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Der Streit um die Krefelder Fronleichnamsprozession

Ein lokaler Kulturkampf im 19. Jahrhundert

Volker Speth

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bemühte sich der Krefelder katholische Pfarrer Reinarz gemäß dem Wunsch der katholischen Bevölkerungsmehrheit um die polizeiliche Erlaubnis zur alljährlichen Durchführung einer öffentlichen Fronleichnamsprozession in der Stadt Krefeld, die seit über 200 Jahren verboten war. Mehrere Versuche scheiterten am Widerstand des Bürgermeisters, des Landrats und der preußischen Regierung, welche damit die sozialpolitischen Herrschaftsinteressen der protestantischen städtischen Führungsschicht auch auf religiös-kultischem Gebiet vertraten und verteidigten. Erst die Revolution von 1848/49 und die Religionsartikel der preußischen Verfassung vom 5. Dezember 1848 ermöglichten 1849 die erstmalige Prozessionsabhaltung. Dadurch dass die langjährige Gegenwehr auf eine Säkularisierung des öffentlichen Raums mittels seiner Freihaltung von Gottesdiensten abzielte und in einem Antiklerikalismus, der wiederum in einem latenten Antikatholizismus wurzelte, mitbegründet lag, gewannen die Auseinandersetzungen den Charakter eines lokalen Kulturkampfes in der Reihe der vielen Kulturkämpfe des 19. Jahrhunderts.

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4. Weitere vergebliche Bemühungen

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4. Weitere vergebliche Bemühungen

Im Juli 1842 wandte sich der Krefelder Pfarrer Reinarz an den kurz zuvor neu installierten Apostolischen Administrator des Erzbistums Köln,1 der formal als Koadjutor des staatlicherseits an der Amtsführung gehinderten Erzbischofs Droste-Vischering amtierte, jedoch faktisch das Erzbistum selbständig und in eigener Verantwortung leitete. Diesem klagte Pfarrer Reinarz, dass seit der Reformation in Krefeld keine Fronleichnamsprozession mehr stattgefunden habe und dass von auswärts herkommende Wallfahrtszüge auf ihrem Weg nach Kevelaer die Stadt nur ohne Prozessionsformation, in aller Stille und ohne Gebet und Gesang durchqueren dürften. Der Pfarrer hatte zwar auf seinen Antrag hin vom Landrat von Krefeld die Erlaubnis erhalten, in diesem Jahr 1842 eine Prozession durch die Stadt nach Kaiserswerth zur dortigen 1125-jährigen Jubiläumsfeier des Lokalheiligen St. Suitbertus2 zu führen, aber es irritierte ihn, dass diese Genehmigung keineswegs selbstverständlich war, sondern dass der Landrat sich zwecks Rückversicherung genötigt gefühlt hatte, sich von der vorgesetzten Behörde, der Regierung Düsseldorf, einen Bescheid zu erbitten. Weil er daraus schloss, dass die Gestattung einer Fronleichnamsprozession, um die es dem Pfarrer hauptsächlich ging, auf Schwierigkeiten sto←41 | 42→ßen könnte, bat er den Kölner Koadjutor um Intervention bei den Staatsbehörden. Zur Widerlegung der Behauptung von der unveränderten Rechtsgültigkeit des vielerwähnten Artikels 45, auf den sich die Krefelder Polizeibehörden als zentrale Rechtsbasis für ihre Kultrepressionspolitik hauptsächlich beriefen, machte Pfarrer Reinarz geltend, dass besagter...

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