Show Less
Restricted access

Wiener Slawistischer Almanach Band 82/2019

Nostalgie. Ein kulturelles und literarisches Sehnsuchtsmodell. Tagung in München April 2017

Series:

Edited By Brigitte Obermayr, Anja Burghardt and Aage A. Hansen-Löve

Der Band enthält 21 Beiträge, die aus der Münchener Tagung zum Thema «Nostalgie. Ein kulturelles Sehnsuchtsmodell» (April 2017) hervorgegangen sind. Allesamt sind sie dem literarischen bzw. kulturellen Phänomen der Nostalgie in den osteuropäischen Literaturen (zumal der russischen, der polnischen und den südslawischen) gewidmet. Es geht um kulturelle Sehnsuchtsorte (vom Dnepr bis nach Odessa, vom alten Ägypten zum mythischen Kitež) bei den Klassikern bis hin zu Vertretern der Moderne und der Gegenwartsliteratur. Ausgangspunkt aller Darstellungen ist die theoretische Vertiefung des Nostalgie-Konzepts in unterschiedlichen kulturellen und literarischen Kontexten. Unter anderen werden folgende Autoren behandelt: Gogol’, Gončarov, Čechov, Bal’mont, Platonov, Ėjchenbaum und Benjamin, Tynjanov, Miłosz, Nabokov und Brodskij, Konopnicka, Ugrešic, Šepitka, Prilepin u.v.a.

Show Summary Details
Restricted access

Clemens Günther (Berlin), Als der Neue Mensch alt wurde – Nostalgie und der spätsowjetische historical turn

ALS DER NEUE MENSCH ALT WURDE – NOSTALGIE UND DER SPÄTSOWJETISCHE HISTORICAL TURN

Extract

Clemens Günther

In Ėl’dar Rjazanovs Filmkomödie Neverojatnye priključenija italjancev v Rossii (Die unglaublichen Abenteuer der Italiener in Russland, 1974) gibt die Hauptprotagonistin Ol’ga auf die Frage nach dem Grund ihrer Reise nach Russland an: „И я туда же, Россия моя родина, но я никогда не была там… ностальгия, говорят, теперь модна“. („Ich fahre auch dort hin, denn Russland ist zwar meine Heimat, aber ich bin dort noch nie gewesen… Nostalgie, so sagt man, ist nun in Mode gekommen.“) Selbstverständlich ist diese nostalgische Legitimierung ein Vorwand, begibt sich die Protagonistin doch hauptsächlich in die Sowjetunion, um dort den versteckten Schatz ihrer nach der Revolution emigrierten Großmutter zu heben. Dennoch ist die von Ol’ga vorgebrachte Verteidigung nicht aus der Luft gegriffen. Vielmehr ist ihre Reise von Italien nach Russland eng mit dem im wörtlichen Sinne der Nostalgie liegenden schmerzvollen Verlangen nach der Rückkehr an den Ort der eigenen Abstammung verknüpft. Diese Sehnsucht ist zunächst unbewusster Natur, hat Ol’ga doch ihr ganzes bisheriges Leben in Italien verbracht. Im Laufe des Films knüpft sie allerdings immer engere (Liebes)Bande mit Russland und entscheidet sich schließlich, im Geburtsland ihrer Großmutter zu bleiben. Die verlorene Tochter hat den Weg zurück in die Heimat gefunden. Diese Entwicklung kann als Nachklang der in den 1940er und 50er Jahren betriebenen Politik der Repatriierung gelesen werden, im Rahmen derer es darum ging, ehemalige Sowjetbürger mit repressiven, aber auch friedlichen Mitteln zur Rückkehr in die Sowjetunion zu bewegen.1

Rjazanovs Komödie2 hält aber noch weitere nostalgische Elemente...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.