Show Less
Restricted access

Pius XII. und die Deportation der Juden Roms

Klaus Kühlwein

Kein anderes Ereignis im Zweiten Weltkrieg hat Pius XII. so herausgefordert wie die SS-Judenaktion unter seinem Fenster. Was damals geschah, verdichtet die ganze Problematik um das Schweigen des Papstes. Historisch ist umstritten, was Papst Pius unternommen hat, um die Juden Roms zu retten, welchen Zwängen er unterworfen war und was er über das Schicksal deportierter Juden wusste.

Anhand zahlreicher Dokumente und Zeugenaussagen rekonstruiert die Studie die Vorgänge rund um die Razzia auf verschiedenen Ebenen. Sie fragt nach dem Kenntnisstand Pius XII. über die NS-Judenvernichtung und analysiert den Konflikt zwischen güterabwägendem Schweigen und Protest aus Gewissensgründen.

Das Ergebnis wirft neues Licht auf die Rolle Pius XII. im Herbst 1943.

Show Summary Details
Restricted access

Einleitung

Extract



In den ersten vier Jahren des 2. Weltkrieges war die NS-Judenvernichtung für Pius XII. weit weg gewesen. Aus Italien hatte es noch keine Deportationen von Juden gegeben. Auch lag das Land nicht im unmittelbaren Machtbereich Hitlers – es gab keine deutschen Kommandostellen und keine SS-Polizei in den Städten. Das änderte sich schlagartig im September 1943. Nach dem überraschenden Waffenstillstand Italiens mit den Alliierten entmachtete Hitler die in seinen Augen verräterische Regierung „Badoglio“ und ließ das Land gewaltsam besetzen. Jetzt waren der Vatikan und Papst Pius XII. unmittelbar in den Machtbereich Hitlers geraten. Pius musste mit der Besetzung des kleinen Kirchenstaates und einer Verschleppung seiner Person rechnen. Vor allem aber war die NS-Judenverfolgung in seiner eigenen Bischofsstadt angekommen.

Judenaktion in Rom

Noch im September 1943 kam der Befehl zu einer umfassenden Razzia unter den römischen Juden. Pius musste hinnehmen, dass die Juden am 16. Oktober „unter seinen Fenstern“ von der SS festgenommen wurden – wie sich NS-Vatikanbotschafter Ernst von Weizsäcker besorgt ausdrückte1 – und dass man sie mit unbekanntem Ziel deportierte.

Der Direktor des Deutschen Historischen Instituts Roms nennt die römische Judenrazzia in der neueren Institut-Veröffentlichung zum „16. Oktober“ »[…] die spektakulärste und größte Aktion der Shoa auf italienischem Boden«, ausgeführt an »der ältesten antiken jüdischen Gemeinde der Diaspora, reich an Traditionen und die größte in Italien«.2 Und der ← 9 | 10 → damals untergetauchte Rabbi Panzieri bezeichnete die Verschleppung der römischen Juden aufgeregt...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.