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Dimensions of Linguistic Space: Variation – Multilingualism – Conceptualisations Dimensionen des sprachlichen Raums: Variation – Mehrsprachigkeit – Konzeptualisierung

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Edited By Lars Bülow, Ann Kathrin Fischer and Kristina Herbert

This volume focuses on the use and structure of the German language in Austria. In addition, the aim of the book is to compare the linguistic conditions in Austria with those in other German speaking countries. The 20 articles present current findings from the research fields of variation, contact and perception.

Der Band widmet sich schwerpunktmäßig der Verwendung und Struktur der deutschen Sprache in Österreich. Ziel des Sammelbandes ist es außerdem, die sprachlichen Verhältnisse in Österreich mit denjenigen in anderen deutschsprachigen Ländern zu vergleichen. In 20 Beiträgen werden daher aktuelle Forschungsergebnisse aus den Forschungsbereichen Variation, Kontakt und Perzeption vorgestellt.

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Ambivalente Spracheinstellungen und was dahintersteckt: Mentale Modelle im diglossischen und plurizentrischen Kontext der Deutschschweiz (Rebekka Studler)

Rebekka Studler

Ambivalente Spracheinstellungen und was dahintersteckt: Mentale Modelle im diglossischen und plurizentrischen Kontext der Deutschschweiz

Abstract: Attitudes towards High German in German-speaking Switzerland turn out to be partly in conflict. This paper shows how these ambivalent attitudes become manifest in folk perception and evaluation of the language (situation), and, furthermore, that they can be disentangled by assuming various mental models to be responsible for the conceptualisation of High German.

1 Einleitung

Die Auseinandersetzung mit Standarddeutsch und Dialekt hat in der Schweiz eine lange Tradition – sowohl wissenschaftlich als auch im privaten und öffentlichen Diskurs. Nicht nur das alltägliche Nebeneinander von Standard („Hochdeutsch“) und Nonstandard („Schweizerdeutsch“), sondern auch die Existenz verschiedener Standardvarietäten für Deutschland, Österreich und die Schweiz sind verantwortlich für eine komplexe Sprachsituation, die die Deutschschweiz tiefgreifend prägt. Sprachwissenschaftlich wird diese Konstellation mit den Konzepten Diglossie und Plurizentrizität gefasst.

Zurückgehend auf Ferguson (1959) wird Diglossie als Sprachsituation begriffen, in der eine Sprachgemeinschaft zwei Varietäten oder zwei Sprachen (vgl. Fishman 1967) mit unterschiedlichem Prestige in funktionaler Verteilung verwendet. Da in der Schweiz Standarddeutsch vorwiegend in schriftlichen Kontexten, Schweizerdeutsch hingegen vorwiegend in mündlichen Kontexten verwendet wird, hat Kolde (1981) zudem vorgeschlagen, die Deutschschweiz als mediale Diglossie zu bezeichnen. Dass die Deutschschweiz allerdings nur bedingt als (mediale) Diglossie gelten kann und das Konzept weiter adaptiert oder als bilinguale Sprachsituation umgedeutet werden sollte, ist hinlänglich gezeigt worden (für Details verweise ich auf Werlen 1998; Haas 2004; Berthele 2004; Studler 2017a). Ungeachtet der theoretisch-terminologischen Schwierigkeiten bleibt unbestritten, dass dem Dialekt der Status der Umgangssprache unter Dialektsprecherinnen und←407 | 408→ -sprechern zukommt – anders als in Deutschland und (Ost-)Österreich1 besteht kein Dialekt–Standard–Kontinuum, das die Ausbildung einer Umgangssprache zwischen Dialekt und Standardsprache unterstützen würde. Der Gebrauch des Standarddeutschen hingegen wird auf ausgewählte (formelle) Gebrauchskontexte limitiert und als Kommunikationssprache mit dialektunkundigen Gesprächspartnern verwendet.

Spätestens seit Clyne (1995), der das Konzept der Plurizentrizität für Sprachen mit mehreren Standardvarietäten für die deutsche Sprache etabliert hat (vgl. auch Ammon 1991), wird in sprachwissenschaftlichen Kreisen und neuerdings auch im öffentlichen Sprachdiskurs der Standardvarietät schweizerischer Prägung ein eigener Stellenwert beigemessen (vgl. Sieber 2013: 126). Eine gemeindeutsche Normierung wird abgelehnt – national oder areal geprägte Varianten werden anerkannt (vgl. z. B. Ammon et al. 2004; Dürscheid/Elspaß 2015).

Die Standardvarietäten einer plurizentrischen Sprache sind bezüglich ihres Status nicht zwingend gleichwertig, „i.e. pluricentricity may be symmetrical but is usually asymmetrical.“ (Clyne 1995: 21, Hervorhebung im Original). Dennoch wird diese Egalität von sprachwissenschaftlicher und (sprach-)politischer Seite mit Deutlichkeit gefordert. Gleichzeitig wird beklagt, dass das linguistische Konzept der Plurizentrizität „in den Köpfen“ der Bevölkerung noch nicht verankert sei (vgl. z. B. Scharloth 2005): Unterschiede werden zwar durchaus wahrgenommen, aber unterschiedlich bewertet – deutsches Hochdeutsch gilt als richtiges und gutes Deutsch, Schweizer Hochdeutsch als fehlerhaft, dialektal und ungelenk (vgl. z. B. Schmidlin 2011).

Vor diesem Hintergrund bilden sich charakteristische Einstellungen zum Hochdeutschen heraus. Seit der Hinwendung zu subjektiven Sprachdaten werden die Wahrnehmung und die Beurteilung von Hochdeutsch und Dialekt durch sogenannte Laien in der soziolinguistischen Einstellungsforschung untersucht. Insbesondere in Studien aus den 1980er- und 1990er-Jahren wurde herausgestellt, dass zwar die Einstellungen zum Schweizerdeutschen nahezu ausschließlich positiv, die Einstellungen zum Hochdeutschen hingegen tendenziell negativ sind. Hochdeutsch wird als Leistungssprache der Schule (vgl. Sieber/Sitta 1986; Häcki/Buhofer/Studer 1993), als Fremdsprache und Sprache der Deutschen wahrgenommen, was letztlich dazu führt, dass die Einstellungen zum Hochdeutschen häufig verknüpft sind mit den Einstellungen zu den Deutschen (vgl. Schläpfer et al. 1991).←408 | 409→

Die Resultate einer aktuellen Studie, basierend auf Daten aus den Jahren 2013/14, deuten hingegen darauf hin, dass die Einstellungen zum Hochdeutschen weniger negativ sind als bislang vermutet und Hochdeutsch im Alltag selbstverständlicher verwendet wird als bisher kolportiert (vgl. dazu auch Christen et al. 2010). Nichtsdestoweniger bleiben die Einstellungen ambivalent. In diesem Beitrag werden die aktuellen Einstellungstendenzen und ihre Ambivalenzen aufgezeigt und in Anlehnung an Christen et al. (2010) zu deren Deutung eine differenzierte Konzeptualisierung von Hochdeutsch vorgeschlagen, die auf verschiedenen mentalen Modellen gründet. Hierfür werden in Abschnitt 2 das Methodendesign und die Datenbasis der vorliegenden Studie kurz vorgestellt sowie die aktuellen Einstellungstendenzen skizziert; in Abschnitt 3 werden für eine mehrdimensionale Konzeptualisierung von (ambivalenten) Einstellungen die mentalen Modelle des Hochdeutschen (Norm, Plurizentrizität, Diglossie, Schriftlichkeit und Mündlichkeit) anhand ausgewählter Daten der vorliegenden Studie diskutiert. Der Beitrag schließt mit einer Zusammenfassung und einem kurzen Fazit.

2 Die Studie: Methode, Datenbasis und aktuelle Einstellungstendenzen

Die vorliegende Studie ist in der linguistischen Einstellungsforschung resp. der Folk Linguistics (vgl. Niedzielski/Preston 2000) zu verorten, insofern als subjektive Sprachdaten, die mittels direkter Methode erhoben wurden, untersucht werden. Die Befragten wurden über Sinn und Zweck der Untersuchung informiert, sie geben bewusst Auskunft über ihre Wahrnehmung und Beurteilung der Sprachsituation und ihre Meinungen, Gefühle und Einstellungen zu Hochdeutsch und Dialekt. Zudem schenkt die Studie der unterschiedlichen Genese von Einstellungen ein besonderes Augenmerk: Das traditionelle Paradigma der Spracheinstellungsforschung, das Einstellungen als in der Sprachsozialisierung angeeignet und damit als relativ statisch konzipiert (vgl. z. B. Deprez/Persoons 1987), wird mit dem neueren Paradigma vereint, das Einstellungen als in der Interaktion ausgehandelt und damit dynamisch versteht (vgl. z. B. Hyrkstedt/Kalaja 1998). Diese Kombination mündet in eine integrative Konzeption, die Einstellungen als Konglomerat von sedimentiertem Wissen (als Teil der brought-along-Identität, vgl. Baynham 2015) und interaktionaler Reflexion (als Teil der brought-about-Identität) begreift (vgl. Studler 2014).

Die Studie ist als Mixed Methods Research (vgl. Teddlie/Tashakkori 2009) angelegt, indem quantitative und qualitative Daten kombiniert werden. Die Daten wurden mittels eines Fragebogens mit 60 geschlossenen und sieben of←409 | 410→fenen Fragen erhoben. Die geschlossenen Fragen liefern quantitative Resultate in Form von Likert Skalen, Semantischen Differenzialen etc., die offenen Fragen liefern qualitative Resultate in Form von Präzisierungen, Begründungen und Kommentaren. Die Fragenkomplexe des Fragebogens beziehen sich auf folgende Bereiche: 1. (Sprach-)Sozialisierung, 2. Sprachgebrauch und Kompetenz, 3. Wahrnehmung und Beurteilung, 4. Meinungen und Einstellungen und 5. Sprachpolitik.2 Insgesamt haben 750 Personen an der Befragung teilgenommen. Um breite Bevölkerungsschichten zu erreichen, wurde der Fragebogen als Online-Fragebogen konzipiert. Es konnte damit zwar keine repräsentative Stichprobe generiert werden, aber eine erfreuliche Diversität in Bezug auf die Variablen Alter, Geschlecht, Bildung und Beruf. Das Alter der Befragten liegt zwischen 14 und 82 Jahren, wobei jüngere Personen einfacher zu erreichen waren. Gut die Hälfte der Befragten sind zwischen 14 und 30 Jahre alt (51 %), knapp ein Drittel sind zwischen 31 und 50 (29 %), ein Fünftel der Befragten ist über 50-jährig. Der vielfach konstatierte Befund, dass Frauen in linguistischen Studien (bei freiwilligen Befragungen) häufig übervertreten sind, wird in dieser Studie bestätigt: 63 % der Befragten sind Frauen, 37 % Männer. Die Analyse der Variablen Bildung, Beruf und Sprachbeschäftigung zeigt die große Bandbreite in Bezug auf den unterschiedlichen soziolinguistischen Hintergrund der Befragten. Annähernd die Hälfte der Befragten (47 %) hat eine primäre resp. sekundäre Bildung (vorwiegend Berufslehre),3 gut die Hälfte verfügt über eine tertiäre Bildung (30 % Universität, 23 % Höhere Fachschule und Fachhochschule).4 Die Variable Beruf wird durch ein breites Spektrum abgedeckt, das sich von handwerklichen (wie Automechaniker, Schreinerin, Forstwart) über kaufmännische (wie Kaufmann, Sachbearbeiterin), künstlerische (wie Regisseur, Sängerin, Malerin), soziale (wie Pflegehilfe, Therapeut) bis zu didaktischen (Lehrpersonen verschiedener Stufen und Fächer) und←410 | 411→ akademischen Berufen (wie Professorin, wissenschaftlicher Assistent, Studentin) erstreckt. Um den Grad der Sprachorientierung in Ausbildung und Beruf (oder anders formuliert den „Laien- oder Expertenstatus“ der Befragten) zu eruieren, wurde zudem direkt nach der Sprachbeschäftigung gefragt: Während sich 70 % der Befragten in Ausbildung oder Beruf nicht mit Sprache beschäftigen, führen 30 % an, dass Sprache zu einem gewissen Grad Teil ihrer Ausbildung oder ihres Berufes ist.

Die vorliegende Studie bestätigt die Resultate früherer Forschung im Großen und Ganzen, gleichzeitig zeigt sich, dass die Einstellungen zum Hochdeutschen weniger negativ sind als bislang vermutet. Da unterschiedliche methodisch-theoretische Zugänge (namentlich indirekte und direkte Zugänge) nicht zwingend dieselben Resultate liefern, können die vorliegenden Daten allerdings nicht mit sämtlichen Studien eins zu eins verglichen werden; als direkte Vergleichsbasis dient Schläpfer et al. (1991), deren Daten auf einer schriftlichen Fragebogenbefragung (mit teilweise nahezu identischen Fragen) beruhen.

Generell zeigt sich, dass die insbesondere in indirekten Zugängen eruierten Stereotype in der vorliegenden Studie reproduziert und bestätigt werden. Sie zeugen davon, dass in der Sprachsozialisierung generierte Einstellungen relativ stabil sind. Dazu zählen die beiden gängigsten und immer wieder kolportierten Stereotype, Hochdeutsch sei eine Fremdsprache und in der Schweiz spreche man nicht gerne Hochdeutsch. Gleichzeitig zeigt sich, insbesondere im direkten Vergleich mit Schläpfer et al. (1991), dass Hochdeutsch nicht nur als schöne, differenzierte Sprache, sondern auch als Kommunikationssprache verstärkt als selbstverständlich und bestens geeignet wahrgenommen wird – sowohl für die Kommunikation mit Deutschen und Österreichern als auch für die Kommunikation mit Anderssprachigen aus dem In- und Ausland. Zudem wird Hochdeutsch vorwiegend gern gesprochen, die Befragten schätzen ihre Kompetenz als (sehr) gut ein und ein Großteil verwendet Hochdeutsch im Alltag selbstverständlich. Während Schläpfer et al. (1991) quantitative Resultate zum deutschsprachigen Kulturraum, zu lokaler und nationaler Zugehörigkeit und zu Sprachpflege liefern, können die qualitativen Resultate der vorliegenden Studie diesbezüglich nicht nur Verschiebungstendenzen aufzeigen, sondern Aufschluss über saliente Themen geben, die grundsätzlich nicht zwingend auf einen Wandel der Einstellungen hindeuten müssen, sondern vor allem den Vorzug der Forschungsmethode (d. h. eines direkten Zugangs in einem Mixed Methods Design) herausstellen, einen vertiefteren Einblick in die hinter quantitativen Daten verborgenen Ursachen zu gewähren. Hierbei zeigen sich zwei entgegengesetzte Tendenzen: Hochdeutsch wird einerseits (zumindest von einem Teil der Befragten) als identitätsstiftende Sprache in einem gesamt←411 | 412→deutschen Sprach- und Kulturraum verstanden, andererseits wird Hochdeutsch als Konkurrenz und Bedrohung wahrgenommen, genährt durch die Angst um den Dialekt, und kann – als Sprache der Deutschen – zu (nationalem) Identitätsverlust beitragen.

3 Mentale Modelle des Hochdeutschen

Im Folgenden wird vorgeschlagen, der Koexistenz dieser positiven und negativen Einstellungen durch eine differenzierte Konzeption von Einstellungen zu begegnen. Anhand ausgewählter Aspekte wird demonstriert, wie ambivalente oder gar widersprüchliche Einstellungen auf unterschiedliche mentale Modelle zurückgeführt werden können. Bevor in Abschnitt 3.2 die verschiedenen Modelle anhand konkreter Beispiele und Resultate diskutiert werden, wird in Abschnitt 3.1 das Konzept der mehrdimensionalen Einstellungen generell kurz skizziert.

3.1 Konzeptionen zur Deutung ambivalenter Einstellungen

Um diese ambivalenten Einstellungen zu fassen, ist es zielführend, Einstellungen generell als Kombination von sedimentiertem Wissen (z. B. in Form von Stereotypen und Ideologien) und in der Interaktion oder Reflexion generierte aktuelle Überzeugungen zu begreifen (vgl. Abschnitt 2). Die Ambivalenzen, die auf diesem integrativen Einstellungskonzept gründen, können unbewusst sein, sie sind aber auch Teil der bewussten laiensprachlichen Verbalisierung, wie folgende Aussage stellvertretend zeigt.

(1) Die Meinungen sind natürlich immer von Kollektivaussagen beeinflusst, z. B. empfinde ich deutsches Hochdeutsch als kühl und arrogant, aber wahrscheinlich nur, weil ich mit dieser Einstellung geprägt wurde (denn vernunftorientiert und moralisch würde ich das niemals annehmen). Meinungen sind ansteckend! Aber so ist es nun mal.

Ambivalente Einstellungen sind im Prinzip dazu prädestiniert, Konflikte auszulösen. Allerdings zeugen Äußerungen, die diese Ambivalenz bewusst thematisieren, nur selten von real wahrgenommenen Konflikten – im Allgemeinen scheinen die Befragten erstaunlich gut mit diesen Widersprüchen zurechtzukommen. Die ausschlaggebenden Fragen sind demnach, worauf diese ambivalenten Einstellungen zurückzuführen sind und wie die Widersprüche (konfliktfrei) nebeneinander bestehen können. Dazu scheint es vielversprechend, generell von einer mehrdimensionalen Konzeption von Einstellungen auszugehen und von der Idee Abschied zu nehmen, dass es die Einstellung zu einem Objekt gibt. Einstellungen sind mehrdimensional, weil die Objekte der Einstellung mehrdimensional sind, wie in diesem Fall (Standard- und Nonstandard-)Sprachen: Sprachen erfüllen←412 | 413→ verschiedene Funktionen, sie werden in unterschiedlichen Kontexten mit unterschiedlichen Gesprächspartnern zu unterschiedlichem Zwecke verwendet. Unter der Annahme, dass Laien (und Experten) auf mentale Modelle abstützen, um ihre soziale Umgebung zu strukturieren und damit besser verstehbar zu machen (vgl. z. B. Tophinke/Ziegler 2006: 206), liegt die Annahme nahe, dass die unterschiedlichen Funktionsaspekte einer Sprache unterschiedliche Einstellungen generieren, die ihrerseits auf unterschiedlichen mentalen Modellen basieren.

Mentale Modelle werden dabei als mentale Repräsentationen wiederkehrender Phänomene und deren Interpretation in der Gesellschaft verstanden, die die Grundlage bilden für ein System von beliefs und Bewertungen, wie z. B. Stereotype oder Ideologien (vgl. Dirven et al. 2003: 1 f.). Sie unterliegen der selektiven Wahrnehmung und Erfahrung sowohl des Individuums als auch der sozialen Gruppe, der das Individuum angehört. Insofern handelt es sich um idealisierte und teilweise simplifizierte Abbilder einer bestimmten lebensweltlichen Realität, die durch verschiedene Wissensbestände gespeist werden, namentlich durch Perzepte, d. h. konkrete sprachliche Merkmale oder Variationen, und durch Konzepte, die in sich strukturiert (wie z. B. konzeptuelle Metaphern resp. Metaphernsysteme) sowie Teile umfassender kultureller Modelle sein können (vgl. Berthele 2010).5 Für ein erschöpfendes Modell (z. B. des Hochdeutschen) greifen verschiedene mentale Teilmodelle, die die verschiedenen lebensweltlichen Aspekte reflektieren, ineinander. Da diese Teilmodelle unterschiedliche Perzepte und Konzepte fokussieren (und damit andere ausblenden), müssen mentale Modelle nicht zwingend umfassend kohärent sein. Vielmehr können gerade Ambivalenzen als Indiz dafür gelten, dass nicht alle relevanten Modelle gleichzeitig präsent sein müssen – je nachdem, welches Modell aktiviert, reflektiert oder konstruiert wird, treten unterschiedliche Konzeptualisierungen und damit unterschiedliche Einstellungen zu Tage (vgl. Christen et al. 2010: 16). Für die Konzeptualisierung des Hochdeutschen schlagen Christen et al. (2010) (und in deren Nachfolge Sieber 2013; Oberholzer 2017) deshalb vor, von verschiedenen Modellen auszugehen: ein Modell für Hochdeutsch als plurizentrische Sprache, ein Modell für Hochdeutsch als in der Schule erworbene normierte und kodifizierte Sprache, ein Modell für Hochdeutsch als Lese- und Schreibsprache und ein Modell für Hochdeutsch als (rezeptive) mündliche Sprache. Die vier Modelle sind nicht als abgeschlossene Liste zu verstehen, sondern können je nach situativen oder sozio-←413 | 414→kulturellen Bedingungen durch weitere relevante Aspekte des Hochdeutschen ergänzt werden (vgl. Sieber 2013: 123). Im nächsten Abschnitt werden die in Abschnitt 2 erwähnten aktuellen Einstellungstendenzen anhand verschiedener mentaler Modelle genauer beleuchtet.

3.2 Diskussion: Die mentalen Modelle des Hochdeutschen

Für die Diskussion der vorliegenden Daten werden die von Christen et al. (2010) vorgeschlagenen Modelle „Norm“ (3.2.1), „Plurizentrizität“ (3.2.2), „Schriftlichkeit“ (3.2.4) und „Mündlichkeit“ (3.2.5) einzeln vorgestellt sowie gegenseitige Bezüge und Zusammenhänge aufgezeigt. Um die Datenlage umfassend einzufangen, werden die Modelle zudem um ein Modell „Diglossie“ (3.2.3) ergänzt.

3.2.1 Das Modell „Norm“: Hochdeutsch als normierte und kodifizierte Sprache

Das Modell „Norm“, das Hochdeutsch als normierte und kodifizierte Sprache fasst, ist als mentales Modell stark verankert. Die Antworten zu denjenigen Fragen des Fragebogens, die auf diesen Aspekt des Hochdeutschen abzielen, zeugen von einem hohen Normbewusstsein der Befragten. Nicht nur geben mehr als 80 % der Befragten an, dass sie sich beim Hochdeutsch-Sprechen Mühe geben, auch fällt nahezu allen Befragten auf, wenn das Gegenüber schlecht Hochdeutsch spricht (74 % sehr, 23 % ein wenig). Diese Ergebnisse machen deutlich, dass die Befragten, noch ohne zu reflektieren, wie „gutes“ und „schlechtes“ Hochdeutsch zu definieren ist, einen Zugang zum Hochdeutschen haben, der normativ geprägt ist; d. h. dass sie erstens davon ausgehen, dass es Normen für gutes Hochdeutsch gibt, dass sie es zweitens für erstrebenswert halten, diesen Normen zu genügen, und dass ihnen drittens die (tatsächliche oder vermeintliche) Abweichung von diesen Normen auffällt. Um in Erfahrung zu bringen, was für (Norm-)Vorstellungen vorherrschen, wurden die Befragten in einer offenen Frage gebeten, zu beschreiben, was für sie „gutes Hochdeutsch“ ausmacht. Ein Großteil der Befragten (42 %) geben unter anderem rein normative Beschreibungen, indem sie „Alternativbezeichnungen“ für Hochdeutsch nennen, wie Standarddeutsch, Schriftdeutsch, Bühnendeutsch, oder sie verweisen generell auf Fehlerlosigkeit und Reinheit – dazu gehören insbesondere auch die Negativbeschreibungen ohne Dialekt, ohne Akzent etc. Zusätzlich zu den reinen Normbezeichnungen werden häufig regionale Sprachinstanzen genannt – bezeichnenderweise großmehrheitlich aus Deutschland – neben der allgemeinen Beschreibung Deutschland oder wie die Deutschen großräumige Sprachregionen (Bundesländer wie Schleswig-Holstein oder Brandenburg), Dialekte (wie Badisch,←414 | 415→ Schwäbisch) und Städte (wie Hannover oder Hamburg). Ebenso häufig wie regionale Sprachinstanzen werden öffentliche und private Sprachautoritäten angeführt. Besonders häufig werden hierbei Norminstanzen (wie Duden, Literatur und SchriftstellerInnen) sowie Medien und Nachrichtensprecher (ARD, ZDF, vereinzelt auch SRF) genannt. Werden alle norm-orientierten Beschreibungen zusammengenommen, zeigt sich, dass „gutes Hochdeutsch“ für mehr als die Hälfte der Befragten (knapp 60 %) mit von verschiedenen Sprachinstanzen festgelegten oder vorgelebten Normen gleichgesetzt wird. Diese Konzeptualisierung des Hochdeutschen entspricht der aus der Sprachästhetikforschung bekannten imposed norm hypothesis (vgl. Giles et al. 1979), gemäß derer eine Sprache allein aufgrund des sozialen und kulturell-historischen Status der Sprechergemeinschaft, die (zufälligerweise) diese Sprache benützt, ihr Prestige bezieht. Die entgegengesetzte inherent value hypothesis, die davon ausgeht, dass eine Sprache aufgrund ihrer inhärenten Schönheit und differenzierten Struktur zur Prestigevarietät avanciert, kommt allerdings in der Konzeptualisierung des Hochdeutschen ebenfalls zum Tragen. Viele der Befragten (39 %) berufen sich auf das Sprachsystem selber und nennen sprachinhärente Beschreibungen für gutes Hochdeutsch. Dabei werden einerseits sämtliche Sprachebenen angeführt (Aussprache, Intonation, Sprechtempo, Lexik, Rechtschreibung, Grammatik, Syntax) – häufig verknüpft mit einer norm-getriebenen Beschreibung wie gut oder korrekt – andererseits werden saliente Merkmale genannt (Aussprache einzelner Laute, spezifische Pluralbildungen etc.).

Viele der Antworten beinhalten zudem ästhetische Urteile in Form von Metaphern, die in erster Linie auf Schönheit und Reinheit abzielen, vgl. die folgenden Beispiele.

(2) schön, rein, sauber, klar, neutral, ungefärbt, nüchtern, sachlich, geradlinig, präzise, prägnant, konkret, kühl, spitz, nicht künstlich, interessant, angenehm, ansprechend, harmonisch, rund, weich, wendig, schön geschwungen, geschliffen, gepflegt, elegant, nobel, gehoben, kultiviert, eloquent, souverän, fliessend, flüssig, nicht stockend, nicht holprig, leichtfüssig

Während diese Zuschreibungen zwar als inherent values des Hochdeutschen zu interpretieren sind, zeugen viele dieser Metaphern (wie rein, sauber, klar, neutral, ungefärbt etc.) auch von einer Konzeptualisierung des Hochdeutschen als normierte (variationsfreie) Sprache. Dass die Antworten häufig sowohl norm imposed- als auch inherent value-Aspekte beinhalten, zeigt, dass die beiden auf den ersten Blick entgegengesetzten Konzepte nicht ausschließend sind.

Dass das mentale Modell des Hochdeutschen als standardisierte und kodifizierte Sprache nicht notwendigerweise negative Auswirkungen haben←415 | 416→ muss, d. h. negative Einstellungen zum Hochdeutschen auslöst, sondern im Gegenteil seine Regelhaftigkeit als positiv herausgestellt wird, wird an anderer Stelle belegt; z. B. in den Antworten zur offenen Frage, weshalb Hochdeutschkompetenz als wichtig erachtet wird. Obwohl hier eine Beurteilung des Hochdeutschen nicht im Zentrum stand, werden die Antworten auch dazu genützt, den positiven Effekt der Standardisierung und Kodifizierung des Hochdeutschen zu unterstreichen. Hochdeutsch wird dank seiner Struktur und Differenziertheit als inhärent schöner, geeigneter und von größerer Ausdruckskraft (‚expressive power’, Bourhis et al. 1974: 406) als Schweizerdeutsch wahrgenommen, was der inherent value hypothesis Vorschub leistet, wie folgende Beispiele zeigen.

(3) eine der schönsten Sprachen; schöne, gehobene Sprache mit Stil; schöne Melodie; sehr klar; in dieser Sprache gibt es richtig oder falsch; systematisierte Gebrauchssprache, gewisse Dinge lassen sich deutlicher damit ausdrücken als im Dialekt; besser dazu geeignet, komplexe Inhalte und Themen zu transportieren; ist präziser als Schweizerdeutsch; Schweizerdeutsch ist nur ein Dialekt, es besitzt keine Grammatik und Rechtschreibung

Das mentale Modell „Norm“ kann meiner Ansicht nach nicht zwingend für die Meinung, dass Hochdeutsch in der Schweiz nicht gerne gesprochen werde, verantwortlich gemacht werden (vgl. Sieber 2013: 121).6 Dass allerdings deutschlandgeprägte Sprachinstanzen (als imposed norm) vorherrschend sind, erscheint in diesem Zusammenhang problematischer resp. untergräbt ein egalitäres Plurizentrizitätskonzept und mag verantwortlich zeichnen für negative Einstellungen, die auf der unterschiedlichen Wahrnehmung von deutschem und schweizerischem Hochdeutsch beruhen.7 Auf diesen Aspekt gehe ich im folgenden Abschnitt genauer ein.←416 | 417→

3.2.2 Das Modell „Plurizentrizität“: Hochdeutsch als plurizentrische Sprache

Dass eine Mehrheit der Befragten (63 %) die Meinung8 „Wenn jemand Hochdeutsch spricht, sollte man ihr/ihm seine Herkunft nicht anhören“ ablehnt und nur 17 % der Meinung zustimmen (20 % verbleiben unentschieden), scheint dem Plurizentrizitätsgedanken der gleichberechtigten Varietäten Rechnung zu tragen. Das zeigt beispielhaft folgende Äußerung:

(4) Wenn es fliessend und aus dem Alltag stammt. Regionale Besonderheiten sind die Würze im Dialog. Beispiel: CH = das Tram, A = die Tram, D = Fahrbahn oder CH = Ich bekomme… A = Ich verdiene… D = Ich nehme…

Dennoch wird das gängige Stereotyp, dass Schweizerinnen und Schweizer aufgrund ihrer (vermeintlich) mangelnden Hochdeutschkompetenz ein Unterlegenheitsgefühl oder einen Minderwertigkeitskomplex gegenüber Deutschen haben, thematisiert – und häufig die Deutschen dafür verantwortlich gemacht.

(5) Meiner Erfahrung nach haben viele Schweizerinnen und Schweizer Hemmungen, weil sie sich gegenüber den Deutschen (vor allem gegenüber Norddeutschen) als weniger wortgewandt empfinden. Es hilft auch nicht, dass die Deutschen unsere Hochdeutschbemühungen gönnerhaft als „niedlich“ bezeichnen. Wir fühlen uns dadurch manchmal zu wenig ernst genommen. Wer möchte schon niedlich sein, wenn es um kompetentes Auftreten geht?

Dennoch erhält die Meinung, dass Deutsche im Gespräch aufgrund ihrer größeren Hochdeutschkompetenz Schweizerinnen und Schweizern überlegen sind, keine Zustimmung (je ca. 40 % stimmen zu resp. lehnen ab, bei 19 % Unentschlossenen). Einige Befragte thematisieren dabei explizit den Unterschied, dass Deutsche nicht überlegen sind, sondern sich Schweizer unterlegen fühlen, dass also kein objektives Hierarchiegefälle, sondern nur eine vermeintliche Unterlegenheit besteht, vgl. die folgenden Beispiele aus der offenen Frage9 zum Themenkomplex „Meinungen“.

(6) SchweizerInnen f ü h l e n sich allenfalls unterlegen im Gespräch mit Deutschen, obwohl sie es tatsächlich nicht sind.←417 | 418→

(7) ich denke, dies kommt eher in umgekehrtem Sinne vor. Der Schweizer fühlt sich unterlegen – und nicht, der Deutsche ist überlegen.

Die Einschätzung der Meinung, dass Deutsche aufgrund ihrer Hochdeutschkompetenz gebildet und kompetent wirken (unabhängig von den schweizerischen Hochdeutschkompetenzen), erhält hingegen eine leichte Zustimmung: Gut die Hälfte bejahen diese Aussage, 31 % lehnt sie ab, 17 % sind unentschlossen. Dieses Resultat zeugt interessanterweise indirekt stärker von einem Unterlegenheitsgefühl der Schweizerinnen und Schweizer: Die Befragten geben darüber Auskunft, wie sie die Deutschen im Gespräch wahrnehmen, d. h. unabhängig davon, ob sie tatsächlich gebildet und kompetent sind und unabhängig vom Inhalt des Gesagten.

(8) Die Betonung sollte auf „wirken“ liegen  z. B. wenn es an der Universität Deutsche im Seminar hatte, klangen die Aussagen häufig per se überzeugend und kompetent.

(9) Das stimmt zum Teil auch, wenn ihre Aussagen inhaltlich gar nicht so gut sind. Man kann sich  wie von Parisern – leichter beeindrucken lassen.

Die komplementäre Frage „Wie fühlen Sie sich, wenn Sie mit Deutschen Hochdeutsch sprechen?“, die den eigenen Hochdeutsch-Gebrauch in Gesprächssituationen mit Deutschen fokussiert, war u. a. darauf ausgelegt, das kolportierte Unterlegenheitsgefühl gegenüber deutschen Gesprächspartnern zu untersuchen. Dass die vier meistgenannten Antworten – „ich finde die Unterschiede in der Sprechweise interessant“ (51 % der Befragten) und „es macht mir Spaß“ (44 %), gefolgt von „ich fühle mich kompetent“ (26 %) und „es fällt mir gar nicht auf“ (25 %) – positive Wahrnehmungen darstellen, sind ein starkes Indiz dafür, dass selbst mit deutschen Gesprächspartnern selbstverständlich und selbstbewusst vom Hochdeutschen Gebrauch gemacht wird. Negative Wahrnehmungen folgen erst ab fünfter Stelle mit „ich ärgere mich, dass ich mich nicht besser ausdrücken kann“ (22 %), „ich ärgere mich, dass ich nicht sprechen kann, wie mir der Schnabel gewachsen ist“ (21 %) und „es ist mir unangenehm“ (18 %). Werden die Antwortmöglichkeiten dieser Frage miteinander korreliert, zeigen sich insofern Einstellungstypen, als einerseits die positiven, andererseits die negativen Wahrnehmungen teilweise gebündelt auftreten.

Während ein fehlendes Plurizentrizitätsbewusstsein und ein damit zusammenhängendes Unterlegenheitsgefühl zwar in der Fremdeinschätzung nach wie vor belegt werden kann, scheinen sie in der Selbsteinschätzung nur bei einem kleinen Teil der Befragten von Bedeutung. Ungeachtet dessen wird allerdings Hochdeutsch auch als Konkurrenz und Bedrohung wahrgenommen. Dies wird im folgenden Abschnitt beleuchtet.←418 | 419→

3.2.3 Modell „Diglossie“: Hochdeutsch für klar definierte limitierte Kontexte

Schweizerdeutsch und Hochdeutsch haben durch die diglossische Sprachsituation, zumindest in den Grundzügen, klar umrissene Gebrauchskontexte. Während Schweizerdeutsch als Umgangssprache unter Dialektsprechern einen unbehelligten Stand hat, wird Hochdeutsch auf Gebrauchskontexte wie Schul- und Universitätskontext, formelle Situationen und Schriftlichkeit beschränkt. Diese Verteilung geht einher mit einem Nähe/Distanz-Kontrast (vgl. Koch/Österreicher 2011), der wie geschaffen ist, um die bekannten Stereotype (Hochdeutsch als Fremdsprache und als unbeliebte Sprache) hervorzurufen. Während das Fremdsprachen-Stereotyp in der vorliegenden Studie nicht nur in der Fremdeinschätzung von 57 % der Befragten bestätigt wird, sondern in den offenen Fragen auch als Selbsteinschätzung spontan thematisiert wird, kann das Stereotyp „in der Schweiz spricht man nicht gerne Hochdeutsch“ zwar in der Fremdeinschätzung (sogar mit deutlichen 76 %), nicht (oder nur bedingt) aber in der Selbsteinschätzung bestätigt werden.10 Die Frage „Sprechen Sie gerne Hochdeutsch? Macht es Ihnen Spaß?“ wurde von 60 % der Befragten bejaht (vgl. auch 3.2.2).

Die Verteilung der Varietäten nach diglossischem Muster wird weithin akzeptiert (vgl. zur Schriftlichkeit 3.2.4),11 dennoch wird der Wandel dieser Gebrauchskontexte von den Befragten registriert und bewertet. Wie ich in Abschnitt 3.2.5 darlegen werde, befördert die Ausdehnung des Hochdeutschen im sprachlichen Alltag (durch Mobilität und Migration sowie im Schulkontext) zwar im Modell „Mündlichkeit“, in dem Hochdeutsch als lebendige Alltagssprache konzeptualisiert wird, positive Einstellungen zum Hochdeutschen. Im Modell „Diglossie“ hingegen zeigt sie ihre Kehrseite: Auch wenn nicht explizit danach gefragt wurde, nutzten die Befragten sämtliche offenen Fragen dazu, die Sprachsituation in der Deutschschweiz zu thematisieren. Dabei zeigt sich, dass die Ausdehnung des←419 | 420→ Hochdeutschen Anlass gibt zur Wahrnehmung des Hochdeutschen als Bedrohung des Dialekts und in Folge als Bedrohung der lokalen Identität.

Besonders offensichtlich präsentiert sich dies in der offenen Begründungsfrage zu „Finden Sie es wichtig, dass es Menschen gibt, die sich mit Sprachen und Dialekten beschäftigen?“. Zu den meistgenannten Gründen zählt Sprach- und Dialektkultivierung. Dabei wird häufig die Ausdehnung des Hochdeutschen in Bereiche, die nach Diglossie-Konzept dem Schweizerdeutschen vorbehalten wären, beklagt.

(10) Ich möchte, dass die Schweiz den Reichtum der Dialekte behält und dass Dialektreden weiterhin normal ist.

(11) Dialekte verschwinden zugunsten von Wortschatz mit EN-Einflüssen und Hochdeutsch-Einflüssen, seltsame Mischformen (Träppe etc.)

(12) Gerade in der heutigen Zeit, wo man schon im Kindergarten Hochdeutsch sprechen soll/muss, finde ich es wichtig, dass man auch die Dialekte nicht „verkümmern“ lässt und das Bewusstsein dafür stärkt. Es ist immer auch ein Zeichen der Herkunft und der Identifikation eines Menschen.

(13) Dialekte sind Volks- und Kulturgut, der Dialekt als Muttersprache ist Herzens- und Gefühlsprache und darf deshalb nicht zugunsten des Hochdeutschen verloren gehen!

Da Schweizerdeutsch als identitätsstiftende Komponente über alle sozialen Schichten hinweg eine große Rolle spielt (wie bereits Ris (1973) festgestellt hat und in den letzten Jahrzehnten vielfach bestätigt wurde), scheint dies nicht weiter verwunderlich. Überraschenderweise kann allerdings auch dem Hochdeutschen eine identitätsstiftende Funktion beigemessen werden: Hochdeutsch wird dann als geschriebene Sprache via Literatur/Kultur und als gesprochene Sprache in der alltäglichen Kommunikation als Sprache konzeptualisiert, die einen gesamtdeutschen Sprach- und Kulturraum etabliert. Dies wird in den nächsten beiden Abschnitten gezeigt.

3.2.4 Das Modell „Schriftlichkeit“: Hochdeutsch als geschriebene Sprache

Das mentale Modell „Schriftlichkeit“ erweist sich für Hochdeutsch als weiterhin omnipräsent und schlägt sich auch in der nach wie vor gängigen Bezeichnung des Hochdeutschen als Schriftdeutsch nieder. Obwohl der vermehrte Einsatz von Dialekt in schriftlichen Kontexten, zumindest für den informellen privaten Gebrauch wie etwa in den neuen Medien, die mediale Diglossie aufzuweichen scheint (vgl. z. B. Christen et al. 2005),12 bleibt Hochdeutsch unangefochten die Schriftspra←420 | 421→che der Schweiz – Hochdeutsch wird als offizielle Amtssprache, als Sprache der Printmedien sowie als Literatursprache nahezu unhinterfragt akzeptiert. Kaum jemand spricht sich ernsthaft dafür aus, dass Hochdeutsch im schriftlichen Kontext durch Schweizerdeutsch abgelöst werden sollte. Auf die offene Frage, warum die Befragten Hochdeutschkompetenz als wichtig erachten, wird Schriftlichkeit (neben Kommunikation im Allgemeinen mit 29 %, vgl. Abschnitt 3.2.5) mit 28 % denn auch am häufigsten genannt.

(14) Hochdeutsch ist für mich nicht die Grundlage für die mündliche Kommunikation, jedoch für die schriftliche.

(15) Man benötigt das Hochdeutsch für das Verfassen von Texten, Briefen, Arbeiten etc.

(16) Hochdeutsch ist eine der Amtssprachen sowie die Schriftsprache.

(17) Ich möchte ja auch die Zeitung oder Bücher lesen können.

(18) Hochdeutsch ist unsere Schriftsprache, die Sprache unserer Literatur […]

Partiell geht die Konzeptualisierung des Hochdeutschen als Schriftsprache über einen rein pragmatischen Nutzen hinaus, indem Hochdeutsch qua Schriftsprache als (schriftliche) Muttersprache konzeptualisiert und das literarische Kulturerbe des deutschsprachigen Raumes auch zur Identitätskonstituierung dient.

(19) Das ist unsere „geschriebene Muttersprache“. Wir lesen und schreiben in Hochdeutsch.

(20) Primär meine kulturelle Identität. Sie ist keine schweizerische, sondern eine der deutschen Sprache. D.h. Literatur gilt mir mehr als Politik und Geographie.

Dieser Aspekt wird im folgenden Abschnitt zum Modell „Mündlichkeit“ weiter präzisiert.

3.2.5 Das Modell „Mündlichkeit“: Hochdeutsch als gesprochene Sprache

Das Modell „Mündlichkeit“ ist für die deutschsprachige Schweiz dem Modell der Diglossie gemäß (vgl. 3.2.4) durch einen rezeptiven Umgang (z. B. via Medien) geprägt und produktiv auf von Distanz geprägte Kontexte beschränkt (z. B. in der Schule). Dass Deutschschweizerinnen und Deutschschweizer produktiv wenig geübt sind und der mündliche Gebrauch des Hochdeutschen an Normen der Schriftlichkeit ausgerichtet ist, kann verantwortlich zeichnen für die Einschätzung, man spreche in der Schweiz nicht gerne Hochdeutsch. Dass dies für die Befragten der vorliegenden Studie nur bedingt zutrifft, habe ich in Abschnitt 3.2.2 bereits gezeigt. Die Ergebnisse der Frage zur Wichtigkeit des Hochdeutschen verstärken diesen Befund. Als meistgenannter Grund wird die Kommunikation mit Dialektunkundigen genannt (29 % der Befragten).

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(21) Ich möchte mich mit so vielen Menschen als möglich unterhalten können.

(22) Ist im internationalen Austausch unerlässlich

(23) Ausserdem sind fremdsprachige Personen (auch unsere Miteidgenossen aus der Romandie und dem Tessin) darauf angewiesen, dass wir Hochdeutsch mit ihnen sprechen […]

Neben dem praktischen Nutzen einer weitreichenderen Verständigung wird der Wechsel von Schweizerdeutsch zu Hochdeutsch mit dialektunkundigen Personen auch mit Höflichkeit und Wertschätzung des Gegenübers verbunden.

(24) Ich finde es einfach höflicher, wenn man in manchen Situationen auf Hochdeutsch wechselt.

(25) Die Verständigung mit Personen, die Schweizerdeutsch nicht oder nicht genügend gut sprechen/verstehen, ist mir wichtig. Dies hat auch damit zu tun, dass ich ein Gefühl von Wertschätzung und Aufgeschlossenheit vermitteln möchte gegenüber anderen Sprachen und Kulturen.

Neben Kommunikation im Allgemeinen nennen 24 % der Befragten zusätzlich explizit die deutschsprachigen Nachbarn (Deutschland und Österreich), mit denen durch den Wechsel zum Hochdeutschen eine Kommunikation ermöglicht wird. Dabei betonen sie die sprachliche und geografische Nähe und etablieren einen gesamtdeutschen Sprach- und Kulturraum mit Hochdeutsch als Lingua Franca.

(26) Es ist die offizielle Sprache, die im gesamten Deutschen Sprachraum verwendet wird.

(27) Hochdeutsch ist nun einmal „Lingua franca“ im gesamten deutschsprachigen Raum.

(28) Als Schweizer gehören wir auch zum deutschsprachigen Kulturraum […]

Das Modell „Mündlichkeit“ entpuppt sich damit als vordringlichster Aspekt der aktuellen Einstellungstendenzen zum Hochdeutschen: Durch die Veränderung im privaten und beruflichen Alltag (und für die jüngste Generation auch im schulischen Bereich durch die teilweise Einführung des Hochdeutschen im Kindergarten und die Ausdehnung der Gebrauchskontexte in der Schule) wird Hochdeutsch stärker als vermutet als lebendige Alltagssprache wahrgenommen und praktiziert. Zudem wird Hochdeutsch nicht nur für die Kommunikation mit Dialektunkundigen als unabdingbar bezeichnet, sondern partiell auch als Identifikationssprache konzeptualisiert, die zur Konstituierung einer gesamtdeutschsprachigen (kulturellen) Identität beiträgt.

4 Fazit

In diesem Beitrag wurden aktuelle Einstellungstendenzen und ihre Ambivalenzen, wie sie in der vorliegenden Studie in Erscheinung treten, diskutiert. Ich habe dargelegt, dass ambivalente Spracheinstellungen Teil der (Deutschschweizer) Sprachsituation und der laiensprachlichen Thematisierung sind; sie←422 | 423→ können und müssen nicht aufgelöst werden, vielmehr spiegeln sie die komplexe Sprachrealität der Deutschschweiz wider. Zu ihrer Deutung habe ich die Annahme einer differenzierten Konzeptualisierung von Hochdeutsch vorgeschlagen, die auf verschiedenen mentalen Modellen gründet. Obwohl diese Modelle gerade nicht gleichzeitig präsent sein müssen und sich deshalb auch partiell widersprechen können, zeigen sich doch auch Querverbindungen: Das Modell „Norm“ wird durch die verquickten Aspekte inherent values (wie Schönheit, Struktur, Reinheit) und imposed norm (der Sprachinstanzen) gesteuert. Da die imposed norm von deutschländischen Sprachinstanzen dominiert wird, kann sich dieser Aspekt ins Modell „Plurizentrizität“ übertragen und sich auch im Modell „Diglossie“ im Sinne eines Identitätskontrastes (als Sprache der Anderen) finden. Die Modelle „Schriftlichkeit“ und „Mündlichkeit“ werden zwar per definitionem durch das Modell „(mediale) Diglossie“ mitgesteuert (oder vice versa), allerdings zeigen sich hier, hauptsächlich bei der Mündlichkeit, gerade umgekehrte Vorzeichen.

Die Resultate der vorliegenden Studie machen deutlich, dass die Befragten ihre sprachliche und soziale Realität durch eine vielfältige und vielschichtige Wahrnehmung und Beurteilung des Hochdeutschen strukturieren und damit für sich interpretierbar machen. Konkret konnte gezeigt werden, dass (gutes) Hochdeutsch in der Wahrnehmung der Befragten nach wie vor von deutschlandgeprägten Sprachinstanzen dominiert wird. Überraschenderweise scheint dies allerdings negative Einstellungen und den viel beschworenen „Minderwertigkeitskomplex“ nicht zu befördern. Vorsichtig formuliert, scheint die Plurizentrizität der deutschen Sprache, zumindest im Umgang mit Hochdeutsch als alltägliche Kommunikationssprache, eher „in den Köpfen“ der Deutschschweizerinnen und Deutschschweizer angekommen zu sein. Die negativen Einstellungen zum Hochdeutschen zeigen sich einerseits in (unhinterfragt) reproduzierten Stereotypen, andererseits darin, dass eine Abgrenzung qua Angst vor Dialekt- und Identitätsverlust stattfindet. Gleichzeitig wird Hochdeutsch, wiederum vorsichtig formuliert, auch als Identifikationssprache qua deutschsprachigem Sprach- und Kulturraum wahrgenommen.

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1 Vgl. für eine Analyse der Situation in Österreich mit seinen beiden Dialektregionen (Alemannisch in Vorarlberg und Bairisch im restlichen Österreich) z. B. Ender/Kaiser (2014).

2 Zusätzlich zum Fragebogen wurden mit einem kleinen Sample (sprachbiografische) Tiefeninterviews durchgeführt. In diesem Beitrag diskutiere ich Resultate des Fragebogens.

3 Da die Schweiz ein duales Berufsbildungssystem aufweist, werden auch Personen, die eine Berufslehre absolvieren, in der praxisbegleitenden Berufsschule sekundär gebildet.

4 Um eine Überrepräsentation von tertiär Gebildeten zu vermeiden, wurden Personen mit Berufsausbildung systematisch angeschrieben. Der Anteil der tertiär Gebildeten in der Schweiz beträgt laut Bundesamt für Statistik 2013/14 gut 40 %. Die vermeintliche Überrepräsentation von tertiär Gebildeten (53 %) in der vorliegenden Studie beruht darauf, dass die unter 25-Jährigen bei der BfS-Statistik nicht mitberücksichtigt sind, d. h. es fehlen die Studierenden. Bei Schläpfer et al. (1991) sind die tertiär Gebildeten hingegen untervertreten, was teilweise dem Umstand geschuldet ist, dass es sich bei der Stichprobe um Rekruten handelt, die noch vor dem Eintritt in die Tertiärbildung stehen.

5 Vgl. für eine Anwendung der kognitiven Metaphernanalyse auf die Daten der vorliegenden Studie Studler (2017b) und für die Konzeptualisierung von Standard und Nonstandard als kognitive kulturelle Modelle Studler (2018).

6 Sieber (2013) beleuchtet allerdings im Speziellen die Situation in der Schule und plädiert zu Recht dafür, in der mündlichen Sprachförderung von den Modellen „Norm“ und „Schriftlichkeit“ abzurücken – zu Gunsten der Modelle „Plurizentrizität“ und „Mündlichkeit“, um „Hochdeutsch als Alltags- und Umgangssprache im Raum der Schule [zu] verwenden und erlebbar [zu] machen“ (Sieber 2013: 131).

7 Bei der Wahrnehmung der unterschiedlichen Varietäten (und ihrer Sprachautoritäten) ist es notabene nicht zwingend gegeben, dass die zugeschriebenen Merkmale realiter bestehen resp. für die jeweilige Varietät tatsächlich konstitutiv sind. Vielmehr können durch den Prozess des enregisterments (vgl. Agha 2007) einzelne sprachliche (wie auch nichtsprachliche) Formen sozial relevant gesetzt werden, um indexikalisch auf ein bestimmtes Register zu verweisen (vgl. dazu detaillierter Auer 2013).

8 Im Themenkomplex „Meinungen“ wurde u. a. die Zustimmung resp. Ablehnung zu gängigen Stereotypen in Form von „Volksmeinungen“ („Zum Thema Hochdeutsch und Schweizerdeutsch gibt es in der Schweiz ja viele Meinungen“) abgeprüft.

9 Da die „Volksmeinungen“ aufgrund ihrer Pauschalität zu den heikelsten Fragen zählten, hatten die Befragten in einer offenen Frage im Anschluss die Gelegenheit, die Volksmeinungen und deren Bewertung zu kommentieren.

10 Hierin wird der gängige Befund, dass die Fremd- und die Selbsteinschätzung bisweilen stark voneinander abweichen, bestätigt (vgl. z. B. Schläpfer et al. 1991; Scharloth 2005). Generell können solche Unterschiede darin begründet sein, dass für die Fremd- und die Selbsteinschätzung unterschiedliche Konzeptualisierungen zum Tragen kommen (vgl. dazu Christen et al. 2010: 15), oder aber, dass sich die Befragten – als Positionierungspraktik – von anderen, d. h. von den DeutschschweizerInnen, und damit vom stereotypisierten Diskurskonsens, abheben wollen (vgl. dazu detaillierter Studler 2014).

11 Für die Primarschule plädieren 51 % der Befragten für Hochdeutsch als Hauptsprache, die übrigen Befragten räumen allerdings dem Dialekt immerhin einen zumindest gleichrangigen Platz ein. Überraschenderweise sprechen sich mehr als die Hälfte der Befragten (53 %) für einen (zumindest teilweisen) Einsatz des Hochdeutschen im Kindergarten aus.

12 Die Verteilung der Sprachwahl wird zwar in der Wahl des Mediums aufgeweicht, die Kriterien der Informalität/Formalität resp. der Nähe/Distanz bleiben dabei allerdings unangetastet (vgl. Haas 2004: 85; Christen et al. 2010: 13).