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Die Ethik der Widersetzlichkeit

Theoretische und literarische Transformationen der Antigone

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Ines Böker

Von der Antike bis in die Gegenwart partizipiert die Antigone an disparaten Denkmodellen geschlechtlicher, verwandtschaftlicher und ethisch-moralischer Konzepte. Aus literatur-und kulturwissenschaftlicher Perspektive betrachtet, lassen sich die Konstruktionen dieser Konzepte kritisch hinterfragen. Ines Böker untersucht die Entstehungsmöglichkeiten, Wandlungsprozesse und (kritischen) Implikationen von Antigone-Transformationen in dem Spannungsfeld der vielschichtigen theoretischen und literarischen Rezeptionsgeschichte. Trotz unterschiedlicher Positionen enthüllen die Untersuchungen der Antigone-Transformationen das, was die Antigone selbst aktiv gestaltet: Die Ethik der Widersetzlichkeit.

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5. Untersuchung der literarischen Transformationen

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5.1 „Die ganze ‚Antigone‘ gehört auf die barbarische Pferdeschädelstätte“ Bertolt Brechts Antigone des Sophokles

[D];ie große Figur des Widerstands im antiken Drama repräsentiert nicht die Kämpfer des deutschen Widerstands, die uns am bedeutendsten erscheinen müssen. Ihr Gedicht konnte hier nicht geschrieben werden, und dies ist um so bedauerlicher, als heute so wenig geschieht, sie in Erinnerung, und so viel, sie in Vergessenheit zu bringen.482

Bertolt Brecht, dessen Die Antigone des Sophokles. Nach der Hölderlinschen Übertragung für die Bühne bearbeitet 1948 in Chur durchrationalisiert auf die Bühne ←179 | 180→kommt, unterscheidet Antigone – ‚die große Figur des Widerstands‘ – von den Widerstandskämpfern des Zweiten Weltkriegs. Hatte Antigone insbesondere in der Auseinandersetzung mit dem Ersten Weltkrieg einen repräsentativen Status als Widerstandsfigur, wie dies Romain Rollands À l’Antigone éternelle (1916) oder Walter Hasenclevers Antigone (1917) exemplarisch dokumentieren, betont Brecht:

Es kann sich nicht darum mehr handeln, im Griechentum Kultur aufzuzeigen, als sei’s das Höchstmaß; was die Klassiker des Bürgertums machten, interessiert am Ästhetischen allein. (Selbst an der Demokratie nur ästhetisch interessiert.) Die ganze „Antigone“ gehört auf die barbarische Pferdeschädelstätte.

(BBW, Journale 2, Bd. 27, S. 261)

Die Ereignisse und Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs verunmöglichen Brecht die Darstellung der Antigone als Widerstandskämpferin im Umfeld einer durch die nationalsozialistische Gewaltherrschaft völlig infrage gestellten Ethik und einer damit einhergehenden (ethischen) Handlungsunmöglichkeit. Entsprechend der...

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