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Dimensions of Linguistic Space: Variation – Multilingualism – Conceptualisations Dimensionen des sprachlichen Raums: Variation – Mehrsprachigkeit – Konzeptualisierung

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Edited By Lars Bülow, Ann Kathrin Fischer and Kristina Herbert

This volume focuses on the use and structure of the German language in Austria. In addition, the aim of the book is to compare the linguistic conditions in Austria with those in other German speaking countries. The 20 articles present current findings from the research fields of variation, contact and perception.

Der Band widmet sich schwerpunktmäßig der Verwendung und Struktur der deutschen Sprache in Österreich. Ziel des Sammelbandes ist es außerdem, die sprachlichen Verhältnisse in Österreich mit denjenigen in anderen deutschsprachigen Ländern zu vergleichen. In 20 Beiträgen werden daher aktuelle Forschungsergebnisse aus den Forschungsbereichen Variation, Kontakt und Perzeption vorgestellt.

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Phonotaktische und morphonotaktische Konsonantencluster in wortmedialer Position in der österreichischen Standardaussprache (Hannah Leykum / Sylvia Moosmüller)

Hannah Leykum & Sylvia Moosmüller

Phonotaktische und morphonotaktische Konsonantencluster in wortmedialer Position in der österreichischen Standardaussprache

Abstract: To investigate whether morphology influences the phonetic realisation of consonant clusters in SAG, word-medial clusters which could occur both within morphemes as well as across morpheme boundaries are investigated and compared. The results show that the presence of a morpheme boundary within a cluster has no influence on speech production.

1 Einleitung1

Die Morphonotaktik, ein Teilbereich der Morphologie, der sich mit über Morphemgrenzen hinausgehenden Phonemkombinationen beschäftigt, stellt einen Bereich dar, der bisher in phonetischen Analysen kaum Beachtung gefunden hat. Jedoch gibt es einige Hinweise (vgl. Pluymaekers et al. 2010; Schuppler et al. 2012; Guy 1991, 1996) darauf, dass die Morphologie einen Einfluss auf die phonetische Realisierung von Sprachlauten haben kann.

Konsonantenkombinationen, die über eine Morphemgrenze hinausgehen, werden als morphonotaktische Konsonantencluster bezeichnet. Im Gegensatz dazu sind phonotaktische Cluster definiert als Konsonantenkombinationen innerhalb eines Morphems. Einige Konsonantenkombinationen können nur über Morphemgrenzen hinausgehend auftreten (rein morphonotaktische Cluster), andere treten fast ausschließlich innerhalb von Morphemen auf (vorwiegend phonotaktische Cluster). Außerdem existieren einige Konsonantenkombinationen, die sowohl innerhalb von Morphemen als auch über wortinterne Morphemgrenzen hinausgehend vorkommen (z. B. /st/ bzw. /s+t/ in <Mist> bzw. <misst>). Diese (mor-)phonotaktischen Cluster erlauben einen direkten Vergleich zwischen den zwei Clusterarten. Außerdem kann in diesen Fällen das Cluster selbst (durch phonotaktische Beschränkungen) nicht die Morphemgrenze markieren, daher stellt sich die Frage, ob die wortinterne Morphemgrenze auf andere Weise, z. B. mit Hilfe akustischer Unterschiede markiert wird.

In bisherigen Studien wurden vorwiegend wortfinale (mor-)phonotaktische Cluster und wortfinale Konsonanten mit Morphemstatus untersucht. In der←127 | 128→ vorliegenden Studie liegt der Fokus auf wortmedialen (mor-)phonotaktischen Konsonantenclustern. Hierzu werden in einem ersten Schritt der aktuelle Forschungsstand (Abschnitt 1.1) und bisherige Ergebnisse zu Konsonantenclustern in der österreichischen Standardaussprache dargestellt (Abschnitt 1.2). Anschließend wird die Methodik der Studie beschrieben (Abschnitt 2), die Ergebnisse werden dargestellt (Abschnitt 3) und abschließend findet eine Zusammenfassung und Diskussion der Ergebnisse statt (Abschnitt 4).

1.1 Forschungsstand

Bislang haben nur wenige Studien akustische Eigenschaften und artikulatorische Vorgänge bei der Produktion von (mor-)phonotaktischen Konsonantenclustern untersucht (siehe Abschnitt 1.1.1 und Abschnitt 1.1.2). Studien zum Erstspracherwerb und zur Sprachverarbeitung (mor-)phonotaktischer Konsonantenclustern werden in Abschnitt 1.1.3 dargestellt, da die Ergebnisse in diesen Bereichen die Hypothesenbildung mit beeinflusst haben.

1.1.1 Akustische Studien zu (mor-)phonotaktischen Konsonantenclustern

Die wenigen Untersuchungen zum Einfluss von Morphemgrenzen auf die phonetische Realisierung von Konsonantenclustern zeigen unterschiedliche Ergebnisse. So hat beispielsweise Guy (1991, 1996) anhand spontansprachlicher Daten festgestellt, dass wortfinale koronale Plosive im Englischen häufiger in monomorphemischen Wörtern getilgt werden als in Vergangenheitsformen von regelmäßigen Verben. Auch für das Niederländische wurde gezeigt, dass ein wortfinales /t/ mit morphologischer Funktion seltener getilgt wird als ein wortfinales /t/ in monomorphemischen Wörtern (vgl. Schuppler et al. 2012). Ebenso haben Pluymaekers et al. (2010) für die Realisierung des niederländischen Suffix –igheid (/əxhɛi̯t/) eine Abhängigkeit von der morphologischen Struktur insofern nachgewiesen, als das Cluster /xh/ kürzer realisiert wird, wenn eine Morphemgrenze innerhalb des Clusters vorhanden ist.

In Bezug auf Elisionen von wortfinalem /t/ im Deutschen wurde jedoch festgestellt, dass der phonologische Kontext einen größeren Einfluss hat als Unterschiede im morphologischen Informationsgehalt (vgl. Zimmerer et al. 2014). Tagliamonte/Temple (2005) konnten für das britische Englisch keinen Einfluss des morphologischen Status eines Clusters auf die Realisierung bzw. Tilgung eines wortfinalen koronalen Plosivs in der Spontansprache feststellen. Sie haben herausgearbeitet, dass hauptsächlich sowohl der vorhergehende als auch der nachfolgende phonologische Kontext bestimmen, ob ein wortfinales -t/-d realisiert oder getilgt wird und die Morphologie keinen Einfluss hierauf hat.←128 | 129→

Da auch weitere Störvariablen die Ergebnisse beeinflussen können, wurde in einer Studie von Mousikou et al. (2015) durch die Verwendung rein akustisch gelernter englischer Logatome ein Einfluss von Worthäufigkeit und Orthographie ausgeschlossen. Rein numerisch wurden die morphonotaktischen Cluster in dieser Studie geringfügig länger realisiert als die phonotaktischen Cluster; dieser Unterschied war jedoch statistisch nicht signifikant (vgl. Mousikou et al. 2015).

1.1.2 Artikulatorische Studien

Bislang durchgeführte artikulatorische Untersuchungen konnten einen Einfluss der Morphemgrenze auf die zeitliche Abfolge von Artikulationsgesten nachweisen. So wurde in einer Studie zu Effekten von Morphemgrenzen auf die Artikulation (mittels Artikulographie (EMA) und Elektropalatographie (EPG)) im Koreanischen (vgl. Cho 2001) gezeigt, dass die Artikulation einander folgender Artikulationsgesten bei lexikalisierten Komposita und in monomorphemischen Wörtern zeitlich weniger variabel ist als bei über Morphemgrenzen hinausgehenden Clustern. An Morphemgrenzen ist die Variabilität der Artikulation im Koreanischen größer (vgl. Cho 2001). In einer Studie zur gestural coordination im Norwegischen wurde ebenfalls ein Einfluss der Morphologie auf die zeitliche Koordination von Artikulationsgesten festgestellt (vgl. Bradley 2007). Allerdings konnte Nakamura (2015) anhand von akustisch-artikulatorischen Untersuchungen (EMA, EPG und Laryngographie) im britischen Englisch keinen Einfluss der Morphologie auf die Realisierung, Tilgung oder Reduktion eines wortfinalen koronalen Plosivs feststellen. In dieser Studie wurde jedoch ein starker Einfluss des vorhergehenden und des nachfolgenden phonologischen Kontextes festgestellt (vgl. Nakamura 2015).

1.1.3 Erstspracherwerb und Sprachverarbeitung

In Bezug auf den Kinderspracherwerb konnte gezeigt werden, dass morphonotaktische Konsonantencluster in einigen Sprachen (Polnisch und Litauisch) von Kindern früher korrekt produziert werden als phonotaktische Cluster (vgl. Kamandulyté 2006; Zydorowicz 2007, 2010). Erklärt wird dieser Unterschied mit einem höheren Informationsgehalt der morphonotaktischen Cluster, da Informationen über die Morphemgrenze in dem Cluster kodiert sind. Für das österreichische Deutsch konnte jedoch kein Unterschied im Erwerb der zwei Clusterarten festgestellt werden (vgl. Freiberger 2007): Die morphonotaktischen Cluster wurden gleichzeitig mit den phonotaktischen Clustern gelernt.

In Bezug auf die Sprachverarbeitung ergeben sich einige Hinweise auf eine Unterscheidung zwischen den zwei Clusterarten: Es konnte gezeigt werden, dass das Vorhandensein einer Morphemgrenze, insbesondere bei jugendlichen ProbandIn←129 | 130→nen, die Verarbeitung je nach Aufgabe positiv oder negativ – abhängig von der Verarbeitungsebene – beeinflussen kann (vgl. Korecky-Kröll et al. 2014; McQueen 1998; Celata et al. 2015). So werden beispielsweise vorgegebene Segmente in visuell präsentierten Wörtern mit einer kürzeren Reaktionszeit erkannt, wenn die Segmente eine Morphemgrenze beinhalten (im österreichischen Deutsch; vgl. Korecky-Kröll et al. 2014). Für das Englische und Niederländische wurde gezeigt, dass die Wortsegmentierung vorwiegend durch phonotaktische Beschränkungen (und weniger durch akustische Eigenschaften) beeinflusst wird. Akustisch präsentierte Wörter, die von sinnlosen Silben umgeben waren, wurden schneller und korrekter erkannt, wenn sie sich an phonotaktischen Grenzen befanden (vgl. Weber 2000; McQueen 1998).

1.1.4 Zusammenfassung des Forschungsstands

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass es einerseits Hinweise auf eine Differenzierung zwischen phonotaktischen und morphonotaktischen Segmenten in der Sprachproduktion gibt. Andererseits existieren jedoch ebenso einige Studien, die keinen Einfluss der Morphologie feststellen konnten. Diese uneinheitlichen Ergebnisse lassen sich nicht mit methodischen Unterschieden erklären, da beide Befunde sowohl in der Spontansprache (vgl. Guy 1991; Schuppler et al. 2012 vs. Tagliamonte/Temple 2005) als auch in der Lesesprache (vgl. Pluymaekers et al. 2010 vs. Leykum et al. 2015b (s. u.)) bestehen.

1.2 Diskussion bisheriger Untersuchungen zur österreichischen Standardaussprache

Aufgrund der vorgestellten Ergebnisse zum Einfluss der Morphologie auf die Produktion von Konsonantenclustern und einigen Studien zum Erstspracherwerb (vgl. Kamandulyté 2006; Zydorowicz 2007; Freiberger 2007) und zur Sprachverarbeitung (vgl. Korecky-Kröll et al. 2014; Celata et al. 2015; McQueen 1998) wurde folgende Hypothese formuliert:

Morphonotaktische Konsonantencluster werden in der Sprachproduktion hervorgehoben. Es wird erwartet, dass morphonotaktische Cluster weniger von Reduktionen und Elisionen betroffen sind als phonotaktische Konsonantencluster, da erstere einen höheren Informationsgehalt aufweisen und die Information über die Morphemgrenze kodieren.

Um diese Hypothese für die österreichische Standardaussprache zu überprüfen, wurden wortfinale (mor-)phonotaktische Cluster in homophonen Wortpaaren analysiert (vgl. Leykum/Moosmüller 2015; Leykum et al. 2015a, 2015b). Zusätzlich wurden die Ergebnisse zu wortfinalen Clustern auch mit Realisierungen von SprecherInnen der deutschen Standardaussprache verglichen, um einen Einfluss←130 | 131→ der prosodischen Unterschiede zwischen den zwei Varietäten auszuschließen (vgl. Leykum/Moosmüller 2016). In keiner der Studien konnten signifikante Unterschiede in der Realisierung phonotaktischer und morphonotaktischer Cluster in homophonen Wortpaaren nachgewiesen werden.

Die Analyse homophoner Wortpaare ist insofern von Vorteil, als der Einfluss von phonologischem Kontext oder Unterschieden in der Sprechgeschwindigkeit deutlich reduziert werden kann. Jedoch können zum Vergleich homophoner Wortpaare nur unterschiedliche Wortarten (Nomen vs. Verb) herangezogen werden. Eventuell bestehende Unterschiede in der Realisierung zwischen den zwei Wortarten wurden durch die Berechnung von relativen Werten (relative Dauer und relative Intensität) minimiert, eine Beeinflussung der Ergebnisse – insbesondere durch gegensätzliche Effekte (stärkere Reduzierung von Verben, aber Hervorhebung der Morphemgrenze) – kann allerdings nicht ausgeschlossen werden. Sorensen et al. (1978) konnten nachweisen, dass die grammatische Kategorie eines Wortes einen Einfluss auf die Realisierung von Wörtern haben kann, dies aber nicht ausschließlich in direktem Zusammenhang mit der grammatischen Kategorie steht, sondern auch auf die Position im Satz zurückzuführen ist. Um diesen Einfluss so gering wie möglich zu halten, werden die (nicht-homophonen) Zielwörter für die vorliegende Studie so gewählt, dass die zwei Wörter eines Wortpaares derselben grammatischen Wortart zuzuordnen sind. Zusätzlich werden für eine der Elizitierungsaufgaben die Zielwörter in Trägerphrasen eingebettet, wodurch der Einfluss der Wortposition im Satz deutlich verringert wird.

Ein weiterer Faktor, der einen Einfluss auf die phonetische Realisierung eines Segments haben kann und der die bisherigen Ergebnisse möglicherweise beeinflusst hat, ist der Informationsgehalt des Segments. Dieser ist stark von einer eventuell redundanten Kodierung der Informationen abhängig (siehe hierzu: van Son/Pols 2003; Kuperman et al. 2009). Bei den Zielwörtern der bisherigen Untersuchungen zur österreichischen Standardaussprache wurde die relevante Information der morphonotaktischen Konsonantencluster redundant kodiert, da die konjugierten Verben direkt auf das Personalpronomen folgten. Dieser Einfluss wird in der vorliegenden Studie durch die Untersuchung wortmedialer Cluster vermindert.

Ebenso ist der Einfluss der Worthäufigkeit nicht zu vernachlässigen. Die lexikalische Häufigkeit beeinflusst das Auftreten von akustischen Reduktionen (Dauer des Affixes und/oder einzelner Segmente des Affixes) (vgl. Pluymaekers et al. 2005). Schuppler et al. (2009) zeigten weiters, dass, insbesondere bei Inhaltswörtern, bei einer hohen Bigram-Häufigkeit von Zielwort und Folgewort mehr wortfinale /t/ getilgt oder reduziert werden. Um einen Effekt der Worthäufigkeit in der vorliegenden Studie zu berücksichtigen, wird diese bei den statistischen Analysen als Kontrollvariable miteinbezogen.←131 | 132→

Das Ziel dieser Studie ist, zu untersuchen, ob sich die bisherigen Ergebnisse zu wortfinalen (mor-)phonotaktischen Konsonantenclustern auf wortmediale Cluster erweitern lassen oder ob eine Morphemgrenze in einem wortmedialen Cluster einen Einfluss auf dessen Realisierung hat.

2 Methodik

Im folgenden Abschnitt werden das verwendete Material (Abschnitt 2.1), die Vorgehensweise bei den Audioaufnahmen (Abschnitt 2.2) und die Methodik der akustischen und statistischen Analysen (Abschnitt 2.3) dargestellt.

2.1 Material

Zur Untersuchung von phonotaktischen und morphonotaktischen Konsonantenclustern in der Sprachproduktion können, um eine Vergleichbarkeit zu erzielen, nur Cluster analysiert werden, die sowohl als phonotaktische Cluster als auch als morphonotaktische Cluster vorkommen. Fürs Deutsche lassen sich nur schwer Wortpaare derselben Wortart finden, bei denen in einem Wort das Konsonantencluster über eine Morphemgrenze hinausgeht und in einem zweiten Wort dasselbe Cluster innerhalb eines Morphems auftritt und zusätzlich der phonologische Kontext der das Cluster umgibt so konstant wie möglich gehalten wird. Dadurch ist einerseits die Auswahl an möglichen Konsonantenclustern deutlich beschränkt und andererseits ist es nötig, auf Fremdwörter zurückzugreifen, um die Kriterien zu erfüllen. Zur Untersuchung der Fragestellung werden die wortmedialen Cluster /ksp/, /sl/, /sm/, /ŋkt/ und /xt/ in Wortpaaren derselben Wortart miteinander verglichen. Dadurch, dass die zwei Zielwörter eines Wortpaares jeweils derselben Wortart angehören, wird die Vergleichbarkeit innerhalb der Wortpaare gesteigert und die Maskierung eines Effekts der Clusterart durch Wortartunterschiede kann ausgeschlossen werden (dies war in den bisherigen Studien, die wortfinale Cluster untersucht haben, nicht möglich (vgl. Leykum et al. 2015a, 2015b; Leykum/Moosmüller 2016)). Allerdings muss beachtet werden, dass der Wortakzent nicht immer identisch ist, dies wird allerdings in den Auswertungen berücksichtigt. Da wortinterne Konsonantencluster untersucht werden, beinhalten die Cluster eine Silbengrenze. Diese befindet sich sowohl bei den phonotaktischen als auch bei den morphonotaktischen Clustern an identischer Stelle innerhalb des Clusters, daher wird die Vergleichbarkeit hierdurch nicht eingeschränkt.

In Tabelle 1 sind die Cluster und die entsprechenden Zielwörter aufgelistet. Die Zielwörter mit phonotaktischen Konsonantenclustern enthalten teilweise Segmente, die in anderen Zusammenhängen Morpheme darstellen können (z. B. „Ex-“ in „Experiment“ oder in „Experte“). Da aber der Rest des Wortes in den Fällen←132 | 133→ keine Bedeutung trägt, kann davon ausgegangen werden, dass den SprecherInnen diese Pseudomorphemgrenze nicht bewusst ist und die sprachliche Realisierung hierdurch nicht beeinflusst wird. Falls doch ein Effekt durch Pseudomorphemgrenzen besteht, sollte sich dieser bei den statistischen Auswertungen zeigen.

Tabelle 1: Cluster und Zielwörter

Cluster

morphonotaktisch

phonotaktisch

/sl/

häuslich

isländisch

löslich

islamisch

/sm/

verhältnismäßig

kosmetisch

Missmut

Organismus

/ksp/

Expartner

Experiment

Fixpunkt

Experte

/ŋkt/

Funkturm

Akupunktur

/xt/

Fachtagung

Frachter

Die Zielwörter wurden für eine Leseaufgabe in Trägerphrasen in postfokaler Position eingebettet. Die Trägerphrasen hatten die folgende Struktur:

(1)

Zu ihr?

– Ich habe zu ihm „der Missmut“ gesagt, glaube ich.

(2)

Zu Anne?

– Ich habe zu Marie „kosmetisch“ gesagt, glaube ich.

Den SprecherInnen wurde vorgegeben, dass es ein Missverständnis gab, zu wem etwas gesagt wurde und sie dieses Missverständnis korrigieren sollten. Zusätzlich war der zu betonende Name oder das Pronomen fett gedruckt und die SprecherInnen wurden direkt aufgefordert, das fett gedruckte Wort zu betonen. Das Zielwort selbst sollte nicht im Fokus stehen, da sonst Reduktionen und Elisionen unwahrscheinlicher werden. In einigen Fällen wurde jedoch fälschlicherweise von den SprecherInnen doch das Zielwort betont oder es folgte eine Pause auf das Zielwort, wodurch das Zielwort phrasenfinal realisiert wurde. Diese Fälle wurden in der statistischen Analyse in zusätzlichen Kontrollvariablen kodiert und in den Berechnungen berücksichtigt. Da diese Fälle jedoch die Ergebnisse der Analysen nicht signifikant beeinflusst haben, wurden die entsprechenden Wörter nicht aus den Analysen ausgeschlossen.

In einer zweiten Aufgabe wurden die Zielwörter in Semi-Spontansprache eingebettet elizitiert. Hierzu sollte eine Frage vorgelesen werden, die das Zielwort bereits enthält, zusätzlich wurden zwei Wörter (das Zielwort und ein weiteres Wort) vorgegeben, die für die Beantwortung der Frage genutzt werden sollten. Da das Zielwort bereits in der Frage enthalten war, stellte es in der Antwort keine neue Information←133 | 134→ dar und sollte somit in einer unbetonten Position realisiert werden. Die vorgegebenen Fragen und Wörter wurden wie in den zwei folgenden Beispielen präsentiert:

(1)

Frachter, Möbel

Was hat der Frachter geladen?

(2)

Fachtagung, verschoben

Findet die Fachtagung heute statt?

2.2 Aufnahmen

Die Aufnahmen wurden mit 12 SprecherInnen (6 männlich, 6 weiblich) der österreichischen Standardaussprache in einem reflexionsarmen Aufnahmeraum durchgeführt. Die SprecherInnen können zwei Altersgruppen zugeordnet werden: Die eine Hälfte der SprecherInnen war unter 25 Jahre alt (20–23 Jahre; Mittelwert: 21,7 Jahre); die andere Hälfte der SprecherInnen war über 45 Jahre alt (45–55 Jahre; Mittelwert: 51,3 Jahre).

Alle SprecherInnen sind in Wien geboren und aufgewachsen, mindestens ein Elternteil kommt aus Wien. Die SprecherInnen selber waren StudentInnen oder haben ein Studium abgeschlossen. Zusätzlich hat entweder mindestens ein Elternteil studiert oder beide Elternteile haben die Matura. Diese SprecherInnen wurden nach diesen Kriterien ausgewählt, weil sich gezeigt hat, dass in Österreich die Standardaussprache stark durch soziale und regionale Faktoren definiert ist (vgl. Moosmüller 1991).

Die Lesesätze wurden in zwei Durchgängen realisiert, bei Fehlern wurden die SprecherInnen aufgefordert, den entsprechenden Satz noch einmal zu wiederholen. Bei der Semi-Spontansprache gab es einen Durchgang. Insgesamt ergaben sich daraus 576 zu analysierende Cluster. Da ein Zielwort durch einen Versprecher nicht korrekt realisiert wurde, stehen für die statistischen Auswertungen 575 Cluster zur Verfügung.

2.3 Analysen

Für die phonetischen Analysen wurden die Zielwörter und die das Zielwort umgebenden Wörter, die Konsonantencluster, der Vokal vor dem Cluster und die einzelnen Konsonanten jedes Clusters manuell mit STx (vgl. Noll et al. 2007; Balazs et al. 2000) segmentiert. Die Dauer der Segmente (in ms) und die Intensitätswerte (RMS Amplitude, gemessen in dB) wurden extrahiert. Um Unterschiede in der Sprechgeschwindigkeit zwischen den SprecherInnen berücksichtigen zu können, wurden die Wortdauern des Zielwortes, des vorhergehenden und des folgenden Wortes addiert. Hieraus wurde die Artikulationsrate in Silben pro Sekunde berechnet. Werte für die Worthäufigkeit (Häufigkeitsklasse) wurden aus http://wortschatz.uni-leipzig.de/ (vgl. Quasthoff et al. 2013) extrahiert.←134 | 135→

Eine weitere Variable, die in den statistischen Analysen berücksichtigt wurde, ist die Markiertheit der Cluster, die mit Hilfe der Net Auditory Distance (NAD) bestimmt wurde (vgl. Dziubalska-Kołaczyk et al. 2015; Dziubalska-Kołaczyk 2014). In wortmedialer Position sind die Cluster /ksp/, /ŋkt/, /xt/ bevorzugte Cluster (preferred – unmarkiert), die Cluster /sl/, /sm/ nicht bevorzugt (dispreferred – markiert). Da allerdings hierdurch die Cluster nur in zwei Gruppen zusammengefasst werden, wurde bei der Erstellung der statistischen Modelle jeweils überprüft, ob die Variable „Cluster“ oder die Variable „NAD“ einen gegebenen Einfluss besser darstellt.

Für die statistischen Analysen mit R (R Core Team 2015) wurden Mixed-Effects-Modelle (vgl. Bates et al. 2015) erstellt, da diese den Vorteil haben, dass auch Zufallsfaktoren (wie interindividuelle Unterschiede zwischen den SprecherInnen) berücksichtigt werden können. Außerdem bieten die Modelle den Vorteil, dass der Einfluss von Störvariablen mitberücksichtigt werden kann.

Als abhängige Variablen wurden einerseits die absolute Clusterdauer und die absolute Clusterintensität gewählt. Hierbei wurden interindividuelle Unterschiede zwischen den SprecherInnen und den Zielwörtern in die statistischen Analysen miteinbezogen, um eine Vergleichbarkeit der Daten zu gewährleisten. In einem zweiten Schritt wurden die abhängigen Variablen vor den statistischen Analysen normalisiert, indem die Clusterdauer in Relation zur durchschnittlichen Silbendauer im Umfeld des Zielwortes (Anzahl der Silben (Zielwort und umgebende Wörter)/Dauer (Zielwort und umgebende Wörter)) gesetzt wurde, um die Clusterdauer bezüglich der Sprechgeschwindigkeit zu normalisieren. In Bezug auf die Intensität wurde die absolute Clusterintensität in Relation zur Intensität des vorhergehenden Vokales gesetzt, um einen Einfluss von Unterschieden in der Sprechlautstärke und auch Unterschieden in der Distanz zwischen Mund und Mikrophon auszugleichen. Da eine Berechnung von relativen Werten einerseits die allgemeine Varianz vermindert, andererseits jedoch zwei Variablen zusammenfasst und somit beide Varianten Vor- und Nachteile aufweisen, werden die statistischen Analysen sowohl mit den absoluten als auch mit den relativen Werten durchgeführt. Zusätzlich werden die zeitliche Verteilung der Konsonanten im Cluster und die Intensitätsunterschiede innerhalb der Cluster analysiert. Hierzu wird jedes Cluster an der Morphemgrenze des morphonotaktischen Clusters geteilt (/ks+p/, /ŋk+t/, /s+l/, /s+m/, /x+t/) und die Werte des vorderen Teils des Clusters werden in Relation zum gesamten Cluster gesetzt. Somit ergeben sich relative Dauer- und Intensitätswerte für den vorderen Teil des Clusters.

3 Ergebnisse

Im Folgenden werden die Ergebnisse zu den Analysen der Clusterdauer (Abschnitt 3.1) und der Clusterintensität (Abschnitt 3.2) dargestellt.←135 | 136→

3.1 Clusterdauer

Die absolute Clusterdauer (in ms) hat in den statistischen Analysen eine signifikante Dreifachinteraktion zwischen Clusterart, Wortart und Altersgruppe ergeben (p=0.022). Jedoch zeigen Tukey Post-hoc-Tests, dass unabhängig von der Altersgruppe weder bei den Adjektiven (<25: p=0.999; >45: p=0.647) noch bei den Nomen (<25: p=0.564; >45: p=0.612) signifikante Unterschiede zwischen morphonotaktischen und phonotaktischen Clustern bestehen. Für die morphonotaktischen Cluster ergeben sich allerdings in beiden Altersgruppen signifikante Unterschiede zwischen den Wortarten mit einer längeren Clusterdauer der Nomen im Vergleich zu den Adjektiven (<25: p=0.041; >45: p=0.008). Dieser Unterschied wird bei den phonotaktischen Clustern nicht signifikant (<25: p=0.366; >45: p=0.401) (vgl. Abb. 1).

Zusätzlich haben die statistischen Analysen einen Effekt der Wortdauer und eine Tendenz zu einer Interaktion zwischen Artikulationsrate und NAD ergeben (p=0.070). Hierbei hat sich gezeigt, dass tendenziell bei den bevorzugten/unmarkierten Clustern der Einfluss der Artikulationsrate auf die Clusterdauer stärker ist als bei den nicht-bevorzugten/markierten Clustern.

Abbildung 1: Absolute Clusterdauer: Interaktion zwischen Clusterart, Wortart und Altersgruppe

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←136 | 137→

Werden nur die Cluster aus Nomen mit einem Wortakzent auf der im Cluster endenden Silbe betrachtet, ergibt sich für die absolute Clusterdauer ein signifikanter Effekt der Artikulationsrate (p<0.001). Die Clusterart führt in diesem Fall zu keinem signifikanten Effekt (p=0.135).

Das Mixed-Effects-Modell zur relativen Clusterdauer (in % der Silbendauer) hat einen Einfluss der folgenden Variablen ergeben: Aufgabe (p<0.001), Cluster (p=0.012), Wortart (p=0.019), Wortdauer (p=0.007) und folgendes Phonem (p=0.029). Eine Tendenz zu einem Effekt hat sich für das Alter (p=0.064) ergeben. In Bezug auf die Clusterart konnte kein Effekt festgestellt werden (p=0.859).

Wenn nur die Cluster aus Nomen mit einem Wortakzent auf der im Cluster endenden Silbe betrachtet werden, ergeben sich für die relative Clusterdauer signifikante Effekte der Artikulationsrate (p<0.001), der Wortdauer (p<0.001) und der Worthäufigkeit (p=0.041). Zwischen phonotaktischen und morphonotaktischen Clustern zeigt sich ebenfalls kein signifikanter Unterschied (p=0.685).

In Bezug auf die Dauer des vorderen Teils des Clusters relativ zur gesamten Clusterdauer haben die statistischen Analysen ergeben, dass dieser Clusterteil signifikant beeinflusst wird von der Aufgabe (p<0.001), vom Cluster (p=0.040), von einer Interaktion zwischen Alter und Wortart (p<0.001) und einer Interaktion von Geschlecht und Worthäufigkeit (p<0.001). Allerdings bestehen keine signifikanten Unterschiede in der relativen Dauer des vorderen Teils des Clusters zwischen phonotaktischen und morphonotaktischen Clustern (p=0.663).

Bei einer ausschließlichen Betrachtung der Cluster aus Nomen mit einem Wortakzent auf der im Cluster endenden Silbe zeigt sich ein signifikanter Unterschied zwischen den Sprechaufgaben (p=0.017). Die Clusterart ergibt auch hier keinen signifikanten Effekt (p=0.899).

3.2 Clusterintensität

In Bezug auf die absolute Intensität der Cluster konnte eine signifikante Interaktion zwischen Clusterart und Wortart (p=0.039) festgestellt werden. Post-hoc-Tests haben ergeben, dass bei den phonotaktischen Clustern ein signifikanter Effekt der Wortart besteht (p=0.016), nicht jedoch bei den morphonotaktischen Clustern (p=0.261). Bei den phonotaktischen Clustern ist die Intensität des Clusters in Adjektiven höher als in Nomen. Zusätzlich wird die Clusterintensität signifikant beeinflusst vom Cluster (p<0.001), von der Wortintensität (p<0.001) und von einer Interaktion von Wortart und Altersgruppe (p=0.032). Außerdem besteht eine Tendenz zu einem Geschlechterunterschied (p=0.080).

Bei einer Reduktion der Daten auf Cluster aus Nomen mit einem Wortakzent auf der im Cluster endenden Silbe ergeben sich für die absolute Clusterintensität←137 | 138→ signifikante Effekte der Wortintensität (p<0.001) und des Clusters (p=0.009). Zwischen phonotaktischen und morphonotaktischen Clustern besteht kein signifikanter Unterschied in Bezug auf die Clusterintensität (p=0.639).

Um die Intensität des Clusters zu normalisieren, wurde die Intensität des Clusters in Relation zur Intensität des vorhergehenden Vokals gesetzt. Hierdurch können Unterschiede in der allgemeinen Sprechlautstärke der SprecherInnen und Unterschiede in der Aussteuerung zwischen den Aufnahmen ausgeglichen werden. In Bezug auf die relative Intensität hat das Mixed-Effects-Modell ergeben, dass die Clusterintensität von der Zusammensetzung des Clusters (p<0.001), vom folgenden Phonem (p=0.020) und von einer Interaktion von Geschlecht und Aufgabe abhängig ist (p=0.004). Die Art des Clusters (phonotaktisch vs. morphonotaktisch) hat jedoch keinen Einfluss auf die relative Intensität des Clusters (p=0.204).

Werden nur die Cluster aus Nomen mit einem Wortakzent auf der im Cluster endenden Silbe betrachtet, ergeben sich für die relative Clusterintensität signifikante Effekte des Clusters (p=0.011), der Aufgabe (p=0.048) und eine signifikante Interaktion zwischen Clusterart und Altersgruppe (p=0.009) (vgl. Abb. 2). Post-hoc-Tests ergeben jedoch zwischen den einzelnen Gruppen keine signifikanten Unterschiede.

Abbildung 2: Relative Clusterintensität: Interaktion zwischen Clusterart und Altersgruppe

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←138 | 139→

Auch in Bezug auf die Intensität der Cluster wurde der vordere Teil des Clusters ins Verhältnis zum gesamten Cluster gesetzt. Hierbei wird die Intensitätsverteilung innerhalb der Cluster genauer betrachtet. Die statistische Analyse der relativen Intensität des vorderen Teils des Clusters (in % der Clusterintensität) hat eine Tendenz für eine Clusterart*Wortart Interaktion ergeben (p=0.053). In Tukey Post-hoc-Tests zeigt sich eine Tendenz zu einem Unterschied zwischen phonotaktischen und morphonotaktischen Clustern bei Adjektiven (p=0.074), jedoch nicht bei Nomen (p=1.000). Bei den Adjektiven ist die relative Intensität des vorderen Teils des Clusters bei phonotaktischen Clustern geringer als bei morphonotaktischen Clustern (vgl. Abb. 3 links). Des Weiteren haben die folgenden Variablen signifikante Effekte ergeben: Cluster (p<0.001), Artikulationsrate (p<0.001) und Aufgabe (p=0.034). Zusätzlich besteht eine Tendenz zu einer Interaktion zwischen Alter und Geschlecht (p=0.063), Post-hoc-Tests haben hier jedoch keine signifikanten Unterschiede zwischen den einzelnen Gruppen ergeben.

Abbildung 3: Relative Intensität der Clusterteile: Interaktion zwischen Clusterart und Wortart

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Bei einer ausschließlichen Betrachtung der Cluster aus Nomen mit einem Wortakzent auf der im Cluster endenden Silbe zeigt sich ein signifikanter Unterschied zwischen den verschiedenen Clustern (p=0.022). Zusätzlich haben die Artikulationsrate (p=0.031) und die Clusterintensität (p<0.001) einen signifikanten Einfluss auf die Intensität des vorderen Teils des Clusters. Eine signifikante Interaktion zwischen Clusterart und Altersgruppe (p=0.017) hat in Post-hoc-Tests keine signifikanten Gruppenunterschiede ergeben (vgl. Abb. 4).←139 | 140→

Abbildung 4: Relative Intensität der Clusterteile: Interaktion zwischen Clusterart und Altersgruppe

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4 Zusammenfassung und Diskussion

Das Ziel der Studie war es, zu untersuchen, ob in wortmedialer Position Unterschiede in der phonetischen Realisierung zwischen phonotaktischen und morphonotaktischen Konsonantenclustern in der österreichischen Standardaussprache bestehen. In vorhergehenden Studien zu wortfinalen (mor-)phonotaktischen Clustern konnte kein Effekt der Morphologie auf die Sprachproduktion festgestellt werden. Allerdings konnten gegensätzliche Effekte, die durch Wortartunterschiede entstehen, nicht ausgeschlossen werden. Außerdem erlauben die Ergebnisse zu wortfinalen Clustern keine Verallgemeinerung auf Clusterrealisierungen in anderen Wortpositionen.

Die Analysen wortmedialer Cluster haben bezüglich der Clusterart ergeben, dass das Vorhandensein einer Morphemgrenze innerhalb eines Konsonantenclusters keinen Einfluss auf die relative Clusterdauer (relativ zur durchschnittlichen Silbendauer) hat, ebenso wie es keinen Einfluss auf die zeitliche Konsonantenverteilung innerhalb eines Clusters hat. Allerdings zeigte sich bei der absoluten Clusterdauer für die morphonotaktischen Cluster ein Einfluss der Wortart, nicht←140 | 141→ jedoch bei den phonotaktischen Clustern. Rein numerisch geht auch bei den phonotaktischen Clustern der Unterschied in dieselbe Richtung. Dieser Effekt wird möglicherweise mit dem nicht-homogenen Material erklärbar, kann jedoch eventuell auch mit generellen Unterschieden zwischen den Wortarten zusammenhängen.

Bezüglich der Clusterintensität ergab sich bei einer vorherigen Normalisierung mit Hilfe der Intensität des dem Cluster vorhergehenden Vokals kein Effekt der Clusterart. Allerdings besteht bei der absoluten Clusterintensität eine Interaktion zwischen Clusterart und Wortart, die sich auf einen Wortarteffekt bei phonotaktischen Clustern beschränkt: Hier ist die Intensität des Clusters bei Adjektiven höher als bei Nomen. Auch bei der Intensitätsverteilung innerhalb des Clusters besteht eine Tendenz zu einer Interaktion zwischen Wortart und Clusterart. Jedoch ist im Post-hoc-Test nur eine Tendenz zu einem Unterschied zwischen den zwei Clusterarten bei Adjektiven zu finden. Der vordere Teil eines phonotaktischen Clusters wird mit einer geringeren Intensität realisiert als der vordere Teil morphonotaktischer Cluster. Dies bedeutet, dass in den Adjektiven mit phonotaktischem Cluster der vordere Teil des Clusters mit einer geringeren Intensität im Vergleich zum hinteren Teil realisiert wird. Dieses Ergebnis lässt sich jedoch mit einem Blick auf die analysierten Wortpaare schnell erklären: Der Wortakzent liegt bei zwei von den Adjektiven mit phonotaktischem Cluster auf der Silbe, die mit dem hinteren Teil des untersuchten Clusters beginnt.

Wenn hingegen nur die Cluster mit identischer Betonung innerhalb des Clusters betrachtet werden, besteht zwar einerseits das Problem, dass die Menge der Daten, die für die Analysen zur Verfügung stehen, deutlich reduziert wird. Anderseits wird aber die Homogenität der Daten erhöht. Bei ausschließlicher Analyse dieser Daten haben sich in Bezug auf die Dauermessungen keine Unterschiede zwischen phonotaktischen und morphonotaktischen Clustern ergeben. In Bezug auf die Intensitätswerte ergab sich bei der absoluten Intensität des Clusters ebenfalls kein Effekt der Clusterart. Eine Interaktion zwischen Alter und Clusterart zeigte sich sowohl bei der relativen Intensität als auch bei der Intensität des vorderen Teils des Clusters relativ zur Clusterintensität. Allerdings liegen bei Post-hoc-Tests die p-Werte der paarweisen Vergleiche weit vom Signifikanzniveau entfernt. Zwischen den Untergruppen bestehen also keine signifikanten Unterschiede. Da zusätzlich keine nachvollziehbare Erklärung für diese Interaktion besteht, ist von einem Zufallsbefund auszugehen.

Im Hinblick auf Studien, die einen Einfluss der Morphologie auf die Sprachproduktion feststellen konnten, muss jedoch beachtet werden, dass bei diesen Studien teilweise andere konfundierende Faktoren die Ergebnisse erklären kön←141 | 142→nen. Einen Überblick über Studien zum Einfluss der Morphologie auf akustische Reduktionen geben Hanique/Ernestus (2012). Sie stellen dar, dass in Studien, die einen Effekt der Morphologie feststellen konnten, alternative Interpretationen der Effekte möglich und wahrscheinlich sind. Somit kann ein Einfluss der Morphologie nicht nachgewiesen werden. Auch in der vorliegenden Studie und in vorhergehenden Studien zu (mor-)phonotaktischen Konsonantenclustern in der österreichischen Standardaussprache (vgl. Leykum/Moosmüller 2015, 2016; Leykum et al. 2015a, 2015b) konnte kein Einfluss einer Morphemgrenze innerhalb eines Clusters auf die sprachliche Realisierung dieses Clusters festgestellt werden.

Auch wenn kein Effekt der Morphemgrenze nachgewiesen werden konnte, ist nicht auszuschließen, dass sich bei einer größeren Datenmenge ein signifikantes Ergebnis zeigen könnte. Da allerdings rein numerisch die Dauer- und Intensitätsunterschiede zwischen phonotaktischen und morphonotaktischen Clustern zu gering sind, um von HörerInnen als Hinweis zum Vorhandensein einer Morphemgrenze wahrgenommen zu werden, lässt sich aus den Ergebnissen der vorliegenden Studie schließen, dass im österreichischen Deutsch Morphemgrenzen in wortmedialen Konsonantenclustern phonetisch nicht markiert werden.

Da auch im Erstspracherwerb von österreichischen Kindern keine Unterschiede im Erwerbszeitpunkt zwischen den Clusterarten bestehen (vgl. Freiberger 2007), in anderen morphologisch reicheren Sprachen (Litauisch (vgl. Kamandulyté 2006) und Polnisch (vgl. Zydorowicz 2007)) jedoch Unterschiede festgestellt wurden, ergibt sich die Frage, ob eventuell morphologisch reichere Sprachen in der sprachlichen Realisierung zwischen phonotaktischen und morphonotaktischen Clustern unterscheiden.

Außerdem stellt sich die Frage, ob eine Differenzierung im Deutschen überhaupt notwendig ist, da (mor-)phonotaktische Cluster zwar in homophonen Wortpaaren auftreten, hier jedoch nur in unterschiedlichen Wortarten, womit durch den weiteren Kontext und die Position im Satz eine Markierung der Morphemgrenze überflüssig (weil redundant kodiert) ist. In den hier untersuchten Wortpaaren sind die Wörter so unterschiedlich, dass auch hier eine Markierung der Morphemgrenze nicht notwendig ist. Dies würde dafür sprechen, dass in anderen Sprachen eventuell die Markierung der Morphemgrenze notwendiger ist und daher auch in der phonetischen Realisierung differenziert wird.

Da in Bezug auf die Sprachverarbeitung auch im österreichischen Deutsch (vgl. Korecky-Kröll et al. 2014) Unterschiede zwischen den Clusterarten bestehen, ist davon auszugehen, dass die Morphologie zwar keine bzw. keine bedeutende Rolle bei der Sprachproduktion einnimmt, in anderen Bereichen, wie der Sprachverarbeitung, jedoch einen klaren Einfluss zeigt. Dies verdeutlicht, dass im←142 | 143→ Deutschen während der Sprachproduktion komplexe Wörter nicht aus einzelnen Morphemen zusammengesetzt werden, sondern direkt als ganze Wörter produziert werden (vgl. hierzu auch Hanique/Ernestus 2012), während in der Sprachverarbeitung komplexe Wörter in einzelne Morpheme zerlegt werden.

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1 Die Studie ist Teil des Projekts | 1394-G23, gefördert vom Austrian Science Fund (FWF): | 1394-G23.