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Dimensions of Linguistic Space: Variation – Multilingualism – Conceptualisations Dimensionen des sprachlichen Raums: Variation – Mehrsprachigkeit – Konzeptualisierung

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Edited By Lars Bülow, Ann Kathrin Fischer and Kristina Herbert

This volume focuses on the use and structure of the German language in Austria. In addition, the aim of the book is to compare the linguistic conditions in Austria with those in other German speaking countries. The 20 articles present current findings from the research fields of variation, contact and perception.

Der Band widmet sich schwerpunktmäßig der Verwendung und Struktur der deutschen Sprache in Österreich. Ziel des Sammelbandes ist es außerdem, die sprachlichen Verhältnisse in Österreich mit denjenigen in anderen deutschsprachigen Ländern zu vergleichen. In 20 Beiträgen werden daher aktuelle Forschungsergebnisse aus den Forschungsbereichen Variation, Kontakt und Perzeption vorgestellt.

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Räumliche Strukturen alltagssprachlicher Variation in Österreich anhand von Daten des „Atlas zur deutschen Alltagssprache (AdA)“ (Simon Pickl / Simon Pröll / Stephan Elspaß / Robert Möller)

Simon Pickl, Simon Pröll, Stephan Elspaß & Robert Möller

Räumliche Strukturen alltagssprachlicher Variation in Österreich anhand von Daten des „Atlas zur deutschen Alltagssprache (AdA)“

Abstract: The Atlas zur deutschen Alltagssprache (AdA) (‘Atlas of colloquial German’) documents the geographical variation in colloquial speech in the German-speaking area. In this contribution, we analyse the variation in Austria quantitatively using factor analysis. The results suggest that there are three major overlapping linguistic regions of colloquial German in Austria which hardly correspond to traditional dialect regions but rather constitute separate entities.

1 Heranführung

Ziel dieses Beitrags ist es – vor dem Hintergrund einer breiten Datenbasis zum deutschsprachigen Raum –, eine Skizze alltagssprachlicher regionaler Variation innerhalb des deutschen Sprachraums in Österreich zu zeichnen. Abschnitt 2 zeigt, was im vorliegenden Beitrag – in Anlehnung an den Atlas zur deutschen Alltagssprache (AdA) – unter ‚Alltagssprache‘ verstanden wird und wie die zu den hier vorgenommenen Untersuchungen herangezogene Datenbasis beschaffen ist. In Abschnitt 3 führen wir zunächst aus, wie mittels einer Anwendung von Faktorenanalysen innerhalb der quantitativen Geolinguistik eine effektive Auswertung und Präsentation derartiger Daten bewerkstelligt werden kann, und präsentieren überblicksartig zentrale Ergebnisse (Abschnitt 3.1). Dabei betrachten wir den österreichischen Raum zunächst im Rahmen des gesamten deutschsprachigen Raums, bevor wir im Anschluss das Augenmerk gezielt auf die innerösterreichische Variation richten (Abschnitt 3.2). Im Rahmen dieser Analysen zeigt sich, dass die Alltagssprache großräumige Verbreitungsmuster aufweist, die sich von den bekannten basisdialektalen Mustern, wie sie die Dialektologie erforscht, unterscheiden. Diese Verbreitungsmuster aus ‚etischer‘ Sicht werden abschließend mit solchen aus der ‚emischen‘ Perspektive der Sprachbenützer/innen verglichen (Abschnitt 4). Abschnitt 5 fasst die Ergebnisse der Untersuchungen kurz zusammen.

2 Der Atlas zur deutschen Alltagssprache

Im Folgenden seien – in gegebener Kürze – Gegenstand und Methodologie des Atlas zur deutschen Alltagssprache (AdA), aus dem wir die Daten für unsere Analysen←39 | 40→ beziehen, sowie der dem AdA zugrunde liegende Begriff von ,Alltagssprache‘ vorgestellt.

2.1 Gegenstand

Als ‚Alltagssprache‘ werden im AdA wie auch im vorliegenden Beitrag Sprachformen in der Alltagskommunikation verstanden, also „im sozialen und funktionalen (‚Nähe‘-)Bereich des Privaten, des spontanen Gesprächs unter Freunden, Verwandten oder Bekannten oder auch im informellen Austausch unter nicht näher Bekannten aus demselben Ort, etwa im örtlichen Lebensmittelgeschäft“ (Möller/Elspaß 2014: 122). Damit wird ein bereits in einer früheren regionalen Untersuchung zur lexikalischen Variation verwendeter Ausdruck (vgl. Friebertshäuser/Dingeldein 1988) gegenüber der häufig in einem ähnlichen Sinn gebrauchten Bezeichnung Umgangssprache der Vorzug gegeben, zumal diese deutlich polysemer ist. So wurden in der bisherigen deutschsprachigen Dialektologie und Soziolinguistik als ‚Umgangssprachen‘ (im Plural) i. d. R. mehr oder weniger homogene und abgrenzbare Zwischenvarietäten zwischen basisdialektalen und standardsprachlichen Varietäten begriffen (vgl. die modellhafte Darstellung für Österreich in Abbildung 1).

Abbildung 1: Traditionelle Modellierung des ,vertikalen‘ Varietätenspektrums in Österreich (aus König/Elspaß/Möller 2015: 132)

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‚Alltagssprache‘ wird im AdA hingegen situativ definiert („im sozialen und funktionalen (‚Nähe‘-)Bereich“) und hinsichtlich der variativen Ausdehnung allein schon durch die Fragestellung an die Gewährsleute offener gefasst, wenn es zu Beginn eines jeden Fragebogens heißt: „Bitte geben Sie bei den folgenden Fragen jeweils an, welchen Ausdruck man in Ihrer Stadt normalerweise hören würde – egal, ob es mehr Mundart oder Hochdeutsch ist.“ (AdA-Fragebogen, Runde 11 [18.06.2017]) Diese Fragestellung deckt sich ungefähr mit der des WDU,1 sodass inhaltlich und prinzipiell auch methodisch eine Vergleichbarkeit mit dem WDU und dessen Ergebniskarten gegeben ist (vgl. Möller/Elspaß 2015: 520).

2.2 Methodologie

Der AdA ist ein Sprachatlas-Projekt, in dem seit 2003 in bisher zehn Erhebungsrunden die ‚Alltagssprache‘ in den deutschsprachigen Regionen des zusammenhängenden deutschsprachigen Gebiets Mitteleuropas (also in Deutschland, Österreich, der Deutschschweiz, Südtirol, Liechtenstein, Ostbelgien, Luxemburg und seit der Fragerunde 9 auch im Elsass und in Lothringen) erhoben wird. Nach anfänglich gezielten Versendungen der Fragebögen an E-Mail-Adressen in den 402 Ortspunkten des WDU ist die Zahl der beteiligten Orte inzwischen auf fast 3.000 Ortspunkte angewachsen. Eine gleichmäßige Abdeckung des gesamten Sprachgebiets ist dabei freilich nicht möglich; auch verhindern topographische Besonderheiten (z. B. schwach besiedelte Gebirgsregionen) eine gleichmäßige Verteilung der Ortspunkte über das Untersuchungsgebiet. Im Fokus der Befragungen steht die regionale Alltagssprache, wie sie in Abschnitt 2.1 erläutert wurde. Anders als bei Erhebungen zu basisdialektaler Variation zielt der AdA (wie schon der WDU) nicht auf den Sprachgebrauch von NORMs (nonmobile, older, rural males, vgl. Chambers/Trudgill 1998: 29), sondern auf den städtisch geprägter jüngerer Generationen. Entsprechend sind etwa 70 % der Informant/inn/en des AdA unter 40 Jahre alt. Diese Informant/inn/en werden nicht nach ihrem eigenen Sprachgebrauch,2 sondern als Expert/inn/en zum ortsüblichen Sprachgebrauch←41 | 42→ befragt. Ob die ‚Ortsfestigkeit‘ (gemessen an Mobilität, Herkunft der Eltern) oder auch Alter und Geschlecht Einfluss auf das Antwortverhalten haben, kann durch entsprechende Zusatzfragen nach diesen Daten am Ende des Fragebogens kontrolliert werden (s. jeweils aktuelle Fragerunde). Die Zahl der Informant/inn/en ist über die Jahre nach dem Schneeballprinzip stetig gewachsen. Lagen für die Pilotstudie (vgl. Elspaß 2005) sowie die erste AdA-Fragerunde noch jeweils unter 2.000 Antwortbögen zur Auswertung vor, so wurde diese Zahl bei der zehnten Fragerunde bereits am ersten Tag nach der Freischaltung des Fragebogens erreicht. Die neuen Fragebögen werden zeitgleich mit der Veröffentlichung der Ergebniskarten aus der vorigen Fragerunde freigeschaltet; durch diese Verfahrensweise konnte mit der Zeit offenbar eine gewisse Motivation der Interessierten, die z. T. doch recht langen Fragebögen auszufüllen, gesichert werden.

Ein Großteil der Fragebogen-Items besteht aus Fragen zur Lexik nach dem onomasiologischen Ansatz, bei dem häufig Abbildungen, ansonsten Umschreibungen (z. B. Runde 8: „Was sagt man bei Ihnen in der Silvesternacht um 0:00, wenn man z. B. auf 2011 anstößt?“) zum Einsatz kommen. Es werden Varianten vorgegeben, und es sind Mehrfachantworten möglich; zusätzlich steht i. d. R. ein Freifeld zur Verfügung, in dem die Informant/inn/en Varianten eintragen können, die unter den vorgegebenen Optionen nicht zur Auswahl standen. Ein anderer Fragetyp zielt auf Angaben zur Verbreitung und ‚Üblichkeit‘ von bestimmten Varianten; hierbei wird gefragt, wie ortsüblich z. B. eine Wendung wie „Das geht sich noch aus. (im Sinne von ‚Man hat noch genug Mittel (Geld, Zeit, …), um etwas zu tun, um etwas zustande zu bringen.‘)“ ist (Runde 9, Hervorhebung im Original). Die Auswahl aus den abgestuften Antwortoptionen („Das ist bei uns sehr üblich.“ – „Das hört man bei uns ab und zu.“ – „Das ist bei uns völlig unüblich.“) wird dabei jeweils in einer Art heat map kartiert. Neben lexikalischen werden aber auch lautliche (z. B. Runde 10: Aussprache von <Milch>) und grammatische Varianten (z. B. Runde 10: Plural von Balkon) abgefragt. Einige Fragen beziehen sich auch auf eher Volkskundliches (z. B. Runde 10: „Welche Biersorte bekommt man typischerweise, wenn man an Ihrem Ort im Lokal ein Bier bestellt (ohne weitere Angabe, was für eine Sorte man haben will)?“).

Auf diese Weise konnten bisher (Stand 2017) insgesamt über 420 Einzelkarten aus zehn Fragerunden, zum großen Teil mit erläuternden Kommentartexten, veröffentlicht werden. Auf diesen Einzelkarten sind die Antworten für die einzelnen Varianten pro Punkt des (leicht erweiterten) WDU-Ortsnetzes zusammengefasst. Pro Ortspunkt kann also die Zahl der berücksichtigen Antwortvarianten erheblich schwanken. Auf den im AdA veröffentlichten Karten werden pro Ort nur die häufigste und die zweithäufigste Variante dargestellt; die häufigsten er←42 | 43→scheinen am jeweiligen Ortspunkt auf der Karte als größeres (Punkt-)Symbol, die zweithäufigsten als kleineres.3 Für weitergehende Untersuchungen stehen jedoch grundsätzlich alle Datensätze zur Verfügung. So sind auch für die in Abschnitt 3 beschriebenen Untersuchungen sämtliche Daten zu den Orten, zu denen aus allen der drei bzw. vier letzten Fragerunden Antworten vorlagen, berücksichtigt worden (Näheres in Abschnitt 3.2).

3 Anwendung: Regionale Strukturen

Im vorliegenden Abschnitt 3 präsentieren wir Ergebnisse von Faktorenanalysen zu den AdA-Daten, zunächst für den gesamten deutschsprachigen Raum (3.1), dann mit einem Fokus auf Österreich (3.2). Dazu wird es zunächst notwendig sein, die Vorzüge der Faktorenanalyse gegenüber anderen quantitativen Verfahren der Geolinguistik zu diskutieren.

3.1 Geolinguistische Verfahren

Sprachatlanten wie der AdA stellen oft sehr umfangreiche Datensammlungen dar, deren Vielschichtigkeit nur schwer durch manuelles Durchsehen erfassbar ist. Als Datenbank offenbaren sie eine sehr hohe Komplexität, die sich unter anderem in Form ihrer hohen Dimensionalität manifestiert. So liegen etwa in den Runden des AdA Antworten aus bis zu 2.933 Orten (in Runde 10) im gesamten deutschsprachigen Raum vor (die beteiligten Orte sind über die verschiedenen Runden hinweg nicht konstant). Die absolute Belegfrequenz der Varianten pro Ort ist nach oben offen.

Um solche Daten über den Einzeldatensatz hinaus interpretierbar zu machen, werden in der Regel dimensionalitätsreduzierende Verfahren eingesetzt, die wiederkehrende Muster in den Daten sichtbar machen. Keines dieser Verfahren ist für variationslinguistische Fragestellungen entwickelt worden – sie stammen ursprünglich aus den Sozialwissenschaften, konnten aber aufgrund der Strukturähnlichkeit psychologischer, soziologischer und linguistischer Daten auch erfolgreich in sprachwissenschaftlichen Kontexten adaptiert werden. Besonders populär in der Dialektologie sind die Clusteranalyse und die Multidimensionale Skalierung (MDS) (vgl. Pickl/Pröll im Erscheinen a). Die Clusteranalyse wird in der Dialektologie genutzt, um die Orte eines Untersuchungsgebiets anhand von linguistischen Daten zu klassifizieren; dieselben Orte können mittels MDS in einem fiktiven, linguistischen Koordinatensystem verortet werden, wodurch←43 | 44→ sprachliche Ähnlichkeiten zwischen ihnen dargestellt werden können. Bei solchen ‚aggregativen‘ Verfahren werden in einem ersten Schritt die einzelnen Variantenverteilungen auf eine Ort × Ort-Ähnlichkeits- bzw. Distanzmatrix reduziert, ohne dass die Unterschiede oder Gemeinsamkeiten zwischen diesen Variantenverteilungen in die Berechnungen eingehen. Dies hat den Nachteil, dass sie damit auch für die weitere Analyse verloren gehen (vgl. Pickl/Pröll im Erscheinen b) – die Dimensionalitätsreduktion besteht hier im Kern in der Addition der Unterschiede zwischen Ortspunkten; der Fokus liegt auf den sprachlichen Beziehungen zwischen Orten.

Eine weitere Familie von Verfahren nutzt eben solche Informationen über die Ähnlichkeiten zwischen Variantenverteilungen, die bei Clusteranalyse und MDS unter den Tisch fallen, für die Dimensionalitätsreduktion. Die Ergebnisse bilden damit sprachräumliche Muster ab, die in den Verteilungen mehrerer sprachlicher Varianten vorkommen – die Dimensionalitätsreduktion besteht in der Zusammenfassung von geolinguistischen Gemeinsamkeiten zwischen Varianten; der Fokus liegt auf den distributionellen Beziehungen zwischen sprachlichen Varianten. Zu diesen Verfahren gehören die Hauptkomponentenanalyse und die Faktorenanalyse, deren jeweiliger Zweck ursprünglich die Reduktion der Anzahl von Persönlichkeitsmerkmalen für Zwecke psychologischer Forschung war. Für unsere Zwecke erscheinen uns diese Verfahren gegenüber den oben beschriebenen aggregativen Verfahren überlegener zu sein,4 da sie die Unterschiede zwischen einzelnen Variantendistributionen nicht einebnen, sondern für die Analyse der Daten nutzbar machen und so die vorhandene Variation umfassender berücksichtigen und detaillierter darstellen. Auf diese Weise können nicht nur die dominanten Muster der Variation erfasst werden, sondern auch schwächere räumliche Strukturen, die den Gesamttrends zuwiderlaufen.

In diesem Beitrag verwenden wir die Faktorenanalyse für die Komplexitätsreduktion der AdA-Daten, da sie im Vergleich zur Hauptkomponentenanalyse als robuster gegenüber Schwankungen in den Daten gilt und deswegen „a more suitable method for identifying co-occurring linguistic features“ (Leinonen 2010: 106) darstellt. Leino/Hyvönen (2008: 186) empfehlen nach einem Vergleich verschiedener Methoden (u. a. Hauptkomponentenanalyse, Unabhängigkeitsanalyse und nichtnegativer Matrix-Faktorisierung) die Faktorenanalyse als Standardverfahren.←44 | 45→

Die Ergebnisse der Faktorenanalyse haben die Form sogenannter Faktoren, die jeweils eine Zusammenfassung mehrerer ähnlich im Raum verteilter Varianten darstellen und so häufig vorkommende Verbreitungsmuster abbilden.5 Als abstrakte Größen bestehen sie jeweils aus sogenannten Faktorladungen für die einzelnen Orte und aus Faktorwerten für die einzelnen Varianten, die jeweils die Assoziation des jeweiligen Faktors mit Orten bzw. Varianten ausdrücken. Je höher die Ladung für einen Faktor an einem Ort ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass dort mit dem Faktor assoziierte Varianten (solche mit hohen Faktorwerten) verwendet werden. Im Raum kartiert geben die Ladungen einen Überblick über im Datenkorpus vorherrschende räumliche Muster unterschiedlicher Größe und Dominanz. Der Raum ist dabei lediglich Projektionsfläche: Geografische Relationen gehen nicht in die Berechnung der Faktoren ein; Raummuster, die sich in der Kartierung der Faktoren zeigen, sind daher keine Artefakte der Berechnungen, sondern emergieren direkt data-driven aus den Korrelationen der zugrundeliegenden Datensätze.

Wir illustrieren dieses Prinzip hier mittels der AdA-Runden 8–10 (191 Variablen), mit einem Fokus auf denjenigen Einzelfaktoren – also ,Ballungen‘ innerhalb der Daten, die sich durch statistische Ähnlichkeit auszeichnen –, die im bairischen Raum besonders starke Ladungen aufweisen, um auch die Einbettung des österreichischen Staatsgebiets im anschließenden Unterkapitel einordnen zu können.6 Das Ortsnetz wurde dabei auf diejenigen 934 Orte reduziert, für die tatsächlich in allen drei herangezogenen Runden Datensätze eingingen. Der Fokus auf diese drei zuletzt erhobenen Runden ist damit zu begründen, dass wir ein möglichst enges Netz aus tatsächlichen Belegorten als Basis nutzen wollten. Die vorherigen Runden haben bisweilen ein weniger dichtes beziehungsweise nicht deckungsgleiches Ortsnetz, man hätte daher die←45 | 46→ hier zur Verfügung stehende Engmaschigkeit erst mittels einer Intensitätsschätzung oder einem anderen interpolierenden Verfahren quasi künstlich erzeugen müssen (siehe auch Abschnitt 5).

Abbildung 2 zeigt zunächst die jeweils dominanten Faktoren pro Ort (d. h. diejenigen Faktoren, die lokal jeweils die höchsten Faktorladungen aufweisen), die die jeweils vorherrschenden Tendenzen der Variantenverteilung darstellen.7 Insgesamt erfasst diese Faktorenlösung 85,55 % der Gesamtvariation. Jedem der dominanten Faktoren ist eine unterschiedliche Farbe zugeordnet; insgesamt sind also fünf dominante Faktoren zu sehen. Die Helligkeitsabstufungen geben an, wie relevant ein Faktor für einen einzelnen Ort jeweils ist: Bei dunklen Farbabstufungen ähneln die dortigen Varianten in ihrer räumlichen Verteilung insgesamt stark der Verteilung des dort dominanten Faktors, bei helleren Farbabstufungen ist dies weniger der Fall – dort spielen andere, nichtdominante Faktoren eine größere Rolle, so dass sich gerade im Bereich des Übergangs zwischen zwei Faktoren hellere Bereiche ergeben. Konkret quantifiziert die ‚Dunkelheit‘ eines Orts den prozentualen Anteil an der dort durch den jeweils dominanten Faktor erfassten Variation. Die Maxima für die Faktoren (vgl. Abbildung 2, Beschriftung) geben an, welcher Ort aufgrund der vorliegenden Daten am besten durch den jeweiligen Faktor beschrieben wird.

Auf Abbildung 2 zeichnet sich klar eine Nord-Süd-Teilung mit einem nördlichen Faktor (rot) etwa auf Höhe der Mainlinie ab. Diese hatte sich schon in dialektometrischen Untersuchungen zu WDU-Karten als wichtige Nord-Süd-Grenze in der alltagssprachlichen Variation des Deutschen erwiesen (vgl. Durrell 1989; Möller 2003). Im Süden Deutschlands lässt sich im bayerischen Raum der Übergang von einer spezifisch südlich-bundesdeutschen Raumstruktur (blau) zum bairisch-österreichischen Sprachraum (grün) beobachten. Ferner sondert sich klar das hoch- und höchstalemannische Areal ab (violett); hier ist die Schweizer Staatsgrenze maßgeblich. Vorarlberg stellt sich trotz seiner im basisdialektalen Bereich klar alemannischen Prägung im Bereich der alltagssprachlichen Lexik offensichtlich zum bairisch-österreichischen Raum.←46 | 47→

Abbildung 2: Synopse der Faktorenanalyse des gemeinsamen Ortsnetzes der AdA-Runden 8–10 (85,55 % erfasste Variation). Rot: Faktor 1 (Maximum: Oldenburg, 81,46 %); blau: Faktor 2 (Maximum: Waiblingen, 52,84 %); grün: Faktor 3 (Maximum: Linz, 75,22 %); violett: Faktor 4 (Maximum: Zürich, 58,13 %); türkis: Faktor 6 (Maximum: Illingen (Saar), 31,73 %)

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Zusätzlich zu dieser Form der Gesamtschau dominanter Variation ist aber auch der Blick auf die einzelnen Faktoren lohnend: Insbesondere die nicht-dominanten Variationsanteile, also die Strukturen, die in der ‚klassischen‘ aggregativen Dialektometrie unsichtbar bleiben (vgl. Pickl/Pröll im Erscheinen a, b), können die Basis ergiebiger Interpretationen bilden. Für die einzelnen Faktoren werden im Zuge der Faktorenanalyse sogenannte Faktorenwerte berechnet, die die Beziehung einzelner Varianten mit dem jeweiligen Faktor quantifizieren (für die Bedeutung und Interpretation der Faktorenwerte vgl. auch Pickl 2013a: 163–167; Pröll 2015: 83). Je höher der Faktorwert für eine bestimmte Faktor-Varianten-Kombination, umso relevanter ist die räumliche Verteilung des Faktors für die Beschreibung der räumlichen Verteilung einer Variante. Einzelne Varianten können aber auch für mehrere Faktoren hohe positive Faktorenwerte aufweisen, etwa wenn sie in unterschiedlichen Teilen des Untersuchungsgebiets vorkommen oder ihre Verteilung die räumliche Ausdehnung mehrerer Faktoren umfasst. So lässt sich die Verteilung einer Variante als eine gewichtete Kombination verschiedener Faktoren beschreiben.←47 | 48→

Abbildung 3 zeigt links den drittstärksten Einzelfaktor der Analyse, der 13,41 % der Gesamtvariation erfasst. Er deckt räumlich den österreichisch-bairischen Raum ab und franst nach Nordwesten hin aus. Dieser Faktor ist (durch besonders hohe Faktorwerte) u. a. gekennzeichnet durch die Üblichkeit von sich ausgehen (Faktorwert: 17,12) und die Varianten Topfen (vs. Quark etc.; 16,67), schau (vs. guck, kuck, lueg etc.; 16,41), Polster (vs. Kissen; 16,17) und Semmel (vs. Brötchen etc.; 15,66).8 Dieser Faktor repräsentiert aufgrund der durch ihn erfassten Varianten also ein bairisch-österreichisches Verbreitungsmuster innerhalb der deutschen Alltagssprache.

Abbildung 3: Faktoren 3 (13,41 %; Bairisch-Österreichisch; Maximum: Linz, 75,22 %) und 7 (0,73 %; bayerisches Bairisch; Maximum: Wörth an der Donau, 12,84 %)9

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Teilweise überlagert er sich bzw. konkurriert er mit deutlich schwächeren Tendenzen,10 wie sie von Faktor 7 (0,73 % erfasste Variation; Abbildung 3 rechts) beschrieben werden. Bei diesem Faktor spricht man am besten von ‚bayerischem Bairisch‘ (man beachte den relativ scharfen Abbruch an der politischen Grenze zu Österreich) – mit schwächeren Ausläufern in Bayerisch-Schwaben und Franken. Der Faktor ist nirgends dominant, überall ist ein anderer Faktor stärker (vgl. Abbildung 2) – er erfasst also quasi die ‚unterschwellige‘ oder ‚latente‘ Variation am Ort. Für ihn prägend sind v. a. die Varianten -semmel in Komposita wie Mohnbrötchen/-semmel/-weckerl (27,43); Haferl für einen ‘großen Kaffeebecher’ (vs. Häferl/Heferl, große Tasse etc.; 22,69), Helles als die unmarkierte Biersorte (vs. Export, Märzen etc.; 22,31), Schusser für ‘große Glaskugeln’ (vs. Murmeln; 19,06) sowie – zusammen mit Faktor 11 (vgl. unten) – Unsinniger Donnerstag für den Donnerstag vor Rosenmontag (16,59). Hier wird deutlich, dass auch global gesehen sehr schwache Faktoren lokal oder regional große Bedeutung haben können. Im Maximum von Faktor 7 (Wörth an der Donau) machen Varianten des bayerischen Bairisch immerhin 12,84 % der Variation aus, wobei bairisch-österreichische Varianten mit 31,99 % deutlich stärker vertreten sind.

Am südwestlichen Rand des Bairischen zeichnen sich zwei räumlich kleine Faktoren in Form Tirols, mit einem Schwerpunkt auf Südtirol (Faktor 11, 0,21 %), sowie Vorarlbergs (Faktor 22, 0,17 %) ab (beide in Abbildung 4 visualisiert). Auch diese zwei Faktoren sind nicht dominant. Kennzeichnend für den Südtiroler Faktor sind unter anderem die Üblichkeit von Konstruktionen wie Die Tür geht nicht zu öffnen (21,95), die Variante Kappe für ‘gestrickte Kopfbedeckung’ (17,24), Rufezeichen für ‘Ausrufezeichen’ (16,64), – zusammen mit Faktor 7 (vgl. oben) – Unsinniger Donnerstag für den Donnerstag vor Rosenmontag (16,36) oder Hydrauliker für den Handwerker, der im Haus Rohre repariert←49 | 50→ (14,04). Der Vorarlberger Faktor ist unter anderem geprägt durch die Varianten 20 nach 7 für 7 Uhr 20 (18,75) oder Kartoffelpüree für ‘Kartoffelbrei’ (15,53); klingt in Das … wie eine Trompete (13,93) oder die Üblichkeit von Konstruktionen wie Sie geht in einem halben Jahr studieren (11,60). Interessanterweise lässt sich dieser Faktor besser durch hohe negative Faktorenwerte charakterisieren, also durch die Unüblichkeit bestimmter Varianten, z. B. bei drin(nen) bei Das Etikett kann … bleiben (–22,21), Das stand auch in dem Artikel … (–18,19) und Bei dem Wetter bleibe ich … (–16,01) oder bei Schaufel für ‘Schaufel’ (–14,80), was darauf hindeutet, dass er sich insgesamt durch das Abweichen von der Umgebung kennzeichnet. Bei diesem Faktor fällt außerdem auf, dass hier solche Varianten hohe positive Werte erzielen, die auch in angrenzenden Gebieten vorkommen, aber aufgrund ihrer spezifischen Verteilung zur relativen Eigenständigkeit dieses Raums gegenüber wechselnden Nachbarräumen führen. Vorarlberg scheint alltagssprachlich also gerade dadurch gekennzeichnet zu sein, dass es fallweise Übereinstimmung mit wechselnden angrenzenden Gebieten in Österreich, Deutschland, der Schweiz und Italien zeigt, während insgesamt gesehen die österreichische Prägung überwiegt (vgl. Abbildung 2), und weniger durch Vorarlberg-spezifische Varianten.

Abbildung 4: Faktoren 11 (0,21 %; (Süd-)Tirol; Maximum: Innichen, 22,05 %) und 22 (0,17 %; Vorarlberg; Maximum: Götzis, 12,06 %)

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3.2 Resultate zum österreichischen Raum

Nach dieser grundlegenden Verortung des österreichischen Sprachraums im Gesamtgefüge des AdA reduzieren wir im Folgenden das Ortsnetz gezielt auf Belegorte innerhalb des österreichischen Staatsgebiets: Während die deutsche Alltagssprache in Österreich in den Gesamtanalysen auch aufgrund des größeren Gegensatzes zum Norden der Bundesrepublik relativ einheitlich wirkt, kann durch die Eingrenzung des Untersuchungsgebiets die innerösterreichische Variation besser erfasst werden. Basis dieser folgenden Analysen sind wiederum die 191 Variablen (mit insgesamt 4.114 Varianten), die in den AdA-Runden 8, 9 und 10 abgefragt wurden. Genutzt wurden die Datensätze zu den 124 Orten, zu denen in allen drei Runden Antworten vorlagen.

Das Kaiser-Guttman-Kriterium11 legt für diesen Datensatz eine Analyse mittels drei Faktoren nahe. Eine entsprechende kombinierte Faktorenkarte ist in Abbildung 5 zu sehen; sie erfasst insgesamt 74,27 % der Variation in den Daten. Es ergibt sich, grob gesehen, eine Dreiteilung in einen ostösterreichischen (rot), einen zentralen (blau) und einen westösterreichischen Raum (grün). Die Grenzen zwischen den drei großflächigen Gebieten (Inseln ausgenommen) entsprechen – wie die Abbildungen 5 bis 8 zeigen – fast durchweg Bundeslandgrenzen, soweit das Ortsnetz das erkennen lässt.

Abbildung 5: Synopse der Faktorenanalyse der österreichischen AdA-Daten, Runden 8–10 (74,28 % erfasste Variation). Rot: Faktor 1 (Maximum: Wien, 55,28 %); blau: Faktor 2 (Maximum: Thalgau, 47,17 %); grün: Faktor 3 (Maximum: Dornbirn, 65,92 %)

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Der mit 31,45 % der Variation stärkste Faktor ist in Abbildung 6 kartiert. Die Verteilung umfasst den ostmittelbairischen und Teile des südbairischen Raums; das Dominanzgebiet (vgl. Abbildung 5) deckt sich weitgehend mit den Bundesländern Wien, Niederösterreich, Burgenland, Steiermark und Kärnten. Kennzeichnende Merkmale dieses Faktors sind u. a. Prosit Neujahr für den Wunsch zum Jahreswechsel (vs. Gutes neues (Jahr); 11,65), Leo für den sicheren Ort beim Fangenspiel (vs. Boot, Rast u. a.; 11,63), atmen (vs. schnaufen; 9,99), Schaufel in der Redewendung Jemanden auf die … nehmen (8,39), (Geld-)Börs(er)l (vs. Geldtasch(er)l, Brieftasche etc.; 7,62) und Fauteuil (vs. Sessel; 7,50).

Abbildung 6: Faktor 1 (31,45 %): ostösterreichischer Raum und Urbanität (Maximum: Wien, 55,28 %).

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Interessanterweise sind die Faktorladungen nicht nur im (Süd-)Osten, sondern auch in den bevölkerungsreichen Gebieten hoch: In Abbildung 7 sind die sieben größten Städte in Österreich (sechs davon Landeshauptstädte) markiert. Salzburg mit Umland sowie Linz erreichen dominante Werte, obwohl sie im zentralösterreichischen Raum liegen (vgl. Abbildung 5, dort blau). Urbaner Sprachgebrauch ist in den AdA-Daten für Österreich also zum großen Teil an östliche Formen gebunden. Da sprachliche Urbanität oft mit Standardnähe einhergeht, was sich auch in Faktorenanalysen manifestiert (vgl. Pickl 2013a: 187–189; Pröll 2015: 113–114; Pröll/Pickl/Spettl 2015: 252–253), zeigt dieser Befund, dass in Österreich östliche Formen und Standardformen miteinander assoziiert werden, was einerseits zum Vorrücken des Ostmittelbairischen nach Westen und andererseits zur Verwendung östlicher Formen in den städtischen Gebieten passt. Mit anderen Worten: Die österreichweite←52 | 53→ Advergenz hin zu einem ostösterreichisch-wienerisch geprägten Regiolekt (vgl. Auer 2004: 175–177; Auer 2011: 491–492) zeigt sich einerseits in einem Ost-West-Gefälle und andererseits in einer beschleunigten Entwicklung in den Ballungsräumen. Hier findet das Gravitationsmodell geographischer Diffusion, wie es etwa von Trudgill (1974) für die räumliche Diffusion sprachlicher Innovationen in Abhängigkeit von der Bevölkerungsverteilung und anderer Faktoren adaptiert wurde, einmal mehr eine Bestätigung.

Abbildung 7: Faktor 1 und die sieben bevölkerungsreichsten Städte

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Der zweitstärkste Faktor, kartiert in Abbildung 8, summiert mit 25,97 % immer noch mehr als ein Viertel der Gesamtvariation. Sein Dominanzbereich (vgl. Abbildung 5) entspricht im Wesentlichen den Bundesländern Salzburg und Oberösterreich (abzüglich urbaner Bereiche); somit umfasst er insbesondere westmittelbairische und in schwächerem Maße südbairische Gebiete. Mit diesem Faktor assoziierte Varianten sind u. a. Geldtasch(er)l (vs. (Geld-)Börse(rl), Brieftasche; 11,30), Gutes neues Jahr (vs. Prosit Neujahr; 9,76), die Aussprache nu für noch in einem Satz wie Haben wir noch (eine) Milch? (vs. no, noch; 9,64), ein Langvokal in schon (8,89) sowie die Aussprache Müüch für Milch (8,78). Im Bereich der Überlappung mit dem ostösterreichischen Faktor gibt es einige Dominanzinseln des zweiten Faktors; hier handelt es sich entweder um Artefakte von Schwankungen oder um besonders ländlich geprägte Orte, die von der vorrückenden ostösterreichischen Varietät bislang weniger beeinflusst wurden.←53 | 54→

Abbildung 8: Faktor 2 (25,97 %): zentralösterreichischer Raum (Maximum: Thalgau, 47,17 %)

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Der dritte Faktor (mit 16,85 %), hier in Abbildung 9 zu sehen, ist in Tirol und Vorarlberg dominant (vgl. Abbildung 5) und umfasst somit südbairische und alemannische Gebiete. Der Gegensatz zwischen dem Alemannischen und dem Bairischen spielt für die Dominanz keine Rolle, wenngleich ein Schwerpunkt der Verteilung auf Vorarlberg auszumachen ist und in Tirol ost- und zentralösterreichische Formen hinzutreten. Besonders kennzeichnend sind hier Stuhl (vs. Sessel; 9,41), Zehnerle (vs. Zehnerl; 9,11), die Aussprache von Milch als Milch (vs. Müüch, Milli; 8,75), der Plural Trüffel (je nach Bedeutung 7,52 (‘Praline’) bzw. 7,41 (‘Pilz’)) und die Bezeichnung Kappe für eine gestrickte Kopfbedeckung (7,22).

Abbildung 9: Faktor 3 (16,85 %): westösterreichischer Raum (Maximum: Dornbirn, 65,92 %)

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4 Die Perspektive der Laien

Runde 6 des AdA wich von den übrigen Fragerunden insofern ab, als es um subjektive Raumbilder ging – wenn man so will: nicht um die ‚etische‘, sondern die ‚emische‘ Perspektive der Gewährsleute. Sie wurden nicht nach dem ortsüblichen Gebrauch von lexikalischen, lautlichen, grammatischen Formen etc. gefragt, sondern nach ihrer subjektiven Wahrnehmung bzw. Einschätzung, wie ähnlich die Alltagssprache an ihrem Ort der an anderen Orten sei. Dazu wurde ihnen im Fragebogen in quasi-geographischer Anordnung eine Liste von Orten an die Hand gegeben, aus denen sie durch Anklicken diejenigen Orte auswählen sollten, „in denen die Leute im Alltag ungefähr so ähnlich sprechen“ wie an ihrem eigenen Ort. Über das Verfahren und die Ergebnisse berichtet Möller (2012) im Einzelnen. Hier sollen nur die auf einer Wabenkarte (siehe Abbildung 10) zusammengefassten Ergebnisse dieser Ähnlichkeitseinschätzungen mit den Ergebnissen aus Abschnitt 3.2 verglichen werden. Auf der Wabenkarte steht jede Wabe für einen WDU-Ortspunkt, und die Dicke der Striche an der Grenze von zwei Waben deutet an, wie oft (= dicker Strich) oder selten (= dünner Strich) die Gewährsleute, die einen der beiden Orte zu ihrer ‚alltagssprachlichen Heimat‘ rechnen (maßgeblich sind wieder die akkumulierten Antworten pro Ort), den Ort auf der anderen Seite des Strichs nicht dazurechnen, also eine Grenze zwischen diesen Orten empfinden.

Abbildung 10: Wabenkarte zur Einschätzung der alltagssprachlichen Raumgliederung durch Laien (AdA, Runde 6)

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Die drei Großregionen, die in den Abbildungen 5 bis 9 auf Basis der variationslinguistischen Auswertung objektsprachlicher Datensätze identifiziert werden konnten, spiegeln sich in unerwarteter Deutlichkeit auch in Abbildung 10, die also die perzeptionslinguistische Perspektive bietet – wenn auch mit weiterer Differenzierung. In Abbildung 10 sind der westösterreichische Raum zu erkennen, der sich aus der Sicht der Laien noch einmal in einen vorarlbergischen und einen Tiroler Raum aufgliedert (mit großer Ähnlichkeit zwischen den Tiroler Gebieten in Österreich und denen im italienischen Südtirol), ein (nord-)zentralösterreichischer Raum (mit Abgrenzung zu den südbairischen Gebieten in Kärnten und eben Tirol) und ein ostösterreichischer Raum (der sich aus Sicht der Laien weiter aufspaltet – diesmal in einen nördlichen Teil und einen südlichen Teil, die wiederum ungefähr mit mittel- und süd(ost)bairischen Dialektgebieten korrespondieren). Überraschend klar zeigt sich auch, dass im Bereich der deutsch-österreichischen Grenze – zumindest auf dem Gebiet des dialektal Mittelbairischen – große Ähnlichkeiten in der Alltagssprache empfunden werden, während der Sprachgebrauch beiderseits der österreichisch-schweizerischen Grenze im dialektal gemeinsamen alemannischen Raum als relativ unterschiedlich gesehen wird.

5 Zusammenfassung

Ziel dieses Beitrags war es, aus der Perspektive der quantitativen Geolinguistik einen ersten Blick auf die rezente alltagssprachliche Variation in Österreich zu werfen. Diese ‚Alltagssprache‘ ist dabei keine klar definierte diaphasische Varietät, sondern bündelt verschiedenartige Realisationsmöglichkeiten entlang des Standard-Dialekt-Kontinuums. Zur Analyse stand mit dem Atlas zur deutschen Alltagssprache eine große Datenbank indirekt erhobener Daten zur alltagssprachlichen Variation im gesamten deutschsprachigen Raum zur Verfügung. Die konkrete Aufbereitung und Auswertung geschah komplett datengesteuert (‚data-driven‘): Mit dem Einsatz des robusten und bereits in anderen Anwendungen bewährten Verfahrens der Faktorenanalyse wurde gezielt ein objektivierbarer Bottom-up-Ansatz gewählt, der mit so wenig Vorannahmen oder Ad-hoc-Entscheidungen der Forschergruppe wie möglich auskommt. Die Resultate bestätigen dabei zum einen die Existenz und Relevanz bekannter sprachgeographischer Strukturen, eröffnen aber zum anderen auch neue Perspektiven. Im Kontext der räumlichen Variation des gesamten Untersuchungsgebiets bildet das alltagssprachliche Deutsch in Österreich den Schwerpunkt eines südöstlichen Großraums, der sich mit dem bairisch-österreichischen Dialektgebiet (unter Einschluss des alemannischen Vorarlberg) deckt. Hinzu kommen Strukturen unterhalb der Dominanzschwelle: Das ‚bayerische Bairisch‘ gliedert sich entlang der←56 | 57→ Staatsgrenze zu Österreich zusätzlich aus; auch (Süd-)Tirol und Vorarlberg bilden eigene Gebiete.

Innerhalb Österreichs zeigt sich, dass sich die alltagssprachliche Variation in drei großflächige Gebiete mit kontinuierlichen Übergängen scheidet: Ost-, (nördliches) Zentral- und Westösterreichisch. Ersteres strahlt landesweit aus und ist im Zusammenhang mit der Dominanz des Wiener Raums und seiner sprachlichen Wirkung, insbesondere auf urbane Zentren in Österreich, zu sehen. Der zentralösterreichische Raum umfasst die Bundesländer Salzburg und Oberösterreich, Westösterreichisch beinhaltet auf alltagssprachlicher Ebene Tirol und Vorarlberg. Während sich Bundeslandgrenzen deutlich in den Ergebnissen abzeichnen, finden sich innerhalb Österreichs auf alltagssprachlichem Level kaum Reflexe der üblicherweise angenommenen basisdialektalen Areale bzw. Gegensätze, die auf der Ebene der Dialekte gelten (z. B. Mittelbairisch/Südbairisch, Bairisch/Alemannisch; vgl. Wiesinger 1983). Von Letzterem abgesehen decken sich die gefundenen Verbreitungsmuster aus ‚etischer‘ Sicht erstaunlich deutlich mit der ‚emischen‘ Perspektive der Sprachbenützer/innen.

Für die Zukunft ist anvisiert, entsprechende Verfahren auf Basis des AdA-Gesamtmaterials durchzuführen. Dazu wird kein durch die Datenerhebung vorgegebenes Ortsnetz mehr zur Anwendung kommen, sondern ein interpoliertes (vgl. Grieve 2013 für einen ähnlichen Ansatz). Dies bringt im Wesentlichen zwei große Vorteile: Zum einen entfällt die Beschränkung, lediglich die Teilmenge an Ortspunkten nutzen zu können, die in allen Runden Belege aufweisen (im Fall von Runde 10 zum Beispiel bedeutet allein dies eine Verdreifachung der nutzbaren Ortspunkte), zum anderen schafft es die Möglichkeit, auch die früheren Runden in die Analyse mit einzubeziehen.

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1 „Wir möchten gern wissen, was wir wirklich normalerweise hören würden, wenn wir Ihre Stadt besuchen könnten, einerlei, ob es mehr Dialekt oder Hochdeutsch ist.“ (WDU II 1978, Anhang)

2 Auch das ist eher ein Kennzeichen von Erhebungen basisdialektaler Varietäten, wird aber auch bei großangelegten Erhebungen wie dem „Dialekte-Quiz: Wo spricht man so wie Sie?“ von Spiegel-Online und Tagesanzeiger angewandt, dessen Variablen-Auswahl auf AdA-Daten beruht (vgl. sprachatlas.tagesanzeiger.ch/ und http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/dialekte-quiz-wo-spricht-man-so-wie-sie-a-1030362.html, [18.06.2017]).

3 „Zweitmeldungen kleiner“ heißt es auf den entsprechenden Karten.

4 Für eine ausführlichere Diskussion der Vor- und Nachteile verschiedener quantitativer Verfahren in der Dialektologie vgl. Pickl/Pröll (im Erscheinen b).

5 Da sie auf diese Weise Variantenkookkurrenzen quantitativ erfassen, liegt es nahe, sie als Hinweise auf räumliche Varietäten im Bereich der Alltagssprache zu deuten (vgl. Pickl 2013b, 2016).

6 Für die nachfolgenden Analysen und Visualisierungen von Daten aus dem AdA verwenden wir die Software GeoLing (www.geoling.net), die im Rahmen des DFG-finanzierten interdisziplinären Forschungsprojekts Neue Dialektometrie mit Methoden der stochastischen Bildanalyse in Kooperation von Statistikern (Institut für Stochastik, Universität Ulm) und Dialektologen (Lehrstuhl für deutsche Sprachwissenschaft, Universität Augsburg, und Fachbereich Germanistik, Universität Salzburg) entwickelt wurde (DFG EL500/1–1 und EL500/1–2). Die in Java geschriebene Software ist als Open Source (GPLv3) verfügbar und plattformunabhängig einsetzbar. Über das Projekt, seine Ergebnisse und die Software GeoLing wird in Pröll et al. (2015) überblicksartig berichtet.

7 Zu berücksichtigen ist bei der Lektüre der Karte, dass der genaue Verlauf der Grenzen zwischen den Arealen sich durch die Polygondarstellung ergibt. Diese wiederum folgt der Verteilung der Ortspunkte, die erhebungsabhängig unregelmäßig ist.

8 Bei der Angabe der jeweils für einen Faktor typischen Varianten, die durch einen hohen positiven Faktorwert für diesen Faktor gekennzeichnet sind, ist zu beachten, dass dies nicht bedeutet, dass diese Varianten jeweils exklusiv im jeweiligen Gebiet vorkommen oder das jeweilige Gebiet vollständig abdecken; ein hoher Faktorwert drückt aus, dass die räumliche Verteilung des Faktors für die der jeweiligen Variante besonders relevant ist.

9 Global dominante Faktoren werden in der Einzeldarstellung in der jeweiligen Farbe der Gesamtdarstellung (Abbildung 2) abgebildet, nichtdominante in Graustufen.

10 Die Tatsache, dass dieser Faktor nur 0,73 % der Gesamtvariation erfasst (und andere Faktoren noch weniger), schmälert nicht zwangsläufig seine Interpretierbarkeit. Die Prozentwerte quantifizieren, wie groß der Anteil an allen Varianten insgesamt ist, der durch diesen Faktor repräsentiert wird. Bei insgesamt 17.239 Varianten für die 191 Variablen bedeutet dies, dass Faktor 7 die Verbreitungen von umgerechnet ca. 125,8 Varianten zusammenfasst; mit anderen Worten sind ca. 125,8 Varianten ähnlich verteilt wie Faktor 7 und können damit als typisch für bayerisches Bairisch gelten. Da diese Verteilung deutlich durch die Staatsgrenze zwischen Bayern und Österreich einerseits und durch die innerbayerische Ausdehnung des Bairischen andererseits begrenzt ist – also eine sinnvolle linguistische Interpretation naheliegt –, ist die Wahrscheinlichkeit, dass es sich hier um ein Methodenartefakt handelt, sehr gering.

11 Das sogenannte Kaiser-Guttman-Kriterium ist ein Verfahren, das die Wahl einer geeigneten Faktorenzahl für Faktorenanalysen operationalisiert (vgl. Backhaus et al. 2011: 359). Es hat sich bislang auch für linguistische Analysen bewährt (vgl. Pickl 2013a: 160–161; Pröll 2015: 81) und ist daher als Standard-Verfahren in GeoLing implementiert.