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Nach der Einsprachigkeit

Slavisch-deutsche Texte transkulturell

Series:

Diana Hitzke

Postkoloniale Konstellationen lassen sich nicht (mehr) in das Eigene und das Andere, in das Originäre und das Nachgeahmte, in ein Hier und Dort auseinanderdividierenden. Sie sind geprägt von Verflechtungen, Hybri-disierungen und wechselseitigen Aneignungsprozessen. In diesem Band analysiert die Autorin Texte von Jurij Brězan, Irena Brežná, Mascha Dabić, Róža Domašcyna, Olga Grjasnowa, Barbi Marković, Olga Martynova und Aleksandar Tišma. Sie zeigt auf, dass alle Werke sich mit multiplen Zuge-hörigkeiten, Mehrsprachigkeit und Übersetzung auseinandersetzen. Die Texte dekonstruieren Grenzen sprachlicher und kultureller Zugehörigkeit, thematisieren aber auch Diskriminierung, Rassismus und Antisemitismus. Damit beschreiben sie mehrsprachige Welten jenseits von hegemonialer Einsprachigkeit.

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2. Aleksandar Tišmas Novi Sad als mehrsprachige und heterogene Stadt vor dem Hintergrund des Holocaust

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2. Aleksandar Tišmas Novi Sad als mehrsprachige und heterogene Stadt vor dem Hintergrund des Holocaust

Aleksandar Tišma (1924–2003) ist ein mehrsprachiger Autor – er wächst zweisprachig mit Serbisch und Ungarisch auf, lernt seit dem Kindesalter Deutsch, später auch Englisch und Französisch.9 Seine Werke sind geprägt von der kulturellen und sprachlichen Vielfalt in der Vojvodina, seine Figuren sind mehrsprachig, oder sie gehören verschiedenen Nationalitäten und Kulturen an.

Der im Folgenden analysierte Roman gehört einer fünfteiligen Serie über den Holocaust an, bestehend aus den Romanen Knjiga o Blamu [Das Buch Blam] (1972), Upotreba čoveka [Der Gebrauch des Menschen] (1976), Vere i zavere [Treue und Verrat] (1983), Kapo (1987) und dem Erzählband Škola bezbožništva [Die Schule der Gottlosigkeit] (1978). Während in den bisherigen Arbeiten zu Tišma naheliegenderweise die Darstellung des Holocaust im Vordergrund steht, soll Tišmas Roman hier vor dem Hintergrund des Schreibens in und aus einer mehrsprachigen, heterogenen Region analysiert werden. Dies ist bereits von Franz Hutterer thematisiert worden (Hutterer 1995 und 1997), hier wird jedoch ein anderer Blickwinkel eingenommen, und es werden andere Schlussfolgerungen gezogen. Eine Lektüre von Upotreba čoveka vor dem Hintergrund von Mehrsprachigkeit lässt sich einerseits textimmanent begründen, da die Protagonist_innen sich im Deutschunterricht kennenlernen; andererseits spricht dafür, dass Tišma – auch wenn er ‚nur‘ auf Serbisch schreibt – ein mehrsprachiger Autor ist und er als jemand rezipiert wird, der über eine mehrsprachige, heterogene Region schreibt. So ordnet Hutterer Tišma in eine Reihe von Autoren ein, die von den Rändern her schreiben, so etwa „Czeslaw Milosz [sic], Elias Canetti, ←39 | 40→Joseph Roth, Manès Sperber [und] Bruno Schulz“ (Hutterer 1997, 220). Hutterer betont Tišmas Stellung als mitteleuropäischer Autor, er vergleicht Tišmas Darstellung von Novi Sad darüber hinaus mit Scholem Alejchems Odessa, Shmuel Josef Agnons Brody und Lemberg, Isaak Babels Tarataków, Manès Sperbers Zablotow, Elias Canettis Rustschuk und Döblins Warschau (vgl. Hutterer 2019, 228). László Végel beschreibt Tišma wiederum als Schriftsteller aus Novi Sad, einer Stadt, die dem Niemandsland zuzuordnen sei: „Dieses Niemandsland ist ein großes Territorium in Europa, in dem alle diejenigen leben, die über eine äußerst komplexe Identität verfügen.“10

Aleksandar Tišmas Upotreba čoveka beschreibt das Leben dreier unterschiedlicher Protagonist_innen – Sredoje, Milinko und Vera –, die sich in Deutschkursen kennenlernen und miteinander befreunden. Das Tagebuch ihrer Deutschlehrerin Anna Drentvenšek spielt eine zentrale Rolle – es leitet in den Roman ein und bildet auch dessen Abschluss. Selbst wenn alle drei zusammen den Deutschunterricht besuchen und ihre Beschäftigung mit der deutschen Sprache eine Gemeinsamkeit zwischen ihnen darstellt, so haben sie doch ganz unterschiedliche Gründe dafür und sie entstammen auch völlig verschiedenen soziokulturellen Hintergründen.

Sredojes Vater, Nemanja Lazukić, hasst die deutsche Sprache und die in der Vojvodina angesiedelten Deutschen empfindet er als seine Feinde. Lazukić ist ein Zuwanderer aus Serbien, er versteht kein Deutsch, ihn stören Deutsche und Ungarn gleichermaßen, letztere hält er aber für ungefährlich: „‚Mađare ćemo‘, govorio je, ‚pojesti za doručak‘ “ (Tišma 2010, 39) [„‚Die Ungarn‘, pflegte er zu sagen, ‚verputzen wir zum Frühstück‘ “; Tišma 1994, 29]. Er beobachtet die Aktivitäten der Deutschen mit Hass und „s unutrašnjom misijom da posrbljuje“ (Tišma 2010, 40) [er versteht sich als „erklärter Missionar des Serbentums“; Tišma 1994, 30]. Sein Sohn Sredoje soll zum Unterricht beim Fräulein gehen, um die Deutschen auszuspionieren.

Robert Kroner schickt seine Tochter Vera dorthin, „zato što je nemački, upravo lokalni švapski, bio njegovoj deci materni jezik, kao uostalom njemu jidiš, takođe ogranak nemačkog“ (Tišma 2010, 41) [„weil das Deutsche, eigentlich das lokale Schwäbische, die Muttersprache seiner Kinder war, so wie für ihn das Jiddische, ebenfalls ein Entwicklungszweig des Deutschen“; Tišma 1994, 31]. Seine nicht-jüdische, deutsche Frau entstammt nicht derselben, gebildeten Schicht wie ←40 | 41→Kroner, für den die deutsche Sprache, auch aufgrund eines vierjährigen Aufenthaltes in Wien, die deutsche Literatur und Kultur symbolisiert.

Milinko schließlich hört von seinem Freund Sredoje von den Deutschstunden, er ist sehr wissbegierig, und seiner Mutter erscheint der Deutschunterricht fortschrittlich und als ein Mittel des sozialen Aufstiegs. In den Deutschstunden treffen die beiden auf Vera Kroner. Milinko und Vera werden daraufhin ein Paar, auch Sredoje und Vera verstehen sich sehr gut.

Einerseits werden individuelle Personen und Familien, andererseits unterschiedliche Haltungen in Bezug auf die verschiedenen Nationen, Kulturen und Religionen geschildert, auch die sozialen Zugehörigkeiten werden thematisiert. Die Stadt Novi Sad wird als multinationaler, mehrsprachiger Ort beschrieben, und durch die Auswahl der Figuren kommen verschiedene nationale, kulturelle und sprachliche Welten miteinander in Berührung. Dadurch wird Literatur bei Tišma zu einem Medium, das das Hybride, aber auch das Nebeneinander und Gegeneinander in einer Stadt mit einer heterogenen Bevölkerung spiegelt. Vor diesem Hintergrund wird nicht nur der Holocaust thematisiert, sondern auch die Unfähigkeit der jugoslawischen Nachkriegsgesellschaft, mit dessen Folgen angemessen umzugehen. Zugleich setzt sich der Autor in den meisten seiner Werke mit ganz unterschiedlichen Formen von Gewalt und Sadismus auseinander. Bei Tišma findet sich demnach keineswegs ein idyllisches transkulturelles Miteinander. Das Konfliktpotenzial in der Gesellschaft wird bei ihm jedoch nicht durch das Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen bzw. Nationen erklärt (und ebenfalls nicht durch gegenseitig vorgebrachte Täter_innen- und Opfernarrative), sondern vielmehr durch die Bereitschaft zur Gewalt, die sich sowohl bei jedem_jeder Einzelnen (bedingt durch das Begehren, das bei Tišma vor allem in Hinblick auf Sexualität ausgeprägt beschrieben wird) als auch in der Gesellschaft findet, die nicht in der Lage ist, für die Opfer des Holocaust neue Möglichkeiten der Sinnstiftung anzubieten.

Novi Sad als heterogene und mehrsprachige Stadt

Mit dem Begriff der Hybridität (vgl. exemplarisch: Chambers 1997; Castro Varela, Dhawan 2005; Ha 2005; Bhabha 2008 und 2012) werden einerseits Konstellationen der Vermischung und Verflechtung beschrieben, andererseits aber auch Zusammenhänge, in denen mehr als eine Sprache, Religion oder Tradition bzw. Geschichte, mehr als eine Gemeinschaft, zunächst einmal nebeneinander existieren.

Für die Literaturwissenschaft ist dieses Problem zentral, da sich in literarischen Texten oft eine Fülle von miteinander verwobenen Diskursen wiederfindet, die ←41 | 42→sich anderen Disziplinen zunächst getrennt voneinander bzw. als unterschiedliche Untersuchungsgegenstände präsentieren. In Texten, in denen unterschiedliche sprachliche und kulturelle Praktiken eine Rolle spielen, entstehen somit fast zwangsläufig hybride Konstellationen, die sich mit dem Konzept „Kultur als Übersetzung“ (Bachmann-Medick 2009, 45) auch als solche beschreiben lassen. Diente dieser Begriff in der theoretischen Debatte vor allem der Dekonstruktion stabiler und essenzialisierender Kulturkonzepte, so wurden in der breiten diskursiven Verwendung des Konzepts wortwörtliche und metaphorische Bedeutungen vermischt (zum Teil bewusst, zum Teil auf problematische Art und Weise; vgl. dazu kritisch Wagner 2009). Einerseits bezieht sich der Begriff auf das Immer-schon-Übersetztsein von kulturellen Gegenständen, andererseits auf konkrete Übersetzungen und Vermittlungspraktiken zwischen den Sprachen und Kulturen.

Dort, wo das Augenmerk weg vom Kulturenvergleich und hin zu Interaktionen gerichtet wurde (vgl. Rohdewald, Frick, Wiederkehr 2007), stehen kulturelle Praktiken von Individuen sowie von religiös, sozial oder sprachlich bestimmten Gemeinschaften im Vordergrund. Wenn sich transkulturelle und translinguale Zonen als „Kommunikationsregion“ beschreiben lassen und durch ein solches Konzept andere als national oder kulturell gefasste Räume bestimmt und analysiert werden können (vgl. Rohdewald, Frick, Wiederkehr 2007, 15), so ist der Begriff der Kommunikation keineswegs als ein störungsfreier konzipiert. Rohdewald, Frick und Wiederkehr beziehen sich ihrerseits auf das kulturwissenschaftliche Konzept der Verhandlung (vgl. Rohdewald, Frick, Wiederkehr 2007, 16). Für Bhabha ist gerade das Unübersetzbare, das „foreign element“ in Prozessen kultureller Übersetzung entscheidend (Bhabha 2008, 325). Jörg Dünne, Martin Schäfer, Myriam Suchet und Jessica Wilker (2013) beschreiben die Störungen in der Übersetzung gerade nicht als Abbruch von Kommunikation, sondern als das, was diese überhaupt erst ermögliche (Dünne, Schäfer, Suchet, Wilker 2013, 8).

Novi Sad lässt sich als eine derjenigen Regionen bezeichnen, die bereits in der Vergangenheit bzw. über einen langen Zeitraum hinweg von Praktiken der kulturellen Differenz und Übersetzung im Sinne einer Kommunikationszone (Rohdewald, Frick, Wiederkehr 2007, 15) geprägt waren. Tišmas Upotreba čoveka zeigt Novi Sad als multikulturelle und multinationale Stadt in der Vojvodina. Auch wenn die Figuren und Konstellationen im Roman zunächst durchaus kulturell differenziert angelegt sind, so wird das Zusammenleben – vor allem auch der sich voneinander abgrenzenden, miteinander streitenden Gruppierungen – gerade nicht im Sinne essenzialisierender und stabilisierender Kulturkonzepte beschrieben. Im Gegenteil, gerade dort, wo die Figuren starke Abgrenzungen vornehmen und Homogenitätsvorstellungen nachgehen – so etwa der Deutsche ←42 | 43→und Ungar_innen gleichermaßen hassende Serbe Nemanja Lazukić oder die von ihrer eigenen deutsch-jüdischen Zwischenposition angewiderte Vera Kroner –, sind Momente der Ambivalenz besonders stark.

Das im Roman beschriebene Novi Sad soll zunächst kurz aus historiografischer Sicht beschrieben werden, bevor ich zur Analyse des Textes komme. Novi Sad gehört zur Vojvodina, deren „identitäre und kulturelle Heterogenität“ (Bethke 2001, 58) sich der Bevölkerungspolitik des Habsburger Reichs verdankt – die Serb_innen wurden in der Region gehalten, Deutsche wurden angesiedelt. Carl Bethke (2001) fasst das, was in dieser Region als Hybridität bezeichnet werden könnte, wie folgt zusammen:

Auf ihrem Boden verschmolzen das orthodoxe Erbe und die Perzeptionen der zeitgenössischen barocken, klassischen und romantischen Impulse Mitteleuropas. Im 19. Jahrhundert kam ein großer Teil der intellektuellen Elite des noch osmanischen Serbiens aus der Vojvodina. In der Vojvodina wurde die Verwendung der Lateinschrift auch unter den Serben üblich, die barocken orthodoxen Kirchengebäude unterscheiden sich äußerlich nicht von ihren katholischen Entsprechungen. (Bethke 2001, 60)

In dem Zeitraum, den Tišma in Upotreba čoveka beschreibt, d.h. vor allem zur Zeit des Zweiten Weltkriegs, war das Gebiet in drei Staaten aufgeteilt: Syrmien gehörte zum Unabhängigen Staat Kroatien, die Bačka und damit auch Novi Sad gehörten zu Ungarn, das Banat zu Serbien. Die Region war somit einerseits durch eine heterogene Bevölkerung geprägt und andererseits auf Verwaltungs- und Gesetzesebene durch die territoriale Aufteilung auf drei Staaten gespalten.

Bei der Besetzung der Vojvodina kam es zu massiven Gewaltausbrüchen, es gab Pogrome gegen Jüd_innen und Übergriffe gegen Serb_innen (Bethke 2001, 65f.). Der Holocaust in der Vojvodina verlief durch die Aufteilung der Region in drei Staaten unterschiedlich. In Ungarn, um die Ausführungen auf Novi Sad zu verdichten, wurden Jüd_innen bis 1944 nicht ermordet, die Deportation nach Ausschwitz wurde jedoch nach der Besetzung durch Deutschland 1944 in wenigen Wochen durchgeführt (Bethke 2001, 67). Die Jahre zwischen 1941 und 1944 unter ungarischer Herrschaft waren von Gewalt geprägt. 1942 wurde die sogenannte „Razzia“ in Novi Sad durchgeführt; dabei „wurden etwa 4.000 Menschen ermordet, vor allem Juden, aber auch Serben. Dies war eines der größten Verbrechen des Horthy-Regimes“ (Bethke 2001, 67). Sowohl Alexandar Tišma als auch Danilo Kiš haben dieses Ereignis in ihren Texten thematisiert.11

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Seit 1945 war die Vojvodina eine autonome Provinz im kommunistischen Jugoslawien (vgl. Bethke 2001, 70). Die Volkszählung von 1991 ergab, dass 57% der Bewohner_innen Serb_innen und 17% Ungar_innen bzw. Magyar_innen sind. Weitere Einwohner_innen bezeichneten sich als „Kroaten, Slowaken, Tschechen, Ukrainer oder Rumänen“. Vor 1945 gab es hier 20% Deutsche bzw. „Schwaben“ (Bethke 2001, 55–59).

Kritik, Gewaltdarstellung und Ambivalenz

Tišmas Romane und Erzählungen sind geprägt von exzessiven Gewaltdarstellungen, oft sexueller Art, und beschreiben eine Welt, in der soziale Mißverhältnisse, Enttäuschung, aggressive Beziehungen, Ausbeutung und Mord an der Tagesordnung sind. Auch die oben genannten zentralen fünf Texte, in denen sich Tišma mit dem Holocaust auseisandersetzt, bilden hier keine Ausnahme. Den Protagonist_innen, die sich mal mehr und mal weniger eindeutig als Täter_innen oder Opfer beschreiben lassen, bleiben oft ambivalent – Tišma arbeitet wiederholt in einzelnen Figuren einander widersprechende, kaum rational erklärbare und die Personen oft jahrelang verfolgende Handlungen und Gefühle heraus, die sich einem vereinfachenden Täter_innen-Opfer-Binarismus verweigern. Diese Erzählweise verschont die Lesenden nicht davor, auch mit der Innensicht von Menschen konfrontiert zu werden, die gewalttätig sind, die andere quälen und töten. So schildern Tišmas Texte das Leben in einer Welt, in der sich zwischen der Entscheidung für den eigenen Selbsterhaltungstrieb und der damit verbundenen Aktivierung der eigenen Aggressionen und einer Haltung der Depression und Resignation kaum andere Möglichkeiten auftun.

Ana Antić hat die Rolle der Sexualität und der damit verbundenen Kritik, die Tišma an der Gesellschaft übt, als äußerst ambivalent dargestellt:

Tišma’s novel does not offer an alternative to the fascistic sexuality, thereby partly structuring it as essential, although it sometimes implies that sadistic eroticism might have resulted from social construction rather than biological drives. In short, Tišma never fully resolved how he wanted to formulate his criticism of the bourgeois society: condemning its transformation of sexuality into a force of evil, torture, and eventually genocide through repression and hypocrisy; or defining sexuality as evil and genocidal a priori, and using it as a literary metaphor for degradation in order to mount a much broader socio-political and cultural criticism. This internal conflict speaks volumes about moral dilemmas and intellectual intricacies that discourses of the Holocaust representation are bound to face whenever they attempt to explore the relation of the Third Reich experience to contemporary society. Tišma’s complex, rich, and difficult novel is a powerful testimony to some of them. (Antić 2009, 63f.)

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Zugleich schreckt Tišma nicht davor zurück, den jugoslawischen Staat bzw. die dortige Nachkriegsgesellschaft dafür zu kritisieren, dass sie weder den Holocaust aufarbeiten, noch den Opfern irgendeine Perspektive bieten. Im Gegenteil, in einer Szene schildert er, wie das sozialistische System die Opfer des Holocaust erneut traumatisiert:

[Personalka] drži govor o zakašnjavanju na posao, o vremenu koje se gubi u razgovorima, čita sa spiska imena prestupnika propraćajući svako po jednim pogledom upućenim među stolice i klupe. Apel, podseća se Vera, i grlo joj se steže u strahu. Hoće li nju izdvojiti, osuditi, hoće li joj narediti da sljušti sa sebe haljinu i, vezavši je za stub u predvorju, odmeriti po njoj udarce batinom? Znoji se. (Tišma 2010, 154)

[Die Personalchefin] hält eine Rede über Vergeudung von Arbeitszeit durch Zuspätkommen und Geschwätz während der Bürostunden, sie liest von einer Liste die Namen der Deliquenten ab, und ihr Blick trifft jeden einzelnen in den Bank- und Stuhlreihen. Ein Appell, denkt Vera entsetzt, und die Angst schnürt ihr die Kehle zu. Wird man sie aussondern, beschuldigen, zur Entkleidung zwingen, an einen Pfosten binden und schlagen? Sie ist in Schweiß gebadet. (Tišma 1994, 149)

Diese deutliche Kritik am System wird von Ana Antić wie folgt kommentiert: „It is quite fascinating that, to my knowledge, the Yugoslav state’s censorship did not react to this extremely harsh and explicit if brief criticism when the novel was published in the late 1970s.“ (Antić 2009, 59).

Tišmas Texte bleiben ambivalent in der Frage, inwiefern die Gesellschaft das Gewaltpotenzial der Menschen entschärfen oder gar eindämmen kann, spielen sich doch die aggressiven Handlungen oft auch auf einer privaten, zwischenmenschlichen Ebene ab. Tišma arbeitet jedoch sehr deutlich die Wechselwirkung zwischen der individuellen menschlichen Gewaltbereitschaft und der Legitimierung von Gewalt in gesellschaftlichen Systemen heraus: So werden einerseits patriarchale Verhältnisse (bei Tišma dadurch repräsentiert, dass die männlichen Protagonisten ihre Sexualität zumeist nur durch die Unterordnung von Frauen ausleben können), andererseits der faschistische Sadismus, aber auch Armut, soziale Mißverhältnisse sowie die jugoslawische Nachkriegsgesellschaft in dieser Hinsicht analysiert.

Mehrsprachigkeit und multiple Identitäten

Dieselbe Ambivalenz zeigt sich in Bezug auf die Darstellung des mehrsprachigen, von verschiedenen Kulturen und Wertvorstellungen geprägten Novi Sad. Immer vor dem Hintergrund der Vernichtung der Jüd_innen in den Konzentrationslagern und der Unmöglichkeit für die Überlebenden, danach ein sinnstiftendes Leben führen zu können, macht Tišmas Text deutlich, dass vor der Separierung ←45 | 46→der Schulen im Jahr 1942 (Tišma selbst ging danach auf die serbische Schule, studierte dann jedoch in Budapest) die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen einander teilweise hasserfüllt gegenüberstanden, sich andererseits aber auch Freundschaften entwickelten, die durch die gesellschaftlichen Verhältnisse allerdings oft konfliktbeladen waren. Tišma beschreibt differenziert, wie unterschiedlich individuelle Empfindungen in Bezug auf die eigene Mehrsprachigkeit und multiple Verortung sein können. Die Geschwister Vera und Gerhard Kroner nehmen ihre jüdisch-deutsche Familie völlig unterschiedlich auf. Damit verweist der Text nicht nur auf die Kontingenz der Identifizierung mit verschiedenen Zugehörigkeiten, sondern auch auf unterschiedliche individuelle Perspektiven, die trotz gleicher Voraussetzungen eingenommen werden können. So werden Gemeinschaft im Allgemeinen, aber auch die sprachliche und kulturelle Vielfalt, die Vera und Gerhard in ihrer Familie erleben, ganz anders gewertet.

Vera mag die „po njenom osećanju čudnu i neskladnu mešavinu svetova njenog oca i matere“ (Tišma 2010, 71) [„für ihr Empfinden seltsame und disharmonische Mischung aus den Welten des Vaters und der Mutter“; Tišma 1994, 62] nicht.

Tuđila se svih onih izreka, basmi, sujevernih uzrečica kojima se njena mati, naučena od matere seljanke, služila dok ju je, kao devojčicu, polagala u krevet […], odbijala je mistične kletve što su puzale iz polumraka staračkog stana babe Kroner. (Tišma 2010, 72)

All die Redewendungen, Zaubersprüche und Beschwörungsformeln, welche die Mutter von ihrer eigenen, bäuerlichen Mutter gelernt hatte und deren sie sich bediente, wenn sie die kleine Tochter schlafen legte […], genierten Vera, und vor den mystischen Verwünschungen, die aus der dämmrigen Greisenwohnung der Großmutter Kroner an ihr Ohr drangen, ekelte sie sich fast körperlich. (Tišma 1994, 63)

Gerhard interessiert sich in krassem Gegensatz dazu für alle Sprachen und Kulturen; er ist offen für alles andere und begeistert sich für die Nachahmung alles Merkmalhaften. Gerhard hat viele Freund- und Feindschaften. Vera dagegen hasst Gebräuche und Konventionen, sie lässt Andere nicht an sich heran, lässt alles Fremde an sich abprallen, weil sie sonst ihre eigenen Familienverhältnisse und Rituale preisgeben müsste. Aus diesem Grund pflegt sie auch keine Freundschaften.

Vera, ako bi se i zaigrala sa kakvom devojčicom ili dečakom […], čim bi na došljaku uočila nešto osobeno, u odevanju, u češljanu kose, ili čula u govoru nešto što odstupa – ako je bilo Srpče ili Mađarče onda neku reč, ako je bio mali Nemac onda neki pojam koji u njenoj mešanskoj porodici nije važio –, nepoverljivo bi načuljila uši ili zaustavila oči na zapaženoj pojedinosti. […] U svakoj od tih dobačenih neustaljenih ili ne sasvim jasnih reči ona je osećala nametanje, ne namerno doduše […], ali tim uvredljivije, jer čak ne predviđa da bi moglo i ne biti prihvaćeno. Svak je slepo verovao u svoj običaj, u ←46 | 47→njegovo svevaženje, niko nije pitao Veru: a kakav je tvoj? No, ako bi ona sebi mesto njih postavila to pitanje, tek tada ju je obuzimala strava, jer je sagledala da su u nje, u njenoj kući mešanih vera i narodnosti i jezika, običaji u neredu, u smešnom neskladu, da se nadvikuju švapsko hrskanje i jidiš srktanje, da se brkaju praznici […]. (Tišma 2010, 73)

Sofern sich Vera auf das Spiel mit einem Mädchen oder Jungen einließ […] und bei dem kleinen Gast etwas Besonderes in Kleidung oder Frisur entdeckte, etwas Abweichendes in seiner Sprechweise – bei kleinen Serben und Ungarn die eine oder andere Vokabel, bei kleinen Deutschen Begriffe, die in ihrer Familie nicht gebräuchlich waren –, registrierte sie diese Besonderheiten voller Mißtrauen […]. All diese ungewohnten oder nicht ganz verständlichen Worte empfand sie als Diktat, zwar nicht beabsichtigt […], aber um so verletzender, da die Möglichkeit einer Ablehnung nicht vorgesehen war. Jeder glaubte blind an seine Konventionen und deren allgemeine Gültigkeit, niemand fragte Vera nach den ihrigen. Aber erst, wenn sie sich diese Frage selbst stellte, packte sie das Entsetzen, denn sie begriff, daß in ihrem eigenen, national, religiös und sprachlich gemischten Elternhaus, wo schwäbisches Deutsch und Jiddisch miteinander im Widerstreit lagen, ein völliges Chaos der Gebräuche herrschte […]. (Tišma 1994, 64)

Während in der Beschreibung von Veras Ablehnung ihrer eigenen multiplen Zugehörigkeit von einem Durcheinander die Rede ist, ist Robert Kroners und Milinkos Begeisterung für verschiedene Kulturen und Literaturen von ordnungsstiftenden Diskursen geprägt. Sie begeistern sich für Bücher und Enzyklopädien; enzyklopädisches Wissen und Nachahmungspraktiken nehmen überhaupt einen wichtigen Stellenwert im Roman ein. Milinko bedient sich in der Bibliothek der Kroners, er versteht sowohl deutsch als auch ungarisch. Sie bestellen auch zusammen neue Bücher, in die deutsche Buchhandlung kann Milinko allerdings nur allein gehen, da Kroner als Jude der Zutritt dort verwehrt ist. Im Zusammenhang mit den Enzyklopädien und Nachschlagewerken wird die Nachahmung ins Zentrum gerückt – es geht um das Nachahmen und Kopieren von Wohnstilen, Lebensweisen, Bauweisen und architektonischen Gestaltungen. Dabei spielt sowohl die geografische Verbreitung als auch die historische Verbindung eine Rolle. In ebendiesen Kontext werden auch die Wissensmigration, die Verbreitung bestimmter Theorien und Konzepte sowie die Wiederholung künstlerischer Stoffe gestellt. Der Wissensvorsprung durch die Kenntnis anderer Kulturen, Moden und Stile wird hier auch als ökonomischer Vorteil herausgestellt.

Tišma thematisiert jedoch ebenso jene Verflechtungen zwischen den Kulturen, die nicht auf dem Interesse am Anderen, sondern auf Hass basieren und aus Eigennutz und wirtschaftlichen Gründen entstehen. Dies lässt sich an der Figur des Nemanja Lazukić, Sredojes Vater, aufzeigen. Zunächst ist er geprägt von Hass gegen die Deutschen, vor allem aus politischen Gründen. Er nimmt an, dass die Deutschen sein ‚Serbentum‘ gefährden würden. Aus diesem Grund initiiert er auch den Deutschunterricht für den Sohn, damit dieser später in der ←47 | 48→Lage sein wird, die Deutschen ausspionieren zu können. Der Vater macht zum Ende des Zweiten Weltkriegs, nachdem die ungarische Armee in Novi Sad einmarschiert ist, juristische Dienstleistungen und verdient damit sein Geld. Dabei erweisen sich gerade die Deutschen für Nemanja als gute Geschäftspartner. Nach und nach kommen auch Soldaten zum Vater in die Wohnung, und Sredoje muss nun für den Vater übersetzen. Der wirtschaftliche Nutzen nähert Sredojes Vater den Deutschen an, er baut schließlich sogar Freundschaften auf, so etwa zu Hauptmann Dr. Waldenheim. Dieser besorgt Sredoje einen Job als Dolmetscher bei der Polizei, um zu verhindern, dass Sredoje in die serbische Staatsgendarmerie eingezogen wird.

Sledeći put je [Valdenhajm] došao Lazukićima s gotovim rešenjem: pošto Sredoje zna nemački, mogao bi ga namestiti u policiji kao prevodioca, što bi ga, zbog važnosti ustanove, oslobodilo obaveze prema zamornoj, možda i opasnoj Državnoj straži. Lazukići su se zglednuli, ukrstili dve-tri reči dvoumljenja, jer je policija pod okupacijom stekla odbojno, čak izdajničko obeležje, ali je očita neposredna korist konačno prevagnula i oni su sa zahvalnošću prihvatili ponudu. (Tišma 2010, 250f.)

Das nächstemal kam er [Waldenheim] mit einer fertigen Lösung zu den beiden Lazukićs: da Sredoje des Deutschen mächtig sei, könne er ihn als Dolmetscher bei der Polizei unterbringen, was ihn wegen der Wichtigkeit der Institution vom anstrengenden und vielleicht auch gefährlichen Dienst in der Staatsgendarmerie befreien würde. Vater und Sohn sahen sich an, wechselten ein paar Worte des Zweifels, denn die Polizei hatte unter der Okkupation abstoßende, ja perfide Züge angenommen, aber schließlich überwog der offensichtliche direkte Vorteil, und sie nahmen den Vorschlag dankend an. (Tišma 1994, 251)

Es bleibt nicht dabei, dass Sredoje die Tätigkeit in Kauf nimmt, um dem Militärdienst zu entkommen. Sredoje nutzt seine Stellung aus, um seine sexuellen Begierden zu befriedigen: „Ona propusnica u džepu kaputa sada ga je pekla; počeo je pomišljati kako bi njome mogao neku ženu da zapanji, slomi još dublje, sasvim potčini“ (Tišma 2010, 255) [„Der Dienstausweis in der Tasche brannte ihn jetzt; er überlegte, wie er durch ihn eine Frau noch tiefer erniedrigen, völlig brechen und unterwerfen könnte“; Tišma 1994, 255]. Auch wenn er zunächst noch zögert, da er Angst vor den Konsequenzen für sich selbst hat, setzt er seinen Ausweis schließlich zu den beschriebenen Zwecken ein und behandelt die Frauen durch die zusätzliche Erniedrigung und Bedrohung „kao beživotnu žrtvu sa kojom će činiti sve što mu mašta uzište“ (Tišma 2010, 256) [„wie ein lebloses Opfer, mit dem er alles anstellen konnte, was seine Phantasie verlangte“; Tišma 1994, 257].12

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Über das Sprechen in angsterfüllten Situationen

Die paradoxe Situation der Familie Kroner wird besonders deutlich, als Sepp, der Bruder von Rezi Kroner, zu Besuch kommt. Der SS-Mann kommt zu einem Zeitpunkt (1941) zu den Kroners, als deren Geschäft bereits enteignet ist. Die Kinder, Vera und Gerhard, stehen ihm nahe, er ist aber nicht in der Lage, zu begreifen, dass sein Antisemitismus auch die eigenen Verwandten bedrohen und vernichten wird. Auf ähnlich absurde Art und Weise wird später die Mutter der Kinder wieder zur Antisemitin, ihre eigenen Kinder, besonders Gerhard, betrachtet sie nicht als jüdisch. Gerhard seinerseits, der zu den Partisan_innen flieht, will den Onkel ermorden, um sein Verschwinden mit einer Heldentat einzuleiten. Zwischen Sepp und Robert Kroner findet ein bizarres Gespräch statt, in dem Sepp zunächst über seine Erfahrungen an der Front berichtet. Das Gespräch mündet in antisemitische Reden und Schilderungen von Massenerschießungen, die kein Ende nehmen. Kroner weigert sich, diese Realität zu akzeptieren, und erkundigt sich nach immer weiteren Einzelheiten, die die Erzählung als Vision eines Irren herausstellen würden. Kroner begreift schließlich die Gefahr, registriert aber zugleich, dass er zu Widerstand nicht fähig ist. Er hängt an der Stadt und an seinem Besitz, während Vera längst entschlossen ist, in ein anderes Land überzusiedeln, was ihr jedoch – auch aufgrund der Versäumnisse des Vaters – nicht rechtzeitig gelingt. Ihre Mutter lernt in der Zwischenzeit einen Deutschen kennen, mit dem sie schließlich nach Deutschland übersiedelt. Vera besucht nach ihrer Rückkehr aus dem Lager die Mutter in Frankfurt, diese ist allerdings ←49 | 50→nicht in der Lage, sich auf die psychische Verfassung der Tochter einzulassen, und schickt sie wieder zurück.

Tišma arbeitet an der Figur der Vera Kroner und ihrer Familie besonders deutlich heraus, dass sich die Konflikte, der Krieg und die Vernichtungsaktionen nicht zwischen abstrakten Gruppen abspielen, sondern auch innerhalb von Familien. Indem der Text beschreibt, dass Jüd_innen mit Täter_innen in der eigenen Familie konfrontiert sind, zeigt er auf, dass auch das Private nach dem Zweiten Weltkrieg nicht als Schutzraum imaginiert werden kann.

Homi K. Bhabha beschreibt den Zusammenhang zwischen einer angsterfüllten, ambivalenten Gegenwart und der Möglichkeit des Dialogs wie folgt:

In den Zwischenräumen gefangen sein, heißt jedoch nicht, dass wir der Macht des Narrativen gänzlich entbehren. Eine Äußerungsgegenwart (enunciatory present), die ängstlich, ambivalent und kontingent ist, ist auch eine historische Gegenwart, die eine ethische Verpflichtung hat, für Überarbeitung und Übersetzung offen zu sein. Denn wenn ‚die Menschen […] sehr viel Wirklichkeit [ertragen]‘, dann sind sie angewiesen auf die Poiesis von Erinnerung und Erzählung, von Befragung und Gespräch, um eine Wirklichkeit oder Geschichte der Menschheit zu konstruieren, und zwar mittels der dialogischen Praxis von Ausflucht und Interpretation, Schweigen und Sprechen, Erinnern und Vergessen, Handlungsmacht und Zeugenschaft. Eine angsterfüllte ‚Gegenwart‘ begründet die Autorität einer Wirklichkeit, die zwar partiell, perspektivisch, ambivalent und interpretationsbedürftig ist, aber dafür nicht weniger menschlich. (Bhabha 2012, 30, Herv. i. O.)

Vera Kroner bleibt die Möglichkeit des Erzählens und Erinnerns verwehrt. Während Sredoje seine Kenntnis des Deutschen einsetzt, um mit den Deutschen zu kollaborieren und die dadurch gewonnene Machtposition auch noch zur Befriedigung seiner sadistischen sexuellen Bedürfnisse ausnutzt, wird Vera ins Konzentrationslager verbracht. Die Handlungsmöglichkeiten in Tišmas Figurenkosmos – zwischen Dominanz und Unterwerfung – zeichnen sich für Sredoje durch immer neue Möglichkeiten aus, während Vera unterworfen, gequält und vergewaltigt wird. Auch nach dem Krieg bietet sich für Vera weder in der Familie noch in der Gesellschaft die Möglichkeit, ein sinnstiftendes Leben zu führen und mit ihrer Vergangenheit zurechtzukommen.

Als Vera direkt nach der Rückkehr aus dem Lager bei den Nachbarn zu Mittag isst, wird die Absurdität des Zusammenlebens nach dem Krieg deutlich:

Čini joj se, da bi imala prava da zalupa na svaka vrata i da zatraži bilo šta, pozivajući se na punu godinu lišavanja; ima potrebu da svima saopšti šta je iskusila u strahotama, a opet, ovo joj se, zgrudvane u reči koje još i nisu kazane, vraćaju, zatrpavaju je iznutra svojom težinom, svojom istinitošću, a onda i neistitnošću, jer je u njima ponešto i ←50 | 51→zatajeno, nalepe se u njoj kao smola, i ona oćuti. Najednom umorna, oznojena hranom na kakvu nije navikla, uzbuđenih creva, mora da ide brzo kući. Tamo, u velikoj sobi, savljuje se na pod i plače. Guše je reči koje je izgovorila i one koje nije izgovorila, guše je ćutanje i klimanje glavom kojima su saslušane, guši je uzvik što ga je potisnula: ‚A vi, šta ste vi za to vreme radili?‘ (Tišma 2010, 142f.)

Sie meinte das Recht zu haben, an jede Tür zu klopfen und unter Berufung auf ein Jahr der Entbehrung was auch immer sie wollte zu verlangen; sie hatte das Bedürfnis, allen mitzuteilen, was sie an Schrecklichem erfahren hatte, aber das Schreckliche, in noch ungesprochene Worte gefaßt, kehrte zu ihr zurück, erfüllte ihr Inneres durch sein Gewicht, seine Wahrheit und dann auch Unwahrheit, denn vieles Verheimlichte haftete an ihr wie Pech, und sie verstummte. Auf einmal ermüdet, in Schweiß ausbrechend wegen des ungewohnten Essens, das ihre Eingeweide aufwühlte, mußte sie schnell nach Hause gehen. Dort im großen Zimmer sank sie zu Boden und weinte. Sie wurde erstickt von den Worten, die sie gesprochen, und denen, die sie verschwiegen hatte, von dem Schweigen und Kopfnicken, mit dem sie aufgenommen worden waren, von dem Schrei, den sie unterdrückt hatte: ‚Und ihr, was habt ihr all die Zeit getan?‘ (Tišma 1994, 136f.)

Sie entschließt sich schließlich, einem geregelten Leben nachzugehen. Da sie sich aber weigert, einen Lebenslauf zu schreiben, verliert sie ihre Arbeit wieder. Das Scheitern am Schreiben der Biografie erklärt sich daraus, dass sie ihre Geschichte nicht erzählen kann – sie kann die einzelnen Erlebnisse nicht miteinander verbinden, das Erlebte nicht aussprechen (vgl. Tišma 2010, 155–157, Tišma 1994, 150–153). Der Text ist vielschichtig, da durch diese Szene einerseits die Unmöglichkeit vom Holocaust zu erzählen, dargestellt wird, andererseits aber auch Kritik an der Aufarbeitung des Holocaust in der jugoslawischen Nachkriegsgesellschaft geübt wird.

Gerade in Tišmas Texten wird mitten aus den Konflikten heraus gesprochen, die Erzählperspektive ist immer nah bei den Figuren, in einigen Szenen fast penetrant beobachtend. Die verschiedenen Handlungsmöglichkeiten sowie die verschiedenen Ausgangsdispositionen werden nebeneinandergestellt – insbesondere in den Abschnitten, in denen die Wohnsituationen oder die körperlichen Dispositionen der verschiedenen Figuren fast nur aufgezählt werden. Der Verzicht auf einen (ethischen) Standpunkt, der außerhalb der Handlungsebene der Figuren angesiedelt wird, ist sowohl in Bezug auf Tišmas Darstellungen von sexualisierter Gewalt an Frauen als auch bei der Repräsentation des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust zumindest gewöhnungsbedürftig. Das Nebeneinander der Empfindungen von Täter_innen und Opfern, aber auch von unterschiedlichen Persönlichkeiten und Voraussetzungen, zeigt die Ambivalenzen inmitten der Situation, in der sie stattfinden.

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Ästhetischer Anspruch und programmatische Ambivalenz

Dagmar Burghart und Andrea Meyer-Fraatz konzentrieren sich in ihren vergleichenden Lektüren von Danilo Kiš und Aleksandar Tišma vor allem auf die ästhetischen Verfahren der Darstellung des Holocaust und der Erinnerung daran. Meyer-Fraatz schließt wie folgt:

In den Werken beider Autoren wird deutlich, wie während des Zweiten Weltkriegs individuelle Schicksale unausweichlich unter die Gewalt einer grausamen und aggressiven Politik geraten. Ihr wesentlicher Unterschied besteht in der jeweils spezifischen Poetik des Erinnerns. (Meyer-Fraatz 2011, 395)

Dagmar Burghart schließt stark normativ:

In der Kunst und Literatur kommt es darauf an, die Erfahrungen gerade dieser untergegangenen Opfer nicht durch unangemessene mimetische Verfahren der Literatur zu verletzen, sondern die Unzulänglichkeit der Repräsentation durch Verfremdung auszustellen und Chiffren für das ineffabile zu kreieren. […] [E];inerseits kennen [Kiš und Tišma] die Problematik, das Unsagbare verbal fixieren zu wollen. Andererseits billigen sie das historische und existentielle Postulat, eine künstlerisch erschwerte Form der Repräsentation und Aufarbeitung des Geschehens zu leisten. (Burghart 2014, 485)

Diese Gesamteinschätzung, die sich aus der vergleichenden Lektüre der beiden Autoren ergibt, gilt sicherlich für Kiš, für Tišma jedoch nur zum Teil – versucht er doch gerade immer wieder, auch das darzustellen, was vermeintlich nicht darstellbar und erzählbar ist. Der ästhetische Anspruch ist in Tišmas Texten seinem programmatischen Anliegen jedoch nicht unbedingt untergeordnet. Das Nebeneinander der Szenen, die aufzählenden Erzählverfahren, die Tišma ausgiebig nutzt, mögen denen von Danilo Kiš zwar auf einer rein formalen Ebene ähneln, haben allerdings – wie Klaus Scherpe, der Tišma aus der Perspektive des literarischen Stils der Sachlichkeit analysiert, überzeugend nachweist – bei Tišma eine ganz eigene Funktion. Scherpe bemerkt einführend, dass es in Tišmas Texten „keine Vorschriften und Vorbehalte der Darstellbarkeit zu geben“ (Scherpe 2004, 255) scheint. Tišmas Art und Weise des Erzählens sei weder eine, die der „Bewältigung“ (Scherpe 2004, 256) oder „Erzähltherapie“ (Scherpe 2004, 257) diene, noch eine – hier im überzeugenden Gegensatz zu Burghart und Meyer-Fraatz – „Beschwörung des unsagbar Leeren oder Unvorstellbaren“ (Scherpe 2004, 257). Tišmas Erzählen sei „indifferent gegenüber den menschheitlichen Fragen der Literatur nach Erkenntnis, der Identität, der Erfahrung, der Gesellschaft usw.“ (Scherpe 2004, 261).

Wenn Franz Hutterer, der seinen Aufsatz mit der „Welt der Mehrsprachigkeit, aus der Aleksandar Tišma kommt“ (Hutterer 1995, 269) einleitet, am Schluss die Frage stellt: „Wer soll hier noch mit wem zusammenleben?“ (Hutterer 1995, ←52 | 53→276), so suggeriert diese Frage, dass die Tatsache, dass die beschriebene Region mehrsprachig und kulturell vielfältig ist, ein Zusammenleben nach dem Holocaust noch zusätzlich erschweren würde.13 Dazu finden sich bei Tišma jedoch keine Anhaltspunkte. Wie ganz zu Beginn skizziert, schildert Tišma zwar offene Konflikte zwischen den einzelnen Gruppen (so etwa die Vorurteile des Serben Nemanja Lazukić gegenüber Deutschen und Ungar_innen), und er beschreibt am Beispiel der Geschwister Kroner sowohl positive als auch negative Einstellungen gegenüber der eigenen Mehrsprachigkeit und vielfältigen Zugehörigkeit; diese werden jedoch nicht als Begründung für Konflikte dargestellt. Auch in dieser Hinsicht bleibt bei Tišma ambivalent, ob zum Beispiel Veras bereits erwähnte Ablehnung der „po njenom osećanju čudnu i neskladnu mešavinu svetova njenog oca i matere“ (Tišma 2010, 71) [die „für ihr Empfinden seltsame und disharmonische Mischung aus den Welten des Vaters und der Mutter“; Tišma 1994, 62] Veras persönlicher Einstellung entspringt oder ob sich ihr Gefühl und ihre Ablehnung nicht angesichts der gesellschaftlichen Zustände entwickelt haben. In diesem Zitat wird die Subjektivität der Aussage auch eigens durch den Hinweis darauf herausgestellt, dass es sich um ihre Perspektive bzw. ihr „Gefühl“ handle.

Die von Klaus Scherpe herausgearbeitete Indifferenz der Texte in Bezug auf Fragen der Identität oder Gesellschaft sowie die von Ana Antić diagnostizierte Ambivalenz in Tišmas Texten in Bezug auf die Frage, ob Gewalt unausweichlich zum Menschsein dazugehöre oder ob sie durch das gesellschaftliche System bedingt sei, zeigt, dass Tišmas Texte keine einfachen Antworten geben. In beiden Punkten unterscheiden sie sich auch deutlich von den im Folgenden behandelten Texten der Gegenwart, die die Gesellschaft stark zur Verantwortung ziehen (insbesondere bei Irena Brežná, Mascha Dabić und Olga Grjasnowa).

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9 Seine Schulausbildung beendete Tišma, nachdem es 1941 durch die Annexion der Vojvodina an Ungarn zur Separierung der Schulsysteme in serbische und ungarische Schulen kam, in einer serbischen Schule. Nach seinem Schulabschluss 1942 und angesichts der Pogrome an Jüd_innen und Serb_innen in Novi Sad, ging er nach Budapest zum Studium der Romanistik, wohin seine jüdische Großmutter bereits geflohen war. Anders als Andrea Meyer-Fraatz fälschlicherweise behauptet, hat Tišma nicht „seine gesamte Familie in Auschwitz verloren“ (Meyer-Fraatz 2011, 381). Seine jüdische Großmutter entging jedoch nur knapp den Pogromen 1942, seine Mutter war vor ihrer Heirat zum christlichen Glauben übergetreten. Tišmas engere Verwandte überlebten somit den Holocaust.

10 László Végel: „Pisac ničije zemlje“. Dnevnik vom 17.02.2003, 12, zitiert nach Salamurović 2007, 247.

11 Zur literarischen Darstellung von Novi Sad und zu den „Kalten Tagen“ vgl. Kenneweg 2009 und Petzer 1998.

12 Die sadistische Erniedrigung von Frauen spiegelt sich dann auch in Veras Bericht über ihre Zeit im Konzentrationslager. Schließlich wird auch die Annäherung von Vera und Sredoje in dem Moment zerstört, in dem die beiden eine sexuelle Beziehung aufnehmen, da sich dadurch – in der von Tišma dargestellten Welt fast unvermeidlich – zwischen Sredoje und Vera wiederum das Verhältnis zwischen männlicher Dominanz und weiblicher Unterordnung herstellt. Daran wird deutlich, dass der Text „draws problematic parallels between pre-war societies, concentration camps and postwar social relations.“ (Antić 2009, 50). Direkt zu dieser Szene bemerkt Antić: „This continuation of the type of sexual intercourse introduced and perfected in a Nazi-run concentration camp in a society built upon political and military traditions of fierce antifascism signals Tišma’s particularly pessimistic evaluation of certain social, political, and cultural value systems that surreptitiously survived, or were being explicitly buttressed, in socialist Yugoslavia. Through Sredoje’s reenactment of the paradigmatic fascistic eroticism – which objectifies its exclusively femal[e]; victims, denying them the right to pleasure and agency, transforming their pain, suffering, humiliation and, ultimately, death into the sole imaginable path to the torturer’s sexual contentment – Tišma quite literally constructs the experience of Auschwitz after Auschwitz.“ (Antić 2009, 58).

13 Auch wenn Hutterer das nicht explizit so formuliert, deutet eine andere Textstelle auf eine solche implizit suggerierte Sichtweise hin: „Auch die Welt in Novi Sad, in der Wojwodina, ist in den Jahren des Zweiten Weltkrieges und danach dem Wahnsinn verfallen. Nicht nur Vernichtungswille, nicht nur Faszination des Tötens entspricht diesem Irrsinn, auch die Unfähigkeit zum Widerstand hat das Ende einer Welt angezeigt, in der Minderheiten unterschiedlicher Sprachen, Religionen, Kulturen neben und miteinander lebten. Vielfalt, Liberalität, Toleranz haben versagt.“ (Hutterer 1995, 275).