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Räume schreiben

Literarische (Selbst)Verortung bei Tanja Dückers, Jenny Erpenbeck und Judith Hermann

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Katrin Dautel

Im Spannungsfeld einer Abwendung von herkömmlichen Raumauffassungen in Zeiten der Globalisierung sowie einer gleichzeitigen ‚Rückkehr‘ des Raumes in Form einer Sehnsucht nach (Selbst)Verortung lässt sich in der deutschsprachigen Literatur der letzten Jahrzehnte eine Hinwendung zu komplexen Gestaltungen literarischer Räume beobachten. Der Raum ist nicht nur Ausdruck von (geschlechtsspezifischen) Machtverhältnissen und Lebensentwürfen, sondern wirkt auch selbst auf die Handlung ein. Auf der Basis verschiedener Raumtheorien, die im Zuge des spatial turn in den Literatur- und Kulturwissenschaften verstärkt Beachtung fanden, untersucht die Autorin Texte von Schriftstellerinnen, die mit dem umstrittenen Etikett «literarisches Fräuleinwunder» versehen wurden, aus raumkonstruktivistischer Perspektive.

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2 Raumtheoretische Ansätze

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Die deutschen Begriffe Raumwende oder -kehre für den sogenannten spatial turn umfassen bereits metaphorisch selbst eine Bewegung im Raum, das heißt die Verlagerung eines Körpers in eine andere Richtung. Mit dieser Wende ist, wie in der Einleitung angesprochen, keine vollständige Neuausrichtung verschiedener Disziplinen gemeint, sondern vielmehr eine verstärkte Hinwendung zu Raumkonzepten in verschiedenen Disziplinen der Sozial-, Kultur- und Literaturwissenschaften, deren Forschung bis dato vom historisch-zeitlichen Paradigma dominiert wurde.49 Die interdisziplinäre Raumwende stellt somit „weniger eine Wende zu etwas Neuem dar als den Aufruf zur Erinnerung an verdrängtes oder vergessenes Wissen“50. Wie Hartmut Böhme in der Einleitung zu dem von ihm herausgegebenen Sammelband Topographien der Literatur (2005) bemerkt, wurde bis zum ‚Einläuten‘ der Raumwende durch den Humangeographen Edward W. Soja im Jahr 1989 „philosophisch der Raum wie ein unreiner Stiefbruder der Königin Zeit behandelt“, was nicht zuletzt darauf zurückzuführen ist, dass bereits in der Antike „eine Abwertung von Körper und Materie begann, mithin des räumlich Verkörperten“51. Die abstrakten Untersuchungsobjekte des Geistes wie die Ideen, die eher eine zeitliche Komponente aufweisen, wurden stattdessen für die edleren gehalten.52

Seit der verstärkten Hinwendung zu raumkritischen Theorien in den letzten Jahrzehnten und ihrer produktiven Anwendung in zahlreichen Disziplinen haben sich mehrere Bezeichnungsformen für die Raumwende entwickelt wie topographical und topological turn. Während der Begriff spatial turn zunächst für die Raumwende in der Human- und Kulturgeographie, später dann in den...

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