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Kognitive Aspekte der Phraseologie

Konstituierung der Bedeutung von Phraseologismen aus der Perspektive der Kognitiven Linguistik

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Anna Sulikowska

Diese Monographie verfolgt das Ziel, die zentralen Begriffe der Semantik von Phraseologismen – ihre Idiomatizität, Motiviertheit, Bildhaftigkeit, Bildlichkeit, Ambiguität – aus kognitiver Perspektive zu beschreiben. Die Autorin arbeitet ein Verfahren heraus und erprobt es in korpusbasierten Detailstudien, mit dem semantische Aspekte der Idiome in ihrer Komplexität und Vielfalt anhand eines kongruenten Instrumentariums, unter kohärenten theoretischen Prämissen, erläutert werden. Der wissenschaftliche Wert des Buches liegt in seiner Interdisziplinarität: Hier treffen die empirisch breit abgesicherten Theorien zu Metapher und Metonymie, kognitiver Semantik, mentalen Repräsentationen, literaler und figurativer Sprache, mit der Korpuslinguistik und Phraseologie zusammen.

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4. Mechanismen der Bedeutungskonstituierung von Idiomen

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4. Mechanismen der Bedeutungskonstituierung von Idiomen

Das Ziel des empirischen Teils der vorliegenden Arbeit liegt in der Veranschaulichung der Komplexität der Bedeutungskonstituierungsprozesse von Idiomen mit zwei disjunktiven Lesarten. Es wird an authentischen Sprachgebrauchsbelegen erläutert, wie Metonymien, Metaphtonymien, epistemische und konzeptuelle Metaphern vom unterschiedlichen Generalitätsgrad, mentale Bilder, tief in der frühesten Körpererfahrung verankerten image schemas und relativ individuelle Weltwissensinhalte über Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Sprache in einem vielschichtigen, viele Aspekte umfassenden Zusammenspiel die Bedeutungen von Idiomen gestalten. In den Fokus der Aufmerksamkeit wird dabei ein kohärenter Erfahrungs- und Diskursbereich gerückt – das semantische Feld der Schwierigkeit/der schwierigen Lage.

4.1 Daten und Methoden

Die folgenden empirischen Untersuchungen beruhen auf einer Kombinierung der onomasiologischen und semasiologischen Herangehensweise.

Unter Onomasiologie (zu griech. onoma ‚Name‘) versteht man in der Semantik und Lexikologie die Lehre von den Benennungen (Schmidt-Wiegand 2002: 738). Onomasiologie in einem weiteren Sinne erstreckt sich auf die (den Wortschatz unterschiedlicher Sprachen einbeziehenden) interlingualen und etymologisch-morphologischen Studien: Sie versucht die Prozesse zu erklären, die zu einzelnen Bezeichnungen geführt haben. Die Onomasiologie im engeren Verständnis (auch als Onomasiographie bezeichnet) setzt sich zum Ziel, die Bezeichnungen, die zu einem bestimmten Begriff gehören, zu sammeln, zu klassifizieren und zu beschreiben, d.h. zeitlich und räumlich möglichst genau festzulegen (ebd., 740).

Während die Onomasiologie von einer Sache bzw. von einem Begriff ausgeht und nach den dazugehörigen Bezeichnungen fragt, hat die Semasiologie (zu griech. sema ‚Zeichen‘) ihren Ausgangspunkt bei den Bezeichnungen und fragt nach deren Bedeutung(en). Dementsprechend wird die Onomasiologie auch als Bezeichnungslehre, Semasiologie als Lehre von Bedeutungen benannt149.

←253 | 254→Im empirischen Teil der vorliegenden Arbeit werden beide Herangehensweisen aneinandergestellt. Die Zusammenstellung des Untersuchungsmaterials erfolgt in einem onomasiologisch ausgerichteten Verfahren. Ausgehend von einem weit gefassten, relativ abstrakten Diskursbereich der Schwierigkeit/schwierigen Lage wird anhand der lexikographischen Werke nach den festen Wortverbindungen gesucht, die seiner Versprachlichung dienen. Die gesammelten Idiome werden dann einer weiteren Analyse unterzogen, die sich zum Ziel setzt, die das zu besprechende semantische Feld strukturierenden konzeptuellen Metaphern zu ermitteln.

Der von dem Umfang und der Relevanz her konstitutive Teil der empirischen Untersuchung ist semasiologisch ausgerichtet: Ausgewählte Idiome werden unter Rückgriff auf ein Sprachkorpus semantisch-kognitiv analysiert, um die Bedeutungen und Teilbedeutungen (Verwendungsprofile und Verwendungsmuster) der Phraseologismen aus dem authentischen Sprachgebrauch zu eruieren sowie die kognitiven Mechanismen darzustellen, die zur Konstituierung dieser Bedeutungen unter den jeweiligen kontextuellen Bedingungen führen. Die Analyse der authentischen Verwendung eines Phraseologismus bei der Untersuchung seiner Semantik ist aus zwei Gründen relevant: Zum einen weist die lexikographische Erfassung der Semantik von Idiomen öfters Unzulänglichkeiten auf, auf die vielerorts verwiesen wurde (vgl. dazu u.a. Bąba/Liberek 2011, Burger 2009, Dobrovol’skij 2002b, Dobrovol’skij/Piirainen 2009, Ettinger 2004, 2009, Filipenko 2009, Mellado-Blanco 2009b, Parina 2014, Sulikowska 2013, 2014a, 2015c, Szczęk 2011). Zum anderen werden in den meisten Nachschlagewerken die weniger frequenten Teilbedeutungen (Verwendungsmuster) außer Acht gelassen. Diese Teilbedeutungen, die zwar nicht durch die meisten Gebrauchsbelege vertreten sind, aber zugleich nicht (mehr) idiosynkratisch gebraucht werden, sind währenddessen aus der kognitiven Perspektive sehr interessant. Sie gewähren uns nämlich Einblick in die dynamischen metaphorisch-metonymischen Konstituierungsprozesse der Bedeutung von bestimmter Systematizität und weisen auf die potenziellen künftigen Richtungen der semantischen Entwicklung von idiomatischen Einheiten hin.

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4.1.1 Untersuchungsmaterial

Zu den in der Phraseologie besonders gern behandelten Themenbereichen gehören zweifelsohne Somatismen, Emotionen, Tiere und Farben150. Die Popularität der phraseologischen Studien zu Tier- und Farbbezeichnungen ist auf ihre kulturelle Verankerung zurückzuführen. Somatismen und Emotionen wird dagegen vor allem in kognitiv ausgerichteter Phraseologieforschung eine wichtige Stellung eingeräumt: Sie eignen sich aufgrund ihrer Körpergebundenheit hervorragend dazu, den Einfluss von Embodiment und konzeptuellen Metaphern auf die Struktur komplexer abstrakter Konzepte und Konzeptualisierungen aufzuzeigen. Da in der vorliegenden Arbeit das Ziel anvisiert wird, ein möglichst großes Spektrum der Bedeutungskonstituierungsmechanismen zu erfassen, wird von diesen populären Forschungsbereichen abgesehen. Stattdessen steht ein relativ umfangreiches, breit gefächertes, nach dem Wissen der Autorin in der bisherigen Forschung noch nicht eingehend thematisiertes semantisches Feld der Schwierigkeit/der schwierigen Lage im Zentrum des Interesses.

Die Erstellung der Phraseologismensammlung, die zur Beschreibung der Notlage eines Menschen im Deutschen verwendet werden, erfolgt mithilfe von drei phraseographischen Nachschlagewerken:

(i) Deutsche Redewendungen. Ein ideographisch gegliedertes Wörter-, Übungs- und Lesebuch für Fortgeschrittene ist über die Seite www.ettinger-phraseologie.de (letzter Zugriff am 29.05.2017) zugänglich und basiert in der Auswahl der Lemmata auf dem 1997 veröffentlichten Lernerwörterbuch Deutsche Redewendungen von Ettinger/Hessky. Aus Ettingers Nachschlagewerk werden ausgewählte Phraseologismen aus folgenden thematischen Bereichen:

F. 15. Schwierigkeiten haben – Schwierigkeiten machen

F. 16. Benachteiligung – Schaden

E. 9. Ablehnen – Verneinen

in die vorliegende Phraseologismensammlung übernommen;

(ii) Hans Schemanns Synonymwörterbuch der deutschen Redensarten ist als Printwörterbuch 1989 erschienen und umfasst ca. 20 000 nach inhaltlichen Kriterien eingeteilten Lemmata. Im Folgenden wird auf die 2. erweiterte Auflage dieses Wörterbuches aus dem Jahre 2012 Bezug genommen. Schemanns Werk ist im Hinblick auf die onomasiologische Struktur detailliert ausgearbeitet. In die Sammlung werden Phraseologismen aus semantischen Kategorien:

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Fa 20 zwingen, Druck ausüben

Fa 21 Zwang, Zwangslage: unter Druck stehen, wohl oder übel tun müssen

Ga 4 ernste Lage; Zwickmühle: in Schwulitäten

Hb 4 (ver-)hindern; jmdm. in die Quere kommen; jmdm. Knüppel zwischen die Beine werfen; jmdm. einen Strich durch die Rechnung machen (Auswahl)

Hb 5 schaden, schädigen: Schaden anrichten; jmdm. etw. einbrocken

Gb 1 Gefahr, gefährlich; seines Lebens nicht mehr sicher (Auswahl)

einbezogen;

(iii) Das elektronische Wörterbuch redensarten-index (www. redensarten-index.de) ist nur bedingt onomasiologisch: Die in die Eingabemaske eingefügten Stichwörter können zwar in Bedeutungsparaphrasen oder Beispielen gesucht werden, eine den vorangehenden Wörterbüchern zugrunde liegende reflektierte Zuweisung der Phraseologismen zu den einzelnen inhaltlichen Bereichen wird aber nicht vorgenommen. Deswegen spielt dieses Wörterbuch eine Behelfsrolle. Die Bedeutungen von den in die Sammlung aufgenommenen Phraseologismen wurden von der Autorin auf ihre Zugehörigkeit zum semantischen Feld der Schwierigkeit/der schwierigen Lage hin auch in anderen Nachschlagewerken (DUW online, Wahrig 2007) manuell überprüft.

Als Ergebnis entstand eine Liste von 250 konventionalisierten (Mehr-)Wortverbindungen. Da die Datengrundlage für weitere Untersuchungen semantisch motivierte Phraseologismen im engeren Sinne ausmachen, wird das Untersuchungsmaterial demnächst manuell untersucht und einem Reduktionsverfahren unterzogen. Einwortphraseologismen als Einheiten mit einem umstrittenen Status in der Phraseologie151 (sich festfahren, festsitzen, jmdm. dazwischenfunken, sich totlaufen, dazwischenkommen, etw. zunichtemachen), elliptische Phraseologismen (z.B. Da haben wir’s!/habt ihr’s/…), pragmatisch motivierte Phraseologismen (z.B. Da haben wir/habt ihr/… die Bescherung!), nicht-idiomatische und schwach-idiomatische Phraseologismen (z.B. in Gefahr sein, auf bessere Zeiten hoffen/warten, aufs/auf das Äußerste/Ärgste gefasst sein (müssen), sich aufs/auf das Äußerste gefasst machen (müssen), in Schwierigkeiten geraten, in Todesgefahr schweben/sein, nicht an jmds. Stelle sein mögen, aufs/auf das Schlimmste gefasst sein (müssen), sich aufs/auf das Schlimmste gefasst machen (müssen), mit dem Schlimmsten rechnen müssen, mit jmdm./etw. steht es nicht zum besten), aber auch Zwillingsformeln, die vor allem durch die ästhetische Funktion der Sprache motiviert sind152 (mit Ach und Krach, mit Müh und Not, mit Hängen und Würgen) werden aus der Untersuchung ←256 | 257→ausgeschlossen. Die verbleibende Menge von 206 idiomatischen Zieleinheiten bildet die Datengrundlage für eine semantisch-kognitiv ausgerichtete Analyse des semantischen Feldes der Schwierigkeit/der schwierigen Lage im Deutschen.

Die vollständige Phraseologismenliste befindet sich im Anhang (Tab. 44). Im Folgenden werden – unter Verweis auf die Quellen – 206 Phraseologismen angeführt, die die Datengrundlage für weitere Analysen aufmachen. Die Nennformen der Phraseologismen werden im Original angegeben, woraus sich Differenzen in der Behandlung der phraseologischen Varianten ergeben können:

Tab. 8:Die Phraseologismensammlung anhand lexikographischer Nachschlagewerke nach dem Reduktionsverfahren.

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4.1.2 Methoden der Untersuchung

Die Methodologie der vorliegenden Arbeit wird in zwei großen Themenblöcken behandelt: In dem ersten wird erklärt, nach welchem Verfahren die Strukturierung des gesamten phraseologischen Untersuchungsmaterials in dem zu besprechenden semantischen Feld der Schwierigkeit/der schwierigen Lage vorgenommen wird. Der Schwerpunkt des zweiten Themenblocks liegt dagegen auf der Beschreibung der Prozedur, nach der die 13 für eingehende Fallstudien ausgewählten Idiome zusammengestellt, in Anlehnung an Korpusbelege semantisch analysiert und dann in Bezug auf kognitive Bedeutungskonstituierungs- und Motiviertheitsmechanismen untersucht werden.

4.1.2.1 Methoden der Eruierung von konzeptuellen Metaphern

Die nach den im Unterkap. 4.1.1 beschriebenen Kriterien zusammengestellte Phraseologismen-Sammlung (Tab. 8) wird zuerst im Hinblick auf die sie strukturierenden konzeptuellen Metaphern untersucht. Es wird also der Frage nachgegangen, welche Ausgangsdomänen einen systematischen Beitrag dazu leisten, wie die abstrakte Zieldomäne der schwierigen Lage und ggf. der Schwierigkeit konzeptualisiert wird.

Der dieser Aufgabenstellung zugrunde liegende onomasiologische Analysevorgang ist in Anlehnung an Jäkel (2003: 142) entstanden, wird dennoch wesentlich modifiziert und an Bedürfnisse einer in der Phraseologie angesiedelten Recherche angepasst. Das Verfahren wird in vier Schritten ausgeführt:

  (i)Anhand onomasiologischer Wörterbücher wird das Untersuchungsmaterial in Form von einer Idiom-Sammlung nach den bereits beschriebenen Regeln zusammengestellt. Die gesammelten Idiome werden als konventionalisierte, lexikalisierte Metaphern betrachtet.

 (ii)Es wird analysiert, aus welchen Bereichen die Hauptkonstituenten der Idiome in ihrer literalen Bedeutung stammen. Diese Bereiche werden als potenzielle Ausgangsdomänen für die metaphorischen Mappings betrachtet.

(iii)Falls die Ausgangsdomänen mehrmals vorkommen und die metaphorischen Mappings eine gewisse Regelmäßigkeit aufweisen, wird angenommen, dass sie einen systematischen Charakter haben: Eine konzeptuelle Metapher wird formuliert.

 (iv)←265 | 266→Die ermittelten konzeptuellen Metaphern werden analysiert, systematisiert und in Bezug auf die möglichen hierarchischen Beziehungen untersucht. Falls sich die einzelnen Metaphern in Hinsicht auf ihren Generalitätsgrad unterscheiden, werden hierarchische Strukturen angenommen.

Infolge einer so angelegten Vorgehensweise wird eine hierarchisch aufgebaute Liste der konzeptuellen Metaphern erstellt, die das semantische Feld der schwierigen Lage strukturieren. Diese Metaphern und ihre sprachlichen Manifestationen im phraseologischen Bereich werden detailliert im Kap. 4.2.1 behandelt.

4.1.2.2 Methoden der semantisch-kognitiven Untersuchung am Korpusmaterial

Den grundsätzlichen Teil der vorliegenden Arbeit bilden die semantisch-kognitiven Fallstudien zu Idiomen. Diese semasiologisch ausgerichteten Untersuchungen werden in drei Schritten ausgeführt:

  (i)Da die semantisch-kognitiven Fallstudien zeit- und arbeitsaufwendig sind und dabei viel Platz in Anspruch nehmen, wird im ersten Schritt eine Auswahl der zu beschreibenden Idiome getroffen.

 (ii)Im zweiten Schritt werden ausgewählte Idiome unter Rückgriff auf Sprachkorpora einer detaillierten semantischen Analyse unterzogen, die das Ziel anstrebt, die Bedeutungen und Teilbedeutungen (Verwendungsprofile und Verwendungsmuster) der Phraseologismen aus dem authentischen Sprachgebrauch zu ermitteln, Bedeutungsparaphrasen zu formulieren sowie Sprachbelege auszuwählen, mit denen diese Bedeutungen exemplarisch veranschaulicht werden.

(iii)Im dritten Schritt werden die kognitiven Mechanismen nachträglich erschlossen, schematisch dargestellt und eingehend beschrieben, die zur Konstituierung von diesen Verwendungsprofilen und Verwendungsmustern unter den jeweiligen kontextuellen Bedingungen führen.

4.1.2.2.1 Die Auswahl der zu beschreibenden Idiome

Da eine detaillierte semantisch-kognitive Untersuchung von über 200 in der Tabelle 8 aufgelisteten Idiome sehr umfangreich wäre und den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde, muss im weiteren Verfahren eine Auswahl von Idiomen getroffen werden, die man anschließend einer eingehenden semantischen und kognitiven Analyse unterzieht.

Der Einfluss der konzeptuellen Metaphern auf die Strukturierung der ganzen Diskursbereiche und auf die Bedeutungen von einzelnen Idiomen gilt vor dem Hintergrund der bisherigen Forschung als gesichert (vgl. Dobrovol’skij 1995, Guławska-Gawkowska 2013, Staffeldt/Ziem 2008). In der vorliegenden Studie wird dennoch das Ziel angestrebt, möglichst viele kognitive Mechanismen der Bedeutungskonstituierung von Idiomen in ihrer ganzen Vielfalt und Komplexität ←266 | 267→zu ermitteln und aufzuzeigen. Aus diesem Grunde erfolgt die Auswahl von den zu beschreibenden Idiomen nach zwei Kriterien: Es werden einerseits Idiome untersucht, für die sich in der onomasiologischen Analyse des semantischen Feldes der schwierigen Lage unterschiedliche konzeptuelle Metaphern ermitteln lassen. Andererseits wird – zur Veranschaulichung der Relevanz von anderen kognitiven Mechanismen außer der konzeptuellen Metapher für die Konstituierung phraseologischer Bedeutung – jeweils auf zwei bis vier idiomatische Einheiten mit einer gemeinsamen konzeptuellen Metapher, dennoch unterschiedlicher Bildhaftigkeit zurückgegriffen. Demnach liegt z.B. den bedeutungsähnlichen Phraseologismen im engeren Sinne: schwankender Boden, glattes Parkett oder dünnes Eis zwar eine gemeinsame konzeptuelle Metapher: sicherheit ist stabiler boden, schwierige lage ist unsicherer/unstabiler boden zugrunde, zugleich unterscheiden sich aber die Idiome wesentlich in ihrem Konstituentenbestand und in ihrer Bildhaftigkeit. Mit dieser Vorgehensweise wird die Vielfältigkeit des Untersuchungsmaterials gewährleistet, die die Erfassung von einer möglichst großen Bandbreite divergenter Mechanismen von idiomatischer Bedeutungskonstituierung in Aussicht stellt.

4.1.2.2.2 Methoden der semantischen Analyse von Idiomen

Die Ausgangsbasis aller Aussagen, die in dem vorliegenden Arbeitsteil getroffen werden, bilden die Ergebnisse einer Analyse von Korpusbelegen von ausgewählten Idiomen. Unter dem Begriff ‚Korpus‘ sind im Folgenden ausschließlich die elektronisch angelegten Korpora der deutschen (bzw. polnischen Sprache) zu verstehen: Als primäre Quelle der Korpusbelege dienen die DWDS-Korpora, gelegentlich, in den kontrastiv-interlingual ausgerichteten Erwägungen wird die Untersuchung um das Nationale Korpus der Polnischen Sprache erweitert.

Unter dem Namen Digitales Wörterbuch der Deutschen Sprache153 (DWDS) bezeichnet man Korpora, die an der Berlin-Brandenburgischer Akademie der Wissenschaften beheimatet sind und das Ziel verfolgen, ein „Digitales Lexikalisches System“ – ein umfassendes, jedem Benutzer über das Internet zugängliches Wortinformationssystem, das Auskunft über den deutschen Wortschatz in Vergangenheit und Gegenwart gibt – zu schaffen. 2018 umfasst das DWDS 13 Milliarden Textwörter, womit es – vom Umfang her – als zweitgrößtes Korpus der deutschen Sprache gilt.

DWDS stellt ein Beispiel eines Monitorkorpus dar: Es wird kontinuierlich ausgebaut. In der dritten Version, die seit August 2016 zur Verfügung steht, werden zahlreiche Lexeme um Angaben zur Form und zur Bedeutung, zur Etymologie sowie um Thesaurusinformationen, Verwendungsbeispiele aus Korpora und typische Wortverbindungen bereichert. Alle Informationstypen sind mit einer ←267 | 268→Quellenangabe versehen, sodass jederzeit Herkunft sowie das Datum der Belege nachvollzogen werden können.

Das DWDS beinhaltet Referenz-, Zeitungs- und Spezialkorpora. Eine besondere Stellung kommt dabei dem DWDS-Kernkorpus zu, das als erstes, zeitlich und nach Textsorten ausgewogenes Referenzkorpus der deutschen Sprache des 20. Jh. betrachtet wird. Das DWDS-Kernkorpus enthält ungefähr 100 Millionen Textwörter, fünf Textsorten liegen dem Korpus zugrunde: Belletristik (27 %), journalistische Prosa (26 %), Fachtexte (22 %), Gebrauchstexte (20 %) und transkribierte Texte gesprochener Sprache (5 %). Außer dem DWDS-Kernkorpus gilt ebenfalls Deutsches Textarchiv als ein Referenzkorpus, da es sich aber auf die historischen Texte bezieht (1600–1900), ist seine Rolle in der vorliegenden, synchron ausgerichteten Untersuchung marginal.

Abgesehen von den zeitlich und hinsichtlich der Textsortenverteilung ausgewogenen Referenzkorpora werden weitere Korpora, sog. Ergänzungskorpora in die DWDS-Abfrageplattform eingebunden: Zeitungskorpora bestehen aus digitalisierten Texten der großen Tages- und Wochenzeitungen (Die Zeit, Berliner Zeitung, Der Tagesspiegel, bis 2016 ebenfalls Potsdamer Neueste Nachrichten), Spezialkorpora umfassen Blogs, Filmuntertitel, Polytechnisches Journal, die DDR-Sprache sowie das Korpus Gesprochene Sprache.

4.1.2.2.2.1 Erstellung der Belegsammlung

Zur genauen semantisch-kognitiven Analyse der ausgewählten Idiome wird für jede zu besprechende idiomatische Einheit eine Belegsammlung von 40 DWDS-Gebrauchsbelegen zusammengestellt. Es wird davon ausgegangen, dass 40 Belege eine genügende Menge darstellen, um bestimmte Schlussfolgerungen hinsichtlich der Semantik der Idiome zuzulassen und Verwendungsprofile ermitteln zu können. Die Belege werden den DWDS-Korpora nach folgenden Regeln entnommen:

Alle Belege entstammen dem DWDS-Kernkorpus sowie den DWDS-Zeitungskorpora. Der Grund für die Heranziehung der (von Natur aus textsortenspezifischen und nicht ausgewogenen) Zeitungskorpora ist praktischer Natur: Für keinen der zu beschreibenden Phraseologismen stehen in dem öffentlich zugänglichen154 DWDS-Kernkorpus genügend Belege zur Verfügung. Tabelle 9 gibt einen Überblick über die Distribution der zu erforschenden Wortverbindungen (hier stellvertretend: dünnes Eis, glattes Parkett und schwankender Boden) in unterschiedlichen Korpora.

Tab. 9:Die Distribution der Phraseologismen dünnes Eis, glattes Parkett und schwankender Boden in den DWDS-Korpora (https://www.dwds.de, Zugriff 19.05.2017).

dünnes Eisglattes Parkettschwankender Boden

Referenzkorpora

DWDS-Kernkorpus (12)

DWDS-Kernkorpus 21 (2)

Deutsches Textarchiv (3)

Referenzkorpora

DWDS-Kernkorpus (14)

DWDS-Kernkorpus 21 (7)

Deutsches Textarchiv (7)

Referenzkorpora

DWDS-Kernkorpus (17)

DWDS-Kernkorpus 21 (1)

Deutsches Textarchiv (7)

Zeitungskorpora

Berliner Zeitung (44)

Tagesspiegel (27)

Die Zeit (69)

Zeitungskorpora

Berliner Zeitung (109)

Tagesspiegel (95)

Die Zeit (273)

Zeitungskorpora

Berliner Zeitung (26)

Tagesspiegel (13)

Die Zeit (178)

Spezialkorpora

Referenz- und Zeitungskorpora (157)

Blogs (1)

Polytechnisches Journal (0)

Filmuntertitel (2)

Gesprochene Sprache (0)

DDR (0)

Spezialkorpora

Referenz- und Zeitungskorpora (505)

Blogs (79)

Polytechnisches Journal (1)

Filmuntertitel (35)

Gesprochene Sprache (0)

DDR (3)

Spezialkorpora

Referenz- und Zeitungskorpora (242)

Blogs (4)

Polytechnisches Journal (3)

Filmuntertitel (0)

Gesprochene Sprache (0)

DDR (2)

←268 | 269→Der Einsatz der Zeitungskorpora ist ebenfalls im Hinblick auf die Aktualität der Belege begründet: Die Ressourcen im DWDS-Kernkorpus beziehen sich auf den Zeitraum von 1900 bis heute (vorwiegend aber auf die Texte, deren Autorenrechte abgelaufen sind, d.h. auf die erste Hälfte des 20. Jh.), im Deutschen Textarchiv sind Texte aus den Jahren 1600–1900 gesammelt, in den Zeitungskorpora sind es vor allem neuere Texte: Das Korpus der Berliner Zeitung erhält alle Online-Veröffentlichungen aus der Zeit von Januar 1999 bis Dezember 2005, das Korpus Der Tagesspiegel umfasst die im Zeitraum 1996–2005 online veröffentlichten Artikel, das umfangreichste Zeit-Korpus besteht aus allen Zeit-Ausgaben von 1946 bis heute, soweit diese in digitaler Form auf der Webseite www.zeit.de zur Verfügung stehen, sowie aus Artikeln, die nur online auf der Webseite www.zeit.de erschienen sind. Die am 23. August 2016 in Betrieb gesetzte dritte Version der DWDS-Korpora lässt die Nutzer zusätzlich in Spezialkorpora recherchieren, z.B. in Blogs oder dem Korpus der gesprochenen Sprache. Die Heranziehung der Belege aus diesen Korpora wäre für die folgende Untersuchung bestimmt interessant und wünschenswert, diese Korpora waren ←269 | 270→aber in der zweiten Version nicht vorhanden155. Da die dieser Arbeit zugrunde liegenden Belegsammlungen in den Jahren 2014–2017 zusammengestellt worden sind, wird – der Einheitlichkeit der jeweiligen Belegsammlung halber – konsequent nur auf dieselben Referenz- und Zeitungskorpora zurückgegriffen.

Der Anteil der einzelnen DWDS-Korpora an den zusammenzustellenden Belegsammlungen wird folgendermaßen bestimmt. Insgesamt sind für jedes Idiom 40 DWDS-Belege erforderlich, die den Teilkorpora: DWDS-Kernkorpus, Deutsches Textarchiv, Berliner Zeitung, Tagesspiegel, Die Zeit sowie Potsdamer Neuesten Nachrichten entnommen werden. Als generelle Regel gilt: Je mehr Belege in einem Teilkorpus angeführt werden, desto mehr Belege aus diesem Teilkorpus werden in die jeweilige Belegsammlung aufgenommen. In der Praxis entstammt etwa ein Viertel der Belege in der jeweiligen Belegsammlung dem größten Zeitungskorpus Die Zeit. Außer der Größe liegt ein weiterer Vorteil des Teilkorpus Die Zeit darin, dass es aus digitalisierten und im Internet leicht auffindbaren Texten besteht: Falls die maximale Kontextangabe im Korpus nicht ausreichend ist, um die aktuelle Bedeutung des Idioms zu eruieren, ist die Lektüre einer längeren Passage ohne zeitaufwendige Suche in den Printmedien möglich. Die übrigen Belege entstammen den kleineren Korpora, wobei die Anzahl der Belege aus dem jeweiligen Korpus im Vorhinein bestimmt wird. Das Zugriffsdatum, die Suchanfrage sowie die Anzahl der zu dieser Zeit in den DWDS-Korpora angeführten und in die Belegsammlung übernommenen Gebrauchsbelege werden bei jedem Idiom einzeln in der Fußnote angegeben.

Für die Sortierung der Korpustreffer wird in die Eingabemaske jeweils die zufällige Vorgehensweise eingegeben156, sodass die Belege aus unterschiedlichen Jahrzehnten des 20. und 21. Jh. stammen. Für semantische Studien ist es wichtig, dass der Textausschnitt um das Idiom herum als Exzerpt groß genug ist, damit kontextuelle Begebenheiten für den Rezipienten verständlich werden. Oft muss deswegen auf längere Sequenzen Bezug genommen werden, in manchen Fällen war die Lektüre eines großen Teils oder halt eines ganzen Artikels notwendig. Wo der maximale über Korpus zugängliche Kontext keine semantische Interpretation zulässt und der längere Kontext im Internet nicht zugänglich ist, wird der jeweilige Beleg gegen den nächsten aus demselben Teilkorpus getauscht.

4.1.2.2.2.2 Ermittlung der Verwendungsprofile und Verwendungsmuster

In der Regel bietet die semantische Analyse der Gebrauchsbelege ein wesentlich breiteres Spektrum der Bedeutungen, Teilbedeutungen, Bedeutungsnuancen, ←270 | 271→als lexikographische Werke.157 Selbstverständlich kann anhand der Analyse von 40 Belegen nicht endgültig auf den lexikographischen Status der zu erfassenden Bedeutungen geschlussfolgert werden, zumal die auf die bereits beschriebene Art und Weise zusammengestellte Belegsammlung kein ausgewogenes Korpus bildet, das fundierte lexikographische Schlussfolgerungen zulassen würde. Erstens ist sie für den schriftlichen Sprachgebrauch repräsentativ, weil alle Gebrauchsbelege den literarischen und Pressetexten entstammen158. Zweitens werden im Folgenden zahlreiche lexikographisch relevante Informationen zur Grammatik, Frequenz/Geläufigkeit oder Textsortenspezifik nicht (oder wenigstens nicht systematisch) erfasst. Drittens hängen in der Lexikographie semantisch relevante Grundfragen wie z.B.:

  (i)Wie viele Korpusbelege deuten auf eine etablierte/sich etablierende feste Wortverbindung hin, die als ein phraseologischer Neologismus Eingang in lexikographische Werke finden soll? Wie vielfältig müssen die Fundstellen sein, damit man die Existenz eines phraseologischen Neologismus behaupten kann159?

 (ii)Welche Frequenz muss ein Idiom bzw. eine Teilbedeutung eines Idioms aufweisen, um lexikographisch erfasst zu werden?

(iii)Wie erfasst man die parallelen Metaphorisierungen (als Teilbedeutungen eines polysemen Idioms oder als Stichwörter)?

(iv)Wie detailliert sollten die einzelnen Bedeutungsaspekte dargestellt werden?

 (v)Wie soll die Nennform formuliert werden?

←271 | 272→

mit weiteren Faktoren: dem anvisierten Benutzerkreis, dem Wörterbuchtyp, seiner Funktion (aktives oder passives Wörterbuch) oder dem Wörterbuchmedium (Printwörterbücher oder elektronische Nachschlagewerke) zusammen, die für unsere Zielsetzung nicht relevant sind und an dieser Stelle nicht erörtert werden können.

Das primäre Ziel der vorliegenden Arbeit liegt nämlich nicht in der lexikographischen Aufbereitung der Idiom-Darstellung, sondern in der Veranschaulichung der potenziellen Komplexität der Mechanismen von der Bedeutungskonstituierung der Idiome aus kognitiver Perspektive. Aus diesem Grund wird im Weiteren nicht von den Teil-, Unter- oder Nebenbedeutungen, deren eindeutige Auseinanderhaltung sehr schwierig und nur unter Bezugnahme eines detaillierten lexikographischen Kriterienkatalogs möglich wäre, sondern allgemeiner von den Verwendungsprofilen und Verwendungsmuster gesprochen. Unter einem ‚Verwendungsprofil‘ – die Bezeichnung160 von Hümmer (2009: 65) – wird eine Bedeutung aufgefasst, die sich aus mehreren Korpusbelegen abstrahieren lässt. Über die Untersuchung von Gebrauchsbelegen werden also Verwendungsprofile eruiert, die die Aussagen über die sich vollziehenden Bedeutungskonstituierungsmechanismen auf der über den Idiolekt hinausgehenden Ebene erlauben. Die Verwendungsprofile sind manchmal hierarchisch aufgebaut: Die in der Hierarchie niedriger befindlichen Strukturen, in die Verwendungsprofile zerfallen, werden im Folgenden Verwendungsmuster genannt.

Der Einsatz der elektronischen Korpora erhöht den Intersubjektivitätsgrad der Analysen und trägt zur Reliabilität der Ergebnisse bei. Der entscheidende Schritt, in dem aus konkreten Korpusdaten Verwendungsprofile abstrahiert werden, ist dennoch weitgehend subjektiv und durch individuelle Auslegung geprägt. Dieses Problem ist allerdings allen semantischen Untersuchungen gemeinsam und beim heutigen Wissensstand wahrscheinlich unumgehbar, vgl. dazu Steyer:

Durch eine intelligente Vorstrukturierung kann der Linguist eine ungleich größere Menge sprachlicher Daten betrachten, als es ihm mit „bloßem Auge” auch nur irgendwie möglich wäre. Er kann so auf einer viel höheren analytischen Ebene ansetzen. Aber letztlich wird kein Linguist z.B. allein auf der Basis berechneter Kookkurrenzen Generalisierungen in Bezug auf das Kollokationsverhalten von Substantiven vornehmen können. Kein Lexikograph wird nur mit Hilfe von Listen oder Netzen ein Bedeutungswörterbuch fester Wortverbindungen erarbeiten, weil ab einem bestimmten Interpretationsschritt immer die usuellen, authentischen kontextuellen Umgebungen eines Analyseobjekts für den kontextuellen Hintergrund notwendig sind. An der grundlegenden Kulturtechnik, nämlich Texte zu lesen und ←272 | 273→zu interpretieren, hat denn auch die Korpuslinguistik meines Erachtens nichts geändert. (Steyer 2013: 73)

4.1.2.2.3 Methoden der kognitiven Analyse von Idiomen

Auf die semantische Analyse der eruierten Verwendungsprofile folgt die detaillierte Beschreibung der kognitiven Mechanismen, die diese Verwendungsprofile konstituieren. In einem introspektiven, durch die Recherche im Internet und in Nachschlagewerken unterstützten Verfahren wird nach konzeptuellen Metaphern von unterschiedlichem Generalitätsgrad, nach den Metonymien und Metaphtonymien gesucht, es werden metaphorisch-metonymische Ketten sowie die epistemischen Metaphern und die sie oft begleitenden mentalen Bilder geschildert.

Zur besseren Übersichtlichkeit der ermittelten Derivationsprozesse werden sie jeweils nach dem folgenden Muster (Abb. 26) schematisch veranschaulicht:

Das Schema besteht aus zwei Ebenen: Die erste Ebene betrifft die Bedeutungsderivationen der ganzen Wortverbindung, auf der zweiten Ebene wird der eventuelle Beitrag der Derivationen von einzelnen Idiom-Komponenten berücksichtigt. Dies lässt die Derivationsmechanismen, auf die jeweils detailliert eingegangen wird, auf eine überblicksartige Art und Weise veranschaulichen.

Die zu ermittelnden Mechanismen der Bedeutungskonstituierung sind durch große Komplexität gekennzeichnet. Deswegen sind Idiome zu kleinen, 2–4 Idiome beinhaltenden Gruppen zusammengeschlossen. Die deskriptive ←273 | 274→Darstellung der Bedeutungskonstituierungsmechanismen von Idiomen wird in jeder Gruppe mit einer Zusammenfassung vervollständigt, die bestimmte kognitive Aspekte, die bei der Untersuchung besonders augenfällig waren, hervorhebt und näher beleuchtet. In den Fokus der Aufmerksamkeit werden dabei die kognitiven Mechanismen gerückt, denen in der bisherigen kognitiv-phraseologischen Forschung wenig Aufmerksamkeit zugekommen ist: die epistemischen Mappings, konzeptuelle Metonymien, mentale Bilder, ontologische Metaphern. In Unterkapiteln 4.2.2.1.1.1.4, 4.2.2.1.3.3, 4.2.2.2.5 wird zusätzlich auf die Fragenkomplexe der interlingualen Äquivalenz, ihrer lexikographischen Erfassung und des sprachspielerischen Gebrauchs der Phraseologismen vor dem kognitiven Hintergrund eingegangen. Die eruierten kognitiven Mechanismen, ihre Beschreibungen und angeschnittene Fragen erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit; möglicherweise lassen sich an weiteren Idiomen noch andere Bedeutungskonstituierungsmechanismen festlegen. Sie gewähren uns eher Einblicke in die komplexen Zusammenhänge der Bedeutungskonstituierungsprozesse.

4.2 Analyse und Interpretation

Im Mittelpunkt des folgenden Kapitels stehen die kognitiven Mechanismen der Bedeutungskonstituierung von idiomatischen Einheiten. Die Analyse dieser Mechanismen umfasst zwei Schritte: Im ersten wird das semantische Feld der Schwierigkeit/der schwierigen Lage makrostrukturell in Bezug auf die es strukturierenden konzeptuellen Metaphern untersucht. Im zweiten Schritt wird eine korpusbasierte, ausführliche Analyse einiger Idiome durchgeführt, die die Motiviertheitsmechanismen und die Rolle der Bildhaftigkeit bei der Konstituierung der phraseologisierten Bedeutung darstellt.

4.2.1 Konzeptuelle Metaphern als Strukturierungsprinzip des semantischen Feldes der Schwierigkeit/der schwierigen Lage

Metaphern stellen sprachliche Phänomene dar, durch die Weltsichten, Weltanschauungen, Einstellungen gegenüber Sachverhalten und Ideologien in besonderer Weise zur Geltung kommen, durch die man Wissen perspektivistisch konstruiert, sedimentiert, verändert und vermittelt (Spieß 2017: 94) sowie neuartige Themen in ein bekanntes terminologisches Umfeld integriert und an vertraute Erfahrungskonzepte anschließt (Mikołajczyk 2002: 49). Den konzeptuellen Metaphern als systematischen und relativ festen Strukturprinzipien der menschlichen Kognition wird dabei von den Autoren der CTM-Theorie eine Erschließungsfunktion zugewiesen: Bestimmte Gegenstandsbereiche sind unserer Sprache und unserem Denken kaum anders als durch das Mittel der konzeptuellen Metapher zugänglich. Darauf, dass die sog. ←274 | 275→Notwendigkeitshypothese161 in ihrer strengen Form nicht uneingeschränkt gilt, wird zwar im Unterkap. 2.3.3 verwiesen, generell herrscht aber in der Fachliteratur Einigkeit darüber, dass konzeptuelle Metaphern viele abstrakte und komplexe Bereiche strukturieren und zu ihrer Versprachlichung einen wesentlichen Beitrag leisten.

Das semantische Feld der schwierigen Lage/Schwierigkeit bildet einen relativ abstrakten und komplexen Bereich menschlicher Wirklichkeit, deswegen kann man erwarten, dass er weitgehend metaphorisch strukturiert wird. Die konzeptuellen Metaphern, die dieses Feld gestalten, erfüllen dabei zwei wichtige Aufgaben, die ihnen von Lakoff/Johnson (1980) zugewiesen wurden:

  (i)Da der Zielbereich der schwierigen Lage als abstrakt empfunden wird, dienen die konzeptuellen Metaphern dazu, die Vorgänge zu veranschaulichen. Die abstrakten Sachverhalte werden durch Rückgriff auf konkrete, sinnlicher Anschauung zugängliche Ursprungsbereiche verdeutlicht.

 (ii)Da der Zielbereich komplex ist, üben die konzeptuellen Metaphern eine Fokkussierungsfunktion aus: Sie lassen uns die Situation aus einer bestimmten Perspektive betrachten. Dies ist in einem so mannigfaltigen Bereich wie die zu besprechende schwierige Lage gut sichtbar: Die konzeptuellen Metaphern richten die Aufmerksamkeit auf bestimmte Aspekte der Zwangslage, die durch verschiedene Faktoren, z.B. durch unsichere Grundlagen von vertretenen Ansichten, Annahmen, Thesen, Interpretationen (schwierigkeiten sind unsicherer boden), durch den Zwang, der auf ein Patiens von zwei unabhängigen Quellen auferlegt wird (schwierigkeiten sind druck aus zwei seiten), oder durch zusätzliche, als Ballast empfundene Aufgaben und Personen (schwierigkeiten sind eine last) verursacht werden kann. Bestimmte Bedeutungsaspekte werden hervorgehoben, andere verschiebt man in den Hintergrund. Pielenz (1993: 100) spricht in diesem Kontext von der Filterfunktion der Metapher, Spieß (2017: 99) betont, dass die Metaphern aufgrund der hiding und highlighting-Mechanismen persuasiv und wertend sind.

Die gravierende Rolle der konzeptuellen Metaphern als eines Motiviertheitsmechanismus in der Phraseologie ist allgemein anerkannt und mit mehreren empirischen Studien untermauert (vgl. Angst-Metaphorik bei Dobrovol’skij 1995, Weg-Metaphorik bei Mellado-Blanco 2014, Erfolg-, Fortschritt- und Niederlagemetaphorik bei Langlotz 2006). Die onomasiologisch-kognitive Analyse der Diskursbereiche hat sich als ein Werkzeug, das die Systematizität der metaphorischen Phänomene erfasst, bewährt. Auch das idiomatische Untersuchungsmaterial der vorliegenden Studie ist weitgehend durch die konzeptuellen ←275 | 276→Metaphern strukturiert. Die Analyse der Idiom-Sammlung (Tab. 8) nach der im Unterkap. 4.1.2.1 beschriebenen Vorgehensweise lässt ein hierarchisch gebautes System der konzeptuellen Metaphern aufstellen, die dem semantischen Feld der Schwierigkeit/der schwierigen Lage Struktur verleihen. Die eruierten konzeptuellen Metaphern stellt die folgende Abbildung dar:

←276 | 277→Die Art und Weise, wie die schwierige Lage/Schwierigkeiten in der deutschen Phraseologie konzeptualisiert werden, ist durch mehrere konzeptuelle Metaphern beeinflusst. Schwierigkeiten werden unter Rückgriff auf unangenehme Körpererfahrungen, wie z.B. ungenießbares Essen, Luftentzug, Hitze oder schlechte Wetterbedingungen konzeptualisiert, ebenfalls die Spiel-Metaphorik trägt zu Konzeptualisierung der Schwierigkeit/der schwierigen Lage bei. Ein besonderer Stellenwert kommt dennoch der konzeptuellen Metapher vom mittleren Generalitätsgrad: schwierigkeiten sind verhinderungen der (vorwärts-)bewegung zu, die die meisten phraseologischen Einheiten motiviert und durch zahlreiche konzeptuelle Metaphern von einem kleineren Generalitätsgrad (schwierigkeiten sind hindernisse auf dem weg → schwierigkeiten sind landschaftsformen, schwierigkeiten sind klebrige masse, schwierigkeiten sind unsicherer boden, schwierigkeiten sind sperrungen des durchgangs, schwierigkeiten sind hindernisse, die einen zu fall bringen; schwierigkeiten sind eine last; schwierige lage ist beschränkung der bewegungsfreiheit → schwierige lage ist raumnot, schwierige lage ist gegen jmdn. gerichtete waffe, schwierige lage ist druck aus zwei seiten) untermauert wird. Zugleich stellt die schwierigkeiten als verhinderungen der vorwärtsbewegung-Metapher eine Ausprägung der konzeptuellen Metapher von einer großen Reichweite leben ist ein weg/leben ist eine reise dar. Der Darstellung der das zu erörternde semantische Feld strukturierenden konzeptuellen Metaphern wird deswegen eine skizzenhafte Beschreibung der leben ist ein weg-Metapher angeschlossen.

4.2.1.1 Leben ist ein Weg, Schwierigkeiten sind Verhinderungen der (Vorwärts-)Bewegung

Die leben ist ein weg-Metapher baut auf dem grundlegenden image schema (Vorstellungschema) auf, das von Johnson (1989) als path bezeichnet wird. Das Vorstellungsschema path ist für die Konzeptualisierung des Lebens, aber auch eines zielgerichteten Handelns grundlegend, was möglicherweise schon in der frühkindlichen Erfahrung verankert ist. Die ersten Schritte stellen nämlich in der Entwicklung des Kindes Meilenschritte dar, aus ontogenetischer Perspektive sind es die Schritte in Richtung der zielgerichteten Aktivität, Unabhängigkeit und Selbstbestimmung. Diese sensorische Erfahrung der Bewegung des Körpers im Raum, vom Punkt A bis zum Punkt B, bildet den Ausgangsbereich, der in viele abstraktere Zielbereiche (Politik, Wirtschaft, Religion) übertragen wird: Der A-Punkt macht den Startpunkt aus, der B-Punkt funktioniert als das Ziel, das schnelle Bewältigen der Strecke wird mit schnellem Fortschritt gleichgesetzt, in der Weite liegende Ziele oder labyrinthartige Wege dazu werden als schwierige, langwierige Aufgaben aufgefasst.

Zur Ubiquität der leben ist ein weg-Metaphorik trägt zweifelsohne ihre Verbreitung im religiösen Bereich und in der Bibel bei: In vielen Religionen fungiert der Weg als ein Symbol für die Suche nach Gott, Erleuchtung, sich selbst. Im Christentum wird das irdische Leben als Reinigungsweg von der Sünde konzeptualisiert ←277 | 278→(vgl. z.B. Jesus Worte: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ Joh. 14, 6). Die dichotomische Unterscheidung zwischen einem guten, moralisch gerechtfertigten und einem unmoralischen, verwerflichen Leben wird unter Rückgriff auf konzeptuelle Metaphern: leading a moral life is making a journey on god’s way, god’s commandments are paths, sinning is deviating/swearing from god’s way, repenting is returning, leading an immoral life is walking evil ways, moral choice is choice of path u.a. bestimmt (vgl. Jäkel 2003: 265–279).

Auch im profanen Bereich kommt der leben ist ein weg-Metapher eine besondere Stellung zu: Die Weg-Metaphorik liegt beispielsweise nicht nur der Konzeptualisierung der menschlichen Onto- sondern auch der Phylogenese zugrunde, wovon populäre Schemata (Abb. 28, 29) zeugen.

Abb. 28: Populäre Darstellung der Ontogenese https://www.logopaedie-in-bayreuth.de/entwicklung-kinder-primitive-reflexe/ (Zugriff am 02.06.2017).

Abb. 29: Populäre Darstellung der Phylogenese https://de.wikipedia.org/wiki/Mensch (Zugriff am 02.06.2017).

In vielen Konzeptualisierungen verzahnt sich die leben ist ein weg-Metapher mit der Orientierungsmetapher gut ist oben, schlecht ist unten. In der Konzeptualisierung des menschlichen Lebens, aber auch des Lebenszyklus spielen die beiden Metaphern eine grundlegende Rolle: Das erfolgreiche, wertvolle Leben wird als die Vorwärtsbewegung nach oben, in den Himmel konzeptualisiert. Oben ist die Richtung entgegen der Schwerkraft, weswegen dieser Weg schwer und anstrengend ist, zugleich ist er aber der Mühe wert: Oben ist Himmel, Sonne, Geist, Licht, Übersicht, Macht, Erfolg, Kopf. Unten ist das Minderwertige, Verwerfliche, Animalische: die ←278 | 279→Hölle, die Materie, der Trieb- und Instinktbereich, Unterwerfung, Dunkelheit, Kontrollverlust, Chaos. In diese Vorstellung fügt sich die Lebenszyklus-Konzeptualisierung ein: Neugeborene beginnen ihr Leben unten, liegend, Jugend ist die Zeit des Wachstums, der Progression, der Erweiterung des Lebensraumes, als Erwachsene in der produktiven Berufslebens- und Familienphase sind wir körperlich und psychisch oben, das Alter bringt die Regression, den körperlichen (und heutzutage oft auch sozialen) Abstieg mit sich. Die Verbindung zwischen Progression und der Ausrichtung nach oben kommt auch in der Vorstellung der Phylo- und Ontogenese deutlich zum Ausdruck (vgl. Abb. 28, 29).

Vor dem Hintergrund der leben als weg-Metaphorik werden die Schwierigkeiten generell als weit verstandene Erschwerungen, Behinderungen der Fortbewegung konzeptualisiert. Interessanterweise sind diese Erschwerungen auf drei Obstruktionstypen zurückzuführen: Sie können mit der Beschaffenheit der Wegstrecke, mit der zusätzlichen Belastung des Wandernden oder mit der Einschränkung seiner Bewegungsfreiheit, der räumlichen Not zusammenhängen.

4.2.1.1.1 Schwierigkeiten sind Hindernisse auf dem Weg

Inspiziert man genauer die Beschaffenheit der Wegstrecken, dann findet man detaillierte und lebhafte Bilder, die tief in der körperlichen Erfahrung verankert sind und auf dem Wissen fußen, dass uns manche Hindernisse auf dem Weg kurz- oder langfristig aufhalten können. So werden die Hindernisse als Landschaftsformen (z.B. in einem Tief stecken), unsicherer Boden (z.B. schwankender Boden, dünnes Eis), klebrige oder schmutzige Masse (z.B. in der Patsche sitzen), Blockierungen/Sperrungen des Durchgangs (z.B. Steine in den Weg legen) bzw. Hindernisse, die einen zu Fall bringen (z.B. Knüppel zwischen die Beine werfen) konzeptualisiert. Viele der genannten Konzeptualisierungen sind aufs Engste an die konzeptuelle Orientierungsmetapher von großem Generalitätsgrad: gut ist oben, schlecht ist unten gebunden. Dies widerspiegelt sich in der Sprache: Schlechtes Befinden wird mit dem Verweilen in einer Geländesenke (z.B. sich in einem Jammertal befinden, in einem Tief stecken, down sein, ganz unten sein), Verlust des Ansehens mit Abstieg (Absteiger, jmdn. heruntermachen), Fehler mit Sturz assoziiert (auf dem Bauch landen, Ausrutscher). Als hierarchieniedrigere Konkretisierungen der Metapher schwierigkeiten sind hindernisse auf dem weg lassen sich folgende konzeptuelle Metaphern anführen: schwierigkeiten sind die landschaftsformen, schwierigkeiten sind unsicherer boden, schwierigkeiten sind klebrige masse, schwierigkeiten sind sperrungen des durchgangs, schwierigkeiten sind hindernisse, die einen zum fall bringen.

schwierigkeiten sind die landschaftsformen

Die konzeptuelle Metapher schwierigkeiten sind die landschaftsformen steht in engster Verbindung mit der Orientierungsmetapher gut ist oben, schlecht ist unten. Die Vorstellung des Weges und der progressiven Vorwärtswanderung als ←279 | 280→einer körperlich ausgeführten Tätigkeit bilden den Ausgangspunkt zur metaphorischen Konzeptualisierung der Bewältigung des Lebens, des Umgangs mit seinen Tiefen und Höhen. Dabei werden Berge und Hügel mit Positivem/Erhabenem verbunden: mit geistiger Entwicklung, Karriere, Ehrgeiz, Zielstrebigkeit, Dominanz, Progression. Eine Geländesenke/ein Tal fungiert als direkter Gegensatz zum Berg und steht für das Leiden und Regression. In Übereinstimmung mit dieser Konzeptualisierung wird der Abstieg, obwohl er in Richtung der Schwerkraft erfolgt, als unerwünschter als das Ersteigen eines Berges dargestellt: Auch wenn der Aufstieg mit Anstrengung und Mühe verbunden ist, wird er als eine positive Aufwärtsentwicklung angesehen, was sich sprachlich beispielshalber in Ausdrücken wie der Aufschwung der Wirtschaft, auf der Karriereleiter stehen, sich zu Höherem berufen fühlen, auf dem aufsteigenden Ast sein manifestiert.

schwierigkeiten sind unsicherer boden

Tief in der körperlichen Erfahrung und in der Kultur ist ebenfalls die konzeptuelle Metapher schwierigkeiten sind unsicherer boden verankert. Sie wurzelt in der unangenehmen und als gefährlich empfundenen Erfahrung, die mit der Bewegung auf dem schlammigen, morastigen Boden, einem Steinschlag, oder Wanderdünen in Verbindung gebracht wird (z.B. sich auf dem schwankenden/unsicheren Boden bewegen/befinden, jmdm. schwankt der Boden unter den Füßen). Steinschlag stellt in den Bergen ein erhebliches Risiko dar, im Schlamm oder Moor kann man in Extremfällen versinken, ohne dass die Leiche je gefunden wird. Daraus ergibt sich möglicherweise der symbolische Wert der moorartigen Gebiete, die mit Unheimlichem (Geistern, Dämonen, dem Teufel, Irrlichtern, Hexen und verirrten Seelen) assoziiert werden. Eine andere Gruppe der Phraseologismen hebt die Glitschigkeit, Schlüpfrigkeit des Bodens (dünnes Eis, Glatteis, glattes Parkett) hervor, die metaphorisch als Fehlerträchtigkeit einer Handlung gedeutet werden kann (fehler ist sturz). Zusätzlich wird bei Idiomen mit Eis-Konstituente die Gefahr des Einbruchs der Eisfläche unter dem Gewicht eines Menschen zum Ausdruck gebracht, was in die Domäne der Psyche (z.B. Nervenzusammenbruch) oder Gesundheit (z.B. Kollaps) übertragen wird. Eine aufgezwungene Vorwärtsbewegung auf einem wackeligen oder glitschigen Boden ist äußerst unangenehm: Der Boden ist ein menschlicher Wurzelgrund, die Menschen sind Erdenwesen: Auch wenn sie sich durch technische Mittel von dem Boden abheben, auf oder unter dem Wasser bewegen können, ist doch das feste Land ihre natürlichste Umgebung (vgl. z.B. jmdm. den Boden (unter den Füßen) wegziehen, den Boden unter den Füßen verlieren, den (festen) Boden unter den Füßen gewinnen).

schwierigkeiten sind klebrige masse

Als eine wesentliche Erschwerung wird ebenfalls die Bewegung in einer dicken, klebrigen Masse empfunden. Bei einem im Schlamm festgefahrenen Auto greifen die Räder nicht mehr, das Auto kommt nicht weiter, selbst wenn der Motor mit aller Kraft arbeitet. Die Elemente aus dieser Ausgangsdomäne können dann in die Zieldomäne übertragen werden und sich auf die Situation beziehen, in der man trotz der Anstrengung keine Fortschritte erzielt. Durch diese metaphorischen Mappings ←280 | 281→sind die Phraseologismen die Karre in den Dreck fahren, die Karre steckt im Dreck, der Karren steckt/ist im Dreck, den Karren in den Dreck fahren, die Karre/den Karren im Dreck stehen lassen motiviert. Die übrigen Phraseologismen beziehen sich auf einen Menschen: Ein durch dickflüssige, klebrige Substanzen beschmutzter Mensch strebt danach, sich so schnell wie möglich sauber zu machen und umzuziehen. Ein besonderer, symbolischer Status kommt dabei den Ausscheidungsprodukten (Scheiße, Kacke) zu: In den Mythen wird die Unterwelt, das Unwürdige mit Exkrementen assoziiert (z.B. Augias Stall), in der Kultur wird die Analität dem Animalischen, Primitiven, Unkontrollierten gleichgesetzt und tabuisiert. In der Phraseologie stehen Scheiße, Kacke in einer besonders derben Ausdrucksweise für Schwierigkeiten, Unsinn, Fehler, vgl. die Idiome: in der Scheiße sitzen, jmdn. aus der Scheiße ziehen, (tief/knietief) in der Scheiße/Kacke sitzen/stecken/sein, bis zum Hals in der Scheiße stecken, in die Scheiße greifen, Scheiße bauen.

schwierigkeiten sind sperrungen des durchgangs

Plakativ kommen die konzeptuellen Metaphern: leben ist ein weg, schwierigkeiten sind hindernisse auf dem weg in einer ziemlich ausgebauten Phraseologismengruppe zum Ausdruck, in der die Schwierigkeiten als Sperrungen des Durchgangs, die bewältigt oder umgangen werden müssen, konzeptualisiert werden. In beiden Fällen wird der Schreitende auf seinem Weg zum Ziel abgelenkt, muss die wertvolle Zeit und Energie für die Überwindung der Schwierigkeiten verlieren. Die Erschwernisse auf dem Weg entstehen meistens aufgrund einer beabsichtigten Handlung eines feindlich eingestellten Agens, der einem Steine, Hindernisse, einen Hemmschuh in den Weg legt oder sich halt selbst in den Weg stellt und ihn versperrt.

schwierigkeiten sind hindernisse, die einen zum fall bringen

Für die Konstituierung der hier gesammelten Phraseologismen ist außer den genannten Metaphern von großem Generalitätsgrad die konzeptuelle Metapher fehler ist sturz relevant. Sturz oder Absturz werden aus der Domäne der körperlichen Erfahrung in den emotionalen Bereich übertragen: Sturz bedeutet Schmerz, Verlust der Kontrolle, Sicherheit und Orientierung. Er hält einen vom Erreichen der eigenen Ziele ab, ist unerwartet, ungeplant, unangenehm (in den Staub beißen), kann durch selbst verschuldete Fehleinschätzung der Situation, Überschätzung der eigenen Kräfte und Möglichkeiten verursacht oder durch Dritte (jmdm. ein Bein stellen, Knüppel zwischen die Beine werfen) herbeigeführt werden.

4.2.1.1.2 schwierigkeiten sind eine last

Während die bisher besprochenen konzeptuellen Metaphern die Beschaffenheit des Weges fokussierten, rücken die Metaphern schwierigkeiten sind eine last, schwierige lage ist beschränkung der bewegungsfreiheit den einen Weg Beschreitenden in den Mittelpunkt des Interesses. Die erstgenannte Metapher baut auf der körperlichen Erfahrung auf, dass die Fortbewegung mit einer Belastung, mit einem schweren Gewicht langsam, kräfteraubend und mühsam ←281 | 282→ist. Als Erschwernis bei der Vorwärtsbewegung wird auch das Tragen oder Stützen eines Mitmenschen empfunden (jmdn. am Hals haben, jmdm. wie ein Mühlstein am Hals hängen). Möglicherweise greifen manche Sprachteilhaber auch auf das historisch-kulturelle Wissen zurück, dass Sträflingen früher ein eisernes Gewicht an die Beine angeschmiedet wurde, um sie an der potenziell möglichen Flucht zu hindern.

4.2.1.1.3 schwierige lage ist einschränkung der bewegungsfreiheit

Aus offensichtlichen Gründen ist die Fortbewegung nicht möglich, falls das Agens seiner Bewegungsfreiheit unter einem größeren oder kleineren Gewalteinsatz beraubt ist. Anhand der gesammelten deutschen Phraseologismen ließen sich drei konzeptuelle Metaphern ermitteln, die diesen Konzeptualisierungen zugrunde liegen: schwierige lage ist raumnot (z.B. in die Enge treiben, ins Gedränge kommen), schwierige lage ist eine gegen jmdn. gerichtete waffe (z.B. jmdm. sitzt das Messer an der Kehle, jdm. die Pistole, das Messer, den Dolch auf die Brust/an die Gurgel, an die Kehle setzen, den Hals in der Schlinge haben) sowie schwierige lage ist druck aus zwei seiten (z.B. jmdn. in die Zange nehmen/in der Zange haben, in die Klemme geraten, zwischen Hammer und Amboss geraten).

schwierige lage ist raumnot

Der leben ist ein weg-Metapher kann ebenfalls die schwierige lage ist raumnot-Metapher zugeordnet werden. Der eingeengte, an die Wand gedrückte, ins Gedränge gebrachte, in der Zwickmühle steckende Mensch kann sich kaum gezielt bewegen, was aus der körperlichen in die psychologische Domäne der Einschränkung in den Entscheidungs- und Handlungsmöglichkeiten übertragen wird. Der Raum ist dabei zur Entfaltung eines Menschen unabdingbar (einem Gedanken/einem Gefühl/einer Idee Raum geben, in Schwung kommen/sein), man braucht ihn, um bestimmte Zwecke zu erreichen (jmdm. Raum schaffen, Raum einnehmen), auf gutem Niveau zu leben (auf großem Fuß leben, in Saus und Braus leben). Im Allgemeinen wird der Raum also mit Positivem assoziiert: mit der Luft, dem Spielraum, dem Wirkungskreis, der Freiheit und Entwicklungsmöglichkeit. Die Einengung und Verschließung des Menschen sind für die Psyche belastend: Dies kommt z.B. in panikartiger Angst mancher Menschen vor geschlossenen, fensterlosen Räumen (Klaustrophobie) sowie in der Lästigkeit der Freiheitsstrafe zum Vorschein.

schwierige lage ist eine gegen jmdn. gerichtete waffe

In einer akuten Gefahrsituation befinden sich Menschen, gegen die eine Waffe gerichtet ist (Messer an der Kehle, Pistole, Dolch auf der Brust, das schwebende Schwert des Damokles). Messer, Dolche, Schwerte sind effektive Waffen im Nahkampf: Falls Gewalt mit diesen Waffen angedroht wird, ist für das Opfer nicht nur die Fortbewegung, sondern jegliche Bewegung äußerst gefährlich: Ein Messer- oder ←282 | 283→Dolchstich in die inneren Organe bzw. ein Schnitt in eine Hauptschlagader führen den Tod herbei. Dieses Wissen aus der Ausgangsdomäne einer unmittelbaren, gefährlichen Körperandrohung bildet den Ausgangspunkt für die metaphorischen Mappings in andere, sich auf die Zwangslage und den Zustand höchster Anspannung beziehenden Lebensbereiche der Politik, der Finanzen u.Ä.

schwierige lage ist druck aus zwei seiten

Aspekte aus beiden oben genannten Metaphern kommen in der Vorstellung einer bedrängten Lage zum Ausdruck, in der auf das Agens Druck aus zwei Seiten ausgeübt wird. Die Wissensbestände aus der Ausgangsdomäne der körperlichen Erfahrung, die Vorstellung des Festhaltens, Quetschens, der Folter bilden die Basis für die Konzeptualisierung der Idiome: jmdn. in Zange nehmen, in die Klemme geraten/in der Klemme sitzen, zwischen Hammer und Amboss geraten. Von beiden Seiten in seinem Wirkungsfeld eingeschränkt und deswegen in einer äußerst misslichen Lage ist das Agens, das sich zwischen den zwei mythologischen Meeresungeheuern: Skylla und Charibdis befindet, vom Feuer umgeben wird (zwischen zwei Feuer geraten) oder im Zwiespalt steckt. Auch wenn das letztgenannte Kompositum heutzutage ausschließlich in Bezug auf psychisches Befinden gebraucht ist, wird der Bedeutungsaspekt des Beengtseins durch die Konstituente Spalt ‚einen Zwischenraum bildende schmale, längliche Öffnung‘ (DUW) wahrscheinlich immer noch wachgerufen.

Außer der geschilderten ausgebauten konzeptuellen Metapher schwierigkeiten sind verhinderungen der (vorwärts-)bewegung werden die Konzeptualisierungen von Schwierigkeiten und der schwierigen Lage durch fünf weitere konzeptuelle Metaphern beeinflusst, die an biologisch-vegetative Grundvoraussetzungen des Lebens (Essen und Atmen), an die direkte Umgebung des Menschen (schlechtes Wetter), seine kulturellen Errungenschaften (Spiel), oder an körperliche Symptome des sich in einer schwierigen Lage befindenden Menschen (verspürte Hitze) anknüpfen.

4.2.1.2 schwierigkeit ist ungenießbares essen

Einverleiben von Nahrung sowie Koch-, Ess- und Tafelsitten stellen einen so zentralen Bestandteil der alltäglichen Erfahrung eines Menschen sowie der Kultur einer Gesellschaft dar, dass die Nahrungsaufnahme eine wichtige Ausgangsdomäne für viele konzeptuelle Mappings bildet. So wird auch der Diskursbereich der schwierigen Lage und der Schwierigkeit zum Teil durch die tägliche Erfahrung der Nahrungsaufnahme metaphorisch strukturiert. In diesem Bereich werden Schwierigkeiten mit unreifen (in den sauren Apfel beißen), nicht mehr genießbaren (ein hartes Brot), oder schwer zuzubereitenden Lebensmitteln (eine harte Nuss) assoziiert. Generell ist die Essen-Metaphorik weitgehend durch die historischen Begebenheiten bestimmt: Positiv konnotiert sind die Lebensmittel, die von der Mehrheit – den Bauern und Arbeitern – in kleinen Mengen verzehrt und vor allem den höheren Gesellschaftsklassen (Geistlichen, Rittern, Adeligen) vorenthalten wurden: weiche, ←283 | 284→fetthaltige und/oder süße Produkte (Sahne, Butter, Fett, Wurst, Speck, Rosinen), während der saure und salzige Geschmack sowie die harten Lebensmittel metaphorisch mit Schwierigkeiten assoziiert werden (das Leben sauer machen, jmdm. die Suppe versalzen, sich die Zähne an etw. ausbeißen, harte Nuss, hartes Brot).

4.2.1.3 schwierige lage ist fehlende luft/luftentzug

Die Wichtigkeit des Atmens als eines körperlichen Grundbedürfnisses wird den Menschen in den Momenten bewusst, in denen sie nicht mehr atmen können. Offensichtlich ist dabei die Lebensnotwendigkeit der Luft, ohne die man nur einige Minuten überleben kann. Der Luftentzug wird also als Ausgangsdomäne zur emotionsbeladenen metaphorischen Bezeichnung der besonders schwierigen Situationen herangezogen. Die Phraseologismen, die durch die konzeptuelle Metapher schwierige lage ist fehlende luft- Metapher motiviert sind, verweisen dabei auf zwei Möglichkeiten des Luftentzugs: durch Ertrinken/Ertränken (das Wasser steht/geht/reicht jmdm. (schon/…) bis an die/(zur) Kehle, jmdn./sich über Wasser halten, den Kopf noch/noch so eben über Wasser halten) oder durch Erwürgen/Erhängen (den Hals in der Schlinge haben, die Schlinge zieht sich zu, den Kopf/Hals aus der Schlinge ziehen). Wahrscheinlich ist die metaphorische Übertragung in dem (sich allem Anschein nach erst konstituierenden) Idiom jmdm./einer Sache die Luft abdrehen durch die neueren Technologien und Hobbys (z.B. Tauchen und Tauchflaschen) bedingt.

4.2.1.4 schwierige lage ist hitze

Die nächste ermittelte Metapher ist z.T. an das religös-kulturelle Symbol der Hölle gebunden (jmdm. die Hölle heiß machen, die Hölle auf Erden haben, oder verhüllend Teufels Küche). Vorstellungen von einer Hölle im Sinne eines Ortes der Qual und der Verdammnis sind im Christentum mit extremer Hitze und Feuer assoziiert. Andererseits ist für diese konzeptuelle Metapher die körperliche Erfahrung konstitutiv, dass die Gefahr, Aufregung und Ärger mit dem körperlichen Symptom der innerlich gespürten Hitze einhergehen (effekt für ursache, folge für grund-Metonymie). Die Konzeptualisierungen von Wut und Aggression (vor Wut platzen/explodieren/kochen, Wut/Zorn flammen auf), aber auch von heiklen und/oder gefährlichen Angelegenheiten (ein heißes Eisen sein, ein heißes Eisen anpacken/anfassen, sich die Finger/Pfoten an etw. verbrennen, es brennt an allen Ecken) werden also z.T. durch die hitze-Metapher beeinflusst.

4.2.1.5 schwierige lage ist schlechtes wetter

Der Mensch erlebt sich als ein Teil seiner Umgebung und bildet mit ihr eine Einheit. Die Begegnung mit der äußeren Natur kommt manchmal mit dem Erleben einher, sich der inneren menschlichen Natur anzunähern. Die Schilderung der seelischen Zustände unter Rückgriff auf die Wetterbeschreibung kommt in der ←284 | 285→Literatur öfters vor, auch in der Alltagssprache verzahnt sich der Wortschatz aus dem Wetter- und Personenbeschreibungsbereich an vielen Stellen (z.B. jd. ist heiter, stürmisch, glühend, jmds. Blick umwölkt sich). Es kann also nicht wundern, dass zur Konzeptualisierung der schwierigen Lage auch die Unwetter-Beschreibungen herangezogen werden (Es ballen sich drohende Wolken über jmdm./einem Land/… zusammen, von einer dunklen Wolke überschattet werden, Ruhe vor dem Sturm).

4.2.1.6 schwierige lage ist ein verlorenes spiel

Für die Bedeutungskonstituierung von einigen Idiomen der schwierigen Lage ist die leben ist spiel-Metapher richtungsweisend. Den Spielen kommt in der Kultur und in der Entwicklung des Menschen eine wichtige Rolle zu: Kinderspiele bilden eine unumgängliche Etappe des Reifeprozesses, in der sich das Kind mit wichtigen Themen und Verhaltensmustern der Erwachsenenwelt (den Höhen und Tiefen des Lebens, dem Schicksal, der Notwendigkeit der Überwindung von Hindernissen, dem Kräftemessen mit Gegnern) zum ersten Mal auf einer kleinen, übersichtlichen Skala auseinandersetzen kann. Die metaphorischen Mappings zwischen der Niederlage im Spiel und der Notlage im Leben liegen deswegen auf der Hand und kommen in den Idiomen jmdn. nicht zum Zuge kommen lassen, sich ein Eigentor schießen, jmdm. den Schwarzen Peter zuschieben/zuspielen, den Schwarzen Peter haben zum Ausdruck.

Die aufgelisteten konzeptuellen Metaphern, deren ausgewählte Aspekte skizzenhaft beschrieben wurden, verleihen dem Großteil des gesammelten phraseologischen Materials Struktur. Die meisten der in der Phraseologismensammlung zusammengestellten Idiome (vgl. Kap. 4.1.1, Tab. 8) lassen sich einer oder mehreren von diesen konzeptuellen Metaphern zuordnen. Manchmal kommt es zu Verzahnungen: Zu der Bedeutungskonstituierung des Idioms sich am eigenen Zopf/an den eigenen Haaren/am eigenen Haar aus dem Sumpf ziehen mag sowohl die konzeptuelle Metapher schwierigkeiten sind klebrige/schmutzige masse als auch die Metapher schwierige lage ist unsicherer boden beitragen. Ähnliches gilt für das Idiom jmdm. brennt der Boden unter den Füßen, das möglicherweise am Schnittpunkt zwischen den konzeptuellen Metaphern schwierige lage ist unsicherer boden und schwierige lage ist hitze liegt. Diese Verzahnungen scheinen für die Phraseologie keinesfalls ungewöhnlich zu sein. Im Gegenteil: Die Bedeutungen von den meisten Idiomen sind von einer Vielzahl der metaphorischen und metonymischen Derivationen konstituiert, die zusammenspielen, sich gegenseitig ergänzen, gelegentlich aber auch konkurrieren, was im nächsten Kapitel veranschaulicht wird.

Die folgende Tabelle (Tab. 10) stellt eine um phraseologische Exemplifizierungen erweiterte Version der Zusammenstellung der konzeptuellen Metaphern, die das semantische Feld der Schwierigkeit/der schwierigen Lage strukturieren und motivieren. Die einzelnen Metaphern und ihre sprachlichen Exemplifizierungen aus dem phraseologischen Bereich (vgl. die in der Tab. 8 zusammengestellte Phraseologismensammlung) sind wie folgt klassifizierbar:

←285 | 286→

Tab. 10:Die aus der Phraseologismensammlung eruierten konzeptuellen Metaphern des semantischen Feldes ‚schwierige Lage, Schwierigkeit‘ und ihre phraseologischen Exemplifizierungen.

1. schwierigkeiten sind verhinderungen der (vorwärts-)bewegung
1.1. schwierigkeiten sind hindernisse auf dem weg
1.1.1 schwierigkeiten sind die landschaftsformen

in einem Tief stecken

das Ende der Talsohle ist erreicht

die Talsohle ist durchschritten

sich im Jammertal befinden

auf Talfahrt sein

den Bach runtergehen

Licht am Ende des Tunnels sehen

mit jmdm./etw. geht es bergab

mit jmdm. geht es (wieder) bergauf

jmdm./einer Sache die Bahn/den Boden ebnen
1.1.2 schwierige Lage ist unsicherer boden

sich auf den schwankenden Boden begeben, sich auf unsicheren Boden begeben, sich auf unsicherem/schwankendem Boden bewegen/befinden

jmdm. schwankt der Boden unter den Füßen

jmdm. den Boden unter den Füßen wegziehen, jmdm. (einer Sache) den Boden entziehen, den Boden unter den Füßen verlieren

den (festen) Boden unter den Füßen gewinnen

sich auf dünnes Eis begeben/wagen, sich auf dünnem Eis bewegen

sich auf glattes Parkett wagen

aufs Glatteis geraten, sich aufs Glatteis begeben, sich auf Glatteis bewegen

die Kuh vom Eis holen/ziehen/schieben/kriegen/führen/bringen

jmdm. brennt der Boden unter den Füßen

ins Rutschen/Schlingern kommen/geraten

sich an einen/letzten Strohhalm klammern

nach einem/letzten Strohhalm greifen

(in gefährliches Fahrwasser geraten)
1.1.3 schwierigkeiten sind klebrige/schmutzige masse

die Karre in den Dreck fahren, die Karre steckt im Dreck, der Karren steckt/ist im Dreck, den Karren in den Dreck fahren, die Karre/den Karren im Dreck stehen lassen

in die Patsche geraten, jmdn. in die Patsche reiten, in der Patsche sitzen

in der Scheiße sitzen, jmdn. aus der Scheiße ziehen, (tief/knietief) in der Scheiße/Kacke sitzen/stecken/sein, bis zum Hals in der Scheiße stecken

←286 | 287→sich am eigenen Zopf/an den eigenen Haaren/am eigenen Haar aus dem Sumpf ziehen

in die Bredouille geraten, jmdn. in die Bredouille bringen, in der Bredouille sein/sitzen (Bredouille, fr. Dreck)

in der Tinte sitzen, sich aus der Tinte ziehen, jmdn. in die Tinte reiten
1.1.4 schwierigkeiten sind blockierungen, sperrungen des durchgangs

jmdm. Steine in den Weg legen

eine Hürde nehmen

Hürden/eine Hürde beseitigen

jmdm. etw. aus dem Weg räumen/schaffen

jmdm. Hindernisse in den Weg legen

jmdm. einen Hemmschuh in den Weg legen

jmdm. in den Weg kommen, jmdm. in den Weg treten, sich jmdm. in den Weg stellen

jmdm. den Weg versperren, jmdm. den Weg vertreten

jmdm im Weg(e) sein/stehen, einer Sache im Wege stehen (bei etw.)

jmdm. in den Weg laufen

jmdm./jmdm. in die Quere kommen/geraten/laufen/rennen

die Klippen umfahren/umschiffen

in eine Sackgasse geraten, sich in eine Sackgasse verrennen, in einer Sackgasse stecken

jmdn./etw. in ausweglose Lage bringen, in einer ausweglosen Lage sein

jmdm. ins Gehege kommen

nicht mehr weiterwissen, nicht mehr ein noch aus/nicht mehr aus noch ein/weder aus noch ein/weder ein noch aus wissen

mit seiner Kunst/seiner Weisheit/seinem Latein am Ende sein

am toten Punkt angelangt sein

sich durchs Leben schlagen
1.1.5 schwierigkeit ist ein hindernis auf dem weg, das einen zum fall bringt; scheitern/in schwierigkeiten geraten ist fallen

jmdm. ein Bein/ein Beinchen stellen

jmdm. Knüppel/einen Knüppel zwischen die Beine werfen

jmdn. in die/eine Falle locken, jmdm. eine Falle stellen

jmdm. einen Fallstrick legen, Fallstricke legen

in den Staub beißen

auf Kreuz fallen

auf die Nase fallen/fliegen

mit etw. auf den Bauch/auf die Schnauze/Fresse fallen

zu Fall kommen

mit etw. auf den Arsch/Hintern fallen
←287 | 288→1.2 schwierigkeiten sind eine last
jmdm. ein Klotz am Bein sein, sich (mit jmdm./etw.) einen Klotz ans Bein binden

etw. noch am Bein haben, sich etw. ans Bein hängen/binden,

jmdn./etw. am/auf dem Hals haben

jmdn./sich etw. an den Hals hängen/binden

jmdm. wie ein Mühlstein am Hals hängen

etw. an der Backe tragen

wie ein Knüppel am Bein
1.3 schwierige lage ist beschränkung der bewegungsfreiheit
1.3.1 schwierige lage ist raumnot

jmdn. in die Enge treiben, in die Enge geraten

ins Gedränge kommen, jmdn. ins Gedränge bringen

jmdn. ins Bockhorn jagen

in einer (richtigen/…) Zwickmühle stecken, sich in einer richtigen Zwickmühle befinden, in eine Zwickmühle geraten

in eine Sackgasse geraten/sich in eine Sackgasse verrennen/in einer Sackgasse stecken

jmdn. an die Wand drücken

jmdn. an die Wand spielen

mit dem Rücken zur/an der Wand stehen

jmdn. in die Ecke drängen

in (große/arge/…) Bedrängnis kommen, in großer/arger … Bedrängnis sein, sich in großer/arger Bedrängnis fühlen

jmdm. die Hände binden
1.3.2 schwierige lage ist eine gegen jmdn. gerichtete waffe

(Ständig/…) das Schwert des Damokles über sich haben/fühlen, (ständig/…) ein/das Damoklesschwert über sich haben/fühlen

das Schwert des Damokles schwebt über jmdm.

jmdm. sitzt das Messer an der Kehle

jmdm. die Pistole/das Messer/den Dolch auf die Brust/an die Gurgel/an die Kehle setzen

den Hals in der Schlinge haben

die Schlinge zieht sich zu

den Kopf/Hals aus der Schlinge ziehen

die Peitsche im Nacken spüren
←288 | 289→1.3.3 schwierige lage ist druck aus zwei seiten

jmdn. in die Zange nehmen/in der Zange haben

in die Klemme geraten; (ganz schön/…) in der Klemme sitzenz

wischen Baum und Borke geraten/sein

zwischen Hammer und Amboss geraten, zwischen Hammer und Amboss sein

zwischen zwei Feuer geraten/kommen

zwischen Scylla/Skylla und Charibdis sein

in einem Zwiespalt stecken, jmdn. in einen Zwiespalt bringen/stürzen

zwischen den/allen/zwei Stühlen sitzen
2. schwierigkeit ist ungeniessbares essen
in den sauren Apfel beißen (müssen)

etw. ist ein hartes/schweres Brot

eine harte Nuss für jmdn. sein, eine harte Nuss zu knacken haben, manche/eine harte Nuss zu knacken haben/bekommen

die Suppe auslöffeln (müssen), die man sich eingebrockt hat

jmdm. (gehörig/…) die Suppe versalzen

jmdm. in die Suppe spucken

Suppe einbrocken, sich etw. einbrocken

jmdm. das Leben sauer machen

sich (Dativ) die Zähne an etw. ausbeißen

an etw. zu kauen haben

(bei jmdm. mit etw. auf Granit beißen)
3. schwierige lage ist fehlende luft/luftentzug

das Wasser steht/geht/reicht jmdm. (schon/…) bis zum/(an den) Hals/bis hier (hin) (mit einer Geste: Hand quer zum Kinn bzw. unter die Nase)

das Wasser steht jmdm. bis bis zur Kehle/bis an die Kehle

jmdn./sich über Wasser halten

den Kopf noch/noch so eben über Wasser halten

den Hals in der Schlinge haben

die Schlinge zieht sich zu

den Kopf/Hals aus der Schlinge ziehen

Wenn …dann/… kann sich jd. ja gleich/sofort einen Strick kaufen/nehmen (und sich aufhängen)

die Luft wird dünn

jmdm. die Luft abdrehen

etw. im Keim ersticken

sich an einen/letzten Strohhalm klammern

nach einem/letzten Strohhalm greifen
←289 | 290→4. schwierige lage ist hitze

jmdm. die Hölle heiß machen

sich die Finger an etw. verbrennen

sich die Pfoten an etw. verbrennen

die Hölle auf Erden haben

in Teufels Küche kommen/geraten

es brennt an allen Ecken (und Enden)

etw. ist ein (regelrechter/…) Tanz auf dem Vulkane

in heißes Eisen sein, ein heißes Eisen anpacken/anfassen

Es brennt der Baum

jmdm. brennt der Boden unter den Füßen

jmdm. den Boden unter den Füßen heiß machen

jmdm. wird der Boden (unter den Füßen) zu heiß

auf einem Vulkan leben/tanzen

jmdn. im eigenen Saft schmoren lassen

Hier/da/in/… (wie) auf einem Pulverfass sitzen

der Funke sein, der das Pulverfass zum Explodieren bringt

die Lunte ans Pulverfass legen
5. schwierige lage ist schlechtes wetter

es ballen sich drohende Wolken über jmdm./einem Land/… zusammen

von einer (dunklen) Wolke überschattet werden (path.)

Ruhe vor dem Sturm

*Es knistert im Gebälk
6. schwierige lage ist verlorenes spiel

jmdm. den schwarzen Peter zuspielen/zuschieben

den schwarzen Peter haben

jmdn. (nicht) zum Zug(e) kommen lassen

sich ein Eigentor schießen

Den ermittelten konzeptuellen Metaphern lässt sich die Mehrheit der Idiome zuordnen. Allerdings passen 31 Idiome, darunter vier Idiome (samt ihrer Varianten) mit unikalen Komponenten, zu keiner der für dieses semantische Feld ermittelten Metapher:

Da liegt der Hase im Pfeffer

Da liegt der Hund begraben

nicht in jmds. Haut stecken mögen

nicht in jmds. Schuhen stecken mögen

in den Arm fallen

←290 | 291→

jmds. Pläne über den Haufen werfen

jmds. Pläne durchkreuzen

jmdm. einen (dicken) Strich durch die Rechnung machen

sich eine Blöße geben

sich wie ein Aal winden

Die Sache hat einen Haken

(total/völlig) am Boden zerstört sein

bei jmdm. ist Holland in Not

ein Kapitel für sich sein

bei etw. hat der Teufel die/seine Hand im Spiel

etw. wächst jmdm. über den Kopf

nicht auf Rosen gebettet sein

auf dem Schlauch stehen

jmdm. das/sein Konzept verderben

jmdm. ins Handwerk pfuschen

die Zeitbombe tickt

ins Trudeln kommen/geraten

jmdm. eine Laus in den Pelz/ins Fell setzen

sich in die Brennnesseln/Nesseln setzen

Sand ins Getriebe streuen

Sand im Getriebe sein

nicht über seinen (eigenen) Schatten springen können

Idiome mit unikalen Komponenten

in Schwulitäten kommen/geraten, jmdn. in Schwulitäten bringen, in Schwulitäten sein (ursprünglich Studentensprache, vgl. DUW online, Zugriff am 06.05.2016)

in Schwulibus sein

(ganz schön/…) im Schlamassel stecken/sitzen, Da haben wir/habt ihr/… den Schlamassel! (jiddisch schlamassel = Unglück, Pech, zu schlimm und jiddisch massel, Massel, DUW online, Zugriff am 06.05.2016);

in Kalamitäten kommen/geraten (lateinisch calamitas = Schaden, Unglück, DUW online, Zugriff am 06.05.2016)

Diese Idiome von sehr unterschiedlicher Etymologie sind symbolisch (Rose als Symbol der Schönheit), durch epistemische Metaphern motiviert oder möglicherweise – so wie im Falle der Idiome mit unikalen Komponenten – für die meisten Sprecher aus synchroner Perspektive nicht motiviert. In ihrer Motiviertheit sind manche von ihnen stark situationsbezogen: Das Idiom auf dem Schlauch stehen ‚etwas nicht verstehen; etwas nicht begreifen; nicht weiterkommen; mit widrigen Umständen kämpfen müssen; in eine ungünstige Lage geraten‘ (redensarten-index, Zugriff am 29.06.2017) leitet sich beispielsweise von der Vorstellung ab, dass Gedanken fließen. Wer also versehentlich auf dem Schlauch steht, stört seinen „Gedankenfluss“. Nach dem gleichen Bild kann auch der „Fluss“ des Arbeitsvorganges gestört sein, wenn etwas nicht richtig funktioniert (ebd.). Das Idiom (total/←291 | 292→völlig) am Boden zerstört sein ist dagegen auf eine Kriegsstrategie zurückzuführen. Falls man gegnerische Flugzeuge noch vor dem Einsatz zerstört, richtet man dem Feind erheblichen Schaden an, noch bevor man angegriffen wird (vgl. dazu auch Müller 2005: 68).

Die Tatsache, dass man unter den unklassifizierten Phraseologismen keine konzeptuellen Metaphern eruieren konnte, die das semantische Feld der schwierigen Lage strukturieren, bedeutet nicht, dass bei ihrer Konzeptualisierung keine konzeptuellen Metaphern zu Geltung kommen können. Der Konzeptualisierung des Idioms auf dem Schlauch stehen liegt beispielshalber die konzeptuelle kanal-Metapher zugrunde, für die Bedeutungskonstituierung vom Idiom (total/völlig) am Boden zerstört sein ist u.a. die gut ist oben, schlecht ist unten-Metapher richtungsweisend. Der Einfluss unterschiedlicher konzeptueller Metaphern auf die Bedeutungskonstituierung von diesen Idiomen ist durchaus möglich, da sie aber in dem untersuchten Diskursbereich nur vereinzelt vorkommen, können sie nicht als ein Strukturierungsprinzip des semantischen Feldes der Schwierigkeit/der schwierigen Lage angenommen werden.

4.2.2 Mechanismen der Bedeutungskonstituierung von Idiomen

Im vorangegangenen Kapitel wurde am Beispiel des semantischen Feldes der schwierigen Lage/der Schwierigkeit veranschaulicht, wie große Rolle die konzeptuellen Metaphern von unterschiedlichem Generalitätsgrad bei der Strukturierung des phraseologischen Materials spielen: Der überwiegenden Mehrheit der Idiome liegt eine relativ kleine Anzahl konzeptueller Metaphern als Motiviertheitsmechanismen zugrunde, die bildliche Sprache weist also bestimmte Regularitäten auf, die man systematisch erfassen kann. Die kognitive Metapherntheorie setzt sich zum Ziel, diese Regularitäten aufzudecken und zu beschreiben, wobei am interessantesten zweifelsohne diejenigen sind, die durch einen großen Generalitätsgrad gekennzeichnet sind. So sind beispielshalber die in der frühesten Körpererfahrung verankerten Vorstellungsschemata für menschliche Wahrnehmung und Verarbeitung der Welt von größter Relevanz: Es ist kaum vorstellbar, wie die Zivilisation aussehen würde, wenn sich die Menschen nicht als (von der Außenwelt strikt abgegrenzter) Behälter konzeptualisieren würden, die Dichotomie Ich-Außenwelt bzw. Innenwelt-Außenwelt ist für menschliche Perzeption und Kognition absolut grundlegend. So ausgerichtete Forschung ist für Linguistik und alle Kognitionswissenschaften vielversprechend: Die Aufdeckung der universalen Kategorisierungsregeln lässt uns Einblick nicht nur in die Natur der bildlichen, metaphorischen Sprache, sondern auch in das Wesen des menschlichen Geistes und seine z.T. körpergebundenen Grenzen gewähren.

Bei aller Wichtigkeit der konzeptuellen Metaphern und ihrem programmatischen Beitrag zu der Erforschung der bildlichen Sprache erweisen sie sich ←292 | 293→alleine für eine detaillierte semantische Beschreibung eines Idioms dennoch als nicht ausreichend. Zum einen lassen sich in dem zu besprechenden semantischen Feld nicht für alle idiomatischen Ausdrücke konzeptuelle Metaphern und Metonymien aufdecken. Zum anderen sind die Mechanismen der Bedeutungskonstituierung und der Motiviertheit von Idiomen im authentischen Sprachgebrauch höchst komplex und vielschichtig: Konzeptuelle Metaphern stellen einen richtungsweisenden Ausgangspunkt der Konzeptualisierungen aus, sind aber außerstande, die subtilen, jedoch deutlich spürbaren Bedeutungsunterschiede zwischen den durch dieselbe konzeptuelle Metapher motivierten Idiomen zu erklären. Die Vielfalt und Einzigartigkeit der kognitiven Mechanismen, die der phraseologischen Motiviertheit und dem Zustandekommen der Idiom-Bedeutung zugrunde liegen, wird im Folgenden anhand einer korpusgestützten Analyse ausgewählter Idiome aufgezeigt. In den Mittelpunkt des Interesses werden dabei – bis auf wenige Ausnahmen – nicht die einzelnen Konzeptualisierungen gerückt, sondern die aus dem Korpus eruierten Verwendungsprofile und Verwendungsmuster: Es wird auf diejenigen Mechanismen eingegangen, die nicht in einem einzigen Sprachgebrauchsereignis nachweisbar sind, sondern eine bestimmte Regularität aufweisen und darauf schlussfolgern lassen, dass sie bei mehreren Sprachteilhabern zu der Idiomproduktion (als Bedeutungskonstituierungsmechanismen) und Rezeption (als Motiviertheitsmechanismen) beitragen und Bedeutungen gestalten, die als lexikalisiert gelten oder eine Tendenz zur Lexikalisierung aufweisen. (Zu Methoden der Ermittlung von Verwendungsmustern und -profilen vgl. Unterkap. 4.1.2.2.2.2). Der idiosynkratische Gebrauch von Idiomen, darunter stark kontextgebundene Beispiele vom sprachspielerischen Idiomgebrauch, werden im Folgenden nur am Rande behandelt.

Um einen Überblick über mannigfaltige Bedeutungskonstituierungsmechanismen von Idiomen zu gewinnen, werden die Idiome in Gruppen eingeteilt. Den in die jeweilige Gruppe zugeordneten Idiomen liegen die gemeinsamen konzeptuellen Metaphern zugrunde (vgl. Tab. 10). So sind die Idiome ein dünnes Eis, ein glattes Parkett und ein schwankender Boden durch die konzeptuellen Metaphern: leben ist ein weg → schwierigkeiten sind verhinderungen der (vorwärts-)bewegung → schwierigkeiten sind hindernisse auf dem weg → schwierige lage ist unsicherer boden motiviert, den Idiomen ein Bein stellen, Knüppel zwischen die Beine werfen liegen die Metaphern leben ist ein weg → schwierigkeiten sind verhinderungen der (vorwärts-)bewegung → schwierigkeiten sind hindernisse auf dem weg → schwierigkeiten sind hindernisse, die einen zum fall bringen zugrunde, den Ausgangspunkt der Motiviertheitsmechanismen der Idiome in die Enge treiben und an die Wand rücken bilden die Metaphern leben ist ein weg → schwierigkeiten sind verhinderungen der (vorwärts-)bewegung → schwierige lage ist räumliche beschränktheit, Klotz am Bein sowie jmdn. am Hals haben sind vor dem Hintergrund der Metaphern leben ←293 | 294→ist ein Weg → Schwierigkeiten sind Verhinderungen der (Vorwärts-)Bewegung → Schwierigkeiten sind eine Last bei Bewegung verständlich. Anderer Provenienz sind die konzeptuellen Motiviertheitsmechanismen der Idiome: ein hartes Brot, eine harte Nuss, in den sauren Apfel beißen, bei deren Konzeptualisierung nicht auf die Weg-Metaphorik, sondern auf die konzeptuelle Metapher schwierigkeiten sind ungenießbares essen zurückgegriffen wird. Die detaillierte Darstellung der Mechanismen der phraseologischen Bedeutungskonstituierung und Motiviertheit wird mit Idiom ein dicker Brocken abgeschlossen: Dank der Ambiguität der nominalen Konstituente Brocken in der literalen Lesart lässt sich hier der Einfluss des mentalen Bildes auf die Konzeptualisierungen überzeugend nachweisen. Jedes Kapitel wird mit einer Zusammenfassung abgeschlossen, in der bestimmte kognitive Aspekte der Bedeutungskonstituierung herausgegriffen und am Beispiel der besprochenen Idiome detaillierter beschrieben werden.

4.2.2.1 die weg-metaphorik im deutschen: schwierigkeiten sind verhinderungen der vorwärtsbewegung

Die auf dem Vorstellungsschema weg (path) aufbauende konzeptuelle leben ist ein weg-Metapher ist aufgrund ihrer Omnipräsenz in den einzelnen Sprachen, des sprachübergreifenden Charakters (wenigstens in dem abendländischen Kulturraum) sowie ihres Embodiments ein Beispiel par excellence für die konzeptuellen (in Barcelonas Terminologie: ontologischen) Mappings. Nach Jäkel (2003: 281) ist es eine der allergebräuchlichsten Metaphern; man spricht des Öfteren von der Weg-Metaphorik (Spieß 2017: 106, Mellado-Blanco 2014). Das Leben eines Menschen wird darin als ein Weg, eine Strecke dargestellt, die der Mensch von Geburt bis zu seinem Tode zurücklegt (vgl. auch weitere konzeptuelle Metaphern geburt ist ankunft, tod ist abreise, Kövecses 2005: 32). In den glücklichen Zeiten kann er die einzelnen Strecken schnell und in der aufrechten Position zurücklegen, in den schweren Zeiten wird er auf dem Weg aufgehalten, zu Fall gebracht (hier kommt zusätzlich die Orientierungsmetapher: gut ist oben, schlecht ist unten zur Geltung). In der Wanderung durch das Leben verhalten sich Menschen also analog zum Beschreiten eines Weges, der glatt oder steinig, voll von Hindernissen, Umwegen, Abgründen, Sackgassen sein kann. Ab und zu werden sie vor Entscheidungen gestellt (Weggabelungen), oder begehen Fehler und kommen nicht voran (irren auf labyrinthartigen Wegen). Auf der Folie dieser Metapher konzeptualisiert man wichtige Ereignisse, Wendepunkte, Beziehungen: die Geburt (z.B. auf die Welt kommen), älter werden (in der Mitte des Lebens stehen), Tod (es geht mit jmdm. zu Ende, sich dem/seinem Ende zuneigen, die letzte Fahrt/Reise antreten, den Weg allen Fleisches gehen), Freundschaft und Ehe (durch dick und dünn mit jmdm. gehen, jds. Wege kreuzen sich), Trennung und Betrug (unsere Wege trennen sich, getrennte Wege gehen, einen Seitensprung machen), Arbeit und Karriere (es weit bringen, es zu nichts bringen) usw. Im Gegensatz zu der Sicherheit des von der Fläche her begrenzten ←294 | 295→Hauses sind die Menschen auf den Wegen stets Gefahren ausgesetzt, die Wege werden dennoch auch mit Positivem: der Erschließung der Außenwelt, Selbstverwirklichung assoziiert.

Da die konzeptuelle Metapher leben ist ein weg und ihre Ausprägung schwierigkeiten sind verhinderungen der vorwärtsbewegung auch die mächtigsten der eruierten Metaphern des semantischen Feldes Schwierigkeit/schwierige Lage sind, beeinflussen sie die meisten (9 von 13) der zu besprechenden Idiome. Die beiden konzeptuellen Metaphern leisten einen grundsätzlichen Beitrag zu den Konzeptualisierungen von Idiomen: schwankender Boden, dünnes Eis, glattes Parkett, ein Bein stellen, Knüppel zwischen die Beine werfen, Klotz am Bein, etw. am Hals haben, in die Enge treiben und an die Wand drücken.

4.2.2.1.1 schwierigkeiten sind hindernisse auf dem weg

Die fünf zuerst der Untersuchung zu unterziehenden Idiome rücken die Wegbeschaffenheit und die auf dem Weg anzutreffenden Erschwerungen in den Fokus der Aufmerksamkeit und werden durch die konzeptuelle Metapher schwierigkeiten sind hindernisse auf dem weg beeinflusst.

Dabei liegt den Idiomen schwankender Boden, dünnes Eis, glattes Parkett die konzeptuelle Metapher schwierige lage ist unsicherer boden zugrunde, bei den Idiomen ein Bein stellen, Knüppel zwischen die Beine werfen wird dagegen von dem grundsätzlichen Beitrag der konzeptuellen Metapher schwierigkeiten sind hindernisse, die einen zum fall bringen ausgegangen.

4.2.2.1.1.1 schwierige lage ist unsicherer boden

schwankender Boden, dünnes Eis, glattes Parkett

Die drei zu besprechenden Phraseologismen weisen so große Variabilität auf, dass die Frage naheliegt, ob sie überhaupt als verbale Idiome eingestuft werden können. So scheinen die Verben in den lexikographisch erfassten Idiomen sich auf schwankenden/unsicheren Boden begeben, sich auf dünnes Eis begeben/wagen, glattes Parkett betreten, sich auf glattem Parkett bewegen relativ schwach verfestigt zu sein. Wegen der starken Affinität der genannten Phraseologismen zur Varianz und Modifikationen auf der formalen Seite sind in die Suchmaschine ausschließlich die nominalen Phrasen: dünnes Eis, schwankender Boden, glattes Parkett eingegeben worden.

←371 | 372→

4.2.2.1.1.1.1 schwankender Boden

Lexikographisch erfasste Varianten: sich auf schwankenden/unsicheren Boden begeben, sich auf unsicherem/schwankendem Boden bewegen/befinden

Modifikationen: auf dem schwankenden Boden stehen, überleben, auf schwankendem Boden mit einiger Stabilität weiter bestehen, etw. steht auf dem schwankenden Boden, etw. ist auf schwankendem Boden aufgebaut, den schwankenden Boden (der Exegese) für fest erklären

←295 | 296→Darstellung in lexikographischen Nachschlagewerken162

Tab. 11:Das Idiom ein schwankender Boden in allgemeinen und phraseologischen Wörterbüchern des Deutschen.

WörterbuchtypWörterbuchLexikographische Darstellung
allgemeinduw 2006nicht verzeichnet
duw onlinenicht verzeichnet (letzter Zugriff am 26.10.2017)
wahrig 2007nicht verzeichnet
phraseologischduden 11sich auf schwankenden/unsicheren Boden begeben: (in seinen Betrachtungen, Argumentationen o.Ä.) den Boden der Tatsachen, des Gesicherten verlassen, unsichere Voraussetzungen einbeziehen: Mit diesen Theorien begab er sich auf unsicheren Boden. (2011: 135)
schemann 2011163sich auf schwankenden/unsicheren Boden begeben formEr sollte zu diesem Thema schweigen, weil er nicht informiert ist. Er begibt sich da auf schwankenden Boden; mit jedem Wort, das er sagt, geht er ein Risiko ein. (2011: 94)sich auf unsicherem/schwankendem Boden bewegen (mit etw.) formEr bewegt sich da mit seinen Aufnahmen auf schwankendem Boden. Er ist nicht ausreichend informiert und sollte sich deshalb mit seiner Meinung zurückhalten. (2011: 94)
Redensarten-indexsich auf schwankenden/unsicheren Boden begeben; sich auf unsicherem/schwankendem Boden bewegen/befinden‚eine ungesicherte Meinung vertreten; eine riskante Zusage machen; sich angreifbar machen; einer neuen/ungeschützten Situation ausgesetzt sein‘
müller 2005nicht verzeichnet

←296 | 297→Korpusgestützte Analyse anhand der DWDS-Korpora164

←297 | 298→Das zu besprechende Idiom bezieht sich in den meisten Belegen auf eine schwierige, unsichere Lage eines Menschen. Die Ausgangsdomäne liegt in der verkörperten Erfahrung: Jeder hat wahrscheinlich Schwindelgefühle und die damit verbundenen Koordinationsstörungen, Gang- und Standunsicherheit, Fallangst und Benommenheit empfunden. Diese negativen Empfindungen werden in die abstrakteren Domänen übertragen. Schwankender Boden wird ebenfalls metonymisch für Plätze verwendet, die oft wacklig sind: Decke der Schiffe sowie tektonisch aktive Gebiete mit häufigen Erdbeben und Vulkanausbrüchen.

Verwendungsprofil 1: ‚unsichere, schwierige Lage einer Person‘ (18 Belege)

Dem ersten Verwendungsprofil lassen sich 18 Belege zuordnen, in denen größtenteils Menschen in der Agensrolle auftreten. Der schwankende Boden bezieht sich auf eine heikle Lage einer Person unter den neuen Umständen sowie – in wissenschaftlichem Bereich – auf die unsichere Position eines Forschers, der sich mit seinen Hypothesen auf ein wissenschaftlich nicht gut etabliertes Terrain begibt. Treten in der Subjektrolle unbelebte Objekte (Theorien, Anklagen, Hypothesen u.Ä. sowie ihre Auslegungen) auf, dann werden die wackligen, schwachen, leicht widerlegbaren Grundlagen dieser Annahmen profiliert.

Verwendungsmuster 1.1: ‚riskante, unsichere, schwierige (Lebens-)Lage eines Menschen‘ (13 Belege)

Stellvertretend für dieses Verwendungsmuster kann folgender Beleg angeführt werden, in dem um das Idiom herum ein Szenario ausgebaut wird: Die Gefangenen, die mal die Grenze des Rechts, des Anstands und der Moral überschritten haben, werden als „Gestrauchelten“, ihre schwierige Lage nach der Freilassung als schwankender Boden bezeichnet. Das ganze Bild fügt sich in die leben als weg-Metaphorik ein:

(1) Lösch sagt, was ihm zunehmend klar geworden sei während der letzten Arbeitswochen, sei der schwankende Boden, auf dem diese Gestrauchelten stünden, die enorme Unsicherheit, was werden wird, was kommen wird. Wie im Roman von Döblin, wie bei Franz Biberkopf in Berlin der zwanziger Jahre. Und dieser schwankende Boden, den diese Leute besonders spüren, "hat viel mit unserer Zeit zu tun. Man kann hinschauen, wo man will, wer weiß schon, wie es weitergeht.“ Die Zeit, 10.12.2009165

In einer schwierigen Situation befindet sich ebenfalls ein heranwachsendes Mädchen, das unerwartet vor erwachsene Probleme gestellt wird:

←298 | 299→

(2) Sie ist hin- und hergerissen zwischen Schamgefühl und der Liebe zu ihrem Vater. Ihre bürgerliche Erziehung entpuppt sich als wertlos. „Sie hat kein Lebensrüstzeug, um auch auf schwankendem Boden überleben zu können“, so Sabine Becker. „Else erfährt ihre tiefe Einsamkeit und erlebt einen Reifungsprozess.“ Der Untertitel des Stückes könnte heißen: ‚Der Tod der Träume? Die Geschichte einer Emanzipation‘, so Regisseur Wilke. Der Einblick in die Denkweise des quirligen und auch eingebildeten jungen Mädchens lockert die Tragik des Stücks auf. Else ist selber geprägt von der verlogenen Gesellschaft, an der sie leidet. So schwankt der Zuschauer zwischen Schadenfreude und Mitleid. Berliner Zeitung, 07.03.1995

Im politischen Bereich bezieht sich der schwankende Boden auf die schwierige Lage eines Politikers, dem die politische Unterstützung in der Partei, im Parlament usw. entzogen wird:

(3) „Der Supreme Court hat Obamas illegalen Machtmissbrauch gestoppt. Er hat gezeigt, auf welch schwankendem Boden der Präsident jedes Mal steht, wenn er seine Politik gegen die Abgeordneten des Volkes machen will.“ Vom weltweiten Ausstoß von Treibhausgasen verursacht China vor allem wegen seines starken Wirtschaftswachstums fast ein Drittel. Die Zeit, 10.02.2016 (online)

Die Bedeutungskonstituierungsmechanismen sind auf zwei Ebenen angesiedelt: Auf der ersten Ebene unterliegt der Bedeutungsderivation die ganze Wortverbindung, auf der zweiten Ebene ist jeweils eine Idiom-Konstituente von der Bedeutungsverschiebung betroffen. Die konzeptuellen und epistemischen Metaphern der ersten Ebene werden in diesem Fall also durch die metonymisch-metaphorischen Derivationsketten auf der zweiten Ebene unterstützt (vgl. Abb. 31).

Den Konzeptualisierungen des schwankenden Bodens liegen in den angeführten Verwendungsbelegen mehrere konzeptuelle Metaphern zugrunde. Einen wichtigen Beitrag leisten hier die bereits besprochenen Metaphern leben ist ein weg, schwierigkeiten sind hindernisse auf dem weg, von Relevanz sind allerdings auch weitere, z.T. auf image schemas aufbauenden Metaphern.

Die konzeptuellen Metaphern sicherheit ist stabiler boden/schwierige lage ist unsicherer boden sind stark embodied, wahrscheinlich schon in frühesten ontogenetischen Erfahrungen verkörpert. Sie bauen auf dem grundlegenden, an die Erfahrung der Schwerkraft gebundenen Vorstellungsschema (image schemas) gleichgewicht166 (balance), zu dessen Allgegenwärtigkeit Johnson schreibt:

←299 | 300→

The experience of balance is so pervasive and absolutely basic for our coherent experience of our world, and for our survival in it, that we are seldom ever aware of its presence. We almost never reflect on the nature and meaning of balance, and yet without it our physical reality would be utterly chaotic, like the wildly spinning world of a very intoxicated person. The structure of balance is one of the key threads that holds our physical experience together as a relatively coherent and meaningful whole. (Johnson 1987: 74)

←300 | 301→

Das Halten des Gleichgewichts stellt eine der Grundfunktionen des menschlichen Organismus dar, die meistens unbewusst ist und erst in bestimmten Situationen: bei Schifffahrten, insbesondere bei starkem Wellengang, bei Schwindelgefühlen oder nach dem Karussellbesuch wahrgenommen wird. Da das Erfahren der Unstabilität von Boden verursacht, dass sich die Menschen verunsichert, nicht gut in der Welt verankert fühlen, wird der schwankende Boden mit der Gefahr, Bedrohung assoziiert. Das Metaphernpaar sicherheit ist stabiler boden/schwierige lage ist unsicherer boden weist, wenigstens in den europäischen Sprachen, eine gewisse Universalität auf und manifestiert sich sprachlich in zahlreichen festen Wortverbindungen, vgl. z.B. die deutschen, polnischen und englischen Idiome:

sicherheit ist stabiler boden, schwierige lage ist unsicherer boden

jmdm. wird der Boden [unter den Füßen] zu heiß; jmdm. brennt der Boden unter den Füßen ‚jmdm. wird es an seinem Aufenthaltsort zu gefährlich‘ (DUW online, Zugriff am 20.10.2017)167; poln. grunt się pali komuś pod nogami [wörtl. ‘jmdm. brennt der Boden unter den Füßenʼ]

festen Boden unter den Füßen haben ‚eine sichere wirtschaftliche Grundlage haben‘ (DUW online, Zugriff am 20.10.2017), poln. stać na pewnym, twardym gruncie [wörtl. ‘auf dem festen, sicheren Boden stehenʼ]

jmdm. den Boden unter den Füßen wegziehen ‚jmdn. seiner [Existenz]grundlage berauben‘ (DUW online, Zugriff am 20.10.2017); engl. to cut the ground from under sb’s feet

den Boden unter den Füßen verlieren ‚die [Existenz]grundlage verlieren; haltlos werden‘ (DUW online, Zugriff am 20.10.2017); poln. ziemia usunęła się komuś spod nóg [wörtl. ‘der Boden sank unter jmds. Füßenʼ]

wie auf einem Vulkan leben ‚sich in ständiger Gefahr befinden‘ (DUW online, Zugriff am 20.10.2017), engl. sit on a vulcano

ein Tanz auf dem Vulkan ‚eine unbekümmerte Lebensweise in gefährlichen Umständen, trotz Bedrohung feiern‘ (redensarten-index, Zugriff am 20.10.2017)

auf einem/dem Pulverfass sitzen ‚sich in einer spannungsreichen, gefährlichen Lage befinden‘ (DUW online, Zugriff am 20.10.2017), engl. sitting on a powder keg, poln. beczka prochu [wörtl. ‘Pulverfassʼ]

sich auf unsicheren/schwankenden Boden begeben, sich auf unsicherem/schwankendem Boden bewegen/befinden, poln. wchodzić na grząski grunt [wörtl. ‘sich auf den morastigen Boden begebenʼ], engl. be on safe ground, be on dangerous ground.

←301 | 302→

einen Seiltanz vollführen ‚eine unsichere Sache tun; vorsichtig sein; eine heikle/schwierige/gefährliche Sache bewältigen; Gegensätze ausgleichen müssen; zwischen zwei oder mehreren Extremen vermitteln müssen‘ (redensarten-index, Zugriff am 20.10.2017)

ein heißes Pflaster ‚eine gefährliche Umgebung‘168 (redensarten-index, Zugriff am 20.10.2017)

sich auf Glatteis bewegen ‚in einer heiklen, unsicheren Lage sein; gefährdet sein‘ (redensarten-index, Zugriff am 20.10.2017). engl. be skating on thin ice, on thin ice

aufs Glatteis geraten, sich aufs Glatteis begeben ‚in eine unsichere Situation geraten; sich in eine heikle Lage manövrieren‘ (redensarten-index, Zugriff am 20.10.2017)

sich auf glattes Parkett wagen ‚sich in eine unsichere, heikle Lage manövrieren‘ (redensarten-index, Zugriff am 20.10.2017)

Außer den bereits besprochenen konzeptuellen Metaphern: sicherheit ist stabiler boden, schwierige lage ist unsicherer boden kommt hier ebenfalls die sturz-Metapher (fehler/scheitern ist sturz) zur Geltung, die sich sprachlich u.a. in folgenden Nomen, polysemen Bewegungsverben, Idiomen sowie Verb-Nomen-Verbindungen, die literal oder übertragen gebraucht werden können, manifestiert.

fehler/scheitern ist sturz

Durch den doppelten Ausrutscher bei den Schwaben rutschten die Kiezkicker wieder auf den letzten Tabellenplatz ab. Die Zeit, 27.04.2015 (DWDS, Zugriff am 27. 02. 2017)

Dahler bezeichnete seine Entgleisung als „Reaktion auf eine persönliche Beleidigung“. Berliner Zeitung, 26.11.2005 (DWDS, Zugriff am 27. 02. 2017)

Die Mannschaft ist gegen einen Außenseiter gestrauchelt. (DUW online, Zugriff am 20.10.2017)

Mancher [dieser jungen Bürger] strauchelt und wird kriminell. Neue Justiz 1968 (DWDS, Zugriff am 20.10.2017)

Ihr erster Film floppte, und ihre Musik verkaufte sich nur noch mäßig. Die Welt, 27.12.2005 (DWDS, Zugriff am 20.10.2017)

Die Klinikleitung bringt sich durch Behauptungen ins Schleudern, die von Untersuchungen widerlegt werden. Die Zeit, 04.07.2015 (DWDS, Zugriff am 27. 02. 2017)

Sie haben diesmal einen Fehltritt begangen.

„Spekulanten flogen mit Euro-Wetten auf die Nase“ (redensarten-index, Zugriff am 20.10.2017)

„Wer als Käufer mit seinem Darlehen nicht auf dem Bauch landen will, muss sich Fachwissen aneignen“. (redensarten-index, Zugriff am 20.10.2017)

durch einen Skandal zu Fall kommen ‚gestürzt werden, scheitern‘ (DUW online, Zugriff am 20.10.2017)

Sie ist durch die Prüfung gefallen.

←302 | 303→

In beiden konzeptuellen Metaphern: sicherheit ist stabiler boden, fehler ist sturz ist der Einfluss der Orientierungsmetapher gut ist oben, schlecht ist unten unverkennbar. Der bereits erwähnten Orientierungsmetapher (vgl. u.a. Kap. 2.3.2) liegt das Vorstellungsschema verticality (vertikalität) zugrunde. Die Polarität unten-oben ist eines der Urgegensätze, die physisch in dem Körper, kulturell u.a. in der Mythologie, religiös in der Bibel verankert sind: Eine Aufspaltung zwischen der geistigen Lebenssphäre und der elementaren Bindung an die uns Nahrung liefernde Erde, der Sehnsucht, nach Sternen zu greifen und der täglichen Mühe der Existenzsicherung, den mentalen und den körperlichen Prozessen fühlen die meisten Menschen intuitiv. In der christlich-abendländischen Kultur wird dem Kopf das Denken, dem Herzen das Fühlen, dem am niedrigsten liegenden Bauch die Triebzone sowie die niederen Affekte zugeordnet. In vielen Schöpfungsmythen beginnt die Welt mit der Aufteilung einer ursprünglichen Einheit in den oberen (geistigen) und unteren (materiellen, physischen) Bereich: Himmel und Erde, Seele und Körper. Das Materielle, Irdische, Fleischliche, Triebhafte wird mit dem Körper verbunden, es ist unten, auf der Erde. Der Mensch ist aus Erde und wird zu Erde („Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden“ Genesis 3, 19). Unten, in der naiven Vorstellung unter der Erde, ist auch die (unerträglich heiße, vom Feuerfluss beherrschte) Hölle, der Ort der ewigen Verdammnis, sowie – in Mythen, Sagen und Märchen – Unterwelten, die von finsteren Mächten regiert sind, z.B. der Olymp und der Hades in der griechischen Mythologie. Den edlen Geist assoziieren wir dagegen mit Himmel, mit Positivem, die Berge werden in vielen Religionen und Mythologien als Orte aufgefasst, wo man dem Transzendentalen, dem Göttlichen, der Erleuchtung begegnen kann. Die Dichotomie oben-unten widerspiegelt sich in der Sprache (z.B. oben sein, auf der Höhe sein, in Höchstform sein), aber auch in der weit gefassten Kultur (z.B. in der Architektur: hohe, in den Himmel ragende Kirchentürme). Im idiomatischen Bereich lässt sich die gut ist oben, schlecht ist unten-Metapher u.a. durch folgende Phraseologismen aus dem elektronischen phraseologischen Wörterbuch redensarten-index (Zugriff am 25.02.2017) exemplifizieren:

gut ist oben, schlecht ist unten

mit etw. eine Notlandung machen ‚scheitern‘

auf die schiefe Bahn/Ebene geraten ‚moralisch oder wirtschaftlich absinken; kriminell werden; auf Abwege geraten‘

jmdn. auf die schiefe Bahn bringen ‚jmdn. zu einer kriminellen Laufbahn führen; jmds. Irrwege verursachen‘

auf Grund laufen ‚1. mit dem Boot/Schiff auf dem Meeres-/See-/Flussboden aufsitzen und somit festsitzen; 2. scheitern‘

auf die Schnauze/auf die Fresse/auf die Nase fallen ‚scheitern‘

auf der Schnauze/Fresse/Nase liegen ‚Pech haben, gescheitert sein‘

im Aufwind sein ‚wachsenden Erfolg haben‘

Kopf hoch ‚Hab Mut!, Sei nicht traurig!‘

←303 | 304→

den Kopf hängen lassen ‚deprimiert, traurig, resigniert, mutlos, enttäuscht sein‘

die Oberhand gewinnen/haben/behalten ‚der Stärkere sein, gewinnen‘

(total/völlig) am Boden (zerstört) sein ‚sich miserabel/schlecht/elend/erschöpft fühlen; deprimiert/besiegt sein‘

mit den Nerven herunter/runter sein ‚geistig erschöpft/überlastet sein; deprimiert sein‘

jmds. Stern ist im Aufgehen ‚jmds. Ruhm wächst; jd. hat Erfolg‘

den Mut sinken lassen ‚die Hoffnung aufgeben, keinen Ausweg sehen, keine Anzeichen für Besserung mehr sehen; mutlos/pessimistisch/deprimiert sein‘

vgl. auch folgende Kollokationen und Verben:

die höheren Beamten

die hochgestellte Persönlichkeit

eine Sache auf höchster Ebene beraten

niedrig gesinnt sein

niedrige Triebe

den Aufstieg schaffen

jmdn. übertreffen, überbieten

emporkommen, emporsteigen

etw. toppen ‚etw. überbieten, übertreffen‘ (redensarten-index, Zugriff am 20.10.2017)

Die dargestellten konzeptuellen Metaphern sind für die Konzeptualisierung richtungsweisend, von Relevanz sind aber ebenfalls epistemische Mappings, die bei den meisten Sprachteilhabern durch das mentale Bild eines schwankenden Bodens (eines Schiffes, eines Moors) untermauert sind. Die epistemischen Mappings könnten auf folgende Weltwissensinformationen zurückgreifen (Tab. 12):

Tab. 12:Die epistemischen Mappings für das Verwendungsprofil 1.1 ‚unsichere, schwierige (Lebens-)Lage eines Menschen‘.

schwankender Boden (Ausgangsdomäne)unsichere, schwierige Lage eines Menschen (Zieldomäne)
Unsicherer Boden, auf dem man keinen Halt mehr hat und leicht hinfallen kann.Schwierige Lage eines Menschen, in der man leicht einen Fehler begehen kann.
Gleichgewichtssinn ist gestört, die Füße sind wacklig, die Umgebung sieht man verschwommen, man steht oder geht unsicher.Die objektive Beurteilung der Lage kann schwer sein, man handelt (u.a. unter dem Einfluss der Emotionen) fehlerträchtig.
Die Empfindungen sind unangenehm, man fühlt sich kraftlos, man fühlt die Übelkeit in sich aufsteigen.Die Situation ist für den Betroffenen unangenehm, schwierig, man leidet unter Stresssymptomen.

←304 | 305→Auf der zweiten Ebene leisten die Bedeutungsderivationen der nominalen und der adjektivischen Komponente einen Beitrag zur Bedeutungskonstituierung bei. Der semantischen Derivation von Boden liegt eine metonymisch-metaphorische Kette zugrunde: Im ersten Schritt steht der Boden metonymisch für die Erde, diese metonymische Verschiebung ist konventionalisiert und lexikographisch169 erfasst. Im zweiten Schritt liegt eine Metaphtonymie vor: Der Boden/die Erde steht hier nämlich für die Grundlage der Existenz. Je nach der Auslegung könnte man an dieser Stelle von einer Metonymie oder einer Metapher sprechen. Die für die Metonymie charakteristische konzeptuelle Nähe zwischen dem Boden und der Existenzgrundlage aller auf festem Land lebenden Wesen ist hier offensichtlich. Andererseits beziehen sich die Existenzgrundlagen in den besprochenen Belegen nicht unbedingt auf die körperlichen Daseinsfundamente: Im Beleg (1) handelt es sich sowohl um die materielle Absicherung der freigelassenen Gefängnisinsassen (zwischen der körperlichen und der materiellen Existenzsicherung besteht hier konzeptuelle Nähe, die als die Zugehörigkeit zu einer Domäne ausgelegt werden dürfte), als auch um ihre psychische Durchhaltekraft, der Versuchung widerzustehen, sich mit den kriminellen Mitteln wieder einen schnellen und einträglichen Unterhalt zu sichern (in dieser Interpretation müssten zwei Domänen: die physische Domäne der Existenzgrundlage und die Domäne der psychologischen Konstitution eines Menschen angenommen werden). In weiteren Belegen liegt eher eine Metapher vor: Die nominale Konstituente im Gebrauchsbeleg (2) bezieht sich auf die harten Regeln, die in einer realen Welt herrschen und zu den bürgerlich-moralischen Werten, die einem verwöhnten jungen Mädchen beigebracht wurden, im krassen Widerspruch stehen. Im dritten Beleg ist die politische Basis eines Präsidenten, seine Position unter anderen Politikern gemeint. Dementsprechend dürfte in diesen Belegen von zwei unterschiedlichen Domänen ausgegangen werden, von denen die Ausgangsdomäne im Bereich der körperlichen Erfahrung, die Zieldomäne dagegen im abstrakteren Bereich des Lebensunterhalts, der Moral, der Politik liegt. Ähnliche fließende Übergänge zwischen der Domäne des Körperlichen und der Domäne des Abstrakteren kommen in weiteren sprachlichen Exemplifizierungen zum Vorschein:

boden/erde steht für die grundlage der existenz//grundlage der existenz ist wie boden/erde

(wieder) (festen) Boden unter den Füßen haben/spüren 1. ‚wieder festes Land unter den Füßen haben‘ (DUW online, Zugriff am 10.03.2017), 2. ‚(wieder) sicher/selbstsicher/gestärkt/fundiert/gesichert sein; sich erholen; sich sicher fühlen‘ (redensarten-index, Zugriff am 10.03.2017)

den Boden für jmdn./etw. vorbereiten ‚günstige Bedingungen schaffen‘ (DUW online, Zugriff am 10.03.2017)

←305 | 306→

günstigen, guten Boden für etw. finden ‚günstige, gute Voraussetzungen‘ (DUW online, Zugriff am 10.03.2017)

einer Sache den Boden bereiten; den Boden bereiten für etw. ‚Grundlage/günstige Bedingungen für etw. schaffen; etw. vorbereiten‘ (DUW online, Zugriff am 10.03.2017)

einer Sache den Boden entziehen ‚einer Sache die Existenzgrundlage entziehen; dafür sorgen, dass eine Sache nicht mehr sachlich begründet werden kann‘ (DUW online, Zugriff am 10.03.2017)

Eine weitere Bedeutungsverschiebung lässt sich in Bezug auf die partizipiale Idiomkonstituente schwankend festlegen. Das Verb schwanken unterliegt auf Grund der verkörperten Erfahrung einer metonymischen oder metonymisch-metaphorischen Derivation und wird – mit Abstufungen – aus der Domäne des torkelnden Ganges, des entzogenen Halts, über die psychologischen Gemütszustände der verspürten Labilität in die abstrakten Domänen der unstabilen, unsicheren Lage z.B. auf dem Arbeitsmarkt übertragen. Davon, dass diese Mappings einen konzeptuellen Charakter haben, zeugen folgende sprachliche Exemplifizierungen:

schwanken steht für unsicher sein/unsicher, labil sein ist schwanken

auf der Kippe stehen ‚1. zu kippen und herunterzustürzen, umzufallen drohen: die Tasse steht fast auf der Kippe. 2. gefährdet sein, sich in einer kritischen Lage, Situation befinden: drei Schüler der Klasse stehen auf der Kippe; der Kranke steht, mit dem Kranken steht es auf der Kippe. 3. noch unsicher, noch nicht entschieden sein: ob sie wiedergewählt wird/ihre Wiederwahl steht auf der Kippe‘ (DUW online, Zugriff am 21.03.2017)

Auf den ersten Metern fahre ich noch etwas unsicher, denn der BMW-Roller ist sehr kippelig. Bild, 29.05.1998 (DWDS, Zugriff am 04.10.2017)

Dabei ist Macht natürlich nicht greifbar, kein Ding, kein Ring, sondern ein höchst kippeliger Zustand. Die Zeit, 16.11.2006 (DWDS, Zugriff am 04.10.2017)

ein schwankender (‚nicht in sich gefestigter‘) Charakter (DUW online, Zugriff am 21.03.2017)

nicht wanken und [nicht] weichen ‚nicht von der Stelle weichen‘ (DUW online, Zugriff am 20.10.2017)

sein Gesundheitszustand ist schwankend, eine schwankende Gesundheit (DUW online, Zugriff am 20.10.2017)

sich durch nichts in seinem Vorsatz schwankend machen lassen (DUW online, Zugriff am 21.03.2017)

die Monarchie, seine Stellung begann zu wanken (DUW online, Zugriff am 21.03.2017)

in seinem Glauben, seinen Entschlüssen wanken, wankend werden (DUW online, Zugriff am 21.03.2017)

wackelige Arbeitsplätze (DUW online, Zugriff am 21.03.2017)

um die Firma steht es recht wackelig ‚sie ist vom Bankrott bedroht‘ (DUW online, Zugriff am 21.03.2017)

er steht in der Schule sehr wackelig ‚seine Versetzung ist gefährdet‘ (DUW online, Zugriff am 21.03.2017)

seine Stellung, sein Arbeitsplatz wackelt (DUW online, Zugriff am 21.03.2017)

←306 | 307→

der Thron des Chefs wackelt ‚er droht seinen Posten zu verlieren‘ (DUW online, Zugriff am 21.03.2017)

jd. ist wankelmütig, haltlos

eine wackelige Angelegenheit, Argumentation, Finanzierung (DUW online, Zugriff am 21.03.2017)

Verwendungsmuster 1.2: (Forschung/Wissenschaft) ‚unsichere, angreifbare Lage, in die sich ein Wissenschaftler versetzt, der in einem nicht gut etablierten Forschungsbereich tätig ist bzw. intersubjektiv schwer fassbare These aufstellt‘ (5 Belege)

In einer perfektiven (sich mit etw. auf den schwankenden Boden begeben) bzw. durativen Aktionsart (sich auf schwankendem Boden bewegen) tritt die idiomatische Wortverbindung in Belegen auf, die sich auf wissenschaftliche Tätigkeit beziehen. Hier werden als schwankender Boden diejenigen Forschungsbereiche bezeichnet, die mit objektiven Kriterien schwer fassbar sind, subjektive Forschungsmethoden voraussetzen und deswegen leicht widerlegt werden können:

(4) Leider hat er aber dazu die sichere Basis der meßbaren Hirnchemie verlassen und sich auf den schwankenden Boden psychischer Phänomene begeben müssen. Berliner Zeitung, 29.08.1998

(5) Wir dürfen wohl noch einen Schritt weitergehen und den Erklärern folgen, die annehmen oder nachgewiesen zu haben glauben, daß das Wort Snob an der Universität Cambridge entstand. Etwa so (jetzt bewegen wir uns freilich als Philologen auf schwankendem Boden): Die adeligen Studenten nannten zunächst den bürgerlichen Kommilitionen „sine nobilitate“ und kürzten das zu „snob“. Die Zeit, 02.11.1979

Die Bedeutungskonstituierungsmechanismen vollziehen sich auf zwei Ebenen: Die für die erste Ebene konstitutiven konzeptuellen Metaphern: sicherheit ist stabiler boden; fehler ist sturz; gut ist oben, schlecht ist unten wurden im Vorangehenden erörtert und bedürfen an dieser Stelle keiner näheren Beschreibung. Viele Gemeinsamkeiten mit dem Verwendungsmuster 1.1 scheinen ebenfalls die epistemischen Mappings aufzuweisen (vgl. Tab. 12). Neu und konstitutiv für das zu besprechende Verwendungsmuster ist dafür die metonymisch-metaphorische Kette: Boden → Gebiet → Forschungsbereich.

Die metonymische Derivation Boden → Gebiet ist konventionalisiert, lexikographisch erfasst und im DUW online mit folgenden Beispielen veranschaulicht: heiliger Boden, den Boden seiner Heimat betreten (Zugriff am 11.03.2017). Die Bedeutungsverschiebung Boden → Gebiet manifestiert sich sprachlich auch in folgenden Idiomen, die zugleich den kontinuierlichen Übergang zwischen der Metonymie und Metapher vor Augen führen:

boden steht für gebiet

[an] Boden gewinnen ‚sich ausbreiten, zunehmen‘ (DUW online, Zugriff am 20.10.2017)

Boden gutmachen, wettmachen ‚aufholen, Fortschritte machen‘ (DUW online, Zugriff am 20.10.2017)

[an] Boden verlieren ‚Macht, Einfluss verlieren‘ (DUW online, Zugriff am 20.10.2017)

←307 | 308→

Konventionalisiert ist ebenfalls die Bedeutungsverschiebung Gebiet → Forschungsbereich, vgl. die Teilbedeutung 2 im DUW online (Zugriff am 11.03.2017):

1.unter bestimmten Gesichtspunkten in sich geschlossener räumlicher Bereich von größerer Ausdehnung

2.[Sach]bereich, Feld, Fach

Auch in diesem Fall ist die Entscheidung, ob in der zweiten Bedeutung eine Metonymie ein gebiet steht für einen forschungsbereich oder eine Metapher ein forschungsbereich ist (wie) ein gebiet vorliegt, schwer. Da die Erfahrungsdomänen des Raumes sowie des in den Gebrauchsbelegen angesprochenen Forschungsbereiches konzeptuell entfernt sind, wird in diesem Fall eine metaphorische Bedeutungsverschiebung angenommen.

Von einem kleineren Einfluss auf die Konzeptualisierung scheint eine andere metonymisch-metaphorische Kette zu sein, die folgendermaßen dargestellt werden könnte:

Boden → Erde → Realitätssinn

Die metonymische Verschiebung Boden → Erde ist in dem Verwendungsprofil 1.1 bereits aufgetreten. Die metaphorischen Mappings zwischen der Erde und dem Realitätssinn, dem gesunden Menschenverstand manifestieren sich sprachlich in folgenden Ausdrücken:

realitätssinn ist auf der erde/auf dem boden bleiben

mit beiden Beinen/Füßen (fest) auf der Erde/im Leben/auf dem Boden stehen ‚lebenstüchtig sein; sicher im Leben zurechtkommen; keine Illusionen haben; normal bleiben; realistisch denken; pragmatisch/erfolgreich/solide/sicher sein‘ (redensarten-index, Zugriff am 14.03.2017)

auf der Erde/dem Boden bleiben ‚sich keinen Illusionen hingeben; realistisch/pragmatisch denken; besonnen sein‘ (redensarten-index, Zugriff am 14.03.2017)

jd. ist hochfliegend, weltentrückt, weltfremd

in höheren Sphären schweben ‚seinen Träumen nachhängen; weltfremd/versponnen sein; Akademiker/Intellektueller sein, der nichts mehr vom wahren Leben mitbekommt‘ (redensarten-index, Zugriff am 14.03.2017)

jmdn. auf den Boden der Tatsachen zurückholen ‚jmdm. die Tatsachen bewusst machen/die Sachlage erklären/die Realität klarmachen‘

auf dem Boden der Tatsachen bleiben‚die Wahrheit sagen, nicht hinzudichten‘ (redensarten-index, Zugriff am 14.03.2017)

auf festem Boden stehen ‚eine gesicherte Meinung haben; sicher sein‘ (redensarten-index, Zugriff am 14.03.2017)

sich auf sicherem Boden bewegen/befinden ‚eine gesicherte Meinung vertreten; sicher sein; gute Voraussetzungen haben‘ (redensarten-index, Zugriff am 14.03.2017)

Die Abbildung 32 stellt beide Ebenen von den Bedeutungskonstituierungsmechanismen des Verwendungsmusters 1.2 graphisch dar:

←308 | 309→Verwendungsprofil 2: ‚unsichere Grundlagen/Fundamente einer Konstruktion des menschlichen Geistes (einer Theorie, einer Argumentation, einer Anklage, eines Wirtschaftsbereiches, einer bestimmten Politik)‘ (10 Belege)

Im Gegensatz zu den Verwendungsmustern 1.1 und 1.2 treten in den folgenden Belegen in der Subjektposition unbelebte Objekte auf, bei denen es sich hauptsächlich ←309 | 310→um Konstruktionen des menschlichen Geistes: Anklagen, Hypothesen, Voraussagen, Interpretationen, Theorien u.Ä. handelt:

(6) Auch der renommierte Hamburger Kriminologe Professor Fritz Sack sieht eine Anklage, die hauptsächlich auf Tagebucheintragungen basiert, „auf schwankendem Boden“. Berliner Zeitung, 25.04.1997

(7) Die Voraussagen stehen nach Ansicht der Spitzenverbände vor allem deshalb auf schwankendem Boden, weil die von der Politik zugesagte deutliche Verbesserung der steuerlichen und sozialpolitischen Rahmenbedingungen nach wie vor zu wünschen übriglasse. Berliner Zeitung, 02.01.1997

In vier Belegen wird die Subjektposition durch einen Wirtschaftszweig (Filmwirtschaft, Ferienindustrie), einen Konzern bzw. die ostdeutsche Wirtschaft besetzt:

(8) Und auch Ägyptens Ferienindustrie steht auf schwankendem Boden. Die Zeit, 14.09.2015 (online)

Profiliert werden in diesen Belegen die schwachen, unsicheren Grundlagen einer Konstruktion, eines von Menschen aufgestellten Systems von Aussagen, Annahmen, Einrichtungen und Maßnahmen sowie ihr möglicher Zusammenbruch. Zur Bedeutungskonstituierung tragen zweifelsohne zwei konzeptuelle Metaphern bei: die bereits besprochene, auf dem Vorstellungsschema gleichgewicht aufbauende Metapher sicherheit ist stabiler boden sowie eine konzeptuelle Metapher theorien (konstruktionen des menschlichen geistes) sind gebäude mit der besonderen Profilierung der Fundamente: gute grundvoraussetzungen dieser konstruktionen sind solide fundamente (vgl. Abb. 33).

Die konzeptuelle Metapher theorien (und argumente) sind gebäude wurde von Lakoff/Johnson ([1980] 2000) als Paradebeispiel einer Strukturmetapher angeführt und mit folgenden sprachlichen Konkretisierungen veranschaulicht:

theorien (und argumente) sind gebäude

gute grundvoraussetzungen einer theorie sind solide fundamente eines gebäudes

Ist das das Fundament Ihrer Theorie?

Die Theorie muss besser untermauert werden.

Dieses Argument steht auf unsicherem Grund.

Wir brauchen weitere Fakten, damit diese Argumentation nicht in sich zusammenfällt.

Wir müssen dafür ein gutes Argument konstruieren.

Ich habe die Form meiner Argumentation noch nicht festgelegt.

Die Theorie stützt sich noch auf weitere Fakten.

Wir müssen die Theorie mit soliden Argumenten abstützen.

Die Theorie steht und fällt mit der Stärke dieses Arguments.

Die Argumentation fiel in sich zusammen.

Sie brachten seine jüngste Theorie zu Fall. (Lakoff/Johnson 2000 [1980]: 59)

←310 | 311→

Lakoffs und Johnsons Liste kann man um weitere Idiome ergänzen, im Deutschen spricht man gelegentlich von der Bauwerk-Metaphorik170:

theorien (und argumente) sind gebäude

Luftschlösser bauen ‚optimistische, übermütige Pläne haben; unrealistische Träume haben‘ (redensarten-index, Zugriff am 20.10.2017)

auf Sand bauen ‚zum Scheitern verurteilt sein; auf unsicherer Grundlage fußen; von falschen Voraussetzungen ausgehen; sich auf etwas Unsicheres verlassen‘ (redensarten-index, Zugriff am 20.10.2017)

aus den Fugen gehen/geraten zerbrechen ‚den inneren Zusammenhalt verlieren; zerfallen; durcheinander/in Unordnung geraten‘ (redensarten-index, Zugriff am 20.10.2017)

←311 | 312→

der Grundstein für/zu etw. sein ‚der entscheidende Ausgangspunkt/der Beginn sein‘ (redensarten-index, Zugriff am 20.10.2017)

es blieb kein Stein auf dem anderen ‚alles wurde komplett zerstört‘ (redensarten-index, Zugriff am 20.10.2017)

daran lässt sich nicht rütteln; daran ist nichts zu rütteln ‚das steht fest; das ist unumstößlich/unabänderlich‘ (redensarten-index, Zugriff am 20.10.2017)

Öde Kommentare sind wie Moder im Gebälk: leicht zu übersehen, nicht so spannend wie ein brennendes Haus, aber das Ergebnis ist dasselbe. Die Zeit, 14.04.2014 (DWDS, Zugriff am 14.03.2017)

Selbstverständlich gibt es Risse im Gebälk der iranischen Politik; seit Chomeinis Tod wogt ein untergründiger Machtkampf zwischen Reformern und Reaktionären. Die Zeit, 14.11.2013 (DWDS, Zugriff am 14.03.2017)

Außer der richtungsweisenden konzeptuellen Metapher sicherheit ist stabiler boden sowie der mit der Bauwerk-Metaphorik verbundenen konzeptuellen Metaphern: konstruktionen des menschlichen geistes sind ein gebäude, gute grundvoraussetzungen dieser konstruktionen sind solide fundamente eines gebäudes tragen zur Bedeutungskonstituierung ebenfalls das mentale Bild und die epistemischen Mappings bei (vgl. Tab. 13):

Tab. 13:Die epistemischen Mappings für das Verwendungsprofil 2 ‚etw. (eine Theorie, eine Argumentation, eine Anklage, die Wirtschaft) hat unsichere Grundlagen/Fundamente‘.

schwankender Boden(Ausgangsdomäne)unsichere Fundamente/Grundlagen einer Theorie, Argumentation, eines Gesetzes (Zieldomäne)
Schwankender Boden ist als Fundamentbasis nicht genug tragfähig, ungeeignet für die Fundamente.Eine Theorie, Argumentation, ein Gesetz, das man leicht zu Fall bringen kann; ihre Grundlagen sind nicht genug zuverlässig, sondern schlecht fundiert, durch Sachkenntnis nicht gesichert.
Das auf dem schwankenden Boden aufgestellte Gebäude kann jederzeit zusammenbrechen.Argumente können jederzeit widerlegt werden, sie sind zu schwach, um verteidigt werden zu können.

Auf der zweiten Ebene unterliegt die nominale Konstituente einer metonymischen, konventionalisierten und lexikographisch erfassten Bedeutungsderivation Boden → Grundlage, vgl. DUW online (Zugriff am 14.03.2017).

boden steht für die grundlage

den Boden der Tatsachen verlassen

auf dem Boden der Verfassung stehen

sich auf den Boden der Wirklichkeit stellen

←312 | 313→Eine weitere Bedeutungsderivation vollzieht sich ebenfalls in Bezug auf die partizipiale Idiomkonstituente schwankend. Die Bedeutungsverschiebung ist durch die im Verwendungsmuster 1.1 bereits beschriebene Metaphtonymie unsicher sein ist schwanken beeinflusst.

Verwendungsprofil 3: ‚kein fester Boden: Schiffsdeck oder tektonisch aktive Gebiete‘ (6 Belege)

In insgesamt sechs Gebrauchsbelegen referiert schwankender Boden auf Grundflächen, die unter bestimmten Umständen tatsächlich schwanken können, d.h. Schiffsdecke:

(9) Allein in Mitte haben sich im abgelaufenen Jahr 34 Paare auf schwankendem Boden trauen lassen. Berliner Zeitung, 15.01.2001

oder tektonisch unsichere Gebiete, auf denen Erdbeben und Vulkanausbrüche öfters vorkommen:

(10) Die Volkshochschule veranstaltet heute um 18.15 Uhr in der Bertolt-Brecht-Oberschule (Wilhelmstraße 10) einen kostenlosen Dia-Vortrag zum Thema „Japan – auf schwankendem Boden“. Berliner Zeitung, 08.03.1995

(11) Das Geheimnis seines Fußballkönnens liegt vermutlich darin, dass der Isländer es gewohnt ist, auf schwankendem Boden zu leben und selbst im Taumeln noch den Ball zu treffen. Er ist umgeben von 31 aktiven Vulkanen. Ausbrüche und Erdbeben sind für ihn so gewöhnlich wie für unsereins ein Gewitter. Gerade diese exotische, herzerfrischende Apartheit ist es, die ihm die Herzen aller zufliegen lässt. Endlich mal was anderes! Die Zeit, 07.07.2016

Die Bedeutungskonstituierungsmechanismen beruhen vor allem auf einer metonymischen Bedeutungsverschiebung: Der Aspekt einer gelegentlich wackligen, bebenden Grundfläche steht hier in einer pars-pro-toto-Metonymie stellvertretend für das ganze Land (Japan, Island) bzw. das Schiff (vgl. Abb. 34).

←313 | 315→4.2.2.1.1.1.2 dünnes Eis

Lexikographisch erfasste Varianten: sich auf dünnes Eis begeben, sich auf dünnes Eis wagen, auf dünnem Eis stehen, sich auf dünnem Eis bewegen

Modifikationen: jd. wandelt auf bedenklich dünnem Eis, jd. geht auf dünnes Eis, jd. rettet sich auf das dünne Eis semantischer Spitzfindigkeiten, jd. wagt vom dünnen Eis weitere Schritte, jd. tanzt auf besonders dünnem Eis, etw. ist das dünne Eis, jd. spricht von dünnem Eis, jd. befindet sich auf dünnem Eis, auf dünnem Eis schleudern

Darstellung in lexikographischen Nachschlagewerken

Tab. 14:Das Idiom dünnes Eis in allgemeinen und phraseologischen Wörterbüchern des Deutschen.

WörterbuchtypWörterbuchLexikographische Darstellung
allgemeinduw 2006nicht verzeichnet
Duw onlinesich auf dünnes Eis begeben, wagen (sich in eine unsichere, riskante Lage bringen)auf dünnem Eis stehen, sich bewegen (sich in einer unsicheren, riskanten Lage befinden) (letzter Zugriff am 27.10.2017)
wahrig 2007sich auf dünnes Eis begeben 〈fig.〉 sich einer riskanten Situation aussetzen; sich auf dünnem ~ bewegen 〈fig.〉 sich in einer riskanten Situation befinden; keine gesicherte Grundlage haben
phraseologischDuden 11nicht verzeichnet
schemann 2011nicht verzeichnet
Redensarten-indexsich auf dünnes Eis begeben/wagen; sich auf dünnem Eis bewegen ‚sich in eine riskante/kritische/unsichere Situation begeben; sich in einer gefährlichen Lage befinden‘Varianten der Redensart sind seit dem Mittelalter geläufig. Ein Spruch aus dem 13. Jahrhundert lautet: „Qui currit glaciem, se non monstrat sapientem“ (= Wer auf das Eis läuft, zeigt sich nicht weise) (letzter Zugriff am 27.10.2017)
müller 2005sich auf dünnem Eis bewegen in gefährdeter und unsicherer Lage sein [Gefährdung]Varianten der Redensart sind seit dem Mittelalter geläufig. Ein Spruch aus dem 13. Jahrhundert lautet: „Qui currit glaciem, se non monstrat sapientem“„Mit dieser Theorie bewegst du dich aber auf dünnem Eis! An deiner Stelle würde ich diese Prognose empirisch überprüfen!“ (2005: 106)

←314 | 315→Korpusgestützte Analyse anhand der DWDS-Korpora171

Verwendungsprofil 1: ‚unsichere, riskante, schwierige Lage einer Person‘ (34 Belege)

In den meisten Belegen lässt sich das Idiom mit der Bedeutungsparaphrase ‚unsichere, riskante, schwierige Lage einer Person‘ beschreiben, wobei in der Subjektposition Menschen oder Menschengruppen auftreten. Drei Verwendungsmuster, die verschiedene Aspekte profilieren, können hier ermittelt werden:

←315 | 316→Verwendungsmuster 1.1: ‚eine missliche, schwierige Lage, in der man leicht folgenschwere Fehler begehen kann‘ (16 Belege)

Das erste Verwendungsmuster bilden 16 Belege, in denen die verbale Komponente eine starke Affinität zur Varianz aufweist. Außer den lexikographisch erfassten Grundformen: jd. bewegt sich auf dünnem Eis, jd. begibt sich auf dünnes Eis, tritt das Idiom in zahlreichen phraseologischen Modifikationen auf: jd. wandelt auf bedenklich dünnem Eis, jd. geht auf dünnes Eis, jd. rettet sich auf das dünne Eis semantischer Spitzfindigkeiten, jd. wagt vom dünnen Eis weitere Schritte, jd. tanzt auf dünnem Eis. Die stabile nominale Komponente dünnes Eis lässt sich als eine missliche Lage interpretieren, in der man leicht einen (folgenschweren) Fehler begehen kann. In den meisten Fällen geht es um den Bereich einer beruflichen Tätigkeit, in dem die Aktanten in einer riskanten, angreifbaren Position sind. Einem großen Druck vonseiten der Öffentlichkeit waren beispielshalber die BBC-Journalisten vor dem Hintergrund des jahrelang im Geheimen gehaltenen sexuellen Missbrauchsskandals um den berühmten BBC-Moderator Jimmy Savile ausgesetzt:

(12) Wer derzeit versucht, mit BBC-Leuten zu reden, stößt auf eine Mauer des Schweigens. Ein Starmoderator sagt ein Gespräch erst zu und schickt dann die Nachricht: »Entschuldigen Sie, aber dies ist die Hölle.« Ein anderer aus der Chefetage schreibt: »Das ganze Ding ist extrem heiß und idiotisch gehandhabt… es ist alles verdammt schwierig, jeder bewegt sich auf dünnem Eis.« Meirion Jones selbst antwortet auf eine Anfrage: »Tut mir wirklich leid – würde liebend gerne reden, darf aber momentan keine Interviews geben.« »Aus Journalisten werden Geheimniskrämer und verängstigte Beamte, die bloß noch an ihre Jobs denken«, sagt Jenni Russel, die früher eine der wichtigsten Nachrichtensendungen im BBC-Radio geleitet hat. »In ihrem Inneren ist die BBC ein hierarchisches Monster, ineffizient wie ein gleichgeschalteter Staatsapparat.« Die Zeit, 08.11.2012

In einer schwierigen Lage befindet sich auch ein Politiker, der in einer heiklen, persönlichen Angelegenheit gelogen hat und sich jetzt öffentlich rechtfertigen muss:

(13) Dies wird überdeutlich in dem Interview, das sein politisches Überleben sichern soll und dann doch wieder im Meinungs-Fiasko endet. Der Mann, der eine Affäre mit der Verschwundenen erst bei der dritten Befragung durch die Polizei eingeräumt hat, gerät bei den bohrenden Fragen der TV-Reporterin schnell in die Defensive, vermeidet Klarstellungen und rettet sich auf das dünne Eis semantischer Spitzfindigkeiten, auf dem schon anerkannte Formulier-Weltmeister wie Bill Clinton ausrutschten. Der Tagesspiegel, 24.08.2001

sowie ein Politiker, dem die politische Basis in der eigenen Partei entzogen wird:

(14) Schröders größte Schwachstelle bleibt sein Verhältnis zur eigenen Partei; viele Sozialdemokraten sind überzeugt, dass die bisherigen Reformschritte sozial unausgewogen und ökonomisch bestenfalls unnnütz sind. Wie aber soll Politik die Wähler überzeugen, wenn nicht einmal die eigenen Leute daran glauben? Und wie könnte der Kanzler von so dünnem Eis aus weitere Schritte wagen? Dazu kommt die miserable ←316 | 317→Verfassung des Bundeskabinetts. Schröders Ministerriege ist verbraucht und unfähig zu großen Sprüngen. Berliner Zeitung, 26.03.2004

Zur Bedeutungskonstituierung tragen in diesen Gebrauchsbelegen mehrere Metaphern bei, der Bedeutungsderivation unterliegt die ganze Wortverbindung. Die Bedeutungskonstituierungsmechanismen stellt schematisch Abbildung 36 dar:

Richtungsweisend für die Bedeutungskonstituierung des Idioms sind die bereits besprochenen konzeptuellen Metaphern leben ist ein weg, schwierigkeiten sind hindernisse auf dem weg, sicherheit ist stabiler boden sowie fehler ist sturz, wobei die fehler ist sturz-Metapher sowohl durch die Weg-Metaphorik als auch durch die Orientierungsmetapher von einem hohen Generalitätsgrad gut ist oben, schlecht ist unten beeinflusst wird.

Von Relevanz für die Bedeutungskonstituierung sind ebenfalls epistemische Mappings. Die metaphorischen Korrespondenzen der konzeptuellen und epistemischen Natur verzahnen sich teilweise, in den epistemischen Metaphern sind sie dennoch – auch wegen des zugrunde liegenden mentalen Bildes – näher bestimmt (vgl. Tab. 15):

Tab. 15:Die epistemischen Mappings zwischen der Ausgangs- und Zieldomäne für das Verwendungsmuster 1.1 ‚eine missliche, schwierige Lage, in der man leicht folgenschwere Fehler begehen kann‘.

dünnes Eis (Ausgangsdomäne)missliche, schwierige Lage (Zieldomäne)
Eis ist glitschig, man rutscht darauf leicht aus.Die Situation ist sehr schwierig, gespannt, emotionsbeladen. In solchen Situationen begeht man leicht einen Fehler.
Dünnes Eis kann jederzeit unter Gewicht einer Person zusammenbrechen.Der Aktant kann jederzeit viel verlieren: Seine Arbeitsstelle/Karriere ist bedroht.
Der Sturz ins kalte Wasser ist lebensgefährlich, Rettungschancen sind gering (Unterkühlung, schwer rauszukommen).Die Situation ist sehr ernst, der Karrierebruch ist möglich.

←317 | 318→Nicht auszuschließen ist auch die linguistische Motiviertheit des Idioms, sowohl in der intra- als auch in der interlingualen Ausprägung. Die intralinguale Motiviertheit hängt mit dem Sprichwort Wenn es dem Esel zu wohl wird, geht er auf Eis tanzen ‚Wenn es jmdm. zu gut geht, wird er übermütig und bringt sich in Gefahr‘ und dem davon abgeleiteten Phraseologismus auf Eis tanzen gehen ‚sich leichtsinnig in Gefahr bringen, im Übermut viel riskieren‘ (vgl. Duden 11, 2011: 191, 202) zusammen. Die interlinguale Motiviertheit ist auf den mittelalterlichen Spruch: Qui currit glaciem, se non monstrat sapientem ‚Wer auf Eis läuft, zeigt sich nicht weise‘ zurückzuführen (vgl. Müller 2005: 106). Falls einem Sprachteilhaber diese Phraseologismen geläufig sind, können sie zur Konzeptualisierung einen Beitrag leisten.

Verwendungsmuster 1.2: ‚trügerische Geborgenheit der menschlichen Existenz‘ (5 Belege)

In den folgenden Gebrauchsbelegen bezieht sich das Idiom auf die scheinbare Sicherheit der menschlichen Existenz. Profiliert wird die Zerbrechlichkeit dessen, worauf Menschen ihren Alltag aufbauen und was ihnen – solange keine Schicksalsschläge zustoßen – als selbstverständlich vorkommt. In drei der vier Belege handelt es sich dabei um die schmale Linie zwischen Leben und Tod:

(15) Man staunt, wenn die Kinder erzählen, was aus dem Paradies der frühen Jahre in Hermsdorf geworden ist. Alle Ehen in der Nachbarschaft wurden geschieden. Die Brüder des Vaters kamen bei Autounfällen ums Leben. Freunde, die das Haus mitgebaut hatten, starben bei einem Segelunfall im Mittelmeer. Alexander hatte selbst schwere Unfälle, wäre einmal fast nicht mehr aus dem Koma erwacht. Jederzeit kann das dünne Eis, auf dem man sich so sicher bewegt, brechen. Der Tagesspiegel 17.10.2003

In einem Beleg bezieht sich das Idiom auf die scheinbare Sicherheit eines erfolgreichen Großkonzernmanagers, der, sobald sich die hochgesteckten Erwartungen nicht erfüllt haben, einer gnadenlosen Kritik ausgesetzt wird:

←318 | 319→

(16) Wenn du zum Verlierer, zum Looser abgestempelt bist, so hat es sich ihm dargestellt, „hast du im Grunde keine Chance, Autorität zu wahren“. Edzard Reuter erfuhr, auf wie dünnem Eis er brilliert hatte und wie wenig Solidarität er fand, nachdem sich als Folge eigener Fehler und veränderter Marktverhältnisse schwere Turbulenzen ankündigten. Scheinbar entfallen war den meisten Vorstandskollegen und Aufsichtsräten, daß sie alles treu und brav mitbeschlossen hatten, daß niemand beizeiten gefragt hatte, ob sich der Autobauer mit Dornier, AEG und MBB nicht vielleicht zuviel, in jedem Fall zuviel auf einmal, aufgehalst habe. Die Zeit, 29.01.1998

Die Bedeutungskonstituierungsmechanismen werden auf der Abbildung 37 veranschaulicht:

←319 | 320→Profiliert wird in diesen Gebrauchsbelegen die Zerbrechlichkeit der Grundlage, auf der Menschen ihre Existenz gestalten. Außer den konzeptuellen Metaphern: schwierige lage ist unsicherer boden sowie sicherheit/geborgenheit ist stabiler boden kommen noch zahlreiche epistemische Korrespondenzen zur Geltung, zumal das durch die wörtliche Lesart des Idioms evozierte mentale Bild sehr kohärent und deutlich ist (vgl. Tab. 16):

Tab. 16:Die epistemischen Mappings zwischen der Ausgangs- und Zieldomäne für das Verwendungsmuster 1.2 ‚trügerische Geborgenheit der menschlichen Existenz‘.

dünnes Eis (Ausgangsdomäne)trügerische Geborgenheit der menschlichen Existenz (Zieldomäne)
Das Eis hat auf natürlichen Wasserbecken unterschiedliche Dicke, die von oben schwer einzuschätzen ist.Menschen leben in einer trügerischen Geborgenheit. Sie wissen zwar, dass es im Leben nichts Sicheres gibt, die tägliche Routine vermittelt ihnen aber das Sicherheitsgefühl, sie vergegenwärtigen sich die lauernde Gefahr nicht.
Das Eis bricht schnell, unerwartet.Die Schicksalschläge kommen unerwartet, schnell.
Der Sturz ins kalte Wasser ist lebensgefährlich, Rettungschancen sind gering (Unterkühlung, schwer rauszukommen).Extremsituationen und Schicksalschläge führen zum Zusammenbruch, Tod.

Verwendungsmuster 1.3: (vor allem juristisches Deutsch) ‚eine riskante, unsichere Position, in die sich jd. mit seiner umstrittenen, unsicheren Gesetzesauslegung (bzw. Theorie) begibt‘ (13 Belege)

Die nachstehenden 13 Gebrauchsbelege stellen eine mehr oder weniger ausgeprägte Interaktion zwischen den Bedeutungskonstituierungsmechanismen, die in dem Verwendungsmuster 1.1 und dem Verwendungsprofil 2 (unten dargestellt) zur Geltung kommen: In eine riskante Position begibt sich zwar eine Person/eine Personengruppe172, das Risiko hängt dennoch jeweils mit einer umstrittenen Auslegung eines Gesetzes zusammen. Die Belege nehmen nämlich vorwiegend auf juristische Angelegenheiten Bezug (11 Belege), was in drei Kontexten durch die Modifikation der Phraseologismen durch ein adjektivisches Attribut rechtlich ←320 | 321→hervorgehoben wird, vgl. z.B. einen Text über Besorgnisse des Managers vom FC-Köln Jörg Schmadtke über Strafe, die dem Verein wegen Fans-Ausschreitungen auferlegt werden kann:

(17) Man müsse eine „Entsolidarisierung“ hinbekommen: „Auch wenn wir auf rechtlich dünnem Eis stehen, werden wir die Dinge durchstehen.“ Es habe bisher „relativ viel Zuspruch von Fans und Sponsoren“ für diesen Kurs gegeben. Die Zeit, 19.02.2015

sowie einen weiteren Beleg für den Idiomgebrauch im Bereich der Rechtsprechung:

(18) Sie spricht von falschen und unerhörten Behauptungen. Wieland weiß genau, auf welch dünnem Eis er sich bewegt. Ohne Akten, die seine Argumente stützen, ist alles nur ein Verdacht, der schnell zur Rufschädigung werden kann. Berliner Zeitung, 03.02.2001

Die übrigen zwei Belege referieren nicht auf die Gesetzesinterpretation, sondern auf (nicht unbedingt wissenschaftlich fundierte) Theorien, die bestimmten Anschauungen zugrunde liegen, vgl. z.B.:

(19) Gerade Leute, die gutes und richtiges Deutsch dennoch von schlechtem und falschem unterscheiden wollen, sollten immer einmal wieder daran erinnert werden, auf wie dünnem Eis sie sich bewegen mit ihren Kriterien Erlernbarkeit, Vergleichbarkeit und Verständlichkeit. Reiners kommt dann zu dem für einen Autor wie ihn doch einigermaßen erstaunlichen Schluß, dem Kind zu sagen, „fragte“ sei vorzuziehen, weil die meisten der guten Schriftsteller von heute es dem „frug“ vorzögen. Die Zeit, 25.02.1983

Bezüglich der Bedeutungskonstituierungsmechanismen scheint es zur Interaktion zwischen mehreren konzeptuellen Metaphern zu kommen. Zweifelsohne wird die Gesamtbedeutung durch die konzeptuelle Metapher sicherheit ist stabiler boden beeinflusst. Ansonsten scheint sich die Gesamtbedeutung im Spannungsfeld zwischen zwei Interpretationen und den dahinter stehenden Metaphern zu konstituieren: Einerseits wird in den Belegen hervorgehoben, dass sich eine Person/eine Personengruppe bewusst in eine riskante Position begibt, was als ein potenzieller Fehler ausgelegt wird. Diese Person steht dann auf dünnem Eis, d.h. ist in einer unsicheren Lage, den verbal-argumentatorischen Angriffen ausgeliefert, die ihr – mehr oder weniger – schaden können: Zum Vorschein kommen hier die metaphorischen Mappings, die das 1.1-Verwendungsmuster ‚jd. ist in einer misslichen, schwierigen Lage, in der man leicht folgenschwere Fehler begehen kann‘ konstituiert haben. Andererseits wird in den Belegen explizit auf die kausal-instrumentalen Angaben eingegangen: Eine Person begibt sich mit einer Gesetzesauslegung/Theorie auf dünnes Eis bzw. bewegt sich wegen ihrer Gesetzesauslegung/Theorie auf dünnem Eis. Beachtenswert ist dabei, dass in den Gebrauchsbelegen des 1.3-Verwendungsmusters ausführlich auf die Schwäche der vertretenen Gesetzesauslegung oder Theorie, auf ihre ungenügende Begründung, fehlende Beweise, falsche Grundvoraussetzungen verwiesen wird, vgl. dazu auch den Beleg (20):

←321 | 322→

(20) Brandenburgs CDU, namentlich ihr innenpolitischer Sprecher Sven Petke, begibt sich auf dünnes Eis. Zu dünnes Eis. Denn nicht ohne Grund wird im Bundesgesetz das Beschmieren von Gegenständen, Gebäuden und Anlagen nicht als Sachbeschädigung gewertet, wenn die Substanz nicht beschädigt wird. Denn dann kann auch keine Sachbeschädigung vorliegen – allenfalls eine Verunstaltung. Was die CDU nun plant, ist das Verdrehen von Tatsachen. Denn wer jemandem mit Absicht etwas auf den Anzug kippt, der kann mit zweierlei Folgen rechnen: Lässt sich der Weißwein auswaschen, muss er die Reinigung bezahlen. Geht aber der Rotwein nicht raus, hat er den Anzug beschädigt und kann wegen Sachbeschädigung belangt werden und muss den Anzug ersetzen. Genauso sieht es schon jetzt bei den Sprayern aus. Entweder die Farbe geht ab oder nicht. Danach richtet sich die Einstufung als Ordnungswidrigkeit bzw. Straftat und die Strafe. Und: Mit einem härteren Gesetz, einer härteren Strafe, wird kein Polizist auch nur einen Sprayer mehr fangen. Die Aufklärungsquote wird nicht steigen, die Hauswände werden nicht sauberer. Auch das Argument, die Strafen müssten abschrecken, geht ins Leere. Denn es gibt wohl kein Beispiel aus der Kriminalgeschichte, wo schärfere Strafen zu einem Rückgang der Taten geführt hätten. Wer eine Tat begeht, der tut dies ja nicht in dem Bewusstsein, eventuell bestraft zu werden, sondern eben in dem Glauben, nicht erwischt zu werden – egal, ob Sprayer, Dieb, Räuber oder Raser. Potsdamer Neueste Nachrichten, 17.03.2005

←322 | 323→

Dementsprechend wird dieses Verwendungsmuster durch mehrere Metaphern mitkonstituiert. Die konzeptuelle Metapher sicherheit ist stablier boden kommt in jeder Konzeptualisierung zur Geltung: Der Bedeutungsaspekt der riskanten Lage, der Unsicherheit ist die ganze Zeit vorhanden. Der Beitrag von zwei weiteren konzeptuellen Metaphern: fehler ist sturz, theorien sind gebäude zur Bedeutung der idiomatischen Einheit dünnes Eis ändert sich im Textverlauf und kann je nach der Fokussierung als eine riskante Lage einer Person sowie als eine schlecht fundierte Hypothese/Gesetzesauslegung interpretiert werden (vgl. Abb. 38).

Verwendungsprofil 2: etw. steht auf dünnem Eis ‚umstrittene, nicht gut begründete Grundlage eines Gesetzes, der Auslegung eines Gesetzes, einer Hypothese, einer These, einer Argumentation‘ (4 Belege)

Dieses Verwendungsprofil wird lediglich mit 4 Belegen vertreten, die hier involvierten konzeptuellen Metaphern tragen dennoch zur Konstituierung des bereits beschriebenen Verwendungsmusters 1.3 bei. Nur in dieser Bedeutung ist das Subjekt unbelebt und abstrakt (ein Gesetz, eine Konstruktion, die durch Gesetze zur Gefahrenabwehr zugelassenen und von der Polizei eingesetzten Maßnahmen) und referiert auf Erfindungen menschlichen Geistes:

(21) Mit der 6. Novelle des Hochschulrahmengesetzes lösen SPD und Grüne kurz vor Ende der Legislaturperiode noch ein Wahlversprechen an die Studenten ein. Doch das Gesetz steht auf dünnem Eis: Die Union hat Verfassungsklage angekündigt, um darüber im Bundesrat zu entscheiden. Der Tagesspiegel, 26.04.2002

(22) Das wäre jedoch zu vernachlässigen, stünde nicht die gesamte Konstruktion auf etwas dünnem Eis. Dass sich beide Völker trotz 500-jähriger Trennung noch in einer gemeinsamen Sprache verständigen können, legt die Autorin auf der letzten Seite selber als unerklärliches Phänomen bloß. Der Tagesspiegel, 22.02.2004

Dünnes Eis bezieht sich in diesen Gebrauchsbelegen auf die schwachen, umstrittenen und nicht gut fundierten Grundlagen der Gesetze, Argumentationen, Theorien, die bei einer näheren Betrachtung oder im Falle eines (Rechts-)Streites leicht infrage gestellt und widerlegt werden können.

Die Bedeutungskonstituierungsmechanismen weisen viele Parallelen zu den Konstituierungsmechanismen auf, die für das zweite Verwendungsprofil des Idioms ein schwankender Boden konstitutiv waren. Die semantischen Derivationen auf der Ebene der ganzen Wortverbindung beruhen auf den konzeptuellen Metaphern sicherheit ist stabiler boden; gut ist oben, schlecht ist unten sowie der Bauwerk-Metaphorik, d.h. den konzeptuellen Strukturmetaphern theorien sind gebäude, gute grundvoraussetzungen einer theorie sind solide fundamente eines gebäudes, die auf der konzeptuellen Ebene die konkretere Domäne des Gebäudes und abstraktere Domäne von Konstruktionen des menschlichen Geistes verbinden (vgl. Abb. 39).

←323 | 324→Diese in der Kognition fest verankerten Mappings zwischen den Fundamenten und Grundlagen erhalten dann in den epistemischen, durch das mentale Bild unterstützten metaphorischen Mappings genauere Konturen. Das Eis stellt – wenigstens im abendländischen Kulturkreis und der diesem Kulturkreis entsprechenden Klimazone – eine von Natur aus äußerst ungeeignete und unsolide Basis für die Fundamente dar, das dünne Eis kann zusätzlich unter dem Gewicht der Konstruktion brechen. Die metaphorischen Korrespondenzen zwischen der Ausgangs- und der Zieldomäne gibt die Tabelle 17 wieder:

Tab. 17:Die epistemischen Mappings für das Verwendungsprofil 2 ‚umstrittene, nicht gut begründete Grundlage eines Gesetzes, der Auslegung eines Gesetzes, einer Hypothese, einer These, einer Argumentation‘.

dünnes Eis (Ausgangsdomäne)unsichere Grundlage einer Theorie, Argumentation, eines Gesetzes (Zieldomäne)
Nicht genug tragfähig, ungeeignet für die Fundamente.Eine Theorie, Argumentation, ein Gesetz, das man leicht zu Fall bringen kann, deren/dessen Voraussetzungen von Grund auf falsch sein können.
Als Fundamentbasis ist dünnes Eis nicht widerstandsfähig, haftbar, dauerhaft.Die Grundlagen sind nicht genug zuverlässig, schlecht fundiert, durch Sachkenntnis nicht gesichert.
Dünnes Eis kann jederzeit unter einem Gewicht zusammenbrechen.Die Argumente/die aufgestellten Theorien können jederzeit widerlegt werden.
Wenn das dünne Eis zusammenbricht, ist die darauf errichtete Konstruktion nicht zu retten.Wenn jemand die Theorie, Argumentation, ein Gesetz infrage stellt. und ihre Schwächen offenbart, wird sie total zurückgewiesen.
←324 |4.2.2.1.1.1.3 glattes Parkett

Lexikographisch erfasste Varianten: glattes Parkett betreten, sich auf glattem Parket bewegen, sich auf glattes Parkett wagen

Modifikationen: auf dem glatten Parkett ausrutschen, auf glattem Parkett stehen, Vergnügen am glatten Parkett haben, glattes Parkett bleibt für jmdn. rutschfest, sich auf dem glatten Parkett einer Sache auskennen, sich auf dem angestrebten glatten Parkett bewegen, auf dem Boden des glatten Parketts hart aufschlagen, u.a.

Darstellung in lexikographischen Nachschlagewerken

Tab. 18:Das Idiom glattes Parkett in allgemeinen und phraseologischen Wörterbüchern des Deutschen.

WörterbuchtypWörterbuchLexikographische Darstellung
allgemeinduw 2006nicht verzeichnet
duw onlinenicht verzeichnet (letzter Zugriff am 27.10.2017)
wahrig 2007nicht verzeichnet
phraseologischduden 11glattes Parkett betreten, sich auf glattem Parkett bewegen: ein Risiko eingehen, etw. Riskantes tun: Wer an die Börse geht, müsse eben wissen, dass er glattes Parkett betrete (Zeit 12.10.2000). Dafür verlässt der Evolutionsbiologe mitunter auch schon einmal den festen Boden der Naturwissenschaft und begibt sich immer wieder aufs glatte Parkett der Philosophie, wo er nicht immer eine so ganz überzeugende Figur macht (Standard 20.01.2007, 41). (2011: 573)
schemann 2011nicht verzeichnet
redensarten-indexsich auf glattes Parkett wagen ‚sich in eine unsichere, heikle Lage manövrieren‘
müller 2005nicht verzeichnet

←325 | 326→Korpusgestützte Analyse anhand der DWDS-Korpora173

Verwendungsprofil 1: ‚riskante Tätigkeitsbereiche, in denen die Beachtung der Umgangsformen von Relevanz ist; schwierige, riskante Tätigkeitsbereiche, in denen man sich in einem gesellschaftlichen Rahmen, den Umgangsformen entsprechend, bewegen muss‘ (16 Belege)

Das erste, 16 Belege umfassende Verwendungsprofil kommt in mehreren Nuancen zum Vorschein, denen zwei latente Bedeutungsaspekte gemeinsam sind: Zum einen wird das Idiom in Bezug auf Tätigkeitsbereiche gebraucht, die von Natur aus fehlerträchtig, riskant sind, zumal alle Entgleisungen des Einzelnen gleich von größeren Menschengruppen wahrgenommen werden. Zum anderen handelt es sich hier um die Tätigkeitsbereiche (Politik, Diplomatie, höheres Management), in denen korrekte Umgangsformen und angemessenes Auftreten erwartet werden. Die einzelnen Belege lassen sich in vier Gruppen einteilen, in denen unterschiedliche metaphorische bzw. metonymische Korrespondenzen profiliert werden:

In der Politik (4 Belege) werden als glattes Parkett vor allem Tätigkeitsbereiche bezeichnet, die geschicktes, vorsichtiges, gut durchdachtes Vorgehen sowie Fähigkeit, Schwierigkeiten intelligent zu umgehen, voraussetzen. Die besonderen ←326 | 327→Fähigkeiten eines Pressesprechers (rhetorisches Geschick), aber auch die hohen Risiken seiner Öffentlichkeitsarbeit (z.B. gravierende Fehler können die Stelle kosten, auch wenn sie nicht selbst verschuldet sind) werden im Beleg 23 zum Ausdruck gebracht:

(23) Und Butz gehört zu den Diepgen-Vertrauten mit der Gabe, den trockenen Ernst des Chefs mit einer heiteren Note aufzulockern. Er ist seit achteinhalb Jahren Diepgens Sprachrohr, vor allem Diepgens – ungewöhnlich lange, denn Regierungssprecher stehen immer auf sehr glattem Parkett. Der Tagesspiegel, 16.03.2000

In einem anderen Beleg wird das politische Geschick eines Bundesarbeitsministers hervorgehoben, der früher in dem Artikel als „Meister im Lavieren“ bezeichnet wurde:

(24) Katzer hat Krallen, aber er zeigt sie äußerst ungern. Dieser vielschichtige Mann hat Vergnügen am glatten Parkett, am Balancieren. Als die Gefahr drohte, daß der Bund in diesem Jahr 500 Millionen Mark bei den neun Milliarden Mark einsparen muß, die er den Sozialversicherungen zahlt, beließ es Katzer nicht beim Krallenzeigen, nicht beim harten Nein. Er schlug seinem Kabinettskollegen Strauß vielmehr eine Ersatzlösung vor, man möge doch die Heizölsteuer erhöhen und sich so die fehlenden Gelder beschaffen. Auf diese Weise könne gleich der ärgste Konkurrent der notleidenden Kohle getroffen werden und allen sei geholfen. Die Zeit, 20.01.1967

In der Diplomatie referiert glattes Parkett in erster Linie auf die Gefahren, die mit der Unkenntnis der korrekten Umgangsformen, der Unfähigkeit, die Nuancen und Stimmungen mit Fingerspitzengefühl zu erkennen und eventuell zu steuern, zusammenhängen:

(25) Der Diplomat soll glänzen, nicht auffallen. Nur dann bleibt für ihn glattes Parkett rutschfest. Der neue niederländische Botschafter in Bonn geriet gleich beim ersten Schritt ins Schleudern. Die Zeit, 04.06.1993

(26) Schwupps war Branoner auf dem glatten Parkett der Diplomatie ausgerutscht, ohne es je entschlossen betreten zu haben. Die Zeitungen freuen sich derweil über ein paar Meldungen. Berliner Zeitung, 06.07.1996

Im wirtschaftlichen Bereich wird nicht nur die Kenntnis der Umgangsformen, Verhaltensnormen und interkulturellen Begebenheiten in dem gesellschaftlichen Regelkanon, sondern ebenfalls ein ausgebautes Fachwissen sowie (potenzielle) gesellschaftliche Beziehungen zur notwendigen Bedingung gemacht, um den Gefahren des Missgeschicks oder falscher Entscheidungen zu entgehen und erfolgreich Geschäfte abschließen zu können:

(27) Es fehlen weltgewandte Vertriebsleute, die sich auf dem glatten Parkett der Weltmärkte auskennen. Opel bezieht beispielsweise seine Beleuchtungsteile für den Corsa aus Spanien, obwohl FER nur einen Steinwurf entfernt ist. Der Tagesspiegel, 18.08.1998

Am deutlichsten kommt der gesellschaftliche Aspekt in den vier Belegen zum Vorschein, in denen die korrekten Umgangsformen als identitätsstiftendes Zeichen der Zugehörigkeit zu einer gehobenen sozialen Gruppe interpretiert werden. Es handelt sich grundsätzlich um von klein auf anerzogene Umgangsformen, die einen dazu ←327 | 328→befähigen, sich in bestimmten gesellschaftlichen Kreisen174 situationsangemessen verhalten zu können. In diesen Belegen wird die metonymische Bedeutungsverschiebungskette:

Parkett → Fußbodenbeleg in Palästen u. Ä. → Plätze für gehobene Kreise

profiliert:

(28) Die Gründe, warum Arbeitgeber den Bewerber nach dem Beruf von Eltern oder Geschwistern fragen, bleiben nicht unerwähnt. Der Karriere-Ingenieur muß offenbar den richtigen Stallgeruch haben: „Man will einfach sehen, ob seine Ansprüche an Laufbahn und vielleicht auch soziale Stellung ‚in dieser Familie üblich‘ sind, ob er sich also vermutlich auf dem angestrebten glatten Parkett mit der aus der Erziehung kommenden Sicherheit bewegt oder ob spezielle Probleme zu befürchten sind, vor die sich soziale Aufsteiger manchmal gestellt sehen.“ Die Zeit, 18.04.1986

(29) Dr. Natale Rusconi, im Hause nur il dottore genannt, wurde buchstäblich in ein Hotel hineingeboren, kam im Zimmer 28 des Mailänder Hotels „Argentina“ zur Welt, das seinem Großvater gehörte. Seinen Eltern zuliebe promovierte er in Philosophie und klassischen Sprachen. (…) Dieser sympathische, eher zurückhaltende, wie ein Gelehrter wirkende Mann, der vier Sprachen perfekt beherrscht und es gelernt hat, sich auf glattem Parkett zu bewegen, war genau der richtige Mann, um aus dem „Cipriani“ nun wirklich ein ganz großes Hotel zu machen. Die Zeit, 19.02.1988

Die kognitiven Mechanismen, die bei der Konstituierung des ersten Verwendungsprofils zur Geltung kommen, stellt vereinfachend Abbildung 41 dar.

Die Bedeutung der ganzen Wendung konstituiert sich auf zwei Ebenen: Semantische Derivation bezieht sich sowohl auf die ganze Wortverbindung als auch auf ihre nominale Konstituente. Auf der ersten Ebene lassen sich mehrere Metaphern eruieren:

Die konzeptuellen Metaphern sicherheit ist stabiler boden, fehler ist sturz, gut ist oben, schlecht ist unten wurden im Vorangehenden geschildert und brauchen an dieser Stelle nicht wiederholt behandelt zu werden. Außer den beiden konzeptuellen Metaphern trägt ebenfalls eine epistemische Metapher mit einem ausgeprägten mentalen Bild zur Bedeutungskonstituierung der in dem ersten Verwendungsprofil zusammengestellten Belege bei (vgl. Tab. 19). Die Wissensdomänen, die das mentale Bild evozieren, sind sowohl aus der alltäglichen Erfahrung als auch aus dem Bildungswissen bekannt: Parkett gilt als ein repräsentativer, relativ pflegeaufwendiger und kostspieliger Fußbodenbelag, der nach dem ←328 | 329→←329 | 330→Bohnern glitschig ist. Dieses Hintergrundwissen aus der Ausgangsdomäne findet Widerspiegelung in der Zieldomäne, die sich auf die Tätigkeitsbereiche von eher überdurchschnittlich qualifizierten Personen bezieht.

Tab. 19:Die epistemischen Mappings für das Verwendungsprofil 1 ‚riskante Tätigkeitsbereiche, in denen die Beachtung der Umgangsformen von Relevanz ist‘.

glattes Parkett (Ausgangsdomäne)ein Tätigkeitsbereich, in dem man leicht einen Fehler begehen kann (Zieldomäne)
Das Parkett wurde als Fußbodenbelag in traditionellen Bürgerhäusern, Palästen, Schlössern in zentralen Räumen verlegt, in denen man die Gäste empfing. Eher nicht geeignet ist das Parkett für die „schmutzigen Bereiche“ wie Küche, Bad u.ä.Repräsentative Tätigkeitsbereiche, in denen man die Interessen von Menschengruppen oder Organisationen vertritt: Politik, Diplomatie, höhere Managementstufen.
Ein frisch gebohnertes Parkett ist glitschig, es ist leicht, beim Gehen auszurutschen.In diesen Tätigkeitsbereichen ist es leicht, einen Fehler zu begehen.
Das Rutschen passiert vor Augen aller Gäste.Die potenziellen Fehler fallen gleich auf.
Das Bewegen auf dem gebohnerten Parkett kann man lernen, man kann sich daran gewöhnen: Je länger man auf einem Parkett geht, desto geschickter bewegt man sich darauf.Das stilsichere Verhalten in den ehobenen Kreisen kann man lernen: Je mehr Erfahrung man hat, desto stilsicherer sind die Auftritte.

Der Aspekt der Zugehörigkeit zu den ranghohen Gesellschaftskreisen kommt ebenfalls auf der zweiten Ebene zum Vorschein, in deren Mittelpunkt sich die semantische Derivation des Nomens Parkett befindet. Hinter der metonymischen Bedeutungsverschiebung:

←330 | 331→steckt das historisch-gesellschaftliche Wissen darüber, dass das Parkett lange Zeit vor allem der wohlhabenden Oberschicht vorbehalten war (vgl. Abb. 42). Erst in den letzten Jahrzehnten fand das Parkett Einzug in die Häuser der „Normalbürger“, wo es immer noch den Status eines der hochwertigsten Bodenbeläge genießt. Dieses assoziative Wissen macht einen wichtigen Bestandteil der hinter dem Konzept stehenden epistemischen Strukturen: In der Subjektposition treten ausschließlich überdurchschnittlich qualifizierte, einflussreiche oder Macht ausübende Personen/Personengruppen bzw. Anwärter auf, die einen sozialen und/oder beruflichen Aufstieg anstreben.

Die genannten Metaphern und Metonymien kommen – mehr oder weniger explizit – in allen Belegen des ersten Verwendungsprofils zur Geltung, es gibt dennoch Unterschiede in ihrer Profilierung in den einzelnen Bedeutungsnuancen. In dem Beleg (27) sind beispielshalber die konzeptuellen Metaphern sicherheit ist stabiler boden, fehler ist sturz sowie die epistemische Metapher und das mentale Bild von besonderer Relevanz für die Konstituierung der aktuellen Bedeutung. Der von einem Hotelmanager aus einer Hotelbesitzerfamilie mit einer langen Tradition handelnde Beleg (29) profiliert die metonymische Verschiebung Parkett → Plätze für gehobene Kreise sowie das letztgenannte Mapping der epistemischen Metapher: Die gesellschaftlichen Aspekte der sozialen Herkunft, des familiären Hintergrundes stehen hier im Zentrum der Aufmerksamkeit.

Verwendungsprofil 2: das glatte Parkett (der Börse) ‚Börsenverkehr und die damit verbundenen finanziellen Risikos‘ (11 Belege)

In dem zweiten Verwendungsprofil steht glattes Parkett metonymisch für die Börse und die damit zusammenhängenden Risiken für Investoren.

Die metonymische Bedeutungsverschiebungskette:

kann wahrscheinlich als lexikalisiert angesehen werden, was u.a. in lexikographischen Nachschlagewerken ihren Niederschlag findet, vgl. DUW online (Zugriff am 01.02.2017):

Parkett:

1.Fußboden aus schmalen, kurzen Holzbrettern, die in einem bestimmten Muster zusammengesetzt sind

2.zu ebener Erde liegender [vorderer] Teil eines Zuschauerraumes

3.offizieller Börsenverkehr [Hervorhebung von A. S.]

←331 | 332→

Interessanterweise veranschaulichen Gebrauchsbelege deutlich, dass beide Schritte aus der metonymischen Bedeutungsverschiebungskette bei der Konzeptualisierung zur Geltung kommen können. Im Beleg (30) referiert das glatte Parkett auf die Räumlichkeiten der Börse (Synekdoche, pars pro toto-Metonymie), in denen Makler ihre Geschäfte in persona abschließen:

(30) Der Schutz der Anleger werde dadurch gewährleistet, daß aus der größten Zahl der bei ihnen eingehenden Angebote und Nachfragen der Kurs festgestellt wird. Ob die Makler dieser Aufgabe auf dem glatten Parkett oder elektronisch nachkämen, sei dabei nicht so wichtig, meint Heinemann. Über Xetra werden mittlerweile die meisten Umsätze in Dax-Werten abgewickelt. Berliner Zeitung, 07.04.1999

In den übrig gebliebenen Belegen referiert das Idiom das glatte Parkett auf den weit verstandenen, offiziellen Börsenverkehr: Diese Interpretation wird durch das Wissen untermauert, dass Anleger, insbesondere Kleinanleger, ihre Geschäfte nicht persönlich, sondern über berechtigte Personen (Makler, Broker) abwickeln dürfen. Oft wird das Idiom markiert gebraucht: Die Textproduzenten knüpfen bewusst an die Zwischenstufe in der metonymischen Bedeutungsverschiebungskette (Räumlichkeiten der Börse) an und bauen durch entsprechende Redemittel (für die ersten Schritte, ins Rutschen kommen, den Gang wagen) das durch das mentale Bild evozierte Szenario aus.

(31) Die Deutschen kaufen wieder Aktien. Mitten in der tiefsten Vertrauenskrise, die die Börse seit Jahrzehnten erlebt, wagen die früheren Sparbuchbesitzer den Gang aufs glatte Parkett der Kapitalmärkte. Der Tagesspiegel, 15.01.2003

(32) Zusammen mit drei Freunden gründete er im November 1996 einen Börsenclub. Für die ersten Schritte auf dem glatten Parkett investierte jeder 2500 Mark. Die erste Order von Telekomaktien entpuppte sich gleich als Erfolg. Der Tagesspiegel, 22.05.1998

(33) Das angebliche „Leasing-Modell“ umwehte ein Zauber wundersamer Geldvermehrung, der schon im Börsenboom der späten 90er Jahre die halbe Nation in den Bann gezogen hatte, bis die meisten Anleger auf dem Boden des glatten Parketts hart aufschlugen. Der Tagesspiegel, 07.06.2003

Dieses Verfahren dient der Versinnbildlichung, Veranschaulichung des abstrakten, für die meisten Menschen undurchsichtigen und als kompliziert empfundenen Börsenhandels: Durch die Verbindung des Abstrakten mit dem Konkreten werden komplexe Zusammenhänge in einer vereinfachten, selbst für einen uneingeweihten Leser verständlichen Form dargestellt. Bemerkenswert ist auch, dass in insgesamt 5 von 11 Belegen nach dem glatten Parkett ein Genitivattribut (das glatte Parkett der Börse/der Kapitalmärkte/des kapitalistischen Finanzwesens) steht (vgl. die Belege 31, 34):

(34) Vor wenigen Jahren noch hätten bei Bulle und Bär die meisten Menschen an den Zoo gedacht, niemals aber an das glatte Parkett der Börse, auf dem schon mancher böse ins Rutschen kam. Beide Tiere stehen dort für das Wechselspiel von Hausse und Baisse, wobei der Bulle die optimistische Risikofreude, der Bär hingegen die pessimistische Vorsicht verkörpert. Berliner Zeitung, 13.01.2001

←332 | 333→

Außer der metonymischen Bedeutungsverschiebungskette:

Parkett → Räumlichkeiten der Börse → Börsenverkehr

leistet noch die adjektivische Idiomkonstituente glatt einen modifizierenden Beitrag zu der Bedeutungskonstituierung der ganzen Wortverbindung. Auf der ersten Ebene tragen die bereits besprochenen konzeptuellen Metaphern: schwierige lage ist unsicherer boden, sicherheit/geborgenheit ist stabiler boden; gut ist oben, schlecht ist unten, fehler ist sturz zur Bedeutungskonstituierung bei, sodass in allen Konzeptualisierungen die Aspekte des Risikos, der Verlustgefahr, der Ungewissheit über die Rentabilität der abgeschlossenen Geschäfte zum Ausdruck gebracht werden. Schematisch werden die Bedeutungskonstituierungsmechanismen in der Abbildung 44 geschildert:

←333 | 334→Verwendungsprofil 3: ‚ein schwieriger Bereich, ein heikles Thema‘ (4 Belege)

Das dritte, durch vier Belege vertretene Verwendungsprofil weist viele Parallelen zu anderen Idiomen des semantischen Feldes der ‚schwierigen Lage‘ auf: Glattes Parkett bezieht sich hier auf eine verfängliche, heikle Lage der Aktanten, die in ihren Handlungen durch äußere Umstände eingeschränkt sind. Dies kommt deutlich im folgenden Gebrauchsbeleg zum Ausdruck:

(35) Letztendlich wußte niemand der Damen und Herren zu sagen, wie das heikle Datum – 50 Jahre Kriegsende, 50 Jahre Nürnberger Prozesse, 60 Jahre Verkündigung der Nürnberger Rassengesetze – denn zu begehen sei. Also übte man sich allseits in Vorsicht – nur ja keinen Fehler machen auf diesem glatten Parkett! – und zerpflückte ersatzweise die Vorlage der Verwaltung. „Weniger wäre mehr gewesen, kam die Klage aus den Reihen der CSU, am Ende werde das Überangebot an kollektiver Trauerarbeit noch zu einer Übersättigung in der Bevölkerung führen. Die Zeit, 04.11.1994

Auf die verwickelte Lage, in der politische Fehler mit weitreichenden Konsequenzen möglich sind, wird ebenfalls im Gebrauchsbeleg (36) verwiesen: In einem der Entspannungspolitik zwischen der DDR und der BRD gewidmeten Artikel ergeben sich die potenziellen Schwierigkeiten aus den internationalen Begebenheiten der durch Eisernen Vorhang geteilten Welt:

(36) Beide Seiten bewegen sich also auf glattem Parkett. Es scheint, als wolle die DDR den geringen Spielraum, den sie im Ostblock hat, bis zum äußersten nutzen. (…). In ganz ähnlicher Lage befindet sich die Bundesregierung. Zwar haben die Amerikaner versichert, daß von Handelsbeschränkungen und Boykottmaßnahmen nur die Sowjetunion, nicht aber die übrigen Ostblockländer betroffen sein sollten. Aber eine demonstrative Ausweitung der Wirtschaftsbeziehungen zwischen beiden deutschen Staaten würde zumindest in der amerikanischen Öffentlichkeit nicht gut ankommen. Die Zeit, 18.04.1980

Die Bedeutung dieser Belege wird vor allem auf der Ebene konstituiert, auf der die ganze Wortverbindung einer semantischen Derivation unterzogen wird. Das kulturell-gesellschaftliche Wissen vom Parkett und die sich daraus ergebenden metonymischen Verschiebungen, die in den Verwendungsprofilen 1 und 2 von Relevanz waren, spielen hier eine eher untergeordnete Rolle. Von Relevanz ist der unsichere Boden in der Ausangsdomäne, auf dem jeder einzelne Schritt mit größter Vorsicht zu stellen ist. Als die wichtigsten Bedeutungskonstituierungsmechanismen sind demnach die konzeptuellen Metaphern anzusehen (vgl. Abb. 45):

←334 | 335→

Abb. 45: Bedeutungskonstituierungsmechanismen für das Verwendungsprofil 3 ‚ein heikles Thema, ein schwieriger Bereich‘.

4.2.2.1.1.1.4 Resümee mit Schwerpunkt: Epistemische Metaphern und Konstituierung der Idiom-Bedeutung

Die detaillierte Analyse des authentischen Usus von den besprochenen drei Idiomen führt die Vielfalt der Verwendungsprofile und Verwendungsmuster vor Augen. Zwar lassen sich in der Mehrheit der Gebrauchsbelege die zu besprechenden Phraseologismen pauschal mit der Bedeutungsparaphrase ‚eine riskante, unsichere, schwierige Lage‘ umschreiben, dennoch werden bei näherer Betrachtung subtile Bedeutungsunterschiede ersichtlich. Die aus dem Sprachgebrauch eruierten Verwendungsprofile sind zur Veranschaulichung in der Tab. 20 zusammengestellt.

Tab. 20:Zusammenstellung der ermittelten Verwendungsprofile für Idiome: dünnes Eis, schwankender Boden, glattes Parkett.

dünnes Eisschwankender Bodenglattes Parkett

1.unsichere, riskante, schwierige Lage einer Person

2.eine umstrittene, nicht gut begründete Grundlage eines Gesetzes oder der Auslegung eines Gesetzes, einer Hypothese, These, einer Argumentation

3.ambiguer und idosynkratischer Gebrauch

1.unsichere, schwierige Lage einer Person

2.etw. eine Theorie, eine Argumentation, eine Anklage, die Wirtschaft hat unsichere, umstrittene Grundlagen

3.kein fester Boden: Schiffsdeck oder tektonisch unsichere Gebiete

4.literaler oder idiosynkratischer Gebrauch

1.unsichere, riskante Lage einer Person, die in einem Tätigkeitsbereich aktiv ist, in dem die Beachtung der Umgangsformen von Relevanz ist

2.Börsenverkehr und die damit verbundenen finanziellen Risikos

3.ein schwieriger Bereich, ein heikles Thema

4.ambiguer und idosynkratischer Gebrauch

Aus semantischer Perspektive eignen sich diese Idiome hervorragend zur Veranschaulichung der Rolle der epistemischen Mappings und des mentalen Bildes bei der Konstituierung der Idiom-Bedeutung. Bis auf eine ausschließlich metonymische Bedeutungsverschiebung im dritten Verwendungsprofil des Idioms schwankender Boden (vgl. Belege 9, 10, 11) sind nämlich allen übrigen Verwendungsprofilen und -mustern dieselben konzeptuellen Metaphern schwierige lage ist unsicherer boden, sicherheit/geborgenheit ist stabiler boden gemeinsam. Den meisten Verwendungsprofilen liegen des Weiteren die konzeptuellen Metaphern gut ist oben, schlecht ist unten sowie fehler ist sturz zugrunde. Nichtsdestotrotz weisen die Idiome aufgrund der unterschiedlichen mentalen Bilder und der dahinter stehenden, auf dem Weltwissen beruhenden epistemischen ←335 | 336→Mappings subtile Bedeutungs- und Verwendungspräferenzen auf. Der Einfluss der epistemischen Mappings auf die Konstituierung der phraseologisierten Bedeutung lässt sich dabei auf wenigstens drei Ebenen feststellen: (i) er kommt in den spezifischen Gebrauchspräferenzen und Bedeutungsaspekten zum Vorschein, die nur in einem der drei Idiome vorkommen, (ii) er wird in den Substitutionsproben ersichtlich, die man an weitgehend synonymen Verwendungsprofilen durchführt, (iii) er entfaltet sich in dem sprachspielerischen Gebrauch der Phraseologismen.

(i) Jedes der drei Idiome weist Verwendungsprofile und Verwendungsmuster auf, die spezifische, eigenartige Bedeutungsaspekte zum Ausdruck bringen. Diese Bedeutungsaspekte sind auf die epistemischen Mappings zwischen der literalen und der phraseologisierten Lesart zurückzuführen.

Demnach tritt der Bedeutungsaspekt der anerzogenen Umgangsformen, der Kultiviertheit und der damit verbundenen sozialen Zugehörigkeit ausschließlich im Idiom ein glattes Parkett auf, was vor dem Hintergrund des kulturell-historischen Weltwissens von dem Parkett als einem Fußboden in Prachtbauten, sowie des alltäglichen Wissens vom Parkett als einem relativ teuren, pflegeaufwendigen Bodenbelag in repräsentativen Räumlichkeiten zurückzuführen ist. Wer des Parketts gewohnt ist, zeichnet sich durch ein in bestimmten Milieus erwünschtes Sozialverhalten aus. Derartige Assoziation vom Boden über eine ästhetisch ansprechende Behausung zu den gepflegten Umgangsformen kommt in Idiomen mit nominalen Konstituenten: Eis, Boden nicht vor.

Bei diesen Idiomen spielt dagegen die Bauwerk-Metaphorik und die konzeptuelle Metapher eine theorie/eine konstruktion des menschlichen geistes ist ←336 | 337→ein Gebäude eine nicht zu unterschätzende Rolle. Ein schwankender Boden und ein dünnes Eis gelten bekanntermaßen als für Fundamente ungeeignete, nicht genug tragfähige Flächen. Die Verwendungsprofile, in denen ungeeignete Bauflächen mit schwachen, nicht genügend begründeten Grundlagen von Theorien, Argumentationen, Thesen, Anklagen verbunden werden, lassen sich nur für diese Idiome ermitteln. Da kein Gebäude innerhalb eines bereits existierenden Gebäudes entstehen kann, ist diese Metapher beim Idiom ein glattes Parkett nicht nachvollziehbar.

Einen erwähnenswerten Beitrag zur Spezifizierung der phraseologisierten Bedeutungen leisten auch andere metonymische bzw. metaphtonymische Derivationen der nominalen Konstituenten: Boden, Parkett. Die Bedeutungsverschiebungen: (a) Parkett → Börsenräumlichkeiten → Börsenverkehr, (b) Boden → Erde → Realitätssinn, (c) Boden → Grundlage sind beispielshalber vor dem Hintergrund des alltäglichen Weltwissens nur in den Idiomen ein glattes Parkett (a) und ein schwankender Boden (b, c) möglich.

(ii) Eine weitere Möglichkeit der Untersuchung des Einflusses von epistemischen Mappings auf die Konzeptualisierungen bieten die Substituierungsproben. Ersetzt man das in einem Korpusbeleg verwendete Idiom durch andere (quasi-synonyme) Idiome, dann treten die latenten Bedeutungsaspekte deutlicher hervor. Im Folgenden werden Substituierungsproben in dem ersten Verwendungsprofil aller Idiome vorgenommen, das auf eine schwierige, riskante Lage einer Person referiert.

Trotz der gemeinsamen Bedeutungsparaphrase lassen sich die Idiome dünnes Eis und schwankender Boden in den Verwendungsmustern 1.1 nur bedingt ersetzen. Die subtilen Bedeutungsnuancen kommen beispielshalber bei der Zusammenstellung des Gebrauchbelegs (37) und seiner substituierten Form zum Ausdruck:

(37) Lohnverhandlungen waren für die Teilnehmer auf beiden Seiten sicherlich selten ein reines Vergnügen. Aber auf so dünnem Eis wie in diesem Jahr haben sich Arbeitgeber und Gewerkschaften wohl noch nie bewegt – zumindest war ihnen das noch nie so bewußt. Und sie waren dabei auch noch nie so einsam. Die Zeit, 25.01.1980

(?) Lohnverhandlungen waren für die Teilnehmer auf beiden Seiten sicherlich selten ein reines Vergnügen. Aber auf so schwankendem Boden wie in diesem Jahr haben sich Arbeitgeber und Gewerkschaften wohl noch nie bewegt – zumindest war ihnen das noch nie so bewußt. Und sie waren dabei auch noch nie so einsam. Die Zeit, 25.01.1980

Im konnotativen Bereich sind nämlich diskrete Bedeutungsunterschiede spürbar, die auf das epistemische Wissen zurückzuführen sind. Das Bewegen auf dem schwankenden Boden ist zwar unangenehm, kann Schwindelgefühle hervorrufen und mit einem Sturz enden, ist aber bei Weitem nicht so gefährlich, wie es im Falle vom dünnen Eis ist, bei dessen Einbruch die Rettungschancen wegen der Unterkühlung im Eiswasser und erschwerten Zugangs zu dem eingebrochenen Ertrinkenden gering sind.

Die besprochenen Bedeutungsaspekte der Existenzbedrohung, Lebensgefahr werden besonders deutlich auch in dem folgenden Gebrauchsbeleg des Idioms ←337 | 338→dünnes Eis, der vom Schicksal eines zufällig angeschossenen Tischlers erzählt, der am Tatort auf ein Ausschreibungsergebnis wartete:

(38) „Ab nach Sedan“, sagt der Chef der Tischlerei, bevor man sich zur Ausschreibungs-Entscheidung ins Schöneberger Rathaus begibt. Da sind Sätze und Sequenzen hängengeblieben, die den Fernseh-Sonntagabend überdauern. Warum? Deshalb, weil hier deutlich wurde, auf welch dünnem Eis wir uns im Alltag bewegen. Die Zeit, 02.07.1971

Die Ersetzung des Phraseologismus durch die beiden Idiome ist möglich, bringt dennoch neue Bedeutungsnuancen zum Ausdruck:

(≈) „Ab nach Sedan“, sagt der Chef der Tischlerei, bevor man sich zur Ausschreibungs-Entscheidung ins Schöneberger Rathaus begibt. Da sind Sätze und Sequenzen hängengeblieben, die den Fernseh-Sonntagabend überdauern. Warum? Deshalb, weil hier deutlich wurde, auf welch schwankendem Boden wir uns im Alltag bewegen. Die Zeit, 02.07.1971

(≈) „Ab nach Sedan“, sagt der Chef der Tischlerei, bevor man sich zur Ausschreibungs-Entscheidung ins Schöneberger Rathaus begibt. Da sind Sätze und Sequenzen hängengeblieben, die den Fernseh-Sonntagabend überdauern. Warum? Deshalb, weil hier deutlich wurde, auf welch glattem Parkett wir uns im Alltag bewegen. Die Zeit, 02.07.1971

Kein anderes Idiom bringt so explizit das Schicksalhafte, das Unerwartete, die Irreversibilität im menschlichen Leben wie dünnes Eis zum Ausdruck. So wie die Dicke der Eisdecke auf zugefrorenen Seen an unterschiedlichen Stellen verschieden sein kann, ihr Betreten lebensgefährlich, das Einbrechen von Eis unerwartet und unumkehrbar ist, so ist auch die Geborgenheit, mit der wir den Alltag erleben, trügerisch, die Schicksalschläge sind ungeahnt und nicht rückgängig zu machen. Diese Dramatik ist den übrigen Idiomen nicht eigen, auf dem schwankenden Boden oder glattem Parkett kann man zwar stürzen, aber nicht so unerwartet nach unten gehen.

(iii) Besonders deutlich werden das mentale Bild und die epistemischen Mappings in den Belegen, in denen Idiome markiert gebraucht werden. Ausgebaute Weltwissensstrukturen sind notwendig, um sprachspielerische Effekte entschlüsseln zu können. Auffälliger, ambiguer, sprachspielerischer Gebrauch tritt in jedem der besprochenen Idiome vor: 2 Gebrauchsbelege beim Idiom dünnes Eis, 6 Belege beim Idiom schwankender Boden und 9 Belege beim Idiom glattes Parkett sind markiert gebraucht. Die Komplexität der Bedeutungskonstituierungsmechanismen und der wesentliche Beitrag der epistemischen Mappings zu der jeweiligen aktuellen Bedeutung werden im Folgenden an ausgewählten Gebrauchsbelegen geschildert.

Wahrscheinlich auf den Status eines Neologismus und den damit verbundenen hohen affektiven Wert ist die Tatsache zurückzuführen, dass in fast einem Viertel (9 von 40) der Korpusbelege das Idiom ein glattes Parkett markiert gebraucht wird. ←338 | 339→In insgesamt 8 Verwendungsbelegen ist das Idiom bewusst ambiguiert. Dementsprechend ist der Text vom Verfasser mit Absicht so arrangiert, dass beide Lesarten aktiviert werden und dann aktiv bleiben müssen, während der Rezipient mal auf die literale, mal auf die phraseologische Bedeutungsebene zurückgreift:

(39) Neuer Vertrag für Theater- und Orchesterverbund

Ansonsten bewegt sie sich sicher selbst auf glattestem Parkett. Politisch und körperlich. Doch diesmal wäre Brandenburgs Kulturministerin Johanna Wanka fast tatsächlich auf dem blank gewienerten Bühnenboden des Kleist Forum in Frankfurt (Oder) ausgeglitten – weil sie zu eilig dem Rednerpult zustrebte, an dem sie vor der öffentlichen Vertragsunterzeichnung zum Theater- und Orchesterverbundes des Landes Brandenburg gestern in der Oderstadt den Anwesenden hoffnungsvoll stimmende Worte mit auf den gemeinsam geplanten und nunmehr auch gesicherten Weg gab. Potsdamer Neueste Nachrichten, 13.08.2004

Ein ähnliches Verfahren, allerdings mit einer sequenziellen Reihenfolge (zuerst wird die literale, dann die phraseologisierte Bedeutung aktiviert), liegt in einem Konferenzbericht der Literaten vor, die über den Stand der gegenwärtigen Literatur im vornehmen Ambiente eines Schlosses diskutieren:

(40) Ein glattes Parkett, nicht das in diesen wundersamen Sälen des Schlosses Eu, sondern das der Diskussion über Form und Inhalt des Gegenwartsromans, brachte so manchen zu Fall. Etwa Robbe-Grillet, „Salz“ der Versammlung, als er mit der Behauptung gegen Toynbee junior aufstand: „Moral ist kein Thema des Romans mehr, sie ist Sache der Moralisten. Ich habe eine Welt ohne Werturteile im Kopf.“ Darauf Toynbee: „In Ihrem Buch ‚Le Voyeur‘ behandeln Sie Menschen und Gegenstände auf der gleichen Ebene, geben den Algen die gleiche Wichtigkeit wie den Menschen“. – Robbe-Grillet: „Mensch oder Algen, es ist das gleiche“. Die Zeit, 02.08.1956

Nicht immer wird auf die Zweideutigkeit des Idioms im Text so explizit verwiesen. In dem nachstehenden Beleg (41) werden zwar durch das Genitivattribut das glatte Parkett der Gerichtssäle beide Lesarten aktiviert, die Auslegung des Spannungsverhältnisses zwischen der wörtlichen und der phraseologischen Lesart wird aber dem Leser überlassen:

(41) Auf dem glatten Parkett der Gerichtssäle kennt er sich aus, mit den Sorgen der Schweriner mußte er sich erst vertraut machen. Doch was zum Himmel stinkt, roch er natürlich auch – und packte es an. Wie die Müllberge, -ecken und -tümpel in Schwerin. Die Zeit, 27.03.1992

Die literale Interpretation des Idioms ist in diesem Fall möglich, obwohl es aufgrund des Weltwissens einleuchtend ist, dass sich der Verfasser nicht auf die körperliche Sturzgefahr, sondern auf die Tücken der langwierigen, teuren und schwer zu prognostizierenden Gerichtsprozesse bezieht, die die Rechtsanwälte mit dem Spruch Vor Gericht und auf hoher See ist man in Gottes Hand auf den Punkt bringen.

←339 | 340→Bei der Konstituierung der aktuellen Bedeutung der Idiome in den Belegen (39)–(41) kommen also beide Lesarten zum Zuge. Für die phraseologische Bedeutung scheinen vor allem die Metaphern sicherheit ist stabiler boden; gut ist oben, schlecht ist unten; fehler ist sturz von Relevanz zu sein, in der literalen Lesart wird das Wissen von der Sturzgefahr auf einem gewienerten Parkett profiliert. Beide Lesarten werden aktiviert und in der Sprachverarbeitung ‚umgeschaltet‘, was auf der Abbildung 46 schematisch durch Pfeile dargestellt wird.

Im Beleg (42) ist die Ambiguierung der Bedeutung zusätzlich dadurch gesteigert, dass man der phraseologischen Lesart unterschiedliche Interpretationen zuweisen kann:

(42) Immer ausgerutscht wären die Leute, die in der Reichskanzlei an der Voßstraße über die endlos lange Marmorgalerie zu ihm vordringen wollten. Leibarchitekt Albert Speer empfahl, einen Teppich zu verlegen, sein Führer konterte mit platter Überheblichkeit: „Wer zu mir will, soll spüren, daß er sich auf glattes Parkett begibt.“ Berliner Zeitung, 24.06.1999

Hitlers Widerwille gegen die Verlegung der Teppiche ist auf zwei Weisen interpretierbar. Glattes Parkett in seiner Äußerung kann sowohl als ‚eine riskante, potenziell gefährliche Situation einer Person, die der Gunst oder Missgunst eines Diktators ausgesetzt ist‘ als auch als ‚eine Einrichtung für Eliten, Privilegierte, ranghohe Gesellschaftsgruppen‘ interpretiert werden. Bei der Konzeptualisierung der ersten Interpretation kommen die bereits besprochenen Metaphern schwierige lage ist unsicherer boden; sicherheit/geborgenheit ist stabiler boden; gut ist oben, schlecht ist unten; fehler ist sturz (vgl. ←340 | 341→Bedeutungskonstituierungsprozesse im ersten Verwendungsprofil) zur Geltung. In der zweiten Auslegung, die vor dem Hintergrund des Wissens von der nationalsozialistischen Rassenpolitik und dem offensichtlichen Streben nach der Gründung einer neuen Gesellschaftsordnung wahrscheinlich ist, spielt – außer den erwähnten Metaphern – ebenfalls die bereits erwähnte metonymisch-metaphorische Bedeutungsverschiebungskette (vgl. Abb. 42) eine wichtige Rolle bei der Konzeptualisierung. Beide Interpretationen können zusätzlich miteinander in der phraseologischen Lesart interagieren, durch die Kontextarrangements bleibt aber auch die literale Bedeutungsebene aktiv (vgl. Abb. 47).

←341 | 342→In allen besprochenen Belegen werden die Rezipienten also dazu aufgefordert, unter Einbeziehung zahlreicher epistemischer Wissensstrukturen eine plausible Interpretation zu erstellen, wobei sie im Verlauf des Textes mal auf die literale, mal auf die phraseologisierte Bedeutung zurückgreifen müssen.

Das Idiom ein glattes Parkett tritt überdurchschnittlich oft im idiosynkratischen, markierten Gebrauch vor, Beispiele für derartigen Sprachgebrauch lassen sich aber auch für die übrigen Idiome finden. Ein interessantes Exempel für den ambiguen, auf dem Sprachspiel beruhenden Gebrauch liefert beispielshalber das Idiom dünnes Eis:

(43) Deutsche Politiker lassen sich kaum blicken. Dafür veranstaltet Audi auf dem zugefrorenen Wolfgangsee Kurse über das, was in der bundesrepublikanischen Politik derzeit hochaktuelle Mode ist: Schleudern auf dünnem Eis. Die Zeit, 17.07.2003

Die aktuelle Bedeutung konstituiert sich im Beleg (43) durch die gleichzeitige Aktivierung der literalen und der phraseologisierten Bedeutung, so wie sie in dem Verwendungsmuster ‚eine missliche, schwierige Lage, in der man leicht folgenschwere Fehler begehen kann‘ vorgekommen ist. Das Dynamik und Risiko ausdrückende nominalisierte Verb schleudern profiliert in beiden Bedeutungen den Aspekt des Kontrollverlustes. Die Idiombedeutung konstituiert sich im Spannungsfeld zwischen der literalen und der phraseologisierten Auslegung, die gleichzeitig evoziert werden und von vergleichbarer kognitiver Relevanz sind (vgl. Abb. 48):

←342 | 343→

4.2.2.1.1.2 Schwierigkeiten sind Hindernisse, die einen zu Fall bringen

jmdm. ein Bein stellen, Knüppel zwischen die Beine werfen

Der Weg-Metaphorik lassen sich ebenfalls zwei kausative Idiome zuordnen, deren syntaktische Form sich auf die Formel cause (y, become (schwierige Lage(x))) zurückführen lässt. Im Gegensatz zu den bereits besprochenen Idiomen, in denen sich jemand in der schwierigen Situation stativ befindet (schwierige Lage (x)) oder sich in eine schwierige Lage inchoativ begibt become (schwierige Lage (x)), existiert bei den zu besprechenden Idiomen ein Agens, das das Patiens meistens intentional in eine schwierige Lage bringt.

4.2.2.1.1.2.1 ein Bein stellen

Lexikographisch erfasste Varianten: jmdm. ein/(schweiz.) das Bein stellen

Modifikationen: jmdm. kein Bein stellen, sich selbst ein Bein stellen

Darstellung in lexikographischen Nachschlagewerken

Tab. 21: Das Idiom ein Bein stellen in allgemeinen und phraseologischen Wörterbüchern des Deutschen.

WörterbuchtypWörterbuchLexikographische Darstellung
allgemeinduw 2006jmdm. ein Bein stellen (1. jmdn. durch Vorstellen eines Beines zum Stolpern bringen. 2. jmdm. durch eine bestimmte Handlung Schaden zufügen; jemanden hereinlegen.)
duw onlinejemandem ein Bein stellen (1. jemanden durch Vorstellen eines Beines zum Stolpern bringen. 2. jemandem durch eine bestimmte Handlung Schaden zufügen; jemanden hereinlegen.)(letzter Zugriff am 27.10.2017)
wahrig 2007jmdm. ein Bein stellen versuchen, ihn zu Fall zu bringen; 〈a. fig.〉 ihm absichtl. Schaden zufügen
phraseologischduden 11jmdm. ein/(schweiz.) das Bein stellen: 1. jmdn. durch Vorstellen eines Beins zum Stolpern bringen: Jemand hat mir das Bein gestellt (Frisch, Andorra 117). Wenn ich erwischt werde, hau ich ab, und du stellst denen, die mir nachlaufen, ein Bein (Roehler, Würde 55). 2. (ugs.) jmdm. hinterlistig Schaden zufügen, jmdn. hereinlegen: Wenn Sie nicht aufpassen, stolpern Sie … über ein Bein, das Ihnen ein … Kollege gestellt hat (Erne, Fahrgäste 317). (2011:103)
schemann 2011jm. (ein) Bein stellen → jm. (ein) Beinchen stellen ugs.1. Hast du gesehen, wie der Oswald dem Hansi schon zum dritten Mal (ein) Beinchen gestellt hat? Und der Schiedsrichter sieht das nicht? Warum, meint der wohl, stolpert und fällt der Hansi dauernd?2. Pass auf, dass dir der Obermaier kein Beinchen stellt! —Warum? – Der will mit allen Mitteln verhindern, dass deine Position in der Geschäftsleitung noch stärker wird, und wartet nur auf eine günstige Gelegenheit, um dir eine Falle zu stellen oder dich sonstwie reinzulegen. (2011: 65)
redensarten-indexjemandem ein Bein stellen ‚das eigene Bein nach vorne strecken, damit der andere darüber stolpert; im erweiterten Sinne: jemandem absichtlich schaden; jemanden hereinlegen‘ (letzter Zugriff am 27.10.2017)
müller 2005jmdm. ein Bein stellen (umg.) jmdm. absichtlich schaden [Schädigung] „Wenn dir niemand ein Bein stellt, kannst du in diesem Betrieb eine gute Karriere machen.“ (2005: 52)
←343 | 344→

Korpusgestützte Analyse anhand der DWDS-Korpora175

←344 | 345→

Verwendungsprofil 1: ‚jmdn. durch Vorsetzen eines Beines hinfallen lassen, jmdn. zu Fall bringen‘ (6 Belege)

Die zu besprechenden sechs Belege mögen auf den ersten Blick nicht idiomatisch erscheinen, bei näherer Betrachtung stellen sie doch ein Beispiel einer metonymischen Bedeutungsverschiebung dar, der konzeptuelle Metonymien teil steht für das ganze sowie grund für Folge zugrunde liegen:

(44) Als die drei daraufhin die Flucht ergriffen, hatte der 12-jährige Stephen Kariuki seine Chance, den Helden zu spielen: Er stellte einem der Davonlaufenden ein Bein, die anderen warfen sich auf ihn. Mittlerweile waren Menschen zusammengelaufen, und dann folgte eine der rüden Szenen, die sich meist abspielen, wenn ein Dieb oder Räuber von der Menge gestellt wird. Der Tagesspiegel, 24.06.1998

(45) Mein Freund lachte und lachte. Wütend stellte ich ihm ein Bein und fotografierte ihn, wie er so da lag und sich den Ellenbogen rieb. Dann drehte ich mich um und stapfte durch den blinkenden Schnee nach Hause. Berliner Zeitung, 05.03.2005

In diesen Belegen, von denen zwei stellvertretend angeführt werden, referiert das Idiom nämlich nicht ausschließlich auf die Teilhandlung des Bein-Stellens, sondern ebenfalls auf ihre Konsequenz – das Hinfallen des Patiens. Der Bedeutungskonstituierung liegen zwei konzeptuelle Metonymien: teilhandlung steht für handlung (eine Ausprägung der teil für ganzes-Metonymie) sowie grund für folge (cause for effect)-Metonymie zugrunde. Interessanterweise sind die metonymischen Mappings so tief verankert, dass die für das Verstehen notwendigen Inferenzen quasi automatisch ablaufen und die Figurativität der phraseologisierten Bedeutung kaum wahrgenommen wird: In beiden angeführten Belegen wird die Tatsache, dass das Patiens gestürzt ist, als offensichtlich eingestuft und übersprungen, versprachlicht werden erst die darauf folgenden Tätigkeiten: des Fotografierens und des Sich-Werfens. Die metonymische Bedeutungsverschiebungskette wird in Abbildung 50 geschildert.

←345 | 346→

Verwendungsprofil 2: ‚jmdm. Schaden/Nachteile zufügen‘ (22 Belege)

In dem mit den meisten Belegen vertretenen Verwendungsprofil ‚jmdm. Schaden/Nachteile zufügen‘ bezieht sich das Idiom auf Situationen, in denen ein Agens dem Patiens intentional (infolge des Konkurrenzkampfes oder aus Schadenfreude, Eifersucht, Rache u.Ä.) zu schaden versucht.

(46) Max Webers Unterscheidung zwischen Gesinnungsethik und Verantwortungsethik zielt auf das gleiche Problem, und sie hat einige Verwirrung in den Köpfen angerichtet. Der Vorwurf der Gesinnungsethik ist üblich geworden, wenn es gilt, unbequeme Meinungen zu diffamieren; und Verantwortungsethik nimmt jeder Kreistagsabgeordnete für sich in Anspruch, der seinen Konkurrenten ein Bein stellt. So leicht sollte man die Politiker nicht davonkommen lassen. Die Zeit, 20.06.1975

(47) Zudem betonen sie die präfeministischen Ansätze der scheinbar hausbackenen, konservativen Day-Hudson-Komödien: hier die tapfere Frau, die im Beruf ernst genommen werden will, dort der miese Chauvi, der ihr ein Bein stellt. Als Wiedergeburt von Doris Day schreibt Barbara Novak (Renée Zellweger) ein Buch über Frauen, die der romantischen Liebe adieu sagen. Der Tagesspiegel, 24.12.2003

In einigen Belegen treten in der Rolle des Patiens Abstrakta auf:

(48) Peinlich? Gewiß, aber nicht, weil hier dem Geschmack ein Bein gestellt und das Schamgefühl verletzt wird, sondern peinlich wegen der Dummheit und Primitivität, die solchen Szenen anhängt. Pikant sollten sie sein, und statt dessen verspritzen sie nur Reeperbahn-Erotik. Die Zeit, 06.06.1957

In insgesamt 7 Belegen aus dem thematischen Bereich Sport könnte man die vorgeschlagene Bedeutungsparaphrase um ‚den Gegner schlagen, besiegen, ihm eine Niederlage bereiten‘ erweitern.

(49) "Wir fahren als krasser Außenseiter zu diesem Spiel", bleibt Trainer Thomas Leek deshalb auch Realist. Es sieht zur Zeit überhaupt nicht danach aus, als könne man solch starken Mannschaften ein Bein stellen. Selbst eine Wiederholung des 0:0 vom Vorjahr dürfte schwer fallen. Potsdamer Neueste Nachrichten, 28.11.2003

(50) Die Regionalliga-Volleyballerinnen, die mit dem Ziel des Meisterschaftssieges die Saison begannen, treffen am Sonnabend auf den Tabellenzweiten Rudow. Dort kann die Mannschaft um Trainer Morten Gronwaldt einem potenziellen Aufstiegskandidaten ein Bein stellen, bevor eine Woche später das Duell gegen Tabellennachbar Staßfurt ansteht. Potsdamer Neueste Nachrichten, 20.11.2003

Die Bedeutung des Idioms konstituiert sich in diesen Belegen in zwei Schritten. Den ersten Schritt macht die bereits geschilderte metonymische Bedeutungsverschiebungskette aus, die für die erste Bedeutung konstitutiv war: Die Handlung des Beinstellens steht hier metonymisch für die Handlung des Zu-Fall-Bringens. Dem Derivationsmechanismus liegen die konzeptuellen Metonymien: grund steht für folge, teil steht für das ganze, d.h. die teilhandlung (ein Bein ←346 | 347→stellen) steht für die handlung (zu Fall bringen). Im zweiten Schritt erfolgt eine metaphorische Verschiebung aus dem Bereich des Körperlichen in den Bereich des Abstrakteren: Die metaphorischen Mappings verbinden dann den körperlichen Sturz mit den Domänen des Schadenzufügens im Beruf und in der Politik, des Misserfolgs im Sport (vgl. Abb. 52).

Konstitutiv für die Idiom-Bedeutung der beiden in diesem Kapitel zu behandelnden Phraseologismen ist die fehler als Sturz-Metapher, die in folgenden Ausprägungen: schwierigkeiten sind hindernisse, die einen zum fall bringen; fallen ist in schwierigkeiten geraten; jmdn. zu fall bringen ist jmdm. schaden/jmdn. in schwierigkeiten bringen zur Geltung kommt. Unverkennbar ist ebenfalls der Einfluss von zwei potenten bildschematischen konzeptuellen Metaphern auf die Konzeptualisierungen: der auf dem image schema path basierenden Metapher von einem großen Generalitätsgrad leben ist ein weg (und ihrer Ausprägung schwierigkeiten sind hindernisse auf dem weg), sowie der weitverbreiteten konzeptuellen Orientierungsmetapher gut ist oben, schlecht ist unten, der das image schema vertikalität zugrunde liegt.

Auf die Weg-Metaphorik wurde im Vorangehenden bereits eingegangen, an dieser Stelle werden drei Spezifizierungen der leben ist ein weg-Metapher behandelt, die bisher nicht zur Sprache gebracht worden sind. Die erste Strukturmetapher ziele im leben anstreben ist zu den zielen zu fuss gehen rückt die einzelnen zu bewältigenden Strecken des Ausgangsbereiches in den Fokus der Aufmerksamkeit und lässt sie in der Zieldomäne als Schritte zu Lebenszielen konzeptualisieren. Sprachlich manifestiert sich diese Strukturmetapher u.a. in folgenden Ausdrücken:

ziele im leben anstreben ist zu den zielen zu fuss gehen

Fortschritt, Aufwärtsbewegung, Aufwärtsentwicklung

wenn du dich nicht anstrengst, wirst du nie zu etwas kommen

sie hat es weit gebracht

vorankommen, keinen Schritt vorankommen

ein Schritt vorwärts ‚ein Fortschritt, ein Erfolg‘ (redensarten-index, Zugriff am 20.10.2017)

mit jmdm. Schritt halten ‚die gleiche Leistung bringen, ebenbürtig sein‘ (redensarten-index, Zugriff am 20.10.2017)

etw. auf die Beine stellen ‚etw. in bewundernswerter Weise zustande bringen‘ (DUW online, Zugriff am 20.10.2017)

die neue Stelle bedeutet für sie einen großen Sprung nach vorn ‚eine große Verbesserung (DUW online, Zugriff am 20.10.2017)

sich kein Bein ausreißen ‚sich [bei der Arbeit] nicht besonders anstrengen‘ (DUW online, Zugriff am 20.10.2017)

←347 | 348→

Zwei weitere konzeptuelle Metaphern scheitern/in schwierigkeiten geraten ist hinfallen sowie jmdm. schaden/jmdn. in Schwierigkeiten bringen ist jmdn. zu Fall bringen können als Spezifizierungen der fehler/scheitern ist sturz-Metapher betrachtet werden. Die fehler ist sturz-Metapher wurde im Vorangehenden bei dem Idiom ein schwankender Boden besprochen, im Folgenden werden sprachliche Manifestationen für scheitern/in schwierigkeiten geraten ist hinfallen und jmdm. schaden/jmdn. in schwierigkeiten bringen ist jmdn. zu fall bringen angeführt:

←348 | 349→

scheitern/in schwierigkeiten geraten ist hinfallen

auf Kreuz fallen ‚einen Misserfolg erleiden‘ (redensarten-index, Zugriff am 01.11.2016)

in den Staub beißen ‚die eigene Unterlegenheit spüren müssen, sterben‘ (redensarten-index, Zugriff am 01.11.2016)

auf die Nase fallen ‚kein Glück haben; scheitern; einen Misserfolg haben‘ (redensarten-index, Zugriff am 01.11.2016)

mit etw. auf den Bauch/auf die Schnauze/Fresse fallen ‚scheitern‚ einen Misserfolg erleiden‘ (redensarten-index, Zugriff am 01.11.2016)

auf die Nase fallen ‚kein Glück haben, scheitern, einen Misserfolg haben‘ (redensarten-index, Zugriff am 01.11.2016)

auf die Nase fliegen ‚1. hinfallen, stürzen 2. scheitern‘ (redensarten-index, Zugriff am 01.11.2016)

zu Fall kommen ‚1. hinfallen; stürzen 2. scheitern; niedergehen; ruiniert werden‘ (redensarten-index, Zugriff am 01.11.2016)

über eine Affäre, einen Paragrafen stolpern ‚an etw. scheitern‘ (DUW online, Zugriff am 18.10.2017)

die Mannschaft ist in der ersten Runde gestolpert ‚hat eine Niederlage erlitten‘ (DUW online, Zugriff am 18.10.2017)

der Stolperstein ‚Schwierigkeit, an der etw./jd. leicht scheitern kann‘ (DUW online, Zugriff am 18.10.2017)

etw. fällt ins Wasser ‚etw. zerschlägt sich‘ (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 20.10.2017)

das Vorhaben, der Plan, Ausflug ist ins Wasser gefallen (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 20.10.2017)

ein tief gefallener Mensch ‚ein gestrauchelter Mensch‘ (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 20.10.2017)

ein gefallenes Mädchen ‚Frau, die vor-, außereheliche Beziehungen gehabt hat‘ (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 20.10.2017)

die belagerte Festung, Stadt fällt ‚wird erobert‘ (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 20.10.2017)

der Minister, die Regierung fällt ‚wird gestürzt‘ (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 20.10.2017)

ein Vorschlag, Antrag fällt ‚wird abgelehnt‘ (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 20.10.2017)

Dieses Netz an Vorschriften klingt dicht genug, und doch sind viele Stolperfallen im Detail versteckt. (DWDS, Die Zeit, 06.04.1979, Zugriff 20.10.2017)

schwierigkeiten sind hindernisse, die einen zu fall bringen

jmdm. schaden/jmdn. in Schwierigkeiten bringen ist jmdn. zu fall bringen

jmdm. Knüppel/einen Knüppel zwischen die Beine werfen

jmdn. in die/eine Falle locken; jmdm. eine Falle stellen

jmdm. Fallstricke legen

←349 | 350→

Außer den konzeptuellen Metaphern wird die aktuelle Bedeutung in den angeführten Belegen ebenfalls durch die epistemischen Mappings mitkonstituiert. In zahlreichen Belegen (46, 49, 50) kommt beispielshalber der Bedeutungsaspekt des Konkurrenzkampfes176 zur Geltung, das Szenario des Wettrennens wird evoziert. Die epistemischen Mappings in diesen Belegen stellt Tabelle 22 dar:

Tab. 22:Die epistemischen Mappings für das Verwendungsprofil 2 ‚jmdm. Schaden/Nachteile zufügen‘.

jmdm. ein Bein stellen (Ausgangsdomäne)jmdm. Schaden/Nachteile zufügen (Zieldomäne)
Das Vorsetzen des Beines ist intentional und bewusst.Das Agens handelt intentional.
Das Agens ist in nahem körperlichem Kontakt zu dem Patiens.Das Agens ist in jedem Beleg bekannt, man weiß, wer für die Tat verantwortlich ist.
Wenn man hinfällt, verliert man Zeit, gefährdet Gesundheit. Das Aufrichten und eventuelles Auskurieren kann aufwendig sein.In zahlreichen Belegen stehen das Agens und das Patiens im Konkurrenzkampf: Wenn man den Gegner hinstürzen lässt, dann wachsen die eigenen Siegeschancen.

Verwendungsprofil 3: sich selbst ein Bein stellen ‚sich selbst (unwillentlich, durch eine Handlung, Aussage, Bestimmung) Schaden hinzufügen‘ (12 Belege)

Interessanterweise wird das Idiom in 12 Belegen in Bezug auf das Agens gebraucht. Dabei vollzieht das Agens eine undurchführbare Handlung, indem es sich selbst ein Bein vorstellt. Der innere Widerspruch in der literalen Lesart – in der Realität kann man höchstens über den eigenen Fuß stolpern, sich aber unmöglich ein Bein vorsetzen – steigert den emotionalen Wert des Phraseologismus:

(51) Offensichtlich krankt das bayerische Schulwesen allen Beteuerungen zum Trotz an der gleichen Misere wie die Schulen überall in der Republik. Die bayerischen Schulerneuerer stellen sich jedoch selbst ein Bein, wenn sie unverändert an dem Irrglauben festhalten, nur das traditionelle dreigliedrige deutsche Schulsystem könne ←350 | 351→gute Schulleistungen garantieren. Leistung durch Auslese heißt die Grundidee, die von den Reformern nun rigoroser denn je verfolgt wird. Die Zeit, 08.04.1998

(52) Es ist immer wieder interessant, zu beobachten, wie die Musikindustrie sich vor lauter Vorsicht selbst ein Bein stellt. Jüngstes Bruchlandungsopfer ist der gute alte Westbam, dessen neues Album „Do You Believe In The Westworld“ vorab nur in einer sehr stark gekürzten Form an Journalisten ausgeliefert wurde; dazu wurde informiert, dass es den bekannten Techno-DJ zukünftig mit Band auf die Bühne drängen wird. Berliner Zeitung, 08.09.2005

(53) Für Lothar Späth ist sonnenklar: er ist über eine Intrige gestolpert. Der Gedanke, daß er sich selbst ein Bein gestellt hat, scheint ihn nicht zu quälen. Sein Amtsverständnis als oberster Handelsvertreter des Südwest-Staates, als Topmanager der Baden-Württemberg GmbH, hinterfragt Lothar Späth nicht. Die Zeit, 18.01.1991

Die konzeptuellen Metonymien und Metaphern, die zur Bedeutungskonstituierung des Idioms sich selbst ein Bein stellen beitragen, ähneln weitgehend den in Abb. 51 (Verwendungsprofil 2) aufgelisteten Mechanismen. Die destruktive Handlung des Zu-Fall-Bringens in der Ausgangsdomäne sowie des Schadens in der Zieldomäne ist reflexiv auf das Agens der Handlung gerichtet (vgl. Abb. 52):

←351 | 352→Auf der Grundlage des allgemeinen Weltwissens können folgende epistemische Mappings konstruiert werden und zur Herausbildung aktueller Bedeutungen beitragen (vgl. Tab. 23):

Tab. 23:Die epistemischen Mappings für das Verwendungsprofil sich selbst ein Bein stellen ‚sich selbst (unwillentlich, durch eine Handlung, Aussage, Bestimmung) Schaden hinzufügen‘.

sich selbst ein Bein stellen (Ausgangsdomäne)sich selbst schaden/Nachteile zufügen (Zieldomäne)
Das Vorsetzen des Beines ist nicht intentional.Das Agens handelt in gutem Glauben, ist von der Richtigkeit seines Handelns überzeugt.
Niemand will unter normalen Umständen hinfallen.Niemand handelt unter normalen Umständen autodestruktiv, selbstzerstörerisch.
Wenn man hinfällt, kann man eine (u.U. schwere) Körperverletzung davontragen, Stürzen ist schmerzhaft.Durch den Fehler entsteht ein Schaden, das Agens verliert Prestige, finanzielle Mittel, Glaubwürdigkeit u.Ä.
Das Aufstehen und Genesen kostet Zeit, Mühe, Geld.Die Wiedergutmachung des Fehlers kann zeitaufwendig und kostspielig sein.
4.2.2.1.1.2.2 Knüppel zwischen die Beine werfen

Lexikographisch erfasste Varianten: jmdm. einen Knüppel zwischen die Beine werfen, jmdm. Knüppel zwischen die Beine werfen

Modifikationen: stärkere Knüppel zwischen die Beine werfen, einige/zahllose/allerlei Knüppel zwischen die Beine werfen, immer wieder/ständig/nicht ständig Knüppel zwischen die Beine werfen, Knüppel zwischen die Beine geworfen bekommen, die meisten Knüppel zwischen die Beine werfen, einen Knüppel nach dem anderen zwischen die Beine werfen, diplomatische Knüppel zwischen die Beine werfen, mit Schwung Knüppel zwischen die Beine werfen, Knüppel zwischen die Beine werfen, wo es nur geht

←352 | 353→Darstellung in lexikographischen Nachschlagewerken

Tab. 24:Das Idiom Knüppel zwischen die Beine werfen in allgemeinen und phraseologischen Wörterbüchern des Deutschen.

WörterbuchtypWörterbuchLexikographische Darstellung
allgemeinduw 2006jmdm. [einen] K. zwischen die Beine werfen (ugs.; jmdm. Schwierigkeiten bereiten)
duw onlinejemandem Knüppel/einen Knüppel zwischen die Beine werfen (umgangssprachlich: jemandem Schwierigkeiten bereiten.) (letzter Zugriff am 27.10.2017)
wahrig 2007jmdm. einen Knüppel zwischen die Beine werfen 〈fig.〉 ihm Hindernisse in den Weg stellen, Schwierigkeiten machen [<ostmdt. im 15. Jh. für mhd. knüpfel, eigtl. „Knottenstock“; zu Knopf „Knorren an Gewächsen“]
phraseologischduden 11jmdm. Knüppel/einen Knüppel zwischen die Beine werfen (ugs.): jmdm. Schwierigkeiten machen: Der hatte, nur um ihm den Knüppel zwischen die Beine zu werfen, alle diese frechen, höllisch schlauen Klauseln und Erschwernisse ausgeheckt (Feuchtwanger, Herzogin 100) (2011: 429)
schemann 2011jm Knüppel/(einen Knüppel) zwischen die Beine werfen/schmeißen ugs.

1. Wir verstehen überhaupt nicht, warum der Klaus Kiebert unserem Willy immer Knüppel zwischen die Beine werfen muß! – Wieso? – Es ist jetzt schon das dritte oder vierte Mal, daß er mit irgendwelchen unfairen Mitteln zu verhindern sucht, daß der Willy Abteilungsleiter wird.

2. Vgl. in den Arm fallen (2)

Es gibt Leute, die können einfach nicht sehen, wenn andere konstruktiv arbeiten. Die müssen beständig jemandem Hindernisse in den Weg legen, Knüppel zwischen die Beine werfen. Es ist ihnen einfach nicht leicht gegeben, irgendjemanden etwas ausführen zu lassen, ohne (zu versuchen,) ihm in den Arm zu fallen. Geborene Saboteure. (2011: 421)
redensarten-indexjemandem (einen) Knüppel zwischen die Beine werfen ‚jemanden absichtlich behindern‘ (letzter Zugriff am 27.10.2017)
müller 2005jmdm. Knüppel zwischen die Beine werfen (umg.) jmdn. absichtlich (beruflich) behindern [Behinderung] „Wenn Sie zu einer anderen Firma wechseln wollen, werden wir Ihnen keine Knüppel zwischen die Beine werfen und einer Kündigung des Arbeitsvertrages zustimmen.” (2005: 324)
←353 | 354→

Korpusgestützte Analyse anhand der DWDS-Korpora177

Das zu besprechende Idiom weist bezüglich der Nennform zahlreiche Modifikationen auf, die generell von der Pluralform des Nomens Knüppel ausgehen. Dementsprechend hat die Handlung auch einen wiederholten, rekurrenten Charakter, was gelegentlich durch Pronomina und Zahlwörter (z.B. einige, zahllose) bzw. Adverbien (z.B. immer wieder, ständig) unterstrichen wird. Nur in einem der 40 in der Belegsammlung zusammengestellten Belege wird das Substantiv Knüppel im Singular gebraucht:

(54) In einer zunehmend globalisierten Wirtschaft könnten die Behörden aber auch deutschen Firmen, die in Amerika investieren wollen, künftig einen Knüppel zwischen die Beine werfen. Berliner Zeitung, 14.10.1999

In semantischer Hinsicht ist das Idiom relativ einheitlich und lässt sich mit der Bedeutungsparaphrase ‚jmdn. in seiner Handlung, seiner Funktion behindern, jmdn. bei etw. stören‘ umschreiben. Bezeichnenderweise wird in allen Verwendungsbelegen detailliert auf die kausalen Hintergründe des Agensverhaltens eingegangen. Dementsprechend unterscheiden sich die aktuellen Bedeutungen des Idioms in der Intentionalität der Handlung, wobei sich die meisten Belege eindeutig auf ein absichtliches, geplantes, des Öfteren heimtückisches Verhalten des Agens beziehen, das aus Eifersucht, aus persönlicher Abneigung, für Gewinn u.Ä. einem Patiens, oft dem Konkurrenten, zu schaden versucht. Nur in insgesamt 6 Belegen referiert das Idiom auf die Situationen, in denen eine Handlung nicht unbedingt durch Boshaftigkeit und bewussten Willen, dem Patiens zu schaden, gekennzeichnet ist. Da ←354 | 355→die Übergänge zwischen den beiden Bedeutungsnuancen fließend und die Beweggründe und Absichten des Agens meistens komplex sind, wird im Folgenden die Abgrenzung der Verwendungsmuster aufgegeben.

Verwendungsprofil: ‚jmdn. in seinen Absichten, seiner Funktion behindern, jmdn. bei etw. stören, jmdm. schaden bzw. zu schaden versuchen‘

In den meisten Gebrauchsbelegen stehen das Agens und das Patiens in Konkurrenz zueinander, sie vertreten unterschiedliche Interessen, das Agens kann Vorteile aus der Beeinträchtigung des Patiens ziehen, weswegen es das Patiens mit unterschiedlichen, nicht immer rechtmäßigen und fairen Mitteln unter Druck zu setzen versucht:

(55) »Sachte, sachte, liebe Genossin,« wehrte er ab. »Im Augenblick sind uns stärkere Knüppel zwischen die Beine geworfen worden, als Ihre hilfsbereiten Damen aufheben können. Wenn England die deutsche Konfektion boykottiert, so können wir einpacken.« Braun, Lily, Memoiren einer Sozialistin, München: Langen 1911, S. 10070

(56) Dorn im Auge von HDW ist, dass die Thyssen-Werft in Emden entgegen der Absprache die U-Boot-Kapazitäten aufgestockt hat. Außerdem werfe der mögliche zukünftige Partner HDW bei der internationalen Vermarktung der von der schwedischen HDW-Tochter Kockums gebauten Korvette Knüppel zwischen die Beine. Hierüber gebe es unterschiedliche Interpretationen bei beiden Gruppen, räumt Thyssen-Sprecherin Andrea Wessel ein. Der Tagesspiegel, 27.01.2002

In zahlreichen Belegen wird zusätzlich die Boshaftigkeit des Agens, sein heimtückisches Handeln hervorgehoben. Oft kommen dabei persönliche Animositäten zum Ausdruck:

(57) Wolfgang Schäuble und Oskar Lafontaine verwenden einen beträchtlichen Teil ihrer Energien darauf, dem jeweils anderen Knüppel zwischen die Beine zu werfen, ohne sich dabei erwischen zu lassen. Sie bedienen sich der Parteifreunde aus der zweiten Reihe, um publikumswirksame Streitereien anzuzetteln. Berliner Zeitung, 26.09.1998

(58) Und sie verweisen darauf, daß der Außenminister in den zurückliegenden Monaten keine Gelegenheit habe verstreichen lassen, dem Verteidigungsminister Knüppel zwischen die Beine zu werfen und bei Präsident Ford anzuschwärzen. Die Zeit, 14.11.1975

(59) Daß er Politik in ausgefahrenen Bahnen betreibe, wirft ihm allen voran Philippe Séguin vor, der selber gerne Premierminister geworden wäre. Nun bleibt er Präsident der Nationalversammlung und darf von seinem Hochsitz aus Juppé Knüppel zwischen die Beine werfen. Beide sehen weniger den Premierministerposten als den großen Preis, für den sich jede Schlacht lohnt, als vielmehr den Thron im Elysée. Beide gebärden sich seit Jahren als eifersüchtige Zöglinge Chiracs, und beide sind finster entschlossen, diesen im Jahr 2002 zu beerben. Schon 1979, als sie zum ersten Mal aufeinandertrafen, hat Philippe Séguin im „Chez Edgard“, wo die politische Klasse gern speist, prophetisch ausgerufen: „Irgendwann wird es heißen: er oder ich.“ Die Zeit, 22.05.1995

In einigen Belegen ergibt sich die angespannte Beziehung zwischen dem Agens und dem Patiens nicht aus der gegenseitigen Konkurrenz, sondern aus der Natur ←355 | 356→der Aktanten. Der Generationskonflikt zwischen Kindern und Erwachsenen stellt ein typisches Beispiel für ein derartiges Spannungsverhältnis dar, ahnungslose Erwachsene, denen die Welt der Kinder verschlossen bleibt, bereiten ihren Schützlingen unbeabsichtigt Schwierigkeiten:

(60) Oder ein Portal, durch das Voldemort Einfluss auf seine Gedanken, Träume, ja eventuell gar nächtliche Handlungen nehmen kann? Diese unheimliche Präsenz des Dunklen Lords, kombiniert mit den zahllosen Knüppeln, die übelmeinende oder bloß ahnungslose Erwachsene den kindlichen Helden zwischen die Beine werfen, reicht für viele Stationen einer verwickelten Handlung ein ausgedehntes Finale inklusive. Der Tagesspiegel, 24.06.2003

In 5 Belegen wird die Position des Agens durch bürokratische Behörden (oder metonymisch Bürokratie) eingenommen. Zur Natur des Bürokratismus gehört das Handeln nach einem vorgefertigten Schema, was einerseits eine Rationalisierung und Gerechtigkeit zur Folge hat, andererseits den Besonderheiten von Einzelangelegenheiten oft nicht gerecht wird. In der Folge sind bürokratische Entscheidungen der an Vorschriften gebundenen Behörden als kleinlich, kurzsichtig und zerstörerisch empfunden:

(61) „Ich war entsetzt, wie sich hier alles verändert hat“, sagt Ernst Schliemann: „Als wir das Land Mitte der 90er Jahre verließen, da hatten die Leute noch Mut und Ideen. Jetzt erleben wir nur noch Resignation und Hilflosigkeit. Wenn jemand was versucht, wirft ihm die deutsche Bürokratie Knüppel zwischen die Beine.“ Dann erzählt er die Geschichte eines Investors, der eine Strandgaststätte mit Biergarten aufbaute. Dem wurde in einem vierseitigen Brief mitgeteilt, dass er seinen Biergarten nicht Biergarten nennen dürfe, weil er runde Tische habe. In deutschen Biergärten müssten aber eckige Tische stehen. Potsdamer Neueste Nachrichten, 23.07.2004

In Extremfällen kann die überkorrekte Einhaltung der Vorschriften zu menschlichen Tragödien führen: So tötet eine verzweifelte Mutter ihren schwerbehinderten Sohn und versucht, Selbstmord zu begehen, nachdem ihre Hilfegesuche von den Behörden abgeschlagen worden sind:

(62) Die Frau war an ihre Grenzen gelangt, weil ihr von verschiedenen Ämtern immer wieder „Knüppel zwischen die Beine geworfen worden sind“, glaubt Beatrice Huber von der Lumia-Stiftung. Sie berichtet, dass Brigitte R. seit Juli 2003 versuchte, eine neue Wohnmöglichkeit und einen Platz in einer Tagesförderwerkstatt für ihren Sohn zu bekommen. Ricco R. hatte nach seinem Motorradunfall vor etwa zehn Jahren ein Schädelhirntrauma erlitten. Seither war er schwerbehindert und saß als Wachkomapatient im Rollstuhl. Um eine bessere Betreuungsmöglichkeit zu finden, sei Brigitte R. vor rund vier Jahren aus Forst (Brandenburg) nach Berlin gezogen, sagt Huber. Der Tagesspiegel, 17.12.2004

Inwieweit die Beschlüsse der Behörden auf die Routinisierung, inwieweit auf die Herzlosigkeit und bösen Willen der einzelnen Beamten zurückzuführen sind, lässt sich an dieser Stelle nicht eindeutig festlegen.

←356 | 357→Die Bedeutungskonstituierungsmechanismen für das Idiom jmdm. Knüppel zwischen die Beine werfen weisen viele Parallelen zu den Mechanismen auf, die das Idiom jmdm. ein Bein stellen in dem zweiten Verwendungsprofil gestaltet haben. Richtungsweisend für beide Idiome sind auf der ersten Ebene dieselben konzeptuellen Metaphern und Metonymien, die den körperlichen Sturz mit Schwierigkeiten im persönlichen, beruflichen und wirtschaftlichen Bereich verbinden (Abb. 54):

←357 | 358→Aufgrund der Differenzen im lexikalischen Bestand und der sich daraus ergebenden unterschiedlichen mentalen Bilder sind die epistemischen Mappings, die der Bedeutungsderivation der ganzen Wortverbindung zugrunde liegen, dennoch andersartig, was in der Tabelle 25 veranschaulicht wird.

Tab. 25:Die epistemischen Mappings für das Verwendungsprofil ‚jmdn. in seinen Absichten, seiner Funktion behindern, jmdn. bei etw. stören, jmdm. schaden bzw. zu schaden versuchen‘.

jmdm. Knüppel zwischen die Beine werfen (Ausgangsdomäne).jmdn. in seinen Absichten/seiner Funktion behindern, jmdn. bei etw. stören, jmdm. schaden bzw. zu schaden versuchen (Zieldomäne).
Das Werfen des Knüppels ist absichtlich und bewusst. Um jemandem Knüppel zwischen die Beine werfen zu können, muss man die Knüppel bereithaben.Das Agens handelt absichtlich, oft hinterhältig. Er will dem Patiens vorsätzlich schaden.
Das Agens handelt mit Vorbedacht. Gegenstände kann man aus größerer Entfernung werfen, es gibt keinen direkten körperlichen Kontakt zwischen dem werfenden Agens und dem betroffenen Patiens.Verborgenes, hinterhältiges Handeln ist möglich.
Man muss manchmal mehrere Knüppel werfen, bevor man den Betroffenen zum Sturz bringt.Es handelt sich meistens um eine Reihe von Hindernissen, Gehässigkeiten, gegen das Patiens ausgerichteten Taten, die ihm Schaden zufügen sollen.
Wenn das Patiens hinfällt, verliert es. Das Agens zieht aus dieser Niederlage Nutzen.In zahlreichen Belegen konkurrieren die beiden Aktanten. Wenn man den Gegner hinstürzen lässt, wachsen die eigenen Siegeschancen.

Zu der Bedeutung des Idioms leisten ebenfalls die Bedeutungsderivationen der nominalen Idiom-Konstituenten ihren Beitrag, die mit der Weg-Metaphorik eng zusammenhängen. So können für das Substantiv Knüppel folgende metonymisch-metaphorische Derivationen angenommen werden (vgl. Abb. 55):

←358 | 359→Möglicherweise ist die Gesamtbedeutung ebenfalls durch die Bedeutungsverschiebung vom Nomen Bein beeinflusst. Bein steht hier zuerst metonymisch für die Fortbewegung (handlungsmittel für handlung, means for action) und allgemeiner für Aktivität (vgl. Abb. 56). Die Fortbewegung, Aktivität werden dabei vor dem Hintergrund der Weg-Metaphorik und der konzeptuellen Metapher ziele im leben erreichen ist zu den zielen (zu fuss) gehen mit Fortschritt, Fortentwicklung assoziiert. Die positive, mit Aktivität verbundene Konnotation des Beines ist in vielen deutschen Phraseologismen erkennbar und wird im Exkurs Somatismen in der Phraseologie und in der Kognitiven Linguistik thematisiert.

4.2.2.1.1.2.3 Resümee mit Schwerpunkt: Konzeptuelle Metonymien und Konstituierung der Idiom-Bedeutung

Auf die Relevanz der epistemischen Mappings, die die konzeptuellen Metaphern ergänzen und die Konzeptualisierungen um zahlreiche Details bereichern, wurde bereits im Unterkap. 4.2.2.1.1.1.4 eingegangen. Selbstverständlich wird ebenfalls hier der Einfluss der epistemischen Mappings insbesondere dann ersichtlich, wenn man die Verwendungsprofile der Idiome ein Bein stellen, Knüppel zwischen die Beine werfen vergleicht oder Substitutionsproben in einzelnen Gebrauchsbelegen vornimmt.

So bezieht sich das Idiom ein Bein stellen auf eine Tätigkeit, bei der der Täter bekannt ist und dem Patiens intentional und offen schaden will. Diese Bedeutungsaspekte sind durch das mentale Bild und die epistemischen Mappings motiviert. Die Handlung des Bein-Stellens erfordert einen direkten körperlichen Kontakt und wird von beiden involvierten Seiten, dem Täter und dem Betroffenen, bewusst wahrgenommen. Knüppel kann man dagegen auch aus einer bestimmten Entfernung werfen, das heimtückische Handeln ist hier durchaus möglich und diese Bedeutungsnuance kommt in zahlreichen Belegen (vgl. die Verwendungsbelege 57, 58) deutlich zum Vorschein. Auf die epistemischen Mappings und das mentale Bild ist ebenfalls zurückzuführen, dass das Idiom Knüppel zwischen die Beine werfen auf eine Situation referiert, in der das Patiens mehrmals gestört wird/werden kann, während beim Idiom ein Bein stellen eine einmalige, aber wirksame boshafte Handlung vorliegt.

Am Beispiel der in diesem Kapitel besprochenen Idiome wird aber nicht erneut auf die Rolle der epistemischen Metaphern eingegangen, sondern die konzeptuellen Metonymien und ihr Einfluss auf die Bedeutungskonstituierungsprozesse ←359 | 360→werden in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt. Insbesondere das Idiom ein Bein stellen eignet sich dazu hervorragend, da hier die aufmerksamkeitssteuernde und sprachökonomische Funktion der konzeptuellen Metonymien sowie ihre Produktivität besonders deutlich ersichtlich werden.

Wegen der konzeptuellen Nähe zwischen den Entitäten, die durch metonymische Projektionsprozesse verbunden sind, sind die Metonymien prosaischer (Jakobson 2003: 47), weniger auffallend als Metaphern. Aus diesem Grunde führten sie auch lange ein Schattendasein, sowohl in der klassischen Auffassung als Tropen (vgl. Aristoteles in der Ars Poetica, nach Folkersma 2010: 100), als auch in der neueren kognitiven Auffassung (vgl. Kap. 2.3). Erst zur Jahrtausendwende, 20 Jahre nach der Veröffentlichung von Metaphors We Live By wurde wahrgenommen, dass

metonymische Phänomene und Prozesse – vor allem im Vergleich mit bevorzugter Metaphorik – wesentlich grundlegender für Sprache und Denken [sind, A. S.], als bisher angenommen wurde, da gerade die Metonymie durch ihren Wirkzusammenhang der Kontiguität viel tiefer in den semantisch-kognitiven Strukturen verankert ist als die Metaphorik. (Drößiger 2007: 153, zit. nach Folkersma 2010: 99)

Der besondere Status der Metaphern als Forschungsobjekte gilt auch für die Phraseologie. Dies widerspiegelt sich bereits in der Terminologie: Burger (2007: 63, 2010: 63, 88) spricht bei der Diskussion der Idiome mit zwei Lesarten, die sich disjunktiv zueinander verhalten, verallgemeinernd von metaphorischen Phraseologismen, Rothkegel (2004, 2014) von Metaphernphrasemen. Viele Forscher sehen den Reiz der Phraseologie darin begründet, dass an dieser Stelle die Metaphernforschung und Forschung lexikalisierter Sprache zusammenfallen:

Was Ausdrücke wie Sturm im Wasserglas, in die Höhle des Löwen gehen oder den Kopf unter dem Arm tragen u.a. so interessant macht, ist die Tatsache, dass hier zwei autonome Phänomene mit den entsprechenden Forschungsrichtungen zusammengebracht werden. Einerseits kommen die spezifischen Eigenschaften von Phrasemen zum Tragen, andererseits die Eigenschaften von Metaphern. (Rohtkegel 2004: 275)

Außer Acht wird dabei gelassen, dass viele Metaphern auf konzeptuellen Metonymien aufbauen, von denen die Metonymien grund für folge, teil für das ganze besonders produktiv und wichtig zu sein scheinen.

Die teil steht für das ganze-Metonymie ist in der Phraseologie weit verbreitet. Im nominalen Bereich ist sie u.a. durch die körperteil steht für den menschen-Metonymie spezifiziert. So referieren flinke Finger auf Profis an der Tastatur oder Pianisten, goldene Hände auf begabte Handwerker, kluge Köpfe auf intelligente Menschen178. Im verbalen Bereich ist die teil steht für das ganze-Metonymie ←360 | 361→u.a. in vielen Idiomen in Form von teilhandlung für handlung-Metonymie in lexikalisierter Form präsent. Sehr oft deckt sich dabei die teilhandlung für handlung-Metonymie mit der grund für folge-Metonymie.

So wird im ersten Verwendungsprofil des Idioms jmdm. ein Bein stellen in keinem der 6 Belege explizit darauf verwiesen, dass das Patiens gestürzt ist, dies ist aufgrund der Inferenzen aus dem Kontext erschließbar (vgl. Belege 44, 45 sowie den Beleg 63):

(63) Sie störte ständig den Unterricht durch kuriose Geräusche und beschoß mich mit Papierkugeln, auf die Herzchen und Liebesschwüre gekritzelt waren. Sie stellte mir in der Pause ein Bein, setzte sich auf meinen Rücken und steckte mir so lange ihren Bleistift ins Ohr, bis ich versprach, sie zu heiraten. Dagegen unternehmen konnte ich nichts, denn Fredda hatte die Kraft von zehn Berggorillas, die Reflexe eines Pumas und die Ausdauer eines Delphins. Moers, Walter, Die 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubär, Frankfurt a. M.: Eichborn 1999, S. 130.

Dem Verstehen der Sprachäußerung liegt die konzeptuelle Metonymie zugrunde, das Vorstellen eines Beines stellt ein Paradebeispiel der Art dar, in der man einen Menschen umwerfen kann, eine Teilhandlung steht in diesem Sinne für die ganze Handlung. Bemerkenswert sind an dieser Stelle die sprachlich-kognitiven Leistungen der Metonymie. Eine metonymisch ausgedrückte Teilhandlung wird konzeptuell hervorgehoben und dient als ein salient example für die ganze Handlung. Das Hintergrundwissen wird aktiviert: Das ahnungslos gehende Patiens wird durch eine intentional ausgeführte, böswillige Handlung des Agens unerwartet und abrupt zu Fall gebracht, was schmerzhaft, erniedrigend, demütigend, u.U. sogar gefährlich sein kann. Eine kurze, einfache Paraphrasierung (z.B. jmdn. zu Fall bringen) ist ohne semantischen Verlust kaum möglich, die Metonymien leisten also einen sehr relevanten Beitrag zu der Sprachökonomie.

Die metonymische Derivation ist für die Rezeption der Belege (44), (45), (63) ausreichend, in anderen angeführten Belegen sowie im Beleg (64) kommt in einem weiteren Schritt ein metaphorischer Projektionsprozess hinzu:

(64) Für vorgeschoben hielt ich das Argument mangelnder journalistischer Erfahrung; es wurde in einer Ecke vorgebracht, in der man sich darauf verstand, publizistischen Gegenwind zu erzeugen, ohne viel nach dem politischen Gegner zu fragen. Daß an einigen Stellen die Gelegenheit gesehen und genutzt wurde, mir ein Bein zu stellen, war leicht zu erkennen und noch leichter zu verschmerzen. Getroffen hat mich allerdings, daß sich fremdenfeindliche Briefe – auch aus der eigenen Partei und deren Umfeld – auf meinem Schreibtisch häuften; dabei hat man mir nicht einmal alle gezeigt. Brandt, Willy, Erinnerungen, Frankfurt a. M.: Propyläen 1989, S. 326.

Die Handlung wird infolgedessen aus dem körperlichen in einen abstrakteren politischen Erfahrungsbereich übertragen, was sich schematisch folgendermaßen darstellen lässt:

Abb. 57: Metonymisch-metaphorische Bedeutungsverschiebungen im Idiom jmdm. ein Bein stellen.

←361 | 362→Derartige Projektionsprozesse sind in der Phraseologie im Allgemeinen sowie in dem untersuchten Diskursbereich im Besonderen weit verbreitet. Das geschilderte Schema wiederholt sich im Idiom jmdm. Knüppel zwischen die Beine werfen:

Ähnliche metonymisch-metaphorische Ketten liegen als Derivationsmechanismen auch anderen Idiomen des zu untersuchenden semantischen Feldes der Schwierigkeit/der schwierigen Lage zugrunde:

←363 | 364→Als weitere Beispiele für Idiome, in denen konzeptuelle Metonymien auf ähnliche Art und Weise zur Bedeutungskonstituierung beitragen, können idiomatische Wortverbindungen aus der Phraseologismensammlung angeführt werden: auf Kreuz fallen, auf die Nase fallen/fliegen, mit etwas auf den Bauch/auf die Schnauze/Fresse fallen, mit etwas auf den Arsch/Hintern fallen, jmdm. (gehörig/…) die Suppe versalzen, jmdm. in die Suppe spucken, sich (Dativ) die Zähne an etwas ausbeißen, den Kopf noch/noch so eben über Wasser halten, den Hals in der Schlinge haben, jmdm. sitzt das Messer an der Kehle, jmdm. die Pistole/das Messer/den Dolch auf die Brust/an die Gurgel/an die Kehle setzen, jmdm. brennt der Boden unter den Füßen, jmdm. den Boden unter den Füßen heiß machen, zwischen zwei Feuer geraten/kommen.

4.2.2.1.2 Schwierigkeiten sind eine Last

Klotz am Bein, jmdn./etw. am Hals/auf dem Hals haben

An die Weg-Metaphorik sind ebenfalls die Phraseologismen im engeren Sinne: Klotz am Bein, jmdn./etw. am/auf dem Hals haben gebunden. Im Gegensatz zu den bisher besprochenen Idiomen werden dennoch nicht der Weg, seine Beschaffenheit, Passierbarkeit und die eventuellen Hindernisse profiliert, sondern der Reisende. Beiden Idiomen liegt die Erfahrung als Motiviertheitsmechanismus zugrunde, dass eine Last, die zum Tragen aufgeladen wird, dem Gehenden hinderlich ist, weswegen ein schwere Sachen tragender Mensch die eingeplante Strecke langsam, mühevoll und ohne Freude bewältigt. Diese verkörperte Erfahrung wird metaphorisch in abstraktere Domänen übertragen, wo die materielle Belastung als Schwieriges/Unerträgliches/Störendes in anderen Erfahrungssphären konzeptualisiert wird.

4.2.2.1.2.1 Klotz am Bein

Lexikographisch erfasste Varianten: jmdm. ein Klotz am Bein sein, einen Klotz am Bein haben, sich mit jmdm./etw. einen Klotz ans Bein binden/hängen.

Modifikationen: etw. hängt jmdm. wie ein Klotz am Bein, marschieren, als ob man einen Klotz am Bein hätte, sich als Klotz am Bein erweisen, jmdn. als Klotz am Bein bezeichnen, der größte Klotz am Bein sein, der defizitäre Klotz am Bein ist weg, etw. wird als schwerer Klotz am Bein empfunden, jmdm. wie ein Klotz am Bein hängen, zum Klotz am Bein werden, Wettbewerb mit einem Klotz am Bein, etw. wie einen Klotz am Bein mit sich herumschleppen, sich als ein Klotz am Bein erweisen.

←364 | 365→Darstellung in lexikographischen Nachschlagewerken

Tab. 26:Das Idiom Klotz am Bein in allgemeinen und phraseologischen Wörterbüchern des Deutschen.

WörterbuchtypWörterbuchLexikographische Darstellung
allgemeinduw 2006[in den folgenden Wendungen ist wahrscheinlich an den Klotz gedacht, der Tieren auf der Weide ans Bein gebunden wurde, damit sie nicht weglaufen können]

jmdm. ein K. am Bein sein (ugs.; jmdm. hinderlich, für jmdn. eine Last sein: er ist ihr nur noch ein Klotz am Bein)

sich <Dativ> mit jmdm., etw. einen K. ans Bein binden/hängen (ugs.; sich mit jmdm., etw. belasten)

einen K. am Bein haben (ugs.; eine Last zu tragen haben)
duw online[in den folgenden Wendungen ist wahrscheinlich an den Klotz gedacht, der Tieren auf der Weide ans Bein gebunden wurde, damit sie nicht weglaufen können]

jemandem ein Klotz am Bein sein

(umgangssprachlich: jemandem hinderlich, für jemanden eine Last sein: er ist ihr nur noch ein Klotz am Bein)

sich <Dativ> mit jemandem, etwas einen Klotz ans Bein binden/hängen (umgangssprachlich: sich mit jemandem, etwas belasten)

einen Klotz am Bein haben

(umgangssprachlich: eine Last zu tragen haben) (letzter Zugriff am 27.10.2017)
wahrig 2007sich einen Klotz ans Bein binden 〈fig.〉 sich mit etwas belasten u. sich dadurch am Vorwärtskommen hindern; →a. Keil [<mhd. klotz „Klumpen, Kugel, Baumstumpf, Kloben“; → Kloß]
phraseologischduden 11 (2011)jmdm. ein Klotz am Bein sein (ugs.) eine Last, ein Hemmnis für jmdn. sein: Das Mädchen lasse ich doch hier. Sie wäre mir in der ersten Zeit nur ein Klotz am Bein. (Brecht, Mensch 72)

sich <Dativ> einen Klotz ans Bein binden/hängen (ugs.): sich etw. aufbürden: Ich habe nicht geahnt, was ich mir mit dieser ehrenamtlichen Tätigkeit für einen Klotz ans Bein binden würde.

einen Klotz am Bein haben (ugs.): eine Verpflichtung übernommen haben und dadurch in seiner Bewegungs- und Handlungsfreiheit spürbar eingeengt, belastet sein: … zumal den tschechischen Politikern sicherlich bewusst ist, dass sie mit ihren Entscheidungen in Bezug auf EU-Osterweiterung einen Klotz am Bein haben (www.parinkom.gv.at.) (2011: 424)
schemann 2011(für jmdn.) (wie) ein Klotz am Bein sein sal

1. Diese alte Tante Berti ist für die Erika (wie) ein Klotz am Bein. Sie kann sozusagen nicht mehr ausgehen; ihr ganzer Tagesablauf ist auf die alte Tante ausgerichtet.

2. Man merkt ihm an, daß er sich nicht so frei bewegen kann, wie er will; dieses Amt ist für ihn ein Klotz am Bein. Seltener (2011: 417)
redensarten-indexeinen Klotz am Bein haben ‚einer Belastung ausgesetzt sein; durch etwas in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt sein; mit etwas nur Arbeit (und keinen Nutzen) haben‘

(jemandem) ein Klotz am Bein sein
‚(jemandem) eine Last sein umgangssprachlich; Der Klotz am Bein dieser Redensart ist ursprünglich das (eiserne) Gewicht, an das früher Sträflinge angeschmiedet wurden, um sie an schneller Flucht zu hindern‘

sich einen Klotz ans Bein binden ‚eine lästige Verpflichtung übernehmen umgangssprachlich‘ (letzter Zugriff am 27.10.2017)
müller 2005ein Klotz am Bein sein (umg.) für andere eine Belastung sein [Belastung] „Unsere Großmutter meint immer, sie sei uns ein Klotz am Bein. Dabei haben wir sie nach dem Tode ihres Mannes gerne bei uns aufgenommen.

“Der Klotz am Bein dieser Redensart ist ursprünglich das (eiserne) Gewicht, an das früher Sträflinge angeschmiedet wurden, um sie an schneller Flucht zu hindern. (2005: 320)
←365 | 366→

←366 | 367→Korpusgestützte Analyse anhand der DWDS-Korpora179

Verwendungsprofil 1: etw. ist ein Klotz am Bein ‚etw. ist ein Hindernis, ein Störfaktor‘ (32 Belege)

Aus den untersuchten 40 Gebrauchsbelegen lässt sich für 32 eine Bedeutung ermitteln, in der der Klotz am Bein als ein Störfaktor, ein Hindernis bei der Bewältigung der Aufgaben, beim Erreichen der Ziele konzeptualisiert wird. Möglicherweise nehmen die Sprachteilhaber bei der Konzeptualisierung auf die Etymologie des Idioms Bezug, die auf zwei bildliche Quellen zurückgeführt werden kann. So wird dem Vieh auf einer nicht eingezäunten Weide ein Holzklotz an die Beine gebunden, um es in seiner Bewegungsfreiheit einzuschränken (vgl. Duden 11 2011: 242). Darüber hinaus kettete man in den früheren Zeiten Gefangene an einen Klotz, damit sie nicht flüchten können (ebd., Müller 2005: 320). Interessanterweise deuten die Veranschaulichungen des Idioms, die mittels der Google-Suchmaschine unter Graphiken aufgefunden werden können (https://www.google.pl/search?client=firefox-&dcr=0&biw=1147&bih=533&tbm=isch&sa=1&q=klotz+am+Bein&oq=klotz+am+Bein&gs, Zugriff am 05.09.2017) darauf, dass man sich unter dem idiomatischen Klotz nicht (mehr?) einen Holzklotz, sondern vorwiegend eine eiserne Kugel, die einem mit einer Kette an das Bein angeschmiedet wird, vorstellt. Die Motiviertheit der idiomatischen Einheit ist dennoch klar: Mit einer an das Bein angebundenen ←367 | 368→Last geht man nicht schnell vorwärts (Ausgangsdomäne), was in den Zieldomänen als eine Einschränkung der Arbeitseffizienz bzw. Beeinträchtigung in einer eventuellen Konkurrenz interpretierbar ist. Zwei Bedeutungsnuancen lassen sich dabei festlegen. In der ersten referiert der Klotz am Bein auf einen politischen oder gesellschaftlichen Störfaktor, eine einengende politische oder gesellschaftliche Verpflichtung, die die erwünschte Entwicklung verhindert (17 Belege):

(65) Erst 1929 kehrte das Papsttum auf die weltpolitische Bühne zurück, als es sich in den Lateran-Verträgen mit dem italienischen Staat aussöhnte und dafür von ihm den souveränen Vatikanstaat eingeräumt bekam, mit einer Fläche von 44 Hektar kein irdischer Klotz am Bein, wie es der alte Kirchenstaat gewesen war, und doch groß genug, um mit den Mächtigen der Erde diplomatisch von Gleich zu Gleich zu verkehren. Welche Stellung nimmt der Papst heute, nimmt dieser Papst ein? Berliner Zeitung, 13.05.2000

(66) In Polen schreibt die Literaturpäpstin Maria Janion in einem furiosen Essay von einem „Abschied von Polen“, von den traditionellen, romantisch-larmoyanten polnischen nationalen Mythen und Selbstbildern, die bei der Modernisierung des Landes zunehmend ein Klotz am Bein seien. Und – noch vor kurzem ein Sakrileg für das polnische Selbstverständnis – sie sagt prompt, dass die traditionelle polnische Kultur postkolonial sei, von denselben Komplexen und Verdrängungen geprägt, wie sie Edward Said im Orient festgemacht hat. Der Tagesspiegel, 27.06.2004

In insgesamt 14 Belegen bezieht sich der Klotz am Bein auf eine finanzielle Belastung, die man nicht/oder nur schwer loswerden kann:

(67) Wie der Trainer erzählte, müssen immer noch Altkredite abbezahlt werden, so dass Finanzen für die von ihm gewünschten Verstärkungen fehlen. «Das teure Stadion ist wie ein Klotz am Bein. Das ist ein Problem», erläuterte der Stuttgarter Meistermacher von 2007. Die Zeit, 24.04.2012

(68) Kein angenehmes Erbe hat der letzte Zar Nikolai Romanow da seinen „Untertanen“ hinterlassen. Auslandsschulden Rußlands aus der Kaiserzeit hängen den Nachfolgern wie ein Klotz am Bein: 30 Milliarden Dollar nannte der private russische Fernsehsender NTV als Gesamtsumme, von Schätzungen auf bis zu 200 Milliarden Dollar sprechen Quellen in Westeuropa. Berliner Zeitung, 28.11.1996

Selbstverständlich lässt sich ein erwähnenswerter Überlappungsbereich festlegen, die Verbindungen zwischen Finanzen und Politik sind nicht leicht abzugrenzen:

(69) „Es ist fraglich, ob wir überhaupt einen Hammerschlag tun dürfen“, sagt Kerstin Maria Kunitz, Sprecherin der Wohnungsbaugesellschaft Prenzlauer Berg (WIP), die mit rund 5500 notverwalteten Wohnungen den größten Klotz am Bein hat. Berliner Zeitung, 07.04.1995

Den allmählichen Übergang zwischen der literalen und der phraseologisierten Bedeutung veranschaulicht der folgende Beleg, in dem das Idiom als ein irrealer Vergleich funktioniert:

←368 | 369→

(70) Solange das Land offen vor uns lag, mußten wir nach Möglichkeit eilen. Saumseligkeit konnte gefährlich werden, die Paks marschierten aber, als ob sie einen Klotz am Bein hätten! Im Selin-do sahen wir keine Zelte, in der Dämmerung aber kam Namgjal mit zwei Tibetern, die er in einem Quertal getroffen hatte, angewandert. Weigeldt, Paul: Lektüre zur Erdkunde. Leipzig, 1912.

Die Bedeutungskonstituierungsprozesse verlaufen auf zwei Ebenen (vgl. Abb. 63):

Auf der ersten Ebene wird die phraseologisierte Bedeutung durch die im Vorangehenden bereits besprochene leben ist ein weg-Metapher und ihre Spezifizierung ziele im leben erreichen ist zu den zielen zu fuss gehen beeinflusst. Profiliert wird dabei der belastete Wanderer, der die Strecke langsam und unter großem Krafteinsatz bewältigt. Die verkörperte Erfahrung, wie man sich mit einer großen, von dem Tragenden als drückend empfundenen Belastung bewegt, wird aus der körperlichen Ausgangsdomäne in die abstrakteren Domänen der Politik, Wirtschaft, Finanzen projiziert, wo sie auf Verpflichtungen, Aufgaben, Erschwernisse, Probleme referiert, die einem Menschen aufgebürdet werden oder die er auf sich nimmt.

Die konzeptuelle Metapher schwierigkeit ist eine last widerspiegelt sich selbst in der Etymologie des Nomens Schwierigkeit: Auf die etymologische Bindung zwischen schwer und schwierig im Neuhochdeutschen verweist z.B. DUW online: ‚mittelhochdeutsch swiric, sweric = voll Schwären, eitrig, zu schwären; ←369 | 370→neuhochdeutsch an schwer angelehnt‘ (Zugriff am 06.09.2017)180. Schwierigkeiten werden folglich unter anderem einer Bürde, Erschwernis gleichgesetzt, als bedeutungsähnliche Nomen werden Ballast, Belastung, Ladung, Beschwerlichkeit, Zentnerlast angegeben. Als sprachliche Exemplifizierungen der Metapher können folgende Ausdrücke angeführt werden:

schwierigkeit ist ein objekt

schwierigkeit ist eine last

ich bin dir dabei nur ein Ballast (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 06.09.2017)

Erschwernisse in Kauf nehmen, beseitigen (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 06.09.2017)

die Bürde des Alters (DUW online, Zugriff am 06.09.2017)

sie hatte zeitlebens eine schwere Bürde zu tragen (DUW online, Zugriff am 06.09.2017)

dass er neben seinem Studium noch beruflich tätig sein muss, bedeutet für ihn eine (zusätzliche) Erschwernis (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 06.09.2017)

die schrecklichen Vorstellungen, die Vorwürfe sind für ihn eine ständige, unerträgliche, große Belastung (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 06.09.2017)

die Last auf sich nehmen, auf andere abwälzen (DUW online, Zugriff am 06.09.2017)

unter der Last der Anforderungen zusammenbrechen (DUW online, Zugriff am 06.09.2017)

ein schweres, drückendes Joch zu tragen haben (DUW online, Zugriff am 20.10.2017)

jmdm. ein schweres Joch auferlegen (DUW online, Zugriff am 06.09.2017)

jeder hat sein Bündel zu tragen ‚jeder hat seine Sorgen‘ (DUW online, Zugriff am 06.09.2017)

sein Päckchen zu tragen haben ‚seine Sorgen, seine Bürde zu tragen haben‘ (DUW online, Zugriff am 20.10.2017)

sein Kreuz auf sich nehmen, geduldig tragen (DUW online, Zugriff am 06.09.2017)

mit jmdm./etw. sein Kreuz haben ‚mit jmdm./etw. große Last, Mühe haben, schwer fertigwerden‘ (DUW online, Zugriff am 06.09.2017)

←370 | 371→

jmdn./etw. am/auf dem Hals haben (s.u.)

jmdm. wie ein Mühlstein am Hals hängen ‚eine große Belastung sein, Grund für jmds. Ärger/Mühe sein‘ (redensarten-index, Zugriff am 21.10.2017)

etw. an der Backe tragen ‚eine Last/Bürde tragen; verpflichtet/eingebunden sein; etwas Unangenehmes ertragen müssen‘ (redensarten-index, Zugriff am 21.10.2017)

die ganze Verantwortung liegt, lastet auf seinen Schultern (DUW online, Zugriff am 20.10.2017)

jmdm. Verantwortung, eine schwere Arbeit aufbuckeln, aufbürden, aufhalsen

Auf der zweiten Ebene trägt die metonymische Bedeutungsverschiebung der nominalen Idiom-Konstituente zur Bedeutungskonstituierung bei: Das Bein steht hier metonymisch für die Fortbewegung, das Gehen, der Derivation liegt die konzeptuelle Metonymie (handlungs-)mittel steht für handlung (means for action) zugrunde. Die Beschreibung dieser funktionalen metonymischen Derivation wurde bei der Analyse des Idioms Knüppel zwischen die Beine werfen kurz angesprochen (vgl. Unterkap. 4.2.2.1.1.2.2), im folgenden, den Somatismen gewidmeten Exkurs wird näher darauf eingegangen.

Verwendungsprofil 2: jd. ist ein Klotz am Bein ‚jd. stellt eine Erschwernis, eine Belastung dar‘ (7 Belege)

In übrig gebliebenen Gebrauchsbelegen referiert das zu besprechende Idiom auf eine Person:

(71) Und um so plausibler werden sie das bei einem behinderten Neffen finden. Du warst deinen Eltern ein Klotz am Bein, sie blamierten sich, wollten dich loswerden, schickten dich zu deinem komischen Onkel. Man wird dich in keinem Verein vermissen, Behinderte brauchen sie nicht. Koneffke, Jan: Paul Schatz im Uhrenkasten, Köln: DuMont Buchverlag 2000, S. 172

Bezeichnenderweise wird in 5 der 7 Belege auf einen FDP-Politiker und Außenminister – Guido Westerwelle – Bezug genommen, der vor den Landtagswahlen von einem Parteikollegen Herbert Mertin als Klotz am Bein bezeichnet wurde:

(72) Ebenso wurde registriert, dass sich der einflussreichste Liberale in Rheinland-Pfalz mit keiner Silbe von der Ausladung des Parteivorsitzenden aus dem Wahlkampf distanzierte. Der Vorwurf, Westerwelle sei ein „Klotz am Bein“ steht weiter im Raum. Selbst wenn Westerwelle das Dreikönigstreffen politisch überlebt, wird seine Zukunft dann vom Ausgang der Wahl in Baden-Württemberg bestimmt. Die Zeit, 16.12.2010, Nr. 51

Die Anhäufung der Zitierungen schwächt selbstverständlich die quantitative Aussagekraft der in diesem Verwendungsprofil gesammelten Belege. Wahrscheinlich nimmt das Idiom in seinen verschiedenen Varianten doch vor allem auf unbelebte Objekte Bezug, Menschen werden viel seltener als Klotz am Bein bezeichnet. Die Bedeutungskonstituierungsprozesse verlaufen analog zu dem ersten Verwendungsprofil.

4.2.2.1.2.2 am Hals haben

Lexikographisch erfasste Varianten: jmdn./etw. am/auf dem Hals/Halse haben

Modifikationen: mit etw. am Hals, als ob jd. nicht schon genug (Krisen, Probleme) am Hals hätte, mit etw. schon genug am Hals haben.

Darstellung in lexikographischen Nachschlagewerken

Tab. 27:Das Idiom am/auf dem Hals haben in allgemeinen und phraseologischen Wörterbüchern des Deutschen.

WörterbuchtypWörterbuchLexikographische Darstellung
allgemeinduw 2006jmdn./etw. am/auf dem Hals haben (ugs. mit jmdm., etw. belastet sein; viel Mühe oder Ärger mit jmdm., etw. haben): sie hat immer ziemlich viel am Hals.
duw onlinejemanden, etwas am/auf dem Hals haben (umgangssprachlich: mit jemandem, etwas belastet sein; viel Mühe oder Ärger mit jemandem, etwas haben: sie hat immer ziemlich viel am Hals) (letzter Zugriff am 27.10.2017)
wahrig 2007jmdn. od. etwas am od. auf dem Hals(e) haben 〈fig.; umg.〉 sich um jmdn. od. etwas kümmern müssen, der od. das einem lästig ist
phraseologischduden 11jmdn., etw. am/auf dem Hals haben (ugs.): sehr viel Mühe, Ärger mit jmdm., etw. haben; mit jmdm., etw. belastet sein: … hoffentlich kommt er nicht auf die Idee, sich allein davonzuschleichen. Dann hab ich sie auf dem Hals (Kronauer, Bogenschütze 301). … er hatte Verfahren wegen unberechtigter Führung akademischer Titel … am Hals (Spiegel 49, 1966, 44). (2011: 318)
schemann 2011jmdn./etw. am Hals haben sal

1. Bisher hatte er schon für sieben Personen zu sorgen. Und jetzt hat er noch die Tochter seines Cousins am Hals. Auch für die muß er jetzt noch aufkommen.

2. Schon der Betriebsrat hängt mir dauernd in den Ohren, ich soll den Kollenheim rausscheißen! Und jetzt kommt der Personalleiter mit derselben Geschichte! Jetzt hab‘ ich den auch noch am Hals!

3. Er hat viel Arbeit mit seiner Praxis. – Wenn es nur das wäre! Daneben hat er noch die Vertretung der Ärzteschaft gegenüber den Gewerkschaften am Hals. Das ist eine sehr große Belastung für ihn.

4. >> Wir leben schon in einem komischen Land!<<, meinte mein Bruder nachdenklich. >>Wenn du einen Polizisten duzt, hast du sofort ein Verfahren wegen Beleidigung am Hals. Wenn ein Polizist einen Unschuldigen plattschießt, dann hat er mit schönster Regelmäßigkeit in ‚vermeintlicher Notwehr‘ gehandelt<<. (2011: 300)
redensarten-indexetwas/jemanden am/auf dem Hals/Halse haben‚Mühe/Ärger mit jemandem/etwas (z.B. eine Krankheit, eine Klage, einen ungebetenen Gast) haben; sich mit etwas/jemandem befassen müssen, was eine Belastung ist, umgangssprachlich, salopp‘ (letzter Zugriff am 27.10.2017)
müller 2005jmdn./etwas auf dem/am Hals(e) haben (umg.)

1) für einen Menschen sorgen müssen [Verpflichtung]

2) Arbeit/Sorgen zu tragen haben [Belastung]

1) „Seit dem Tod ihres Mannes habe ich meine Schwiegermutter auf dem Hals. Sie wohnt bei uns, ich muß für sie waschen und kochen und so weiter. Lang halte ich das nicht durch!“

2) „So geht’s nicht! Der halbe Betrieb fährt in Urlaub, und ich habe die ganze Arbeit am Hals!“Die Redensarten aus dem Bereich der Fürsorge, der Verpflichtung und der Belastung beziehen ihren Ursprung aus der Sorge für das auf dem Arm getragene Kleinkind oder aus dem Joch, das der Ochse bei der Feldarbeit tragen mußte. Beide Bildfelder überlagern sich, so daß meist keine eindeutige Zuordnung möglich ist. Zudem gibt es in diesem Bereich eine Fülle von Varianten. (2005: 216–217)
←372 | 373→

Korpusgestützte Analyse anhand der DWDS-Korpora181

Das Idiom tritt in 2 Varianten mit unterschiedlichen Präpositionen auf: auf dem Hals/am Hals haben. Die anschließende semantische Analyse bezieht sich auf die häufiger auftretende Variante mit der Präposition an und ergibt folgende Verwendungsprofile und -muster:

←373 | 374→Etymologisch wird auf zwei mögliche Motiviertheitsquellen verwiesen (vgl. redensarten.index, Zugriff am 06.09.2017): Die erste Quelle stellt der Bereich der Fürsorge, der Verpflichtung und Belastung dar, die mit dem mentalen Bild eines auf dem Arm getragenen Kleinkindes zusammenhängt. Den anderen Bereich stellt das historische Wissen über die Landwirtschaft und das Joch, das die Zugtiere bei der Feldarbeit tragen mussten (vgl. auch Duden 11, Müller 2005). Beide Bereiche scheinen bei synchroner Motiviertheit ihren Anteil zu haben, wobei die zweite, landwirtschaftlich geprägte Motivierungsquelle mutmaßlich Oberhand gewinnt.

Verwendungsprofil 1: etw. am Hals haben ‚Schwierigkeiten, Ärger, Probleme mit etw. haben‘ (30 Belege)

In der überwiegenden Anzahl der Belege ist die schwierige Lage des Patients durch unbelebte Verhinderungen und Belastungen bedingt. Dabei lassen sich drei Verwendungsmuster ermitteln:

Verwendungsmuster 1.1: ,Schwierigkeiten, Probleme, die von einem unverschuldet sind und mit objektiven Begebenheiten, äußeren Umständen zusammenhängen‘ (17 Belege)

In den meisten Belegen sind die Schwierigkeiten, Konflikte und Krisen, die die Betroffenen zu bewältigen haben, unverschuldet und hängen beispielsweise mit ←374 | 375→dem bekleideten Amt, der ausgeübten Funktion, den von ihnen unabhängigen Begebenheiten zusammen:

(73) Es gab schon einfachere Brüsseler Spitzentreffen, zumal die «Chefs» seit vergangenem Sonntag noch einen weiteren Notfall am Hals haben: Italien. Beim Vor-Gipfel forderten Frankreich und Deutschland den italienischen Regierungschef Silvio Berlusconi ungewöhnlich deutlich und völlig undiplomatisch auf, doch bitte den Schuldenabbau zu verstärken und mehr für das Wachstum zu tun. Die Zeit, 25.10.2011

(74) Die Türkei will es nicht, weil sie sonst ein noch größeres Kurdenproblem am Hals hätte; Iran will es nicht, weil es sich nicht noch tiefer in den innerirakischen Krieg hineinziehen lassen möchte und ohnehin über genügend Einfluss im Irak verfügt. Ein Irak, der sich in Chaos auflöst, ist für Teheran, Ankara und auch für das saudische Königshaus ein Albtraum. Die Zeit, 18.12.2007

Zur Bedeutungskonstituierung tragen zweifelsohne die bereits besprochenen konzeptuellen Metaphern: leben ist ein weg; schwierigkeit ist eine last; gut ist oben, schlecht ist unten bei, wobei die letztgenannte Orientierungsmetapher mit der Körperstellung eines am Hals belasteten und deswegen gebeugten, den Kopf senkenden Menschen in Verbindung gebracht werden kann (vgl. Abb. 65):

←375 | 376→Von Belang für die Konzeptualisierung ist ebenfalls biologisch-allgemeines, historisch-kulturelles und verkörpertes Weltwissen über die Empfindlichkeit und Wichtigkeit des Halses als eines Körperteils. Der Hals verbindet den Kopf mit dem Rumpf, was eine eigenständige Bewegung des Kopfes gegen den Rumpf ermöglicht. Der Kopf wird mit Denken, Sprechen, Sehen und Verstehen assoziiert, da sind die wichtigsten Sinnesorgane platziert, die Relevanz des Halses, seine Nähe zu den Sinnesorganen spielt deswegen in der Konzeptualisierung eine bestimmte Rolle. Für Lastentragen ist der Hals – der engste Teil des menschlichen Körpers – ungeeignet, weswegen seine Belastung als besonders behindernd, unangenehm beanspruchend, beschwerlich empfunden wird, die Position erzwingt, in der Kopf nach unten gerichtet ist und das Patiens in der Fähigkeit einschränkt, sich umzusehen und die Lage objektiv zu beurteilen. Erwähnenswert ist ebenfalls historisch-kulturelles Wissen vom Hals. Zum einen wird der Hals als ein gut sichtbarer, am Gesicht liegender Körperteil auf eine besondere, oft auf den Status, soziale Stellung und Gruppenzugehörigkeit hinweisende Art geschmückt: Halsketten und Kragenformen verweisen auf den Beruf (Amtsketten, Priesterkragen), Rang (Fürsten und Könige), Zugehörigkeit zu einer sozialen (Goldketten der Rapper) oder religiösen Gruppe. Zum anderen wurden in den früheren Zeiten Unterwerfung, Unterjochung, Unterordnung durch das Setzen des Fußes auf einen Teil des Halses – den Nacken – symbolisiert. Von diesem Brauch zeugen z.B. folgende Bibelstellen:

Wie glücklich bist du, Israel! Wer ist dir gleich, du Volk, gerettet durch den Herrn, den Schild, der dir hilft, deine Hoheit, wenn das Schwert kommt? Deine Feinde werden sich vor dir erniedrigen und du setzt deinen Fuß auf ihre Nacken. (5. Mose 33,29).

Man wälzte die Steine beiseite und brachte die Könige von Jerusalem, von Hebron, von Jarmut, von Lachisch und von Eglon heraus. Als sie vor Josua standen, rief dieser alle Männer Israels herbei und sagte zu den Anführern des Heeres: ‚Kommt her und setzt euren Fuß auf den Nacken dieser Könige!‘ (Josua 10,23 f.) (zit. nach redensarten-index, Zugriff am 14.09.2017, Lemma: den Fuss in den Nacken setzen).

Dieses teilweise kulturell bedingte Wissen findet Widerspiegelung in der Phraseologie: Die metaphorischen Mappings zwischen dem Ausgangsbereich der körperlichen Belastung des Halses, Nackens durch ein Joch, Tragejoch, ein Paket, ein auf den Schultern/huckepack getragenes Kind und der psychischen Domäne, in der Aufgaben, Verpflichtungen, problematische Personen als eine Erschwernis, Beeinträchtigung in der Arbeit, Funktionsweise oder sogar Existenz empfunden werden, wiederholt sich regelmäßig in zahlreichen deutschen Phraseologismen mit Hals-, Genick- oder Nackenkonstituente. Die metaphorischen Mappings basieren dabei offensichtlich auf der Metonymie. Die Übergänge zwischen der Metonymie und der Metapher sind fließend, weswegen die Beziehungen zwischen den beiden Domänen als metaphtonymisch angesehen werden:

←376 | 377→

ein unbelasteter hals steht für freiheit, sorgenlosigkeit/sorgenlosigkeit, freiheit ist ein unbelasteter hals

sich jmdn. auf den Hals laden ugs. ‚sich mit jmdm., etw. belasten und dadurch viel Arbeit und Verantwortung auf sich nehmen‘ (DUW online, Zugriff am 15.09.2017)

jmdm. mit etw. vom Hals[e]; bleiben ugs. ‚jmdn. mit etw. nicht belästigen‘ (DUW online, Zugriff am 15.09.2017)

sich jmdn./etw. etw. vom Hals[e]; halten ugs. ‚sich mit jmdm., auf etw. nicht einlassen‘ (DUW online, Zugriff am 15.09.2017)

sich jmdn./etw. vom Hals[e]; schaffen ugs. ‚sich von jmdm./etw. befreien; jmdn., der, etwas, was einem lästig ist, abschütteln‘ (DUW online, Zugriff am 15.09.2017)

jmdm. im Nacken sitzen ‚1. jmdn. verfolgen, dicht hinter jmdm. her sein; 2. jmdn. stark bedrängen, jmdm. zusetzen; 3. jmdn. erfüllen, beherrschen: die Angst saß ihm im Nacken‘ (DUW online, Zugriff am 15.09.2017)

jmdn. im Nacken haben ‚von jmdm. verfolgt und bedrängt werden‘ (DUW online, Zugriff am 15.09.2017)

jmdm. im Genick sitzen ‚ugs. jmdn. bedrängen, dass er eine bestimmte Arbeit schnell erledigt‘ (DUW online, Zugriff am 15.09.2017)

jmdm. jmdn. auf den Hals schicken/hetzen ugs. ‚jmdn., der unerwünscht ist, zu jmdm. schicken‘ (DUW online, Zugriff am 15.09.2017)

sich jmdm. an den Hals werfen ugs. ‚sich jmdm. aufdrängen‘ (DUW online, Zugriff am 15.09.2017)

jmdn./etw. an den Hals bekommen ‚mit jmdm./etw. in unerwünschter Weise zu tun haben‘ (DWDS, Zugriff am 16.09.2017)

jmdm. etw. an den Hals hängen ‚jmdn. beschuldigen, jmdn. anzeigen‘ (DUW online, Zugriff am 15.09.2017)

jmdm. zu viel Arbeit, zu viel Verantwortung aufhalsen

Verwendungsmuster 1.2: ‚mit etw. (einem Prozess, einem Strafverfahren, einem juristischen Verfahren wegen Gesetzesbrüche u.Ä.) viel Ärger, viele Schwierigkeiten haben, die man selbst verschuldet hat‘ (10 Belege)

In zehn folgenden Belegen sind die Schwierigkeiten in ihrer Gestalt näher präzisiert und auf einen juristisch-strafrechtlichen Bereich eingeschränkt:

(75) Die Durchsetzung von Grillos Forderung, dass Abgeordnete, die einen Prozess am Hals haben, ihr Amt bis zur Klärung der Angelegenheit niederlegen müssen, würde zum sofortigen Auszug von mindestens 100 italienischen Abgeordneten führen. Ebenso populär sind die Vorschläge der M5S, die Besoldung von Politikern radikal zu reduzieren. Die Zeit, 12.09.2013

(76) Spannend wurde es erst zur Halbzeit der Sendung, als Affären und Skandale der Beteiligten auf den Tisch kamen. Hier litt Sarkozy, der mehr als ein juristisches Verfahren wegen Gesetzesbrüchen in seiner Amtszeit am Hals hat. Plötzlich lag seine Sprechzeit, die eine Stoppuhr sekundengenau festhielt, weit vor der seiner Konkurrenten. Die Zeit, 14.10.2016

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Die Bedeutung des Idioms konstituiert sich auf einer Ebene, der Derivation unterliegt die ganze Wortverbindung (vgl. Abb. 66). Als kognitive Mechanismen wiederholen sich hier die konzeptuellen Metaphern leben ist ein weg, schwierigkeit ist eine last, gut ist oben, schlecht ist unten, die das erste Verwendungsprofil mitgestaltet haben:

Neu sind als Bedeutungskonstituierungsmechanismen konzeptuelle Metaphern, die abstrakte Konzepte als ein physisches Objekt konzeptualisieren lassen.

Das unanschauliche, wenig klar umrissene Konzept der Schuld als einer (moralischen) Verfehlung, eines Fehltrittes und der damit verbundenen Gewissensbisse, wird im Deutschen wesentlich durch die konzeptuellen Metaphern schuld ist eine last konstituiert. Der Beitrag dieser Metapher zur Konzeptualisierung der Schuld ist sehr wesentlich. Geläufige sprachliche Ausdrucksmittel, die in diesem Diskursbereich gebraucht werden, sind auf diese konzeptuelle Metapher zurückzuführen:

schuld ist ein objekt

schuld ist eine last

jmdm. etw. zur Last legen

eine Last auf sich nehmen (DUW online, Zugriff am 15.09.2017)

das Gefühl der Schuld bedrückte ihn (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 20.10.2017)

große Schuld lastet auf ihm (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 20.10.2017)

die Schuld auf jmdn. abwälzen (DUW online, Zugriff am 15.09.2017)

Es ist aber wichtig, die Schuld nicht nur auf ihn abzuschieben. Weizsäcker, Carl Friedrich von: Bewußtseinswandel, München: Hanser 1988, S. 287 (DWDS, Zugriff am 15.09.2017)

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etw. auf seine eigene Kappe nehmen ‚für eventuelle negative Folgen von etw. die Verantwortung übernehmen; wahrscheinlich zurückgehend auf die Bedeutung der Kappe als Teil der Amtstracht, z.B. des Richters‘ (DUW online, Zugriff am 15.09.2017)

auf jmds. Schultern ruhen/lasten ‚etwas leisten müssen; eine Aufgabe übernehmen müssen‘ (redensarten-index, Zugriff am 20.10.2105)

eine Belastung aus der Vergangenheit haben

eine Schuld auf sich geladen haben

ein schuldbeladener Missetäter

jmdn./etw. auf dem Gewissen haben

Verwendungsmuster 1.3: ‚finanziell belastet sein‘ (3 Belege)

Die konzeptuelle Metapher schuld ist eine last ist richtungsweisend ebenfalls für die Konzeptualisierung der zu erstattenden Schulden als Geldbeträge, finanzieller Verbindlichkeiten:

(77) Erst nach Abschluss des Schiedsverfahrens wird sich zeigen, wer zu hoch gepokert hat. Hinzu kommt, dass Daimler wie Telekom neben den drohenden Zahlungen aus Schadenersatzforderungen weitere Sonderaufwendungen am Hals haben, weil das Maut-System mit großer Verspätung erst im Januar 2005 starten soll. Bis dahin müssen sie noch viel Geld investieren – mindestens 700 Millionen Euro hat Toll Collect bereits verschlungen. Der Tagesspiegel, 04.03.2004

(78) Freunde brachten den 29-jährigen Gastronomen Ernst auf die Idee, Schiffseigner zu werden. „Ich weiß nicht, ob ich ihnen dafür dankbar sein soll“, sagt Ernst, der 1995 gemeinsam mit vier Partnern das Schiff kaufte und plötzlich nicht nur ein neues Spielzeug in der Hand, sondern vor allem Kosten und Bürokratie am Hals hatte. Die schwimmende Location musste zunächst auf Vordermann gebracht werden. Berliner Zeitung, 27.09.1999

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Die Konzeptualisierung der Schulden, des Solls als einer Belastung ist in der Sprache, ebenfalls in der Fachsprache, weit verbreitet, wovon folgende Beispiele zeugen:

schulden sind eine last

lastenfrei, nicht mit Schulden belastet sein

drückende Schulden

(Geldwesen) unbelastet

Grundstückbelastung

Schuldenmassen (beim Konkurs)

Die Schulden nicht mehr schultern können

mit einer Hypothek belasten

Verwendungsprofil 2: jmdn. am Hals haben ‚mit sorgepflichtigen Personen belastet sein‘ (7 Belege)

In insgesamt sieben Belegen treten Menschen, vorwiegend als lästig empfundene Kinder in der Rolle der Obstruktion auf:

(79) Sie spielt die Mutter von Joachim Król, und Joachim Król spielt einen Scheidungsanwalt, und Franziska Herr-Gross (Veronica Ferres), die Frau des furchtbaren Will, ist sein neunhundertvierundzwanzigster Fall. Der Furchtbare war auch fruchtbar, weshalb sein Weib zwei lärmende Kleinkinder am Hals hat; dergleichen hemmt die Kreativität (freilich nicht bei Frau Lind, die während ihrer drei Schwangerschaften ebenso viele Erfolgsbücher schrieb). Doch nun die Wendung! Die Zeit, 08.03.1996

(80) Nach dem ebenso kurzen wie heftigen Flirt mit einem Eishockey-Star bekommt die Detektivin Vic (Kathleen Turner, Foto) mächtig Ärger, weil der Sportsmann eines Tages ermordet aufgefunden hat und sie nun seine Tochter am Hals hat. Jeff Kanew realisierte diesen satirischen Thriller nach einem Roman von Sara Paretzky. Berliner Zeitung, 24.08.1996

(81) „Ich habe meine Zweifel, ob Du bei der Leitung eines Hotels besser wegkämest. Du würdest auf einmal lauter mittellose, schwangere, unverheiratete Frauen am Hals haben, die Du mitsamt ihren Kindern für den Rest ihres natürlichen Lebens ernähren müßtest. Du fändest dann wohl, daß so etwas kaum einträglicher ist als die Leitung einer modernen Schule.“ Die Zeit, 28.08.1970

Die Bedeutungskonstituierungsmechanismen ähneln generell denjenigen, die im ersten Verwendungsprofil bereits beschrieben wurden, die meisten konzeptuellen Metaphern und Metaphtonymien wiederholen sich, weil die Kleinkinder oder mittellose Frauen in der ersten Linie als lästige Pflichten, die das Patiens in der Verwirklichung seiner Pläne verhindern, betrachtet werden. Nicht auszuschließen ist dennoch der Beitrag des Fürsorgeaspektes zu der sich konstituierenden Bedeutung: Aus denselben Gründen, aus denen der Hals als Lastenträger ungeeignet ist (der engste, hoch gelegene Körperteil, Nähe zum Gesicht), dient er auch als prototypischer Körperteil, um den die Kleinkinder ihre Arme schlingen. Diese Geste drückt Zuneigung aus, wird aber auch als Suche nach Geborgenheit und Fürsorge interpretiert:

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körperliche nähe steht für zuneigung, fürsorge

an jmds. Hals liegen (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 27.10.2017)

das Kind hängt am Hals der Mutter (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 27.10.2017)

jmdm./einander (vor Freude) um den Hals fallen (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 27.10.2017)

jmdm. den Arm um den Hals legen (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 27.10.2017)

die Arme um jmds. Hals schlingen (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 27.10.2017)

sie warf sich dem ersten besten an den Hals ‚sich jmdm. aufdrängen‘ (DUW online, Zugriff am 25.10.2017)

jd. ist anhänglich

jd. ist zurückhaltend, unzugänglich

Die Aspekte der verärgernden Belastung, Einschränkung in der Freiheit und Handlungsmöglichkeiten sowie der Fürsorge, der Barmherzigkeit und Zuneigung mögen sich in der Konzeptualisierung verzahnen: In der Subjektposition treten nur bestimmte Menschengruppen auf. Die Bedeutungskonstituierungsmechanismen werden in der Abbildung 68 veranschaulicht.

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4.2.2.1.2.3 Resümee mit Schwerpunkt: Ontologische Metaphern, Embodiment und Bedeutung von Phraseologismen

Am Beispiel der besprochenen Idiome werden an dieser Stelle zwei Aspekte zur Sprache gebracht: Zum einen wird zusammenfassend auf den Einfluss mächtiger ontologischer Metaphern auf die Konzeptualisierungen von komplexen Zuständen verwiesen. Zum anderen stellen beide Idiome musterhafte Somatismen dar: Da den Idiomen mit einer Körperteil-Konstituente wegen der hohen Frequenz und der körperlichen Verankerung ein besonderer Stellenwert in der Phraseologie zukommt, wird das Unterkapitel mit einem Exkurs abgeschlossen, in dem eine exemplarische Untersuchung zu Konzeptualisierungen vom Körperteil Bein dargestellt wird.

Als grundlegende konzeptuelle Metapher, die den Idiomen einen Klotz am Bein haben, etw. am Bein haben zugrunde liegt und den Diskursbereich der Schwierigkeit/der schwierigen Lage mitgestaltet, wird die schwierigkeit ist eine last-Metapher angesehen. Als eine Strukturmetapher fügt sich diese Metapher in die leben ist ein weg-Metaphorik ein, eine Abstraktionsstufe höher fußt sie aber zugleich auf der Metapher schwierigkeit ist ein objekt. Beide konzeptuellen Metaphern können als Spezifizierung einer weitverbreiteten und einflussreichen ontologischen Metapher abstraktes ist ein objekt betrachtet werden, die die abstrakten, sinnlich nicht wahrnehmbaren und oft zusammengesetzten Konzepte ohne scharfe Grenzen wie z.B. Inflation (Beispiel von Lakoff/Johnson 2000: 35) oder eben Schwierigkeiten über den Rückgriff auf unsere Erfahrung mit materiellen Entitäten greifbar macht und konzeptualisieren hilft. Die Art und Weise, wie wir die Schwierigkeiten und andere abstrakte Begriffe konzeptualisieren, ist nämlich in vielen Fällen durch alltägliche, bereits in den ersten Lebensmonaten gemachte Erfahrung geprägt, die mit der Hantierung mit Gegenständen zusammenhängt. So wie Gegenstände können die Schwierigkeiten also in etwas liegen, weggeräumt, beseitigt, umgangen werden; groß oder klein sein, sie können einem gehören (meine, deine Schwierigkeiten), sind lokalisierbar (das Problem liegt darin, dass …) und quantifizierbar (viele, einige Schwierigkeiten), vgl. auch die typischen Verwendungsbeispiele:

schwierigkeit ist ein materielles objekt

jmdm. Schwierigkeiten bereiten, machen, in den Weg legen (DWDS-Wörterbuch182, Zugriff am 22.09.2017)

Schwierigkeiten beseitigen, umgehen, vermeiden, aus dem Weg räumen (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 22.09.2017)

ich sehe darin keine Schwierigkeit (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 22.09.2017)

es gab Schwierigkeiten mit der Behörde (DUW online, Zugriff am 19.10.2017)

daraus können uns Schwierigkeiten erwachsen (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 22.09.2017)

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da werden wir wohl Schwierigkeiten bekommen (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 22.09.2017)

er geht jeder Schwierigkeit aus dem Weg (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 22.09.2017)

die Schwierigkeit liegt darin, dass … (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 22.09.2017)

dabei sind große, ernste, unnötige Schwierigkeiten aufgetreten (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 22.09.2017)

Dementsprechend werden auch abstrakte Begriffe wie z.B. der alte große Kirchenstaat (vgl. Beleg 65), Modernisierung des Landes (66), die Verschuldung eines Sportvereins durch ein neues, kostspieliges Stadion (67), alte Auslandsschulden (68), politische Notfälle (73, 74), die von Natur aus eine komplexe, vielschichtige Struktur und keine scharfen Grenzen haben, als körperlich greifbare Objekte, die man tragen, aufbürden, auf sich nehmen, als Belastung empfinden kann, konzeptualisiert.

Die Tendenz, komplexe und abstrakte Angelegenheiten als hantierbare Objekte zu konzeptualisieren, ist für die menschliche Kognition kennzeichnend. Unterzieht man typische Wortverbindungen, in denen schwierige Fachbegriffe vorkommen, einer eingehenden Untersuchung, dann sind zahlreiche Belege für ihre Vergegenständlichung auffindbar. Das Wirtschaftswachstum kann beispielshalber so wie eine rollende Maschine verlangsamt, angekurbelt, angehalten, gebremst, beschleunigt werden:

wirtschaftswachstum ist ein objekt

wirtschaftswachstum ist eine maschine

Die schwache Konjunktur in Europa hat das deutsche Wirtschaftswachstum gebremst. (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 22.09.2017)

In der zweiten Jahreshälfte 2011 habe sich das Wirtschaftswachstum verlangsamt. (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 22.09.2017)

ein robustes Wirtschaftswachstum (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 22.09.2017)

ein langsameres Wirtschaftswachstum macht den Aktienmarkt anfälliger (DWDS, Zugriff am 22.09.2017)

Klar ist, dass ein Börsenkrach das Wirtschaftswachstum schwächt. (DWDS, Zugriff am 22.09.2017)

Gleichzeitig wurden Vorräte abgebaut, was mit minus 0,3 Prozentpunkten das Wirtschaftswachstum dämpfte. (DWDS, Zugriff am 22.09.2017)

Doch langsam drohen die hohen Preise, auf das Wirtschaftswachstum zu drücken. (DWDS, Zugriff am 22.09.2017)

Als physische Objekte werden auch mentale Zustände konzeptualisiert, so wie es bei Schuld der Fall ist. Schuld stellt in ihrem Wesen ein sehr komplexes Konzept, das viele Aspekte: Verantwortung, moralische und sittliche Gebote, Pflichtbewusstsein, Erkenntnis, einen Fehler begangen zu haben, Gewissensbisse, Reue umfasst. Das Konzept hat viele Facetten und keine scharfen Grenzen, seine Versprachlichung über die schuld ist ein objekt-Metapher ist so allgegenwärtig, dass die folgenden sprachlichen Manifestationen von den meisten Sprachteilhabern auf den ersten Blick wahrscheinlich gar nicht als metaphorisch empfunden werden:

←383 | 384→

schuld ist ein objekt

die Schuld liegt bei mir (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 18.10.2017)

er hat, trägt die Schuld an dem Unfall (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 18.10.2017)

sie trifft keine Schuld (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 18.10.2017)

wenig, viel Schuld haben (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 18.10.2017)

jmdm. die Schuld [an etw.] geben, zuschreiben (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 18.10.2017)

die Schuld auf sich nehmen (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 18.10.2017)

jmdm. die Schuld in die Schuhe schieben (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 18.10.2017)

die Schuld auf jmdn. abwälzen (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 18.10.2017)

Ebenfalls Vorgänge, Verfahren, Prozesse wie beispielshalber Gerichtsverfahren konzeptualisieren wir unter Rückgriff auf die abstraktes als objekt-Metapher.

ein vorgang/ein prozess/ein ereignis ist ein objekt

ein Verfahren anwenden (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 18.10.2017)

ein Verfahren erproben (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 18.10.2017)

den Prozess beschleunigen, hemmen, beobachten (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 18.10.2017)

ein leichter, schwerer Verlauf (einer Krankheit) (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 18.10.2017)

große, künftige Ereignisse werfen ihre Schatten voraus (Sprichwort: ‚Große Ereignisse sind an besonderen Anzeichen vorzeitig zu erkennen‘) (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 18.10.2017)

einen guten, glatten Verlauf nehmen (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 18.10.2017)

ein gerichtsverfahren, ein rechtsstreit ist ein objekt

eine drohende Gerichtsverhandlung vermeiden (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 18.10.2017)

ein schwerer Prozess (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 18.10.2017)

einen Prozess verlieren (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 18.10.2017)

ein kostspieliger, langwieriger, teurer Gerichtsprozess (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 18.10.2017)

Zahlreiche strukturelle Metaphern fußen also auf ontologischen Metaphern, während ontologische Metaphern und image schemas eine relevante Prämisse des holistischen Ansatzes der Kognitiven Linguistik – die Bedeutung ist embodied – vor Augen führen. Das konzeptuelle System, das für den konzeptuellen Pol einer sprachlichen Einheit eine integrale Basis darstellt, ist in der sehr weit gefassten körperlichen Erfahrung verankert und durch die Beschaffenheit unseres Körpers bedingt. Die ontologische abstraktes als objekt-Metapher bilden möglicherweise nur Wesen heraus, die Objekte hantieren können (z.B. Gliedmaßen haben), die körperliche Gebundenheit von images schemas beschreiben Johnson und Lakoff (2002) wie folgt:

… it is hard to imagine any creature with a body similar to ours, located within a gravitational field like the one we inhabit, that would not have some form of verticality schema, some form of balance schema, and some shared schemas of forceful interaction. (Johnson/Lakoff 2002: 251)

←384 | 385→

Damit sind die Bedeutungen in der tief liegenden Sphäre der sensomotorischen Erfahrung verankert, während konzeptuelle Metaphern, Metonymien, Metaphtonymien und Blendings auf diesen sensomotorischen Erfahrungen basieren und sie erweitern: Auf dem balance-image schema baut beispielsweise das Konzept der Gerechtigkeit auf, das Vorstellungsschema verticality liegt der an zahlreichen Stellen dieses Bandes beschriebenen Orientierungsmetapher gut ist oben, schlecht ist unten zugrunde. Das begriffliche Denken beginnt mit körperlicher Erfahrung, bezieht seine Bedeutungen aus körperlicher Erfahrung und ist – wenigstens teilweise – an die körperliche Erfahrung gebunden.

There is a level of physical interaction in the world at which we have evolved to function very successfully, and an important part of our conceptual system is attuned to such functioning. (Lakoff/Johnson 1999: 90)

Es besteht somit keine strikte Abgrenzung zwischen dem Körper und der Kognition: „we are always ‚in touch‘ with our world through our embodied acts and experience“ (Johnson/Lakoff 2002: 245).

Da der Körper und die verkörperte Erfahrung so relevante Rolle bei dem Zustandekommen von Bedeutungen spielen, kann es nicht wundern, dass somatische Phraseologismen – als lexikalisierte Metonymien und Metaphern mit einer Körperteilkonstituente – auf besonderes Interesse in der kognitiv ausgerichteten Forschung gestoßen sind. Im folgenden Exkurs werden skizzenhaft die Hauptrichtungen der phraseologischen Somatismen-Forschung dargestellt, danach wird in einer Pilotstudie aufgezeigt, wie das Bein in den phraseologisch gebundenen Bedeutungen konzeptualisiert wird.

Exkurs: Somatismen in der Phraseologie und in der Kognitiven Linguistik

Die Idiome: etw. am Hals haben, einen Klotz am Bein haben, jmdm. ein Bein stellen, Knüppel zwischen die Beine werfen stellen plakative Beispiele für eine viel diskutierte Gruppe der Phraseologismen – sog. Somatismen dar. Die Somatismen, d.h. Idiome mit wenigstens einer Körperteil-Konstituente (Burger 2015: 88), bilden seit Jahren einen der beliebtesten Forschungsbereiche innerhalb der Phraseologie und der Kognitiven Linguistik, was auf mehrere Gründe zurückzuführen ist:

Zum einen weisen Somatismen in der Phraseologie eine hohe Frequenz auf. Auf die starke Affinität der Körperbezeichnungen zur Verwendung als phraseologische Komponente machen sowohl Phraseologen (z.B. Fleischer 1982: 177) als auch Lexikographen (vgl. Schemann 1993: CIII) aufmerksam. In der bereits erwähnten Studie (Quasthoff/Schmidt/Hallsteinsdóttir 2010: 39–42) zu den häufigsten Substantiven in den Phraseologismen haben 21 Körperbezeichnungen und eine Körperflüssigkeit Blut in die Liste der 50 häufigsten Nomen geschafft: Auge (16)183, ←385 | 386→Augen (4), Beine (35), Blut (30), Finger (23), Fuß (36), Füßen (37), Gesicht (41), Hals (18), Hand (2), Hände (24), Händen (46), Haut (44), Herz (11), Herzen (45), Kopf (1), Mund (9), Nase (7), Ohr (33), Ohren (5), Rücken (32), Zunge (22).

Andersherum ist es anzumerken, dass Körperteile in der Alltagssprache relativ oft phraseologisch gebraucht werden: So stellen Staffeldt/Ziem (2010: 477) in einer repräsentativen Korpusuntersuchung (am Korpus COSMAS II) fest, dass es sich in 46 % des Finger-Vorkommens um einen phraseologischen Gebrauch handelt: In den untersuchten 921 Belegen ist die Körperbezeichnung Finger in 421 Belegen in Phraseologismen, in 446 Belegen frei, in 54 Belegen in Bezug auf die Musikinstrumente (seine Finger glitten über die Tasten, wirbelten über die Saiten, tanzten auf dem Klavier u.Ä.) verwendet. Der hohe Stellenwert der Somatismen in der phraseologischen und lexikographischen Forschung ist damit aus quantitativer Sicht begründet.

Zum anderen kommt den Somatismen auch in der kognitiv ausgerichteten Idiom-Forschung eine besondere Rolle zu, da hier der Zusammenhang zwischen Körper und Sprache evident wird. Idiome entstehen, um Benennungslücken zu ergänzen, wobei sprachliche Analogien zu Alltagsgegenständen, -erfahrungen und -begebenheiten gezogen werden. Auch wenn sich in diesem Alltag viele Körpererfahrungen der bewussten Reflexion entziehen, so ist die besondere Stellung des menschlichen Körpers als Ausgangs- und Bezugspunktes jeder Erfahrung offensichtlich: Der eigene Körper ist das uns vertrauteste Objekt, mit dem wir propriozeptisch im ständigen Kontakt bleiben und durch den wir die Umwelt bekunden: Alle äußeren Reize gelangen über den Körper in die Kognition, werden durch das Sieb der Sinnesorgane gefiltert.

Die zentrale Rolle des Körpers manifestiert sich in der Sprache: Zahlreiche abstrakte Zustände, Emotionen, Gefühle werden unter Rückgriff auf den Körper konzeptualisiert und versprachlicht. Wie Pajdzińska (1990: 61) feststellt, ist für einen durchschnittlichen Menschen der Mensch das Zentrum und das Maß aller Dinge, der phraseologische Bestand des Polnischen (auch des Deutschen, A. S.) ist durch den weitgehenden Anthropozentrismus gekennzeichnet. Die Annahme, dass sich körperliche und sensomotorische Erfahrungen in konzeptuellen Metaphern sedimentiert haben und figurative Bedeutungsverschiebungen maßgeblich durch körperliche Erfahrungen motiviert sind, ist für die Embodiment-Prämisse grundlegend. Kognition setzt physikalische Interaktion voraus. Zahlreiche abstrakte Konzepte sind in Körpererfahrungen verankert und ihre sprachlichen Manifestationen an die Körpererfahrungen gebunden: Die Phraseologismen als lexikalisierte, frequente und geläufige Metonymien und Metaphern eignen sich dabei zur Untersuchung der Verbindung Körper-Sprache hervorragend.

Die kognitiv ausgerichteten Untersuchungen zur Rolle einzelner Körperbezeichnungen in Phraseologismen erfolgen dabei in zwei Richtungen: Einerseits wird von einem abstrakten Konzept ausgegangen und gefragt, auf welche Art und Weise es in der Sprache konzeptualisiert wird. Hier findet man insbesondere in den Studien zur Konzeptualisierung der Emotionen (vgl. z.B. Bergerová 2011, Dobrovol’skij 1995b, Kövecses 1986, 1988, 1990, Pohl/Kaczmarek 2014, Ziem 2016) eine Anhäufung der Somatismen, zumal die Basisemotionen wie liebe, angst, wut, trauer weitgehend über die Beschreibung ihrer körperlichen Symptome zum ←386 | 387→Ausdruck gebracht werden. So steht z.B. in Idiomen etw. schnürt einem die Gurgel zu, jmds. Gurgel schnürt sich zusammen, eine Gänsehaut bekommen, in den Knien weich werden oder unter Zähneklappern ein Symptom, ein körperliches Erscheinungsbild einer Emotion angst pars pro toto für die Emotion.

←387 | 388→In anderen Studien wird semasiologisch vorgegangen, indem gefragt wird, welchen Referenzbereich eine Körperbezeichnung abdeckt. So untersuchen Kövecses und Szabó (1996) die sprachliche Einheit Hand im Englischen, Staffeldt und Ziem (2010) den Finger im Deutschen, Yu (2000, zit. nach Staffeldt/Ziem, 2010) die Hand im Chinesischen und Englischen. Die bisherigen Untersuchungen lassen schlussfolgern, dass die Bedeutungsverschiebungen einen systematischen Charakter haben.

Im Folgenden wird ein Versuch vorgenommen, in einer exemplarischen Studie festzulegen, wofür die sprachliche Einheit Bein in der phraseologisch gebundenen Bedeutung steht. Die Wahl dieser nominalen Konstituente für die Untersuchung ergibt sich aus einer relativ hohen Frequenz dieses Substantivs in der Phraseologismensammlung zu dem Diskursbereich der Schwierigkeit/der schwierigen Lage: Bein tritt beispielsweise in drei im Vorangehenden der detaillierten Analyse unterzogenen Phraseologismen: ein Bein stellen, Knüppel zwischen die Beine werfen, Klotz am Bein auf. Die empirische Grundlage der Untersuchung bilden 40 Phraseologismen mit Bein-Konstituente, die im DUW online (Zugriff 20.09.2017) unter dem Lemma Bein abrufbar sind. Das Ziel der Recherche liegt darin, das Bedeutungspotenzial der Konstituente Bein in diesen Phraseologismen herauszufinden, wobei in den Fokus des Interesses metonymische und metaphorische Derivationen von einer bestimmten Regelmäßigkeit gerückt werden. Die ermittelten Metonymien und Metaphern von einem systematischen, übergreifenden Charakter stellt die Tabelle 28 dar:

Tab. 28:Phraseologismen mit Bein-Konstituente und die konstituierenden und motivierenden konzeptuellen Metonymien und Metaphern.

1. bein steht für aktivität
1.1   bein steht für bewegung
sich die Beine vertreten ‚nach langem Sitzen ein wenig hin und her gehen184
viel auf den Beinen sein ‚viel unterwegs sein; [in einer Tätigkeit mit Stehen oder Umherlaufen] sehr beschäftigt sein‘
sich die Beine nach etw. ablaufen, abrennen, wund laufen/wundlaufen ‚in dauerndem Bemühen hinter einer Sache her sein, viele Gänge wegen etw. machen‘

sich die Beine abstehen; sich die Beine in den Leib/Bauch stehen ‚lange stehen und auf etw. warten müssen‘ jüngere Beine haben ‚besser als eine ältere Person laufen können‘
in die Beine gehen ‚1. die Beine schwer machen, belasten; die Beweglichkeit der Beine hemmen, 2. zum rhythmischen [Sich]bewegen, zum Tanzen anregen‘ von einem Bein aufs andere treten ‚ungeduldig warten müssen‘
←388 | 389→1.2   bein steht für flucht
jmdm. [lange] Beine machen ‚1. jmdn. fortjagen. 2. jmdn. antreiben, sich schneller zu bewegen‘ die Beine in die Hand/unter die Arme nehmen ‚ganz schnell [weg]laufen‘
1.3   auf den beinen sein steht für aktiv/in guter form sein
1.3.1   auf den beinen sein steht für gesund, fit sein/gesund, fit sein ist auf den beinen sein
wieder auf den Beinen sein ‚wieder [ganz] gesund sein‘

schwach auf den Beinen ‚1. nicht gesund, von (schwerer) Krankheit geschwächt. 2. unbewiesen, ungesichert‘
sich nicht [mehr]/kaum [noch] auf den Beinen halten können ‚vor Müdigkeit, Schwäche dem Umfallen nahe sein‘

[wieder] auf die Beine kommen ‚1. sich aufrichten, aufstehen. 2. [wieder] gesund werden. 3. wirtschaftlich wieder hochkommen, festen Fuß fassen‘
jmdm. auf die Beine helfen ‚1. einer gestürzten Person wieder aufhelfen.

2. jmdm. helfen, eine Schwäche oder Krankheit zu überwinden.

3. jmdm. finanziell helfen, damit er wieder wirtschaftlich vorankommt‘

jmdn. sich [wieder] auf die Beine bringen/stellen ‚ 1. jmdn. sich [wieder] aufrichten: ich stellte mich mühsam auf die Beine. 2. jmdn. sich [innerlich] stärken, wieder aufrichten‘
auf schwachen Beinen stehen ‚schwach, unsicher sein‘

*immer wieder auf die Beine fallen ‚aus allen Schwierigkeiten immer wieder ohne Schaden hervorgehen; nach der Beobachtung, dass Katzen bei einem Sturz meist auf die Beine fallen und sich deshalb nur selten Schäden zuziehen‘
1.3.2   auf den beinen sein steht für betriebsam sein/betriebsam sein ist auf den beinen sein
viel auf den Beinen sein ‚viel unterwegs sein; [in einer Tätigkeit mit Stehen oder Umherlaufen] sehr beschäftigt sein‘

auf den Beinen sein ‚draußen, auf der Straße sein‘ redensarten-index: den ganzen Tag/schon lange auf den Beinen sein ‚schon lange unterwegs, wach sein‘ (Zugriff am 19.10.2017)

jmdn. auf die Beine bringen ‚jmdn. herauslocken, zusammenbringen‘ Wahrig: ‚10.000 Mann auf die Beine bringen‘‚ redensarten-index: viele Leute auf die Beine bringen ‚viele Leute aufbieten, mobilisieren‘ (Zugriff am 19.10.2017)
1.3.3   auf den beinen sein steht für erfolgreich, finanziell unabhängig sein/erfolgreich, finanziell unabhängig sein ist auf den beinen sein
[wieder] auf die Beine kommen (s.o.)die Beine unter jmds. Tisch strecken ‚sich von jmdm. ernähren lassen; von jmdm. versorgt werden‘
jmdm. auf die Beine helfen (s.o.)auf eigenen Beinen stehen ‚selbstständig, unabhängig sein‘
etw. [wieder] auf die Beine bringen ‚etw. [wieder] in einen guten Zustand bringen‘etw. auf die Beine stellen ‚etw. in bewundernswerter Weise zustande bringen‘
1.4   belastetes bein steht für hemmung/schwierigkeiten, verbindlichkeiten sind belastetes bein

etw. noch am Bein haben ‚etw. noch bezahlen müssen, als Verpflichtung haben; nach dem früheren Brauch, sich kleine Lasten am Bein festzubinden‘
jmdm./sich etw. ans Bein hängen/binden ‚jmdm./sich etw. aufbürden und ihn, sie, sich dadurch in der Aktivität hemmen‘ etw. ans Bein binden ‚etw. darangeben, einbüßen; die Wendung meint eigentlich, dass etw., was man sich ans Bein bindet, nicht bis zum Herzen dringen kann, dass man sich also etw. nicht zu Herzen gehen lässt und es leicht verschmerzt‘
2. ein bein steht für ein hindernis
jmdm. ein Bein stellen ‚1. jmdn. durch Vorstellen eines Beines zum Stolpern bringen. 2. jmdm. durch eine bestimmte Handlung Schaden zufügen; jmdn. hereinlegen‘ein langes Bein machen ‚Fußball: den ballführenden Gegner durch einen Spreiz- oder Grätschschritt vom Ball zu trennen suchen‘ein/das Bein stehen lassen ‚Fußball: den ballführenden Gegner über ein Bein fallen lassen‘
3. zwei beine stehen für den ganzen menschen, die vollständigkeit ein bein steht für zerrissenheit, zwiespalt
mit beiden Beinen im Leben/[fest] auf der Erde stehen ‚Realist[in], Praktiker[in] sein; sich in jeder Lage zurechtfinden‘

auf einem Bein kann man nicht stehen ‚ein Glas Alkohol genügt nicht; bei der Aufforderung oder dem Wunsch, ein zweites Glas zu trinken‘
mit einem Bein im Gefängnis stehen ‚1. etw., was hart an der Grenze des Erlaubten ist, getan haben. 2. einen risikoreichen Beruf haben, bei dem eine Unachtsamkeit o.Ä. schwerwiegende Folgen hat, die einem eine Gefängnisstrafe einbringen kann‘mit einem Bein im Grab[e]; stehen ‚schwer krank oder in großer Gefahr sein‘
4. ein bein steht für einen menschen
kein Bein ‚kein Mensch‘      alles, was Beine hat ‚alle, die laufen können‘

←389 | 390→Die zu untersuchenden Phraseologismen mit Bein-Konstituente sind durch metonymische und metaphorische Bedeutungsverschiebungen motiviert, wobei die Ausgangsdomäne in dem verkörperten Wissen über das Bein, die mit dem Bein verbundenen Wahrnehmungen und seine Funktionen liegt.

1. Einen besonders relevanten Stellenwert für die Konzeptualisierung des Beines in der deutschen Phraseologie scheint der funktionale Aspekt zu haben. Bein steht hier für Aktivität und – in weiteren metaphorischen Bedeutungserweiterungen im Rahmen der Weg-Metaphorik (leben ist ein weg, die ziele im leben erreichen ist zu den zielen gehen) – für zielgerichtetes Handeln. Die verkörperte Erfahrung, die der Metonymie bein steht für aktivität zugrunde liegt, ist bei näherer Betrachtung offensichtlich: Im Gegensatz zu vielen Körperteilen und Sinnesorganen, die Wahrnehmungen passiv aufnehmen (Augen nehmen unwillkürlich wahr, was sich im Blickfeld befindet, Ohren leiten Geräusche ins Gehirn, die es in der Umgebung gibt usw.), charakterisieren sich die Gliedmaßen wie Beine und Hände durch Beweglichkeit und willkürliche Steuerung. Der umfassendsten Gruppe der Idiome mit Bein-Konstituente liegt folglich die bein steht für die aktivität-Metonymie mit verschiedenen Ausprägungen zugrunde:

1.1, 1.2 In Phraseologismengruppen 1.1 und 1.2 werden die körperlichen Aspekte in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt: Sowohl die Ausgangs- als auch die Zieldomäne liegen im körperlichen Bereich, hervorgehoben wird die Funktion der Beine, die hauptsächlich für das Gehen und Laufen stehen, der Einfluss der konzeptuellen Metonymie: mittel für handlung (means for action) ist hier evident. Beachtenswert ist, insbesondere bei den Phraseologismen der Flucht: lange Beine machen, die Beine unter die Arme nehmen, der Beitrag des mentalen Bildes zu der Konzeptualisierung: Je schneller ein Mensch läuft, desto mehr muss er die Beine in die Höhe reißen und ausstrecken; die Kurzstreckenläufer machen tatsächlich den Eindruck, als ob sie die Beine/Füße unter die Arme nähmen.

1.3 Metonymisch-metaphorische Derivationen konstituieren die phraseologischen Bedeutungen in der Gruppe 1.3: auf den beinen sein steht für aktiv/in guter form sein. Die Untergruppen, die hier ermittelt werden konnten, unterscheiden sich in dem Zielbereich, der in der ersten Untergruppe auf den beinen sein ist gesund/fit sein in der Domäne der Gesundheit, in der zweiten Untergruppe auf den beinen sein ist betriebsam sein in der Domäne der Bereitschaft und Betriebsamkeit, in der dritten, durch die Metapher auf den beinen sein ist erfolgreich/finanziell unabhängig sein geprägten Gruppe in der Domäne des finanziellen Erfolgs liegt. Beachtenswert ist die positive Konnotation des Beines, das für die Fortbewegung und Aktivität steht, die in unserem kulturellen Kreis mit Fortschritt, Energie, Tatkraft, Zielstrebigkeit assoziiert und als wünschenswert betrachtet werden, während man Passivität: Laufen- und Geschehen-Lassen, Teilnahmslosigkeit, Apathie eher negativ bewertet (vgl. folgende sprachliche Exemplifizierungen: Trägheit, Stockung, Stagnation, passive Handelsbilanz ‚Übergewicht der Einfuhr über die Ausfuhr‘, Leergang, Passiv wird bei Genera verbi anders als Leideform bezeichnet). ←390 | 391→Einen Beitrag zu Konzeptualisierungen leistet hier ebenfalls die konzeptuelle Orientierungsmetapher: gut ist oben, schlecht ist unten und verkörperte Erfahrung: Kranke, Schwache, wehrlose Menschen: Kleinkinder, Schlafende usw. sind nicht imstande, die stehende Position zu halten, die positive Wertung der mit Aktivität, Bereitschaft, Gesundheit, psychischer Stabilität und Erfolg assoziierten Aufrechtposition ergibt sich aus menschlicher Physiognomie.

Bei vielen Idiomen dieser Gruppe ist die Kontinuierlichkeit der Übergänge zwischen metaphorischen und metonymischen Verschiebungen gut ersichtlich. So weisen beispielshalber die Idiome wieder auf die Beine kommen, jmdm. auf die Beine helfen drei Teilbedeutungen auf, die als lexikalisierte Schritte einer metonymisch-metaphorischen Kette betrachtet werden können:

DUW: [wieder] auf die Beine kommen ‚1. sich aufrichten, aufstehen. 2. [wieder] gesund werden. 3. wirtschaftlich wieder hochkommen, festen Fuß fassen‘

DUW: jmdm. auf die Beine helfen ‚1. einer gestürzten Person wieder aufhelfen. 2. jmdm. helfen, eine Schwäche oder Krankheit zu überwinden. 3. jmdm. finanziell helfen, damit er wieder wirtschaftlich vorankommt‘

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1.4 An die bein steht für aktivität-Metonymie knüpfen ebenfalls die Phraseologismen der Gruppe 1.4 an, in denen das Bein als ein ungeeigneter Lastenträger konzeptualisiert wird. Der Motiviertheit der Idiome: etw. noch am Bein haben, sich/jmdm. etw. ans Bein binden/hängen liegen ähnliche kognitive Mechanismen zugrunde, die bei der Analyse des Idioms: Klotz am Bein185 im Vorangehenden beschrieben wurden: Bein steht hier für die Fortbewegung, Fortbewegung steht für Aktivität und Fortschritt; ein belastetes Bein steht also für Hemmung/Hindernis bei der Fortbewegung, Hemmung steht für (hauptsächlich finanzielle) Schwierigkeiten. Beachtenswert sind hier die fließenden Übergänge zwischen dem Literalen und dem Übertragenen, der Metonymie und der Metapher. Während bein steht für die fortbewegung wegen der konzeptuellen Nähe zwischen dem Körperteil und seiner Funktion als eine Metonymie betrachtet werden kann, ist die darauf aufbauende Derivation je nach dem konzeptuellen Abstand zwischen der Ausgangs- und der Zieldomäne sowohl als Metonymie: bewegung steht für aktivität und fortschritt, als auch als Metapher aktivität und fortschritt sind eine (vorwärts-)bewegung auslegbar.

fortbewegung steht für aktivität und fortschritt

die Schlange der Wartenden rückt nur langsam vor (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 18.10.2017)

die Zeiger der Uhr rücken immer weiter vor (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 18.10.2017)

die Truppen sind im Vormarsch (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 18.10.2017)

aktivität und fortschritt sind bewegung nach vorne/vorwärtsbewegung

eine weit vorangeschrittene Wissenschaft (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 18.10.2017)

der Bau des Hauses schritt schnell fort (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 18.10.2017)

in diesen Verhandlungen sind wir ein gutes Stück vorangekommen (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 18.10.2017)

er wollte in seinem Beruf, im Leben vorankommen (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 18.10.2017)

Seit der Bau unter Dach war, schritt er nur langsam voran (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 18.10.2017)

die Untersuchungen, Bauarbeiten gehen rasch, zügig, schleppend voran (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 18.10.2017)

Seit 1949 im Deutschen Bundestag, war ich auch in die vordere Linie der deutschen Politik vorgerückt. Brandt, Willy: Erinnerungen, Berlin: Ullstein 1997 [1989], S. 11 (DWDS, Zugriff am 26.10.2017)

Der Gedanke des sozialen Friedens ist wieder im Vormarsch (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 18.10.2017)

←392 | 393→

2. Die bein steht für aktivität-Metonymie mit allen weiteren Ausprägungen motiviert über die Hälfte der Phraseologismen mit der Bein-Konstituente. Die weiteren Gruppen sind durch wesentlich kleinere Anzahl der Phraseologismen vertreten. So umfasst die zu besprechende zweite Gruppe ein bein steht für ein hindernis lediglich drei idiomatische Einheiten. Die hier gesammelten Phraseologismen: das einer Analyse unterzogene Idiom jmdm. ein Bein stellen, sowie zwei Idiome aus der Fußball-Fachsprache: ein langes Bein machen, ein/das Bein stehen lassen heben andere Wissensaspekte hervor. Das Bein selbst stellt hier nämlich das Hindernis dar, das einem anderen Menschen – mehr oder weniger absichtlich – vorgehalten werden kann (zu weiteren Motiviertheitsmechanismen vgl. das Kap. 4.2.2.1.1.2.1).

3. Grundlegend für die dritte Phraseologismengruppe ist das Wissen, das ein Mensch ein zweibeiniges Wesen ist und beide Beine zum richtigen Funktionieren braucht. Dieses Wissen ist selbstverständlich embodied: Wenn man auf beiden Beinen steht, steht man sicher, erschütterungsfest, stabil, das Stehen auf einem Bein erfordert Konzentration, ist naturwidrig, das Sturzrisiko ist groß. Dementsprechend wird die Wortverbindung mit beiden Beinen als ‚vollständig, gut etabliert‘ konzeptualisiert, mit einem Bein bringt dagegen eine innere Aufspaltung, Zerrissenheit zum Ausdruck. Beachtenswert ist dabei, dass die Phraseologismen mit einem Bein im Gefängnis stehen, mit einem Bein im Grab[e]; stehen einen konstruktiven Charakter haben: Die kurze Übersicht der DWDS-Belege lässt schlussfolgern, dass Grab und Gefängnis/Knast als Idiom-Konstituenten in synchronem Gebrauch keinesfalls stabil sind. Mit einem Bein kann man demzufolge beispielsweise auch im Berufsleben, im Mittelalter, im vorigen Jahrhundert, im Jazz der Bebop-Ära, auf der Seite des Leidens, im Osten, auf der Straße stehen. An dieser Stelle kann man also von einem phraseologischen Muster/einer Modellbildung sprechen (Burger 2015: 54), oder – aus konstruktionsgrammatischer Sicht – von einer Konstruktion.

4. In der letzten, zwei Phraseologismen umfassenden Gruppe ist die phraseologische Lesart durch die Spezifizierung der konzeptuellen pars-pro-toto-Metonymie: ein bein steht für einen menschen motiviert.

Die übrig gebliebenen sechs Phraseologismen aus der dieser Untersuchung zugrunde liegenden Zusammenstellung weisen keine übergreifenden Gemeinsamkeiten auf. Das metonymisch motivierte (teilhandlung steht für die handlung) Idiom die Beine breit machen ‚salopp: [von Frauen] Geschlechtsverkehr ausüben‘ ist euphemistisch; im spezialisierten und auf den Fußball eingeschränkten Phraseologismus [nur] ein linkes, rechtes Bein haben ‚nur mit dem linken, rechten Bein richtig schießen können‘ steht das Bein metonymisch für Schusskraft, Beine bekommen/gekriegt haben ‚ugs. plötzlich abhandengekommen oder gestohlen worden sein‘ ist durch einen ironischen Gebrauch einer anthropomorphen Metapher motiviert, in der einem Gegenstand menschliche Attribute zugeschrieben werden. Das Idiom: mit dem linken Bein zuerst aufgestanden sein ‚schlechter Laune sein, an ←393 | 394→allem etwas auszusetzen haben‘ ist durch die symbolische Bedeutung des Adjektivs ‚links‘ und der ‚linken Seite‘ im abendländischen Kulturkreis motiviert. Das Idiom sich kein Bein ausreißen ‚ugs. sich [bei der Arbeit] nicht besonders anstrengen‘ stellt ein Beispiel einer Hyperbel dar: Der Beitrag der bein steht für aktivität-Metonymie ist hier nicht auszuschließen, den ermittelten systematischen Ausprägungen dieser Metonymie in vorliegender Zusammenstellung lässt sich das Idiom aber nicht zuordnen.

4.2.2.1.3 Schwierige Lage ist räumliche Beschränktheit

jmdn. in die Enge treiben, jmdn. an die Wand drücken

Die zu besprechenden Idiome lassen sich im Allgemeinen der Weg-Metaphorik mit leitenden konzeptuellen Metaphern: leben ist ein weg, schwierigkeiten sind verhinderungen der (vorwärts-)bewegung zuordnen. Während aber den bisherigen Idiomen als Ausgangspunkt der Konzeptualisierung die konzeptuellen Metaphern: schwierigkeiten sind hindernisse auf dem weg (unsicherer boden, hindernisse, die einen zum fall bringen) zugrunde liegen, ist bei Idiomen jmdn. in die Enge treiben, jmdn. an die Wand drücken die konzeptuelle Metapher: schwierige lage ist räumliche beschränktheit richtungsweisend, auch wenn Interaktionen mit anderen konzeptuellen Metaphern keinesfalls ausgeschlossen sind.

Möglicherweise haben die Idiome jmdn. in die Enge treiben, jmdn. an die Wand drücken eine gemeinsame Motiviertheitsbasis, die auf eine Jagd, Schlacht bzw. ein Duell zurückzuführen ist: Eine der bewährtesten Strategien im Zweikampf liegt nämlich darin, dass man den Gegner in einen seitlich eingeschränkten Raum (in eine Ecke, in einen Kessel) hineintreibt, von wo her er nicht mehr fliehen kann. Das Gefühl des Eingeschlossenseins hat weitreichende Folgen für die Psyche des Betroffenen, weswegen das Idiom aufgrund der körperlichen Verankerung ebenfalls synchron nachvollziehbar ist. Das Wort Enge löst in erster Linie negative Assoziationen aus, wovon z.B. die frequentesten computergenerierten typischen Verbindungen zu diesem Nomen zeugen: bedrückende, beklemmende, drangvolle, klaustrophobische, kleinbürgerliche, provinzielle, qualvolle, räumliche [Enge], [der Enge] entfliehen, [in die Enge] treiben (DWDS, Zugriff am 07.04.2017).

4.2.2.1.3.1 in die Enge treiben

Lexikographisch erfasste Varianten:

Modifikationen: sich in die Enge getrieben fühlen, sich in die Enge getrieben finden

←394 | 395→Darstellung in lexikographischen Nachschlagewerken

Tab. 29:Das Idiom in die Enge treiben in allgemeinen und phraseologischen Wörterbüchern des Deutschen.

WörterbuchtypWörterbuchLexikographische Darstellung
allgemeinduw 2006jmdn. in die Enge treiben (durch Fragen, Drohungen o.Ä. in Bedrängnis bringen)
duw onlinejemanden in die Enge treiben (durch Fragen, Drohungen o.Ä. in Bedrängnis bringen) (letzter Zugriff am 31.03.2017)
wahrig 2007jmdn. in die Enge treiben jmdm. alle Auswege versperren; 〈fig.〉 alle Ausflüchte, jegliche Ausreden widerlegen
phraseologischduden 11jmdn. in die Enge treiben: jmdn durch Fragen, Drohungen o.Ä. in Bedrängnis bringen: Der Staatsanwalt trieb den Angeklagten in die Enge. Die Lehrerin geriet in Verlegenheit, als sei sie in die Enge getrieben und müsse sich herausreden (Th. Mann, Zauberberg 192)♦ Die Wendung bezieht sich in ihrer Bildlichkeit darauf, dass man früher beim Kampf den Gegner gegen die Wand oder in die Ecke zu treiben versuchte, um seine Bewegungsfreiheit einzuschränken und ihm die Möglichkeit zur Flucht zu nehmen. (2011: 196)
schemann 2011jmdn. in die Enge treibenEr behauptete immer wieder, er sei unschuldig. Doch als ihn der Anwalt der Gegenseite mit gezielten Fangfragen in die Enge trieb, blieb ihm nichts anderes üblich als zuzugeben, dass er den Diebstahl begangen hatte. (2011: 162)
redensarten-indexjemanden in die Enge treiben ‚jemanden einschüchtern/in Bedrängnis/Verlegenheit bringen‘Die „Enge“ ist eine Falle, in die das Wild bei der Jagd getrieben wurde, um es leichter zu erlegen (letzter Zugriff am 31.03.2017)
müller 2005jmdn. in die Enge treiben jmdn. einschüchtern, jmdn. in eine wehrlose Lage bringen [Einschüchterung]„Laß dich nicht von deinem Bruder so in die Enge treiben! Schließlich habt ihr beide Anspruch an diese Erbschaft!“Die „Enge“ ist eine Falle, in die das Wild bei der Jagd getrieben wurde, um es leichter zu erlegen. Vgl.: jmdn. ins Bockshorn jagen. (2005: 110)
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Korpusgestützte Analyse anhand der DWDS-Korpora186

Das Idiom in die Enge treiben wird vorwiegend in Passiv bzw. passivähnlichen Konstruktionen verwendet, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit befindet sich somit nicht das Agens und seine potenziellen Bewegungsgründe, sondern der Zustand des Betroffenen. Das Agens tritt in den meisten Gebrauchsbelegen in den Hintergrund und wird explizit nicht genannt. Die Bedeutung des Idioms jmdn. in die Enge treiben lässt sich pauschal mit der Bedeutungsparaphrase ‚jmdn. in eine schwierige, ausweglose Lage bringen‘ umschreiben. Diese Bedeutungsparaphrase deckt das semantische Spektrum aller Belege ab, die zwei Verwendungsprofile, die aus der Analyse der einzelnen Belege ermittelt wurden, differieren in Bezug auf den üblichen Verwendungsbereich. Während die Enge in dem ersten Verwendungsprofil auf eine weit gefasste Beschränkung der Bewegungs-, Entscheidungs- und Handlungsfreiheit, auf eine schwierige Lebenslage referiert, bezieht sich die zweite Teilbedeutung auf eine Spezifizierung dieser allgemeinen Situation – die Notlage eines Gesprächspartners in einer verbalen Auseinandersetzung. Die korpusbasierte semantische Analyse lässt dabei auf einen sich vollziehenden Bedeutungserweiterungsprozess schlussfolgern: Der in den lexikographischen Nachschlagewerken (vgl. DUW online, Duden 11, Wahrig 2007) vorausgesetzte und mit den Ergänzungen ‚durch Fragen, ←396 | 397→Drohungen‘ zum Ausdruck gebrachte verbal-argumentative Verwendungsbereich kommt in 17 von 40 Gebrauchsbelegen vor, in den übrig gebliebenen 23 Kontexten werden die Verwendungsmöglichkeiten des Idioms auf andere Bereiche erweitert.

Verwendungsprofil 1: ‚jmdn. in seiner Bewegungs- und Handlungsfreiheit beschränken, in eine ausweglose Lage bringen, in der er sich unter Druck gesetzt fühlt‘ (23 Belege)

Das mit den meisten Belegen vertretene Verwendungsprofil referiert auf die Beschränkung des Patiens in seiner Bewegungs-, Entscheidungs- und/oder Handlungsfreiheit. Im erstgenannten, insgesamt vier Belege umfassenden Fall wird unter der Enge vor allem die räumliche Beschränkung verstanden. Die Belege beziehen sich auf die bedrängte Lage der Tiere, der Truppen oder einer Schachfigur, vgl. z.B.:

(82) Richtig gefährlich sind die Tiere nur bis zu sechs Wochen nach dem Wurf von Frischlingen, die im November/Dezember gezeugt werden und genau drei Monate, drei Wochen und drei Tage später zur Welt kommen. „Aber wenn sie sich in die Enge getrieben fühlen, können auch Keiler schon mal in die menschliche Wade beißen“, warnt Wehner. Gefährlicher sei aber die Bache. Berliner Zeitung, 13.07.1999

In weiteren Gebrauchskontexten liegt eine metaphorische Verschiebung vor. Die Enge bezieht sich hier eher auf den psychologischen Bereich, die Einschränkung des Patiens in seiner Handlungsfreiheit. Dabei sind die Grenzen zwischen dem konkreten Bereich der tatsächlichen oder gespürten körperlichen Einsperrung und dem abstrakteren Bereich des eingeschränkten Entscheidungs- und Handlungsspielraums und der dabei empfundenen Beklemmung verschwommen. So kann das zu besprechende Idiom im folgenden Gebrauchsbeleg sowohl als tatsächlicher Mangel am Platz auf Gehwegen, als auch als psychische Empfindung einer durch Bedrängnis hervorgerufenen Verunsicherung, einer Bedrohung ausgelegt werden:

(83) Vielen Radfahrern ist es auf der Straße zu unsicher. Deshalb weichen sie auf Gehwege aus. Da sind sie unangreifbar, und das merkt man ihnen an. Immer häufiger fühlen sich Fußgänger von rücksichtslosen Raser-Radlern genötigt und in die Enge getrieben. Immer mehr werden auch verletzt. Der Tagesspiegel, 03.04.2005

Fließende Übergänge sind ebenfalls in den folgenden Belegen feststellbar, die sich auf den psychischen Zustand eines – körperlich in seiner Bewegungs- und Handlungsfreiheit eingeschränkten – Menschen beziehen, dem alle Fluchtwege versperrt worden sind:

(84) Das Tatmotiv werde weiter im Umfeld des Mannes ermittelt, hieß es. Die Ermittler gehen davon aus, dass der psychisch labile Michael Berger sich in der Polizeikontrolle in die Enge getrieben fühlte und durchdrehte. Nach den Todesschüssen auf die Polizisten in Dortmund und Waltrop richtete sich der 31-Jährige am Mittwoch selbst. Berliner Zeitung, 17.06.2000

(85) Hitlers maßloser Argwohn, seine niedere Rachsucht, sein ungehemmter Haß, seine kaltherzige Menschenverachtung brachen in einem einzigartigen Wutanfall ←397 | 398→hervor, der seinen eigenen Bankrott, sein eigenes Versagen nur schlecht verhehlen konnte. In die Enge getrieben, wählte Hitler den Freitod, den er Tage zuvor noch als verantwortungslos gebrandmarkt hatte. Er war entschlossen, sich dem Zugriff seiner Feinde und seinen irdischen Richtern zu entziehen. Die Zeit, 26.07.1968

(86) Jetzt ist der mutmaßliche Mörder des italienischen Modeschöpfers Gianni Versace, der 27-jährige Andrew Cunanan, tot. Er hat sich wahrscheinlich selbst erschossen, als er in die Enge getrieben wurde. Seine Leiche wurde in einem Hausboot in Miami Beach gefunden, das dem Deutschen Torsten Reineck gehört. Der Tagesspiegel, 25.07.1997

Eine deutliche metaphorische Übertragung aus dem körperlichen in einen abstrakten Bereich liegt in den Belegen vor, die auf wirtschaftliche Lage eines Unternehmers oder Unternehmens referieren und als deutliche Einschränkung der Handlungsfreiheit interpretiert werden können:

(87) „Es wird für ein solches Projekt keine Mittel von unserer Zentrale in Frankfurt geben. Seit die Bahn eine Aktiengesellschaft geworden ist, werden wir wirtschaftlich noch mehr in die Enge getrieben“, machte Wilfried Kuhl, verantwortlich für den Bereich Elektrotechnik in Berlin, vor dem Umweltausschuß klar. Das Geld müsse von der Bundesregierung kommen. Berliner Zeitung, 18.01.1995

(88) Das Wort vom unabwendbaren Konkurs des Vereins schwebt ständig über dem kickenden Personal. Immer neue Zahlungsforderungen zahlreicher Gläubiger, die auch dem Vertragspartner und Sponsor Nike bei dessen Engagementbeginn im Frühjahr 1997 bei Union nicht vollständig bekannt waren, treiben Union in die Enge „So kann ich nicht weiterarbeiten“, klagt Heine, „ich fordere jeden Tag von meinen Spielern, daß sie alles für den Verein geben sollen, daß sie die Sorgen hintenanstellen“. Berliner Zeitung, 20.09.1997

Die Bedeutungskonstituierungsmechanismen lassen sich auf zwei Ebenen ansiedeln (Abb. 72).

Die erste Ebene wird grundsätzlich durch zwei Gruppen der konzeptuellen Metaphern konstituiert, die sich dennoch an vielen Punkten verzahnen. Richtungsweisend für die Konzeptualisierungen sind einerseits die bereits diskutierten konzeptuellen Metaphern leben ist ein weg, schwierigkeiten sind verhinderungen der bewegung, andererseits taucht eine neue Metapher raum ist gut, enge ist schlecht auf. die konzeptuelle Metapher von niedrigerem Generalitätsgrad: schwierige lage ist räumliche begrenztheit liegt auf dem Schnittpunkt zwischen den beiden Metaphern.

Die raum ist gut, enge ist schlecht-Metapher ist in der Sprache weitverbreitet. Die Weite und Größe haben die Menschen seit Urzeiten beeindruckt, darüber hinaus brauchen alle Lebewesen (Menschen, Pflanzen, Tiere) Raum, um sich entfalten zu können. Raum wird also mit Luft, Entwicklung, Möglichkeiten assoziiert:

←398 | 399→

raum ist gut, enge ist schlecht

engstirnig, schmalspurig, kleindenkend sein

(an) Boden gewinnen ‚sich ausbreiten, zunehmen‘ (DUW online, Zugriff am 26.10.2017)

(an) Boden verlieren ‚Macht, Einfluss verlieren‘ (DUW online, Zugriff am 26.10.2017)

eine weitblickende Entscheidung ‚eine künftige Notwendigkeiten einkalkulierende Entscheidung‘ (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 26.10.2017)

unter Druck stehen (DUW online, Zugriff am 26.10.2017)

jmdn. unter Druck setzen ‚bedrängen‘ (DUW online, Zugriff am 26.10.2017)

mit etw. in Druck (‚Bedrängnis‘) kommen, geraten (DUW online, Zugriff am 26.10.2017)

einer Sache Raum geben ‚etw. sich entfalten, sich entwickeln lassen‘ (DUW online, Zugriff am 26.10.2017)

einen engen/weiten Horizont haben (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 26.10.2017)

das Lesen von Büchern erweitert den Horizont (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 26.10.2017)

das geht über seinen Horizont ‚übersteigt seine intellektuelle Kraft, sein Verständnis‘ (DUW online, Zugriff am 29.07.2017)

←399 | 400→

seine gedankliche Weite ‚sein vieles umfassendes Denken‘ (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 26.10.2017)

Entscheidungsspielraum, Ermessensspielraum, Handlungsspielraum

sich etwas Luft verschaffen ‚Bewegungsfreiheit für seine Handlungen‘ (DUW online, Zugriff am 29.07.2017)

in etw. ist noch Luft [drin] ‚bei etw. gibt es noch einen Spielraum zum Manövrieren, noch eine bestimmte Handlungsfreiheit o.Ä.‘ (DUW online, Zugriff am 29.07.2017)

der Spielraum verengte sich ‚verringerte sich‘ für sie (DUW online, Zugriff am 28.07.2017)

alle anderen in den Kasten stecken ‚alle andere übertreffen, überbieten‘ (redensarten-index, Zugriff am 20.10.2017)

Leicht ausfindig sind, ebenfalls im phraseologischen und Wortbildungsbereich, die sprachlichen Exemplifizierungen der Metapher schwierige lage/schwierigkeit ist räumliche beschränktheit:

schwierige lage/schwierigkeit ist räumliche beschränktheit

Engpässe in einigen Teilen der Wirtschaft (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 06.04.2017)

Man versucht, durch gegenseitige Unterstützung durch das Nadelöhr zu gelangen. Die Zeit, 13.08.2003 (DWDS, Zugriff am 06.04.2017)

Die Hardware wird immer schneller, und das ist schön, aber der eigentliche Flaschenhals ist die Software. C't, 1996, Nr. 11 (DWDS, Zugriff am 06.04.2017)

Geldströme sind das nicht, sie müssen immer durch leicht beherrschbare Engstellen. Die Zeit, 14.08.2013 (DWDS, Zugriff am 06.04.2017)

Dieses Projekt musste schon in den Anfängen steckenbleiben (= aufgegeben werden) (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 06.04.2017)

Er befand sich (wirtschaftlich) in arger Bedrängnis, er lebt in großer (innerer) Bedrängnis, in der Bedrängnis seines Herzens bat er sie um Rat (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 06.04.2017)

Tiefe Beklemmung beschlich uns (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 06.04.2017)

von einem Albdruck befreit sein (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 06.04.2017)

ins Gedränge kommen, jmdn. ins Gedränge bringen

[mit etw.] ins Gedränge kommen/geraten ([mit etw.] in [zeitliche] Schwierigkeiten, in Bedrängnis kommen; ursprünglich vom Gedränge im Kampf‘ (DUW online, Zugriff am 25.10.2017)

jmdn. ins Bockhorn jagen, sich [nicht] ins Bockshorn jagen lassen, (umgangssprachlich: sich [keine] Angst machen lassen, sich durch Täuschung o.Ä. [nicht] erschrecken und verwirren lassen‘ (DUW online, Zugriff am 25.10.2017)

in einer (richtigen/…) Zwickmühle stecken; sich in einer richtigen Zwickmühle befinden; in eine Zwickmühle geraten ‚schwierige, verzwickte Lage, aus der es keinen Ausweg zu geben scheint‘ (DUW online, Zugriff am 25.10.2017)

in eine Sackgasse geraten/sich in eine Sackgasse verrennen/in einer Sackgasse stecken ‚nicht mehr zurückkönnen; keinen Ausweg mehr haben‘ (redensarten-index, Zugriff am 25.10.2017)

mit dem Rücken zur Wand stehen ‚in einer äußerst schwierigen Situation sein, in einer Lage, in der sich jd. energisch wehren, verteidigen muss‘ (DUW online, Zugriff am 29.07.2017)

←400 | 401→

Den kontinuierlichen Übergängen aus dem Bereich der körperlichen Einengung in den Bereich der in der Wirklichkeit vorhandenen oder subjektiv empfundenen Beraubung von Entscheidungs- und Handlungsfreiheit liegt die in der körperlichen Erfahrung des Menschen tief verankerte konzeptuelle Metaphtonymie bewegungseinschränkung steht für handlungseinschränkung/handlungseinschränkung ist bewegungseinschränkung zugrunde. An dieser Stelle wird eine Metaphtonymie angenommen, weil der konzeptuelle Abstand zwischen den beiden Erfahrungsbereichen: der Domäne der Einschränkung der körperlichen Bewegung und der Domäne der weit verstandenen Handlungseinschränkung in den einzelnen Kontexten sehr unterschiedlich sein kann. Wie die Belege (83)–(88) veranschaulichen, sind hier vielfältige Verzahnungen möglich. Als weitere sprachliche Manifestationen können folgende Ausdrücke angeführt werden:

bewegungseinschränkung steht für handlungseinschränkung/

handlungseinschränkung ist bewegungseinschränkung

jmdm. sind die Hände gebunden ‚jd. kann nicht so handeln oder entscheiden, wie er möchte, weil seine Handlungs-, Entscheidungsfreiheit durch bestimmte äußere Umstände entscheidend eingeengt ist‘ (DUW online, Zugriff am 05.10.2017)

jmdm. in den Arm fallen ,jmdn. an etw. hindern‘ (DUW online, Zugriff am 05.10.2017)

freie Hand haben ‚tun können, was man will‘ (DUW online, Zugriff am 05.10.2017)

jmdm. freie Hand geben ‚es jmdm. erlauben, nach eigenem Ermessen zu handeln‘ (redensarten-index, Zugriff am 25.10.2017)

sich/jmdm. etw. ans Bein binden ‚sich/jmdm. etw. (z.B. Arbeit) aufhalsen; sich etw. aufbürden; auf jmdn. Arbeit/Verantwortung/Schuld abwälzen‘

etw. am Bein haben ‚verpflichtet/eingebunden sein‘ (redensarten-index, Zugriff am 09.04.2017)

ich sitze mit diesem Problem fest ‚finde keine Lösung‘ (übertragen von das Schiff saß auf der Sandbank fest) (DUW online, Zugriff am 09.04.2017)

Bei der Bedeutungskonstituierung vieler Gebrauchsbelege hat ebenfalls die metaphorische Verschiebung der nominalen Konstituente Enge auf der zweiten Ebene ihren Anteil. Die ursprüngliche Bedeutung des Platzmangels, der Raumnot wird in abstraktere Domänen der psychischen Empfindung von Beengtheit übertragen. Die Übergänge zwischen dem Bereich des Körperlichen und dem Bereich des Psychischen sind dabei kontinuierlich: Sowohl die Tiere aus dem Beleg (82) als auch der von der Polizei kontrollierte Mann aus dem Beleg (84) sind gleichzeitig in der Bewegungsfreiheit eingeschränkt und – in ihrer subjektiven, nicht unbedingt den Tatsachen entsprechenden Empfindung – gefährdet, ihrer Freiheit, Eigenständigkeit, Selbstbestimmung beraubt. Die negativen Assoziationen zur Enge sind embodied, tief in der körperlichen Erfahrung verankert und beziehen sich zugleich auf die äußeren Umstände und die inneren Empfindungen: Einerseits lösen enge Räume bei vielen Menschen Klaustrophobie und Angst vor Ersticken aus, andererseits verspürt man in extremen Stresssituationen, unter psychischen Belastungen krampfhafte Verspannungen der Muskeln, die zur Luftknappheit führen und sich wie ein enger Panzer um ←401 | 402→die Brust legen (vgl. jmdm. die Kehle zuschnüren). Angst vor Beengtwerden, Luftnot und Ersticken werden dann auf politische, wirtschaftliche u.Ä. Situationen projiziert.

Verwendungsprofil 2: (in einer verbal-argumentatorischen Auseinandersetzung): ‚jmdm. mit gezielt gestellten Fragen zusetzen, jmdn. mit Argumenten und Fragen in eine schwierige, ausweglose Situation bringen, in der er die Überlegenheit des Interlokutors anerkennen muss‘ (17 Belege)

Das zweite Verwendungsprofil stellt eine Spezialisierung der bereits besprochenen Bedeutung dar und lässt sich mit ähnlicher Bedeutungsparaphrase ‚jmdn. in seiner Freiheit beschränken, in eine ausweglose Lage bringen, in der er sich nicht verteidigen kann, unter Druck gesetzt wird‘ umschreiben. Der grundlegende Unterschied liegt dennoch darin, dass sich diese Bedeutung ausschließlich auf verbale Auseinandersetzungen, Diskussionen oder Debatten bezieht. Auf diesen spezialisierten Verwendungsbereich wird in manchen Belegen explizit hingewiesen:

(89) Die Absicht Jesu bei Vorlegung dieser Frage war, den Pharisäern zu zeigen, dass auch er, was sie früher gegen ihn versucht hatten, im Stande sei, sie durch verfängliche Fragen in die Enge zu treiben, und zwar mit besserem Erfolg als sie. Strauß, David Friedrich: Das Leben Jesu, kritisch bearbeitet. Bd. 1. Tübingen, 1835.

(90) Damit war meine gestrige Gesellschaft durchaus nicht einverstanden, und man versuchte mich mit vielen Fragen in die Enge zu treiben. Aber dann mache ich mir's bequem und verstumme. Reventlow, Franziska Gräfin zu, Von Paul zu Pedro, in: Deutsche Literatur von Frauen, Berlin: Directmedia Publ. 2001.

(91) Die Briten sehen in ihm den harten Mann, dem Kritik und Spott näher liegen als die Entwicklung von Zukunftsvisionen, die Blair so gern und farbenfroh ausmalt. Wieder und wieder treibt Howard im parlamentarischen Zweikampf seinen Gegner mit messerscharfer Logik, triumphierender Stimme und höhnischem Gesichtsausdruck in die Enge. In der öffentlichen Wahrnehmung gereicht ihm das nicht gerade zum Vorteil. Der Tagesspiegel, 01.05.2005

oder ist aus dem allgemeinen Wissen inferierbar:

(92) Beim letzten Prozeßtermin mußte Dat noch ohne den Beistand seiner Rechtsanwältin auskommen. Prompt hatte Hans-Joachim Henschke, Verteidiger eines der Polizisten, den Vietnamesen in die Enge getrieben. Zum gestrigen zweiten Prozeßtag brachte Dat nun gleich zwei Anwälte mit. Berliner Zeitung, 25.11.1994

Die Bedeutungskonstituierungsmechanismen ähneln dementsprechend der bereits besprochenen Bedeutung, die erste Ebene wird durch die genannten konzeptuellen Metaphern und Metaphtonymien mitgestaltet. Neu ist allerdings die konzeptuelle Metapher argumentieren ist krieg, die sich – von Lakoffs/Johnsons (2000 [1980]: 12, vgl. Kap. 2.3.3) Exemplifizierungen abegesehen – in folgenden Ausdrücken niederschlägt:

argumentieren ist krieg

Gegenargumente

der parlamentarische Zweikampf (vgl. Gebrauchsbeleg 91)

←402 | 403→

Wortgefecht

Rededuell

etw. in die Debatte werfen

in eine Debatte eingreifen

gewichtige Argumente waren ihr ausgegangen

Argumente für/gegen etw. vorbringen, vortragen

Auf der zweiten Ebene referiert die Enge auf eine bestimmte Art der Beschränkung von Entscheidungs- und Handlungsfreiheit, die als ‚argumentative Verunsicherung in einem Gespräch‘ bezeichnet werden kann.

4.2.2.1.3.2 jmdn. an die Wand drücken

Lexikographisch erfasste Varianten: jmdn. an die Wand drängen, jmdn. gegen die Wand drücken, jmdn. an die Wand spielen

←403 | 404→Modifikationen: sich an die Wand drücken lassen, sich an die Wand gedrückt fühlen, sich an die Wand gedrückt sehen

Darstellung in lexikographischen Nachschlagewerken

Tab. 30:Das Idiom an die Wand drücken in allgemeinen und phraseologischen Wörterbüchern des Deutschen.

WörterbuchtypWörterbuchLexikographische Darstellung
allgemeinduw 2006jmdn. an die Wand drücken (ugs.; einen Konkurrenten o.Ä. rücksichtslos beiseite-, in den Hintergrund drängen)
duw onlinejemanden an die Wand drücken (umgangssprachlich: einen Konkurrenten o.Ä. rücksichtslos beiseite-, in den Hintergrund drängen) (letzter Zugriff am 27.10.2017)
wahrig 2007jmdn. an die Wand drücken 〈fig.〉 jmdn. in seinem Wirken behindern, nicht zu Wort kommen lassen, indem man sich selbst hervortut
phraseologischduden 11jmdn. an/gegen die Wand drücken (ugs.): jmdn. in den Hintergrund drängen: Sie war eine Regisseurin, die sich von keinem Intendanten gegen die Wand drücken ließ. Den steckte er, was politisches Wissen betraf, in die Tasche; den drückte er auch als Redner glatt an die Wand (Bredel, Väter 89). (2011: 842)
schemann 2011jmdn. an die Wand drücken/(drängen) ugs – path1. Der Erich Kaufmann kann sich überhaupt gar nicht einordnen! Er versucht ständig, die anderen an die Wand zu drücken. Nur er zählt, sonst keiner! – Starallüren! Solche Leute wie er vertragen niemanden neben sich; für sie bilden andere nur die Kulisse …2. Vgl. – jmdn./etw. in den Hintergrund drängen (1)Im vergangenen Jahr sah es so aus, als ob der Kahl Kanzlerkandidat würde; aber inzwischen hat ihn der Stross völlig in den Hintergrund gedrängt. Von dem Kahl redet kein Mensch mehr. (2011: 936)
redensarten-indexjemanden an die Wand drücken/spielen jemanden verdrängen/ausschalten; überlegen sein; gewinnen; siegen (letzter Zugriff am 27.10.2017)
müller 2005jmdn. an die Wand drücken jmdn. so verdrängen, daß man davon profitiert [Bedrängung]„Mit diesem neuen Produkt drängen wir die Konkurrenz an die Wand!“ (2005: 648)
←404 | 405→

Korpusgestützte Analyse anhand der DWDS-Korpora187

Das zu besprechende Idiom kann in eine Reihe fester Wortverbindungen mit der Komponente Wand eingeordnet werden, in denen die Wand negativ konnotiert ist. So wird das Idiom jmdn. an die Wand spielen im DUW online (Zugriff am 19.04.2017) mit Bedeutungsparaphrasen: ‚1. jmdn. durch größeres Können [besonders als Schauspieler, Sportler] überflügeln, 2. jmdn. durch geschickte Manöver ausschalten‘ versehen. Der Phraseologismus jmdn. an die Wand stellen steht metonymisch für ‚jmdn. (standrechtlich) erschießen‘ (ebd.). Wer mit dem Rücken an der/zur Wand steht befindet sich ‚in einer äußerst schwierigen Situation, in einer Lage, in der er sich energisch wehren, verteidigen muss‘ (ebd.). Aus dieser Vielfalt der Idiome, in denen an der Wand sein metaphorisch als eine Not- und Zwangslage konzeptualisiert wird, ergeben sich Assoziationen, die zur potenziellen Bedeutungserweiterung des Idioms jmdn. an die Wand drücken führen.

Aus grammatischer Perspektive ist das zu besprechende Idiom jmdn. an die Wand drücken durch eine deutliche Tendenz zum Gebrauch im Passiv, oder in passivähnlichen Konstruktionen gekennzeichnet (vgl. sich an die Wand drücken lassen, sich an die Wand gedrückt fühlen, sich an die Wand gedrückt sehen). Lediglich in 11 von 40 zusammengestellten Belegen wird das Idiom im Aktiv verwendet. Im Vergleich zu dem wegen der Abstraktheit der literalen Lesart weniger bildhaften Idiom: jmdn. in die Enge treiben lassen sich für die Mehrwortverbindung jmdn. an die Wand drücken mehr Verwendungsprofile ermitteln. Die konzeptuellen Mechanismen ihrer Bedeutungskonstituierung sind dennoch ähnlich und divergieren vor allem in der Profilierung und in thematischem Verwendungsbereich. Zudem weisen manche Gebrauchskontexte semantische Aspekte mehrerer Verwendungsprofile auf: Als Sammelbecken verschiedener Bedeutungsaspekte werden sie in der Abbildung 74 schematisch als Übergangsbereiche gekennzeichnet.

←405 | 406→

Verwendungsprofil 1: (in einem politischen oder wirtschaftlichen Konkurrenzkampf) ‚jmdn. verdrängen, seines Einflusses und Wirkungsbereiches berauben und ihn auf diese Weise in (wirtschaftliche, politische) Zwangslage bringen; verursachen, dass jd. an Bedeutung verliert bzw. ganz ausgeschaltet wird‘ (24 Belege)

Das erste, mit 24 Belegen vertretene Verwendungsprofil tritt in 18 Verwendungskontexten im Passiv oder in passivähnlichen Konstruktionen auf: jd. wird an die Wand gedrückt, jd. lässt sich (nicht) an die Wand drücken, jd. sieht sich an die Wand gedrückt. In allen besprochenen Belegen handelt es sich um einen Wettkampf im wirtschaftlichen oder im politischen Bereich, an dem meistens zwei Aktanten beteiligt sind:

(93) Doch er schaffte es nicht, über ein erfolgreiches Engagement in den USA die in seiner Branche notwendige weltweite Präsenz zu erringen. Von der fernöstlichen Industrie an die Wand gedrückt, musste der permanent mit Managementproblemen kämpfende Patriarch schließlich 1984 sein Lebenswerk in die unternehmerische Obhut des niederländischen Multikonzerns Philips legen. Die Zeit, 11.04.2002

(94) In wenigen Jahren hatte er mit dem Blatt genug Geld gemacht, um Sidneys „Daily Mirror“ aufzukaufen. Er verwandelte die sich bis dahin um Seriosität mühende ←406 | 407→Zeitung in einen mit Mord und Totschlag gespickten Busen-Bilderbogen, der bald die Konkurrenz an die Wand drückte. Die Zeit, 04.02.1977

(95) Die Union für die Präsidentenmehrheit (UMP) und die Sozialistische Partei haben alle anderen Parteien an die Wand gedrückt. Aber die Klarheit, die mit der Polarisierung durch zwei Parteien einhergeht, könnte sich als Täuschung erweisen. Der Tagesspiegel, 20.06.2002

(96) Immerhin hat sich die FDP unter der cleveren Regie von Karry bis zum Schluß des Wahlfeldzuges nicht an die Wand drücken lassen. Sie hat versucht, ihre Erfolge darzustellen, zum Beispiel bei der Verwaltungsreform, mit der 2700 hessische Gemeinden zu knapp 500 neuen, lebensfähigen Kommunaleinheiten verschmolzen wurden. Die Zeit, 25.10.1974

Die kognitiven Mechanismen, die zur Bedeutungskonstituierung beitragen, verzahnen sich teilweise mit den aus der Beschreibung des Idioms in die Enge treiben bereits bekannten Bedeutungsverschiebungsmechanismen (vgl. Abb. 75).

←407 | 408→So leisten die konzeptuellen Metonymien teilhandlung steht für handlung, grund steht für folge sowie die Metaphern von einem absteigenden Generalitätsgrad: leben ist ein weg → schwierigketien sind hindernisse auf dem weg → schwierige lage/schwierigkeit ist räumliche beschränktheit und die Metapher raum ist gut, enge ist schlecht einen wichtigen Beitrag zur Konzeptualisierung des ersten Verwendungsprofils. Hervorzuheben ist an dieser Stelle die Tatsache, dass die Zieldomänen im Falle des zu besprechenden Idioms deutlich im abstrakten Bereich liegen: Die fließenden Übergänge zwischen dem körperlichen und dem psychologischen Bereich, Schwingungen zwischen der literalen und der phraseologisierten Lesart, die für das Idiom jmdn. in die Enge treiben charakteristisch sind, treten hier nicht zutage.

Zusätzlich scheint die Konzeptualisierung durch ein neues, bisher noch nicht aufgetauchtes Paar von konzeptuellen Metaphern wichtig sein ist in der mitte sein, nicht wichtig sein ist am rande sein beeinflusst zu werden, das auf dem image schema zentrum-peripherie aufbaut. Die Quellen dieses Vorstellungsschemas liegen in der Wahrnehmung des Körpers selbst: Zentral liegende Organe sind lebenswichtiger als Extremitäten, vgl. Herz versus Finger, Leber versus Zehen. Die mittlere Position des Wichtigen ist möglicherweise kulturübergreifend: Kulturelle und religiöse Artefakte – Kultgegenstände, Altare, (in der katholischen Kirche) Tabernakel werden üblicherweise in der Raummitte aufgestellt. Im Mittelpunkt der Gesellschaft befinden sich ebenfalls die einflussreichen Menschen, die das Sagen haben (vgl. z.B. die Stellung des Throns, die Sitzordnung im Gericht, in der Diplomatie, in Konferenzen, Treffen, Dinner, Hochzeiten), um sie herum sammeln sich die anderen. An die Seite geschoben zu werden interpretiert man als Verlust des Ranges und Einflusses. Diese konzeptuelle Metapher findet sprachliche Exemplifizierungen in zahlreichen mehr oder weniger festen Mehrwortverbindungen:

wichtig sein ist in der mitte sein

nicht wichtig sein ist am rande sein

im Zentrum des Interesses stehen, sein

im Mittelpunkt stehen, sein

jmdn. an die Seite drängen

jmdn. beiseite schieben

der Nabel der Welt ‚das Wichtigste, der Mittelpunkt, um den sich alles dreht‘ (DUW online, Zugriff am 19.10.2017)

es dreht sich alles um ihn ‚er steht bei allen Überlegungen im Vordergrund‘ (DUW online, Zugriff am 19.10.2017)

Dreh- und Angelpunkt ‚zentraler Punkt, um den sich alles dreht‘ (DUW online, Zugriff am 19.10.2017)

aufs Abstellgleis geschoben werden ‚seiner Bedeutung/seines Einflusses beraubt werden‘ (redensarten-index, Zugriff am 20.10.2017)

←408 | 409→

aufs tote Gleis/Abstellgleis geraten ‚in eine Position geraten, in der man keinen Einfluss hat; abgesetzt/eingestellt/niedergelegt/beseitigt/ausgeschlossen werden/nicht mehr weitergeführt werden‘ (redensarten-index, Zugriff am 20.10.2017)

auf dem toten Gleis/Abstellgleis sein/stehen ‚in einer Position sein, in der man keinen Einfluss hat, abgesetzt/eingestellt/niedergelegt/beseitigt/zurückgedrängt/ausgeschlossen wird‘ (redensarten-index, Zugriff am 20.10.2017)

Verwendungsprofil 2: ‚jmdn. einschüchtern, verunsichern, entmutigen; verursachen, dass man sich in seiner Gesellschaft klein fühlt‘ (6 Belege)

Das zweite, mit sechs Belegen vertretene Verwendungsprofil bezieht sich hauptsächlich auf den Bereich der psychischen Empfindungen eines Menschen, der sich von einem anderen eingeschüchtert, bevormundet, mürbegemacht fühlt:

(97) Sie sprach lebhaft und gut, und diese jeden Hamburger bewegenden Erinnerungen lenkten ganz von Allert und seinen Sorgen ab. Sophie, die sich in Gegenwart der Senatorin immer an die Wand gedrückt fühlte, ohne dadurch im mindesten verletzt zu sein, denn es war unwillkürlich und entsprach dem Wesen beider, Sophie hätte zu gern nachgefragt. Aber sie wollte nicht unhöflich sein. Boy-Ed, Ida: Vor der Ehe. In: Deutsche Literatur von Frauen, Berlin: Directmedia Publ. 2001 [1915], S. 8206

(98) Der alte Harry und der neue lebten bald im bittern Streit, bald im Frieden miteinander. Der alte Harry schien manchmal ganz und gar tot zu sein, gestorben und begraben, und plötzlich stand er dann wieder da, befahl und tyrannisierte und wußte alles besser, und der neue, kleine, junge Harry schämte sich, schwieg und ließ sich an die Wand drücken. Zu anderen Stunden nahm der junge Harry den alten an der Kehle und drückte wacker zu, es gab viel Gestöhne, viel Todeskampf, viel Gedanken an das Rasiermesser. Hesse, Hermann: Der Steppenwolf, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1955 [1927], S. 139

(99) Sie will das Kind unbedingt, während er mit irritierten Satzfetzen seine Ratlosigkeit offenbart. Remi fühlt sich überfordert von der Situation, wird von ihrer provozierenden Direktheit an die Wand gedrückt. Wenig später beginnt Valeries erster Arbeitstag als Zimmerkellnerin in einem Pariser Hotel. Berliner Zeitung, 22.05.1997

Im Fokus der Aufmerksamkeit steht hier die Wand als eine seitliche Begrenzungsfläche eines Gebäudes, Zimmers, Raumes bzw. eine Felswand. Von Relevanz für die Konzeptualisierung scheint hier eine konzeptuelle Metapher schwierige lage/schwierigkeit ist räumliche beschränktheit zu sein, die die körperliche Ausgangsdomäne der Freizügigkeit, Bewegungsfreiheit in einem Raum mit der abstrakteren, psychologischen Zieldomäne der Ungezwungenheit im Verhalten verbindet. Zugleich wird die dominante Persönlichkeit des Agens (der Senatorin, des alten Harrys) zum Ausdruck gebracht, die das Patiens einschüchtert, entmutigt, in Entfaltungsmöglichkeiten einschränkt. Für die Konzeptualisierungen der starken und schwächeren Persönlichkeiten sind die konzeptuellen Metaphern: starke ←409 | 410→Persönlichkeit ist Persönlichkeit, die viel Raum in Anspruch nimmt; schwache Persönlichkeit ist die Persönlichkeit, die sich klein macht richtungsweisend, der Beitrag von raum ist gut, enge ist schlecht-Metapher (vgl. das erste Verwendungsprofil des Idioms in die Enge treiben) sowie des Vorstellungsschemas zentrum-peripherie ist an dieser Stelle eklatant:

starke persönlichkeit ist persönlichkeit, die viel raum in anspruch nimmt

schwache persönlichkeit ist die persönlichkeit, die sich klein macht

nicht kleinzukriegen sein

sich breit/dick machen

ein dicker/großer Fisch

sich klein machen/kleinmachen

(den) Kopf einziehen

er hat Format ‚er ist eine Persönlichkeit‘ (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 20.10.2017)

ein Mann größten, seltenen Formats (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 20.10.2017)

ein Wissenschaftler, Künstler von internationalem Format (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 20.10.2017)

eine Frau, Persönlichkeit von ungewöhnlichem Format (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 20.10.2017)

die Rübe einziehen ‚sich ducken‘ (redensarten-index, Zugriff am 20.10.2017)

den Schwanz einziehen, einkneifen, zwischen die Beine nehmen, hängen lassen ‚den Widerstand aufgeben, nach-, klein beigeben‘ (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 20.10.2017)

klein beigeben ‚seinen Widerstand aufgeben, sich schließlich fügen; kleinlaut nachgeben; eigentlich = beim Kartenspiel dem Mitspieler nur Karten von kleinem Wert zuspielen, weil man keine besseren hat‘ (DUW online, Zugriff 20.10.2017)

sich fügen ‚sich einer oft unpersönlichen Gewalt [aus Einsicht] unterordnen, sich in gegebene Verhältnisse einordnen‘ (DUW online, Zugriff 20.10.2017)

sich ducken ‚sich aus Angst, Unterwürfigkeit, Berechnung o.Ä. demütigen, ergeben zeigen; es nicht wagen, aufzubegehren‘ (DUW online, Zugriff 20.10.2017)

Duckmäuser ‚jd., der seine Meinung nicht zu sagen wagt, sie nicht einer entgegengesetzten entgegenzustellen wagt‘ (DUW online, Zugriff 20.10.2017)

jmdn. in die Tasche stecken (können) ‚jmdm. überlegen sein‘ (redensarten-index, Zugriff am 20.10.2017)

jmdn. in der Tasche haben ‚jmdm. überlegen sein, jmdn. unter Kontrolle haben‘ (redensarten-index, Zugriff am 20.10.2017)

alle anderen in den Kasten stecken ‚alle andere übertreffen, überbieten‘ (redensarten-index, Zugriff am 20.10.2017)

jmdn. in den Sack stecken ‚besser sein, als der andere, jmdm. überlegen sein‘ (redensarten-index, Zugriff am 20.10.2017)

Da knickte Zillich ein (= da gab Zillich widerwillig nach) und gab zu, daß er die … Äußerung allerdings gehört habe H. Mann Untertan 4, 207 (DWDS, Zugriff am 18.04.2017)

Die Bedeutungskonstituierungsmechanismen stellt schematisch die Abbildung 76 dar:

←410 | 411→

Verwendungsprofil 3: ‚jmdn. in eine aussichtslose Lage bringen, in der er ratlos ist‘ (4 Belege)

In den folgenden Belegen wird die Ratlosigkeit des Patiens, Ausweglosigkeit seiner Situation zum Ausdruck gebracht:

(100) Nur 27 Cent bekommen Bauern noch für den Liter, die Produktion aber kostet 30 Cent. Viele haben nun Angst, bei den jetzt laufenden Preisverhandlungen zwischen Discountern und Molkereien endgültig an die Wand gedrückt zu werden. Zu Recht. Die Zeit, 01.04.2004

(101) Martin Walser geht auf keine Kuhhaut, schon gar nicht auf die der literarischen Fünf-Uhr-Causerie. Seine Kritiker machen nicht selten einen zerrauften Eindruck. Redakteure und Buchbinder wissen kaum, wohin mit ihm. Selbst ergraute Sechs-Tage-Rezensenten sehen sich an die Wand gedrückt. Auch seine Leser wissen ein Lied davon zu singen, daß Walser nicht im Rahmen bleibt; er sprengt ihn. Die Zeit, 29.09.1961

←411 | 412→

Dementsprechend liegen im Fokus des Interesses die konzeptuellen Metaphern und Metonymien, die die konzeptuellen Mappings zwischen dem Bereich der Bewegungseinschränkung und dem Bereich der Handlungseinschränkung herstellen (vgl. Abb. 77):

Verwendungsprofil 4: ‚etw. in den Hintergrund verschieben, in den Schatten stellen, jmdm./etw. überlegen sein‘ (3 Belege)

Die dieses Verwendungsprofil vertretenden drei Belege werden ausschließlich im Aktiv gebraucht. Zwei Entitäten werden verglichen, von denen die eine die andere in der Qualität, Leistung o.Ä. übertrifft:

(102) Die kindliche, textkritische Potter-Gemeinde protestiert flüsternd auf dem Nebensitz, die erwachsenen Rowling-Schriftgelehrten werden ins Detail gehen und beide glücklicherweise in der Unendlichkeit des Internets verschwinden. Dem Durchschnitts-Potter-Leser bleiben zwei große Momente, in denen der Film das Buch überschreitet, die Gewalt der Bilder das sprachliche Talent der Autorin an die Wand drückt. Da rasen zum einen in schwindelerregender Höhe die Quidditch-Spieler auf ihren Besen durch die Lüfte, versuchen einander in die Tiefe zu stürzen, wird das Unbarmherzige des gerühmten englischen Sportgeistes spürbar. Die Zeit, 22.11.2001

←412 | 413→

(103) Nämlich jenes nunmehr sacht anlaufende, bald alles überflutende gigantische Mittwintersaisongeschäft, dessen Konjunktur sich aus allerlei alten heidnischen Bräuchen entwickelt hat und das seit langem und immer mehr das gleichzeitige Christgeburtsfest an die Wand drückt. Zwar schmückt es sich selber mit christlichen Emblemen. Die Zeit, 21.11.1957

Konstitutiv für die Bedeutungskonstituierung sind die konzeptuellen Metaphern: raum ist gut, enge ist schlecht sowie wichtig sein ist in der mitte sein, nicht wichtig sein ist am rande sein (vgl. Abb. 78). Die metaphorischen Mappings verbinden die Domäne der physischen Räumung eines Gegenstandes, indem er aus der Mitte zur Seite geschoben wird, mit der abstrakteren Domäne des Verdrängens von einer weniger geschätzten Entität (das schriftstellerische Talent einer Autorin, ein kirchliches Fest) durch etwas Neues, neu Erschienenes (die Anschaulichkeit des Filmes, den Konsum).

Abschließend wird auf zwei Belege verwiesen, die den Übergangsbereichen zugeordnet sind, d.h. die semantischen Bedeutungsnuancen aus mehreren Verwendungsprofilen vereinbaren. So kommen im Beleg (104) die semantischen Aspekte des ersten ‚jmdn. verdrängen, seines Einflusses und Wirkungsbereiches berauben und ihn auf diese Weise in (wirtschaftliche, politische) Zwangslage bringen; verursachen, dass jd. an Bedeutung verliert bzw. ganz ausgeschaltet wird‘ und des zweiten Verwendungsprofils ‚jmdn. einschüchtern, verunsichern, entmutigen, verursachen, dass man sich in seiner Gesellschaft klein fühlt‘ gleichzeitig zur Geltung:

(104) Winfried Hermann ist dennoch nicht überzeugt. „Ich lasse mich durch die Vertrauensfrage vom Bundeskanzler nicht an die Wand drücken“, sagt der Pazifist nach der Sitzung und macht klar, dass er den Bundeswehreinsatz am Freitag ablehnen wird. ←413 | 414→Von den meisten anderen Abweichlern hingegen wird erzählt, sie wollten die Entscheidung über die Koalitionsfrage dem Parteitag überlassen und deshalb dem Antrag zustimmen. Berliner Zeitung, 14.11.2001

Sehr interessant ist ebenfalls der Gebrauch des Idioms im folgenden Verwendungsbeleg:

(105) Bautz: Viele Staaten haben Massenvernichtungswaffen. Wenn die USA losschlagen und Saddam sich an die Wand gedrückt fühlt, besteht viel eher die Gefahr, dass er sie einsetzt. Natürlich hat Saddam schon Massenvernichtungswaffen eingesetzt, aber doch nur in der Zeit, als er politisch und logistisch von den USA unterstützt wurde. Der Tagesspiegel, 15.02.2003

In dieser Bedeutung verzahnen sich die semantischen Aspekte des ersten, zweiten und dritten Verwendungsprofils. Von Wichtigkeit für die Bedeutungskonstituierung ist sowohl die Konkurrenz, die dem Wettrüsten zweifelsohne innewohnt, als auch die subjektiven Gefühle der Ausweglosigkeit und des Sich-Wehren-Müssens, die zu unvorhersehbaren Reaktionen des Patiens führen können. Alle genannten Bedeutungsnuancen schwingen in diesem Beleg mit, ihre Profilierung wird dem Rezipienten überlassen.

4.2.2.1.3.3 Resümee mit Schwerpunkt: Interlinguale Äquivalenz, Arbitrarität und Motiviertheit von Phraseologismen aus kognitiver Perspektive

Aus grammatischer Perspektive weisen die Idiome jmdn. in die Enge treiben und jmdn. an die Wand drücken viele Parallelen auf: Beiden Phraseologismen liegt ein gemeinsames Paradigma cause (y, become (schwierige Lage(x))) zugrunde, in beiden Fällen ist das Agens der Handlung in den Gebrauchsbelegen nur implizit vorhanden, aus dem weiteren Kontext erschließbar, da die Idiome im authentischen Gebrauch vorwiegend im Passiv oder passivähnlichen Strukturen verwendet werden.

Auf die durchsichtige Metaphorizität der zu besprechenden Phraseologismen ist eine einheitliche Grundbedeutung zurückzuführen, die sich in allen Gebrauchsbelegen mit der Paraphrase ‚jmdn. in eine schwierige, ausweglose Lage bringen‘ umschreiben lässt. Für alle Verwendungsprofile beider Phraseologismen sind die in der körperlichen Erfahrung verankerten konzeptuellen Metaphern: raum ist gut, enge ist schlecht; schwierige lage/schwierigkeit ist räumliche beschränktheit konstitutiv. Die grundlegenden kognitiven Mechanismen sind damit gleich, es lassen sich allerdings auch konzeptuelle Metaphern ermitteln, die nur in einem der Phraseologismen vorkommen. So tritt die konzeptuelle Metapher argumentieren ist krieg ausschließlich in einem der Verwendungsprofile des Idioms jmdn. in die Enge treiben auf, die Metaphern: wichtig sein ist in der mitte sein, nicht wichtig sein ist am rande sein können dagegen nur aus den Gebrauchsbelegen des Idioms jmdn. an die Wand drücken eruiert werden. Auf die komplizierte Natur der phraseologischen Motiviertheit, die einerseits durch den grundlegenden, universalen Charakter der konzeptuellen Metonymien und Metaphern bestimmt, andererseits in ←414 | 415→gewissen Grenzen willkürlich ist, wird im Folgenden aus einer interlingualen Perspektive anhand des Idioms jmdn. an die Wand drücken und seines polnischen Äquivalents przycisnąć kogoś do muru/ściany eingegangen.

Die bisherigen Untersuchungen dürften die Vermutung nahe legen, dass die Motiviertheitsmechanismen der Idiome vorhersehbar, nahezu zwingend sind, was auf zwei Gründe zurückzuführen ist:

(i) Die semantischen Analysen bestätigen, dass Bedeutungskonstituierungs- und Motiviertheitsmechanismen weitgehend durch konzeptuelle Metonymien und Metaphern bedingt sind, die zu einer gewissen Universalität prätendieren. Insbesondere die konzeptuellen Metonymien und Metaphern von einem großen Generalitätsgrad wie z.B. leben ist ein weg-, fehler ist sturz-, schwierigkeiten sind hindernisse auf dem weg-Metaphern oder grund für folge-, teilhandlung für handlung-Metonymien fußen auf grundlegenden sensomotorischen, körperlichen Erfahrungen, die wohl allen Menschen gemeinsam sind. Da sie in der kognitiven Metonymie- und Metapherntheorie als tief verankerte kognitive Denkmodi, die unsere Kognition und Sprache strukturieren, aufgefasst werden, dürften sie als Motiviertheitsmechanismen für die übertragene Sprache unabdingbar sein und bei ihrer Verarbeitung quasi reflexartig eingeschaltet werden.

(ii) Auch die Weltwissensstrukturen, die den epistemischen Mappings zugrunde liegen, werden innerhalb eines Kulturkreises von vielen Sprachteilhabern geteilt. Bei einem interlingualen deutsch-polnischen Vergleich zeigen sich unvermeidlich viele Parallelen auf:

Eine ähnliche historische Entwicklung und Zugehörigkeit zu demselben oder verwandten Kulturkreis setzen bei den Sprechern der beiden Sprachgemeinschaften dieselbe/eine identische Vorstellungskraft voraus, an die die Metaphern kognitiv appellieren. (Mikołajczyk 2002: 52)

Selbstverständlich sind epistemische Metaphern z.T. auch alters-, bildungs- und interessenbestimmt. Gewisses Weltwissen, beispielshalber über die vom dünnen Eis ausgehende Gefahr, wird aber wohl von allen mitteleuropäischen, in ähnlichem Klima lebenden Sprechern geteilt.

Dieser Denkweise folgend, insbesondere den Gedanken von der automatischen Einschaltung der konzeptuellen Metaphern und Metonymien als festgeprägten und universalen Denkmodi berücksichtigend (Universalitäts- und Notwendigkeitsthese in der CTM-Theorie), sollten die aus ähnlichen Konstituenten aufgebauten Idiome im Deutschen und im Polnischen in ihrer Motiviertheit deckungsgleich sein. Davon, dass diese Annahme nicht ohne Weiteres akzeptierbar ist, zeugt der interlinguale Vergleich des Idioms an die Wand drücken mit seinem polnischen Quasi-Äquivalent przyprzeć/przypierać/przyciskać do muru188/ściany189 [wörtl. ‘an die Mauer/Wand drücken/drängen’].

←415 | 416→Das deutsche und das polnische Idiom haben ähnliche Konstituenten und versprachlichen das mentale Bild, in dem ein Agens durch aggressives verbales oder brachiales Verhalten ein Patiens Schritt für Schritt zurückdrängt, sodass das Patiens endlich eine Wand erreicht und keine Flucht mehr ergreifen kann. In der klassischen Nennform190 des polnischen Idioms fungiert als die nominale Konstituente mur ‘Mauer’, in der Umgangssprache sowie im Nationalkorpus der Polnischen Sprache sind allerdings die Sprachbelege für die idiomatische Verwendung der Wortverbindung przypierać/przycisnąć do ściany ‘an die Wand drücken’ problemlos auffindbar:

Rubaszewska to sie oczywista od razu musiała mądrzyć, że zna kuzyna tego Shakspira, ale jak ją przycisnęłam do ściany, to się okazało, że ten kuzyn to się nazywa Szepir albo jakoś tak, a nie Shakspir. Christian Skrzyposzek, W.A.B., Wolna Trybuna, 1985 (Rubaszewska musste selbstverständlich klugreden, dass sie einen Cousin von diesem Shakspire kennt, aber als ich sie ‘an die Wand drückte’ [wörtl.], stellte sich heraus, dass dieser Cousin Szepir und nicht Shakspir heißt. Christian Skrzyposzek, W.A.B., Wolna Trybuna, 1985, übers. von A. S.)

Natychmiast zamilkła, bo zrozumiała, że powiedziała zbyt dużo. Ale oni zasypali ją pytaniami. Milczała, przyciśnięta do ściany. Andrzej Zbych (Andrzej Szypulski, Zbigniew Safjan), Stawka większa niż życie, Anta, 1967 (Sofort verstummte sie, da ihr klargeworden ist, dass sie zuviel gesagt hatte. Aber sie überschütteten sie mit Fragen. ‘An die Wand gedrückt’ [wörtl.], schwieg sie. Andrzej Zbych (Andrzej Szypulski, Zbigniew Safjan), Stawka większa niż życie, Anta, 1967, übers. von A. S.)

Die nach bisheriger Methode (vgl. Unterkap. 4.1.2.2.2.2) durchgeführte Untersuchung von 40 Gebrauchsbelegen aus dem Nationalen Korpus der Polnischen Sprache lässt schlussfolgern, dass das polnische Äquivalent przyprzeć/przypierać/przyciskać do muru/ściany zwei Verwendungsprofile191 aufweist.

Die ermittelten Verwendungsprofile sowie die sie konstituierenden Bedeutungsprozesse stellt Abb. 79 dar:

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Verwendungsprofil 1: ‚in einer verbal-argumentatorischen Auseinandersetzung jmdn. mit gezielt gestellten Fragen zu einem Geständnis zwingen‘ (25 Belege)

Die überwiegende Mehrheit der Belege bezieht sich auf eine verbale Auseinandersetzung, in der das Patiens zu einer von ihm unerwünschten Stellungnahme, Erklärung oder einem unangenehmen Geständnis gezwungen wird und durch direkte Fragen keine Ausflüchte oder Ausreden vorbringen kann:

Ale bezpośrednio, wprost, nigdy nic takiego nie powiedziałem i przyparty do muru na pewno nie wydobyłbym z siebie jawnego fałszerstwa. Gazeta jednak musi podawać wiadomości mogące liczyć na uwagę czytelnika. Sławomir Mrożek, Opowiadania 1974-1979, Noir sur Blanc, 1979 (Aber direkt, unmittelbar, habe ich so etwas nie gesagt und ‘an die Wand gedrückt’ [wörtl. ‘an die Mauer gedrückt’] hätte ich bestimmt keine offensichtliche Fälschung hervorgebracht. Eine Zeitung muss doch Nachrichten übermitteln, die Aufmerksamkeit der Leser auf sich ziehen. Sławomir Mrożek, Opowiadania 1974-1979, Noir sur Blanc, 1979, übers. von A. S.)

Indagowany o przyszłość Kacperczak nie potrafił dać konkretnej odpowiedzi. Kiedy Marta przyparła go do muru, oznajmił, że maszyny chyba zgromadzi się gdzieś i w miarę potrzeb będzie wypożyczać za opłatą. Teresa Bojarska, Świtanie, przemijanie, Trio, 1996 (Über die Zukunft ausgefragter Kacperczak konnte keine genaue Antwort geben. Als ihn Marta ‘an die Wand drückte’ [wörtl. ‘an die Mauer drückte’], teilte er mit, dass man die Maschinen irgendwo anhäuft und bei Bedarf gegen Bezahlung vermieten wird. Teresa Bojarska, Świtanie, przemijanie, Trio, 1996, übers. von A. S.).

←417 | 418→

Die Bedeutungskonstituierungsmechanismen werden durch die bereits bekannten konzeptuellen Metaphern und eine Metaphtonymie beeinflusst (vgl. Abb. 80):

Verwendungsprofil 2: ‚jmdn. in eine ausweglose Lage bringen, in der er ratlos ist und sich dem Agens fügen muss‘ (15 Belege)

In insgesamt 15 Belegen wird die ausweglose Lage eines Patiens hervorgehoben, der – einem großen Druck ausgesetzt – verzweifelte Schritte vornehmen kann:

Dlaczego Husajn właśnie teraz doprowadził do zaostrzenia sytuacji? – Bo nie chce doprowadzić do zniszczenia swej broni masowego rażenia. Liczy, że w przyszłości może mu być potrzebna przeciw wewnętrznym buntownikom czy przeciw Iranowi, Kuwejtowi, Izraelowi… Teraz został przyciśnięty do muru przez ONZ i Amerykanów, więc się broni. Czy to jedyna gra Husajna? Gazeta Wyborcza, 1997-11-05 (Warum hat Husajn ausgerechnet jetzt zu einer Situationsverschärfung geführt? – Weil er es nicht zulassen will, dass seine Massenvernichtungswaffe zugrunde gerichtet wird. Er nimmt an, dass sie in Zukunft zum Einsatz gegen interne Aufrührer, den Iran, Kuwait, ←418 | 419→Israel notwendig sein kann…. Jetzt wurde er von UNO und Amerikanern an die Wand gedrückt [wörtl. ‘an die Mauer gedrückt’], also wehrt er sich. Ist das das einzige Spiel von Husajn? Gazeta Wyborcza, 1997-11-05, übers. von A. S.)

- Eksmisje będą masowe szczególnie tam, gdzie mieszkania można zamienić na lokale użytkowe dla biznesu – zapowiada prezes Olszewska. Jej zdaniem ustawa o najmie lokali nieuchronnie spowoduje konflikty. – Nie wiadomo, co się stanie, bo lokatorzy przyciśnięci do muru mogą pójść do przodu – ostrzega Olszewska. Wydaje się, że obawy krakowskich lokatorów są jednak przesadzone. Wprawdzie ustawa dopuszcza eksmisje na bruk, ale bać się ich powinni jedynie ci lokatorzy, którzy dewastują mieszkanie i zakłócają spokój innym. Gazeta Wyborcza, 1994-10-22 (Zwangsräumungen werden massenhaft insbesondere dort, wo man die Wohnungen in Gewerberäume verwandeln kann – kündigt Vorsitzende Olszewska an. Ihrer Meinung nach wird das Vermittlungsgesetz unvermeindlich Konflikte auslösen. – Es ist schwer zu sagen, was passiert, weil die an die Wand gedrückten [wörtl. ‘an die Mauer gedrückten’] Bewohner Flucht nach vorne antreten können – warnt Olszewska. Die Befürchtungen der Krakauer Bewohner scheinen dennoch übertrieben zu sein. Zwar lässt das neue Gesetz die Zwangsräumungen auf die Straße zu, Angst davor sollten aber nur diejenigen Bewohner haben, die Wohnungen verwüsten und die Hausruhe stören. Gazeta Wyborcza, 1994-10-22 übers. von A. S.)

Die Bedeutungskonstituierungsmechanismen veranschaulicht schematisch Abb. 81:

←419 | 420→

Vergleicht man das deutsche Idiom mit seinem polnischen Quasi-Äquivalent, dann fallen einige semantische Unterschiede auf:

  (i)Das deutsche Idiom hat eine komplexere semantische Struktur als sein polnisches Äquivalent. Für die Wortverbindung an die Wand drücken lassen sich vier Verwendungsprofile ermitteln, für przypierać do muru/ściany zwei. Bemerkenswert ist dabei, dass das Idiom przyciskać/przypierać do muru/ściany semantisch mehr Parallelen zu dem deutschen Phraseologismus in die Enge treiben aufweist, als zu dem bezüglich des Komponentenbestandes sehr ähnlichen Idiom an die Wand drücken.

 (ii)Deutliche Differenzen treten in den wichtigsten, lexikalisierten Verwendungsprofilen auf, die mit mehr als der Hälfte der Gebrauchsbelege vertreten sind. Für das Deutsche ist das das Verwendungsprofil: ‚jmdn. verdrängen, seines Wirkungsbereiches berauben und auf diese Weise in eine (wirtschaftliche, politische) Zwangslage bringen; verursachen, dass jd. an Bedeutung verliert oder ganz ausgeschaltet wird‘ (24 Belege), für das Polnische: ‚jmdn. mit gezielt gestellten Fragen zu einer Erklärung, Stellungnahme, zu einem Geständnis zwingen‘ (25 Belege). Beide Idiome referieren zwar auf eine Notlage, in der ein Patiens zur Ausführung einer Handlung gezwungen wird, sie werden dennoch in anderen Diskursbereichen verwendet. Przypierać do muru gebraucht man hauptsächlich in Bezug auf eine Zwangslage eines Interlokutors in einem Gespräch/einer Diskussion, an die Wand drücken bezieht sich auf eine schwierige Situation des Patiens in einem Konkurrenzkampf.

(iii)Ebenfalls in anderen Verwendungsprofilen sind Bedeutungsunterschiede ersichtlich: Zwar ist der Kern ‚die schwierige Situation des Patiens, seine Notlage‘ allen deutschen und polnischen Verwendungsbelegen gemeinsam, das polnische Idiom hebt dennoch mehr die Ausweglosigkeit der Zwangslage, das deutsche Idiom mehr den Bedeutungsaspekt des In-den-Hintergrund-Drängens (vgl. Verwendungsprofile 1, 2, 4) hervor. Die ermittelten Differenzen zwischen den beiden Idiomen sind auf die unterschiedlichen Metaphern zurückzuführen, die den Verwendungsprofilen zugrunde liegen. Auch wenn sich das deutsche und das polnische Idiom zahlreiche konzeptuelle Mechanismen teilen (vgl. konzeptuelle Metonymie: teilhandlung für handlung, konzeptuelle Metaphern: leben ist ein weg, schwierigkeiten sind hindernisse auf dem weg, raum ist gut, enge ist schlecht, schwierige lage/schwierigkeit ist räumliche beschränktheit, Metaphtonymie: bewegungseinschränkung steht für/ist wie handlungseinschränkung), so werden die Bedeutungen der Idiome doch z.T. auch durch unterschiedliche konzeptuelle Metaphern mitgestaltet: Im deutschen Idiom treten in den Verwendungsprofilen die Metaphern: wichtig sein ist in der mitte sein, nicht wichtig sein ist am rande sein; starke persönlichkeit ist die persönlichkeit, die viel raum in anspruch nimmt, schwache persönlichkeit ist die persönlichkeit, die sich klein macht auf, das polnische Idiom wird in seinem ersten Verwendungsprofil durch die konzeptuelle Metapher argumentieren ist ←420 | 421→Krieg mitgestaltet. Die Bedeutungskonstituierungsmechanismen für das deutsche und das polnische Idiom werden in der Tab. 31 zusammengestellt, die fett gedruckten Metaphern sind für das jeweilige Idiom spezifisch.

Tab. 31:Die kognitiven Mechanismen der Bedeutungskonstituierung für das Idiom an die Wand drücken und sein polnisches Äquivalent przypierać do muru/ściany.

an die Wand drückenprzypierać/przyciskać do muru
Verwendungsprofil 1:

grund für folge

leben ist ein weg

schwierigketien sind hindernisse

auf dem weg

raum ist gut, enge ist schlecht

schwierige lage/schwierigkeit ist räumliche beschränktheit

wichtig sein ist in der mitte sein

nicht wichtig sein ist am rande sein
Verwendungsprofil 1:

grund

leben ist ein weg

schwierigketien sind hindernisse

auf dem weg

raum ist gut, enge ist schlecht

schwierige lage/schwierigkeit ist räumliche beschränktheit

bewegungseinschränkung steht für/ist wie handlungseinschränkung

argumentieren ist krieg
Verwendungsprofil 2:

leben ist ein weg

schwierigketien sind hindernisse

auf dem weg

schwierige lage/schwierigkeit ist räumliche beschränktheit

raum ist gut, enge ist schlecht

starke persönlichkeit ist persönlichkeit, die viel raum in anspruch nimmt

schwache Persönlichkeit ist persönlichkeit, die sich klein macht
Verwendungsprofil 2:

leben ist ein weg

schwierigketien sind hindernisse auf dem weg

schwierige lage/schwierigkeit ist räumliche beschränktheit

raum ist gut, enge ist schlecht

bewegungseinschränkung steht für/ist wie handlungseinschränkung
Verwendungsprofil 3:

leben ist ein weg

schwierigkeiten sind hindernisse auf dem weg

schwierige lage/schwierigkeit ist räumliche beschränktheit

bewegungseinschränkung steht für/ist wie handlungseinschränkung
Verwendungsprofil 4:

teilhandlung für handlung

raum ist gut, enge ist schlecht

wichtig sein ist in der mitte sein,

nicht wichtig sein ist am rande sein

←421 | 422→Auf die Differenzen in den Bedeutungskonstituierungsmechanismen ist die Teiläquivalenz des polnischen Pendants zurückzuführen. Da die Bedeutung des polnischen Idioms durch die konzeptuelle Metapher argumentieren ist krieg mitkonstituiert wird, lässt sich der folgende Beleg nur bedingt durch das Idiom an die Wand drücken übersetzen. Der Aspekt der argumentativen Auseinandersetzung, der Zwangslage des Patiens, die durch Drohungen, bohrende Fragen verursacht wird, geht verloren, vgl. z.B.:

Ale bezpośrednio, wprost, nigdy nic takiego nie powiedziałem i przyparty do muru na pewno nie wydobyłbym z siebie jawnego fałszerstwa. Gazeta jednak musi podawać wiadomości mogące liczyć na uwagę czytelnika. Sławomir Mrożek, Opowiadania 1974-1979, Noir sur Blanc, 1979

(?) Aber direkt, unmittelbar, habe ich so etwas nie gesagt und an die Wand gedrückt [wörtl. ‘an die Mauer gedrücktʼ] hätte ich bestimmt keine offensichtliche Fälschung hervorgebracht. Eine Zeitung muss doch Nachrichten übermitteln, die Aufmerksamkeit der Leser auf sich ziehen.

An dieser Stelle scheint das Idiom in die Enge treiben, dessen Bedeutungskonstituierungsmechanismen in dem zweiten Verwendungsprofil mehr Parallelen zu dem polnischen Pendant aufweisen, geeigneter zu sein:

≈ Aber direkt, unmittelbar, habe ich so etwas nie gesagt und in die Enge getrieben hätte ich bestimmt keine offensichtliche Fälschung hervorgebracht. Eine Zeitung muss doch Nachrichten übermitteln, die Aufmerksamkeit der Leser auf sich ziehen.

Problematisch sind ebenfalls die Übersetzungen aus dem Deutschen ins Polnische. Nehmen wir als Beispiel den Gebrauchsbeleg (102):

Die kindliche, textkritische Potter-Gemeinde protestiert flüsternd auf dem Nebensitz, die erwachsenen Rowling-Schriftgelehrten werden ins Detail gehen und beide glücklicherweise in der Unendlichkeit des Internets verschwinden. Dem Durchschnitts-Potter-Leser bleiben zwei große Momente, in denen der Film das Buch überschreitet, die Gewalt der Bilder das sprachliche Talent der Autorin an die Wand drückt. Da rasen zum einen in schwindelerregender Höhe die Quidditch-Spieler auf ihren Besen durch die Lüfte, versuchen einander in die Tiefe zu stürzen, wird das Unbarmherzige des gerühmten englischen Sportgeistes spürbar. Die Zeit, 22.11.2001, Nr. 48

(?) Grupka dziecięcych wielbicieli Harrego Pottera szeptem protestuje na fotelu obok, dorośli krytycy prozy Rowling wdadzą się w szczegóły, obie grupy znikną na szczęście gdzieś w otchłaniach internetu. Przeciętnemu czytelnikowi Harrego Pottera pozostaną w pamięci dwa momenty, w których film przebija książkę, a potęga obrazu przypiera talent autorki do muru. Oto gracze w quidditch pędzą z zawrotną prędkością wysoko w chmurach na swoich miotłach i próbują strącić się w dół, bezduszność sławnego angielskiego ducha rywalizacji jest wyraźnie wyczuwalna.

Die wörtliche Übersetzung des Idioms an die Wand drücken ist in diesem Kontext in diesem Sinne verständlich, dass ein kompetenter Sprachrezipient spontan die notwendigen motivierenden Mappings herstellen kann. Die Wortverbindung przypierać ←422 | 423→do muru funktioniert hier dennoch eher als eine Ad-hoc-Metapher, als Idiom ist sie verfremdend, da die Bedeutungsaspekte ‚jmdn./etw. in den Schatten stellen, jmdm./etw. überlegen sein, besser als jd./etw. sein‘, denen die konzeptuellen Metaphern wichtig sein ist in der mitte sein, nicht wichtig sein ist am rande sein zugrunde liegen, im Polnischen nicht lexikalisiert sind. Geeigneter als Äquivalente sind an dieser Stelle die Verben przyćmiewać [wörtl. ‘abblenden, abdunkelnʼ, übertragen: ,in den Schatten stellen‘], przewyższać [wörtl. ‘größer seinʼ, übertragen: ,übertreffen‘], akzeptabel wären auch die Idiome: brać nad kimś górę (‚die Oberhand gewinnen‘) und spychać na drugi plan (‚in den Hintergrund drängen‘).

≈ Grupka dziecięcych wielbicieli Harrego Pottera cicho protestuje na fotelu obok, dorośli krytycy prozy Rowling wdadzą się w szczegóły, obie grupy znikną na szczęście gdzieś w otchłaniach internetu. Przeciętnemu czytelnikowi Harrego Pottera pozostaną w pamięci dwa momenty, w których film przebija książkę, a potęga obrazu przyćmiewa/przewyższa talent autorki (≈bierze górę nad talentem autorki/spycha talent autorki na drugi plan). Oto gracze w quidditch pędzą z zawrotną prędkością wysoko w chmurach na swoich miotłach i próbują strącić się w dół, bezduszność sławnego angielskiego ducha rywalizacji jest wyraźnie wyczuwalna.

Die Schwierigkeiten in der Auffassung der Idiombedeutung im interlingualen Vergleich widerspiegeln sich auch in lexikographischen Nachschlagewerken: Die vorgeschlagenen Äquivalente unterscheiden sich in dem deutsch-polnischen und polnisch-deutschen Teil der Großwörterbücher PONS online und des PWN Wörterbuches von Wiktorowicz/Frączek, kein Äquivalentenpaar kommt dennoch der semantischen Komplexität der Bedeutungen und Teilbedeutungen (Verwendungsprofilen und Verwendungsmustern) gerecht:

Tab. 32:Idiome: an die Wand drücken und przypierać/przyciskać do muru in bilingualen Großwörterbüchern.

WörterbuchtypWörterbuchLexikographische Darstellung
zweisprachig:polnisch-deutschpons (Stichwort: mur) Zugriff am 25.07.2017przypierać do ściany – jmdn. an die Wand drückenprzyprzeć do muru – jmdn. in die Enge treiben
pwn

(
Stichwort: mur)
być przypartym a. przyciśniętym do muru – an die Wand gedrückt werden pot.; mit dem Rücken an der Wand stehen; przyprzeć a. przycisnąć kogoś do muru – jmdn. an die Wand drücken
zweisprachig:deutsch-polnischpons (Stichwort: Wand, Zugriff am 25.07.2017)jmdn. an die Wand drücken – wyeliminować kogoś jako konkurenta
pwn (Stichwort: Wand)jmdn. an die Wand drücken – pot. usunąć kogoś na dalszy plan

←423 | 424→Auf die interlingualen Äquivalenzbeziehungen wird wegen der Komplexität des Themas im Folgenden nicht näher eingegangen, das Problem der Übersetzbarkeit der Phraseologismen steht im Mittelpunkt des Interesses der bilingualen Lexikologie und Lexikographie sowie der kontrastiven Phraseologie (vgl. dazu u.a. Burger 2009, Chrissou 2000, Dobrovol’skij 1999, 2009, Jesenšek 2008, Korhonen 2007, Mellado-Blanco 2009). Es sei bemerkt, dass die interlinguale vollständige Äquivalenz zweier Begriffe sogar in Bezug auf Einwortlemmata selten ist (Lipczuk 2004: 834). Diese Annahmen bestätigen die auf Phraseologie bezogenen Studien von Laskowski (2003) und Chrissou (2000, 2018). Laskowskis Untersuchung von 400 Zwillingsformeln und 1000 idiomatischen Wendungen ergibt, dass Nulläquivalenz in der deutsch-polnischen Phraseologie am häufigsten vorkommt (2003: 130). Auch Chrissou (2000, 2018) stellt eine geringe Affinität der phraseologischen Systeme im deutsch-griechischen Vergleich fest und verweist auf eine größere Anzahl der interlingual divergenten als konvergenten Äquivalentpaare. Die Bedeutungsbeschreibung von Phraseologismen in Wörterbüchern ist dabei besonders schwierig:

Der Übersetzer hat die Möglichkeit, ein Zuwenig an Information auf der Wort- bzw. syntagmatischen Ebene auf der makrostrukturellen Ebene auszugleichen, der Lexikograph muss dies im Mikrotext eines Wörterbuchartikels tun. (Worbs 1997: 502)

Die Schwierigkeiten in der lexikographischen Erfassung der Idiome sind vor dem Hintergrund der kognitiven, die Komplexität und Dynamik der Bedeutungskonstituierungsmechanismen aufzeigenden Analysen leicht nachvollziehbar und völlig verständlich: Die Bedeutung von Idiomen ist in den meisten Fällen zu vielschichtig, reichhaltig und vage, um in einer einzelnen Paraphrase aufzugehen. Vielversprechend sind aus diesem Grund die neueren Entwicklungstendenzen in der Lexikographie: Zum einen lässt der verstärkte Einsatz der korpusbasierten und korpusgesteuerten Untersuchungen in der monolingualen und bilingualen Phraseographie viele bisherigen Unzulänglichkeiten in der Makro- und Mikrostruktur der Nachschlagewerke beseitigen, die genaueren kognitiven Analysen zur Semantik einzelner Idiome könnten dabei zur akkuraten Erfassung der Bedeutungen und Teilbedeutungen einen nicht zu unterschätzbaren Beitrag leisten. Zum anderen hebt die sich anbahnende Wende von gedruckten zu elektronischen Nachschlagewerken viele Einschränkungen der traditionellen Lexikographie auf und ermöglicht eine detaillierte und trotzdem benutzerfreundliche und übersichtliche Darstellung der Lemmata.

Aus der kognitiven Perspektive verweist der Vergleich der Phraseologismen an die Wand drücken und przypierać/przyciskać do muru/ściany auf den komplexen Charakter der phraseologischen Motiviertheit. Der Konstituentenbestand und mentales Bild sind in beiden Phraseologismen sehr ähnlich, die Vorstellungswelt, auf die Metaphern Bezug nehmen, weist aufgrund der offensichtlichen kulturellen Nähe der beiden Sprachen, die sich aus der Zusammengehörigkeit zu demselben Kulturkreis ergibt, viele Parallelen auf. Beiden Idiomen liegen z.T. auch dieselben konzeptuellen Metaphern zugrunde. Nichtsdestotrotz lässt sowohl das deutsche als auch das polnische Idiom bestimmte Bedeutungsaspekte erkennen, die einzigartig sind und sich auf spezifische metaphorische Mappings zurückführen lassen, die lexikalisiert wurden. ←424 | 425→Die phraseologische Motiviertheit ist also einerseits offen, willkürlich, lässt die individuellen Assoziationen der Sprachteilhaber zu, die sich im Laufe der Zeit verfestigen können: Dies erklärt den semantischen Mehrwert der Idiome, ihre Ambiguität, oft anzutreffende Vielfalt der Bedeutungen und Teilbedeutungen sowie Affinität zum sprachspielerischen Gebrauch. Andererseits ist die Motiviertheit an die Lexikalisierung gebunden und durch Lexikalisierung beschränkt – die lexikalisierte Bedeutung eröffnet den Spielraum, in dem die motivierenden metonymischen und metaphorischen Mappings möglich sind. Die konzeptuelle Metapher argumentieren ist krieg wurde nur im polnischen Idiom lexikalisiert, die Metaphern wichtig sein ist in der mitte sein, nicht wichtig sein ist am rande sein, starke persönlichkeit ist persönlichkeit, die viel raum in anspruch nimmt kommen ausschließlich im deutschen Idiom zum Vorschein. Die Bedeutungen der Phraseologismen im engeren Sinne konstituieren sich folglich in einem Raum, der zwar groß ist und eine gewisse Bewegungsfreiheit gestattet, gleichzeitig aber durch die Wände der Lexikalisierung abgesteckt wird. Diese Wände sind zwar elastisch, in vielen Fällen dünn, sodass Breschen in die Mauer geschlagen werden können: Die phraseologischen Bedeutungen vieler Idiome unterliegen nämlich öfters den Bedeutungsverschiebungs-, Bedeutungserweiterungs- oder Bedeutungsverengungsprozessen. Andererseits lässt sich nicht von vornherein prognostizieren, welche metaphorischen oder metonymischen Projektionen sich in der Sprache verfestigen und reproduzierbar werden, auf die Raum-Metaphorik zurückgreifend, auf welche Wand Druck ausgeübt wird und welche Form dieser Raum zu einem gewissen Zeitpunkt annimmt. In diesem komplexen Zusammenspiel zwischen dem Verfestigten und sich Verfestigenden, dem bereits in kommunikativen Prozessen Ausgehandelten und dem neu Auszuhandelnden konstituiert sich das, was man vergegenständlichend als lexikalische Bedeutung bezeichnet, auf dieses Zusammenspiel sind interlinguale Differenzen in Idiomen mit ähnlichem Konstituentenbestand zurückzuführen.

4.2.2.2 schwierigkeiten sind ungenießbares essen

ein hartes Brot, eine harte Nuss, in den sauren Apfel beißen, ein dicker Brocken192

Stellvertretend für die kleineren Phraseologismengruppen, die nicht mit der reichlich vertretenen Weg-Metaphorik zusammenhängen und doch zu der Konzeptualisierung der Schwierigkeiten im Deutschen herangezogen werden können, werden in diesem Kapitel die Idiome untersucht, deren Ausgangsdomäne im weit gefassten Erfahrungsbereich der Ernährung liegt. Die Relevanz der Domänen: Essen, Nahrungszubereitung, Tafelsitten ist in der Phraseologie vor dem Hintergrund der Tatsache, dass Mahlzeiten zu bereiten, verzehren und genießen ein tägliches, notwendiges, ←425 | 426→mehrmals wiederholtes, kulturell-ritualisiertes soziales Ereignis ist, verständlich. Die Aufnahme der Lebensmittel ist für die Erhaltung des Körpers und das Wohlbefinden des Menschen unabdingbar, der Prozess der Verwandlung der materialen Erdfrüchte in die Lebensenergie und Körperkraft existenziell, dementsprechend werden auch abstraktere kognitive und emotionale Vorgänge des Öfteren unter Rückgriff auf die lebensnahen und täglich erfahrenen Konzepte der Essenaufnahme, des Schluckens, der Verdauung konzeptualisiert, wobei man sich bekömmliche Lebensmittel als Vorteile, ungenießbare oder schwer zubereitende Nahrung als Schwierigkeiten vorstellt.

4.2.2.2.1 ein hartes Brot

Lexikographisch erfasste Varianten: ein hartes/schweres/saures Brot

Modifikationen: hartes Brot, ganz schön hartes Brot, ein sehr hartes Brot, das harte Brot (+ Gen): das harte Brot der Opposition (3 Belege), das harte Brot der Identitätssuche, das harte Brot jedes Essenliebhabers, das harte Brot der Kunst, dasselbe harte Brot

Darstellung in lexikographischen Nachschlagewerken

Tab. 33:Das Idiom ein hartes Brot in allgemeinen und phraseologischen Wörterbüchern des Deutschen.

WörterbuchtypWörterbuchLexikographische Darstellung
allgemeinduw 2006ein hartes/schweres B. (schwere Arbeit, mühevoller Gelderwerb)
duw onlineein hartes/schweres Brot (schwere Arbeit, mühevoller Gelderwerb)
wahrig 2007das ist ein hartes, saures Brot 〈fig.〉 schwere, mühsame Arbeit
phraseologischduden 11ein hartes/schweres Brot sein: ein mühevoller Gelderwerb sein: Er brummelte … das könnte doch nie gut gehen – Vertreter, Reisender, das sei ein hartes Brot (Richartz, Büroroman 100). (2011: 142)
schemann 2011ein hartes/schweres/saures Brot (für jn.) sein/(etw. zu tun/zu sein) path veraltend seltenSo Jahr um Jahr unter der Erde die Kohle losschlagen – das ist schon ein hartes Bort. – Obwohl ich es einige Male mit großem Interesse mitgemacht habe, würde ich auch nicht gern ständig ‚unter Tage’ oder ‚vor Ort’ arbeiten, wie man sagt. Das Geld ist sauer verdient. (2011: 104)
redensarten-indexein hartes/schweres Brot ‚mühevoll; mühselig; beschwerlich; schwer verdient‘
müller 2005nicht verzeichnet
←426 | 427→

Korpusgestützte Analyse anhand der DWDS-Korpora193

Verwendungsprofil 1: ‚eine schwere Arbeit, die zur Existenzsicherung notwendig ist, ein mühevoller Gelderwerb‘ (21 Belege)

Das frequenteste Verwendungsprofil des Idioms bezieht sich auf die mit Gelderwerb und mit Sicherung der materiellen Lebensgrundlage verbundene Arbeit und kann mit der Bedeutungsparaphrase: ‚eine schwere Arbeit, die zur Existenzsicherung notwendig ist, ein mühevoller Gelderwerb‘ umschrieben werden. In 21 Gebrauchsbelegen wird der unangenehme Aspekt dieser Tätigkeit profiliert, der beispielsweise:

in einer großen körperlichen Anstrengung:

(106) Drei Dinge braucht der Erntehelfer: ein Spargelmesser, eine Kelle, um die Sandhügel wieder in Form zu bringen, und ein gutes Auge. Für Urlauber ist es ein Spaß, für die Arbeiter hartes Brot. Sie beginnen in der Morgendämmerung und arbeiten den lieben langen Tag gebückt, was für den Rücken alles andere als gut ist. Der Tagesspiegel, 21.03.1998

(107) Der Hof wurde vom Vater an den Sohn übergeben, solange er es zurückverfolgen kann. Die Schafzucht ist ein hartes Brot, kaum Freizeit, wenig Einnahmen. ←427 | 428→Doch: „Solange die Schafe satt werden, habe ich genug zu essen.“ Der Tagesspiegel, 17.04.2005

in einem übermäßigen Kraftaufwand, der (vergleichsweise) wenig Ertrag mit sich bringt:

(108) Schauen Sie sich an, was Fußballer verdienen und wofür. Biathlon, das sei richtig „hartes Brot“. Der Tagesspiegel, 29.12.2002

in den gespannten zwischenmenschlichen Beziehungen, die (wahrscheinlich wegen der großen Konkurrenz) auf dem Arbeitsplatz herrschen:

(109) Taxifahren ist ein hartes Brot in Berlin. „Zur Zeit ist es besonders schlimm“, sagt Manfred Q. „Du stehst am Stand brav in der Schlange“. Gestern stand der 38-jährige Taxifahrer Kai S. vor dem Amtsrichter. Er hatte sich am Flughafen Tegel vorgedrängelt. „Eine bodenlose Frechheit“, sagt Manfred Q. Berliner Zeitung, 06.02.1998

oder in den besonders hohen Ansprüchen, die einem an dem Arbeitsplatz gestellt werden, liegt:

(110) „Auch wenn nicht alle Überstunden generell abgeschafft werden können, sind die täglich geleisteten Überstunden größtenteils vorhersehbar und könnten zugunsten von Neueinstellungen umverteilt werden“, schreibt die Ärztekammer-Zeitschrift „Berliner Ärzte“. Möglich, dass vor allem fertig ausgebildete Ärztinnen, die das harte Brot der Kliniklaufbahn dem Familienleben geopfert haben, durch kalkulierbarere und damit familienfreundlichere Arbeitszeiten zur Rückkehr bewegt werden könnten. Der Tagesspiegel, 16.11.2001

Generalisierend ist anzunehmen, dass dieses Verwendungsprofil durch die in Abb. 83 dargestellten Metonymien, Metaphtonymien und Metaphern mitkonstituiert wird, die sich auf zwei Ebenen: der Ebene der Bedeutungsderivation von der ganzen Wortverbindung sowie der Ebene der semantischen Verschiebung von der nominalen Konstituente vollziehen.

Grundlegend für die Bedeutungskonstituierung ist auf der ersten Ebene die konzeptuelle Metapher schwierigkeiten sind ungenießbares [schlecht schmeckendes] essen. Für diese konzeptuelle Metapher lassen sich zahlreiche sprachliche Exemplifizierungen finden, ebenfalls im phraseologischen Bereich:

schwierigkeiten sind ungenießbares [schlecht schmeckendes] essen

eine harte Nuss für jmdn. sein ‚[für jmdn.] eine schwierige Aufgabe, ein großes Problem darstellen)‘ (DUW online, Zugriff am 22.10.2017)

manche, eine harte Nuss zu knacken haben, bekommen ‚ugs.; eine schwierige Aufgabe, ein schweres Problem zu bewältigen haben‘ (DUW online, Zugriff am 22.10.2017)

die Suppe auslöffeln (müssen), die man sich eingebrockt hat ‚die Folgen eines Tuns tragen‘ (DUW online, Zugriff am 22.10.2017)

jmdm. die Suppe versalzen ‚jmdm. etw. verderben/verleiden/madig machen; jmdm. schaden, jmds. Pläne vereiteln‘ (redensarten-index, Zugriff am 20.03.3017)

←428 | 429→

jmdm./sich eine schöne Suppe einbrocken ‚jmdn./sich in eine unangenehme Lage bringen‘ (DUW online, Zugriff am 22.10.2017)

jmdm. das Leben sauer machen ‚jmdm. das Leben schwer, unangenehm machen, jmdm. Schwierigkeiten bereiten‘ (redensarten-index, Zugriff am 20.03.2017)

sich (Dativ) die Zähne an etw. ausbeißen ‚ugs.: an einer schwierigen Aufgabe trotz größter Anstrengungen scheitern‘ (DUW online, Zugriff am 22.10.2017)

in den sauren Apfel beißen (müssen) ‚etw. Unangenehmes notgedrungen tun‘ (DUW online, Zugriff am 22.10.2017)194.

Während die konzeptuelle Metapher schwierigkeiten sind ungenießbares/schlecht schmeckendes Essen den Konzeptualisierungen eine bestimmte ←429 | 430→Richtung gibt, trägt die epistemische Metapher und das mentale Bild zur Präzisierung der Bedeutung wesentlich bei. Die Wortverbindung ein hartes Brot in der literalen Lesart ruft nämlich ein mentales Bild hervor und aktiviert die epistemischen Strukturen: Ein durchschnittlicher Mensch hat eine genaue Vorstellung, wie ein hartes Brot aussieht, wie es schmeckt, wie es sich anfühlt und wie es verzehrt wird. Diese Informationen werden aus der Ausgangsdomäne des essens auf die Zieldomäne der arbeit projiziert, was folgende Korrespondenzen (Tab. 34) ergibt:

Tab. 34:Die epistemischen Mappings zwischen der Ausgangs- und Zieldomäne für das Verwendungsprofil ‚eine schwere Arbeit, die zur Existenzsicherung notwendig ist, ein mühevoller Gelderwerb‘.

hartes Brot (Ausgangsdomäne)schwere Arbeit (Zieldomäne)
schwer zu knabberneine Arbeit, die nur in kleinen Schritten ausgeführt werden kann
langes Kauenviel Anstrengung notwendig, mühselig
schmeckt nicht gutunangenehme Arbeit
billig, günstiger als frisches Brot; Armenkostfinanziell nicht befriedigende Arbeit
nicht so begehrt wie frisches Broteine Arbeit, die für viele unattraktiv ist

Selbstverständlich werden nicht in jedem Gebrauchsbeleg alle Mappings fokussiert: Durch den Gebrauch der Metaphern können bestimmte Bedeutungsaspekte in den Vordergrund geschoben werden, während man andere in den Schatten stellt. So sind beispielshalber für den Beleg (110) vor allem die ersten zwei Korrespondenzen bedeutungskonstitutiv, während im Beleg (108) das vierte, den finanziellen Aspekt hervorhebende Mapping in den Fokus der Aufmerksamkeit geschoben wird.

Außer den metaphorischen Bedeutungsverschiebungen auf der Ebene der ganzen Wortverbindung lässt sich ebenfalls eine kulturell bedingte Bedeutungserweiterungsrelation zwischen der Idiomkonstituente Brot in der literalen Lesart und ,Existenzsicherung‘, ,Arbeit‘ in der phraseologisierten Lesart festlegen. Die in diesem Kontext oft angenommene symbolische Motivation (Dobrovol’skij/Piirainen 2009: 30–31) beruht im Grunde genommen auf einer metaphorisch-metonymischen Kette:

←430 | 431→Das Brot steht hier zuerst – pars pro toto –für die Grundnahrungslebensmittel: Da beide Konzepte innerhalb einer Wissensdomäne liegen, wird eine metonymische Verbindung angenommen. Weniger eindeutig lässt sich die nächste Bedeutungsverschiebung bestimmen: Der Aspekt der Existenzsicherung, der Lebensgrundlage kann sowohl als Teil der Domäne ESSEN als auch der Domäne ARBEIT angesehen werden. Im erstgenannten Fall müsste eine metonymische Bedeutungsverschiebung innerhalb der Domäne ESSEN angenommen werden (Grundnahrung steht für materielle Existenzsicherung), im zweitgenannten Fall hätten wir mit einer metaphorischen Verbindung zwischen zwei Domänen (ESSEN und ARBEIT) zu tun. Da sich die Mechanismen nicht eindeutig auseinander halten lassen und zwischen den beiden Domänen zahlreiche Übergangsbereiche bestehen, wird in diesem Fall eine Metaphtonymie angenommen. Anzumerken ist dabei, dass diese Metaphtonymie lexikalisiert ist:

grundnahrung (brot) steht für existenzsicherung/existenzsicherung ist grundnahrung (brot)

jmdn. um sein Brot/um Lohn und Brot bringen ‚jmdn. brotlos machen‘ (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 20.10.2017)

sein Brot verdienen ‚seinen Lebensunterhalt bestreiten‘ (redensarten-index, Zugriff am 20.10.2017)

in Lohn und Brot stehen/sein ‚eine feste Arbeit haben (und damit seinen Lebensunterhalt verdienen‘ (redensarten-index, Zugriff am 20.10.2017)

jmdn. um Lohn und Brot bringen ‚jmdm. die Arbeit nehmen‘ (redensarten-index, Zugriff am 20.10.2017)

nach Brot gehen müssen ‚für einen Lohn arbeiten müssen‘ (redensarten-index, Zugriff am 20.10.2017)

überall sein Brot finden ‚geschickt, fleißig, anstellig sein, sodass man überall seinen Lebensunterhalt finden kann‘ (DUW online, Zugriff am 20.10.2017)

das Brot und Buttergeschäft ‚die Haupteinnahmequelle, der Kernbereich/das Kerngeschäft eines Unternehmens‘ (redensarten-index, Zugriff am 20.10.2017)

die Kunst geht nach Brot ‚der Künstler muss Geld verdienen‘ (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 20.10.2017)

wieder in Arbeit und Brot kommen ‚wieder eingestellt sein‘ (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 20.10.2017)

jmdn. in Arbeit und Brot bringen ‚jmdm. eine Arbeit verschaffen‘ (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 20.10.2017)

der Jugendliche isst schon sein eigenes Brot ‚verdient sich seinen Unterhalt selbst‘ (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 20.10.2017)

sich sein Brot mit Zeitungsaustragen [mühsam, sauer] verdienen (DUW online, Zugriff am 20.10.2017)

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein ‚Es gibt noch andere Dinge im Leben als Essen, die wichtig sind; Die Befriedigung materieller Bedürfnisse allein reicht nicht aus, um glücklich zu leben‘ (redensarten-index, Zugriff am 20.10.2017)

←431 | 432→

Verwendungsprofil 2: ‚eine schwierige Aufgabe, eine Herausforderung‘ (13 Belege)

Interessanterweise lässt die Analyse der Korpusbelege darauf schließen, dass die lexikographisch erfasste Bedeutung ‚eine schwere Arbeit, ein mühevoller Gelderwerb‘ zwar die frequenteste, dennoch keinesfalls die Einzige ist. In insgesamt 13 Belegen tritt der Faktor der finanziellen Existenzsicherung nicht zutage, das Idiom bezieht sich dafür auf schwere, herausfordernde Aufgaben/Probleme, die vor einen gestellt werden. In typischen Beispielen beziehen sich die Herausforderungen:

im politischen Bereich auf die wegen der Komplexität des Themas schwer durchzuführenden Reformen (3 Belege):

(111) Die Kosten laufen davon, der durchschnittliche Beitragssatz liegt nun bei etwa 14,5 Prozent. Der CSU-Politiker Horst Seehofer weiß, was für ein hartes Brot Reformen im Gesundheitswesen sind. „Die Politik repariert seit 25 Jahren erfolglos am Gesundheitssystem herum – einschließlich Seehofer und der anderen“(…). Der Tagesspiegel, 13.01.2003

im Sport auf die wegen eines anspruchsvollen Gegners schwierigen Wettkämpfe (3 Belege), z.B.:

(112) Das ergab die Auslosung beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) in Frankfurt/Main am Montag. „Wir hätten uns einen leichteren Gegner gewünscht, das wird ein hartes Brot“, so Turbine-Coach Bernd Schröder. Pokalfinalist und Bundesliga-Spitzenreiter 1. FFC Frankfurt empfängt Bundesliga-Aufsteiger SG Essen- Schönebeck. Potsdamer Neueste Nachrichten, 16.11.2004

in anderen Kontexten auf bevorstehende Aufgaben, die viel Zeit, Ausdauer, Geduld und Disziplin erfordern, wie beispielshalber eine freiwillige Zusammenarbeit von sechs (sich früher nicht bekannten) Personen an einem gemeinsamen Drehbuch:

(113) Ein „unglaublich hartes Brot“ sei die gemeinsame Arbeit am Drehbuch, sagt Heidrun Jänchen, die gewissermaßen vom Fach ist. Denn die 38-jährige Physikerin arbeitet bei Zeiss Geräte-Entwicklung in Jena an Rückprojektionsfernsehern. Gerne hätte sie der Frau des Staatsanwaltes eine stärkere Persönlichkeit verliehen, doch „das war nicht zu machen“, weiß sie jetzt. Neben den anderen Autoren wachten natürlich wie üblich auch Redaktion und Produktion über die Buch-Entwicklung. Der Tagesspiegel, 18.10.2003

←432 | 433→

Die Prozesse der Bedeutungskonstituierung werden schematisch in der Abbildung 85 dargestellt.

Im Gegensatz zu dem ersten Verwendungsprofil wird die Bedeutung der vorliegenden Belege ausschließlich auf der Ebene der ganzen Wortverbindung konstruiert. Der richtungsweisende Beitrag der konzeptuellen Metapher schwierigkeiten sind ungenießbares essen kommt ebenfalls hier zur Geltung. Erst durch das evozierte mentale Bild und die dahinter stehenden Wissensstrukturen erhält die Metapher dennoch deutlichere Konturen. Die Mappings zwischen der Ausgangs- und der Zieldomäne dürften den bereits beschriebenen ähnlich sein, in einigen Punkten werden dennoch andere Aspekte der Ausgangsdomäne profiliert (vgl. Tab. 35):

Tab. 35:Die metaphorischen Mappings zwischen der Ausgang- und Zieldomäne in dem Verwendungsprofil ‚eine schwierige Aufgabe, eine Herausforderung‘.

hartes Brot (Ausgangsdomäne)schwere, herausfordernde Aufgabe (Zieldomäne)
schwer zu knabberneine Aufgabe, die in kleinen Schritten ausgeführt wird, die Mühe, Zeit und Geduld in Anspruch nimmt
langes Kauenviel Anstrengung notwendig, mühselig
schmeckt nicht gutunangenehme Aufgabe
nicht so begehrt wie frisches BrotAufgabe, die nicht gerne übernommen wird
gefährlich für das Gebissriskant, Misserfolg möglich

3. das harte Brot der Opposition (3 Belege)

Ein interessantes Beispiel für einen Übergangsbereich zwischen einer phraseologischen Modifikation und einem sich etablierenden Phraseologismus bildet die sich konventionalisierende Wortverbindung das harte Brot der Opposition, die in der Belegsammlung mit 3 Belegen vertreten ist (7,5 % der Belegsammlung195). In diesen Belegen tritt das Lexem Opposition als Genitivattribut auf, vgl. die Belege (114), (115):

(114) Die Sorge, doch noch das harte Brot der Opposition essen und vielleicht sich auch noch einem Volksentscheid beugen zu müssen, bewog die CDU, in der Schulfrage der SPD das zu gewähren, was sie der FDP vorenthielt. Archiv der Gegenwart, 36, 1966

(115) Es gibt, so sagt ein CDU-Mann, der es wissen muß, „ein eindrucksvolles Potential“ für einen Hauch Reaganscher Politik in der Partei. Der Respekt, den die Leute der neuen amerikanischen Regierung der CDU sozusagen von gleich zu gleich entgegenbringen, schmeichelt zudem manchem Politiker, der des harten Brots der Opposition müde ist. Die Zeit, 18.09.1981

←433 | 434→

Die Bedeutung der idiomatischen Modifikation das harte Brot der Opposition oszilliert – je nach der individuellen Auslegung durch den Sprachrezipienten – zwischen dem ersten ‚eine schwere Arbeit, die zur Existenzsicherung notwendig ist‘ und dem zweiten Verwendungsprofil ‚eine schwierige Aufgabe, eine Herausforderung‘ (vgl. Abb. 86). Der Bedeutungsaspekt der materiellen Lebensgrundlage aus dem ersten Verwendungsprofil dürfte hier für manche Sprachteilhaber mitschwingen: Da die politische Tätigkeit von den meisten Politikern als Beruf ausgeübt wird, geht es den Politikern der Opposition wahrscheinlich materiell (etwas) schlechter als den Politikern der Regierungspartei.

Bezeichnenderweise kommt im Korpusbeleg (14) ein Phänomen zum Vorschein, den Sabban (2015: 104, 114) als „Aufbau und Ausgestaltung eines Szenarios“ bezeichnet: Die Bildbasis oder das einer etablierten Metapher zugrunde liegende Szenario wird durch die Nennung weiterer Handlungsschritte fortentwickelt oder um Details angereichert und ausgestaltet, was in dem besprochenen Text durch das Lexem: essen gewährleistet wird. Der Beitrag des mentalen Bildes zur Konstituierung der Bedeutungen von Idiomen wird im Unterkap. 4.2.2.2.5 behandelt.

←434 | 435→

4.2.2.2.2 eine harte Nuss

Lexikographisch erfasste Varianten: eine harte Nuss (für jmdn. sein)

Modifikationen: alles harte Nüsse, eine richtig harte Nuss, eine besonders harte Nuss, eine ähnlich harte Nuss wie …, eine härtere Nuss als … (2 Belege), eine vielleicht noch härtere Nuss, die härteste Nuss, eine zu harte Nuss

Darstellung in lexikographischen Nachschlagewerken

Tab. 36:Das Idiom eine harte Nuss in allgemeinen und phraseologischen Wörterbüchern des Deutschen.

WörterbuchtypWörterbuchLexikographische Darstellung
allgemeinduw 2006[für jmdn.] eine harte Nuss sein (ugs.: [für jmdn.] eine schwierige Aufgabe, ein großes Problem darstellen)
duw online[für jemanden] eine harte Nuss sein (umgangssprachlich: [für jemanden] eine schwierige Aufgabe, ein großes Problem darstellen) (letzter Zugriff am 27.10.2017)
wahrig 2007eine harte Nuss 〈fig.; umg.〉 schwierige Aufgabe
phraseologischduden 11eine harte Nuss [für jmdn.] sein (ugs.): ein schwieriges Problem, eine unangenehme Aufgabe [für jmdn.] sein: Die letzte Frage im Radioquiz war wirklich eine harte Nuss. Er sollte jemanden ausfindig machen, der vor fünfzehn Jahren nach Südamerika ausgewandert war, das war auch für einen guten Detektiv eine harte Nuss!

jmdm. eine harte Nuss zu knacken geben (ugs.): jmdm. eine schwierige Aufgabe, ein schweres Problem zu bewältigen geben: Mit diesem Auto und seinem Preis gibt Ford dem Wolfsburger Konkurrenten eine harte Nuss zu knacken (rp-online.de).

eine harte Nuss zu knacken haben (ugs.): eine schwierige Aufgabe zu lösen, ein schweres Problem zu bewältigen haben: Der Untersuchungsausschuss wird eine harte Nuss zu knacken haben, wenn er diesem Herrn unlautere Manipulationen nachweisen will. (2011: 557–558)
schemann 2011eine harte Nuss sein ugs.

Was bin ich froh, dass ich diese Aufgabe gelöst habe! Das war eine harte Nuss! Selten habe ich ein so schweres Problem zu lösen gehabt! (2011: 589)
redensarten-indexeine harte Nuss ‚eine schwierige Aufgabe‘

eine harte Nuss zu knacken haben ‚eine schwierige Aufgabe zu bewältigen haben‘

jemandem eine harte Nuss zu knacken geben ‚jemanden vor eine schwierige Aufgabe stellen‘ (letzter Zugriff am 27.10.2017)
müller 2005eine harte Nuß (umg.) eine schwierige/unangenehme Sache [Schwierigkeit]

„Die Zwischenprüfung war leider mal eine harte Nuß. Fast die Hälfte der Kandidaten war durchgefallen!“Die harte Schale der meisten Nußarten hat vielen Sprichwörtern und Redensarten als Vorbild gedient. (2005: 442–443)
←435 | 436→

Korpusgestützte Analyse anhand der DWDS-Korpora196

←436 | 437→Die Untersuchung der Korpusbelege hat ergeben, dass das Idiom eine harte Nuss zwei Verwendungsprofile aufweist. Die meisten Belege beziehen sich auf die lexikographisch erfasste Bedeutung etw. ist eine harte Nuss ‚etw. stellt eine schwierige Aufgabe dar‘. In insgesamt 12 Belegen ist das Subjekt allerdings belebt: Hier tritt eine Person oder eine Gruppe von Menschen in der Subjektposition auf.

Verwendungsprofil 1: etw. ist eine harte Nuss ‚etw. stellt eine schwierige Aufgabe, eine Herausforderung dar‘ (28 Belege)

In den meisten Belegen referiert eine harte Nuss auf schwierige Aufgaben, wobei das Herausfordernde an diesen Aufgaben mit mehreren Aspekten im Zusammenhang stehen kann:

Im Beruf und in der Wissenschaft ist es die Einzigartigkeit und Unkonventionalität der Aufgaben, die vor einen gestellt werden und hohe Ansprüche an seine Kreativität stellen:

(116) An den Seiten des Saales gibt es Echokammern, die je nach Auffassung des Dirigenten wie Scharniere auf die klanglichen Eigenarten einer Komposition hin geöffnet oder geschlossen werden können, wie die Kiemen beim Fisch. Alles harte Nüsse für einen Architekten, der die Poesie in der Gestalt und nicht in den Tönen sucht. Die Zeit, 24.08.1998

(117) Entzündungen, die dann auftreten, sind Folge und nicht Ursache der Krankheit. Es scheint so, als sei Rheuma für die forschenden Mediziner eine ähnlich harte Nuß wie Krebs. Das ist wenig tröstlich für Patienten, die schmerzgeplagt und oft lebenslang verkrüppelt mit ihren entzündeten Gelenken leben müssen. Die Zeit, 14.10.1983

In der Wirtschaft, Politik oder Gesellschaft wird dagegen eher das Problemhafte hervorgehoben:

(118) Für die Energie-Versorgungsunternehmen dürfte das Programm allerdings eine harte Nuß bedeuten: Gebremster Ausbau der bisherigen Zentralisierung in der Elektrizitätsversorgung durch Großkraftwerke, Ergänzung der Großkraftwerke durch eine große Anzahl sogenannter Energieboxen direkt beim Verbraucher. Die Zeit, 06.07.1979

(119) „Der Telekommunikationsmarkt wird nach dem WTO-Beitritt ganz anders aussehen“, sagt Jürgen Oberg, der bei Siemens für das China-Geschäft zuständig ist. Die Öffnung ist eine harte Nuss für die chinesischen Machthaber. Sie sind es gewohnt, im Lande relativ abgeschottet handeln zu können. Der Tagesspiegel, 03.02.2001

(120) „Wenn es nötig sein sollte, die Armee einzusetzen, um Teile Londons zu schützen, werden wir davor nicht zurückschrecken“, sagte er. Vor einem Jahr wurden nach einem Terroralarm Panzerwagen und Soldaten am Flughafen Heathrow eingesetzt – eine Maßnahme, die laut Stevens eine gute Wirkung hatte: „Wir wissen, dass gewisse Terroristengruppen sich Heathrow angesehen haben, aber eine zu harte Nuss fanden. Sie kamen, sahen sich um und gingen wieder. Der Tagesspiegel, 16.03.2004

Nicht zuletzt referiert eine harte Nuss auf die Herausforderungen, die einen zum Umdenken zwingen, gegen die bisherigen Weltanschauungen verstoßen:

←437 | 438→

(121) Süffig zu lesen, aber eine harte Nuss für alle, die glauben, der Mann sei immer schon Versorger und Chef gewesen. Nein, die Steinzeitfrau saß nicht kümmerlich am Feuer und wartete auf den Beschützer und Fleischbringer, sie sammelte sich ihr Essen selbst. Ehe? Gab’s nicht. Wie sich das änderte und was daraus für heute folgt, erzählt Marie-Luise Schwarz-Schilling in ihrem Ritt durch die Geschichte. Der Tagesspiegel, 16.12.2004

Die Bedeutungskonstituierungsprozesse vollziehen sich auf der Ebene der ganzen Wortverbindung (vgl. Abb. 88) und werden durch die konzeptuelle Metapher schwierigkeiten sind ungenießbares essen sowie die epistemischen Mappings (Tab. 37) mitgestaltet:

Tab. 37:Die epistemischen Mappings für das Verwendungsprofil 1 ‚unsichere, schwierige (Lebens-)Lage eines Menschen‘.

harte Nuss (Ausgangsdomäne)eine schwierige, herausfordernde Aufgabe (Zieldomäne)
Eine harte Schale.Eine schwierige Aufgabe, die mit konventionellen Mitteln nicht zu knacken ist.
Der Kern ist nahrhaft, fett.Das Ziel ist der Mühe wert, das Erreichen des Ziels bringt Befriedigung, soziales Ansehen, Ruhm, Durchbruch in der Forschung, materiellen Wohlstand u.ä. mit sich.
Wenn man die Schale knackt, gibt sie den Kern frei.Wenn man die Schwierigkeiten überwindet, erreicht man das Ziel.
Die harte Schale knackt man leichter, indem man die Nuss an bestimmten Stellen zusammenpresst.Eine schwierige, herausfordernde Aufgabe löst man oft durch die Trial-and-Error-Methode.
Das Knacken/ Zusammenpressen kann viel Zeit kosten, spezielles Werkzeug ist nötig.Viel Anstrengung/Zeit ist notwendig.
←438 | 439→

Verwendungsprofil 2: jd. ist eine harte Nuss ‚jd. ist unnachgiebig, ausdauernd, zielstrebig, schwer von eigenen Zielen abzubringen‘ (12 Belege)

Das zweite Verwendungsprofil weist zwei Verwendungsmuster auf, die in den Bedeutungskonstituierungs- und Motiviertheitsmechanismen leicht divergieren.

Verwendungsmuster 2.1: eine Person ist eine harte Nuss ‚eine Person ist unnachgiebig, robust, schwer von eigenen Zielen abzubringen‘ (6 Belege)

Bei den einzelnen Personen, die als eine harte Nuss bezeichnet werden, handelt es sich um einflussreiche Menschen in höheren Positionen, die an ihrem Arbeitsplatz ein großes Maß an Macht und Respekt genießen. Ihre Erfolge sind auf einen unnachgiebigen, beharrlich ausdauernden Charakter sowie die Fähigkeit, ihre Weltansichten/Überzeugungen/Ziele unerschütterlich zu verteidigen, zurückzuführen (im Polnischen gibt es ein nominales Idiom twarda sztuka [wörtl. ‚ein hartes Stück‘ ≈ ‚ein zäher Typ‘]). Diese Belege sind überwiegend in den thematischen Bereichen Politik und Wirtschaft angesiedelt, zwei werden im Folgenden zitiert:

(122) Marjorie Scardino dürfte dem zustimmen. Aber sie ist zu klug, um sich zwei Monate vor ihrem Antritt in der Führungsetage in die Karten blicken zu lassen. Sie habe „keine strategischen Vorurteile“, sagt sie und gibt zu erkennen, daß sie willens ist, auch heilige Kühe zu schlachten. Die sie kennen, zweifeln nicht eine Sekunde daran, daß sie sehr genau weiß, wohin die Reise geht. Beim Economist nennt man sie bewundernd a tough cookie, eine harte Nuß. Die Zeit, 28.10.1996

(123) Stiftungsrecht, Erbschaftssteuer, Neubewertung von Grundbesitz – die Formulierungen bleiben allgemein. Für die konkrete Ausformulierung ist das Bundesministerium für Finanzen zuständig. Mit anderen Worten: Hans Eichel. Was für eine harte Nuss197 der ist, hat die Debatte über die Reform des Stiftungsrechts gezeigt. Er möchte nicht zu viele Einnahmen verlieren. Gegen seinen Widerstand wurde die Formulierung im Antrag durchgesetzt, dass nicht nur Kultur und Bildung, sondern auch Stiftungen für Kirche und Sport zu den Begünstigten gehören sollen. Aber Eichel gibt nicht auf. Er will nun dafür sorgen, dass die Steuerersparnis für Sport-Stiftungen geringer ausfällt als solche für kulturelle Zwecke. Der Tagesspiegel, 03.12.1999

Die Bedeutungskonstituierungsmechanismen sind in diesem Fall komplexer als in dem ersten Verwendungsprofil und können auf mehreren Ebenen untersucht werden: Semantischer Derivation wird sowohl die ganze Wortverbindung eine harte Nuss in der literalen Lesart, als auch die nominale Konstituente Nuss unterzogen (vgl. Abb. 89):

←439 | 440→Von größter Relevanz scheint die metaphorische Übertragung der ganzen Wortverbindung zu sein (Ebene 1), die durch mehrere Metaphern von verschiedenem Generalitätsgrad aufgebaut wird. Zum ersten wird die Beziehung zwischen der literalen und der phraseologisierten Bedeutung der ganzen Wortverbindung durch die konzeptuelle Metapher schwierigkeiten sind ungeniessbares essen mitgestaltet, die Konzeptualisierungen in eine bestimmte Richtung weist: In allen genannten Belegen handelt es sich um Personen, die aufgrund ←440 | 441→ihrer Persönlichkeits- oder Charakterzüge bestimmten, andere Interessen vertretenden Menschen(-gruppen) Schwierigkeiten bereiten können. Zum zweiten tragen ontologische Metaphern von einem sehr hohen Generalitätsgrad: körper ist behälter, gefühle und gedanken sind entitäten in diesem behälter sowie die sich aus den genannten Metaphern ergebenden metaphorischen Korrespondenzen: dicke wände des behälters sind resistenz gegen äußere einflüsse, dünne wände des behälters sind empfindlichkeit zur Konzeptualisierung der harten Nuss bei. Die genannten ontologischen Metaphern basieren auf elementaren Erfahrungen des Menschen mit physischen Objekten sowie auf der Tatsache, dass die Menschen Wesen mit einer Physis sind, die durch die Hautoberfläche von der Welt getrennt ist. Und diese Hautoberfläche, d.h. die Wände des Behälters, wird in den besprochenen Gebrauchsbelegen profiliert. Die Wände, die – so wie eine Wal-, Hasel-, Nussschale – dick, robust und widerstandsfähig sind, sorgen für die Unabhängigkeit des Inneren von dem Äußeren, seine Widerstandskraft, Unempfindlichkeit und Resistenz, dünne Wände ziehen die (körperliche und psychische) Empfindlichkeit gegen die Umwelteinflüsse mit sich. Diese konzeptuellen Metaphern kommen in mehreren Phraseologismen und Komposita des Deutschen zum Vorschein:

körper ist behälter

dicke wände des behälters sind resistenz gegen äußere einflüsse

dünne wände des behälters sind empfindlichkeit

jd. hat/bekommt ein dickes Fell/eine dicke Haut ‚unempfindlich sein, werden‘ (redensarten-index, Zugriff am 25.10.2017)

jd. ist dickfellig ‚gleichgültig, unempfindlich gegenüber Aufforderung, Missbilligung‘ (DUW online, Zugriff am 25.10.2017)

jmdn. wie ein rohes Ei behandeln ‚etw./jmdn. sehr behutsam, pfleglich, vorsichtig behandeln‘ (redensarten-index, Zugriff am 25.10.2017)

Dickkopf/Dickschädel ‚jd., der eigensinnig, stur, beharrlich ist‘ (redensarten-index, Zugriff am 25.10.2017)

jmdn. in Watte packen ‚etw./jmdn. sehr behutsam, pfleglich, vorsichtig behandeln‘ (redensarten-index, Zugriff am 25.10.2017)

seinen Dickkopf aufsetzen ‚trotzig sein‘ (DUW online, Zugriff am 25.10.2017)

einen harten Schädel haben ‚hartnäckig, willensstark, eigensinnig, unnachgiebig sein‘ (redensarten-index, Zugriff am 25.10.2017)

jd. ist dünnhäutig ‚sehr empfindsam, überempfindlich sein‘ (redensarten-index, Zugriff am 25.10.2017)

jd. ist unerschütterlich ,sich durch nichts erschüttern lassend; von großer, gleichbleibender Festigkeit, Beständigkeit‘ (DUW online, Zugriff am 25.10.2017)

einen weichen Kern in einer harten/rauen Schale haben; harte/raue Schale, weicher Kern ‚sich abgebrüht und hart geben, aber im Grunde gutmütig sein‘ (redensarten-index, Zugriff am 25.10.2017)

ein weiches Herz in einer rauen Schale haben ‚sich abgebrüht und hart geben, aber im Grunde gutmütig sein‘ (redensarten-index, Zugriff am 25.10.2017)

←441 | 442→

jmdn. mit Samthandschuhen/Glacéhandschuhen/seidenen Handschuhen anfassen ‚jmdn. rücksichtsvoll, sanft, behutsam, vorsichtig behandeln‘ (redensarten-index, Zugriff am 25.10.2017)

Außer den aufgelisteten konzeptuellen Metaphern, die für die Bedeutungskonzeptualisierung relevant sind, wird die Bedeutung durch die auf dem mentalen Bild basierenden epistemischen Mappings beeinflusst. Das mentale Bild einer harten Nuss in der literalen Bedeutung aktiviert die Wissensbestände, die dann auf eine Person und ihre Eigenschaften übertragen werden könnten und die erwähnten ontologischen Metaphern präziser beschreiben. Die konzeptuellen Mappings zwischen den beiden Domänen dürften die in der Tab. 38 dargestellte Form annehmen.

Tab. 38:Die epistemischen Mappings für das Verwendungsmuster 2.1 ‚eine Person ist unnachgiebig, robust, schwer von eigenen Zielen abzubringen‘.

harte Nuss (Ausgangsdomäne)ein unnachgiebiger, zielorientierter Mensch (Zieldomäne)
Eine harte Schale.Ein robuster, unzugänglicher Mensch.
Der Kern ist nahrhaft, fett.Der Mensch ist einflussreich, wichtig.
Den Kern kann man essen, erst wenn man die Schale geknackt hat.Mit dem Menschen kann man verhandeln, erst nachdem man ihn zu sich überzeugt hat, der Mensch lässt sich nicht leicht von seinen Überzeugungen/Zielen abbringen.
Das Zusammenpressen kann viel Zeit und Mühe in Anspruch nehmen.Viel Anstrengung ist notwendig.
Wenn man die Schale knackt, gibt sie den Kern frei.Wenn man jmdn. für eine Sache gewinnt, erreicht man das Ziel.

Einen Einfluss auf die Bedeutungskonstituierung des Idioms übt die auf der zweiten Ebene angesiedelte Beziehung zwischen der Idiomkomponente Nuss in der literalen und in der phraseologisierten Bedeutung aus. Die Bedeutungsverschiebung Nuss→Mensch beruht auf einer metaphorisch-metonymischen Kette (Abb. 90):

←442 | 443→Die metaphorische Verbindung baut auf der visuellen Ähnlichkeit beider Entitäten auf: Menschlicher Schädel ist wie Schale einer Walnuss, Gehirn (mit Furchen und Windungen) ist wie ein Nusskern (und genauer Nusskernhälfte). In der Phraseologie existieren wenigstens zwei Idiome, denen diese Metapher zugrunde liegt: eins auf die Nuss kriegen ‚einen Schlag auf den Kopf bekommen‘, jmdm./einer Sache eins auf die Nuss geben ‚jmdm. einen Schlag auf den Kopf verpassen‘ (redensarten-index, Zugriff am 22.10.2017).

Fest etabliert ist die metonymische Bedeutungsverschiebung kopf steht für einen menschen (teil für das ganze):

kopf steht für einen menschen

pro Kopf

sie ist ein kluger Kopf

der Kopf des Unternehmens

Kopf an Kopf stehen

Interessanterweise scheinen die metonymische Bedeutungsverschiebung Kopf → Mensch sowie die metaphorisch-metonymische Bedeutungsderivation Nuss → Mensch einem Lexikalisierungsprozess zu unterliegen. Die Allgemeinwörterbücher des Deutschen weisen beiden Derivationen den Status einer Teilbedeutung zu, vgl. die Teilbedeutungen 7.1, 7.2 in Wahrig 2007, Lemma Nuss:

1.〈Bot.〉

1.1 〈i.w.S.〉 trockene pflanzl. Schließfrucht, die mithilfe eines Trennungsgewebes als Ganzes abfällt (Hasel~)

1.2 〈i.e.S.〉 essbarer Kern von Schalenobstarten (Wal~, Kokos~)

2.nussförmiges Stück (z.B. Kohle)

3.〈Kochk.〉 = Kugel (4)

4.〈Jägerspr.〉 äußeres Geschlechtsteil (von Wölfin, Füchsin, Hündin)

5.〈Tech.〉 auswechselbarer Kopf eines Steckschlüssels

6.〈Waffenk.〉 Teil des Schlosses am Gewehr

7.〈umg.〉

7.1 Kopf

7.2 Person

8.〈meist Pl.; derb〉 Hoden

sowie die Teilbedeutung 2 im DUW online (Zugriff am 22.10.2017):

1. a. (Botanik) rundliche Frucht mit harter, holziger Schale, die einen ölhaltigen, meist essbaren Kern umschließt

b.Kurzform für: Walnuss

c.essbarer Kern einer Nuss

2.(Schimpfwort) Mensch

3.(landschaftlich) Kopfnuss

4.(Kochkunst) rundes Fleischstück aus der Keule von bestimmten Schlachttieren

5.(Jägersprache) (vom Hund, Fuchs, Wolf o.Ä.) weibliches Geschlechtsteil

6.←443 | 444→(Technik) auswechselbarer Kopf eines Steckschlüssels

7.in »jemandem eins auf die Nuss geben«

In der Umgangssprache liegen drei Wortverbindungen mit einer lexikalisierten Verschiebung Nuss → Mensch vor: eine feige Nuss ‚ein feiger Mensch‘, eine taube Nuss ‚ein Versager, ein Nichtskönner‘ und eine dumme Nuss ‚ein dummer Mensch‘ (redensarten-index, Zugriff am 22.10.2017).

Dem Verwendungsmuster ‚eine unnachgiebige, robuste Person, die sich schwer von ihren Zielen abbringen lässt‘ wird ebenfalls der folgende Beleg zugeordnet, der aus der kognitiven Perspektive allerdings besonderer Aufmerksamkeit wert ist:

(124) Der 59-Jährige ist alles andere als ein deutscher 007, er ist kein Draufgänger, keiner, der bewusst das Risiko und den Nervenkitzel sucht. Uhrlau ist eher ein vorsichtiger Typ, immer abwägend und von bedächtiger Natur. Wahrscheinlich aber macht ihn gerade das besonders geeignet, eine Behörde mit Tausenden von Geheimdienstlern zu leiten, von denen mancher im Schatten der großen Weltpolitik bisweilen ein gefährliches Eigenleben führt. Ernst Uhrlau fällt mitten im Gespräch bisweilen in minutenlanges Schweigen, was entweder seiner vorherigen Aussage Nachdruck verleihen soll oder dem Gesprächspartner demonstriert, dass er auf die Frage einfach nicht antworten will. Geheimnisse sind bei ihm gut aufgehoben, für neugierige Journalisten ist er eine harte Nuss. Die Zeit, 01.12.2005

In diesem Gebrauchsbeleg scheint die Auslegung der aktuellen Bedeutung des Idioms zwischen mehreren Auslegungsmöglichkeiten zu schwanken.

Das idiomatische Prädikativ eine harte Nuss kann zum ersten auf eine vorsichtige, beherrschte und dadurch als unzugänglich, Abstand haltend empfundene Verhaltensweise eines hochgestellten Beamten verweisen. Zur Bedeutungskonstituierung tragen also die metaphorischen Mappings des Verwendungsmusters 2.1 bei, die die harte Nussschale mit der Unnachgiebigkeit und Willensstärke von Uhrlau verbinden und diese Beziehung im Rahmen der konzeptuellen Metaphern: körper ist behälter, dicke wände des behälters sind resistenz gegen äußere einflüsse profilieren.

Von Relevanz für die Konzeptualisierung des Idioms ist ebenfalls das Wissen, dass Uhrlau in zahlreiche, für Journalisten äußerst interessante Staatsangelegenheiten eingeweiht ist, über die er ein absolutes Stillschweigen gegenüber Dritten bewahrt. In den Fokus der Aufmerksamkeit wird demnach nicht nur die Beschaffenheit, sondern auch der Inhalt des Behälters gerückt. Die konzeptuelle Metapher körper ist behälter scheint in diesem Kontext die Gedanken, Informationen, darunter Geheimnisse hervorzuheben. Die konzeptuelle Metapher gedanken/informationen/geheimnisse sind entitäten in einem behälter manifestiert sich sprachlich in den üblichen Ausdrücken des Wissenserwerbs, der Informationsaufbewahrung, der Geheimnishütung, vgl. u.a.

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gedanken/informationen/geheimnisse sind entitäten in einem behälter

Flausen/Flusen im Kopf haben ‚unrealistische Pläne schmieden; verrückte, sinnlose Ideen haben; Unsinn machen‘ (redensarten-index, Zugriff am 22.10.2017)

Motten im Kopf haben ‚merkwürdige, sonderbare Gedanken haben‘ (redensarten-index, Zugriff am 22.10.2017)

sich etw. aneignen ‚sich etw. zu eigen machen, etw. lernen‘ (DUW online, Zugriff am 22.10.2017)

etw. wie mit dem Nürnberger Trichter eingeben/eingießen ‚etw. mühelos lernen‘ (redensarten-index, Zugriff am 22.10.2017)

jmdm. nicht aus dem Kopf gehen/wollen ‚jmdn. ständig beschäftigen‘ (DUW online, Zugriff am 22.10.2017)

jmdm. die Würmer aus der Nase ziehen ‚jmdn. mühsam zum Reden bringen, jmdm. (z.B. ein Geheimnis oder Geständnis) entlocken; jmdn. aushorchen, ausfragen‘ (redensarten-index, Zugriff am 22.10.2017)

jmdm. alles/jedes Wort einzeln aus der Nase ziehen (müssen) ‚jmdn. mühsam zum sprechen bringen (müssen), jmdn. durch geschicktes Fragen aushorchen‘ (redensarten-index, Zugriff am 22.10.2017)

jmdm. die Seele aus dem Leib fragen ‚jmdn. penetrant/hartnäckig ausfragen‘ (redensarten-index, Zugriff am 22.10.2017)

jmdn. ausquetschen ‚jmdn. genauestens ausfragen, jmdn. verhören‘ (redensarten-index, Zugriff am 22.10.2017)

jmdn. Löcher/ein Loch in den Bauch fragen ‚jmdn. intensiv ausfragen; jmdn. durch dauernde Fragen belästigen‘ (redensarten-index, Zugriff am 22.10.2017)

sich etw. aus dem Kopf schlagen ‚einen Plan o.Ä. aufgeben‘ (DUW online, Zugriff am 22.10.2017)

sich etw. in den Kopf setzen ‚fest entschlossen sein, etw. zu tun‘ (redensarten-index, Zugriff am 20.10.2017)

jmdm. nicht in den Kopf [hinein]gehen/[hinein]wollen ‚jmdm. unverständlich, unbegreiflich sein: ihr will nicht in den Kopf, dass er nur so wenig verdient‘ (DUW online, Zugriff am 22.10.2017)

Rosinen im Kopf haben ‚optimistische Pläne haben, unrealistische Träume haben‘ (redensarten-index, Zugriff am 22.10.2017)

Aus einer anderen Perspektive betrachtet, stellt ein in zahlreiche interessante Staatsangelegenheiten eingeweihter Beamter durch seine Vorsicht, Beherrschtheit, Schweigsamkeit eine Herausforderung, eine schwierige Aufgabe für die neugierigen Journalisten dar. Diese Auslegung aktiviert die kognitiven Mechanismen des ersten Verwendungsprofils. Die Interpretation dürfte vom Sprecher zu Sprecher variieren, wahrscheinlich oszilliert die aktuelle Bedeutung zwischen den beiden Möglichkeiten, ohne sich auf eine festzulegen. Diesen Sachverhalt stellt graphisch Abbildung 91 dar:

←445 | 446→Auf ähnliche Art und Weise oszilliert die aktuelle Bedeutung in den sechs Belegen, die sich hauptsächlich auf einen starken Gegner beziehen.

Verwendungsmuster 2.2: eine organisierte Gruppe von Menschen ist eine harte Nuss – ‚ein starker Gegner, gegen den man sich schwer bewähren kann‘ (6 Belege)

Die letzten sechs Belege (fünf aus dem Themenbereich Sport, ein Beleg bezieht sich auf eine islamische Terroristengruppe) referieren auf eine Mannschaft, die für den Sprecher einen herausfordernden Gegner darstellt:

(125) Aus München wurde zumindest rhetorisch Respekt bekundet. „Das ist sicherlich eine ganz harte Nuss“, sagte Bayerns Kotrainer Michael Henke, „Aachen spielt ←446 | 447→sehr stark. Gegen eine Spitzenmannschaft der Zweiten Liga, die Heimvorteil hat, verschwimmt der Klassenunterschied”. Der Tagesspiegel, 08.12.2003

(126) Die neuen Entführungen seien eine willkommene Gelegenheit für die philippinische Armee, die Zusammenarbeit mit dem US-Militär zu rechtfertigen, sagt Politik-Professor Renato Cruz de Castro von der De-La-Salle-Universität in Manila. Unter Einheimischen wird die Allianz bislang heftig kritisiert, obwohl Präsidentin Gloria Arroyo nicht müde wird zu betonen, ohne US-Unterstützung werde das Land der islamistischen Extremisten nie Herr. Castro glaubt, dass die nächste Offensive gegen die Rebellen länger dauern wird: „Die Abu-Sayyaf-Gruppe auf Jolo ist eine härtere Nuss als die auf Basilan.“ Der Tagesspiegel, 23.08.2002

Auch wenn in diesen Belegen als Subjekt Menschen(-gruppen) mit bestimmten, im Sport hochgeschätzten Eigenschaften wie Resistenz, Leistungsfähigkeit, Widerstandsfähigkeit auftreten, scheinen nicht alle konzeptuellen Metaphern aus dem Verwendungsmuster 2.1 von Relevanz zu sein: Die konzeptuellen Mappings, die sich aus der ontologischen Metapher körper ist behälter ergeben (gefühle und gedanken sind entitäten in diesem behälter, dicke wände sind resistenz gegen äußere einflüsse), sind beispielshalber in dem Fall, in dem das nominale Idiom nicht auf einen Menschen, sondern auf eine Gruppe von Menschen/eine Mannschaft referiert, von eher marginaler Bedeutung. Andere Aspekte des zugänglichen enzyklopädischen Wissens werden teilweise auch durch die epistemischen Mappings profiliert (vgl. Tab. 39):

Tab. 39:Die epistemischen Mappings für das Verwendungsmuster 2.2 ‚ein starker Gegner, gegen den man sich schwer bewähren kann‘.

harte Nuss (Ausgangsdomäne)ein starker Gegner (Zieldomäne)
Eine harte Schale.Ein leistungsfähiger, robuster, starker Gegner.
Man will die Schale knacken, damit sie den Kern freigibt.Man will den Gegner besiegen, schwache Punkte des Gegners finden, damit man das Spiel gewinnt.
Das Zusammenpressen, das Knacken kann viel Zeit und Mühe in Anspruch nehmen.Viel Anstrengung ist notwendig.

Auch in diesen Belegen oszilliert die aktuelle Bedeutung zwischen dem ersten Verwendungsprofil und dem Verwendungsmuster 2.1 und kann sowohl als ‚eine schwierige Aufgabe, eine Herausforderung‘ als auch als eine Gruppe von ‚unnachgiebigen, ausdauernden, zielstrebigen Menschen, die schwer von ihrem Ziel ←447 | 448→abzubringen sind‘ ausgelegt werden. Die Bestimmung, ob sich das Idiom auf das menschliche Subjekt oder auf die herausfordernde Aufgabe bezieht, die die Zusammenarbeit mit diesem Menschen darstellt, hängt von einer subjektiven Auslegung ab und bleibt unentschlossen. Schematisch kann man die Bedeutungskonstituierung folgendermaßen darstellen (Abb. 92):

4.2.2.2.3 in den sauren Apfel beißen

Lexikographisch erfasste Varianten: in den sauren Apfel beißen, in den sauren Apfel beißen (müssen)

Modifikationen: etw. ist ein mächtig saurer Apfel; in den größten sauren Apfel beißen; in den sauren Apfel (+ Gen.) hoher Effektenabschreibungen, der Gegebenheiten beißen; das war der saure Apfel, in den wir beißen mussten; ein Biss in den sauren Apfel

←448 | 449→Darstellung in lexikographischen Nachschlagewerken

Tab. 40:Das Idiom in den sauren Apfel beißen in allgemeinen und phraseologischen Wörterbüchern des Deutschen.

WörterbuchtypWörterbuchLexikographische Darstellung
allgemeinduw 2006in den sauren Apfel beißen (ugs.; etwas Unangenehmes notgedrungen tun)
duw onlinein den sauren Apfel beißen (umgangssprachlich: etwas Unangenehmes notgedrungen tun) (Zugriff: 25.03.2017)
wahrig 2007in den sauren Apfel beißen 〈fig.〉 etwas Unangenehmes auf sich nehmen, sich ins Unvermeidliche fügen
phraseologischduden 11in den sauren Apfel beißen (ugs.): etwas Unangenehmes notgedrungen tun: Wenn sich alle drum drücken, muss ich wohl in den sauren Apfel beißen und den Wochenputz mal wieder alleine machen. (2011: 55)
schemann 2011(wohl oder übel) in den sauren Apfel beißen müssenWer soll nun diese schwierigen Verhandlungen führen? – Nun, Herr Kollege, es ist keiner in die Materie so eingearbeitet wie Sie. Ich fürchte, Sie werden in den sauern Apfel beißen müssen. Ich bin überzeugt, Sie werden sich der Aufgabe mit Anstand entledigen. (2011: 28)
redensarten-index in den sauren Apfel beißen (müssen) ‚etwas Unangenehmes, aber oft Notwendiges tun; sich überwinden (müssen); ein notwendiges Übel akzeptieren (müssen)
müller 2005in den sauren Apfel beißen (müssen) (umg.) etwas Unagenehmes tun müssen [Zwang]

„Wenn die Schmerzen zunehmen, werde ich wohl in den sauren Apfel beißen müssen und statt mit dir ins Kino lieber zum Zahnarzt gehen.“

Das Bild von saurem Apfel findet sich erstmals bei Luther, ist aber sicher älter. (2005: 28)
←449 | 450→

Korpusgestützte Analyse anhand der DWDS-Korpora198

Die semantische Struktur des vorliegenden Idioms ist einheitlich und lässt sich mit der Bedeutungsparaphrase: ‚(in einer schwierigen Situation) ein notwendiges Übel akzeptieren müssen, eine (für sich) ungünstige Entscheidung treffen und ihre Konsequenzen tragen müssen‘ beschreiben. Unter dem notwendigen Übel sind in den Belegen beispielshalber die finanziellen Verluste der Anfangsphase verstanden, die man in Kauf nehmen muss, falls man eine innovative Dienstleistung auf den Markt bringt bzw. neue Märkte zu erschließen versucht:

(127) Handel: Online-Supermärkte bauen auf klickfreudige Kunden

„Man muss einfach in den sauren Apfel beißen und den schwierigsten Part übernehmen“, sagte der Gründer und Geschäftsführer von food.de, Karsten Schaal, im Juni auf einem EHI-Kongress in Köln. Der Anfang liege vielleicht in einer Lieferung im fünften Stock, irgendwann sei man auch in der ersten Etage, weil Anwohner auf den Lieferservice aufmerksam werden. Die Zeit, 12.07.2013

(128) Um neue Märkte beispielsweise in China zu erschließen, verzichten die Vermarkter aus strategischen Gründen zunächst auf Geld. „Für das langfristige Wachstum des ←450 | 451→Produkts in China werden wir wohl in den sauren Apfel beißen und die Konditionen von China Central Television (CCTV) akzeptieren“, sagte Schmidt: „Eine Zusammenarbeit mit dem Staatssender ist wichtig. Daher sind wir bereit, in diesem Fall auf viel Geld zu verzichten.“ Die Zeit, 13.05.2015

oder die finanziellen Auflagen, die als kleineres Übel, etwas Unangenehmes aber Unumgängliches empfunden werden:

(129) Für Zuschüsse entschied sich jüngst auch die hannoversche Stadtverwaltung. Im April 1984 war mit sechs kleineren Altpapierhändlern eine Vereinbarung abgeschlossen worden; für die Stadt zunächst kostenfrei. Jede Woche werden seitdem die Zeitungsbündel abgefahren. Abnehmer ist der hannoversche Großhändler Franz Holler, der mit einem Monatsumatz von 25 000 Tonnen bundesweit zu den Größten der Branche zählt. Im September muckten die Händler auf: Durch die niedrigen Preise könnten sie noch nicht einmal mehr ihre Benzinkosten bezahlen. „Da haben wir in den sauren Apfel gebissen. Sonst wäre ein verheerender Schaden für das Umweltbewußtsein entstanden“, erklärt Hannovers Stadtdirektor Peter Halm. Die Zeit, 14.11.1986

Im politischen Bereich bezieht sich das Idiom auf Situationen, in denen man schmerzhafte Kompromisse hinnehmen muss:

(130) Nach dem ersten großen Koalitionsstreit seit der Bundestagswahl sehen sich die Grünen als Verlierer, auch wenn dies niemand offen zugeben mag. Man habe „in den sauren Apfel beißen müssen“, nur so viel wollte die Arbeitsmarkt-Politikerin Thea Dückert einräumen. Intern hieß es aber in der Grünen-Fraktion am Dienstag, die Entscheidung zur Erhöhung des Rentenbeitrags auf 19,5 Prozent sei eine „politische Katastrophe“. Berliner Zeitung, 06.11.2002

Im Privatleben sind darunter Enttäuschungen, peinliche Situationen, aufgezwungene Aufgaben verstanden:

(131) Povero Silvio! Vier Jahre Kittchen wegen Steuerbetrugs, sieben Jahre für bezahlten Sex mit Ruby, ein Jahr für die Veröffentlichung eines illegal abgehörten Telefonats plus zwei weitere Verfahren wegen Bestechung und Amtsmissbrauch – das macht locker 20 Jährchen. (…) In den größten sauren Apfel freilich hat der Ex-Premier von selber gebissen: Seine Verlobte Francesca P., 28, von der er sich unlängst noch „einen Hauch Jugend“ versprach, soll zu Hause nicht nur ein scharfes Regiment führen, sondern auch noch lesbisch sein. Die Zeit, 31.10.2013

Die Bedeutungskonstituierungsmechanismen lassen sich in einem erheblichen Maß auf die bereits beschriebenen Metonymien und Metaphern zurückführen. Abgesehen von der für das ganze Unterkapitel fundamentalen konzeptuellen Metapher schwierigkeiten sind ungeniessbares essen kommt hier – insbesondere in den sich auf Vergangenheit beziehenden Belegen – die konzeptuelle Metonymie teilhandlung steht für handlung zum Tragen. An diese Metonymie ist die konzeptuelle Metapher etw. hinnehmen ist etw. schlucken, verdauen angekoppelt. Der Biss in den – mangels anderer – sauren Apfel, als unangenehm empfundene Erfahrung wird in abstrakteren Domänen der Wirtschaft und Politik als eine ungünstige, dennoch notwendige Entscheidung ausgelegt. ←451 | 452→Nicht nur das Beißen ist für die Konzeptualisierung von Relevanz (auch wenn sich die Geschmacksrezeptoren auf der Zunge befinden und der Biss besonders unangenehm ist), sondern auch das Hinunterschlucken (in der Zieldomäne: das Hinnehmen) und Verdauen (in der Zieldomäne: das Verarbeiten) von einem unschmackhaften Happen (in der Zieldomäne: einer finanziell abträglichen, schmerzhaften oder politisch ungünstigen Angelegenheit). Die konzeptuelle Metapher etw. hinnehmen ist etw. schlucken/verdauen ist auf einer abstrakteren Ebene durch das image schema behälter und die ontologische (bei Baldauf 1997 bildschematische) Metapher körper ist behälter motiviert, sprachlich manifestiert sie sich in den folgenden Ausdrücken:

etw. hinnehmen ist etw. schlucken

eine Kröte schlucken

eine bittere Pille schlucken müssen

eine Benachteiligung schlucken (müssen)

etw. hinunterwürgen, hinunterschlucken, hineinfressen

etw. nicht hochkommen lassen

an dieser Niederlage hatte er zu schlucken

Die Bedeutungskonstituierungsmechanismen für das Idiom in den sauren Apfel beißen stellt Abb. 94 dar:

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4.2.2.2.4 ein dicker Brocken

Lexikographisch erfasste Varianten:

Modifikationen: dickster Brocken, der dickste Brocken, mit den ganz dicken Brocken, einige dicke Brocken

Darstellung in lexikographischen Nachschlagewerken

Tab. 41:Das Idiom ein dicker Brocken in allgemeinen und phraseologischen Wörterbüchern des Deutschen.

WörterbuchtypWörterbuchLexikographische Darstellung
allgemeinduw 2006nicht verzeichnet
duw onlinenicht verzeichnet (letzter Zugriff am 25.10.2017)
wahrig 2007nicht verzeichnet
phraseologischduden 11 (2011)nicht verzeichnet
schemann 2011ein dicker Brocken ugs1. Mensch, ist das ein dicker Brocken geworden! – Wieviel wiegt er denn jetzt? – So um die 85 Kilo. Und das bei 1,65.

2. An sich war das Examen nicht zu schwer. Nur die Übersetzung, das war ein dicker Brocken (2011: 103)
redensarten-indexnicht verzeichnet (letzter Zugriff am 25.10.2017)
müller 2005nicht verzeichnet
←453 | 454→

Korpusgestützte Analyse anhand der DWDS-Korpora199

Dem Idiom ein dicker Brocken kann der Status eines phraseologischen Neologismus zugewiesen werden, da die genannte Wortverbindung eine relativ hohe Frequenz in dem DWDS-Korpus aufweist und gleichzeitig kaum in die allgemeinen und phraseologischen Wörterbücher des Deutschen Eingang gefunden hat200.

Die semantische Struktur des Idioms ist komplex, wozu zweifelsohne die Ambiguität der beiden Idiom-Konstituenten in der wörtlichen Lesart beiträgt. Diese Ambiguität, insbesondere im Bezug auf die nominale Konstituente, macht das Idiom auf besondere Art und Weise dafür geeignet, die Rolle des mentalen Bildes zu veranschaulichen. Den Brocken, den DUW online als ‚unregelmäßig geformtes, von etwas abgebrochenes Stück‘ definiert, kann man sich nämlich zweierlei vorstellen: Das Nomen referiert sowohl auf einen ‚Happen, Bissen‘ als auch auf einen ‚Block, Klotz, Klumpen‘. Beide Vorstellungen sind in Form von materiellen Bildern in Google-Grafik (Zugriff am 25.10.2017) zu finden:

←454 | 455→Wie ersichtlich, üben die mentalen Bilder einen entscheidenden Einfluss auf die Konzeptualisierung des dicken Brockens, der entweder positiv, als etwas Ertragreiches, ein hoher Gewinn oder als etwas Störendes, ein Hindernis konzeptualisiert wird. Viele Belege liegen im Zwischenbereich und können auf zwei Weisen ausgelegt werden.

Verwendungsprofil 1: ‚ein ertragreiches Geschäft; etwas, was finanziellen Gewinn bringt‘ (7 Belege)

Dieses Verwendungsprofil lässt sich exemplarisch mit folgenden Gebrauchsbelegen veranschaulichen:

(132) Untereinander gönnen sich die Anwälte der Insolvenzzunft nichts. Zwar steigt die Zahl der Pleiten im Osten von einem Rekordwert zum nächsten, aber die dicken Brocken, an denen es viel zu verdienen gibt, sind fast alle weg. Sket ist einer der letzten. Berliner Zeitung, 28.10.1996

(133) Zuletzt hatte der Reifenkonzern Continental die Emotionen hochgehen lassen, als er die Produktion des vor zehn Jahren übernommenen Reifenherstellers Semperit halbierte und nach Tschechien auslagerte. Den dicksten Brocken schnappte sich im Sommer der Kölner Rewe-Konzern mit dem Kauf des größten österreichischen Einzelhändlers Billa für angeblich 15 Milliarden Schilling (2,1 Milliarden Mark). Für viele schmerzhaft war auch der Verkauf der Möbelmanufaktur Thonet an den deutschen Geschäftsmann Wolfgang Mellinghoff. Berliner Zeitung, 31.12.1996

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Das vorliegende Verwendungsprofil wird durch die in Abbildung 97 dargestellten Mechanismen der Bedeutungskonstituierung gestaltet:

Somit konstituiert sich die aktuelle Bedeutung des Phraseologismus auf zwei Ebenen: Auf der ersten Ebene wird eine metonymisch-metaphorische Bedeutungsverschiebungskette angenommen, die von einem dicken Brocken über fettes, festliches Essen zu den konzeptuellen Metaphern begehrte sachen sind ein festliches, fettes essen/ertragreiche geschäfte sind festliches, fettes essen führt. Diese Metaphern fußen auf dem alltäglichen und dem historischen Wissen. Zum einen sind viele Gaumengenüsse, denen man nur schwer widerstehen kann, fetthaltig, cholesterinreich, weswegen sie nur aus besonderen Anlässen verzehrt werden. Zum anderen mögen für die Konzeptualisierung des dicken Brockens in diesem Verwendungsprofil auch historisch-kulturelle Wissensbestände ←456 | 457→von Relevanz sein: Jahrhundertelang bildeten Getreidegrützen, -breie, Brot sowie einige tierische Erzeugnisse wie Milch oder Eier für die überwiegende Mehrheit der Gesellschaft die wichtigsten Grundnahrungsmittel. Der Verzehr von Fleisch und Fett war aus religiösen (die Anzahl der Fastentage belief sich im Mittelalter bis auf zu 150 Tage201) und/oder ökonomischen Gründen mit Feiertagen verbunden. In den Zeiten, in denen Missernten, Kriege, Plünderungen oft zu Hungerkatastrophen führten, assoziierte man nahrhaftes Fett, fettes Essen und Fettleibigkeit mit positiven Werten: Üppigkeit, Sättigungsgefühl, Vorräten, Reichtum und hohem Rang, das Magere und Magerheit brachte man dagegen mit einem Mangel an Vitalität, Lebenskraft, Armut in Verbindung. Die aus heutiger Perspektive einer überernährten Gesellschaft nicht immer nachvollziehbare positive Konnotierung fetthaltiger Lebensmittel (Butter, Sahne, Speck) kommt in vielen Phraseologismen und Komposita zum Ausdruck, denen die konzeptuelle Metapher attraktive/begehrte sachen sind festliches, fettes essen, sowie ihre Spezialisierung ertragreiche geschäfte sind festliches, fettes essen zugrunde liegen:

attraktive/begehrte sachen sind festliches, fettes essen

etw. ist [aller]erste Sahne ‚erstklassig, von hervorragender Güte sein‘ (DUW online, Zugriff am 25.10.2017)

etw. ist ein (sportlicher, technischer, touristischer) Leckerbissen (DUW online, Zugriff am 25.10.2017)

das Konzert war ein köstlicher Leckerbissen ‚Genuss‘ für uns (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 25.10.2017)

die Goldmedaille war das Sahnehäubchen ‚Krönung‘ ihrer Karriere (DUW online, Zugriff am 25.10.2017)

den Rahm abschöpfen ‚sich selbst den größten Vorteil, das Beste verschaffen‘ (DUW online, Zugriff am 25.10.2017)

mit Speck fängt man Mäuse ‚mit einem verlockenden Angebot kann man jmdn. dazu bewegen, etw. zu tun, auf etw. einzugehen‘ (DUW online, Zugriff am 25.10.2017)

fette (große) Beute machen (DUW online, Zugriff am 25.10.2017)

er ließ sich die Butter nicht vom Brot nehmen ‚sich nichts gefallen lassen, sich nicht benachteiligen lassen‘ (DUW online, Zugriff am 25.10.2017)

jmdm. nicht die Butter auf dem Brot gönnen ‚jmdm. gegenüber missgünstig sein‘ (DUW online, Zugriff am 25.10.2017)

es ist alles in [bester] Butter ‚es ist alles in Ordnung‘ (DUW online, Zugriff am 25.10.2017)

die Butterseite ‚die vorteilhafte Seite‘ (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 25.10.2017): Sie wohnen in traumhafter Lage, der Butterseite der Elbchaussee, im Treppenviertel und auf dem Süllberg. (Die Welt 2001, DWDS, Zugriff am 25.10.2017)

das macht den Kohl [auch] nicht fett ‚das nützt auch nichts, macht etw. nicht besser‘ (DUW online, Zugriff am 25.10.2017)

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ertragreiche geschäfte sind festliches, fettes essen

das ist ein fetter Happen ‚ein großer Gewinn, ein einträgliches Geschäft‘ (DUW online, Zugriff am 25.10.2017)

diesen [fetten] Happen ‚dieses einträgliche Geschäft‘ will er sich nicht entgehen lassen (DUW online, Zugriff am 25.10.2017)

davon wirst du/wird man nicht fett ‚das bringt nicht viel ein, rentiert sich nicht‘ (DUW online, Zugriff am 25.10.2017)

jmdn. wie eine Weihnachtsgans ausnehmen ‚sich in schamloser Weise an jmdm. bereichern, jmdn. schamlos ausbeuten, ausnutzen‘ (DUW online, Zugriff am 25.10.2017)

ein dickes Gehalt/Honorar ‚ein hohes Gehalt, Honorar‘ (DUW online, Zugriff am 25.10.2017)

ein dicker Auftrag ‚ein großer Auftrag‘ (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 25.10.2017)

das ist ein fetter Posten, fettes Amt ‚sehr einträglich, gewinnbringend‘ (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 25.10.2017)

jd. hat eine fette Stelle, Pfründe ‚sehr einträglich, gewinnbringend‘ (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 25.10.2017)

ein fetter Gewinn (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 25.10.2017)

eine fette Erbschaft antreten, machen (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 25.10.2017)

fette Dividenden, Prozente abschöpfen (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 25.10.2017)

ein fettes Stipendium einheimsen (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 25.10.2017)

jmdm. einen fetten ‚sehr einträglichen, gewinnbringenden‘ Braten, Brocken, Bissen wegschnappen (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 25.10.2017)

das ist eine fette Beute ‚sehr einträglich, gewinnbringend‘ (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 25.10.2017)

ein fetter Braten ‚ein großer Gewinn, ein guter Fang‘ (DUW online, Zugriff am 25.10.2017)

Die konzeptuellen Metaphern der ersten Ebene stehen im Zusammenhang mit der konzeptuellen Metaphtonymie fett steht für finanzielle mittel/wohlstand, finanzielle mittel/wohlstand sind (wie) fett, die auf der zweiten Ebene angesiedelt ist. Beachtenswert ist an dieser Stelle der umstrittene kognitive Status der Bedeutungsverschiebung Fett → Wohlstand. Insbesondere aus historischer Perspektive besteht nämlich eine Beziehung zwischen bestimmten, fetthaltigen Nahrungsmitteln (z.B. Butter, Speck, Wurst, Sahne) und dem Reichtum/Wohlstand. Wohlstand bildet somit einen zwar peripheren, dennoch für manche Produkte zu berücksichtigenden Bestandteil der Domäne essen. In diesem Sinne kann man von einer Kontiguitätsbeziehung sprechen: Bestimmte Aspekte innerhalb einer Domäne werden hervorgehoben. Andererseits macht Wohlstand einen integralen Bestandteil der Wissensdomäne: lebensstandard, sozialer status aus. Die Korrespondenzen beziehen sich damit auf zwei unterschiedliche Wissens- und Erfahrungsdomänen, weswegen die Annahme einer Metapher ebenfalls begründet ist. Dementsprechend handelt es sich hier um eine Metaphtonymie, die übrigens mehreren Sprachausdrücken zugrunde liegt:

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fett steht für finanzielle mittel/wohlstand

finanzielle mittel/wohlstand sind wie fett

es nicht so dick haben ‚nicht über so viel Geld verfügen‘ (DUW online, Zugriff am 25.10.2017)

seine Verwandten sind dicke ‚reiche‘ Bauern (DUW online, Zugriff am 25.10.2017)

wie die Made im Speck leben ‚sehr behaglich, gut, in Wohlstand, im Überfluss leben‘ (redensarten-index, Zugriff am 25.10.2017)

im Fett sitzen/schwimmen ‚im Wohlstand leben‘ (DUW online, Zugriff am 25.10.2017)

die Fleischtöpfe Ägyptens ‚das Leben im Wohlstand, nach Mose 16, 3‘ (DUW online, Zugriff am 25.10.2017)

Fettlebe machen ‚gut und üppig essen, leben‘ (DUW online, Zugriff am 25.10.2017)

ein dickes Auto ‚großes, teures Auto‘ (DUW online, Zugriff am 25.10.2017)

den Gürtel enger schnallen ‚sich einschränken, zurücknehmen, kürzer treten; sparen‘ (redensarten-index, Zugriff am 25.10.2017)

fette Jahre, magere Jahre (DUW online, Zugriff am 25.10.2017)

fett leben (DUW online, Zugriff am 25.10.2017)

mit jmdm. durch dick und dünn gehen ‚jmdm. in allen Lebenslagen beistehen‘ (DUW online, Zugriff am 25.10.2017)

Die Bedeutungsverschiebung der nominalen Komponente scheint dagegen einfacher zu sein: Der Brocken steht hier metonymisch für einen Bissen, einen Happen.

Verwendungsprofil 2: ‚ein Hindernis, eine Schwierigkeit, eine Herausforderung, ein schwieriger Gegner‘ (2 Belege)

Das zweite, eine Tendenz zu Lexikalisierung aufweisende Verwendungsprofil, das sich mit der Bedeutungsparaphrase ‚ein Hindernis, eine Schwierigkeit, eine Herausforderung‘ umschreiben lässt, kommt exemplarisch in folgenden Verwendungsbelegen zum Vorschein:

(134) Pianisten sind sich meist einig in der Beurteilung des zweiten Klavierkonzerts von Johannes Brahms. Ein dicker Brocken ist es, ein konditionsraubendes Ungetüm, das, wenn man nicht aufpaßt, Krämpfe oder steife Finger verursacht. Berliner Zeitung, 08.04.1997

(135) Dieser Ausbau der Wannseebahn ist dringend notwendig, weil die Strecke ab Anfang Januar als Ausweichroute bei der Sanierung der Stadtbahn vorgesehen ist. Denn das ist der nächste dicke Brocken für „Max den Maulwurf“, das S-Bahn-eigene Bau-und-Buddel-Maskottchen zum Trösten der Fahrgäste. Ab dem 6. Januar 2003 rollen auf dem Abschnitt Zoo-Charlottenburg keine S-Bahnen – und zwar ein ganzes Jahr lang. Fahrgäste können auch in die Regionalexpresszüge der Linien RE 1 und 3 umsteigen, der dann zusätzlich in Charlottenburg halten wird. Der Tagesspiegel, 10.10.2002

Aus kognitiver Sicht kann diese Bedeutung auf unterschiedlichen Metaphern und Metonymien beruhen, die wahrscheinlich durch unterschiedliche mentale Bilder evoziert werden: Der Brocken kann hier nämlich sowohl auf einen (a) ‚Bissen‘ als auch auf einen (b) ‚(Fels-)Block, Klotz, Klumpen‘ referieren. In beiden Fällen ←459 | 460→evoziert das mentale Bild Entitäten, die bezüglich der Größe, Beschaffenheit, Umfang sowie Funktionen von Grund auf unterschiedlich sind. Ebenfalls in diesem Verwendungsprofil sind die Bedeutungskonstituierungsprozesse auf zwei Ebenen angesiedelt (vgl. Abb. 98):

Die erste Interpretation (a) wird auf der Ebene der ganzen Wortverbindung durch konzeptuelle Metapher mit etw. fertig werden ist etw. aufessen mitgestaltet. Den konzeptuellen Status dieser Metapher stellen folgende sprachliche Manifestationen unter Beweis:

mit etw. fertig werden ist etw. aufessen

an etw. zu knabbern haben ‚1. sich mit etw. lange und schwer plagen, sich anstrengen müssen. 2. unter den Folgen von etw. leiden müssen‘ (DUW online, Zugriff am 26.10.2017)

an den Folgen dieser Maßnahme wird er noch lange zu schlucken haben (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 25.10.2017)

ihr fresst es nie ‚begreift es nie‘ (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 25.10.2017)

etw. gefressen haben ‚etw. verstanden haben‘ (DUW online, Zugriff am 26.10.2017)

wie es kommt, so wird es gefressen ‚was einem auch immer bevorsteht, man muß damit fertig werden‘ (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 25.10.2017)

Eindrücke, Erlebnisse, einen Schicksalsschlag, Schock verdauen ‚geistig, psychisch verarbeiten, bewältigen‘ (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 25.10.2017)

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etw. in den falschen Hals bekommen ‚etw. missverstehen und ärgerlich werden, sich angegriffen fühlen‘ (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 25.10.2017)

sich neue Wissensschätze, Erkenntnisse einverleiben ‚erwerben‘ (DWDS-Wörterbuch, Zugriff am 25.10.2017)

Da der Brocken hier metonymisch für einen großen Bissen steht, liegt nahe, dass ein vom Umfang her großer Happen nicht leicht zu schlucken und folglich zu verdauen ist. Daraus ergeben sich auch die epistemischen Korrespondenzen (vgl. Tab. 42), die die konzeptuelle Metapher präzisieren und ergänzen.

Tab. 42:Die epistemischen Mappings für das Verwendungsprofil ‚ein Hindernis, eine Schwierigkeit, eine Herausforderung‘.

ein dicker Brocken (Ausgangsdomäne)ein Hindernis, eine Schwierigkeit, eine Herausforderung (Zieldomäne)
Schwer zu knabbern.Eine Aufgabe, die in kleinen Schritten ausgeführt wird, die Mühe, Zeit und Geduld in Anspruch nimmt.
Langes Kauen.Viel Anstrengung notwendig, mühselig.
Falls nicht genügend zerkleinert, kann im Hals stecken bleiben.Riskant, Misserfolg möglich.

Für die zweite mögliche Auslegung (b) scheint außer der metonymischen Bedeutungsverschiebung ‚Brocken steht für einen großen Block‘ die weitverbreitete und zahlreichen Phraseologismen zugrunde liegende konzeptuelle Metapher schwierigkeiten sind hindernisse auf dem weg richtungsweisend zu sein.

Dieselbe Metapher liegt auch den zwei markiert gebrauchten Belegen zugrunde, in denen sich der dicke Brocken auf einen starken Gegner bezieht:

(136) „Für uns zählt seit Beginn der Qualifikation nur der Gruppensieg, alles andere kann für uns nicht der Anspruch sein. Platz eins ist auch im Hinblick auf die Auslosung der Vorrundengruppen für die EM im kommenden Jahr wichtig, weil man damit einigen dicken Brocken schon einmal aus dem Weg gehen kann“, sagte er. Die Zeit, 19.08.2014

(137) Deutschland war bei der Auslosung, die weltweit 500 Millionen Menschen verfolgten, aufgrund seiner Platzierung in der Weltrangliste (3) in Lostopf 1 gesetzt. Dadurch war ein Kräftemessen mit den ganz dicken Brocken wie Welt- und Europameister Spanien (Weltranglistenplatz 1) oder Vize-Weltmeister Niederlande (Platz 2) von vornherein ausgeschlossen. Die Zeit, 30.07.2011

In allen beiden Belegen wird der Brocken als ein Fels, ein Hindernis, das man auf dem Weg zum Ziel wegschaffen/umgehen muss, konzeptualisiert, worauf kontextuelle Verweise: dicken Brocken aus dem Weg gehen, Kräftemessen mit dicken Brocken, schlussfolgern lassen.

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Verwendungsprofil 3: ‚große finanzielle Belastung innerhalb eines Systems‘ (11 Belege)

Für die mit meisten Belegen vertretene Bedeutung ist die metonymische Bedeutungsverschiebung ‚Brocken steht für ein großes Stück von etw.‘ richtungsweisend. In der Konzeptualisierung schwingen die finanziellen Aspekte, die das erste Verwendungsprofil hervorhebt, sowie die für das zweite Verwendungsprofil konstitutiven Aspekte der Herausforderung, Schwierigkeit. In den meisten im Superlativ formulierten Gebrauchsbelegen wird als der dickste Brocken nämlich die größte, zu reduzierende finanzielle Belastung innerhalb eines Systems bezeichnet, eine Belastung, die ein Problem darstellt und als ein Problem empfunden wird:

(138) Bei einer Abschaffung der EU-Regionalförderung betrage das Einsparvolumen sogar 51 Milliarden Euro im Jahr. Der Personalbestand im öffentlichen Dienst müsse als „dickster Brocken“ auf der Ausgabenseite „auf allen Ebenen über die bisherigen Planungen hinaus zusätzlich um ein Prozent verringert werden“, verlangte Däke. Allein hier könnten jährlich 19 Milliarden Euro gespart werden. Der Tagesspiegel, 27.02.2003

(139) Würden aber alle nach Leitlinien therapiert, ergebe sich allein bei sieben ausgewählten Krankheiten und „bei vorsichtigster Berechnungsweise“ ein Mehrbedarf von 2,24 Milliarden Euro. Der dickste Brocken sind koronare Herzkrankheiten, laut Hansen der häufigste Grund für Frühverrentung: Für die derzeit 3,3 Millionen Patienten fehlten 864 Millionen Euro. Der Tagesspiegel, 11.08.2004

←462 | 463→Ebenfalls hier dürften die Konzeptualisierungen zwischen zwei unterschiedlichen mentalen Bildern und den dahinter stehenden epistemischen Mappings schwanken (vgl. Abb. 99): Wegen einer Assoziation mit einem Torten- oder Kuchendiagramm, weil die Metaphtomymie ‚Fett → finanzielle Mittel‘ in allen elf Belegen zur Geltung kommt und eher mit einem Brocken als einem ‚Happen, Bissen‘ kompatibel ist, scheint die Interpretation (a) plausibler zu sein.

Verwendungsprofil 4: Juristisches Deutsch: ‚die für Ermittler herausfordernden Delikte, insbesondere im finanziellen Bereich (Betrug, Korruption, Wettbewerbsdelikte, Monopole)‘ (5 Belege)

Ein interessantes Zusammenspiel mehrerer besprochener Bedeutungsaspekte kommt ebenfalls in fünf, auf juristische Angelegenheiten Bezug nehmenden Belegen zum Vorschein. Hier handelt es sich um schwerwiegende Delikte, Rechtsverstöße von einem großen finanziellen Wert, die als große Herausforderungen für Ermittler, Staatsanwälte, Rechtsanwälte angesehen werden. Besonders gut sichtbar sind diese Aspekte im Gebrauchsbeleg (140), in dem ein Staatsanwalt der versuchten und vollendeten Strafvereitelung angeklagt wurde, weil er sich nur spektakulärer, schwieriger Fälle angenommen hatte und die leichteren, langweiligen Delikte unerledigt ließ, so dass sie endlich verjährt waren. Im Beleg (141) werden dagegen die finanziellen Aspekte mitprofiliert:

(140) Doch das, was schon die Fernsehkrimis nur am Rande zeigen, weil’s langweilig ist, nahm auch Godow als bald weniger wichtig: die Schreibtischroutine, die Erledigung von „Vorgängen“ – das eigentliche, harte Brot der Justizbeamten. Als er seinen Chef vorsichtig darauf ansprach, daß er den Aktenberg nicht mehr bewältigen könne, stieß er auf wenig Verständnis. Nun war auch Godow nicht mehr pingelig, er nahm sich nur noch die „ganz dicken Brocken“ vor. Die Zeit, 28.05.1976

(141) Zunächst sollen die „leichteren“ Fälle geprüft werden, so die Zündholzmonopole in Frankreich, Italien und Deutschland, und die Monopole für Kali in Frankreich und für Salz in Italien. Dann will man sich die dickeren Brocken vornehmen – die Tabakmonopole in Italien und Frankreich und das französische Erdölmonopol. Die Zeit, 29.04.1966

Die Bedeutungskonstituierungsprozesse vollziehen sich sowohl auf der Ebene der ganzen Wortverbindung als auch auf der Ebene der einzelnen Konstituenten der Wortverbindung (vgl. Abb. 100). Interessanterweise hängt auch hier die Auslegung weitgehend von dem mentalen Bild ab, das durch die Wortverbindung in der literalen Lesart evoziert wird. Der ersten Interpretation liegt das Bild eines schmackhaften, großen Happens zugrunde. Der dicke Brocken wird als eine spektakuläre, karrierefördernde, über den alltäglichen Kleinkram hinausgehende Aufgabe für die Ermittler ausgelegt. Eine wichtige Rolle bei der Bedeutungskonstituierung spielt hier die metonymisch-metaphorische Kette, die zu der konzeptuellen Metapher begehrte sachen sind fettes, festliches essen führt. Gleichzeitig kommt aber auch die Komplexität der Aufgabe, ihre überdurchschnittliche Relevanz, die Herausforderung, die diese Aufgabe darstellt, zum Ausdruck. Dieser Interpretation ←463 | 464→liegt die Metonymie: Brocken steht hier für ein großes Stück sowie eine metonymisch-metaphorische Kette zugrunde, an deren Ende sich die konzeptuelle Metapher mit etw. fertig werden ist etw. schlucken/verdauen befindet. Profiliert wird dabei die Korrespondenz großer Happen – Verschluckungsgefahr. Da der finanzielle Aspekt in den Belegen eine Rolle spielt (auch im Beleg 140 handelt es sich hauptsächlich um Raub- sowie Bankkriminalität), trägt wahrscheinlich ebenfalls die Metaphtonymie: Fett → finanzielle Mittel zur Bedeutungskonstituierung des dicken Brockens bei.

Nicht auszuschließen ist dennoch, dass man bei der Interpretation des Idioms auf ein anderes mentales Bild zurückgreift: auf das Bild eines Felsbrockens von einem beträchtlichen Umfang, der einem den Weg versperrt oder Erdarbeiten verhindert. In diesem Fall wird der große Schwierigkeitsgrad der vorliegenden bzw. bevorstehenden Aufgaben profiliert. Die Bedeutungskonstituierungsprozesse würden dann wie in Abbildung 98b verlaufen.

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4.2.2.2.5 Resümee mit Schwerpunkt: Mentales Bild und die Konstituierung der phraseologisierten Bedeutung

An zahlreichen Stellen der bisherigen Idiom-Analysen wurde der Einfluss der epistemischen Mappings und des mentalen Bildes auf Konzeptualisierungen ersichtlich. Beide Strukturen – auch wenn sie unterschiedliche Modalitäten aufweisen – sind nach den neueren holistischen Ansätzen der Kognitiven Linguistik und der Grounded Cognition in dem konzeptuellen System angesiedelt, aus dem der semantische Pol einer sprachlichen Einheit Inhalte für die Konzeptualisierungen bezieht. Sowohl mentale Bilder als auch epistemische Metaphern sind dabei eng an die literale Lesart des Idioms gebunden: Die mentalen Bilder werden durch die literale Lesart evoziert, die zugleich auch den Quellenbereich (source) darstellt, aus dem die epistemischen Projektionen in andere, öfters abstraktere Bereiche ausgeführt werden. Auf die Rolle der epistemischen Mappings wurde explizit im Unterkap. 4.2.2.1.1.1.4 eingegangen, im Folgenden wird das umstrittene Konstrukt des mentalen Bildes in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt.

Die Rolle, die die mentalen Bilder bei der Konstituierung der Bedeutungen spielen, ist umstritten, was zweifelsohne mit den individuellen Differenzen in der Anschaulichkeit, Kohärenz, Einprägsamkeit der mentalen Bilder bei unterschiedlichen Sprachteilhabern, ihrem flüchtigen Charakter und methodologischen Schwierigkeiten bei ihrer Erforschung zusammenhängt. Möglicherweise denken manche Menschen bildhafter als andere, Meinungsunterscheide zur Rolle dieses Phänomens sind deswegen unvermeidlich. Nichtsdestotrotz sind die mentalen Bilder psychologisch real und spielen bei der Konstituierung und Etablierung der Idiom-Bedeutung eine nicht zu unterschätzende Rolle, in vereinzelten Fällen – so wie es bei dem Idiom ein dicker Brocken veranschaulicht wird – ist ihr Einfluss auf die Konzeptualisierungen beinahe konstitutiv.

Das mentale Bild stellt nämlich in diesem Idiom einen Ausgangspunkt für weitere kognitive Prozesse der Bedeutungskonstituierung eines sich etablierenden phraseologischen Neologismus dar. Aufgrund der Ambiguität des Brockens in der literalen Lesart ist dies bei Idiom ein dicker Brocken besonders gut ersichtlich. Je nachdem, was man sich unter einem Brocken vorstellt, ob er sich auf einen Bissen oder ein Bruchstück bezieht, sind die weiteren metonymischen und metaphorischen Derivationen anders und profilieren andere Bedeutungsaspekte202.

←465 | 466→Das Idiom ein dicker Brocken bildet wegen der Ambiguität der nominalen Komponenten sowie des Status eines Neologismus eine Besonderheit. Der wesentliche Beitrag des mentalen Bildes zu der Bedeutungskonstituierung ist dennoch im sprachspielerischen Gebrauch vieler Idiome ersichtlich. Wegen der Doppelbödigkeit ihrer semantischen Struktur eignen sich Idiome hervorragend dazu, bildhafte Formulierungen zu bilden, „mit denen der Sprachproduzent die ausgetretenen Pfade seiner Sprache verlassen kann“ (Sabban 2014: 100). Grundlegend für dieses Formulieren ist die Hervorhebung der literalen Lesart und die damit einhergehende Anknüpfung an das mentale Bild.203 Dies ist im vom Sprachproduzenten intendierten, bewussten, markierten Gebrauch der Idiome der Fall, auf dessen zwei Strategien – die Ambiguierung der Bedeutung sowie den Ausbau des Szenarios am Beispiel der Idiome ein hartes Brot, eine harte Nuss – näher eingegangen wird.

Die Verwendung der Idiome in einem Text kann nach Sabban (2007b: 240–241) unauffällig (unmarkiert) oder markiert sein. Eine unauffällige Verwendung liegt vor, wenn man einen Phraseologismus nur in seiner phraseologischen Bedeutung, in einem typischen thematischen oder situativen Kontext gebraucht. In einem auffälligen Gebrauch wird der Phraseologismus nicht oder nicht ausschließlich als Träger einer phraseologisierten Bedeutung verwendet oder wird in einen untypischen thematischen oder situativen Zusammenhang versetzt. Als eine markierte Verwendung gelten auch die Fälle, in denen Phraseologismen oder Verwendungsweisen von Phraseologismen gehäuft auftreten.

Der markierte Gebrauch von Idiomen hat seine Grundlage im Spannungsverhältnis zwischen der literalen und der phraseologisierten Lesart. Die Ambiguierung der phraseologischen Bedeutung beruht darauf, dass der Sprachproduzent seine Sprachäußerung bewusst so arrangiert, dass die literale und phraseologisierte Lesart zugleich aktiviert werden und keine eine deutliche Oberhand gewinnt. Ein Beispiel für den ambiguen Gebrauch des Phraseologismus liegt im folgenden Beleg vor:

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(142) Eine Sonderbehandlung gibt es für die gewalttätigen Störenfriede nicht. Sie erwartet dasselbe harte Brot wie alle anderen Inhaftierten. Die engen Zellen, in denen nur spärlich das Tageslicht eindringt, bieten gerade Platz für ein schmales Eisenbett, Waschbecken und Toilette, Stuhl, Tisch und Schrank. Berliner Zeitung, 21.06.1996

Auffällig ist in diesem Gebrauch die gleichzeitige Aktivierung der literalen und der phraseologisierten Lesart. Demzufolge kann die Wortverbindung ‚dasselbe harte Brot‘ im Beleg (142) auf mehreren Stufen der metaphorisch-metonymischen Bedeutungsderivation ausgelegt werden: in der literalen Bedeutung, in der metonymischen Bedeutungserweiterung ‚ein einfaches, nicht raffiniertes Essen‘ sowie in der metaphtonymischen Derivation ‚schwere, nicht komfortable Haftbedingungen‘. Von Relevanz für die verspürte konzeptuelle Nähe zwischen der literalen und der metaphorischen Bedeutung ist zweifelsohne die Tatsache, dass das harte Brot als ‚ein einfaches, nicht raffiniertes Essen‘ einen wichtigen Bestandteil der gefängnis-Domäne ausmacht (vgl. bei Brot und Wasser sitzen ,im Gefängnis sitzen‘).

Ein ambiguer Gebrauch des Idioms liegt ebenfalls im Beleg (143) vor, hier kommt allerdings zusätzlich eine weitere Strategie des bildhaften Formulierens – der sog. Ausbau des Szenarios (vgl. Sabban 2014: 104) – zum Vorschein:

(143) Es ist klar, daß das Volk der Magazineure von vornherein verdächtigt wird. Leute ohne rechte Ambitionen auf die Sprossenleiter des beruflichen Aufstiegs, stille Verzichter und an diesen Strand Verschlagene, die nur das Einmaleins der Kataloge beherrschen wollten, sich mit hartem Brot und dünnem Tee begnügten, in ihren Bücherkammern wie in Waben saßen. So lassen sie die Reihe der Verdächtigen für ein erstes leichtes Verhör einer nach dem andern in das Zimmer treten, das ihnen die Direktion freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat. Fries, Fritz Rudolf: Der Weg nach Oobliadooh, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1966, S. 184

Das Idiom ein hartes Brot funktioniert hier als ein Wendepunkt in der Konzeptualisierung, der zwischen der phraseologisierten und der literalen Lesart schlagartig „umschaltet“. Der Anfang der Äußerung, der minimale berufliche Ambitionen der Magazineure und ihre bescheidenen Ansprüche an das Leben, eine schlecht bezahlte, nur zur Befriedigung der Grundbedürfnisse dienende und über das Minimum der Existenzsicherung nicht hinausgehende Arbeit thematisiert, profiliert ←467 | 468→die phraseologisierte Lesart des Idioms ein hartes Brot (vgl. Verwendungsprofil 1). Mit dem Ausbau des Szenarios durch das Hinzufügen von dünnem Tee wird abrupt die literale Lesart des harten Brotes in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt, die Fortsetzung der Äußerung in ihren Büchernkammern wie in Waben saßen lässt das mentale Bild eines Menschen in niedrigrangiger beruflicher Position, der in einer kleinen Kammer seine bescheidene Mahlzeit zu sich nimmt, detailliert und präzise aufkommen. Bei der Rezeption der Äußerung stellt sich also ein plötzlicher Perspektivenwechsel ein, das evozierte Bild bleibt dennoch schlüssig und widerspruchslos.

Besonders gut ausgebaut und bildhaft ist das Szenario im folgenden Beleg mit idiomatischer Einheit eine harte Nuss:

(144) Die Abneigung gegen take-overs im Inland begründet die Börsenabteilung der Dresdner Bank in Frankfurt so: „Auch ohne Übernahmegebote sind in der Bundesrepublik immer sinnvolle unternehmerische Lösungen zustande gekommen. Bei uns würden sich die raiders so manchen Zahn ausbeißen.“ Allerdings sei es nicht die Macht der Banken, derentwegen ein raider um sein Gebiß fürchten müsse, sondern das Aktienrecht: „Aufgrund der Zweigleisigkeit von Aufsichtsrat und Vorstand ist der deutsche Markt eine harte Nuß.“ Allerdings ist es eine Nuß mit verlockendem Inhalt. Denn schließlich erwarten nicht nur die Deutschen selber, daß ihre Unternehmen am stärksten vom großen Binnenmarkt profitieren werden. Die Zeit, 25.03.1988

Als raiders werden die Unternehmensjäger bezeichnet, die aus der Differenz zwischen dem inneren Wert eines Unternehmers und seinem niedrigen Börsenwert durch verschiedene Kauf-, Verkauf-, Spekulationsgeschäfte große finanzielle Gewinne zu erzielen versuchen. Das Idiom eine harte Nuss referiert hier auf eine Herausforderung, die der deutsche Markt wegen der internen Regelungen für raiders darstellt, und wird durch die im ersten Verwendungsprofil ermittelten Bedeutungsderivationen konstruiert. Der sprachspielerische Effekt wird dadurch erzielt, dass der umliegende Text gezielt an das mentale Bild des Idioms anknüpft und es durch die okkasionellen metaphorischen Bedeutungserweiterungen von anderen Spracheinheiten in den Fokus der Aufmerksamkeit rückt. Dadurch entsteht der Eindruck, dass sich die ganze Äußerung um das mentale Bild dreht, in einem schwierigen Fachtext wird ein scherzhafter Auflockerungseffekt erzielt. Das ausgebaute Szenario ist dabei kohärent und stimmt mit der lexikalisierten Bedeutung überein: Nicht die einzelnen Bedeutungsaspekte kommen in die aktuelle Bedeutung hinein, sondern das ganze Bild und die dahinter stehenden Wissensinhalte werden aus einer konkreten essen-Domäne in eine abstrakte markt-Domäne projiziert. Eine harte Nuss, die man mit den Zähnen zu knacken versucht, stellt für das Gebiss eine Gefahr dar, da man sich daran die Zähne ausbeißen kann. Auf dieses schmerzhafte und kostspielige Risiko gehen manche Nascher dennoch ein, um an den fetten Nusskern zu kommen. Analog verhält es sich mit Unternehmensjägern, für die der deutsche Markt aufgrund juristischer Angelegenheiten mit finanziellem Risiko verbunden ist, andererseits aber auch lukrative Geschäfte in Aussicht stellt, die waghalsige Handlungen rechtfertigen (vgl. Tab. 43):

Tab. 43:Die epistemischen Mappings für den Verwendungsbeleg (148).

harte Nuss (Ausgangsdomäne)Herausforderung, die die Übernahme von deutschen Unternehmen in Deutschland darstellt (Zieldomäne)
Eine harte Schale.Eine aufgrund der juristischen Regelungen (Aktienrecht) schwierige Aufgabe.
Der Kern ist nahrhaft, fett.Es handelt sich um die Unternehmen von einem großen finanziellen Wert. Der Gewinn, den die eventuelle Übernahme erbringen könnte, ist der Mühe wert, begehrenswert.
Das Knacken mit den Zähnen ist für das Gebiss gefährlich, kann anhaltende, schmerzhafte und kostspielige Konsequenzen hinterlassen (abgebrochene Zähne).Beim derzeitigen Rechtsstand sind die Übernahmen in Deutschland riskant. Auf Grund der beträchtlichen Summen, die zu investieren sind, wären die finanziellen Konsequenzen einer misslungenen Übernahme für einen raider ernst und kostspielig.

←468 | 469→Im Verwendungsbeleg (145) ergibt sich die Bedeutung der Äußerung aus dem Spannungsverhältnis zwischen der phraseologisierten Lesart und einer flüchtigen metonymischen Kette, die auf der literalen Lesart aufbaut.

(145) Bern ist nicht das harte Brot jedes Essliebhabers, Bern ist nicht einmal das. Es ist ein Nicht-Ort, um den man wohlweislich einen Bogen macht, so auch Wolfram Siebeck, der deutsche Doyen der Esskritik, während seiner jüngsten Schweizreise für die ZEIT. Darum muss ich mich über diesen Blechnapf beugen, in dem es ja durchaus einiges auszutupfen gibt. Die Zeit, 06.12.2010

Der Sprachproduzent knüpft in diesem gastronomiekritischen Artikel intentional an das durch die literale Lesart evozierte mentale Bild und hebt es durch das Hinzufügen von jedes Essliebhabers hervor. Bei der Auslegung des Idioms stehen dem Sprachrezipienten mehrere Wege zur Verfügung:

Das harte Brot kann an dieser Stelle als ‚eine schwierige Aufgabe, eine Herausforderung‘ interpretiert werden. Der Bedeutungsderivation liegen dann zwei Metaphern: die konzeptuelle Metapher schwierigkeiten sind ungeniessbares essen und die epistemische Metapher hartes Brot → Herausforderung zugrunde, so wie sie in dem zweiten Verwendungsprofil des Idioms ein hartes Brot zur Geltung kamen:

←469 | 470→Nicht auszuschließen ist zugleich der Beitrag einer flüchtigen, einmaligen metonymischen Kette zur Konzeptualisierung. Die Äußerung: Bern ist ein hartes Brot jedes Essliebhabers kann nämlich auch als ‚Bern ist ein Ort, an dem man nicht gut essen kann‘ ausgelegt werden. Die Bedeutung konstituiert sich dann infolge einer flüchtigen metonymischen Kette:

Der Sprachproduzent knüpft hier bewusst an das mentale Bild an, das durch die literale Bedeutung hervorgerufen wird, um die intendierten Inhalte auf eine stilistisch auffallende Art und Weise mitzuteilen. Die erste metonymische Verschiebung ist z.T. lexikalisiert und trägt zur Bedeutungskonstituierung des ersten Verwendungsprofils bei (Brot → Grundnahrungsmittel), auch wenn hier andere Aspekte hervorgehoben werden: Im ersten, durch Belege (106–110) vertretenen Verwendungsprofil wurde Brot als ein einfaches, alltägliches Lebensmittel, das die Grundlage der Existenzsicherung bildet, profiliert. Diese Bedeutungsaspekte werden im zu besprechenden Beleg (145) in den Hintergrund verschoben, ausschlaggebend für diese Konzeptualisierung ist das Wissen, dass das harte Brot keinen Gaumengenuss für Feinschmecker darstellt, was im weiteren metonymischen Schritt auf den Ort, an dem man nicht gut essen kann, erweitert wird. Die metonymische Derivationskette hat einen flüchtigen, einmaligen Charakter, die Bedeutungskonstituierung beruht hier so, wie bei einer innovativen Ad-hoc-Metapher, auf einer Zusammenarbeit zwischen dem Sprachproduzenten und dem Sprachrezipienten. Die aktuelle Bedeutung schwankt zwischen beiden Interpretationen, von denen die erste lexikalisiert, die zweite flüchtig und innovativ ist.

Wesentlich komplexer sind die kognitiven Mechanismen, die der Bedeutungskonstituierung und Motiviertheit des Idioms im Beleg (146) zugrunde liegen.

(146) Seit dem legendären ÖTV-Chef Heinz Klunker, Gott hab ihn selig, hat es keinen Arbeiterführer mehr gegeben, der die proletarischen Massen so richtig auf die Barrikaden treiben konnte. Wenn Klunker rief, standen alle Räder still und die Löhne wurden zweistellig erhöht. Für den nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers könnte das im kommenden Jahr noch eine richtig neue Herausforderung werden. Den Lafontaine macht er schon gelegentlich, wenn es um populistische Stimmenmaximierung geht. Auch mit dem langjährigen sozialdemokratischen Landesvater Johannes Rau hat er sich schon versöhnt. Heinz Klunker wäre eine harte Nuss, nicht wegen dessen Bauchumfanges. Aber wenn es dem Christdemokraten ←470 | 471→Rüttgers tatsächlich gelänge, in dessen Fußstapfen zu treten, dann ist ihm die Macht an Rhein und Ruhr wohl auf ewig sicher. Die Zeit, 29.12.2008

Zum einen referiert hier eine harte Nuss auf einen Politiker. Zur Geltung kommen hier also die zusammengesetzten kognitiven Mechanismen, die im Verwendungsmuster 2.1 beschrieben wurden: die konzeptuellen Metaphern schwierigkeiten sind ungenießbares essen, körper ist behälter; dicke, harte wände sind resistenz gegen äußere einflüsse, die epistemischen Mappings: harte Nuss → eine robuste, unnachgiebige Person, sowie die metaphorisch-metonymische Kette Nuss → Kopf → Person, die für die Bedeutungsderivation der nominalen Konstituente zuständig ist. Zum anderen ist das vertiefte Weltwissen unabdingbar, um sprachspielerische Intention des Sprachproduzenten entziffern zu können. Der in den 80er Jahren verstorbene, als harte Nuss bezeichnete Gewerkschaftler Heinz Klunker war für seine unnachgiebige Tarifpolitik, energische und effiziente Vertretung der Arbeiterinteressen bekannt, was ihm den Ruf des mächtigsten Gewerkschaftsführers Deutschlands einbrachte. Äußerlich fiel er zugleich durch mächtige Postur auf. In einem Nachruf hieß es:

„Von guten Freunden und Kritikern gleichermaßen aufgrund seines Umfangs stets „der Dicke“ genannt, galt er als der mächtigste Gewerkschaftsführer Deutschlands, wozu seine dröhnende Stimme nur allzugut passte. Für viele Wirtschaftsbosse war er oftmals der Buhmann der Nation.“ (www. wikipedia.de, Zugriff am 07.10.2017)

Die phraseologisierte Bedeutung ‚jd. ist unnachgiebig, ausdauernd, zielstrebig, schwer von eigenen Zielen abzubringen‘ kommt hier also zweifelsohne zur Geltung. Die Durchsetzung der Lohnerhöhung um 11 % gegen den Willen des Bundeskanzlers Willi Brandts hat Schlagzeilen gemacht, die Bewunderung für Klunkers Willensstärke und Charisma schwingt deutlich im Text mit. In der Äußerung Heinz Klunker wäre eine harte Nuss, nicht wegen dessen Bauchumfanges wird der sprachspielerische Effekt jedoch nicht durch die Anknüpfung an die lexikalisierte Bedeutung erzielt, sondern durch die Profilierung einer nicht lexikalisierten Eigenschaft des mentalen Bildes und ihre okkasionelle, innovative Metaphorisierung: In den Mittelpunkt der Konzeptualisierung wird nämlich die runde Form einer Walnuss geschoben, mit der der umfangreiche Bauch eines Mannes verglichen wird. Diese innovative Metapher beruht auf der Ähnlichkeitsbeziehung, die übrigens nicht besonders konsistent ist: Der Bauch – insbesondere ein sich vorwölbender Bauch eines beleibten Menschen – stellt bekanntermaßen einen der weichsten und empfindlichsten Körperteile dar, die Reminiszenz zu einer Walnuss bezieht sich also ausschließlich auf seine visuelle (und nicht z.B. taktile) Eigenschaft. Möglicherweise fällt die Inkohärenz des mentalen Bildes dennoch beim natürlichen, unreflektierten Sprachgebrauch gar nicht auf: Zu der Konstituierung der metaphorischen Bedeutung werden nur diese Inhalte herangezogen, die zu der Konzeptualisierung passen, alle anderen werden ausgeblendet. Dabei wird auf eine Strategie des bildhaften Formulierens zurückgegriffen, die oft in Sprachwitzen vorkommt:

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Es gibt keine fließenden Übergänge zwischen den Bedeutungen, sondern einen Aspektenwechsel, der sich plötzlich und oft überraschend einstellt. Daher rührt die Möglichkeit des Wortwitzes, der von Ambiguität lebt; er suggeriert dem Hörer ein Ausdruck sei klar in einer bestimmten Bedeutung verwendet, und deckt dann schlagartig – in der Pointe – die Ambiguität auf. (H.‑J. Heringer, Die Unentscheidbarkeit der Ambiguität, In: D. Wolf, H. Geckeler (Hg.), Logos Semantikos. Studia Linguistica in Honorem Eugenio Coseriu, Berlin 1981, S. 95, zit. nach Urban 2009: 420)

Die besprochenen Belege führen vor Augen, wie sich mentale Bilder von idiomatischen Einheiten an dem Zustandekommen neuartiger, bildhafter, sprachspielerischer Formulierungen beteiligen können. Sie veranschaulichen aber auch die Vielfältigkeit und Komplexität dieses Einsatzes: Die aktuellen Bedeutungen der Äußerungen kommen nämlich in unterschiedlichen Verfahren zustande:

  (i)Der Text ist so arrangiert, dass eine Wortverbindung in der literalen, in einer metonymischen oder in einer metaphtonymischen Bedeutung interpretiert werden kann, so wie es im Beleg (142) der Fall ist und als Ambiguierung der Bedeutung bezeichnet wird.

 (ii)Der Text knüpft an das mentale Bild explizit an, indem um das Idiom herum ein Szenario ausgebaut wird. Im Beleg (143) wird dies durch das Hinzufügen von dünnem Tee gewährleistet. Die durch das mentale Bild evozierte literale Lesart wird schlagartig aufgegriffen und weitergeführt. Die Wortverbindung mit hartem Brot wird zuerst in der phraseologisierten Lesart ‚eine finanziell nicht befriedigende Arbeit‘ ausgelegt, um dann plötzlich durch die Kontextarrangements in die literale Lesart umzuschlagen: Leute ohne rechte Ambitionen auf die Sprossenleiter des beruflichen Aufstiegs, stille Verzichter und an diesen Strand Verschlagene, die nur das Einmaleins der Kataloge beherrschen wollten, sich mit hartem Brot und dünnem Tee begnügten, in ihren Bücherkammern wie in Waben saßen. Das mentale Bild stellt einen Impuls für eine Assoziation dar, die versprachlicht wird.

(iii)Das durch die literale Lesart evozierte mentale Bild ist für einen längeren Abschnitt konstitutiv, indem die wörtliche Lesart des Idioms aufgegriffen wird und der Sprecher seine Äußerung im gleichen Szenario weiter formuliert (vgl. Beleg 144). Auf diese Art und Weise entsteht eine ausgebaute Metapher, mit der komplizierte Vorgänge vermittelt und bildlich veranschaulicht werden können.

 (iv)Die durch das mentale Bild evozierte literale Lesart unterliegt weiterer Metonymisierung, so wie es im Verwendungsbeleg (145) der Fall war. Die aktuelle Bedeutung gestaltet sich im Spannungsraum zwischen der phraseologisierten Lesart und einer idiosynkratischen, einmaligen, innovativen Derivationskette.

 (v)Durch den Ausbau des Szenarios kann ebenfalls eine innovative Metapher, die neue Aspekte des mentalen Bildes fokussiert, an die bereits lexikalisierte Bedeutung angekoppelt werden (Nuss → runder Bauch, rundliche Gestalt eines Menschen im Beleg 146). Eine gewisse Verdichtung der Informationen ←472 | 473→wird dadurch erzielt: In einer kurzen Äußerung: jd. ist eine harte Nuss, nicht wegen dessen Bauchumfanges werden zahlreiche Informationen über das Aussehen und Charakter eines Menschen in einer komprimierten Form vermittelt: Mit einem geringen kommunikativen Aufwand wird ein großer kommunikativer Effekt erzielt (Spieß/Köpcke 2015: 9).

In jedem Fall wird dadurch eine Originalität der Äußerung, ihre Vagheit und semantischer Mehrwert erreicht: So wie die materiellen Bilder viele Interpretationsmöglichkeiten zulassen, so eröffnen auch die mentalen Bilder, falls sie bewusst in den Fokus der Aufmerksamkeit verschoben werden, neue Spielräume der Bedeutungskonstituierung.

149Beide Begriffe assoziiert man traditionellerweise mit dem Strukturalismus, onomasiologisch und semasiologisch ausgerichtete Verfahren werden dennoch erfolgreich auch in den kognitiven Studien eingesetzt. So bedienen sich z.B. Kövecses (1988, 1990, 2000), Lakoff/Kövecses (1987) sowie Lakoff (1987: 380-415) bei ihren Untersuchungen zur Konzeptualisierung der Emotionen (liebe, Ärger/wut, angst, stolz) und den damit verbundenen konzeptuellen Metaphern onomasiologischer Herangehensweise. Jäkel (2003) untersucht unter Einbezug onomasiologischen Verfahrens die Konzeptualisierungen in den Diskursbereichen: Wissenschaft, Wirtschaft, Geistestätigkeit und Religion, Ehrenmüller (2017) ermittelt konzeptuelle Metaphern, die dem spiel-Konzept Struktur verleihen. Als Beispiel einer onomasiologischen Studie in der kognitiv ausgerichteten Phraseologie kann der Beitrag von Dobrovol’skij (1995) zur Konzeptualisierung von angst herangeführt werden. Semasiologisches Verfahren kommt z.B. bei der semantischen Untersuchung von Präpositionen zum Tragen: Auf großes Interesse stieß z.B. Lakoffs (1987: 416-461) Analyse der Präposition on in der räumlichen Grundbedeutung und in übertragenen Bedeutungen. Kognitiv-semasiologische Analysen zu englischen Präpositionen wurden des Weiteren von Brugman (1989) und Rice (1992) durchgeführt, den Konzeptualisierungen von Finger in der phraseologisch gebundenen Bedeutung ist ein Beitrag von Staffeldt/Ziem (2008) gewidmet.

150Zu den Somatismen in der Phraseologie vgl. z.B. Guławska-Gawkowska 2013, Staffeldt/Ziem 2008; zu Emotionen vgl. u.a. Dobrovol’skij 1995, Gondek 2015, Pohl/Kaczmarek 2014, zu den Tierbezeichnungen vgl. u.a. Chrissou 2000, Schowalter 2010, Stypa 2015, Szczęk 2010c, zu den Farben vgl. z.B. Hofmannová 2004, Wanzeck 2003.

151Als Einwortlexeme erfüllen sie die Bedingung der Polylexikalität nicht. Da man sie dennoch als idiomatisch empfindet, werden sie öfters in phraseologische Nachschlagewerke aufgenommen (vgl. Kap. 1.2.2.1)

152Es handelt sich hier um rhetorische Mittel, wie z.B. Alliteration oder Reimelemente, die in den Zwillingsformeln gehäuft auftreten.

153Die folgende Beschreibung ist auf der Grundlage der Angaben aus https://www.dwds.de entstanden (Zugriff am 01.12.2018).

154Die neueste dritte Version des DWDS-Korpus ist im vollen Umfang nur für die Mitarbeiter der BBAW zugänglich. Öffentlich recherchierbar ist nur ein Teil des Korpus. Zu der älteren, bis August 2016 gültigen Version konnten sich alle Interessierten einen erweiterten Zugang über die Registrierung und Anmeldung verschaffen. Die in den Jahren 2014–2016 zusammengestellten Belege entstammen der erweiterten Korpusversion für registrierte Nutzer.

155Die ältere Version ist zum Teil noch abrufbar über http://eins.dwds.de (Zugriff am 19.05.2017).

156Die anderen Möglichkeiten der Sortierung von Korpustreffern richten sich z.B. nach dem chronologischen Kriterium (Datum absteigend, Datum aufsteigend) oder nach der Belegelänge.

157Auf dieses Phänomen verweist u.a. Dobrovol’skij (2016: 4): „Although an analysis of examples of use clearly indicates that polysemy in phraseology is an extremely widespread phenomenon (for further details see Dobrovol’skij & Filipenko 2009), traditional dictionaries rarely distinguish the different meanings of idioms, and seldom reflect the full diversity of variants actually represented in texts. Dictionaries often register only a single “canonized” form of an idiom that in many cases proves to be not the most frequent one“.

158In diesem Zusammenhang muss berücksichtigt werden, dass diese Textsorten einen reflektierten Sprachgebrauch vertreten: Sowohl Journalisten als auch Buchautoren werden als Menschen angesehen, die sich einen bewussten Umgang mit der Sprache zu einem Beruf gemacht haben. Somit ist die Anzahl der um das Idiom herum ausgebauten Szenarios sowie der Beispiele für den sprachspielerischen Gebrauch möglicherweise größer als im spontanen Redefluss eines durchschnittlichen Muttersprachlers.

159Vgl. dazu das im Unterkap. 4.2.2.1.2.1 beschriebene Verwendungsprofil des Idioms einen Klotz am Bein sein, das eine relativ hohe Frequenz in den DWDS-Korpora aufweist, im Grunde genommen aber auf einem viel zitierten okkasionellen Gebrauch des Idioms beruht. Ob sich dieser Gebrauch durchsetzt und etabliert, bedarf weiterer Forschung.

160In der Fachliteratur werden die Verwendungsprofile auch als behavioural profile (Divjak 2004: 227), patterns of usage (Hanks 2004: 90), combinatorial profile (Dobrovol’skij 2004: 787), Wortprofile (Blumenthal/Diversy/Mielebacher 2005: 50) bzw. word sketch (Kilgarriff/Rychly/Smry 2004: 105) bezeichnet.

161Die Notwendigkeits-Hypothese besagt, dass bestimmte Gegenstandsbereiche unserem Denken kaum anders zugänglich sind als durch das Mittel der konzeptuellen Metapher (Jäkel 2003: 41).

162Die originale Notationsweise der Wörterbuchartikel wird in den Tabellen, die die Erfassung der Idiome in lexikographischen Werken wiedergeben, beibehalten, woraus sich die Unterschiede in Abkürzungen, Markierungen, enzyklopädischen Angaben usw. ergeben. Nur die Hervorhebung aller Lemmata durch Fettdruck wurde von der Autorin der Einheitlichkeit und Übersichtlichkeit der Tabelle halber vorgenommen.

163An dieser Stelle ist auf die besondere Bedeutung zu verweisen, die den Gebrauchsbelegen in schemanns (1993, 2011) phraseologischem Wörterbuch: Deutsche Idiomatik zukommt. Statt Bedeutungserläuterungen werden hier repräsentative Kontexte aufgeführt, aus denen der Benutzer selbst die Bedeutung des Phraseologismus aufschlüsselt.

164Zugriffsdatum: 25.02.2017, Suchanfrage: schwankender&&Boden. Der Anteil der einzelnen DWDS-Teilkorpora in der 40 Belege zählenden Belegsammlung: Deutsches Textarchiv: 0/7; Kernkorpus 2/17; Die Zeit: 24/178; Berliner Zeitung: 8/26; Der Tagesspiegel: 6/13. Die erste Zahl bezieht sich auf die Anzahl der in die Belegsammlung aufgenommenen Belege, die zweite auf die Anzahl der Belege, die zum Zeitpunkt der Stichprobeentnahme in dem jeweiligen DWDS-Korpus zur Verfügung standen.

165Alle im Folgenden angeführten deutschsprachigen Gebrauchsbelege entstammen den DWDS-Korpora und wurden nach den im Unterkap. 4.1.2.2.2.1 beschriebenen Kriterien im Zeitraum 2014-2017 erhoben.

166Das Vorstellungsschema gleichgewicht ist – wie die Studie von Baldauf (1997: 177–179) zeigt – ebenfalls für die Konzeptualisierung der Ausgewogenheit in den Diskursbereichen: Recht, psychische Verfassung und Macht ausschlaggebend.

167Die sprachlichen Manifestationen zu den konzeptuellen Metaphern sowie die Bedeutungsparaphrasen von Phraseologismen bzw. übertragenen Lexem-Bedeutungen entstammen dem Universalwörterbuch DUDEN online (www.duden.de, im Weiteren als DUW online markiert), dem phraseologischen Internet-Wörterbuch redensarten-index (www.redensarten-index.de, im Weiteren als redensarten-index gekennzeichnet), dem lexikographischen Teil des DWDS, dem DWDS-Wörterbuch (dwds.de/wb, im Weiteren DWDS-Wörterbuch) sowie den Korpora des DWDS (im Weiteren als DWDS angeführt). Sie wurden in dem Zeitraum 03.10.2015–30.11.2017 erhoben. Nicht markierte Exemplifizierungen werden von der Autorin hinzugefügt.

168In einer genaueren, korpusbasierten Analyse lassen sich auch andere Teilbedeutungen ermitteln, vgl. Sulikowska 2015b, 2015c.

169Vgl. DUW online: Boden: ‚1. Erdreich, Erde; 2. Grundfläche im Freien oder in einem Innenraum; 3. Grundlage; 4. Gebiet; 5. unterste Fläche von etwas; 6. Kurzform für Tortenboden; Kurzform für Dachboden‘, Zugriff am 13.07.2017.

170Vgl. z.B. http://www.redensarten-index.de/suche.php?suchbegriff=luftschl%C3%B6sser&bool=relevanz&gawoe=an&suchspalte[]=rart_ou (Zugriff am 18.04.2016) sowie Spieß (2011: 444–452) und Baldauf (1997: 196–202).

171Zugriffsdatum: 05.04.2016, Suchanfrage: dünnes && Eis. Deutsches Textarchiv: 1/6; Kernkorpus: 1/3; Die Zeit: 15/257; Berliner Zeitung: 10/108; Der Tagesspiegel: 10/110; Potsdamer Neueste Nachrichten: 3/13.

172Falls in der Subjektposition eine Stadt (Berlin), eine Institution (Staatsanwaltschaft) oder eine Partei (CSU) auftreten, handelt es sich eindeutig um metonymische Verschiebungen: Stadt steht für Stadtverwaltung, Institution bzw. Partei steht für die Menschen, die da tätig sind.

173Zugriffsdatum: 17.03.2016, Suchanfrage: glattes&&Parkett. Deutsches Textarchiv: 0; Kernkorpus 2/11; Die Zeit: 18/68; Berliner Zeitung: 11/ 45; Der Tagesspiegel: 8/30; Potsdamer Neueste Nachrichten: 1/1.

174Vgl. Dazu etymologische Angaben in Müller (2005: 455) zum Idiom: sich auf diplomatischem/internationalem Parkett bewegen können ,sich in einem bestimmten gesellschaftlichen Rahmen zu benehmen wissen‘ [Etikette]: Parkett ist eine theatertechnische Bezeichnung für Sitze vor der Bühne (bzw. die dort sitzenden Zuschauer), aber auch ein Fachwort für holzgetäfelten Fußboden, wie er in aristokratischer Zeit den Schlössern und Wohnungen der reichen vorbehalten war. Das Parkett konnte so zum Kennzeichen für eine ranghohe Gesellschaftszugehörigkeit werden.

175Zugriffsdatum: 24.11.2014, Suchanfrage: @Bein&&stellen. Kernkorpus 10/84; Die Zeit: 10/276; Berliner Zeitung: 8/197; Der Tagesspiegel: 9/88; Potsdamer Neueste Nachrichten 3/18.

176In diesen Belegen werden die Bedeutungskonstituierungsprozesse auch durch die konzeptuellen Metaphern: konkurrenzkampf ist ein wettlauf, Überlegenheit ist räumlicher Vorsprung beeinflusst, die auf dem Vorstellungsschema weg basieren und für die Konzeptualisierung des Konkurrenzkampfes grundlegend sind. In der Sprache manifestieren sich diese Metaphern beispielsweise in den Ausdrücken: Vorsprung, Rückstand, Rückschritt, Abstand zu den Konkurrenten vergrößern, etw. nachholen, jmdn. aufholen, voraus sein, auf der Strecke bleiben.

177Zugriffsdatum: 23.05.2014, Suchanfrage: Knüppel&&zwischen&&Beine. Deutsches Textarchiv: 0; Kernkorpus 4/13 (anzeigbar: 9); Die Zeit: 13/163; Berliner Zeitung: 10/48; Der Tagesspiegel: 12/55; Potsdamer Neueste Nachrichten: 1/4.

178Vgl. z.B. folgende Internetbelege: Flinke Finger für die Kundenbetreuung in Berlin gesucht. https://www.ebay-kleinanzeigen.de/s-kundenservice-callcenter/mitte/c105l3518?origin=DELETED_AD, (Zugriff am 26.07.2017). Henryk hatte früher Arbeit genug, konnte alles reparieren, besaß eine »goldene Hand«. Die Zeit, 03.02.2005, Nr. 06. Wir möchten, daß kluge Köpfe auch ohne dickes Konto ein Risiko übernehmen – die Sicherheit, die wir garantieren, macht das möglich. Die Zeit, 21.02.1999, Nr. 4

179Zugriffsdatum: 22.04.2017, Suchanfrage: Klotz &&@am&&Bein. DWDS-Kernkorpus 21: 2/2 (anzeigbar 2); Deutsches Textarchiv: 1/1; Die Zeit: 18/201; Berliner Zeitung: 12/87; Der Tagesspiegel: 7/59.

180Vgl. auch die Angaben zu schwierig im Digitalen Wörterbuch der Deutschen Sprache: schwierig Adj. ‘kompliziert, schwer zu behandeln’, frühnhd. swiric, sweric, auch suerecht ‘schwärend, eitrig’ (15. Jh.) ist abgeleitet vom Substantiv mhd. swer(e) ‘leiblicher Schmerz, Krankheit, bes. Geschwulst, Geschwür’, nhd. Schwäre (s. ↗schwären), wird heute allerdings als zu schwer gehörend empfunden. Die alte Bedeutung ist bis ins 18. Jh. bewahrt, vgl. ein schwüriger (‘schwärender’) Finger (Adelung). Daneben entwickelt sich vom 16. Jh. an auf innere Stimmung und Haltung bezogener übertragener Gebrauch im Sinne von ‘reizbar, unzufrieden, aufrührerisch’ sowie ‘leicht aufgebracht, empfindlich, schwer zu behandeln’, der seit dem 17. Jh. in erweiterter Anwendung auch auf Verhältnisse und allgemeine Zustände ausgedehnt wird (vgl. schwürige Zeiten, 1660). Schwierigkeit f. ‘komplizierte Lage, Situation, Mühsal, Kummer’ (18. Jh.), frühnhd. Schwirikait ‘Eiterung’ (1572), Schwürigkeit ‘Tumult’ (1660); dann (in etymologischer Unsicherheit in Verbindung gebracht mit mhd. swærecheit ‘Schwere, Hindernis’, zu mhd. swære, nhd. schwer) Schwürigkeit oder Schwerigkeit ‘Beschwernis’ (1664). (www.dwds.de/wb/Schwierigkeit#et-1, Zugriff am 05.09.2017).

181Zugriffsdatum: 22.04.2017, Suchanfrage: am Hals haben. Deutsches Textarchiv: 0/29 (Belege vorwiegend aus dem 17. Jh.); DWDS-Kernkorpus 21: 2/7; Die Zeit: 26/73; Berliner Zeitung: 6/37; Der Tagesspiegel: 6/35.

182Dieser Beleg ist nicht den DWDS-Korpora, sondern dem lexikographisch erarbeiteten Wortauskunftssystem zur Deutschen Sprache der Geschichte und Gegenwart des DWDS entnommen. Im Weiteren werden die Verwendungsbeispiele aus dem Wörterbuchteil des DWDS als DWDS-Wörterbuch gekennzeichnet.

183Die in Klammern angegebenen Zahlen beziehen sich auf den Rang eines Somatismus auf der Liste.

184Alle Bedeutungsparaphrasen entstammen, falls nicht anders vermerkt, dem DUW online (Zugriff am 20.09.2017).

185Dieser Phraseologismus wird dennoch nicht in die vorliegende Untersuchung aufgenommen, da es im DUW online (Zugriff 26.09.2017) makrostrukturell dem Lemma ,Klotz‘ eingeordnet wird.

186Zugriffsdatum: 20.05.2014, Suchanfrage: in&&@die&&@Enge&&treiben. Deutsches Textarchiv: 5/73; Kernkorpus: 10/108 (anzeigbar 78); Die Zeit: 10/555; Berliner Zeitung: 7/191; Der Tagesspiegel: 7/156; Potsdamer Neueste Nachrichten: 1/6.

187Zugriffsdatum: 10.04.2017, Suchanfrage: an die Wand drücken. DWDS-Kernkorpus 4/36; Die Zeit: 22/187; Berliner Zeitung: 8/54; Der Tagesspiegel: 6/33.

188Narodowy Korpus Języka Polskiego, Suchanfrage: do muru, Zugriff am 26.07.2017.

189Narodowy Korpus Języka Polskiego, Suchanfrage: do ściany, Zugriff am 26.07.2017.

190Vgl. PWN, Wielki słownik frazeologiczny z przysłowiami (2005): przycisnąć, przyprzeć kogoś do muru «postawić kogoś w sytuacji przymusowej, zmusić kogoś do zrobienia lub powiedzenia czegoś, czego nie chce zrobić lub powiedzieć»: Wypierał się w żywe oczy albo o niczym nie wiedział. A może za wcześnie zacząłem i się spłoszył. Nie należało przyciskać go do muru. S. Mrożek, Opowiadania II. Przyparta do muru dziewczyna wyznała, iż podsłuchała rozmowę (…). Z. Kossak, Wina.

191Vgl. Narodowy Korpus Języka Polskiego, http://www.nkjp.uni.lodz.pl, Suchanfrage do muru, Zugriff am 26.07.2017.

192Dieses Unterkapitel stützt sich z.T. auf korpusbasierte Analysen der Idiome ein hartes Brot, eine harte Nuss, ein dicker Brocken, die bereits in Artikeln und Beiträgen mit unterschiedlichen Schwerpunkten veröffentlicht wurden: vgl. Sulikowska 2016a, 2016b, 2017.

193Zugriffsdatum: 25.10.2015, Suchanfrage: hartes&&Brot. Deutsches Textarchiv: 0/12; Kernkorpus 3/58 (anzeigbar 37); Die Zeit: 13/171; Berliner Zeitung: 10/60; Der Tagesspiegel: 10/56; Potsdamer Neueste Nachrichten: 4/6.

194In einer loseren Beziehung dazu steht das Idiom bei jmdm. mit etw. auf Granit beißen ‚bei jmdm. mit einem Bestreben, einer Forderung o.Ä. auf unüberwindlichen Widerstand stoßen‘ (DUW).

195Die Recherche mit der Google-Suchmaschine ergibt zahlreiche weitere Treffer für die Wortverbindung das harte Brot der Opposition (Zugriff 26.03.2017).

196Zugriffsdatum: 11.11.2015, Suchanfrage: harte&&Nuss. Deutsches Textarchiv: 3/42; Kernkorpus: 0/1; Die Zeit: 18/152; Berliner Zeitung: 5/16; Der Tagesspiegel: 11/36; Potsdamer Neueste Nachrichten: 3/5.

197Bemerkenswert ist an dieser Stelle, dass die Zusammenstellung des Namens Eichel mit dem Idiom eine harte Nuss möglicherweise einem vom Sprecher intendierten sprachspielerischen Effekt dient.

198Zugriffsdatum: 18.03.2016, Suchanfrage: sauren&&Apfel. Deutsches Textarchiv: 1/147; Kernkorpus 2/29; Die Zeit: 20/150; Berliner Zeitung: 8/56; Der Tagesspiegel: 8/48; Potsdamer Neueste Nachrichten: 1/4.

199Zugriffsdatum: 05.11.2015, Suchanfrage: dicker&&Brocken. Deutsches Textarchiv: 0/2; Kernkorpus 3/18 (anzeigbar 13); Die Zeit: 17/317; Berliner Zeitung: 8/91; Der Tagesspiegel: 10/126; Potsdamer Neueste Nachrichten: 2/9.

200Interessanterweise hat das zu untersuchende Idiom ein dicker Brocken eine höhere Frequenz (in den Zeitungs- und Referenzkorpora aggregiert 559 Verwendungsbelege, Zugriff am 25.10.2017) als beispielshalber der Phraseologismus: ein harter Brocken (in den Zeitungs- und Referenzkorpora aggregiert 349 Belege, Zugriff am 25.10.2017), der in die lexikographischen Werke (DUW 2006, DUW online Zugriff am 25.10.2017, Wahrig 2007, PWN 2010, redensarten-index Zugriff am 25.10.2017) aufgenommen worden ist.

201Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Esskultur_im_Mittelalter (Zugriff am 18.07.2016).

202In der per Zufallsgenerator zusammengestellten Belegsammlung findet man – möglicherweise aufgrund einer relativ kleinen, 40 Verwendungsbelege enthaltenden Stichprobeentnahme – nur vereinzelte Belege, die den richtungsweisenden Einfluss des mentalen Bildes mittels eines ausgebauten Szenarios explizit vor Augen führen (vgl. Belege 136, 137), unter den über 500 Belegen der DWDS-Korpora sind solche Belege dennoch problemlos auffindbar, z.B.:

    Doch dann kommt sie wieder: Natascha, die einfältige Lieder mit noch einfältigeren Gedichten unterbieten kann. Weil sie jeweils den nächsten Gang ankündigt, muss man immer erst sie, als dicksten Brocken des Abends, schlucken, bevor es dann wahlweise zum Timbale von Flusskrebsen auf Meerrettichmousse, zum Supreme vom Steinbutt mit Tomatenkruste, zum Filet vom Milchkalb auf Wirsinggemüse oder zum Délice aus Schokolade mit eingelegten Bananen übergeht. Berliner Zeitung, 27.10.2003 Und Magath ist optimistisch, dass sein Team Individualisten wie den Argentinier Crespo in beiden Spielen neutralisieren kann: Chelsea ist ein dicker Brocken, aber ein Brocken, den man auch zur Seite räumen kann. Berliner Zeitung, 13.12.2003

203Erwähnenswert ist dabei die Text bildende Rolle der Phraseologismen: Idiomatische Einheiten werden in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt, indem aus einem Phraseologismus ganze Textabschnitte oder gar abgeschlossene Texte entwickelt werden (Burger/Buhofer/Silam 1982: 90). Dem Begriff und der systematischen Erforschung der Text bildenden Potenzen der Phraseologismen sowie der Erforschung der Phraseologismen zu verschiedenen Textdimensionen wurden mehrere Publikationen gewidmet (vgl. Sabban 2004, 2007b, Dobrovol’skij 1980, 1987).