is a journey folgendermaßen beschreiben:

life is a journey

traveler → person leading a life

journey/motion (toward a destination) → leading a life (with a purpose)

destination → purpose of life

obstacles (in the way of motion) → difficulties (in life)

distance covered → progress made

path/way of the journey → the manner/way of living

choices about the path → choices in life. (Kövecses 2005: 14)

Es ist dabei von Bedeutung, dass die Mappings zwischen den Domänen nicht beliebig sind, sondern durch die Prinzipien der Unidirektionalität und der Invariabilität ←130 | 131→eingeschränkt werden. Das Prinzip der Unidirektionalität (the unidirectionality principle) legt fest, dass die Mappings immer von der Ausgangs- in die Zieldomäne verlaufen; das Prinzip der Invariabilität (the invariance principle) hebt hervor, dass dabei die grundlegenden topologischen Korrespondenzen zwischen den Domänen aufrechterhalten werden müssen: „metaphorical mappings preserve the cognitive topology (…) of the source domain, in a way consistent with the current structure of the target domain“ (Lakoff 1993: 215).

One should (…) think of the Invariance Principle in terms of constraints on fixed correspondences: If one looks at the existing correspondences, one will see that the Invariance Principle holds: source domain interiors correspond to target domain interiors; source domain exteriors correspond to target domain exteriors, and so forth. As a consequence it will turn out that the image-schematic structure of the target domain cannot be violated: One cannot find cases where a source domain interior is mapped onto a target domain exterior, or where a source domain exterior is mapped onto a target domain path. This simply does not happen. (Lakoff 1993: 215)

Gleichzeitig ist die metaphorische Strukturierung von einem partiellen Charakter: Nicht alle Bestandteile der Ausgangsdomäne müssen für das metaphorische Mapping von Belang sein. In der Metapher theorien sind gebäude spielen z.B. Fundamente und Außenwände aus der Ausgangsdomäne gebäude eine wichtige Rolle bei der metaphorischen Strukturierung des abstrakteren Konzeptes theorie (vgl. Eine Theorie hat ein solides Fundament. Der Aufbau der Theorie ist nicht überzeugend. Deine Theorie bricht auseinander), während Korridore, Zimmer und Treppenhäuser einen „unbenutzten“ Teil der Ausgangsdomäne ausmachen (Lakoff/Johnson 2000 [1980]: 66).

Die grundlegenden Unterschiede zwischen der traditionell aufgefassten (linguistischen) und der konzeptuellen Metapher bestehen also darin, dass die Erstgenannte auf der (oft ad hoc festgestellten) Ähnlichkeitsbeziehung aufbaut, wohingegen das Wesen der Zweitgenannten in den tiefen konzeptuellen Strukturen menschlicher Kognition platziert und in den (oft unbewussten) konzeptuellen Mappings von einem kategorialen Charakter etabliert ist.

Wesentlich weniger Aufmerksamkeit haben Lakoff und Johnson in Metaphors We Live By der Metonymie gewidmet. Die in der ursprünglichen Fassung vorgeschlagene Definition weist viele Ähnlichkeiten zu der traditionellen Auffassung der Metonymie auf, Lakoff und Johnson betonen die referentielle Funktion der Metonymie:

Hinter Metapher und Metonymie stehen unterschiedliche Konzeptionen: Die Metapher bietet vor allem die Möglichkeit, einen Sachverhalt im Lichte eines anderen Sachverhaltes zu betrachten; ihre wichtigste Aufgabe besteht darin, einen Sachverhalt verstehbar zu machen. Die Metonymie andererseits hat in erster Linie die Aufgabe, eine Beziehung herzustellen, so dass wir eine Entität benutzen können, damit diese für eine andere Entität steht. Doch die Metonymie hat nicht nur eine Beziehungsfunktion. Sie hat auch die Aufgabe, etwas verstehbar zu machen. (Lakoff/Johnson 2000 [1980]: 47)

←131 | 132→

Seit der Veröffentlichung von Metaphors We Live By wurde die Rolle der Metonymie – vor allem unter dem Einfluss der empirischen Forschung – aufgewertet, sodass man heutzutage immer häufiger von der Theorie der kognitiven Metapher und Metonymie spricht (vgl. Barcelona 2000: 1).

2.3.3 Kritik der konzeptuellen Metapherntheorie

Auch wenn die Entdeckung der konzeptuellen Metaphern für die Auffassung dieses Sprachphänomens und die Entwicklung der kognitiv ausgerichteten Forschung als bahnbrechend angesehen wird, bestehen einige Kritikpunkte, die im Folgenden in Umrissen dargestellt werden:

(i) Kritisiert wird die von Lakoff/Johnson unterstellte Hypothese von der absoluten Omnipräsenz der konzeptuellen Metapher. Die Auffassung der konzeptuellen Metapher als eines Phänomens, das

… unser Alltagsleben durchdringt, und zwar nicht nur unsere Sprache, sondern auch unser Denken und Handeln. Unser alltägliches Konzeptsystem, nach dem wir sowohl denken als auch handeln, ist im Kern und grundsätzlich metaphorisch. (Lakoff/Johnson 2000 [1980]: 11)

scheint vielen Forschern übertrieben zu sein. Selbstverständlich existieren zahlreiche Ausdrücke, die unmetaphorisch-wörtlich sind, was die Gegenüberstellung von Jäkel (1998: 104–105) veranschaulicht (vgl. Tab. 4).

Tab. 4:Gegenüberstellung der wörtlichen und metaphorischen Ausdrücken von Jäkel (1998: 104–105).

metaphernfrei, wörtlichmetaphorisch
Wir sind hier in diesem Raum.Wir sind hier in einer aussichtslosen Lage.
Manche sitzen auf den wenigen Stühlen, andere müssen stehen.Manche sitzen auf den wenigen gut dotierten Stellen, andere stehen auf der Straße.
Ich habe mich eben an dem großen, schweren Tisch gestoßen.Ich stoße mich am schwerfälligen Erscheinungsbild der Schule.
Hast du das gesehen?Hast du das Problem gesehen?
Der Lehrer spricht zu leise. Ich höre nichts.Der Lehrer spricht in Rätseln. Ich höre keinen Sinn heraus.
Bald gehe ich nach Hause.Gleich gehe ich an die Decke.

Dies schmälert das Verdienst von Lakoff und Johnson nicht: In vielen metaphorischen Ausdrücken fallen die Übergänge zwischen dem Literalen und dem Metaphorischen erst bei genauerer Betrachtung auf, eine theoretische ←132 | 133→Gewichtsverschiebung der Metapher von einem Sonderfall hin zum Regelfall oder von der Ausnahmeerscheinung hin zum häufigen Phänomen ist vor diesem Hintergrund verständlich und begründet (Jäkel 1998: 102). Nichtsdestoweniger ist die Allgegenwärtigkeits-These nur in einer geschwächten Form akzeptabel: Konzeptuelle Metaphern liegen zahlreichen Konzeptualisierungen zugrunde, beeinflussen weitgehend menschliches Denken und menschliche Sprache, spielen eine wichtige Rolle bei der Konzeptualisierung abstrakter Begriffe, sind aber nicht omnipräsent.

(ii) Des Weiteren stellt Evans (2013: 74) die Annahme infrage, dass alle Metaphern durch konzeptuelles Metaphernsystem beeinflusst werden:

CTM provides an account of just one type of cognitive representation that must be in play in figurative language understanding. While conceptual metaphors may underpin certain types of figurative language, there are classes of linguistic metaphors that appear to be motivated in ways that are, at least in part, independent of conceptual metaphors. (Evans 2013: 74)

Am Beispiel eines Gedichtes Free Union von André Breton führt Evans vor Augen, dass zahlreiche Metaphern nicht auf den konzeptuellen Mappings (oder ontologischen Mappings im Sinne von Barcelona 2003), sondern auf der Ähnlichkeitsbeziehung, so wie sie in der klassischen Metapherntheorie angenommen wurde, beruhen:

My wife whose hair is brush fire

Whose thoughts are summer lightning

Whose waist is an hourglass

Whose waist is the waist of an otter caught in the teeth of a tiger

Whose mouth is a bright cackade with the fragrance of a star of the first magnitude

Whose teeth leave prints like the tracks of mice over snow

Whose tongue is made of amber and polished glass

Whose tongue is like a stabbed wafer. (André Breton, Free Union, 1931)

Diesen Mappings liegen keine festen, körperlich verankerten konzeptuellen Mappings zugrunde, sie werden aufgrund des epistemischen Wissens über die Welt, der äußerlichen Ähnlichkeitsbeziehung und auf Basis der Kooperation zwischen dem Sprachproduzenten und dem Sprachrezipienten vollzogen.88

←133 | 134→(iii) Kontrovers diskutiert wird ebenfalls Lakoffs These, dass abstrakte Konzepte wie Zeit, Quantität, Zustand u.a. via konzeptuelle Metapher (Lakoff 1993: 212) verstanden werden. Barsalou (1999: 600) zieht die Annahme, dass konzeptuelle Metaphern selbstständig ein abstraktes Konzept wie liebe oder Ärger konstituieren können, mit guten Argumenten in Zweifel:

Knowing only that anger is like liquid exploding from a container hardly constitutes an adequate concept. If it is all that people know, they are far from having an adequate understanding of anger. Second, a direct representation of an abstract domain is necessary to guide the mapping of a concrete domain into it. A concrete domain cannot be mapped systematically into an abstract domain that has no content. (Barsalou 1999: 600)

Konzeptuelle Metaphern tragen demnach zur Etablierung eines abstrakten Konzeptes bei (Barsalou 1999: 600) oder können seine bestimmten Aspekte hervorheben (Barsalou/Wiemer-Hastings 2005: 133), für die mentale Repräsentation eines abstrakten Konzeptes sind sie aber alleine nicht ausreichend.

(iv) Darüber hinaus wird darauf verwiesen, dass man das Verstehen von zahlreichen metaphorischen Ausdrücken nicht nur mit der automatischen Aktivierung der konzeptuellen Projektionen erklären kann. Glucksberg/Keysar/McGlone (1992) greifen auf die konzeptuelle Metapher love is journey und ihre sprachliche Exemplifizierung: Our marriage is a roller coaster ride (Unsere Ehe ist eine Achterbahnfahrt) zurück, um dies zu veranschaulichen. Das metaphorische Modell mit seinen regulären Projektionen (Reisende → Liebhaber, Hindernisse auf dem Weg → Schwierigkeiten im Leben, der zurückgelegte Weg → das gemeinsam verbrachte Leben u.a.) mag einen Ausgangspunkt für die Konzeptualisierung bieten, ist aber für die Interpretation der Metapher keinesfalls ausreichend. Wie die Befragung der Probanden ergab, ist für die Auslegung der Metapher in dieser Äußerung das Wissen von den aufregenden, emotional beanspruchenden psychologischen Höhen und Tiefen des Zusammenseins hier wichtiger als Kategorie des Reisens. Die konzeptuellen Metaphern, die als feste, statische mentale Repräsentationen aufgefasst werden, erklären die Kontextsensibilität der sprachlichen Äußerungen nicht.

The results do not, in any way, cast doubt on the possibility that concepts in semantic memory may be organized by metaphor. What we do question is whether such metaphorical structures play a role in any given context. The development or more incisive, on-line measures of comprehension and production processes will ultimately shed more light on this issue of accessibility. (Glucksberg/Keysar/McGlone 1992: 579)

(v) Verwirrungsstiftend und nicht immer nachvollziehbar ist die Terminologie, mit der die Autoren die sie interessierenden Bereiche des metaphorischen Konzeptsystems abzugrenzen versuchen: Im Fokus der Aufmerksamkeit liegen die Metaphern, in denen wir leben, „metaphors we live by“, die sie als live metaphors bezeichnen. In ihrer Eingliederung nehmen Lakoff und Johnson (1980: 53–56, dt. Aufl. 2000: 66–68) eine terminologische Verschiebung vor, die auf begründete ←134 | 135→Kritik (vgl. Jäkel 1998, 2003: 42–55, Handl 2011, Pawelec 2005, 2006) stieß: Sie sprechen nämlich einerseits von den literalen und non-literalen (imaginativen) Metaphern, andererseits von toten (dead), lebenden (live) und innovativen (novel) Metaphern:

Alltägliche, lebende Metaphern – „metaphors we live by“ – werden mit der literalen Sprache gleichgesetzt: Unter Verweis auf die konzeptuelle Metapher argumentieren ist krieg schreiben Lakoff und Johnson beispielsweise: „The language of argument is not poetic, fanciful, or rhetorical; it is literal“ (1980: 5). Die Begründer der CTM-Theorie wollen damit wahrscheinlich zum Ausdruck bringen, dass viele auf konzeptuellen Metaphern beruhende sprachliche Manifestationen so weitgehend konventionalisiert sind, eine so übliche Art und Weise darstellen, in der über abstrakte Konzepte gesprochen wird, dass man sie nicht mehr als Metaphern ansieht. Die Kollokationen eine Theorie konstruieren, das Fundament einer Theorie stellen ein Beispiel für den in der Alltagssprache so oft benutzten Teil der Metapher theorien sind gebäude, dass sie nicht mehr als übertragen, metaphorisch empfunden werden. Die für solche Phänomene vorgeschlagene Bezeichnung literal metaphors ist dennoch ein contradictio in adiectio: Erstens lässt sich der Begriff ‚Metapher‘ ohne Bezug auf das Literale kaum definieren, zweitens können die Kriterien der Literalität (Wörtlichkeit) und Konventionalität nicht als identisch angesehen werden: Es handelt sich hier eindeutig um zwei unterschiedliche Aspekte, auch wenn im Falle der konventionalisierten konzeptuellen Metaphern und der metaphorischen Ausdrücke ihre Metaphorizität nicht so offensichtlich wie bei innovativen, imaginativen (in der deutschen Ausgabe als ‚bildhaft‘ bezeichneten) Metaphern ist.

Nicht immer nachvollziehbar sind des Weiteren die Beschreibungen der vorgeschlagenen Einteilung der Metaphern sowie die angeführten Beispiele. So werden beispielshalber die imaginativen Metaphern (non-literal, novel, imaginative metaphors), denen die konzeptuelle Metapher theorien sind gebäude zugrunde liegt, in drei Subtypen unterteilt (Lakoff/Johnson 2000 [1980]: 67):

←135 | 136→

(a)Erweiterungen auf den unbenutzten Teil einer Metapher, z.B. Diese Daten sind die Ziegelsteine und der Mörtel meiner Theorie;

(b)Beispiele für den unbenutzten Teil der wörtlich zu nehmenden Metapher, z.B. Seine Theorie hat tausend Kämmerchen und lange, labyrinthische Flure;

(c)Beispiele für eine unkonventionelle Metapher, d.h. eine Metapher, die nicht benutzt wird, um einen Teil unseres normalen Konzeptsystems zu strukturieren, sondern die eine neue Art des Denkens über ein Phänomen darstellt, z.B. Klassische Theorien sind wie Patriarchen, die viele Kinder zeugen, von denen sich die meisten unablässig streiten.

Ob man das Beispiel (c) tatsächlich auf die konzeptuelle Metapher theorien sind gebäude zurückführen kann, scheint zweifelhaft. Lakoff und Johnson versuchen an dieser Stelle krampfhaft die innovativen, schaffenden Metaphern89 in das Raster ihrer Theorie aufzuzwingen. Diese Versuche sind allerdings, wie Pawelec (2006: 44) zu Recht bemerkt, paradox, zumal die beiden Autoren an anderen Stellen mehrmals die Relevanz von imaginativen Strukturen unterstreichen.

Wie ersichtlich, entstehen infolge der Fusion der beiden Kriterien (der Kriterien übrigens, die selbst ein Kontinuum bilden und keine scharfen Grenzen haben): literal-figurativ sowie konventionalisiert-innovativ zahlreiche terminologische Schwierigkeiten. Lakoffs und Johnsons Formulierungen wie ‚literal metaphor‘ (Lakoff/Johnson 2000 [1980]: 53) führen zur Begriffskonfusion. Die durch derartige Termini angedeutete Aufhebung der Grenze zwischen dem Wörtlichen und dem Metaphorischen führt dazu, „dass jeder sinnvolle Metaphernbegriff zusammenbricht“ (Jäkel 1998: 103).

(vi) Kontrovers diskutiert wird ebenfalls das Prinzip der Unidirektionalität, das besagt, dass die Mappings immer von der Ausgangs- in die Zieldomäne gerichtet sind. Kiklewicz (2006: 267) führt anschauliche Beispiele für die Konversion der Ausgangs- und Zieldomäne in slawischen Sprachen an, die sich übrigens auch im Deutschen bewährt, vgl. die konzeptuellen Metaphern argumentieren (diskussion) ist krieg sowie krieg ist eine diskussion:

argumentieren (diskussion) ist krieg

Ihre Behauptungen sind unhaltbar.

Er griff jeden Schwachpunkt in meiner Argumentation an.

Seine Kritik traf ins Schwarze.

Ich schmetterte sein Argument ab.

Ich habe noch nie eine Auseinandersetzung mit ihm gewonnen.

Sie sind anderer Meinung? Nun, schießen Sie los!

←136 | 137→

Wenn du nach dieser Strategie vorgehst, wird er dich vernichten. (Lakoff/Johnson 2000 [1980]: 12)

krieg ist eine diskussion

Der Feind hat mit Maschinengewehrschüssen geantwortet.

Die Kanonen haben geschwiegen.

die Gesetzesübertretung verantworten

Kanonenstimmen90

Das Prinzip der Unidirektionalität wird des Weiteren vor dem Hintergrund der Theorie von mentalen Räumen sowie der Blending-Theorie von Fauconnier/Turner (1998, 2002), Turner/Fauconnier (2003) relativiert. Laut der Blending-Theorie konstituiert sich die Bedeutung in einem Rückkopplungsgefüge von vier mentalen Räumen: der Ausgangs- und Zieldomäne sowie des generischen und des Blending-Raumes (Näheres in Libura 2010). Die Blending-Theorie steht zwar in keinem Widerspruch zu der CTM-Theorie und ihrer zentralen Annahme von der Ausgangs- und Zieldomäne: „Although projections go from both inputs to the blend, the principal inferences project from the blend to the target, not to the source“ (Barcelona 2003: 218), sie schwächt dennoch das Unidirektionalitätsprinzip ab.

Generell lässt sich feststellen, dass die CTM als Sprachtheorie einen fest etablierten Platz in der Kognitiven Lingustik hat. Die Entdeckung der fest verankerten konzeptuellen Mappings, die ein konzeptuelles System bilden, zahlreichen kognitiven Strukturen zugrunde liegen und sich sprachlich manifestieren können, bildet die Basis für die moderne Auffassung von Metapher und Metonymie. Das, was auf Kritik stößt, ist nicht die Theorie selbst, sondern einige terminologische Unklarheiten sowie die Tatsache, dass ihr explanatorischer Skopus manchmal von den Autoren überschätzt wurde.

Aus diesem Grunde werden im Folgenden die neueren Entwicklungen der Metapher- und Metonymietheorie dargestellt, in denen die Rolle der Metonymie hervorgehoben und mehreren Metapherntypen Rechnung getragen wird. Dabei werden immer häufiger die Interaktionen zwischen der Metapher und der Metonymie ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt.

2.3.4 Moderne Auffassung der Metapher und der Metonymie – Update

Trotz der erwähnten Kritikpunkte wird der fundamentale Beitrag der CTM-Theorie zu der Kognitiven Linguistik im Allgemeinen und insbesondere zu der modernen Auffassung von Metapher und Metonymie kaum infrage gestellt. Metapher und Metonymie gehören zu den zentralen Begriffen der kognitiv ausgerichteten ←137 | 138→Forschung und werden als kognitive Mechanismen aufgefasst, die sich auf der konzeptuellen Ebene vollziehen und auf der sprachlichen Ebene manifestieren können. Die Existenz der konzeptuellen Metaphern, die nicht nur das sprachliche, sondern auch das konzeptuelle System beeinflussen, wird allgemein anerkannt, der kognitiv ausgerichtete Zugang zu den beiden Phänomenen darf dennoch nicht ausschließlich mit der CTM-Theorie gleichgesetzt werden. In der Fachliteratur werden heutzutage, fast 40 Jahre nach der Veröffentlichung des Werkes von Lakoff und Johnson, zum Teil andere Aspekte der beiden Mechanismen in den Fokus des Interesses gerückt, die sich in drei Punkten zusammenfassen lassen:

  (i)Zum Ersten wird hervorgehoben, dass die CTM zwar einen wichtigen Ansatz zur Klärung der Metapherngenese darstellt (Stöckl 2004: 207), sich aber nicht immer und nicht alleine zur Klärung der metaphorischen Bedeutungskonstituierungsprozesse im authentischen Usus eignet. Nicht alle Metaphern können als feste mentale Mappings aufgefasst werden, nicht alle Metaphern bauen auf der körperlich verankerten Erfahrung auf und haben einen universellen Charakter. Konzeptuelle Metaphern sind des Weiteren als feste mentale Repräsentationen auf ko- und kontextuelle Bedingungen unempfindlich91. Aus diesem Grunde tauchen in der Forschung Modelle auf, die unmittelbar auf das Verstehen der Metapher, die Bedeutungskonstituierungsprozesse unter bestimmten kontextuellen Bedingungen eingehen. Als Beispiel für solche Ansätze wird im Folgenden das property attribution model des kanadischen Psycholinguisten Sam Glucksberg (2002) herangeführt.

 (ii)Zum Zweiten wird anerkannt, dass Metaphern ein sehr komplexes Phänomen darstellen und nach etlichen Kriterien eingeteilt werden können. Eine für die weiteren Erörterungen wichtige Unterscheidung bezieht sich auf die Art der Mappings: Anhand dieses Kriteriums werden die konzeptuellen (in Barcelonas Terminologie ‚ontologischen‘) von den epistemischen Metaphern abgegrenzt. Ein anderes, für Phraseologie relevantes Einteilungskriterium des metaphorischen Bereiches stellt ihr Konventionalitätsgrad dar (Kövecses 2002: 29–32). Die weiteren Klassifikationen hängen mit der Weiterentwicklung der CTM-Theorie zusammen: So setzt die von Kövecses (2002) vorgeschlagene Klassifikation der Metaphern nach ihrer Natur in die knowledge- und image-Metaphern die Kenntnis der von Johnson (1987) und Lakoff ←138 | 139→(1987) beschriebenen image schemas voraus. Die Differenzierung nach den Generalitätsstufen (levels of generality) zwischen der specific- und generic-level metaphors ist auf Lakoff und Turner (1989) zurückzuführen. Erwähnenswert ist ebenfalls eine korpusgestützte strukturbezogene Klassifikation der konzeptuellen Metaphern von Baldauf (1997).

(iii)Zum Dritten wird in den letzten Jahrzehnten viel mehr Aufmerksamkeit der Metonymie gewidmet, die als ein genauso wichtiger92 kognitiver Mechanismus wie Metapher angesehen wird. Man verweist dabei auf die Verflochtenheit der beiden Mechanismen, die ein Kontinuum bilden, wobei hybride Phänomene, wie Metaphtonimien, angenommen werden. Eng damit verbunden ist die Diskussion über die literale und figurative Sprache.

2.3.4.1 Property attribution model von Glucksberg

Wie erwähnt, lassen sich nicht alle für die Rezipienten durchaus motivierten und nachvollziehbaren Metaphern durch die konzeptuellen Mappings im Sinne von CTM-Theorie erklären. Dies veranschaulicht überzeugend Glucksberg (2001: 56) an folgenden Beispielen:

  (i)Some roads are snakes.

 (ii)Some lawyers are snakes.

In beiden Metaphern werden sehr unterschiedliche Aspekte der „Schlangenhaftigkeit“ in den Vordergrund gerückt: Während es in (i) die äußere Gestalt einer Schlange ist, wird in (ii) die im abendländischen Kulturkreis diesen Tieren zugeschriebene Boshaftigkeit betont. Die Mappings, die die beiden Domänen verbinden, sind nicht konzeptuell im Sinne von CTM-Theorie: Es handelt sich hier nicht um die grundlegenden, körperlich verankerten, festen Mappings, die die Zieldomänen strukturieren93, sondern eher um das dynamische In-Beziehung-Setzen von zwei Konzepten: des vehicle/Ausgangsbereiches (Schlange) und des topic/Zielbereiches (der Straße im Beispiel (i), des Juristen im Beispiel (ii)). Glucksberg versteht unter Metaphern einen Prozess und betont seinen interaktiven Charakter: „Metaphors work via an interaction between the metaphor vehicle and the metaphor topic“ (Glucksberg 2001: 52); sie beruhen auf der Übertragung von Attributen oder Merkmalen – sog. vehicle properties des vehicles (Ausgangsbereiches) – auf den Zielbereich, den topic (ebd., 53). Dabei spielen die vehicles und topics unterschiedliche ←139 | 140→Rollen im interaktiven Prozess der Metaphernkonstruktion. Der Zielbereich (topic) eröffnet eine topic dimension for attribution: Er bildet einen Rahmen, in den semantische Merkmale eingefügt werden können, wobei die Gewichtung der Merkmale je nach dem topic unterschiedlich sein kann und weitgehend durch den Kontext bestimmt wird:

When the topic is road, for example, dimensions such as shape (e.g. straight, curved, twisting), surface (smooth or bumpy), and width (narrow or wide), safety, and speed are meaningful and relevant in most context in which roads are discussed. Dimensions such as costs (cheap, expensive) and color (black, white, gray) can be meaningful but are irrelevant in most contexts in which roads are discussed. Still other dimensions, such as emotional arousal (calm, neutral, excited) are not normally applicable to roads, and consequently characterizations on these dimensions would usually be meaningless (although twisting mountain roads can be exhilarating). (Glucksberg 2001: 53)

Der Bildspenderbereich (vehicle) – in dem besprochenen Beispiel die Schlange – liefert dagegen die zu übertragenden Merkmale (vehicle properties). In dem Zusammenspiel der in einer Beziehung eingefügten Konzepte entsteht eine emergente metaphorische Projektion:

Our interactive property attribution view of metaphor comprehension thus makes two independent claims. The first claim is that metaphor vehicles and topics play different but interactive roles. A metaphor topic provides dimensions for attribution, while a metaphor vehicle provides properties to be attributed to the topic. (…) The second claim is that the vehicle term can be used to refer at either of two levels of abstraction. When used in the metaphor form X is a Y, than it is understood as referring at a higher level of abstraction than the topic term. When a term such as dagger [in the metaphor her letter was a dagger in his heart, A. S.] is used as a vehicle, it is understood as referring to a superordinate category that includes the topic and the term’s literal referent as members. When a vehicle is used in smile form, X is like a Y, than it is understood as referring to subordinate, literal referent. (Glucksberg 2001: 52–53)

Der interaktive Prozess der Merkmalsübertragungen wird dabei weitgehend durch den Kontext bestimmt:

For example, the metaphoric expression A lifetime is a day may be interpreted as meaning either (a) life is short, or (b) the dawn of life is birth, high noon is maturity, and night is death. The knowledge schema that motivate each of these interpretations may be available in semantic memory, but only one (or neither) may be accessible in a given context. (Glucksberg/McGlone/Keysar 1992: 578)

Das property-attribution-Modell ist einleuchtend und lässt sich problemlos mit der Kognitiven Grammatik Langackers integrieren. Es trägt dem interaktiven Charakter der Metaphern Rechnung: Die sich konstituierenden metaphorischen Bedeutungen sind dynamisch, emergent, sie entstehen on-line und sind weitgehend durch ←140 | 141→den Ko- und Kontext bedingt. Die Tatsache, dass Metaphern durch das interaktive und spontane In-Beziehung-Setzen von zwei Konzepten gebildet werden können, schließt den Einfluss der konzeptuellen Metaphern auf die Konzeptualisierungen nicht aus: Die beiden Metapherntypen treten öfters zusammen auf, Glucksberg und Mitarbeiter bestreiten dennoch, dass die Aktivierung von konzeptuellen Metaphern automatisch ist und unbewusst geschieht:

We did (and still do) acknowledge the potential role of conventional metaphors in the generation of ad hoc attributive metaphor categories. We did, however, also argue that such conventional metaphoric mappings need not be accessed or used in the production and comprehension processes. (Glucksberg/McGlone/Keysar 1992: 578)

Glucksbergs Modell wird auch als linguistisches Modell bezeichnet (vgl. Stöckl 2004: 203–205). Da der Begriff ‚linguistische Metapher‘ an die klassisch-modularen Theorien anknüpft und Glucksbergs Metaphernverständnis eine weite, holistische Auffassung der Sprache zugrunde liegt, wird im Weiteren für die Bezeichnung dieses Metapherntyps nach Barcelona der Terminus ‚epistemische Metapher‘ eingesetzt.

2.3.4.2 Klassifikationen der Metaphern

Die Vielfalt der Herangehensweisen zum Phänomen ‚Metapher‘ widerspiegelt sich in der Anzahl ihrer Klassifikationen. Einige, für spätere Erwägungen relevante Einteilungen werden im Folgenden aufgegriffen: So richtet sich die Differenzierung zwischen konzeptuellen und epistemischen Metaphern nach der Art und Festigkeit von Mappings. Als Hauptkriterium der Einteilung in innovative und konventionalisierte Metaphern gilt ihr Konventionalitäts- und Lexikalisierungsgrad. In Hinsicht auf mentale Repräsentationsmodalität wird zwischen propositionalen und bildbasierten Metaphern unterschieden. Die Einteilung nach dem Generalitätsgrad nimmt Bezug auf die hierarchischen Rangordnungen zwischen den Metaphern. Die letzte strukturbezogene Klassifikation von Baldauf umfasst ausschließlich konzeptuelle Metaphern und stellt einen alternativen Vorschlag zu der ursprünglichen, von Lakoff/Johnson vorgeschlagenen Einteilung der konzeptuellen Metaphern in ontologische, Orientierungs- und Strukturmetaphern. Hervorzuheben bleibt dabei, dass keine der vorgenommenen Differenzierungen einen absoluten, dichotomischen Charakter hat: Die für viele Bereiche der Kognitiven Linguistik charakteristischen Verzahnungen, Wechselwirkungen, fließende Übergänge kommen auch im metaphorischen Bereich zur Geltung.

2.3.4.2.1 Konzeptuelle und epistemische Metaphern

In seiner – terminologisch leider vorbelasteten Metapherneinteilung – differenziert Barcelona (2003: 212–213) zwischen zwei relevanten Arten von Korrespondenzen (Mappings): Es sind zum einen die ontologischen Korrespondenzen (ontological correspondences), die sich im Zentrum der ursprünglichen Version der CTM-Theorie befinden und in den konzeptuellen Metaphern zum Ausdruck kommen. Zum ←141 | 142→anderen werden die auf dem allgemeinen Weltwissen aufbauenden epistemischen Korrespondenzen (knowledge/epistemic correspondences) anerkannt, die entweder die Metapher alleine konstituieren oder die ontologischen Korrespondenzen näher beschreiben. Barcelona (ebd.) veranschaulicht dies am folgenden Beispiel. Der Sprachäußerung:

The candidate’s speech was not really transparent enough. There were many dark points in it. So we couldn’t understand all of it.

liegen zwei Arten von Mappings zugrunde. Die ontologischen Mappings sind auf die konzeptuelle Metapher understanding is seeing zurückzuführen und lassen sich folgendermaßen umschreiben:

understanding is seeing

The act of seeing corresponds to the act of understanding.

The person that sees is the person that understands.

Impediments to seeing correspond to impediments to understand.

Außer den ontologischen Korrespondenzen wird die Rezeption der angeführten Sprachäußerung ebenfalls durch das allgemeine Erfahrungswissen beeinflusst: Wenn ein Objekt nicht durchsichtig ist, wenn es mit dunklen Flächen bedeckt wird, dann wird einem der Einblick in das Innere verwehrt. Dark points präzisieren, wie die allgemeinen Hindernisse (impediments) aus der konzeptuellen Metapher impediments to seeing are impediments to understand aussehen könnten. Das Verständnis der Sprachäußerung ergibt sich aus der Aktivierung beider Korrespondenzarten.

Diese einleuchtende Klassifikation ist – insbesondere in Bezug auf den ersten Begriff – mit terminologischen Schwierigkeiten verbunden. Unter ontologischen Mappings versteht Barcelona die Mappings, die in den konzeptuellen Metaphern, so wie sie in der CTM-Theorie von Lakoff und Johnson (1980) verstanden werden, vorkommen. Er bezieht sich damit auf die metaphorischen Mappings, die fest in dem konzeptuellen System etabliert, embodied sind. Diese Mappings, wie verstehen ist sehen oder leben ist eine reise, manifestieren sich dann in zahlreichen Konzeptualisierungen und sprachlichen Ausdrücken, womit sie Anspruch auf eine gewisse Universalität, wenigstens innerhalb einer Kultur, beanspruchen können. Lakoff und Johnson nennen die Metaphern, die auf Barcelona’s ontologischen Mappings aufbauen, die konzeptuellen Metaphern, als ontologische Metaphern bezeichnen sie dafür nur einen nach der kognitiven Funktion abgesonderten Typ der konzeptuellen Metaphern (vgl. Lakoffs und Johnsons Einteilung in die Struktur-, Orientierungs- und ontologische Metaphern, Kap. 2.3.2). Dabei ist das Adjektiv ‚konzeptuell‘ aus der kognitiven Perspektive auch irreführend, da alle Metaphern – als Mappings zwischen zwei Domänen verstanden – konzeptueller Natur sind. Da aber der Terminus ‚konzeptuelle Metapher‘ aufgrund der Popularität der CTM-Theorie in der Fachliteratur weit verbreitet und gut etabliert ist, wird im Weiteren dieser Begriff für die Bezeichnung der auf ontologischen Mappings aufbauenden Metaphern herangezogen.

Somit werden im Folgenden als konzeptuelle Metaphern die Metaphern angesehen, die durch einen Set von festen konzeptuellen Korrespondenzen gebildet ←142 | 143→sind. Konzeptuelle Metaphern weisen einen kategorialen Charakter auf: Es sind systematische kognitive Metaphernmodelle, im konzeptuellen System etablierte Strukturen. Die konzeptuellen Metaphern konstituieren sich nicht in der realen Sprechzeit, jedes Mal ad hoc bei der Verarbeitung einer Sprachäußerung durch die Gründung von Korrespondenzen zwischen zwei Erfahrungsbereichen, sondern sie werden als eine stabile, in weit gefasster körperlicher, kultureller und sozialer Erfahrung verankerte Strukturierungsart unserer Kognition verstanden. Viele konzeptuelle Metaphern sind embodied, körperlich verankert. Die Ausgangsdomänen der mächtigen konzeptuellen Metaphern von einem hohen Generalitätsgrad wie gut ist oben, schlecht ist unten; licht ist gut, dunkelheit ist schlecht; leben ist ein weg sind durch die Beschaffenheit des menschlichen Körpers motiviert und finden ihre Grundlagen in den frühkindlich-alltäglichen Körpererfahrungen: leben ist weg-Metapher bilden möglicherweise nur Wesen heraus, die sich progressiv vorwärtsbewegen können, die Metapher licht ist gut, dunkelheit ist schlecht wäre nicht nachvollziehbar, falls Menschen wie Nachttiere nur nachts aktiv wären, auf die körperliche Motivierung der Orientierungsmetapher gut ist oben, schlecht ist unten und ihre Ausprägungen wurde bereits ausführlich eingegangen (vgl. Kap. 2.3.2). Von Belang ist aber auch die kulturelle und soziale Erfahrung: So wird für die abenländische, ziel- und leistungsorientierte Gesellschaft die konzeptuelle Metapher ziele im leben erreichen ist zu den zielen zu fuss gehen richtungsweisend, während in ostasiatischen Kulturen die Konzeptualisierung des Lebens weitgehend durch die konzeptuelle Metapher ziele im Leben erreichen ist sich zu den zielen treiben lassen (vgl. z.B. das daoistische Wu Wei-Prinzip) bestimmt ist. In der linguistischen Praxis kann man konzeptuelle Metaphern daran erkennen, dass sie zahlreiche sprachliche Manifestationen haben: Je mächtiger die Metapher, desto mehr Exemplifizierungen lassen sich ermitteln. Die erwähnte konzeptuelle Metapher verstehen ist sehen manifestiert sich u.a. in folgenden sprachlichen Ausdrücken:

verstehen ist sehen

nicht vorausschauend, uneinsichtig sein

geistig unterbelichtet, umnachtet sein

Tomaten vor den Augen haben

nicht über seine Nasenspitze hinaussehen/hinausdenken (können)

nicht gerade eine/keine (große) Leuchte sein

jmdm. die Augen für etw. öffnen

einen engen Horizont haben

beschränkt, vernagelt, unaufgeklärt sein

den Durchblick haben/verlieren

jmdm. schleierhaft sein

einsichtsfähig sein

etw. durchblicken lassen

das Wesen, den Kern einer Sache sehen (DUW online, Zugriff am 17.01.2018)

die Ursachen sind in mysteriöses Dunkel gehüllt (DUW online, Zugriff am 17.01.2018)

←143 | 144→

jmdm. geht ein Licht auf

sich kein Bild von etw. machen können

den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen

ein Brett vor dem Kopf   haben

tiefe Einblicke in eine Methode gewinnen (DUW online, Zugriff am 17.01.2018)

neue Einsichten gewinnen (DUW online, Zugriff am 17.01.2018)

die Einsicht kam zu spät (DUW online, Zugriff am 17.01.2018)

den richtigen Blick für etw. haben

ein (gutes) Auge für etw. haben

ein Blick hinter die Kulissen werfen

über den (eigenen) Tellerrand schauen/gucken/blicken

Licht in etw. bringen

Licht ins Dunkel bringen

ein Licht auf etw. werfen

Von Belang ist dabei die Tatsache, dass das abstrakte Konzept des Verstehens, Begreifens, geistigen Erfassens teilweise über den Rückgriff auf das weniger abstrakte, optisch-perzeptive Sehen strukturiert wird.

Den anderen Typ der konzeptuellen Mappings zwischen den Domänen bilden die epistemischen Korrespondenzen (knowledge/epistemic correspondences, vgl. Barcelona 2003: 21). Diese Mappings entstehen oft94 ad hoc, indem sie – so wie in Glucksbergs property attribution model zwei Domänen auf der Basis des allgemeinen Weltwissens verbinden. Demnach sind die metaphorischen Korrespondenzen, die der Rezeption von Bretons bereits zitiertem Gedicht (vgl. Kap. 2.3.3 Pkt. ii) zugrunde liegen, epistemischer Natur. Es lassen sich keine Strukturen höherer Ordnung herausfinden, die die metaphorischen Mappings zwischen Haaren einer Frau und Buschfeuer im Vers My wife whose hair is brush fire motivieren würden. Die Herstellung der Mappings erfolgt spontan, unter Rückgriff auf kontextuelle Begebenheiten, wobei mehrere Wege eingeschlagen werden können. Demnach können sich die Korrespondenzen auf die Haarfarbe (Die Haare einer Frau sind so intensiv rot wie loderndes Feuer) oder auf die Haarbeschaffenheit beziehen (Das Haar ist so voll, dick, bzw. kraus, dass es sich – so wie ein lichterloh flammender Busch – schwer bändigen lässt). Da die Frau im Gedicht angebetet wird, neigt der Rezipient dazu, ihrer Haarpracht keine negativen Attribute wie: strohig, zottelig, widerspenstig abstehend, zerzaust zuzuschreiben, auch wenn dies möglich wäre: Das Buschfeuer ist unkontrolliert, verheerend, Angst einflößend.

Auf epistemische Korrespondenzen greift man auch bei der Rezeption zahlreicher konventionalisierter/lexikalisierter Wortverbindungen zurück: Das Idiom ←144 | 145→nicht auf Rosen gebettet sein ‚nicht in guten Verhältnissen leben, es nicht gut und leicht haben im Leben‘ (DUW) ist vor dem Hintergrund der kulturellen Wissensbestände über Rosen als Symbole der Schönheit, Liebe, Jugendfrische, Freude, die in der Literatur (vgl. Märchen, Legenden) oder Architektur (Rosette) verherrlicht wurden, in seiner Motiviertheit nachvollziehbar. Epistemische Korrespondenzen liegen ebenfalls dem idiomatischen Vergleich jd. windet sich wie ein Aal zugrunde: Die Motiviertheit des letztgenannten Idioms ist für die meisten Sprecher aufgrund des Erfahrungs- oder Bildungswissens über die Aale, ihre schlangenförmige Körpergestalt, den durch schlüpfrigen Schleim bedeckten Körper, ihre Beweglichkeit und menschliches Verhalten in einer unangenehmen Situation leicht nachvollziehbar.

Unter epistemischen Metaphern werden im Folgenden also die Metaphern aufgefasst, deren Domänen durch epistemische, d.h. auf dem allgemeinen Weltwissen basierenden Korrespondenzen beruhen. Im Gegensatz zu den konzeptuellen Metaphern können die epistemischen Metaphern nicht als a set of fixed conceptual correspondences (Barcelona 2003: 212), die auf dem Embodiment und weit gefasster kultureller Erfahrung basieren, angesehen werden. Epistemische Metaphern sind ko- und kontextsensitiv, emergent, treten in vereinzelten sprachlichen Ausdrücken auf. Sie sind nicht auf das ausgebaute System der etablierten konzeptuellen Mappings zurückzuführen, können dennoch die richtungsgebenden konzeptuellen Metaphern präzisieren und ergänzen. Der grundlegende Unterschied zwischen den konzeptuellen und epistemischen Metaphern liegt demnach in ihrem Skopus: Während die erstgenannten Metaphern die ganzen Erfahrungsbereiche strukturieren und sich in zahlreichen sprachlichen Ausdrücken manifestieren, sind die epistemischen Mappings auf einen Ausdruck eingeschränkt.

2.3.4.2.2 Innovative und konventionalisierte Metaphern

Ein von der Art der Mappings unabhängiges, dennoch wichtiges und hilfreiches Kriterium bei der Klassifikation der als Metapher bezeichneten Phänomene stellt das Kriterium der Konventionalität95 dar: Die Metaphern kann man dementsprechend ←145 | 146→nach dem Grad ihrer Konventionalität/Lexikalisierung96 auf einer Skala ansiedeln, deren Pole völlig innovative Metaphern einerseits und völlig konventionalisierte Metaphern andererseits bilden: In der traditionellen Terminologie spricht man in diesem Kontext von konventionellen oder toten Metaphern (Leech 1969), denen man innovative (novel), poetische Metaphern gegenüberstellt.

Ein überzeugendes Beispiel für eine innovative Metapher führt Gibbs (1994: 261, zit. nach Kövecses 2002: 49) heran, indem er einen Satz von Gabriel García Márquez zitiert:

Once he tasted some chamomile tea and sent it back, saying only, „This stuff tastes of window.“

Während der Vergleich des Kammilienteegeschmacks zu dem Geschmack des Fensters absolut einmalig und innovativ ist, weisen andere Metaphern einen wesentlich höheren Konventionalitätsgrad.

So ist das Adjektiv ‚schwarz‘ in den Ausdrücken: der schwärzeste Tag in meinem Leben; sie können warten, bis sie schwarz werden; etw. schwarz kaufen, schwarz über die Grenze gehen metaphorisch gebraucht: Die negativen Konnotationen der Farbe ‚schwarz‘ – sie wird mit Unheil, Boshaftigkeit (der schwärzeste Tag in meinem Leben), Tod, Trauer, Verwesung (sie können warten, bis sie schwarz werden), Gesetzwidrigkeit (etw. schwarz kaufen, schwarz über die Grenze gehen) assoziiert – sind in kulturellen und körperlichen Erfahrungen des Menschen verankert und lassen sich auf den symbolischen Wert der Farbe ‚schwarz‘ im abendländischen Kulturkreis einerseits und auf die konzeptuellen Metaphern: licht ist gut, dunkelheit ist schlecht; hell ist gut, dunkel ist schlecht (vgl. Attributsmetaphern von Baldauf 1997) andererseits zurückführen. Diese metaphorischen Übertragungen sind lexikalisiert97 und im Deutschen auch in weiteren Ausdrücken so weit ←146 | 147→verbreitet98, dass sie von manchen Sprachteilhabern in einem unreflektierten Sprachgebrauch möglicherweise nicht mehr als metaphorisch empfunden werden. Die genannten Wortverbindungen befinden sich im Mittelfeld zwischen den Polen des Innovativen und des Konventionalisierten.

In der Sprache findet man des Weiteren Metaphern, die völlig konventionalisiert/lexikalisiert sind, von den Sprachteilhabern spontan überhaupt nicht als metaphorisch wahrgenommen werden und sich nur in einer vertieften linguistischen Reflexion als Metaphern entpuppen lassen, wie z.B. Tischbein, Buchrücken, überflüssig. Diese Metaphern machen das andere Extrem der Konventionalitätsskala aus.

Dabei ist anzunehmen, dass das Kriterium der Konventionalität ebenfalls auf konzeptuelle (auf ontologischen Mappings beruhende) Metaphern zutrifft und ein Kontinuum bildet. Konzeptuelle Metaphern können zu einem unterschiedlichen Grad konventionalisiert werden. Wie Lakoff und Turner (1989) schreiben:

(…) at the conceptual level, a metaphor is conventional to the extent that is automatic, effortless, and generally established as a mode of thought among members of a linguistic community. For example, death is a departure is deeply conventionalized at the conceptual level, we probably all have it (…). (Lakoff/Turner 1989: 50)

Die Einteilungen nach der Art von metaphorischen Mappings (konzeptuelle und epistemische Metaphern) und nach der Konventionalität (innovative und konventionelle Metaphern) verzahnen sich an vielen Stellen und es ist nicht immer leicht, sie auseinanderzuhalten. Es sind allerdings zwei abzugrenzende Aspekte des als ‚Metapher‘ bekannten Phänomens: Das Kriterium der Konventionalität bezieht sich auf die Verfestigung einer Metapher in der Sprache; die Einteilung in konzeptuelle und epistemische Metaphern fokussiert den kategorialen Charakter der erstgenannten Metaphern, die Tatsache, dass sie im konzeptuellen System verankert sind und zahlreiche sprachliche Manifestationen generieren können.

2.3.4.2.3 Propositionale und bildbasierte Metaphern

Eine andere, für die weiteren Erörterungen wichtige Differenzierung bezieht sich auf die Natur der mentalen Repräsentationen, die den Ausgangspunkt der Konzeptualisierung bilden, Kövecses spricht hier von der Metaphernnatur (2002: 36–38). Die zu mappenden Wissensstrukturen können propositional oder bildbasiert (analog) sein, dementsprechend wird zwischen propositionalen, image schemas- und rich image-Metaphern differenziert (ebd.).

←147 | 148→In propositionalen Metaphern werden Wissenselemente einer Ausgangsdomäne auf die Wissenselemente einer Zieldomäne gemappt. So ist die Metapher leben ist eine reise durch die systematischen propositionalen Mappings zwischen den Elementen der beiden Domänen (der Lebende → der Reisende; das Leben → der Weg; Schwierigkeiten im Leben → Hindernisse auf dem Weg; Partner, Freude und Bekannte → Reisegefährte usw.) konstituiert, die Konzepte leben und reise sind möglicherweise zu abstrakt, als dass man sie sich bildhaft vorstellen könnte.

Außer der propositionalen können die Metaphern auch auf bildbasierten Wissensstrukturen von verschiedenem Schematizitätsgrad aufbauen. Von einem äußerst skizzenhaften, analogen Charakter sind sog. image schemas-Metaphern: Baldauf (1997: 123) spricht in diesem Sinne von bildschematischen Metaphern. Der Begriff image-schemas hängt, wie bereits angemerkt, mit der Embodiment-These zusammen und bezeichnet tief in der frühkindlichen Erfahrung verankerte räumlich-analoge Konzeptualisierungsschemata. Diese Strukturen stellen dann eine Grundlage für zahlreiche konzeptuelle Metaphern dar. Image schemas-Metaphern sind skelettartig, weisen eine äußerst allgemeine schematische Struktur auf: „these metaphors map relatively little from source to target“ (Kövecses 2002: 37), öfters bilden sie dennoch den Ausgangspunkt für weitere, detailliertere Metaphern.

Einen anderen Typ der bildbasierten Metaphern bilden die rich image-Metaphern, die im Gegensatz zu den image schemas-Metaphern aufgrund des mentalen Bildes (rich image) durch zahlreiche Beziehungen zwischen der Ausgangs- und der Zieldomäne gekennzeichnet sind. Kövecses (2002: 38) führt an dieser Stelle folgendes umgangssprachliches Beispiel heran:

A. What’you doin’? B. Watering the plants.

und verweist auf die Korrespondenzen zwischen den beiden Domänen:

Both sentences utilize image metaphors that map a detailed set of images from the source to the target (…). In the sentences, the person watering the plants is the person urinating, the water is the urine, the watering can is the penis, the intended goal of the action of watering is the ground where the urine is directed. Notice, that there is no general structural metaphor involved in this mapping. The mapping is of the one-shot kind that is generated by two images that are brought into correspondence by the superimposition of one image onto the other. These are one shot image metaphors. (Kövecses 2002: 38)

Die Rolle der rich image-Metaphern ist in der Phraseologie kaum zu überschätzen: Die wörtliche Bedeutung zahlreicher Phraseologismen wird durch die Begriffe der Basisebene (im Sinne von Rosch 1975, Rosch u.a. 1976, Näheres im Unterkap. 2.2.3) konstituiert, die die mentalen Bilder evozieren können. Darauf ist die phraseologische Bildhaftigkeit zurückzuführen, deren Einfluss auf die phraseologische Bedeutung von Dobrovol’skij/Piirainen (2005) in der Theorie des Bildlichen Lexikons zur Sprache gebracht wird.

←148 | 149→

2.3.4.2.4 Die Einteilung nach dem Generalitätsgrad

Konzeptuelle Metaphern umfassen tief liegende, durch Embodiment und fundamentale sozial-kulturelle Erfahrung weitgehend beeinflusste Strukturen von verschiedenem Generalitätsgrad: Sie bilden hierarchische Strukturen, in denen die Metaphern des niedrigeren Grades die Mapping-Struktur der Metaphern des höheren Grades übernehmen. Die hierarchischen Beziehungen zwischen den Metaphern veranschaulicht Lakoff (1993: 219–225) am Beispiel der event structure Metapher und der ihr untergeordneten Metaphern:

Level 1: the event structure metaphor

Level 2: a purposeful life is a journey

Level 3: love is a journey; a career is a journey

In der event structure Metapher korrespondieren metaphorisch die Zustände, Veränderungen, Prozesse, Aktionen, Gründe, Ziele, Mittel und Wege mit den grundsätzlichen physischen Entitäten wie Raum, Bewegung und Kraft. Die event structure Metapher wird durch folgende Mappings gekennzeichnet:

Generalitätsstufe 1: event structure Metapher

States are locations.

Changes are movements (into or out of bounded regions).

Causes are forces.

Purposes are destinations.

Means are paths (to destinations).

Difficulties are impediments to motion.

Expected progress is a travel schedule; a schedule is a virtual traveler, who reaches prearranged destinations at prearranged times.

External events are large, moving objects.

Long term, purposeful activities are journeys. (Lakoff 1993: 220)

Die auf der höchsten Ebene angesiedelten Mappings der event structure Metapher finden dann ihre Widerspiegelung in Metaphern von einem niedrigeren Generalitätsgrad. Da in unserer Kultur erwartet wird, dass man sich im Leben Ziele setzt und sie dann verfolgt, entstehen auf der Folie der event structure Metapher weitere metaphorische Mappings von einem niedrigeren Generalitätsgrad:

Generalitätsstufe 2: a purposeful life is a journey

The person leading a life corresponds to a traveler.

Life goals correspond to destinations.

Difficulties in life correspond to the difficulties in the way.

Path/way of the journey corresponds to the way of living.

Destination corresponds to the purpose of life. (vgl. Lakoff 1993: 223)

Auf der dritten Generalitätsstufe kann das zielgerichtete Leben durch einzelne Lebensbereiche wie beispielshalber Karriere oder Beziehungen/Liebe ersetzt ←149 | 150→werden. Die konzeptuellen Metaphern love is a journey, career is a journey werden ebenfalls durch die genannten metaphorischen Korrespondenzen mitgestaltet, z.B.:

Generalitätsstufe 3: love is a journey

The lovers correspond to travelers.

The lovers’ common goals correspond to their common destinations on the journey.

Difficulties in the relationships correspond to impediments to travel.

The love relationship corresponds to the vehicle. (vgl. Lakoff 1993: 224)

Auf den hierarchischen Aufbau des metaphorischen Systems wird ebenfalls in dem Kap. 4.2.1 eingegangen, wo die konzeptuelle Metapher difficulties are impediments to motion und ihre sprachlichen Manifestationen genauer dargestellt werden.

2.3.4.2.5 Strukturbezogene Klassifikation der konzeptuellen Metaphern

Zum Schluss wird Baldaufs Klassifikation herangeführt, die sich ausschließlich auf konzeptuelle Metaphern bezieht und an einer korpusgestützten Analyse von Pressetexten ausgeführt wurde. Das leitende Kriterium von Baldaufs Einteilung richtet sich nach dem „Kriterium der Konzeptstruktur des jeweiligen Konzeptbereichs“ (Baldauf 1997: 82). Anders gesagt orientiert sich die Forscherin qualitativ-quantitativ daran, inwieweit die jeweiligen Herkunftsbereiche Struktur in die Zielbereiche hineintragen. Demnach wird „nach Maß und Art“ (Baldauf 1997: 83) der in den Zielbereich importierten Struktur zwischen vier Gruppen der konzeptuellen Metaphern unterschieden: Attributsmetaphern, ontologischen Metaphern, bildschematischen Metaphern und Konstellationsmetaphern (Baldauf 1997: 83–245).

Die schwächste Form der Strukturübertragung liegt in den Attributsmetaphern vor. Attributsmetaphern beruhen auf der Projektion von wertenden Eigenschaften auf Personen, Objekte oder Sachverhalte. Kennzeichnend für Attributsmetaphern ist, dass sie nicht wie die übrigen konzeptuellen Metaphern einem Zielbereich in seiner Ganzheit die Struktur des Ausgangsbereiches verleihen, sondern dem jeweiligen Zielbereich eine metaphorische Eigenschaft zusprechen, die es erlaubt, auf eine abstrakte Eigenschaft des Zielbereiches Bezug zu nehmen (Baldauf 1997: 97–98). Mittels metaphorischer Attribuierung werden vage, schwer fassbare Zielbereiche mit einfacheren, aus unmittelbarer Wahrnehmung hervorgehenden Eigenschaften ausgedrückt. Attributsmetaphern kommen oft in Gegensatzpaaren vor: dunkel-hell, warm-kalt, stark-schwach, leicht-schwer u.a. Für die Attributsmetapher negativ ist dunkel führt Baldauf folgende sprachliche Manifestationen heran: düstere Gedanken, Nietzsches düstere Vision, Schwarzmaler, ihr Erscheinungsbild trübt sich erneut ein, in den dunklen Jahren der NS-Diktatur.

Die Gruppe der ontologischen Metaphern wird im Vergleich zu der ursprünglichen Klassifikation von Lakoff/Johnson (1980) reduziert und umfasst lediglich zwei Ausgangsbereiche: Objekte und Substanzen. Die unmittelbaren ←150 | 151→und elementaren Erfahrungen greifbarer Objekte und Substanzen im Umfeld des Menschen ermöglichen in ihrer metaphorischen Nutzung die Indentifizierbarkeit, Quantifizierbarkeit, Lokalisierbarkeit von schwer fassbaren und damit schwer thematisierbaren Zielbereichen. Die konzeptuelle Metapher abstrakta sind objekte/substanzen ist somit in der Sprache weit verbreitet. Die Folge der an Allgegenwart grenzenden Häufigkeit der ontologischen Metaphern ist eine Verschleierung der Grenze zwischen Konkreta und Abstrakta: „Metaphorische Ontologisierung ist derart routiniert, daß sie beginnt, für den Menschen Realität zu konstituieren“ (Baldauf 1997: 122).

Bildschematische Metaphern beruhen auf der Projektion gestalthafter, bildschematischer Struktur im Sinne von image schemas von Johnson (1987, vgl. auch Kap. 2.2.4) in abstrakte Bereiche. In ihrer strukturellen Komplexität sind sie zwischen den relativ einfachen ontologischen Metaphern und zusammengesetzten Konstellationsmetaphern anzusiedeln. In diese Gruppe wird die behälter-Metapher verschoben (bei Lakoff/Johnson als ontologische Metapher eingestuft), hier findet man auch weitere metaphorische Projektionen aus den Bereichen unserer unmittelbaren Raumerfahrung, die mit den Bildschemata weg, skala, distanz, gleichgewicht zusammenhängen.

Den höchsten Komplexitätsgrad weisen Konstellationsmetaphern auf. Bei den als Herkunftsbereich dienenden Ausgangsbereichen handelt es sich um rekurrente, aus mehreren Elementen bestehende Gestalten, die als Repräsentationen prototypischer, komplexer Alltagssituationen anzusehen sind (Baldauf 1997: 178). Relevant ist ebenfalls der epistemische Status der Ausgangsbereiche:

Während sich die bereits dargestellten Metapherntypen auf unmittelbare physische Erfahrung präkonzeptuell gegebener Strukturen der Realität stützen, sind zahlreiche Konstellationsmetaphern in kultureller Erfahrung begründet. Die als Herkunftsbereich belegte Theater-Konstellation, Handels-Konstellation oder Kriegs-Konstellation unterscheiden sich von physischer Temperaturerfahrung, Objekterfahrung oder Behältererfahrung in ihrer kulturellen Bedingtheit. (Baldauf 1997: 179)

Infolge der größeren Komplexität der Ausgangsbereiche werden größere Informationsmengen in den abstrakten Zielbereich übertragen. Daraus ergibt sich die Selektivität des Mappings: Zahlreiche Aspekte des Zielbereiches können zugunsten der oft fragwürdigen Logik der jeweils zur Konzeptualisierung genutzten Metapher in den toten Winkel gerückt werden (Baldauf 1997: 244, vgl. dazu auch hiding und highlighting von Lakoff/Johnson 1980).

Baldaufs Klassifikation der konzeptuellen Metaphern ist einleuchtend, stellt einen wesentlichen Fortschritt zu der relativ vagen Klassifikation von Lakoff/Johnson aus dem Jahre 1980 dar (auf die beide Forscher übrigens in keinem ihrer weiteren Werken wieder Bezug nehmen), setzt allerdings Vernetzungen, Überlagerungen, Inklusionsverhältnisse und komplexe Interdependenzen voraus, auf die die Forscherin selbst verweist (vgl. z.B. Baldauf 105–106, 175, 245). Aus diesem Grunde – der Transparenz der weiteren Ausführungen halber – werden im ←151 | 152→Folgenden die weiteren Differenzierungen innerhalb der Gruppe der konzeptuellen Metaphern generell aufgegeben.

2.3.4.3 Metonymie

Einen wichtigen Beitrag zur Revidierung der CTM hat ebenfalls die eingehendere Befassung mit Metonymie geleistet. Metonymie, der Lakoff und Johnson in Metaphors We Live By lediglich ein kurzes Kapitel (2000 [1980]: 46–52) gewidmet haben, hat sich beim genaueren Hinsehen als wichtiger Mechanismus der Bedeutungskonstituierung erwiesen.

Die neueren Definitionsversuche zum Begriff der Metonymie werden in erster Linie durch den intra-domain-Ansatz gekennzeichnet. Die meisten Autoren sind sich darin einig, dass sich die Metaphern auf den inter-domain-, die Metonymien auf den intra-domain-Transfer beziehen (Turner 1987: 21, Lakoff 1987: 288, Goosens 2003: 351–352). Lakoff und Turner (1989: 103) bringen dies explizit zum Ausdruck: Die Metonymie „involves only one conceptual domain. A metonymic mapping occurs within a single domain, not across domains“. Dabei werden unter der Domäne strukturierte Wissensbereiche verstanden, die entweder die Form von Langackers Domänen (vgl. z.B. Barcelona 2003, Croft 2003), von Fillmores Frames (vgl. z.B. Dancygier/Sweetster 2014, Panther 2015) oder von Lakoffs ICMs (vgl. z.B. Lakoff 1987, Radden/Kövecses 1999, Kövecses 2002) annehmen können, vgl. z.B.:

Metonymy is a cognitive process in which one conceptual entity, the vehicle, provides mental access to another conceptual entity, the target, within the same domain, or idealized cognitive model (ICM). (Radden/Kövecses 1999: 21, Kövecses 2002: 145)

Metonymy is a cognitive mechanism whereby one experiential domain is partially understood in terms of another experiential domain included in the same common experiential domain. (Barcelona 2003: 215)

Als Metonymie wird (…) eine konzeptuelle Beziehung zwischen einem Quellkonzept (kurz: Quelle) und einem Zielkonzept (kurz: Ziel) innerhalb desselben konzeptuellen Rahmens (frame) verstanden. (Panther 2015: 208)

(…) the essence of metonymy resides in the possibility of establishing connections between entities which co-occur within a given conceptual structure. (Taylor 2003: 325)

Bei der näheren Betrachtung zieht die Auffassung der Metonymie als Mapping innerhalb einer Domäne zahlreiche Schwierigkeiten mit sich. Das Problem liegt vor allem in der Bestimmung, was durch Mappings verbunden wird, welche Entitäten hier gemeint sind. Es verdient Erwähnung, dass nicht alle Verschiebungen innerhalb eines zusammenhängenden Wissensbereiches als Metonymie angesehen werden. Croft (2003: 178–179) veranschaulicht dies an folgenden Beispielsätzen:

1.a.Proust spent most of his time in bed.

1.b.Proust is tough to read.

2.a.This book is heavy.

2.b.This book is history of Iraq.

←152 | 153→

In allen beiden Satzpaaren kann man von einem ambiguen Gebrauch von Proust und book sprechen, auch wenn nur in dem ersten Satzpaar eine metonymische Bedeutungsverschiebung vorliegt. Im Satz (1.a) wird proust als Mensch, Lebewesen profiliert, im (1.b)-Satz referiert proust auf sein literarisches Schaffen, auf seine Werke. In diesem Satz wird proust als Metonymie betrachtet (Proust steht hier für seine Werke).

Verschiedene Wissensinhalte aus einem zusammenhängenden Bereich werden ebenfalls in den Sätzen (2.a) und (2.b) profiliert. Das buch referiert im Satz (2.a) auf ein physisches Objekt, im (2.b) referiert es auf den Inhalt. Bezeichnenderweise wäre die Annahme, dass in diesen Fällen eine Metonymie vorliegt, für die meisten Menschen kontraintuitiv: Der Gebrauch von buch wird in diesen Sätzen als ambigue, aber nicht als metonymisch angesehen.

Eine überzeugende und wenigstens zum Teil ordnende Lösung dieses Problems bietet Croft (2003) an. In Anlehnung an die Kognitive Grammatik von Langacker macht er darauf aufmerksam, dass nur ganz wenige Konzepte mithilfe einer einzigen Domäne konzeptualisiert werden. Die Basis für das Verständnis von den meisten Konzepten bilden mehrere Domänen. Selbst die auf den ersten Blick einfachen Konzepte wie der Buchstabe ‚T‘ können nur vor dem Hintergrund von mehreren Domänen konzeptualisiert werden. Der genannte Buchstabe setzt die alphabet-Domäne voraus, der wiederum die form- und die schriftsystem-Domänen zugrunde liegen, von denen die Zweitgenannte sehr komplex ist und weitere Domänen evoziert: die Domänen schrift, kommunikation, menschen, lebewesen u.a. (Croft 2003: 169–170). Die konzeptuelle Grundlage für das Verständnis von den meisten sprachlichen Einheiten bilden also nicht die einzelnen Domänen, sondern die aus mehreren Domänen zusammengesetzten Strukturen, die Langacker (1987, 2008) als Domänenmatrix bezeichnet.

Innerhalb einer Domänenmatrix weisen nicht alle Domänen den gleichen Status auf: Manche Domänen sind für das Verständnis eines Begriffes zentraler (Langacker bedient sich des Begriffes intrinsic ‚immanent, innewohnend‘) als die anderen. (Die Prototypikalitätseffekte setzt übrigens ebenfalls Lakoff für seine ICMs voraus, vgl. ICM von mother im Unterkap. 2.1.3). Und eben diese Zentralität (intrinsicness) ist entscheidend für Metonymie. Das literarische Schaffen stellt eine wichtige Domäne innerhalb der Domänenmatrix von Proust, dieses Wissen ist dennoch nicht so zentral wie das enzyklopädische Wissen, dass Proust ein Mensch war. Im Gegensatz dazu stellen die Domänen: ‚physisches Objekt‘ und ‚semantischer Inhalt‘ zwei primäre Domänen von vergleichbarer Relevanz für das Konzept buch dar. In diesem Sinne definiert Croft (2003: 179) die Metonymie als domain highlighting (die Hervorhebung/Profilierung einer Domäne in der Domänenmartix). Der konzeptuelle Effekt beruht hier hauptsächlich darauf, dass in der Metonymie eine Domäne innerhalb der Domänenmatrix primär gemacht wird – in der literalen Bedeutung kommt ihr indes der Status einer sekundären Domäne zu: „the metonymy makes primary a domain that is secondary in the literal ←153 | 154→meaning“ (ebd.)99. Bemerkenswert ist an dieser Stelle, dass diese Auffassung nicht zwingend an die Kognitive Grammatik von Langacker (samt ihren zentralen Begriffen wie z.B. Domänenmatrix) gebunden ist: Highlighting kann als mentale Aktivierung einer Domäne durch eine andere zusammenhängende Domäne innerhalb eines gemeinsam strukturierten Wissensbereiches von einem höheren Generalitätsgrad verstanden werden; dies schließt weder die Existenz von Mappings (als Korrespondenzen von beiden Domänen), noch die anderen Modelle zur Strukturierung des konzeptuellen Poles einer sprachlichen Einheit (wie ICMs oder Frames) aus.

Der Faktor der semantischen Fokussierung eines bestimmten semantischen Aspektes stellt eine wichtige Eigenschaft der Metonymien dar: Ihr Zielkonzept wird als Ergebnis des metonymischen Transfers hervorgehoben, während das Quellkonzept zwar präsent bleibt, aber kognitiv in den Hintergrund rückt (Panther 2015: 209). Es ist des Weiteren erwähnenswert, dass die Metonymie als Inferenzschema charakterisiert werden kann, mittels dessen Sprachteilnehmer ohne großen kognitiven Aufwand spontan von einem Quellkonzept auf ein Zielkonzept schließen: Mercier/Sperber (2009) unterscheiden zwischen intuitivem und reflektivem Schließen, Metonymie gehört zu der ersten Kategorie – der Kategorie des schnellen und spontanen assoziativen Denkens (Panther 2015: 208–209).

Die Metonymien haben meistens keinen zufälligen, rein sprachlichen Charakter, sondern weisen – so wie konzeptuelle Metaphern – eine innere Systematik auf. Parallel zu konzeptuellen Metaphern sind ebenfalls konzeptuelle Metonymien durch sprachliche Ausdrücke spezifiziert. Lakoff und Johnson führen folgende Beispiele für die konzeptuelle Metonymie heran:

der teil steht für das ganze

Schieb deinen Hintern hierüber!

Der Fuß des Tages gehört Frank Stürmer.

Ich habe einen neuen Achtzylinder.

der erzeuger steht für das produkt

Ich hätte gern ein Löwenbräu.

Er kaufte sich einen Ford.

Er hat einen Picasso in seiner Bude hängen.

←154 | 155→

das objekt steht für den benutzer

Das Saxophon hat heute die Grippe.

Das Schnitzel bringt kaum Trinkgeld mit.

Das Gewehr, das er anheuert, wollte fünfzig Riesen. (…)

die institution steht für die entscheidungsträger

Esso hat schon wieder die Benzinpreise erhöht.

Du wirst die Universität nie dazu kriegen, dem zuzustimmen.

Das Verteidigungsministerium möchte den Grundwehrdienst verkürzen.

Der amerikanische Senat hält die Abtreibung für unmoralisch. (…) (Lakoff/Johnson 2000 [1980]: 49)

Zahlreiche von diesen Metonymien sind weitgehend konventionalisiert, obgleich neue, produktive Metonymien jederzeit entstehen. Betonenswert ist dabei, dass die referenzielle Funktion nicht völlig produktiv ist: Während Picasso für seine Werke stehen kann, ist die metonymische Bedeutungsverschiebung in dem Satz:

Mary was delicious.

in dem Mary für ihren Kuchen steht, kaum akzeptabel (Taylor 2003: 324).

Radden und Kövecses (1999: 30–43) stellen – von den ICMs als grundlegenden, enzyklopädisches Wissen ordnenden Strukturen ausgehend – eine Liste der möglichen metonymischen Verschiebungen, die im Allgemeinen auf zwei konzeptuelle Konfigurationen zurückzuführen sind: das ganze ICM und seine Teile sowie Teile von einem ICM (vgl. Tab. 6).←155 | 156→

←156 | 157→←157 | 158→

In der neueren Forschung zeichnet sich die Tendenz ab, die Metonymien aus einer weiteren, die Semantik überlagernden Perspektive zu betrachten. So unterscheidet z.B. Panther (2015: 210–213) zwischen referenziellen, prädikativen und illokutiven Metonymien – analog zu den von Searle (1969) in der Sprechakttheorie vorgeschlagenen Akten des Referierens, des Prädizierens und des Vollziehens illokutiver Handlungen.

Referenzielle Metonymien operieren auf Denotata von nominalen Ausdrücken, als Beispiele können hier die von Lakoff und Johnson bereits angeführten konzeptuellen Metonymien dienen.

Eine wichtige Rolle bei der Erschließung von impliziten Bedeutungen kommt den prädikativen und illokutiven Metonymien zu, die an der Grenze zwischen Grammatik, Pragmatik und Semantik liegen. Prädikative Metonymien operieren auf Verbalphrasen oder verbalen Elementen. Als produktive prädikative Metonymien werden für das Deutsche und Englische die Metonymien obligation → aktualität sowie potentialität → aktualität angesehen.

obligation → aktualität

1.aDie Autofabrik musste gestern die Produktion einstellen.

1.bDie Autofabrik stellte gestern die Produktion ein.

potentialität → aktualität

2.aDas Werk konnte gestern die Produktion wieder aufnehmen.

2.bDas Werk nahm gestern die Produktion wieder auf.

Die Äußerung (1.a) evoziert metonymisch die Wahrheit von (1.b), obgleich eine Obligation nicht unbedingt impliziert, dass eine Handlung tatsächlich vollzogen wird. Dasselbe bezieht sich auf das zweite Paar: Die Potenzialität, die durch das Modalverb können ausgedrückt wird, tritt in der Auslegung des Satzes in den Hintergrund: Durch das Vergangenheitstempus und die Zeitangabe gestern werden die Äußerungen (1.a) und (1.b) als aktuell verstanden.

Die illokutive Metonymie veranschaulicht Panther am Beispiel der Äußerung:

Du kannst mal eben den Müll entsorgen.

Mit dieser Äußerung wird eine konventionelle Aufforderung vollzogen (Ziel), obwohl der Sprecher mit dem Modalverb können lediglich die Fähigkeit des Hörers zur Ausführung einer Tätigkeit feststellt.

2.3.4.4 Zur Abgrenzung von Metapher und Metonymie

Die neueren detaillierten Analysen verweisen darauf, dass die eindeutigen Abgrenzungen zwischen der Metapher und der Metonymie nicht immer ausführbar sind. Dies hängt einerseits mit der Unmöglichkeit einer präzisen und intersubjektiven Bestimmung zusammen, was unter einer „Domäne“ zu verstehen ist (Croft 2003, Taylor 2003): Da sich die Domänen als in ontologischer Entwicklung des Menschen erworbene allgemeine Wissensstrukturen bilden und die alltäglichen ←158 | 159→Kategorisierungen widerspiegeln, lassen sie sich nicht immer nach strikten wissenschaftlichen Kriterien eindeutig einteilen. Andererseits wird immer häufiger darauf verwiesen, dass Metapher und Metonymie in manchen Ausdrücken interagieren, metaphorisch-metonymische Ketten bilden, in denen die Übergänge fließend, die Grenzen verschwommen und von der subjektiven Beurteilung abhängig sind. Der erste Aspekt wird im Folgenden in Anlehnung an einen Artikel von Barcelona (2003) zum aktuellen Forschungsstand diskutiert, der zweite nimmt auf den von Goosens (2003) eingeführten Terminus ‚Metaphtonymy‘ Bezug, unter dem die Interaktion von Metapher und Metonymie subsumiert wird.

2.3.4.4.1 Metapher und Metonymie vor dem Hintergrund des Domänenbegriffes

Unabhängig davon, ob man grundlegende, strukturierte, auf der Erfahrung basierende Wissensbereiche als Domänen (Langacker 1987, 2008), ICMs (Lakoff 1987) oder Frames (Fillmore 1982, Fillmore/Baker 2009, Ziem 2008) bezeichnet, muss der enzyklopädische Charakter von diesen Strukturen, der u.a. ihre offenen, verschwommenen Grenzen, ihre Flexibilität, Veränderbarkeit sowie eine bestimmte Subjektivität impliziert, berücksichtigt werden. Diese Strukturen existieren des Weiteren nicht unabhängig voneinander, sondern bilden ein komplexes System, in dem eine Domäne eine andere Domäne voraussetzt. Aus diesen definitorischen Unzulänglichkeiten ergeben sich viele Umstrittigkeiten bezüglich der Abgrenzung von Metapher und Metonymie.

Definiert man die Metapher als Mappings zwischen zwei Domänen und Metonymie als Mappings/Highlighting innerhalb einer Domäne/Domänenmatrix, so könnte man selbst das Paradebeispiel für Metapher: John is a lion infrage stellen: Zu Recht verweist Barcelona (2003: 236–237) darauf, dass sowohl John als auch lion der übergeordneten Domäne living beings zuzurechen sind, also – völlig kontraintuitiv – als Metonymie angesehen werden könnten: Die Ausgangs- und die Zieldomäne können nämlich als Bestandteile einer übergeordneten Domäne angesehen werden.

Barcelona (2003: 233–235) führt des Weiteren Beispiele für Metaphern heran, deren Ausgangsdomänen anscheinend in den Zieldomänen liegen. Zur Konzeptualisierung von trauer leistet die konzeptuelle Metonymie: drooping bodily posture (effect) stands for sadness (cause) einen wichtigen Beitrag:

effect stands for cause

drooping bodily posture stands for sadness

Mary has a long face.

John drooped his head (sadly).

She walked with drooping shoulders/downcast eyes after the news of her child’s death. (Barcelona 2003: 234)

Die Domäne der Trauer setzt also die Domäne der Vertikalität, die wiederum nur vor dem Hintergrund der Domäne des Raumes betrachtet werden kann. Dies würde bedeuten, dass die Domänen der Vertikalität und des Raumes als Bestandteil der ←159 | 160→Domäne der trauer angesehen werden könnten100. Dieser Logik folgend müsste man ebenfalls die Aussagen:

She is in the pits.

Mike is in low spirits.

I am prostrate.

Mary is down in the dumps.

Her spirits drooped. (Barcelona 2003: 234)

als Manifestationen einer konzeptuellen Metonymie down (verticality) for sadness und nicht der konzeptuellen Metapher sadness is down betrachten. Solche Schlussfolgerungen sind aber kaum akzeptabel: „(…) no native speaker of English (or, for that matter, Spanish, Italian, or other European languages) is likely to categorise verticality (or space) consciously as a subdomain of sadness“ (Barcelona 2003: 235).

Aus diesen Gründen wird heutzutage Jakobsons Gedanke (vgl. Unterkap. 2.1.3) wieder aufgegriffen, dass Metonymie und Metapher ein Kontinuum mit graduellen, oft schwer zu definierenden Übergängen bilden. Radden (2003) veranschaulicht dies (Abb. 15) am Beispiel des Adjektives high in englischen Wortverbindungen und Kollokationen.

Abb. 15: Metapher und Metonymie als Kontinuum (nach Radden 2003: 409–410).

←160 | 161→Das Adjektiv high bezieht sich in der Wortverbindung high tower ausschließlich auf das Kriterium der Vertikalität: Es wird literal gebraucht. In high tide ‚Flut‘ bezieht sich high sowohl auf die Vertikalität als auch auf die Quantität, in high temperature ist es (nach Radden, ebd.) vor allem die Quantität (up for more). In high quality referiert high auf eine Einschätzungsskala (scale of evaluation) mit den höchsten Werten, die als good bezeichnet werden, hier liegt schon eine Metapher vor: „We cannot think of evaluation and verticality as belonging to the same conceptual domain; hence this situation is seen purely metaphorically as good is up“ (Radden 2003: 410).

2.3.4.4.2 Metaphtonymie

Die neueren detaillierten Analysen verweisen des Weiteren darauf, dass Metapher und Metonymie in den sprachlichen Äußerungen interagieren können, sodass man beide Mechanismen nicht eindeutig abgrenzen kann. Interessanterweise scheinen derartige Interaktionen eher als Regel denn als Ausnahme zu gelten. Goosens (2003) liefert beispielshalber mit der Untersuchung des semantischen Feldes linguistic interaction empirische Evidenz dafür, dass die Interaktionsfälle (mixed cases), in denen sich die Metapher und die Metonymie verzahnen, mehr als die Hälfte des untersuchten Korpus ausmachen. Als plakatives Beispiel dieser Interaktion gilt folgender Satz (Goosens 2003: 356):

„Oh dear,“ she giggled, „I’d quite forgotten.“

Das Verb giggle ‚kichern‘ kann in diesem Satz auf zwei Weisen interpretiert werden: Die erste Auslegung setzt voraus, dass eine Person weiblichen Geschlechts eine Aussage kichernd zum Ausdruck brachte. In diesem Fall liegt die Metonymie (genauer gesagt Synekdoche: Teil für Ganzes) vor. In der anderen Interpretation ist anzunehmen, dass eine Frau etwas sagte, was wie Kichern anmutete: kichern referiert in dieser Auslegung auf eine unbeschwerte, sorglose bzw. etwas alberne Sprechweise. Da man hier von zwei Domänen ausgehen müsste (Ausgangsdomäne: Töne, Geräusche, Laute, die von Menschen hervorgebracht werden z.B. keuchen, kichern, klatschen; Zieldomäne: linguistische Interaktion), spricht man in dieser Interpretation von einer Metapher aus Metonymie (metaphor from metonymy). Es bestehen also zwei Interpretationen des zitierten Satzes: Metapher aus Metonymie oder Metonymie. Die Auslegung dieser Sprachäußerung ist von Natur aus „unentschieden“ (undecided, Goosens 2003: 357).

Die Interaktion zwischen Metapher und Metonymie kann ebenfalls in entgegengesetzter Richtung erfolgen. Im metaphorischen Idiom to bite one’s tongue off (‚sich in die Zunge beißen‘):

I should/could bite my tongue off.

liegt eindeutig eine metaphorische Übertragung zwischen zwei Domänen vor. Dabei ist die zunge auch metonymisch gebraucht: zunge steht hier für Sprachfähigkeit. Derselbe Interaktionstyp (metonymy within metaphor) gilt für andere ←161 | 162→Idiome mit Körperteilen als Bedeutungskonstituenten: to catch someone’s ear, to shoot one’s mouth off.101

Goosens schlägt für derartige Spracheinheiten von einem hybriden Charakter den Terminus metaphtonymy (Metaphtonimie) vor. Dieser Terminus wird im Weiteren für die Bezeichnung der Grenzphänomene verwendet, die sowohl als Metonymie als auch als Metapher aufgefasst werden könnten.

Die besprochenen Probleme bei der Abgrenzung zwischen Metapher und Metonymie sind auch in der Phraseologie präsent. Der Bedeutungskonstituierung von zahlreichen Phraseologismen liegen metonymisch-metaphorische Derivationsketten mit flüssigen Übergängen und möglichen Interaktionen zugrunde. Für die Bedeutung des Idioms seinen Hut nehmen sind beispielshalber zwei Schritte konstitutiv. Im Ersteren handelt es sich um eine Metonymie: Die ritualisierte soziale Handlung des Sich-Verabschiedens besteht aus mehreren Handlungen (die Abschiednehmensabsicht äußern, sich aufheben und in Richtung Ausgangstür bewegen, insbesondere in den kalten Monaten sich anziehen, darunter seinen Hut nehmen, die Hand reichen und Hoffnung auf das Wiedersehen äußern usw.). Die Teilhandlung seinen Hut nehmen steht hier metonymisch für einen – bei näherer Betrachtung – zusammengesetzten Prozess. Der Teil steht für das Ganze.

Im zweiten Schritt unterliegt das Abschiednehmen einer weiteren Bedeutungsderivation. Das Idiom seinen Hut nehmen referiert nämlich nicht auf jeden Abschied, sondern auf den beruflichen Abschied, auf den Rücktritt. Je nach der Auslegung könnte man hier also von einer Pars-pro-toto Metonymie (sich verabschieden im Sinne einer sozialen Handlung macht nur einen Teil einer Rücktrittsprozedur aus), oder von einer Metapher sprechen. Hier liegen nämlich zwei (sich z.T. auch verzahnenden) Domänen, ritualisierte sozialhandlungen sowie arbeit, vor. Aus diesem Grunde dürfte im zweiten Schritt eine Metaphtonymie angenommen werden. Eindeutige Abgrenzung zwischen Metapher und Metonymie ist hier nicht möglich (vgl. Abb. 16).

Abb. 16: Metonymie und Metaphtonymie als Mechanismen der Bedeutungskonstituierung am Beispiel des Idioms seinen Hut nehmen.

←162 | 163→

Metaphorisch-metonymischen Bedeutungsverschiebungen können ebenfalls einzelne Idiomkonstituenten unterzogen werden (vgl. Abb. 17):

Abb. 17: Metonymie, Metapher und Metaphtonymie als Mechanismen der Bedeutungskonstituierung am Beispiel des Idioms den Rahm abschöpfen.

Weitere Belege, die die kontiunuierlichen Übergänge zwischen Metonymie und Metapher illustrieren, werden im empirischen Teil des vorliegenden Buches präsentiert (vgl. z.B. Kap. 4.2.2.1.1.2.3).

2.3.5 Die literale, non-literale und figurative Sprache

Die Kontinuum-Annahme gilt nicht nur für das Begriffspaar ‚Metonymie‘ – ‚Metapher‘, sondern auch für das Begriffspaar ‚literale Sprache‘ – ‚figurative Sprache‘. Die angesprochene Problematik wird in der sprachphilosophischen und sprachwissenschaftlichen Fachliteratur unter dem Stichwort: literale – non-literale – figurative (metaphorische) Sprache diskutiert (Ariel 2002, Burger 2007b, Cacciari 1993, Dirven 2002, Dancygier/Sweetster 2014, Dobrovol’skij/Piirainen 2005, Lakoff 1986). Die axiomatische Annahme102 der literalen Sprache muss relativiert werden, sobald man die Bedeutung eines sprachlichen Zeichens nicht auf der statistischen Language-Ebene ansiedelt, so wie es im Strukturalismus der Fall war, sondern aus pragmatischer und kognitiver Perspektive als einen dynamischen, eine Interaktion zwischen einem Produzenten und einem Rezipienten voraussetzenden Bedeutungsgenerierungsprozess betrachtet:

←163 | 164→

…mythical view of literal meaning as being well specified and easily identifiable in thought and language is incorrect. It is, in fact, quite difficult to specify the literal definitions of concepts and the words that refer to these concepts. (Gibbs 1994: 25)

Traditionell wird die literale Sprache als „direct, grammatically specified, sentencial, context-free“ (Katz 1977, zit. nach Ariel 2002: 362), „determinated, explicit, and fully compositional“ (Matthews 1997: 211, zit. nach Ariel 2002: 362) definiert. Die non-literale Sprache gilt dagegen in der traditionellen Auffassung als pragmatisch, an die Sprachäußerung und den Sprecher gebunden, nicht konventionell und nicht kompositionell (ebd.). Ariel führt auch weitere traditionell angenommene Charakteristika der literalen und non-literalen Lesart heran:

While not part of the classical definition, other properties are commonly associated with literal and nonliteral meanings. Literal meaning is automatic and obligatory, whereas nonliteral meaning is nonautomatic and optional (Grice 1975). Literal meaning is the unmarked meaning, or the norm (…), and it is the meaning frequently used (Rumelhart 1979). This was also the view endorsed by philosophers of law and judges (see Bowers, 1989: 115). Nonliteral meaning is generated only when the default literal meaning is implausible; it is therefore marked and relatively rare. (Ariel 2002: 363)

Diese Definitionen müssen selbstverständlich vor dem Hintergrund der kognitiven Forschungsergebnisse einer Revision unterzogen werden: Zum einen wird in den letzten Jahren kontrovers diskutiert (vgl. Kap. 2.1.4), inwieweit die Annahme der kompositionellen Bedeutung von Syntagmen der Sprachwirklichkeit entspricht. Zum anderen scheint auch der Pol der figurativen Sprache keinesfalls einheitlich zu sein, sondern umfasst sprachliche Äußerungen, die sich auf einer Skala zwischen der non-literalen und figurativen Bedeutung befinden. Einen wichtigen Beitrag zur Aufweichung der Grenzen zwischen dem Literalen und dem Figurativen hat die konzeptuelle Metapher- und Metonymie-Theorie geleistet: Der Einbezug der konzeptuellen Metaphern und Metonymien als einer weitverbreiteten konzeptuellen Grundlage der figurativen Sprache lässt die Grenze zwischen dem Literalen und dem Übertragenen verschwommener erscheinen. Wie bereits verwiesen, sind die metaphorisch gebrauchten Sprachausdrücke: solide Fundamente einer Theorie, eine Theorie konstruieren sowohl frequent als auch von den Laien als unmarkiert empfunden.

Lakoff (1986: 2) macht darauf aufmerksam, dass die literale Sprache aus wenigstens vier Perspektiven beschrieben werden kann:

  (i)Literal kann sich auf den Kontrast zwischen der alltäglichen konventionellen Sprache und der poetischen Sprache beziehen.

 (ii)Unter subject matter literality versteht Lakoff die Sprache, die man üblicherweise zum Sprechen über bestimmte Domänen gebraucht.

(iii)Die non-metaphorische Wörtlichkeit (nonmetaphorical literality) bezieht sich auf die direkt bedeutungsvolle Sprache, deren Verstehen auch ohne Zugriff auf konzeptuelle Metaphern und Metonymien möglich ist („not language that is understood, even partly, in terms of something else“, Lakoff 1986: 2).

 (iv)←164 | 165→Als truth-conditional literality bezeichnet Lakoff eine Sprache, die der Wirklichkeit/Realität entspricht und objektiv als wahr oder falsch gelten kann („Language capable of ‚fitting the world‘, that is, of referring to objectively existing objects or of being objectively true or false“, Lakoff 1986: 2).

Somit hängt die Bestimmung der literalen Sprachebene weitgehend von dem Betrachtungswinkel und der Sprachtheorie ab. Als Autor der CTM-Theorie räumt Lakoff selbstverständlich der dritten Literalitätsauffassung einen besonderen Stellenwert ein: Ein sprachlicher Ausdruck ist literal, wenn er autonom ist, d.h. es muss zu seinem Verständnis auf keine konzeptuellen Strukturen von der höheren Generalität (konzeptuelle Metaphern und Metonymien) zugegriffen werden.

Umstritten und uneinheitlich ist ebenfalls der der literalen Sprache entgegengesetzte Pol der figurativen (übertragenen) Sprache. Der Übergang von einer literalen bis zur figurativen Sprache scheint nämlich einen kontinuierlichen Charakter zu haben, was Radden (2003) am Beispiel des Adjektivs high in den Wortverbindungen: high tower, high tide, high temperature, high quality überzeugend veranschaulicht (Kap. 2.3.4.4.1). Eine ähnliche Studie legt Dirven (2002: 338–339) mit Bedeutungserweiterungen des Adjektivs sweet vor. In der literalen Basisbedeutung tritt das Adjektiv in der Syntagma sweet apple auf: sweet bezieht sich hier auf die perzeptuelle Geschmackserfahrung. Auf perzeptuelle Wahrnehmungen wird auch in den erweiterten Bedeutungen Bezug genommen: sweet water, sweet milk stellen Beispiele für polarisierende Bedeutungen (sweet water ↔ salty water, sweet milk ↔ sour milk) dar. Das Adjektiv ist hier non-literal, aber auch non-figurativ gebraucht. In den Syntagmen: sweet music oder sweet smell ist die Bedeutung von sweet schon figurativ: Hier liegt nach Dirven synästhetische Metapher vor. Es wird nämlich eine Verbindung zwischen zwei Domänen (Geschmack und Gehör) hergestellt, die dennoch eng aneinander liegen:

The lower figurativity of the synaesthetic meaning extensions may reside precisely in the very close presence of the donor domain and the receiver domain: we remain there in the word or domain of the sensory impressions and only witness a transfer from one subdomain to another subdomain. (Dirven 2002: 339)

Der deutliche metaphorische Übergang von einer Domäne der perzeptuellen Erfahrung in die psychologische Domäne der Emotionen findet erst in der Bedeutung sweet child statt, die eindeutig als figurativ bezeichnet werden kann. Die Differenzierung zwischen der literalen und der figurativen Bedeutung hat nach Dirven also einen kontinuierlichen Charakter und wird von dem konzeptuellen Abstand zwischen zwei Domänen abgeleitet:

The greater the contrast between the two elements, the greater also the degree of figurativity, or in its higher realisation, the higher the degree of the metaphoricity. (Dirven 2002: 341)

2003 stellte Dirven eine erweiterte Version des Kontinuums zwischen der literalen und der figurativen Bedeutung anhand des folgenden Schemas (Abb. 18) dar:

Abb. 18: Das Kontinuum zwischen der literalen und der figurativen Bedeutung (Dirven 2003b: 107).

←165 | 166→

Dobrovol’skij und Piirainen (2005) versuchten die Abgrenzung der non-literalen von der figurativen Sprache anhand zweier Kriterien zu parametrisieren. Das erste Kriterium macht die bildliche Komponente (image requirement) aus – eine spezifische konzeptuelle Struktur, die zwischen der lexikalen und der aktuellen Bedeutung übermittelt (vgl. Kap. 3.4.4.3). Das andere Kriterium wird als additional naming bezeichnet: Als figurativ gelten nur diese Spracheinheiten, die eine zusätzliche Bezeichnung eines Denotats darstellen. Auch hier tauchen dennoch die Grenzfälle auf, die von dem allgemeinen Wissen und der Sprachintuition des jeweiligen Benutzers abhängig sind: Das Lexem Seepferdchen zur Bezeichnung eines kleinen, in aufrechter Haltung schwimmenden Fisches kann dementsprechend als figurativ oder non-figurativ bezeichnet werden, je nachdem, ob dem Benutzer der andere Name Hippocampus bekannt ist (ebd., 18).

←166 | 167→Resümierend lässt sich feststellen, dass die alten Definitionen der literalen und figurativen Sprache vor dem Hintergrund der neueren Forschungsrichtungen nicht mehr zufriedenstellend sind. Die Formulierung von neuen Definitionen ist dennoch umstritten und problematisch (vgl. die Disskussion in Ariel 2002; Gibbs 1994). Keinem Zweifel unterliegt dennoch, dass sich die literale und die figurative Sprache nicht strikt abgrenzen lassen, die Übergänge fließend und verschwommen sind, während die Konstrukte des Literalen und des Figurativen lediglich als ein die Diskussion erleichterndes theoretisches Modell aufgefasst werden müssen.

2.3.6 Zusammenfassung und Ausblick

Metapher, Metonymie und die dazwischen liegende Metaphtonymie sind als die wichtigsten Mechanismen anzusehen, die der Ausweitung der ursprünglichen, literalen Bedeutung auf die weiteren, abgeleiteten Bedeutungen dienen. Ihre Relevanz für die Phraseologie ist damit offensichtlich. Der vorliegenden Arbeit liegt ein Domänen-Ansatz zugrunde, dessen Grundprämissen sich folgendermaßen zusammenfassen lassen:

(i) Metapher und Metonymie stellen mentale Mechanismen dar, d.h., sie vollziehen sich grundsätzlich auf der mentalen, konzeptuellen Ebene: „Metaphor and metonymy are mental mechanisms, not to be confused with their expression, linguistic or otherwise“ (Barcelona 2003: 216). Hervorgehoben wird also der Relation-Charakter einer Metapher und einer Metonymie: Ihr Wesen liegt in den Beziehungen, Projektionen, Mappings zwischen zwei Entitäten, worauf u.a. Rothkegel aufmerksam macht:

Terminologische Schwierigkeiten hängen u.a. damit zusammen, dass einer sprachlichen Einheit metaphorische Qualität zugesprochen wird anstelle der metaphorischen Relation, an der zwei Einheiten beteiligt sind. So wird z.B. als Metapher bezeichnet der ‚bildgebende‘ sprachliche Ausdruck (Liebert 1992: 5 „Lexemmetapher“, z.B. Fluss), eine zugehörige Generalisierung als Wortfeldname (z.B. WASSER), der ‚bildempfangende‘ Ausdruck (z.B. DYNAMIK, bei Liebert „Konzeptmetapher“). Eine zentrale Rolle spielt im Weiteren die Bestimmung der Analogierelation selbst. Die aus der rhetorischen Tradition stammende Auffassung von der ‚Übertragung‘ (…) stützt ebenfalls eine Sicht auf die beteiligten Einheiten als solche anstatt auf die Relation zwischen den Einheiten. In einer interaktionistischen Auffassung geht man dagegen davon aus, dass beide Einheiten aufeinander Einfluss nehmen (…) und dass im gegenseitigen Bezug etwas Neues entsteht (ein ‚metaphorischer Mehrwert‘). (Rothkegel 2004: 394)

Unter Metapher und Metonymie werden folglich konzeptuelle Mappings verstanden, die sich innerhalb der einen oder zwischen mehreren Domänen (strukturierten Erfahrungsbereichen) vollziehen. Sprachliche Manifestationen von Metapher und Metonymie haben in diesem Sinne einen sekundären Charakter.

←167 | 168→(ii) Die Metapher wird als kognitiver Mechanismus aufgefasst, in dem eine Erfahrungsdomäne (im Sinne von Langacker 1987, 2008) – als Ausgangsdomäne bezeichnet – mit einer anderen Erfahrungsdomäne (der Zieldomäne) durch konzeptuelle Mappings verbunden wird, wobei beide Domänen in verschiedenen Erfahrungsbereichen liegen. Wichtig ist dabei der kognitive Status der Domänen: Die Ausgangsdomäne liegt meistens im Bereich der direkten, sensuellen Erfahrung, die Zieldomäne bezieht sich auf abstraktere experienzielle Bereiche. Der kognitive Vorteil der Metapher beruht darauf, dass die abstraktere Zieldomäne mithilfe der auf der Wahrnehmung basierenden Ausgangsdomäne leichter konzeptualisiert, verstanden wird.

(iii) So weit verstandene Metapher umfasst mehrere Metapherntypen, die nach verschiedenen Kriterien voneinander abgegrenzt werden können. Die für die weiteren Ausführungen wichtigste Differenzierung bezieht sich auf den Typ der metaphorischen Mappings, nach dem man zwischen den konzeptuellen und den epistemischen Metaphern unterscheidet:

Die konzeptuellen Metaphern werden als Teil eines unsere Kognition strukturierenden konzeptuellen Systems angesehen. Es handelt sich um feste, oft in der frühesten Erfahrung verankerten Strukturen, die die komplexen, abstrakten Begriffe z.T. mitgestalten können. So beeinflussen die konzeptuellen Metaphern Verstehen ist sehen (mir leuchetet etw. ein, Einsehen haben, durchblicken, durchschauen, klar werden) und verstehen ist fassen (begreifen, auffassen, nachvollziehen) bis zu einem bestimmten Grad die Art und Weise, wie wir das Verstehen konzeptualisieren. Charakteristisch für konzeptuelle Metaphern ist die Tatsache, dass sie sich in zahlreichen sprachlichen Ausdrücken manifestieren.

Die epistemischen Mappings bilden keinen fest etablierten Teil des konzeptuellen Systems: Es sind einmalige Korrespondenzen zwischen zwei Domänen, die durch die allgemeinen Weltwissensinformationen motiviert sind. Die epistemischen Mappings entstehen oft ad hoc, sie sind emergent und an einen Ko- und Kontext gebunden, so wie es Glucksberg (2001: 56) überzeugend an Beispielen: Some roads are snakes und Some lawyers are snakes veranschaulicht (Kap. 2.3.4.1, Kap. 3.4.4.2). Manche epistemische Mappings können allerdings durch den Usus konventionalisiert werden: Falls eine okkasionelle Ausdrucksweise eines Sprachteilhabers von der Sprachgemeinschaft als treffend, anschaulich, die Situation gut widerspiegelnd empfunden wird, unterliegt sie dem Prozess der Konventionalisierung. Die Motiviertheit der usualisierten Wortverbindung nicht über seinen eigenen Schatten springen können ‚nicht anders handeln können, als es dem eigenen Wesen oder der eigenen Gewohnheit entspricht‘ (DUW) ist bei den meisten Menschen auf das allgemeine Weltwissen zurückzuführen, dass man den Schatten von dem Körper nicht lösen kann, der Sprung über den eigenen Schatten ist somit aus physikalischen Gründen unmöglich.

Die beschriebene Einteilung in die epistemischen und konzeptuellen Metaphern verzahnt sich teilweise mit der von Kövecses vorgenommen Einteilung nach der Metaphernnatur (dem Repräsenationsmodus der Wissensstrukturen) in die ←168 | 169→propositionalen, image schemas- und rich image-Metaphern. Zahlreichen konzeptuellen Metaphern liegt ein image schema zugrunde (vgl. image schema path und die konzeptuellen Metaphern leben ist eine reise, liebe ist eine reise, karriere ist eine reise). Die epistemischen Mappings sind dagegen oft an das rich image (das mentale Bild) gebunden, das durch die literale Lesart einer Wortverbindung evoziert wird;

(iv) Die Metaphorizität einer Wortverbindung konstituiert sich auf zwei Ebenen. Auf der ersten Ebene kann sie durch die konzeptuellen Metaphern von verschiedenem Generalitätsgrad beeinflusst werden, die die Konzeptualisierung in eine Richtung weisen. Auf der zweiten Ebene ergeben sich die metaphorischen Mappings aus den emergenten und oft kontextsensitiven Verbindungen von Wissensdomänen, die die semantischen Pole der sprachlichen Einheit konstituieren. Auf dem semantischen Pol sind zahlreiche Wissensstrukturen in verschiedenen Modalitäten gesammelt, die Aktivierungen von mentalen Bildern, Emotionen, mentalen Repräsentationen von sensorischen Empfindungen sind dadurch absolut möglich und vollziehen sich ständig. Die beiden Metapherntypen können unabhängig voneinander vorkommen oder – wie in Barcelonas Beispiel (vgl. 2.3.4.2.1) – gleichzeitig zur Bedeutungskonstituierung beitragen.

(v) Grundlegend für das Zustandekommen der Metonymie ist die Tatsache, dass zwei durch metonymische Beziehung verbundene Inhalte etwas „miteinander zu tun haben“, dass sie assoziationspsychologisch aufeinander bezogen werden. Die in der klassischen Auffassung hervorgehobene Kontiguitätsbeziehung wird in dem Zwei-Domänen-Ansatz als konzeptuelle Verbindung von zwei Inhalten innerhalb einer Domäne/einer Domänenmatrix definiert. Da die Inhalte in einem strukturierten Erfahrungsbereich liegen, ist die Beziehung zwischen ihnen durch eine konzeptuelle Nähe gekennzeichnet. In dem Satz:

Ich habe einen Diesel gekauft.

ist die Verbindung zwischen einem Auto und seiner Antriebsart offensichtlich: Die Antriebsart bildet einen Teil der Wissensdomäne ‚Auto‘.

(vi) Da die Domänengrenzen von Natur aus verschwommen sind, ist es nicht immer leicht festzustellen, ob bestimmte Inhalte periphäre Bereiche einer Domäne oder einen integralen Teil einer anderen Domäne bilden. Daraus ergeben sich Schwierigkeiten bei der Bestimmung, ob in einem bestimmten Fall eine Metonymie oder eine Metapher vorliegt. Metonymie und Metapher werden in der modernen Forschung als ein Kontinuum betrachtet. Hybride Phänomene, die je nach Auslegung als Metonymien oder Metaphern interpretiert werden können, sind akzeptiert und als Metaphtonymien bezeichnet.

23Vgl. dazu Langacker (2008: 16): „Clearly apparent in lexicon are several very basic phenomena that are quite evident in many other facets of cognition. The central role accorded to them is one aspect of CG’s [CG = Cognitive Grammar, A. S.] psychological plausibility. They also illustrate the general notion that language recruits, and thus manifests in its own organization, a broad array of independently existing cognitive processes. The phenomena in question are association, automatization, schematization, and categorization“.

24Język jest „odbiciem procesów poznawczych, które zachodzą w umyśle człowieka, i wobec tego stanowi inherentny element ludzkiego poznania“ (Tabakowska 1995: 12).

25Ziem (2008: 103) verweist dabei darauf, dass der Begriff ‚Holismus‘ nur in der deutschen Literatur zu finden ist, wo er von Schwarz (1992, 2008) eingeführt und populär gemacht wurde. In der angloamerikanischen Literatur spricht man von einem integralen oder einheitlichen (unitary, uniform) Modell.

26Darauf macht auch Schwarz (2008: 8) mit Verweis auf neuere englischsprachige Einführungen in die Kognitive Linguistik aufmerksam.

27„Kognitywizm natomiast uznaje, że język jest narzędziem poznania, zakotwiczonym w ludzkim doświadczeniu cielesnym, psychicznym i kulturowym, a jednocześnie stanowi odbicie procesu poznania, jest obrazem naszego świata. Skoro tak – jako przedmiot badań lingwisty musi zostać osadzony w szerokim kontekście psychologicznym, socjologicznym i kulturowym. Podkreśla się ciągłość między językiem a wiedzą o świecie i ich wzajemne przenikanie się, uwypukla wagę wiedzy o procesach komunikacji językowej.“ (Pajdzińska 2001: 13–14)

28„Język ludzki to praktyczna wiedza poszczególnej osoby, na podstawie której (a) tworzy ona formy (struktury) wyrażeń/wypowiedzi określonego typu i substancjalizuje (uzewnętrznia) je, (b) realizuje (spełnia) określone cele za pomocą wyrażeń/wypowiedzi tego typu, tzn. posługuje się nimi jako pewnymi środkami, (c) przypisuje im określone wartości, przede wszystkim funkcje znakowe, (d) poznaje analogiczne wyrażenia/wypowiedzi wytworzone przez inne osoby, tzn. identyfikuje je i dyferencjuje, (e) odczytuje i rozumie nadane im wartości, przede wszystkim ich znaczenia. Praktyczna wiedza, składająca się na poszczególne języki, to po prostu pewien rodzaj, czy zakres posiadanej przez konkretne osoby wiedzy operacyjnej, tj. wiedzy umożliwiającej jej „wykonanie“ określonych ruchów, działań, aktów itp. zarówno mózgowych (umysłowych), jak i cielesnych (mięśniowych)“ (F. Grucza 1993b: 31–32).

29W ujęciu kognitywnym „dopuszcza się wprawdzie realizm filozoficzny (istnienie świata), ale to, co jest komunikowane przez znaki językowe ma charakter mentalny, jest obrazem świata w umysłach ludzi mówiących“ (Grzegorczykowa 2011: 31) [In der kognitiven Auffassung wird „der philospohische Realismus (die Existenz der reellen Welt) zwar zugelassen, aber Dasjenige, was durch sprachliche Zeichen kommuniziert wird, hat einen mentalen Charakter, stellt ein Bild der Welt in den Geistern der Sprechenden dar“]. Zu dieser Problematik vgl. auch Grzegorczykowa (1992).

30Die Metapher von Richard Rorty (1979), vgl. auch Unterkap. 2.1.3.

31Vgl. die Bemerkung von Lakoff: „Philosophy matters. It matters more than most people realize, because philosophical ideas that have developed over centuries enter our culture in the form of a world view and affect us in thousands of ways. Philosophy matters in the academic world because the conceptual frameworks upon which entire academic disciplines rest usually have roots in philosophy – roots so deep and invisible that they are usually not even noticed. This is certainly true in my own field, linguistics, where the classical theory of categories and certain attendant philosophical assumptions have been taken so much for granted that alternative assumptions seem unthinkable“ (Lakoff 1987: 157).

32Darauf, dass alle kognitiven Prozesse, darunter Sprachwahrnehmung und Sprachverarbeitung von Strukturen höherer Ordnung beeinflusst werden, hat Bartlett bereits 1932 in seinen Experimenten verwiesen. Zu diesem Zweck las er den Probanden die für ihren Kulturkreis ungewöhnlichen Indianergeschichten vor, die sie nach einiger Zeit wiedergeben mussten. Die Probanden passten die ihren kulturellen Vorstellungen nicht entsprechenden Erzählungsfäden beim Abruf ihrem üblichen Weltwissen an, indem sie die unverständlichen Stellen, z.B. mit Spukgestalten, eliminierten oder nach einer – für unseren Kulturkreis – rationalen Erklärung suchten. Bartletts Forschungen zu Schemata wurden nach der kognitiven Wende fortgesetzt und erweitert (vgl. Fortmüller 1991: 171, Mandl/Spada 1998: 3).

33Zu den Dichotomien Realismus–Idealismus, Rationalismus–Empirismus in der Philosophie vgl. Ajdukiewicz 2004 [1949]: 34–67.

34Die Computer-Metapher liegt dem sog. Funktionalismus zugrunde (vgl. Barsalou 1999: 598, Schwarz 2008: 20–26).

35„Mind is embodied, meaning is embodied and thought is embodied in the most profound sense. This is the substance of an embodied realism“ (Johnson/Lakoff 2003: 249).

36Entwicklungspsychologische Experimente verweisen darauf, dass schon 2,5 Monate alte Babys wissen, dass die Behälter eine Öffnung haben müssen, um etwas darin aufbewahren zu können sowie dass die in Behältern versteckten Objekte sich zusammen mit einem Behälter bewegen. Im sechsten Lebensmonat ist den Babys klar, dass größere Objekte nicht in die kleineren Objekte hineinpassen, eineinhalb Monate später verstehen sie, dass höhere Objekte in niedrigeren Behältern nicht versteckt werden können (Mandler 2005: 145–146). Diese auf den ersten Blick offensichtlichen Errungenschaften erfordern – aus entwicklungspsychologischer Perspektive – einen großen kognitiven Aufwand. Mandler stellt deswegen Hypothese der perzeptuellen Bedeutungsanalyse (perceptual meaning analysis) auf: „(…) infants come equipped with a concept-creating mechanism that analyzes perceptual information and redescribes it into a simpler form“ (2005: 140) und leistet somit einen Beitrag zu der von Lakoff und Johnson postulierten Auflösung der Empirismus-Rationalismus-Dichotomie (vgl. Kap. 2.1.1).

37Die Embodied- und Grounded-Cognition-Ansätze werden nicht immer auseinandergehalten (vgl. Rickheit/Weiss/Eikmeyer 2010: 66). In Barsalous Auffassung (2008: 618–619) wird die Embodied Cognition als Teil des Grounded Cognition-Ansatzes angesehen. Embodied Cognition konzentriert sich vor allem auf den Einfluss von körperlichen Zuständen (bodily states) auf kognitive Zustände (cognitive states), Grounded Cognition umfasst auch andere Zustände, z.B. Introspektion und Propriozeption.

38Dementsprechend nehmen wir nur einen Ausschnitt des Spektrums der Farben oder Schallwellen von bestimmten Frequenzen wahr.

39JOS (Sprachliches Weltbild) entspricht ungefähr dem, was die amerikanischen Kognitivisten als in der Sprache enthaltene Konzeptualisierung und die russischen Sprachwissenschaftler als naives Weltbild bezeichnen (Grzegorczykowa 1999: 39).

40Vgl. dazu auch die Studien von Szczęk zu thematischen Quellen der Motiviertheit (2010a, 2013), aus denen sich ergibt, dass die in 818 Idiomen vertretenen Körperteile die dem Menschen vertrauteste Bezugssphäre bilden.

41„Zasób frazeologiczny najlepiej chyba odbija typowa postawę ludzi wobec świata – dla przeciętnego człowieka centrum i miarą wszechrzeczy jest właśnie człowiek. Wśród złożonych jednostek leksykalnych trudno nawet znaleźć przykłady ilustrujące dążenie do bezstronności i obiektywizmu. Już skład komponentowy frazeologizmów świadczy o tym, że najważniejszym elementem rzeczywistości – takiej, jaką człowiek widzi i opisuje codziennym językiem – jest sam człowiek. Ogromna liczba związków frazeologicznych zawiera w swoim składzie nazwy ciała ludzkiego, których cechy zarówno rzeczywiste, jak i tradycyjnie im przypisywane przez pewną wspólnotę językową, motywują znaczenie bardzo wielu frazeologizmów. Antropocentryzm frazeologii przejawia się także w przygniatającej przewadze liczbowej związków, które odnoszą się bezpośrednio do ludzi. O antropocentryzmie świadczy również większość metafor i porównań, utrwalonych we frazeologizmach“ (Pajdzińska 1990: 61).

42Die folgende Beschreibung ist z.T. in Anlehnung an Sulikowska 2014b, 2014c entstanden.

431963 führten Katz/Fodor zu der Semanalyse eine Differenzierung zwischen immanenten, elementaren, universellen Markern und optionalen Distinguishern ein. Sadziński (2018: 62) veranschaulicht die Unterscheidung am Beispiel der Komposita: Seehund und Meerestier. Seehund ist kein Hund, der im Meer lebt, weswegen die Komponente See- als ein immanenter Marker angesehen wird. Da ein Meerestier als ein Tier, das im Meer lebt beschrieben werden kann, ist Meer- ein Bestimmungsglied – ein optionaler Distinguisher. Diese Differenzierung vergrößert zwar die Leistungsfähigkeit der Merkmalssemantik, ändert allerdings nichts an ihrer Grundannahme, dass Konzepte propositionale Strukturen mit scharf umrissenen Grenzen sind. Diese Annahme ist vor dem Hintergrund der weitgehenden semantischen Ambiguität der Lexeme und insbesondere der Idiome im authentischen Sprachgebrauch schwer aufrechtzuerhalten.

44Auf Unzulänglichkeiten der Prototypentheorie machen u.a. Löbner (2003: 276–284) und Croft/Cruse (2004: 79–81) aufmerksam. So lässt sich z.B. die graduelle Zugehörigkeit zu den Kategorien, die in der Prototypentheorie vorausgesetzt ist und mit GOE-Werten ermittelt wird, mit dem universellen Prinzip der Polarisierung nicht in Einklang bringen. Das Prinzip der Polarisierung besagt, das in einem gegebenen Äußerungskontext, mit einer gegebenen Lesart, ein Deklarativsatz entweder wahr oder falsch ist. Wie Löbner (2003: 288–289) überzeugt, ist der Satz: Die Maus isst ein großes Reiskorn entweder falsch oder richtig, eine 80 %-Maus kann keine Tätigkeit ausführen, die man zu 50 % als Essen bezeichnen würde.

45ICMs (= Idealized Cognitive Models) wurden als modellhafte kognitive Strukturen von Lakoff (1987: 68) eingeführt, vgl. dazu Unterkap. 2.1.5.2.

46Einen erwähnenswerten Versuch der Klassifizierung der sprachlichen Begriffe in Hinsicht auf ihre ontologische Referenz hat Krzeszowski (2006: 39) vorgenommen. Krzeszowski verweist darauf, dass sprachliche Formen auf drei Mengentypen referieren können: finite Mengen, abzählbare indefinite Mengen (denumerably infinite) und unabzählbare indefinite Mengen (nondenumerably infinite). Finite Mengen bestehen aus Schöpfungen des menschlichen Geistes: Es handelt sich um formale Begriffe, die als Bestandteile einer Menge definiert worden sind, sie entsprechen synthetischen Urteilen in Kants Philosophie. Zu dieser Menge gehören z.B. mathematische Begriffe, die man eindeutig mithilfe notwendiger und hinreichender Merkmale definieren kann. Abzählbare indefinite Mengen bestehen aus Kategorien (Klassen), die aufgrund ihrer gemeinsamen Eigenschaften abgegrenzt werden (Kant bezeichnet sie als analytische Urteile). Die abgesonderten Merkmale sind abzählbar, weil man sie individuell im Spracherwerbsprozess ‚abstrahiert‘, ihre Anzahl ist aber indefinit (unendlich), weil die Anzahl der Eigenschaften, die zwei Sachen gemeinsam haben, unendlich ist. Die unabzählbaren indefiniten Mengen beinhalten mentale Abbildungen der einzelnen Sachen, es handelt sich hier um unikale Phänomene, deren Zugehörigkeit zur Menge durch Beschreibung (description or depiction) bestimmt wird. Interessanterweise liegt psycholinguistische Evidenz dafür vor, dass finite Mengen, z.B. gerade oder ungerade Zahlen, sich zwar mithilfe notwendiger und hinreichender Merkmale definieren lassen (die Kategorien haben scharfe Grenzen), aber zugleich Prototypikalitätseffekte aufweisen: 1, 3, 5, 7 und 9 gelten als bessere Vertreter der Kategorie ungerade zahlen als 18764098376542141 (vgl. Löbner 2003: 277).

47„Definicja kognitywna za cel główny przyjmuje zdanie sprawy ze sposobu pojmowania przedmiotu przez mówiących danym językiem, t.j. ze sposobu utrwalonej społecznie i dającej się poznać przez język i użycie języka wiedzy o świecie, kategoryzacji jego zjawisk, ich charakterystyki i wartościowania“ (Bartmiński 1988: 169).

48Die pragmatischen Aspekte der Bedeutung veranschaulicht Schwarz (2008: 60) am Beispiel des Satzes Der Kanzler hält gleich eine Rede! Dieser Satz weist eine ganz andere Bedeutung in dem Kontext 1: Saaldiener sagt dies 2000 bei einer Publikumsführung im Bundestag, als im Kontext 2: Generalsekretär der CDU sagt dies 1996 zur Fraktion, die gerade beim Frühstück sitzt.

49Die semantische Insuffizienz der Kompositionalitätsanalyse wurde auch früher wahrgenommen. Bereits 1964 führt Morciniec den Terminus ‚Sachsteuerung‘ ein, unter dem „auf Sachkenntnis beruhende stoffliche Steuerung, welche die Beziehungen zwischen den Bedeutungen der Bestandglieder […] determiniert“ (Morciniec 1964: 97, zit. nach Sadziński 2012: 1305) aufgefasst wird. Sadziński (2012) veranschaulicht das Prinzip der Sachsteuerung an Beispielen von (i) verletzter Kongruenz im Numerus zwischen Subjekt und Prädikat, (ii) inferenziell basierten Einsparungen prädiktabler Elemente (vor allem Objekte) auf der Satzebene sowie (iii) disambiguierungsoffenem Status sprachlicher Wortelemente auf der Wortebene, der am Beispiel der deutschen Komposita besprochen wird.

50Zu diesen fundamentalen kognitiven Operationen gehören z.B.: Kategorisierung, Schematisierung, Automatisierung, Vordergrund/Hintergrund-Unterscheidung.

51Unter dem Namen FrameNet wird ein Projekt in Berkeley (in den USA) betrieben, in dem lexikalische Einheiten aus der Perspektive der Frame-Semantik beschrieben werden. Näheres unter: https://framenet.icsi.berkeley.edu/fndrupal/ (Zugriff am 22.10.2016) sowie in Baker/Fillmore/Lowe (1998); Johnson Ch. et.al. (2001) und Fillmore/Johnson, Ch./Pertuck (2003).

52Die Trajektor und Landmark-Unterscheidung ist für die Kognitive Grammatik Langackers sehr relevant. Als Trajektor wird der wichtigste Teilhaber an einer Szene genannt, der Landmark bildet den Hintergrund: „The most prominent participant, called the trajector (tr), is the entity construed as being located, evaluated or described. Impressionistically, it can be characterized as the primary focus within the profiled relationship“ (Langacker 2008: 58).

54Eine gewisse Vagheit und die Tendenz, Termini einzuführen, ohne sie genauer zu definieren, in späteren Werken wieder aufzugreifen und zu entwickeln, ist übrigens für Lakoffs Schaffen charakteristisch, was öfters auf Kritik gestoßen ist. (vgl. z.B. Baldauf 1997: 28, Hampton 1989: 135)

552008 verzichtet Langacker auf die frühere Bezeichnung ‚abstrakte Domänen‘.

56Engl. imagistic – als Gegensatz zu propositional.

57Engl. imaginative – Metapher, Blending, Mental-Space-Konstruktion umfassend.

58Näheres dazu im Unterkap. 2.2.5.

59„For each domain in its matrix, an expression has a scope consisting of its coverage in that domain“ (Langacker 2008: 62).

60Wenn sich mehrere Menschen ein Bild ansehen, werden sie es aller Wahrscheinlichkeit in gewissen Rahmen doch unterschiedlich beschreiben und interpretieren.

61Gestalten definieren Lakoff und Johnson (1980: 117) als strukturierte Ganzheiten innerhalb unserer Erfahrung, die „coherent organisations of our experiences in terms of natural dimensions (parts, stages, causes etc.)“ repräsentieren.

62Im Bereich der räumlichen Beziehungen identifizierte Talmy (2000: 315–316) folgende Objekteigenschaften, die für die Figur-Ground-Unterscheidung verantwortlich sind:

FigurGround
location less knownlocation more known
smallerlarger
more mobilemore stationary
structurally simplerstructurally more complex
more salientmore backgrounded
more recently in awarenessearlier on scene/in memory

63Dasselbe bezieht sich auf die Bilder: Bedeutungshaltige Interpretation des Bildes ist wesentlich besser gespeichert als die visuellen Details (Anderson 1988: 103, 106–108).

64Type-Konzepte sind Konzepte, die Informationen über ganze Klassen von Objekten speichern, Token-Konzepte repräsentieren individuelle Konzepte (Schwarz 2008: 109).

65Das sog. picture/pictorial superiority effect ist in den psychologischen Experimenten mehrmals nachgewiesen worden (Stöckl 2004: 9). Das visuelle Gedächtnis ist dem verbalen Gedächtnis deutlich überlegen (vgl. Chlewiński 1997: 38).

66Unter Interozeption versteht Barsalou (2012: 247) die Wahrnehmung von mentalen Zuständen, die dem Bewusstsein zugänglich sind.

67Diese allgemeine Regel muss dennoch nicht für alle Fälle gelten. Nicht nur die Quantität, sondern auch die Qualität der Erfahrung ist für seine mentale Aufbewahrung ausschlaggebend. Dafür liegt in der Gedächtnispsychologie handfeste Evidenz vor: Baddeley (1998: 77–78) berichtet beispielshalber von der Effektivität einer Werbekampagne, die mit der Umstellung der Wellenlänge des BBC-Radios verbunden war. Trotz der schätzungsweise tausendmaligen Wahrnehmung der Information im Radio konnte die Mehrheit der Probanden die neue Wellenlänge nicht angeben.

68Für die frühkindliche Entwicklung müsste wohl eine Verschiebung angenommen werden: Zuerst konstituiert sich das konzeptuelle System, linguistische Symbole entstehen erst nach der Vollendung des ersten Lebensjahres, wenn die Kinder zu sprechen beginnen.

69Die Grinsekatze aus dem Roman Alice im Wunderland von Lewis Caroll.

70In diesem Zusammenhang kann die PSS-Theorie auch nicht als rein empiristisch aufgefasst werden. So wie unsere Wahrnehmung durch genetische Veranlagung der ganzen Spezies homo sapiens eingeschränkt ist, so können ebenfalls die die Entstehung von Simulationen und Simulatoren regierenden Mechanismen bei allen Menschen gemeinsame, genetisch bedingte Eigenschaften aufweisen, sodass die Konzeptualisierungen und Konzepte ab einem bestimmten Abstraktionsgrad intersubjektive Gemeinsamkeiten erkennen lassen.

71Eine Übersicht über den Stand der neurolinguistischen Forschung bieten u.a. Rickheit/Weiss/Eikmeyer (2010: 108–115) sowie Borghi/Pecher (2011: 5) an.

72Vgl. die von Quasthoff/Schmidt/Hallsteinsdóttir (2010: 39–41) zusammengestellte Liste der häufigsten Substantive, die anhand eines Korpus aus 5058 Phraseologismen ermittelt wurde. Die in den Phraseologismen häufigsten Substantive referieren in überwiegender Mehrzahl hauptsächlich auf die Dinge der Alltagswelt, dazu gehören dem Rang nach: 1. Kopf, 2. Hand. 3. Welt, 4. Augen, 5. Ohren, 6. Zeit, 7. Nase, 8. Sache, 9. Mund, 10. Weg, 11. Herz, 12. Leben, 13. Tag, 14. Licht, 15. Mann, 16. Auge, 17. Gott, 18. Hals, 19. Wort, 20. Geld, 21. Teufel, 22. Zunge, 23. Finger, 24. Hände, 25. Wasser, 26. Boden, 27. Luft, 28. Himmel, 29. Kind, 30. Blut, 31. Ende, 32. Rücken, 33. Ohr, 34. Wind, 35. Beine, 36. Fuß, 37. Füßen, 38. Hund, 39. Tod, 40. Tür, 41. Gesicht, 42. Spiel, 43. Stein, 44. Haut, 45. Herzen, 46. Händen, 47. Schritt, 48. Seite, 49. Tisch, 50. Brot. Diesen Tatbestand erklären die Autoren folgenderweise: „Phraseologismen entstehen durch sprachlich gezogene Analogien zu Alltagserfahrungen oder die Bezugnahme auf die Dinge und Begebenheiten des Alltags. In diesen Bereichen existieren viele kurze Erbwörter. Die bevorzugte Verwendung kurzer Wörter in Phraseologismen könnte zusätzlich durch das Streben nach sprachlicher Ökonomie erklärt werden. Phraseologismen sind an sich komplexe Zeichen, die aus anderen Zeichen bestehen. Sprachökonomisch ist es daher sinnvoll, bevorzugt einfache Wörter als Komponenten in Phraseologismen zu verwenden“ (Quasthoff/Schmidt/Hallsteinsdóttir 2010: 40).

73Diese Liste wird keinesfalls als abgeschlossen angesehen, sie wird ständig erweitert (Jäkel 2003: 289–290, Grady 2005).

74„Image schemas are relatively simple structures that constantly recur in our everyday bodily experience: containers, paths, links, forces, balance, and in various orientation and relations: up-down, front-back, part-whole, center-periphery.“ (Johnson 1987: 267)

75Zur Relevanz der visuellen Reize für die Kognition stellt die Entwicklungspsychologin Jean Mandler fest: „We are visual creatures first and foremost, which is one of the reasons we are most adept at spatial analysis“ (Mandler 2005: 149).

76„ (…) naruszenie reguł języka, które zmusza odbiorcę do sensotwórczego współdziałania.“ (Pajdzińska 1991: 131)

77„Metafora to sposób na wyrażenie sensu nie objętego zasobami pojęciowymi kodu. Nadawca zakłada, że odbiorca wypowiedzi przyjmie postawę, którą H.P. Grice określił jako postawę współdziałania (kooperacji) i że będzie on w stanie wytworzyć sens przynajmniej bliski temu, jaki nadawca miał na myśli“ (Dobrzyńska 1992: 233).

78Radden und Kövecses fassen die traditionelle Definition der Metonymie folgendermaßen zusammen: (…) „metonymy was mainly seen as a figure of speech, i.e. it was basically thought of as a matter of language, especially literary or figurative language. (…) metonymy operates on names of things, involves the substitution of the name of one thing for that of another thing and assumes that the two things are somehow associated“ (Radden/Kövecses 1999: 18).

79Im Original behaviour (2003 [1956]: 42), heutzutage würden wir an dieser Stelle eher von Konzeptualisierungen sprechen.

80Vgl. dazu die moderne Auffassung der Kognitiven Linguistik: „Die Kognitive Linguistik lehnt alle Kriterien ab, die eine strikte Abgrenzung zwischen der literalen und der figürlichen Sprache anstreben“ (Tabakowska 1990: 100, übers. von A. S.). [Językoznawstwo kognitywne odrzuca wszelkie kryteria zmierzające do ścisłego rozróżnienia między językiem dosłownym a przenośnym].

81Lakoff und Johnson veranschaulichen die Beziehung zwischen Sprache – Denken – Handeln am Beispiel der Metapher argumentieren ist krieg. Da in der abendländischen Kultur diskussion und argumentieren auf der Basis dieser Metapher konzeptualisiert werden, stellen wir uns die erwähnten Konzepte in Kriegsbegriffen vor: Beim Argumentieren kann man gewinnen oder verlieren, der Diskussionspartner ist unser Gegner, den wir angreifen oder vor dem wir uns verteidigen. Dies manifestiert sich in zahlreichen (mehr oder weniger festen) sprachlichen Ausdrücken, die von vielen Muttersprachlern nicht mal als metaphorisch (im traditionellen Sinne) betrachtet werden: Er griff jeden Schwachpunkt in meiner Argumentation an. Seine Kritik traf ins Schwarze. Ich schmetterte sein Argument ab. Ich habe noch nie eine Auseinandersetzung mit ihm gewonnen. Würden wir dagegen in einer Kultur leben, in der dem Konzept argumentieren die konzeptuelle Metapher argumentieren ist tanz zugrunde läge, dann hätte es Einfluss nicht nur auf unsere Sprache, sondern ebenfalls auf unser Denken und Handeln. „In einer solchen Kultur würden die Menschen die Argumentationshandlung in einem anderen Licht sehen, sie anders erleben, anders ausführen und anders darüber sprechen“ (Lakoff/Johnson 2000 [1980]: 12–13).

82„Językoznawstwo kognitywne zrodziło się w opozycji do gramatyk generatywnych, które zdaniem kognitywistów osiągnęły taki stopień formalizacji i takie wyżyny abstrakcji, że trudno już im dostrzec żywy jezyk. Generatywistom zarzuca się, że potrafią opisać wyłącznie struktury prototypowe, które stanowią zaledwie kilka procent ogółu struktur językowych używanych w rzeczywistej komunikacji“ (Tabakowska 1990: 99).

83Die Konzeptualisierungen der liebe wurden von Kövecses (1986, 1988) einer detaillierten Analyse unterzogen, die ergab, dass diesem Konzept ungefähr 20 konzeptuelle Metaphern zugrunde liegen.

84Im Folgenden wird auf die 2. Auflage der deutschen Fassung des Werkes von Lakoff/Johnson Bezug genommen, die aus dem Amerikanischen von A. Hildenbrand übersetzt im Jahre 2000 unter dem Titel: Leben in Metaphern: Konstruktion und Gebrauch von Sprachbildern erschien.

85Auch die kulturellen Begebenheiten werden durch so verstandene konzeptuelle Metaphern geprägt: Die Erhöhung eines Herrschers (Königs, Fürsten, Staatspräsidenten) bei allen wichtigen Gelegenheiten mittels eines Podests, Podiums, Throns kann als eine nicht-sprachliche Exemplifizierung der oben ist gut-Metapher angesehen werden.

86Aus dieser Perspektive beschreibt die konzeptuelle Metapher Lakoff in der neuesten Version der CTM-Theorie (2008), in dessen Zentrum primary conceptual metaphors, die durch die unmittelbare Erfahrung gegründet sind, stehen. Nach Lakoff entstehen diese Metaphern durch die Mechanismen der Hebb’schen Lernregeln: what fires together, wires together, was heißt: Je häufiger ein Neuron gleichzeitig mit einem anderen Neuron aktiviert wird, desto bevorzugter werden die beiden Neuronen aufeinander reagieren.

87Konzeptuelle Metapher ist „a cross-domain mapping in the conceptual system“ (Lakoff 1993: 203).

88In einem Artikel unter dem Titel Contemporary Theory of Metaphor nimmt Lakoff (1993) explizit Bezug auf diesen Metapherntyp, auch wenn er ihnen eine eher marginale Rolle zuweist, vgl. „A major difference between the contemporary theory and the classical one is based on the literal-figurative distinction. Given that distinction, one might think that one ‚arrives at‘ a metaphorical interpretation of a sentence by ‚starting‘ with the literal meaning and applying some algorithmic process to it (…). Through there do exist cases where something like this happens, this is not in general how metaphor works“ (Lakoff 1993: 205).

89In einer 1989 veröffentlichten, der poetischen Metapher gewidmeten Publikation führten Lakoff/Turner auch die sog. one-shot metaphor ein, die auf dem Mapping von einem Vorstellungsschema auf ein anderes Vorstellungsschema beruht (Lakoff/Turner 1989: 89).

90wojna/konflikt to rozmowa/komunikacja: Wróg odpowiedział strzałami karabinów maszynowych, odpowiadać za łamanie przepisów, działa milczały, głosy dział (Kiklewicz 2006: 267).

91Vgl. dazu Spieß/Köpcke (2015: 4): „Aus unserer Sicht sind gegenwärtig Ansätze vielversprechend, die unterschiedliche Perspektiven und die genannten Aspekte von Metaphorik (Metonymie) zu verknüpfen suchen und damit zur Ausdifferenzierung der Metaphern- und Metonymieforschung beitragen. Vor dem Hintergrund dieser integrativen Ansätze werden Metaphern und Metonymien nicht mehr unter kognitiven Aspekten betrachtet, vielmehr werden verschiedene Dimensionen, insbesondere Kognition, Semantik und Pragmatik miteinander verknüpft (…). Damit hätte sich die Analyse von Metaphern und Metonymien in ihren Verwendungszusammenhängen durchgesetzt.“

92In der neueren Forschung verweist man darauf, dass Metonymie sogar fundamentaler als Metapher sein könnte, vgl. „Another, and perhaps even more fundamental trope than metaphor, which has seen a renaissance in cognitive linguistics, is metonymy“ (Panther 2011: 22).

93Es ist somit auch eher unwahrscheinlich, dass die Tatsache, dass sich die Straßen schlängeln können, zur Struktur des Konzeptes strasse einen wesentlichen Beitrag leistet.

94Epistemische Mappings können allerdings lexikalisiert sein, so wie im Idiom: (aussehen) wie Milch und Blut ‚frisch und jung aussehen‘ (DUW). Dieses Idiom ist durch das allgemeine Weltwissen motiviert, dass die Blässe der Haut und das Rot der Lippen lange Zeit als ein Sinnbild der weiblichen Schönheit galten und in manchen Regionen (z.B. in Asien) immer noch gelten.

95In der polnischen Forschung spielt die Einteilung der Metaphern nach dem Grad ihrer Konventionalität eine relevante Rolle. Infolgedessen gibt es Versuche, die Metaphern nach diesem Kriterium detaillierter einzuteilen. Pawelec (2006: 39–42) unterscheidet beispielsweise zwischen drei Metapherntypen: (i) Abgedroschene Metaphern (Phraseologismen) haben konventionalisierte Bedeutungen. (ii) Metaphorische Erweiterungen besitzen Bedeutungen, die in einem Kontext offensichtlich sind und leicht konventionalisiert werden. Die Maus kann also metaphorisch sowohl ein Eingabegerät bei Computern, als auch ein bescheidenes, unauffälliges Mädchen bezeichnen. (iii) Die Bedeutungen von innovativen, schaffenden Metaphern sind nicht durchsichtig, sie sind mit der Einnahme einer besonderen Perspektive gebunden. Ob diese Dreiteilung aber alle Phänomene auf der Skala der wachsenden Konventionalität erfassen kann, bleibt fraglich.

96Bąk (2007: 48–49) differenziert zwischen lexikalisierten (usuellen, erloschenen, verblassten, im Lexikon der Sprache verfestigten) und konventionellen (in der literarischen Tradition eines Kulturraumes, einer Epoche verankerten) Metaphern. Diese für die Kultur- und Übersetzungsstudien relevante Unterscheidung wird in der vorliegenden phraseologisch ausgerichteten Arbeit aufgegeben.

97Vgl. die Teilbedeutungen 5 und 6 in der lexikographischen Beschreibung des Lemmas ‚schwarz‘ in DUW online (Zugriff am 14.08.2018):

1. von der dunkelsten Färbung, die alle Lichtstrahlen absorbiert, kein Licht reflektiert

2. a. von sehr dunklem Aussehen

b. (auch Eigenbezeichnung) von [sehr] dunkler Hautfarbe

3. (umgangssprachlich) von Schmutz dunkel

4. a. (umgangssprachlich, oft abwertend) vom Katholizismus geprägt; eine überwiegend katholische Bevölkerung habend

b. (Politikjargon) christdemokratisch, konservativ [geprägt, regiert o.Ä.]

5. a. unheilvoll, düster

b. böse; niederträchtig

6. (umgangssprachlich) illegal; ohne behördliche Genehmigung, ohne Berechtigung

98Vgl. z.B. weitere Verben und Wortverbindungen, in denen die metaphorische Projektion schwarz→illegal auftritt: schwarzarbeiten, schwarzfahren, schwarzgehen, schwarzhören, schwarzkopieren, schwarzschlachten, Waren schwarz exportieren, schwarz verkaufen, schwarz kaufen.

99Crofts Definition bietet die notwendige Präzisierung des Metonymiebegriffs. Allerdings bestehen auch bei dieser Definition Zweifelsfälle. Die Bestimmung, welche Domänen für ein Konzept primär/zentral, und welche sekundär/peripher sind, ist beispielshalber im folgenden Satz von Lakoff (1987: 76) disputabel: He’s looking for a girlfriend who’ll be a mother to him. Die Geburtsdomäne trägt zur Bedeutungskonstitutierung in diesem Satz nicht bei, profiliert wird dafür die Domäne der Großziehung und Pflege. Metonymische Verschiebung würde in diesem Fall voraussetzen, dass die Geburtsdomäne primär und die Domäne des Großziehens sekundär ist – eine Annahme, die kontrovers diskutiert werden kann und viele umstrittene Fragen (wie: Ist die Leihmutter eine Mutter und Pflegemutter keine Mutter?) nahe legt.

100Möglicherweise wäre es an dieser Stelle angebrachter, nach Langacker (2008) und Croft (2003) von einer Domänenmatrix zu sprechen. Die Domänen der Vertikalität und des Raumes bilden demnach keinen Bestandteil der Domäne der Trauer, gehören dennoch zu der Domänenmatrix, die den Konzeptualisierungen von trauer zugrunde liegt.

101Die beiden Interaktionstypen (metaphor from metonymy, metonymy within metaphor) sind in Goosens Untersuchungskorpus am häufigsten, als andere Interaktionstypen hat Goosens demetonymysation inside a metaphor, metaphor within metonymy ermittelt.

102Als das größte Problem stellt sich die Definierung, was unter der literalen Sprache zu verstehen ist, heraus. Die herkömmlichen Definitionen leisten hier wegen ihrer Zirkularität keine Hilfe: z.B. „Those concepts that are not comprehended via conceptual metaphor might be called literal“ (Lakoff 1993: 205) oder „figurative means, that a usage is motivated by a metaphoric or metonymic relationship to some other usage, a usage which may be labeled literal. And literal does not mean ‚everyday, normal usage‘ but a meaning which is not dependent on a figurative extension from another meaning.“ (Dancygier/Sweetster 2014: 4)