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Dimensions of Linguistic Space: Variation – Multilingualism – Conceptualisations Dimensionen des sprachlichen Raums: Variation – Mehrsprachigkeit – Konzeptualisierung

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Edited By Lars Bülow, Ann Kathrin Fischer and Kristina Herbert

This volume focuses on the use and structure of the German language in Austria. In addition, the aim of the book is to compare the linguistic conditions in Austria with those in other German speaking countries. The 20 articles present current findings from the research fields of variation, contact and perception.

Der Band widmet sich schwerpunktmäßig der Verwendung und Struktur der deutschen Sprache in Österreich. Ziel des Sammelbandes ist es außerdem, die sprachlichen Verhältnisse in Österreich mit denjenigen in anderen deutschsprachigen Ländern zu vergleichen. In 20 Beiträgen werden daher aktuelle Forschungsergebnisse aus den Forschungsbereichen Variation, Kontakt und Perzeption vorgestellt.

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Mündlichkeit an der Universität – Normen, Einstellungen und Angemessenheitsurteile am Beispiel der Universität Salzburg (Monika Dannerer / Peter Mauser)

Monika Dannerer & Peter Mauser

Mündlichkeit an der Universität – Normen, Einstellungen und Angemessenheitsurteile am Beispiel der Universität Salzburg

Abstract: This paper deals with notions of norms ruling the use of spoken varieties of German at an Austrian university. After discussing different concepts of ‘norm’ and standard language, and outlining survey data and methods, we present quantitative and qualitative results on language policy, locating of standard language and appropriateness judgements.

1 Normen, Normvorstellungen und ihre empirische Zugänglichkeit

Normen, Regeln und Regularitäten sind zwar inhärenter Gegenstand einer Beschreibung eines sprachlichen Systems wie auch des Sprachgebrauchs, trotzdem sind Definitionen für Normen sehr divers, und entsprechend wird auch ihre empirische Zugänglichkeit unterschiedlich eingeschätzt. Für Sprachnormen (nicht für Sprachgebrauchsnormen) hält Hundt ganz allgemein folgende Eigenschaften fest (vgl. Hundt 2009: 118 f.):

1. Normen stellen eine Obligation dar, sie verpflichten zu einem bestimmten Handeln.

2. Sie sind mit einem bestimmten Geltungsanspruch verbunden, akzeptierte Normen erhalten faktische Geltung.

3. Verstöße werden mit Sanktionen geahndet.

4. Sie sind wertebezogen, „d. h. in ihnen wird zugleich das (system)richtige (sic!), (situations-)angemessene (sic!) und in diesem Sinne Legitime und Legale zum Ausdruck gebracht.“ (Hundt 2009: 118)

5. Sie können, müssen aber nicht explizit formuliert sein.

6. Gesetzte und konventionelle Normen sind voneinander zu trennen.

Die Unterscheidung zwischen gesetzt und konventionell kann mit Gloys Differenzierung genauer gefasst werden. Gloy (2008: 394) unterscheidet (a) „legalistische Normen“, die explizit formuliert vorliegen.1 Daneben gibt es jedoch auch impli←385 | 386→zite Normen, die sich quantitativ oder qualitativ auf das Sprachhandeln beziehen. Diese wiederum können (b) „faktische Normen“, worunter Gloy (2008: 394) den „etablierte[n], vorherrschende[n] Sprachgebrauch“ versteht, oder aber (c) „definitorische Normen“ im Sinne von „sprachwissenschaftlich explizierte[n] Angemessenheitsurteil[en]“ sein (Gloy 2008: 395).2

Für eine soziolinguistische Sprachnormenforschung führt Gloy (2008: 395) drei mögliche Quellen an: Erstens nennt er „statuierte Normen“, die er als normierende/präskriptive Dokumente versteht, die Regeln der Sprache bzw. des Sprachgebrauchs festhalten. Hierunter fasst er sehr Unterschiedliches wie z. B. Grammatiken, Stilfibeln, Ratgeber, Gesetze oder ähnliche Regelungen. Davon unterscheidet Gloy zweitens „Regelmäßigkeiten und Häufigkeiten bestimmter Sprachverwendungen“– vordringlich in den Situationen, in denen von einem Streben nach normgerechtem Sprechen auszugehen ist. Schließlich nennt er drittens „alle ‚(versuchten) normativen Handlungen‘ […], zu denen man jede, auch die von Einzelpersonen vorgetragene Normformulierung, metasprachliche Urteile […] und die gesamte Sprachkritik […] zählen kann“. Dieser Bereich ist nicht zuletzt in der Interaktion durch Selbst- oder Fremdkorrekturen (vgl. z. B. Koplenig et al. 2016) oder in metasprachlichen Kommentaren (expliziter Aushandlung, …) fassbar. Hierzu gehören auch Analysen des Korrekturverhaltens von Lehrenden oder Angaben zur Verwendung von Kodizes (vgl. zusammenfassend u. a. Peter 2015: 124 f.).

Dem ist unbedingt noch eine vierte Quelle hinzuzufügen, nämlich allgemeine, vom unmittelbaren sprachlichen Handeln entkoppelte und damit auch situationsentbundene Angemessenheitsurteile.

Angemessenheitsurteile können z. B. im Rahmen von Befragungen (mittels Fragebögen oder Interviews) erhoben werden,3 die nicht auf allgemeine Einstellungen bzw. das öffentliche Sprachbewusstsein im Sinne von Klein (vgl. 2009: 142) abzielen, sondern auf die Urteile von Aktanten der jeweiligen Institution. In Befragungen können sie explizit als Norm geäußert werden oder ex negativo hervortreten, indem ein bestimmtes sprachliches Verhalten als unangemessen oder falsch kritisiert wird. Sie spiegeln in vielen Fällen faktische Normen bzw. auch←386 | 387→ Idealvorstellungen, die sich aus statuierten Normen, die z. B. in der Schule vermittelt werden, herleiten.

Jede dieser vier Datenquellen ist allerdings mit spezifischen methodischen Problemen verbunden. Die Zugänglichkeit ist durch die Analyse sprachenpolitischer Dokumente, durch die Aufzeichnung von Gesprächen und durch Befragungen gegeben, die, je nach konkreten Daten und Zielsetzungen, qualitativ und/oder quantitativ diskurs-, inhalts- oder gesprächsanalytisch auswertbar sind. Bei der Erhebung durch Befragung ist eines der größten Probleme die Tatsache, dass die Termini Standardsprache/Umgangssprache/Dialekt v. a. in einem diaglossischen Kontinuum schwer fassbar sind, sodass das Sprechen darüber mit Laien – wie immer – einen großen Unschärfebereich aufweist (s. u.). Zudem ist in Erinnerung zu rufen, dass das formulierte Normverständnis bzw. die Einstellungen keine Aussagen über das konkrete sprachliche Handeln zulassen.

2 (Gesprochene) Standardsprache im universitären Kontext von Fach- und Wissenschaftssprache

Die gesprochene Sprache an der Universität befindet sich im Hinblick auf Normvorstellungen in einem mehrfachen Bezugsrahmen:

Erstens steht sie als (medial) gesprochene Sprache im Kontrast zur (medial) geschriebenen.4 Zweitens steht sie im Kontext der allgemeinen Verwaltungssprache, die neben der Wissenschaftssprache eine wesentliche, wenn auch in der Öffentlichkeit weniger stark wahrgenommene, Domäne darstellt. Drittens ist – stark dominant – der Bezugsrahmen der Wissenschaftssprache zu sehen, der zumeist stillschweigend auf Schriftlichkeit, die (dominante) Nationalsprache in ihrer monozentrisch-standardsprachlichen Realisierung oder Englisch als Lingua Franca ausgelegt ist.

Die Gleichsetzung von universitärem Sprachgebrauch und Standardsprache hat durchaus ihre Entsprechung in der Sprachwissenschaft (vgl. z. B. Daneš 2008: 2197), wenn beispielsweise als sprachhistorisches Argument für die Standardisierung einer Sprache ihre Verwendung als Wissenschaftssprache herangezogen wird. Aber auch synchron wird der Sprachgebrauch an der Universität (bzw. anderen Bildungsinstitutionen) mit Definitionen/Erwartungen der Standardsprache in Verbindung gebracht. So etwa von Barbour/Stevenson (1998: 145), die die Standardsprache definieren als „[…] jene Art von Deutsch, die man traditionell sowohl mündlich als auch schriftlich an Schulen erwartet und weiterentwickelt […]“ (Hervorh. MD/PM). Der Aspekt der Weiterentwicklung im didaktischen←387 | 388→ Sinne sowie der (sprachenpolitischen) „Kontrolle“ wird auch in Bußmanns Definition der Standardsprache bzw. ihrer Normierung hervorgehoben, wenn festgehalten wird: Die Standardsprache

[…] unterliegt […] weit gehender Normierung, die über öffentliche Medien und Institutionen, vor allem aber durch das Bildungssystem kontrolliert und vermittelt werden. (sic!). Die Beherrschung der S. gilt als Ziel aller sprachdidaktischen Bemühungen. (Bußmann 32002: 648; Hervorh. MD/PM)

Ammon schließlich nennt explizit den Diskurstyp der Vorlesung als mündlichen „Sprechakt“ (sic!), der typisch für die Standardsprache in Österreich gelten kann; die Standardsprache sei:

[…] in Österreich die Sprache der Schriftlichkeit und jener mündlichen Sprechakte, die als öffentlich und/oder formell gelten, wie Ansprachen, Predigten, Vorlesungen, Nachrichten und Kommentare. (Ammon et al. 2004: XXXVI; Hervorh. MD/PM)

Wenn nun die Analyse des Datenmaterials im Hinblick auf den berichteten Sprachgebrauch oder die referierten Angemessenheitsurteile ergibt, dass Standardsprache entgegen den möglichen Erwartungen der Öffentlichkeit nicht mehr (ausschließlich) mit dem universitären Sprachgebrauch verbunden wird, kann das in dreierlei Richtungen gedeutet werden: In der strengsten Interpretation kann man diesen Befund als Anzeichen von Destandardisierung interpretieren.5 Eine zweite, weichere, Interpretationsmöglichkeit ist die Ausweitung der Domänenspezifik nonstandardsprachlicher Varietäten, die einhergehen mit bzw. ermöglicht werden durch ein ansteigendes Prestige des Nonstandards. Eine solche Ausweitung der Domänenspezifik hält Wiesinger (2010: 363 f.) etwa für die Schule fest: „Auch die Schule hat sich im Unterricht zunehmend auf die Umgangssprache als mündliche Konversationsform eingependelt“. Ebenso relativiert Peter (2015: 141):

Das hat […] allenfalls mit der Varietätentoleranz in bestimmten Situationen zu tun. Der Vergleich des Sprachgebrauchs in formellen Situationen […] sagt allenfalls etwas über die Varietätenwahl […] aus.←388 | 389→

Schließlich könnte es auch sein, dass der universitäre Sprachgebrauch schon lange vielfältiger ist, als die Linguistik das annimmt, dass sie ihn also lediglich idealisiert hat.

Zweifellos gibt es in der späten Standardsprachlichkeit Prozesse der Destandardisierung und ebenso zweifellos ist die Bildungslandschaft starken sozialen Veränderungen unterworfen und in den letzten Jahrzehnten durch ein Absenken der räumlichen, pekuniären und sozialen Zugangshürden und insgesamt flachere Hierarchien deutlich demokratisiert worden. Aber auch ein stark standardsprachlicher Bias und/oder fehlendes Interesse an der Erforschung von Varietäten in der tertiären Bildung können nicht ausgeschlossen werden.

Das dem Artikel zugrundeliegende Forschungsprojekt VAMUS, das in weiterer Folge vorgestellt wird, versucht genau diesen Fragestellungen nachzugehen und sie mittels unterschiedlicher Methoden (vgl. Abschnitt 3) zu beantworten.

3 Datenkorpus und Methodik

Das Datenkorpus für diesen Artikel stammt aus dem Projekt VAMUS („Verknüpfte Analyse von Mehrsprachigkeiten am Beispiel der Universität Salzburg“) (vgl. Dannerer/Mauser 2016)6, das sich mit der Sprachenpolitik, den Spracheinstellungen und der Sprachverwendung an der Universität Salzburg im Hinblick auf Deutsch, Englisch und andere Herkunftssprachen sowie Varietäten (v. a. des Deutschen) auseinandersetzt. Um das gesamte Sprachen- und Varietätengefüge an einer Universität zu erheben (vgl. auch Veronesi et al. 2013), wurde exemplarisch die Paris-Lodron-Universität Salzburg (= PLUS) herangezogen. Das Datenkorpus umfasst 1.227 Fragebögen von Studierenden, Lehrenden und VerwaltungsmitarbeiterInnen, 123 Leitfadeninterviews mit diesen drei Gruppen7 sowie 19 Leitfadeninterviews mit Mitgliedern der Universitätsleitung (Dekanat bzw. (Vize-)Rektorat)8, schriftliche universitäre Dokumente, die Rückschlüsse auf die Sprachenpolitik zulassen, sowie 20 Aufzeichnungen von Interaktionen an der Universität (Lehrveranstaltungen, Gespräche in der Verwaltung bzw. zwischen←389 | 390→ Studierenden und dem Verwaltungspersonal). Die Daten werden in einem Mixed-Methods-Ansatz quantitativ und qualitativ ausgewertet. Die Analyse der Interviewdaten erfolgt inhaltsanalytisch mittels ATLAS.ti sowie an zentralen Stellen auch gesprächsanalytisch (vgl. z. B. Arendt 2014; Maier 2016: 72 f.).

Die folgende Auswertung wird sich v. a. auf eine erste deskriptiv-statistische Auswertung einzelner Fragen des Fragebogens stützen sowie wichtige, mittels Inhaltsanalyse erkennbare Antworttendenzen in den 123 Interviews illustrieren. Fokussiert werden dabei v. a. Normen bzw. Normvorstellungen und daraus resultierende Angemessenheitsurteile aus der ersten von Gloy (2008) genannten Quelle, den statuierten Normen, sowie aus der von uns ergänzten vierten Quelle, den situationsentbundenen (metakommunikativen) Angemessenheitsurteilen.9

In den Fragebögen haben wir das Kontinuum zwischen Standardsprache und Dialekt in drei Stufen unterteilt (Standardsprache – Umgangssprache – Dialekt), um die Konzepte für die Befragten, die zum Großteil linguistische Laien sind, einfach zu halten. Den ProbandInnen wurde die Differenzierung mit dem Hinweis „Die Umgangssprache liegt zwischen Standardsprache und Dialekt.“ verdeutlicht.

Dass alle drei Termini sowohl für eine Verständigung innerhalb der Linguistik als auch mit Laien nicht ausreichend präzise sind, ist vielfach bemerkt worden. Allerdings wurden auch feinere Differenzierungen in beispielsweise vier Schichten (vgl. Wiesinger 32014) nicht als befriedigend rezipiert.10

Bei der Standardsprache stellt sich die Frage, ob die ProbandInnen eine Vorleseaussprache vor Augen haben – wie dies in manchen Untersuchungen der Fall ist (vgl. Steiner 1994; kritisch dazu Lanwer 2015: 26) und nicht zuletzt auch in Definitionen einer Standardsprache, die die Sprache der Medien und hier speziell die der NachrichtensprecherInnen anführen. Phänomene gesprochener Sprache werden damit automatisch als Nonstandard abgewertet. Demgegenüber stünde ein eher weites Konzept von Standardsprache, wie es in der Linguistik etwa als „Gebrauchsstandard“ oder „intendierter Standard“ gefasst wird (vgl. Elspaß/Dürscheid 2017). Darüber hinaus ist in unserem Kontext relevant, ob die ProbandInnen regionalspezifische Standardvarietäten gelten lassen oder von einem übernationalen Standard ausgehen, der in der Regel mit einem bundesdeutschen Standard gleichgesetzt wird (vgl. Schmidlin 2011: 296).←390 | 391→

Der zweite Eckpunkt „Dialekt“ kann entsprechend als Basisdialekt aufgefasst werden, als dialektnahes Sprechen, er kann im Extremfall – für NichtdialektsprecherInnen aus einer anderen Region des deutschen Sprachraums oder aber für ProbandInnen mit einer anderen L1 als Deutsch auch schon verhältnismäßig geringe regional- oder sogar gesprochensprachspezifische Abweichungen von einer schriftlichen Standardsprache umfassen.

Der Terminus „Umgangssprache“ wurde im Hinblick auf die Verbreitung des Konzepts in vielen Schulbüchern bzw. Lehrplänen gewählt.11 Diatopisch kann dies einem Regiolekt/einer Regionalsprache entsprechen, auf der Einordnung zwischen Standardsprache und Dialekt kann es mit der Alltagssprache korrelieren. Der Terminus Alltagssprache hingegen ist situativ gebunden (vgl. z. B. Auer 1990: 9; Lanwer 2015; Möller/Elspaß 2015) und scheint sich damit im Kontext institutioneller und v. a. universitärer Sprachverwendung per se auszuschließen.

4 Normen, Normendiskurs und Angemessenheitsurteile

Im Folgenden soll die Frage erörtert werden, welche Normvorstellungen und davon ableitbare Angemessenheitsurteile sich in sprachpolitischen Maßnahmen manifestieren bzw. im sprachpolitischen Diskurs an der PLUS sichtbar werden.

4.1 Statuierte Normen – Normvorstellungen in regulativen Dokumenten

Eine explizit betriebene universitäre Sprachenpolitik legt in unterschiedlichen schriftlichen Dokumenten fest, welche Sprachen wann genutzt werden dürfen/müssen – etwa für Lehrveranstaltungen, Prüfungen oder Qualifikationsarbeiten – und welche Sprachen auf welchem Kompetenzniveau als Eingangsvoraussetzungen mitzubringen sind (vgl. z. B. Berthoud/Lüdi 2011; Oltean 2013). In der Regel betreffen solche Festlegungen unausgesprochenerweise ausschließlich Standardsprachen, keine Nonstandard-Varietäten.

An der PLUS gibt es nur wenige Dokumente, die Normen für die Sprachverwendung enthalten. In keinem dieser Texte waren Hinweise auf die Varietätenverwendung auffindbar. Dort, wo Standardvarietäten vorhanden und auch institutionell „anerkannt“ sind – z. B. Britisches und Amerikanisches Englisch – werden sie nicht erwähnt. So gibt es etwa keine Festlegung, in welcher Standardvarietät englischsprachige Lehrveranstaltungen abzuhalten wären.

Für das Deutsche gibt es (anders als in den schulischen Curricula für den Deutschunterricht) keine explizite Festlegung, dass die Standardsprache bzw.←391 | 392→ welche Standardvarietät zu verwenden wäre. Auch aufgrund vieler Reaktionen in den Interviews mit Mitgliedern der Universitätsleitung (vgl. Maier 2016) ist anzunehmen, dass diese Nichterwähnung einer selbstverständlichen Gleichsetzung von universitärer Sprachverwendung und Standardsprache geschuldet ist. Im Sinne von Berthoud/Lüdi (2011) stellt auch diese Laissez-Faire-Haltung eine sprachenpolitische Maßnahme dar, denn Sprachenpolitik ist

[…] any form of intervention (and indeed non-intervention i.e. laissez-faire) by a political authority to direct and regulate the use [… ] of one or more languages in a given political area. (Berthoud/Lüdi 2011: 479)

In der Folge soll daher anhand anderer Datenquellen überprüft werden, welche Varietäten im Kontext der Universität als angemessen beurteilt werden und welcher Varietätengebrauch angegeben wird.

4.2 Situativ differenzierte Sprachverwendung und Angemessenheitsurteile

Für einen ersten Überblick über das Datenmaterial seien zuerst die Ergebnisse aus den Fragebögen vorgestellt, in denen wir die ProbandInnen nach ihrer Sprach- und Varietätenverwendung wie auch nach ihren diesbezüglichen Angemessenheitsvorstellungen befragten. Im Anschluss daran werden vertiefend Daten aus den Interviews herangezogen.

Auch wenn die Daten aufgrund der problematischen Differenzierung des diaglossischen Kontinuums zwischen Standardsprache und Dialekt (wie in Abschnitt 3 dargestellt) im Detail mit Vorsicht zu interpretieren sind, ist bei allen Probandengruppen die situative Differenzierung interessant, die sich im Gesamtergebnis sehr deutlich niederschlägt.

4.2.1 Ergebnisse im Überblick

Die folgenden Diagramme zeigen die Ergebnisse aus 970 Fragebögen hinsichtlich der Angemessenheitsurteile bei Studierenden, Lehrenden und VerwaltungsmitarbeiterInnen (vgl. Abb. 1–3).12 Bei den jeweiligen Fragen waren Mehrfachantworten möglich.←392 | 393→

Abb. 1 zeigt, dass die Standardsprache von 28 % der Studierenden in privaten Situationen (Familie, Freunde) als „angemessen“ erachtet wird. Mit anderen Studierenden in informellen universitären Kontexten ist sie für 48 % der ProbandInnen angemessen. Ihr Platz ist eindeutig in formellen Situationen – in Schaltergesprächen (84 %) und in Lehrveranstaltungen (93 %).

Die Umgangssprache ist in allen Kontexten überwiegend angemessen – die Prozentsätze schwanken zwischen 48 % (in Lehrveranstaltungen) und 83 % (informelle Gespräche mit anderen Studierenden).

Dialektverwendung erscheint – wie zu erwarten – fast allen mit Familienmitgliedern und Freunden als „angemessen“ (91 % bzw. 90 %), mit anderen Studierenden immerhin noch zu 63 %. Bei Schaltergesprächen sieht immer noch ein Fünftel (20 %) den Dialekt als angemessen, in den Lehrveranstaltungen noch 14 %.

Abbildung 1: Angemessenheitsurteile der Studierenden

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←393 | 394→

Die Lehrenden, die im Fragebogen nicht zum eigenen Sprachgebrauch, sondern zu dem der Studierenden befragt wurden,13 beurteilen Dialektverwendung in studentischen Präsentationen strenger als dies die Studierenden tun (nur 8 % finden sie angemessen, vgl. Abb. 2). Die Bewertung im Kontext von Prüfungsgesprächen liegt knapp darüber (10 %), wohingegen spontane Wortmeldungen in der Lehrveranstaltung (31 %) und Sprechstundengespräche (37 %) eine höhere Dialektakzeptanz zeigen. Die Sprechstunde ist die einzige Situation, in der die Umgangssprache mit 75 % sogar höhere Angemessenheitsurteile erhält als der Standard, der ansonsten in den formellen Lehr- und Prüfungskontexten mit 97 % bzw. 92 % als angemessenste Varietät eingestuft wird und dort auch die Umgangssprache weit hinter sich lässt.

Abbildung 2: Angemessenheitsurteile der Lehrenden bzgl. des studentischen Sprachgebrauchs

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Für das Verwaltungspersonal stellt sich die Auffassung von varietärer Angemessenheit etwas anders dar (vgl. Abb. 3). Sie erachten klar die Standardsprache als angemessenste Varietät im Kontakt mit Studierenden, Lehrenden und Vorgesetzten (80–84 %).←394 | 395→

Die Umgangssprache erhält hohe Nennungen für Angemessenheit im Familien- und Freundeskreis (73 %) sowie mit KollegInnen (77 %). Der Dialekt hingegen erhält nur im privaten Bereich eine hohe Zustimmung (80 %). Im Gespräch mit KollegInnen liegt der Wert schon unter 50 %, in formelleren Situationen wird Dialekt kaum akzeptiert (Werte zwischen 10 % und 15 %).

Abbildung 3: Angemessenheitsurteile des Verwaltungspersonals

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Verglichen mit den Angaben der Studierenden fällt v. a. auf, dass das Verwaltungspersonal für die Gespräche mit Gleichrangigen (in diesem Fall nicht Mitstudierende, sondern ArbeitskollegInnen) sowie im Kontakt mit den Studierenden den Dialekt deutlich seltener als angemessen beurteilt.

Um Begründungen dieser Angemessenheitsurteile zu erhalten, werden im nächsten Abschnitt die Interviews herangezogen.←395 | 396→

4.2.2 Angemessenheitsurteile und deren Begründung

In den Interviewdaten wird ebenfalls die vor dem Hintergrund des sprachlichen Diaglossiekontexts der PLUS erwartbare Domänenspezifik deutlich.14 Dabei ist vorerst festzuhalten, dass die zitierte Laissez-Faire-Haltung der Universität insoweit Bestätigung findet, als etwa in der Wahrnehmung des Verwaltungspersonals keine expliziten Vorgaben für sprachliches Verhalten fassbar werden: Man fühle sich „frei“ und „keinen Einschränkungen“ unterworfen, die varietäre Wahl sei „komplett offen“. Diese grundsätzliche Einschätzung dieser Gruppe ist wohl im Zusammenhang mit unserem Befund fehlender statuierter, legalistischer Normen zu sehen, denn, wie in Abschnitt 4.2.1 dargestellt, legen alle Gruppen an der Universität in formellen Kommunikationssituationen einen am Standard orientierten Sprachgebrauch zugrunde. Ein Funktionär der PLUS (S4)15 verdeutlicht dieses Primat der Standardsprache mit ihrem hohen offenen Prestige. Auf die Frage nach der für die Universität angemessenen Sprache antwortet er sinngemäß: „Hohe Schule – hohe Sprache“.16

Neben dem Fehlen statuierter Normen lassen allerdings die Angemessenheitsurteile und gegebenenfalls deren je spezifische Begründung den Schluss auf vorhandene implizite Normen und deren Beschaffenheit zu. Sie sollen im Folgenden kurz thematisiert werden.←396 | 397→

Als ein die herrschenden Angemessenheitsurteile steuernder Faktor wird häufig das hierarchische Verhältnis der GesprächsteilnehmerInnen zueinander angeführt. So hält etwa eine Verwaltungsmitarbeiterin (VAF; L1 Deutsch) fest: „Ich glaube, dass das hierarchiemäßig ist. Gerade mit Professoren spricht man nach der Schrift. Wir Kolleginnen vom nichtwissenschaftlichen Personal reden fast alle Dialekt untereinander, weil das Verhältnis anders ist“.17

Sehr häufig wird auch die wechselseitige Verstehbarkeit ins Treffen geführt: Nicht selten finden wir, v. a. bei Lehrenden mit einer von Deutsch abweichenden L1 sowie bei aus Deutschland stammenden Lehrenden, Hinweise auf entsprechende Probleme in Kommunikationssituationen mit österreichischen KollegInnen und dem Verwaltungspersonal.

Im Zusammenhang mit der wechselseitigen Verstehbarkeit wird in allen Untersuchungsgruppen auf die Akkommodation als gesprächs- und angemessenheitssteuernden Faktor hingewiesen. Im Regelfall wird eine upward accent convergence beschrieben, seltener findet die downward accent convergence Erwähnung.18 Als Regelfall also wird die Annäherung des hierarchisch Unter- zum hierarchisch Übergeordneten und dessen Varietät mit höherem offenen Prestige, dem Standard, betrachtet. Abweichend davon aber erzählt eine aus Deutschland stammende Psychologin (LAB; L1 Deutsch), dass sie ihre Begrüßung an das Verwaltungspersonal anpasse:

Es gibt relativ viele Angestellte an der Uni, nicht unbedingt wissenschaftliche Mitarbeiter, aber Sekretärinnen, die regional gefärbt sprechen und sich auch freuen, wenn man zum Beispiel die regionalen Begrüßungsformen beherrscht; diese werden zum Teil als angemessener beurteilt.

Angemessenheit scheint hier in reportierter downward accent convergence mit der Höflichkeitsstrategie erklärt zu werden, bestehende hierarchische Strukturen scheinbar außer Kraft zu setzen. Leider ist weder bekannt, was unter „regionalen Begrüßungsformen“ verstanden wird, noch, wie das Verwaltungspersonal diese Form der Akkommodation wahrnimmt. Tatsächlich kann Akkommodation auch missglücken, wie ein Wissenschaftler mit bundesdeutschem Hintergrund (LUF; L1 Englisch/Deutsch) ausführt: „Einige versuchen ja, wenn sie hören, dass man selber nicht Dialekt spricht, so ein Pseudo-Hochdeutsch“.←397 | 398→

Im Allgemeinen wird Akkommodation als Form des „höflichen“ bzw. „respektvollen“ Umgangs miteinander gewertet. Eine Verweigerung der upward accent convergence wird als Unhöflichkeit bzw. „Respektsverweigerung“ betrachtet. Eine Salzburger Verwaltungsmitarbeiterin (VEB; L1 Deutsch) etwa hält auf die Frage, weshalb Dialekt in bestimmten Situationen an der Universität unangemessen sei, fest:

Ich stell mir mal vor, wenn es jetzt die Kommunikation ein bissl behindert oder sich dadurch Vorgesetzte oder Professoren nicht respektiert fühlen könnten oder so oder glauben, man macht sich über sie witzig oder sonst irgendwas.

Wenig verwunderlich vor dem Hintergrund des Primats der Standardsprache und zugleich aufschlussreich: Die Verweigerung der downward accent convergence wird nie in Betracht gezogen.

Ein weiterer wichtiger Faktor für die Beurteilung der Angemessenheit sprachlichen Verhaltens ist die Professionalität. Er wird in allen universitären Gruppen angeführt und lässt sich nicht auf die Wissenschaftsdomäne reduzieren. Ein Verwaltungsmitarbeiter (VOA; L1 Chinesisch) hält fest, dass es in sprachlicher Hinsicht „im akademischen Bereich bestimmte Normen“ gebe, an die man sich zu halten habe: „I glaube, das gehört einfach zu einer gewissen Art von Professionalität“. Die aus Österreich stammende Theologin (LOB; L1 Deutsch) nennt explizit das „gehobene Deutsch“ ganz allgemein als ein Kriterium für Professionalität, bei der aus Deutschland stammenden Juristin (LIF; L1 Deutsch) hat es für Studierende mit Blick auf ihre spätere Berufsausübung als Professionalitätskriterium Relevanz.19 Ein Geisteswissenschaftler (LED; L1 Englisch) argumentiert die Relevanz der „Hochsprache“ für die Wissenschaft damit, dass sie eine Schriftsprache sei und die Schriftlichkeit für die Wissenschaft zentral. Dialekt könne, so folgert er, für die Wissenschaft hinderlich sein. Mit Blick auf die fehlende Verschriftlichungstradition ist das nachvollziehbar. Die Argumentation wird allerdings noch weitergeführt: Nonstandard sei im Wissenschaftsbetrieb unvorteilhaft, da die für die Wissenschaft wichtigen analytischen Begriffe fehlten. Die dabei aber drohende Vermischung zweier getrennter Ebenen verdeutlicht ein Jurist (LIC; L1 Deutsch): Er selbst sei nicht davor gefeit auf die studentische Dialektverwendung mit Lachen zu reagieren. Entscheidend dabei könne aber „nicht nur die sprachliche Varietät, sondern auch mangelnde Wissenschaftlichkeit“ sein. Den Nachweis der Unabhängigkeit dieser beiden Ebenen versucht ein Naturwissenschaftler (LAC;←398 | 399→ L1 Bairisch) während des Interviews anzutreten: Er trägt einen zweisprachig Englisch und Bairisch verfassten Abstract zu einem seiner fachwissenschaftlichen Artikel in seiner „Muttersprache Bairisch“ vor und legt damit Zeugnis für jene MuttersprachlerInnen ab, die die Stimme gegen den an der Universität wahrgenommenen sprachlichen Habitus erheben. Sie fordern „mehr Bewusstsein und Offenheit gegenüber verschiedenen Sprachen und Varietäten“ und kritisieren die an der Universität vorherrschende Domänenspezifik. Man müsse, so ein interdisziplinär angesiedelter Wissenschaftler (LAD; L1 Deutsch), wegkommen von der „hehren wissenschaftlichen Idee“, die im akademischen Betrieb „das reine Hochdeutsch als totalen Standard propagiert“. Derartige Bestrebungen verfolgen aktiv eine Ausweitung der Domänenspezifik und Aufwertung des offenen Prestiges nonstandardsprachlicher Varietäten.

4.3 Konzeptionen des Standards

Für die Universität lässt sich trotz derartiger Bestrebungen und in Übereinstimmung mit dem Konzept der „hidden language“ (Vogl 2012: 26–36) eindeutig das Primat des Standards formulieren. Versucht man auf Basis des umfangreichen Interviewmaterials eine Verortung des Standards, fällt vorerst auf, dass gängige Definitionsmerkmale eine Rolle spielen (vgl. Klein 2013): der Standard als überregionale, stilistisch neutrale, schriftsprachenahe und distanzorientierte Varietät. Auch sprachgebrauchsorientierte Verortungen, die, wie erwähnt, als Textsorte häufig universitäre Vorlesungen bzw. allgemein „die Sprache an der Universität“ anführen, spiegeln sich in den Interviews, ebenso wie die besondere Funktion, die der Universität als Teil des Bildungssystems bei der Normierung der Standardsprache zukommt. Dabei liegt die Frage nahe, wo die Universität bzw. deren Angehörige selbst die Standardsprache verorten. Die Antwort vorweg: Es gibt nur spärliche Hinweise auf sprachliche Merkmale zu deren Verortung. Sie ist zudem meist nur ex negativo möglich, indem unangemessenes sprachliches Verhalten, Probleme von DialektsprecherInnen mit der Standardsprache etc., ganz konkret anhand sprachlicher Variablen ausgeführt werden.

Erwähnung finden in den Interviews die Bereiche „Aussprache“, „Grammatik“ und „Wortwahl“. Die „Aussprache“ wird dabei am häufigsten genannt: So führt ein Student (SIH; L1 Deutsch) als Beispiel für Probleme mit der Aussprache des Standards die Aussprache des Artikels „das“ (dialektal [deːs] vs. standardsprachlich [das]) an. Eine Juristin (LIE; L1 Deutsch) hält fest, dass Unterschiede in der „Färbung der Vokale“ und „zum Teil der Konsonanten“ bestünden. Auch Frotzeleien können, indem dabei saliente Merkmale bzw. Stereotype thematisiert werden, Indizien für die Verortung des Standards liefern: So erzählt eine Studen←399 | 400→tin (SIG; L1 Deutsch), als Tirolerin wegen der Aussprache des Plosivs /k/ „oft ein bisschen durch den Kakao gezogen“ zu werden. Sie habe „den Spruch [baˈnaːnɛkχ] schon fünf Millionen Mal gehört“.20 Folgerichtig erklärt auch ein junger, aus Tirol stammender Jurist (LOF; L1 Deutsch), dass er kein „massives k“ verwende: „Das versuche ich immer zu vermeiden“.

Die „Grammatik“ wird häufig im Zusammenhang mit der Sprachrichtigkeit erwähnt: Die zitierte Tiroler Studentin (SIG; L1 Deutsch) verweist darauf, dass der Dialekt „grammatikalisch nicht richtig“ sei und man im Dialekt „das Verb vielleicht an die falsche Stelle [setze] oder das Subjekt oder was auch immer“. Eine deutsche Juristin (LIF; L1 Deutsch) erkennt hier auch Handlungsbedarf:

[...] gewisse grammatikalische Ungenauigkeiten [sind] unglaublich schwer […] rauszukriegen. Das ist ein richtig festes Programm. Da gehört bei einigen ein richtiges Sprachtraining dazu. Solche Sachen wie ‚da, wo‘ oder ‚die‘ […]. Da wird unglaublich viel ‚die‘ benutzt als Relativpronomen, egal, ob es passt oder nicht.

Ähnlich äußert sich auch eine Linguistin (LEA; L1 Deutsch): Als Beispiel für situative Unangemessenheit des Dialekts verweist sie auf die Rede eines Mitglieds der Stadtverwaltung, in der ihr das Relativum „die was“ als „unangebracht“ aufgefallen sei. Das sei eine „schöne Art der Relativsatzbildung, aber nicht in diesem Kontext“.

Schließlich wird auch auf Unterschiede in der „Wortwahl“ verwiesen, wenngleich sich im Interviewmaterial aber nichts Konkretes jenseits von (wenig universitätsspezifischen) Beispielen wie Erdäpfel versus Kartoffel findet.

Was neben diesen spärlichen Hinweisen auffällt: Die häufige Feststellung der Unerreichbarkeit des Standards. Eine Studentin (SOI; L1 Deutsch) konstatiert, dass niemand „perfektes Hochdeutsch“ rede, da jeder „eine gewisse Farbe“ in der Aussprache habe. Ein österreichischer Theologe (LOC; L1 Deutsch) erzählt passend dazu, dass er zwar versuche, Standard zu sprechen, es ihm aber nicht gelinge. Man würde ihn immer an seiner regionalen „Vokaldehnung“ erkennen, weshalb er die in seiner Vorlesung verwendete Varietät eher als „gehobene Umgangssprache“ bezeichnen würde. Eine Reaktion auf die Unerreichbarkeit des Standards kam bereits zur Sprache: Man müsse wegkommen von einem Konzept, das im akademischen Betrieb „das reine Hochdeutsch als totalen Standard propagiert“ (LAD; L1 Deutsch). Ein Student (SOL; L1 Deutsch) befindet denn auch, dass nicht „jeder sprachlich so zurechtgedengelt werden sollte, dass alles uniform klingt“. Auch die Gefahr wird erkannt, dass man in der Verwendung←400 | 401→ des Standards gewissermaßen „über das Ziel hinausschieße“, was eine „gewollte“ oder „gestelzte“, überprononcierte Aussprache zur Folge habe (Student SOI) bzw. zu einem „sehr motorisch[en]“ Standard führe (Studentin SIG). Während einerseits die Homogenität des Standards in Frage gestellt wird, findet sich ein anderer Umgang mit der Unerreichbarkeit des Standards bei einem Juristen (LOE; L1 Deutsch). Mit dem Ziel des Abbaus sozialer Differenzen plädiert er als „gelehriger Schüler ganz großer Sozialreformer“ in Berufung auf die Französische Revolution für die Reduktion varietärer Vielfalt zugunsten des „Hochdeutschen“: „Warum soll ich sozusagen eine Unterschicht perpetuieren mit der Sprache – das ist auch eine soziale Frage“. Zur Beseitigung ungerechtfertigter Etablierung sozialer Ungleichheit auf varietärer Basis spricht er den Dialekten einen selbständigen Seinszustand ab: „Es gibt keine Dialekte mehr. Wenn der Dialekt darin besteht, dass ich sage ‚jo‘ anstatt ‚ja‘, ist es banal“. Dialekte seien heute nur mehr „ein Sammelsurium aus Hochdeutsch, das schlecht ausgesprochen wird“.

Im Zusammenhang mit der Unerreichbarkeit des Standards wird auch auf das bundesdeutsche Deutsch als Zielnorm verwiesen: So erzählt eine Studentin (SOE; L1 Deutsch), dass sie für ein Rundfunk-Praktikum ein Aussprachetraining absolvieren musste. Sie habe zuvor [ʃpɔɐt] statt [ʃpɔʁt] artikuliert und kein stimmhaftes s verwendet: „Ich konnte einfach nicht richtig Hochdeutsch sprechen“. Die Sicht bundesdeutscher SprecherInnen bzw. SprecherInnen mit nichtdeutscher L1 auf den Standard des Deutschen in Österreich ist unterschiedlich: Da ist vom aus Deutschland stammenden Geisteswissenschaftler (LAG; L1 Deutsch) zu hören, das Deutsche in Österreich sei dialektnahe, die österreichische Hochsprache mit dialektalen Begriffen angereichert, weshalb er diese Sprache eher als „Umgangssprache“ bezeichnen würde. Eine Verwaltungsmitarbeiterin (VOB; L1 Französisch), ehemalige Studentin der PLUS, erzählt, dass von Programmstudierenden mit nichtdeutscher L1 oft über den Dialekt der Lehrenden in den Lehrveranstaltungen geklagt würde: Man könne daher dem Unterricht nicht folgen. Die Erfahrung, dass Dialekt in der Lehre in Salzburg eine große Rolle spiele, habe sie selbst zu Beginn ihres Studiums in Salzburg auch gemacht. Deutlicher noch formuliert das ein Wissenschaftler (LUF; L1 Englisch/Deutsch) mit bundesdeutschem Hintergrund: Anders als in Bayern gebe es in Österreich als Resultat des Versagens des Schulsystems viele Dialektsprecher, die nicht in der Lage seien, Standard zu sprechen: „In Österreich ist das ganz anders, da bin ich noch auf keinen gestoßen, der wirklich Hochdeutsch spricht. Man hört immer, wo der herkommt und zwar vom Dialekt her“. Interessant ist, dass dieser Lehrende für sich selbst Standardnähe beansprucht: „Ich selber spreche nahe dem Hochdeutschen, wenn das dann andere hören, versuchen sie mit mir Hochdeutsch zu sprechen, doch hört man←401 | 402→ das noch ganz stark, dass sie aus Österreich kommen“. Vor diesem Hintergrund ist es zu sehen, wenn eine junge Geisteswissenschaftlerin aus Österreich (LIH; L1 Deutsch) Diskriminierungen österreichischer Studierender durch „deutsche Kollegen“ vermutet. Ihr selbst sei es passiert, erzählt sie lachend, dass ihr die Vorgesetzte österreichische Ausdrücke in Texten korrigiere, was sie jedes Mal „furchtbar“ finde.21 Mehr Vorsicht in Bezug auf diesen heiklen sprachpolitischen Aspekt beweist eine aus Deutschland stammende Juristin (LIF; L1 Deutsch). Als Deutsche könne sie die Sprache der Studierenden nur vorsichtig kritisieren: „Da bin ich sehr vorsichtig zu sagen, sie müssen sich verständlich ausdrücken“. Sie sei deshalb vorsichtig, „weil sich’s von oben herab anhört, wenn man aus ‘nem andren Land kommt“. Dass diese Vorsicht durchaus berechtigt ist, machen Stimmen deutlich, wie jene eines österreichischen Theologen (LOC; L1 Deutsch), der den bundesdeutschen Standard nicht als Zielnorm anerkennt: „Ich bin Anhänger des österreichischen Deutsch und […] empfinde meine deutschen Kollegen [und deren Deutsch] als eine andere Sprache, ich spreche Österreichisch“. Von seinen deutschen KollegInnen fordert er die Flexibilität ein, sich „an das jeweilige Idiom anzupassen“.

5 Fazit

Für das Konzept der Standardsprache spielt die Universität sowohl in definitorischen Bestimmungen als auch in gebrauchsbasierten Verortungen eine zentrale Rolle. Auf Basis quantitativer und qualitativer Selbsteinschätzungs-, Einstellungs- und Perzeptionsdaten aus dem Projekt VAMUS lässt sich trotz Fehlen legalistischer, statuierter Normen für die PLUS eindeutig ein situationsspezifisches Primat des Standards bestätigen. Daneben sind aber in informelleren Situationen die Angemessenheitsurteile für die Umgangssprache auffallend positiv. In Bezug auf Konzeptionen bzw. Verortung des Standards erfüllen sich Hoffnungen auf eine Spezifizierung allerdings nur sehr bedingt: Jedenfalls als auffällig kann festgehalten werden, dass der Standard häufig als eine unerreichbare Norm betrachtet wird. Selten aber werden konkrete Variablen und die als standardsprachlich erachteten Varianten genannt. Vor diesem Hintergrund sind weitere Analysen des VAMUS-Datenmaterials – besonders auch des tatsächlichen sprachlichen Verhaltens in universitätstypischen Kommunikationssituationen (vgl. dazu Vergeiner 2019; Vergeiner i.Dr. 2019) – äußerst aufschlussreich.←402 | 403→

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1 Im Bereich der Sprachverwendung an der Universität wären dies z. B. die Definition der Sprachen bzw. der Kompetenzstufen ihrer Beherrschung für den Universitätszugang oder die Festlegung der Sprachen, in denen Prüfungen abgelegt oder Abschlussarbeiten verfasst werden können.

2 Takahashi (vgl. 2004: 173 f.) unterscheidet nach Wright (vgl. 1963: 70) überdies Obligationsnormen (z. B. die Verwendung von Standardsprache) und permissive Normen.

3 Sie können allerdings auch in nicht-elizitierter Interaktion auftreten – als Teile metasprachlicher Diskurse (vgl. einige der Beispiele in König (2015: 225), die aufzeigen, „wie stark Sprachideologien als nicht weiter hinterfragbare sprachliche Normen in die mehrsprachigkeitsbezogenen Bewertungen in der Interviewinteraktion eingehen.“).

4 Hier soll nicht auf ein bestimmtes konkretes Konzept rekurriert werden (vgl. Zeman 2013: 192–195) – prototypisch-binär oder diversifikatorisch-multifaktoriell.

5 Destandardisierung wird sehr unterschiedlich modelliert. Daneš (2008: 2200) umschreibt sie als „eine deutliche Öffnung der bisher homogenen und fest kodifizierten Norm in Richtung auf regional-umgangssprachliche Formen. Zwar wird die klassische Norm nicht verdrängt, aber die Variationsbreite nimmt kontinuierlich zu. […] d. h. bislang stigmatisierte Varietäten einer Einzelsprache werden für eine größere Sprachgemeinschaft akzeptabel“. Schmidlin (2011: 68) hält drei mögliche Tendenzen fest: 1) das „Absinken“ der Standardvarietät Richtung Dialekt, 2) „die Ersetzung des Standards durch standardsprachliche Regionalvarietäten“ oder aber 3) „die Bildung großräumiger Regionaldialekte“, d. h. das „Aufsteigen“ von Nonstandardelementen in den Standard.

6 Projektleitung: Monika Dannerer und Peter Mauser, gefördert vom Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank, ÖNB-Projekt No. 15.827, Laufzeit 4/2014–9/2018.

7 Die Interviews mit den Studierenden dauerten zumeist die vereinbarten 30 Minuten, in der Verwaltung und v. a. bei den Lehrenden hingegen oftmals wesentlich länger (die maximale Interviewdauer betrug 79 Minuten).

8 In diesem Bereich wurden vergleichend auch Interviews an den Universitäten Innsbruck und Wien sowie an der dreisprachigen Universität Bozen geführt. Die Interviewdauer lag hier zwischen 10 und 81Minuten (vgl. Maier 2016: 62).

9 Dies bedeutet nicht, dass im Datenkorpus nicht auch die Quellen (2) und (3) enthalten wären – Quelle (2) etwa durch unmittelbar nachvollziehbare Beurteilung sprachlichen Handelns (z. B. Fremd- oder Selbstkorrekturen).

10 Vgl. dazu, wie auch zur Diskussion des Kontinuums- versus Schichtenmodells, Ender/Kaiser (2009: 268–272).

11 Vgl. z. B. Pramper et al. (62008: 151); Rainer/Rainer (42008: 164).

12 Die Ergebnisse umfassen jeweils alle ProbandInnen einer Gruppe, unabhängig von der Erstsprache. In allen Gruppen unterscheiden sich die ProbandInnen mit Deutsch als L1 von denjenigen mit Deutsch als Zweitsprache und v. a. von denjenigen mit Deutsch als Fremdsprache (als solche werden im Projekt Personen mit einer anderen L1 als Deutsch definiert, die die Schule nicht im deutschsprachigen Raum abgeschlossen haben) sehr deutlich. Letztere nennen Dialekt für formellere Situationen z. T. nie als angemessen. Eine Differenzierung zwischen ProbandInnen aus Österreich und aus anderen deutschsprachigen Ländern ist noch ausständig (vgl. Dannerer i.V. 2019).

13 Dies ist vor allem dem begrenzten Platz im Fragebogen geschuldet: Es erschien uns bei den Lehrenden erwartbar, dass sie Urteile über den angemessenen Sprachgebrauch eher dem reportierten eigenen Sprachgebrauch anpassen würden.

14 Es ist durchaus denkbar, dass ähnliche Ergebnisse auch an anderen Universitäten sichtbar werden, für die vergleichbare sozialsprachliche Rahmenbedingungen zutreffen: Standardsprache als Sprache der Distanz in formellen, Dialekt als Sprache der Nähe in informellen Situationen, geringe sozioökonomische Stratifikation auf Basis des Dialekts sowie vergleichsweise große Homogenität der Studierendenschaft mit Blick auf die regionale Herkunft.

15 Im Rahmen der Anonymisierung wurden für InterviewpartnerInnen aus der Leitungsebene zwei- und ansonsten dreistellige Siglen vergeben. In der Leitungsebene lassen sie ausschließlich Rückschlüsse auf den Universitätsstandort, nicht aber auf die hierarchische Position zu. Die dreistelligen Siglen differenzieren mit dem ersten Buchstaben L(ehrende)/S(tudierende)/V(erwaltungspersonal), die folgende Kombination aus Vokal und Konsonant ist zufällig. Unter Sicherstellung der Anonymität werden z. T. auch L1, Fach, Fakultät und regionale Herkunft angeführt.

16 Mit Blick auf die Relevanz universitärer Textsorten für die gebrauchsbasierte Definition des Standards verwundert diese Feststellung nicht. Verwunderlich ist die Offenheit, mit der auf die Verknüpfung von Sprache und Bildungsstand hingewiesen wird: Auf die Frage, ob in seinem universitären Arbeitsumfeld auch Dialekte und Umgangssprachen vorkämen, bejaht S4, und zwar mit dem Argument, dass in der Verwaltung Personen aus unterschiedlichen Bildungsschichten tätig seien.

17 Das mit Blick auf den Umfang des Beitrags hier inhaltsanalytisch ausgewertete Interviewmaterial wird, abweichend von den sonst im Projekt verwendeten GAT-2-Konventionen, in einer Umschrift zitiert, die weder (supra-)segmentale Merkmale noch gefüllte Pausen, Abbrüche etc. berücksichtigt.

18 Vgl. Giles (1973).

19 Gefasst wird Professionalität gruppenabhängig zwischen Seriosität bzw. Wissenschaftlichkeit, sodass Lehrende gegen den Dialekt fehlende Wissenschaftlichkeit ins Treffen führen.

20 Absurde, den TirolerInnen nachgesagte Epenthese von affriziertem /k/ im Lexem Banane; zur Affrizierung von /k/ vgl. Moosmüller (1991: 149).

21 Umgekehrt sind auch bundesdeutsche SprecherInnen negativen Erfahrungen an der PLUS ausgesetzt; zum Aspekt der Diskriminierung vgl. Schnötzinger (2016).