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Nach der Einsprachigkeit

Slavisch-deutsche Texte transkulturell

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Diana Hitzke

Postkoloniale Konstellationen lassen sich nicht (mehr) in das Eigene und das Andere, in das Originäre und das Nachgeahmte, in ein Hier und Dort auseinanderdividierenden. Sie sind geprägt von Verflechtungen, Hybri-disierungen und wechselseitigen Aneignungsprozessen. In diesem Band analysiert die Autorin Texte von Jurij Brězan, Irena Brežná, Mascha Dabić, Róža Domašcyna, Olga Grjasnowa, Barbi Marković, Olga Martynova und Aleksandar Tišma. Sie zeigt auf, dass alle Werke sich mit multiplen Zuge-hörigkeiten, Mehrsprachigkeit und Übersetzung auseinandersetzen. Die Texte dekonstruieren Grenzen sprachlicher und kultureller Zugehörigkeit, thematisieren aber auch Diskriminierung, Rassismus und Antisemitismus. Damit beschreiben sie mehrsprachige Welten jenseits von hegemonialer Einsprachigkeit.

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7. Schluss. Slavisch-deutsche Texte postkolonial

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7. Schluss. Slavisch-deutsche Texte postkolonial

Während sich Kolonisierung und Kolonialismus wie auch die „Coloniality of Knowledge“ (Tlostanova 2015) in historisch und geografisch spezifizierbaren Konstellationen abspielen, ist postkolonialen Konstellationen zu eigen, dass sie sich nicht (mehr) in das Eigene und das Andere, in das Originäre und das Nachgeahmte, in ein ‚hier‘ und ‚dort‘ auseinanderdividierenden lassen, sondern dass sie auf Verflechtungen, Hybridisierungen und wechselseitigen Aneignungsprozessen gründen. Die im vorliegenden Buch behandelten Texte beziehen sich daher auf Konstellationen, die auf die Ambiguität und Widersprüchlichkeit in Diskursen über Originale und Kopien (bei Marković, Martynova und Tišma) bzw. auf die Komplexität von mehrfachen Zugehörigkeiten (bei Brězan, Domašcyna, Grjasnowa, Martynova und Tišma) und transkulturellen Übersetzungsprozessen (bei Brežná, Dabić und Marković) hinweisen. In allen Texten gibt es Momente der Dekonstruktion von Grenzen sprachlicher und kultureller Zugehörigkeit; in einigen Texten werden auch die „Grenzen der Überschreitung“ (Lavorano, Mehnert, Rau 2016) deutlich, so etwa im Falle von Rassismus und Antisemitismus (bei Grjasnowa und Tišma) sowie bei der Diskriminierung aufgrund von Sprache (bei Domašcyna und Grjasnowa).

Alle im vorliegenden Buch behandelten Texte sind geprägt durch ihre Zugehörigkeit zu Europa – sie repräsentieren jedoch Positionen, die zugleich als ‚Abseits‘, ‚Außen‘ oder ‚Anderes‘ des europäischen Selbstverständnisses bzw. in den jeweiligen nationalstaatlichen Mehrheitsgesellschaften als ‚minoritär‘ wahrgenommen werden. Zum Teil werden sie bewusst als solche markiert und konstruiert, zum Teil ist die Differenzierung ein nicht unwesentlicher Bestandteil ihrer Selbstbeschreibungen. Das ‚Jüdische‘, ‚Sorbische‘, ‚(Post-)Migrantische‘, aber auch die mehrfache oder wechselnde Zugehörigkeit zu Kulturen bzw. Staaten sowie die damit zusammenhängende Mehrsprachigkeit sind Positionen, die immer wieder neu verhandelt werden. In diesen Verhandlungen und Verortungen spiegeln sich die jeweiligen politischen und kulturellen Grenzen der Gesellschaften und Staaten, in denen die Minderheiten leben.

Während Brězans Krabat-Roman zeitlich die größte Breite aufweist – von der Schöpfungsgeschichte bis zur Gegenwart der Entstehungszeit des Romans, d.h. bis in die 1970er-Jahre – sind andere Texte stärker auf eine konkrete und kürzere Zeitspanne bezogen. So beschreibt Tišma die Zeit des Zweiten Weltkriegs, den Holocaust und die jugoslawische Nachkriegsgesellschaft; Brežná, Dabić, ←145 | 146→Grjasnowa und Martynova beziehen sich vor allem auf die Gegenwart; letztere bezieht in ihre Texte immer auch Reflexionen über die Geschichte und Kultur Russlands ein. Für alle Texte sind Mehrsprachigkeit und multiple Zugehörigkeit konstitutiv, daher thematisieren sie in starkem Maße kulturelle Übersetzung, Hybridität und transkulturelle Momente. Sie zeigen auch die Grenzen mehrfacher Zugehörigkeiten auf, die immer dann sichtbar und bedrohlich werden, wenn die Mehrheitsgesellschaften sich selbst dadurch aufzuwerten versuchen, dass sie ihre Minderheiten diskriminieren, zur Assimiliation zwingen, ja gar gewaltsam deportieren oder töten (vgl. dazu Appadurai 2006). Im Fall von Rassismus und Antisemitismus im kolonialen bzw. nationalsozialistischen Kontext ist besonders deutlich, wie die Opfer gezielt als ‚Andere‘ konstruiert werden.

Die Frage, ob und wie zwischen Rassismus und Antisemitismus unterschieden werden sollte, ist Teil der „postkoloniale[n]; Wiederholung des Historikerstreits“ (Klävers 2018, 106); Klävers sieht hier folgenden Unterschied:

Wo der Rassismus von einer Binäropposition ausgeht, etwa ‚self‘ und ‚other‘, ‚innen‘ und ‚außen‘ oder ‚Mehrheit [sic] und ‚Minderheit [sic], lässt sich der Antisemitismus mittels dieser Kategorien nur unzureichend erfassen. Das stellt Klaus Holz in der ‚Figur des Dritten‘ dar, der zufolge ein jüdischer Mensch aus Sicht des Antisemiten ‚weder das eine noch das andere, weder Inländer noch Ausländer‘ sei und damit die ‚Negation der Unterscheidung‘ repräsentiere. Das Judentum stellt im Antisemitismus nicht pauschal ein (koloniales) ‚Anderes‘ dar, sondern vielmehr kann es nach diesem Ansatz mittels einer dichotom-bipolaren Differenzlogik von ‚wir‘ und ‚die Anderen‘ überhaupt nicht erfasst werden. (Klävers 2018, 111)

Die beschriebene Unmöglichkeit, in den Jüd_innen das ‚Andere‘ zu sehen, wird bei Tišma besonders deutlich gemacht – nämlich in der Szene, in der Sepp, SS-Offizier und Onkel von Vera, bei der Familie Kroner zu Besuch und nicht in der Lage ist, seine Nichte und seinen Neffen als jüdisch zu betrachten. Allerdings unterschlägt diese Art der Unterscheidung zwischen Rassismus und Antisemitismus, dass die aus rassistischer Perspektive ‚Anderen‘ auch erst zu solchen gemacht worden sind, dass sie Konstruktionen und Produkte von Othering-Prozessen sind. Darüberhinaus – und das wird insbesondere in postkolonialen Konstellationen deutlich – ist es durchaus nicht etwa so, dass es sich im Fall von Rassismus um plausiblere Grenzen handeln würde. Zudem trifft die Beschreibung, die Jüd_innen seien keine sogenannten „Ausländer“_innen, nur auf die deutschen Jüd_innen zu; umgekehrt werden auch sogenannte „Inländer“_innen Opfer rassistischer Diskurse und Gewalt. In beiden Fällen wird der_die Andere als das ‚Andere‘ konstruiert und damit zum potentiellen Opfer diskursiver und physischer Gewalt. Die Willkürlichkeit der Unterscheidung zwischen denen, die dazugehören und denen, die ausgeschlossen werden, wird angesichts von ←146 | 147→Menschen mit mehrfacher Zugehörigkeit besonders deutlich – dies aufzuzeigen ist eine der Gemeinsamkeiten der Texte von Brežná, Brězan, Dabić, Domašcyna, Grjasnowa, Marković, Martynova und Tišma. Das Sichtbarmachen der Willkürlichkeit der Unterscheidung von Menschen sowie ihrer Einteilung und Klassifizierung aufgrund von Ethnie, Sprache, Religion, Staatsangehörigkeit, Klasse oder Geschlecht ist ein gemeinsames Merkmal der im vorliegenden Buch analysierten Texte. In diesem Sinne sind sie postkolonial, da sie die Bedingungen von Othering, Kolonialismus, Rassismus und Antisemitismus in den Blick nehmen und die Kontingenz der Unterscheidung zwischen Menschen herausstellen. Wenn in diesem Sinne die Grenzen des Zusammenlebens sichtbar gemacht werden, kann daraus – anders als manche Lektüren solcher Texte, suggerieren – kaum der Schluss gezogen werden, dass das Zusammenleben verschiedener Kulturen nicht funktioniere; im Gegenteil, die Texte machen deutlich, dass sich für die Minderheiten und Verfolgten das Zusammenleben kaum umgehen lässt. Sie haben – im Gegensatz zu den politisch dominanten Gruppen – nicht die Wahl, das Zusammenleben grundsätzlich in Frage zu stellen.

Die unterschiedlichen hier behandelten Texte wurden nicht immer explizit postkolonialen Analysen im historischen bzw. sozialwissenschaftlichen Sinn unterzogen – das heißt, die jeweiligen den Texten zugrunde liegenden historischen und sozialen Kontexte wurden nicht vorrangig daraufhin befragt, ob und auf welche Art und Weise sie von expliziten oder impliziten Kolonisierungsprozessen geprägt sind. Dies speist sich aus einer grundsätzlich Skepsis, die in den literarischen Texten dargestellten Welten (so realistisch und zeitbezogen sie auch sein mögen) als Beschreibungen geschichtlicher Realitäten zu lesen. So mag aus interdisziplinärer wissenschaftlicher Perspektive in verschiedenen Situationen zweifelsfrei eine koloniale (bzw. post- oder antikoloniale) Konstellation vorliegen, dennoch verhandeln die hier vorliegenden literarischen Texte nicht primär politische bzw. historisch geprägte Interessenkonflikte zwischen unterschiedlichen (nach national, ethnisch, sprachlich, kulturell, religiös oder anderen Kriterien differenzierten) Gruppen, sondern vielmehr das Zusammenleben in postkolonialen Konstellationen, das von multipler Zugehörigkeit, Hybridität und Mehrsprachigkeit geprägt ist. Dabei begegnen sich in den Texten die Protagonist_innen, auch wenn sie verschiedene Zugehörigkeiten repräsentieren, primär als Subjekte, die miteinander in Dialog bzw. Widerstreit treten. In dieser Hinsicht kann Literatur auch als Möglichkeitsraum verstanden werden; sie muss sich keineswegs daran messen lassen, ob und auf welche Art und Weise sie die Wirklichkeit abbildet.

Die Konflikte, die zwischen den Figuren entstehen, lassen sich – und das macht die Texte zu postkolonialen – nicht auf binäre Positionen zwischen ←147 | 148→Täter_innen und Opfern, Kolonisierenden und Kolonisierten bzw. Herrschenden und Beherrschten zurückführen. Dabei soll keineswegs den Täter_innen, Kolonisierenden und Herrschenden die Verantwortung abgesprochen werden; es geht vielmehr darum, sichtbar zu machen, dass für die Opfer, die Kolonisierten und die Beherrschten, das Leben in diesen Konflikten und entlang der Konfliktlinien Normalität ist. Postkoloniale Texte müssen nicht zwangsläufig – wie Kritiker_innen der postkolonialen Theorie oft zu glauben scheinen – zu positiven Lösungen kommen und eine hybride Welt jenseits von Konflikten präsentieren. Aus postkolonialer Perspektive werden solche Konflikte jedoch nicht essentialisiert – vielmehr werden ihr Konstruktionscharakter, ihre Kontingenz und ihre Kontexte sichtbar gemacht. Wie schwierig das Leben von Jüd_innen, Migrant_innen und Minderheiten sein kann, zeigt sich bei Aleksandar Tišma, aber auch bei Olga Grjasnowa oder Irena Brežná. Dies bedeutet aber nicht, dass dadurch ein ‚Scheitern‘ mehrsprachiger, transkultureller Zugehörigkeiten angedeutet wird.

Nicht alle hier behandelten Texte sind auf den ersten Blick postkolonial. Während sich die Texte der Gegenwart, deren Autor_innen die Theorien selbst rezipiert haben dürften und zum Teil (wie Olga Grjasnowa) sogar explizit in ihren Texten erwähnen, selbstverständlich aus postkolonialer Perspektive rezipieren lassen, gründen andere Texte – so etwa die von Aleksandar Tišma und Jurij Brězan – ihrerseits auf spezifischen historischen Konstellationen: Bei Tišma stehen die nationalsozialistische Verfolgung und die Bedrohung durch den Holocaust im Vordergrund, bei Brězan Herrschaft und Unterdrückung. Analytische Konzepte wie Herrschaft und Hegemonie bzw. Diskriminierung, Othering und Unterdrückung müssen nicht notwendigerweise als Alternativen zu postkolonialen Begrifflichkeiten verstanden werden, sie können auch als präzisere Beschreibungen von konkreten Praktiken parallel zur Anwendung kommen. Wenn etwa in Brězans Krabat nach wie vor auch Inselmotive vorkommen oder wenn bei Tišma die faschistische Gewalt nicht überwunden wird, sondern immer wieder in anderen Zusammenhängen zum Einsatz kommt (etwa zwischen Mann und Frau oder im neuen sozialistischen jugoslawischen System), so bedeutet dies nicht, dass solche Texte nicht postkolonial wären. Sie leuchten Machtverhältnisse aus und hinterfragen den gesellschaftlichen Umgang damit. Postkolonial bedeutet in Bezug auf literarische Texte also nicht, dass in ihnen notwendigerweise eine dekolonisierte Welt präsentiert wird. Postkolonial ist die kritische Perspektive dieser Texte auf koloniale bzw. hegemoniale Verhältnisse.

Dennoch lässt sich fragen, ob sich strukturelle und phänomenologische Ähnlichkeiten auch historisch belegen lassen. Dieser Frage widmen sich die Historiker Robert Gerwarth und Stephan Malinowski, die sich mit der Frage ←148 | 149→auseinandersetzen, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede sich zwischen der europäischen Kolonisierung und dem nationalsozialistischen Vernichtungskrieg in Osteuropa herausarbeiten und ob sich Kontinuitäten belegen lassen (Gerwarth, Malinowski 2007). Dabei widmen sie sich drei zentralen Forschungsfeldern: a) dem zwischen 1904 und 1907 ausgeübten Genozid an den Herero und Nama und der damit verknüpften „Debatte über den Zusammenhang von Kolonialismus, Gewalt und Vernichtung“; b) der Frage, ob der „ost-mitteleuropäisch[e]; Raum als das eigentliche Kolonialreich der Deutschen zu begreifen“ sei und c) der Ausleuchtung der „Verbindungslinien zwischen Kolonialgewalt und nationalsozialistischer Herrschaft“ (Gerwarth, Malinowski 2007, 440f.). Die von Jürgen Zimmerer aufgestellte These, dass das Kolonialmassaker an den Herero und Nama einen „unvergleichlichen ‚Tabubruch‘ “ (Gerwarth, Malinowski 2007, 443) markiere und damit in einer Kontinuitätslinie zum Holocaust stehe, hinterfragen die Autoren vor allem mit Blick auf die „Geschichte des westlichen Kolonialismus [als] gemeinsames europäisches Erbe“ (Gerwarth, Malinowski 2007, 445). Dabei stellen sie fest, dass der „rassistische Diskurs, die ideologischen und mentalen Grundlagen, die administrative Planung und Ausführung von Eroberungs-, Unterwerfungs-, Vertreibungs- und Vernichtungspolitik“ (Gerwarth, Malinowski 2007, 447) sich einerseits zeitlich weiter zurückführen ließen und andererseits Teil eines europäischen „colonial archive“ seien. Vor diesem Hintergrund ließe sich eine deutsche Spezifik der Kolonialmassaker nicht belegen (Gerwarth, Malinowski 2007, 449). Zwischen Kolonialismus und Nationalismus seien jedoch deutliche Unterschiede festzustellen, so etwa beim Transfer rassistischer auf antisemitische Inhalte vom kolonialen auf den europäischen Kontext sowie die Tatsache, dass Kolonialismus zwar oft in Zusammenhang mit Vernichtung stehe, aber keineswegs identisch damit sei (Gerwarth, Malinowski 2007, 454f.).45 Die Autoren betonen in ihrem Fazit die Notwendigkeit und den Gewinn der Zusammenführung der Forschungen zu Nationalsozialismus und Kolonialismus,46 sie zweifeln jedoch daran, ob es zielführend ist, den Kolonialismusbegriff zur Analyse des Vernichtungskriegs im Osten zu verwenden.

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In dieser Hinsicht kann auch in Hinblick auf Tišma gesagt werden, dass die Konstellationen, die seine Texte für postkoloniale Analysen fruchtbar machen, keineswegs auf einen direkten Zusammenhang zwischen Holocaust und Kolonialismus hindeuten. Darüberhinaus ist die Position Veras durch ihre Zugehörigkeit zu den Donauschwäb_innen (zu den Donauschwäb_innen in der Vojvodina vgl. Beli-Göncz 2013) durchaus auch kolonial markiert.

Die Frage ist, auf welche Art und Weise diese historischen Hintergründe dazu beitragen können, die postkoloniale Perspektive literarischer Texte präziser zu erfassen. Dominanzverhältnisse und Gewalt werden in Tišmas Texten als quasi zeitenüberdauernde Strukturen, die sich in unterschiedlichen Systemen und zwischenmenschlichen Beziehungen in verschiedenen Stufen wiederfinden lassen, beschrieben; der Holocaust nimmt dabei bei Tišma eine einzigartige Stellung ein. Seine Texte zeigen jedoch eindrücklich, dass die europäische Gesellschaft nach dem Holocaust kaum in der Lage war, die Überlebenden aufzufangen. Eine weiterführende gezielte Analyse von Tišmas Texten, die sich auf die Kontinuität und auf die Unterschiede kolonialer bzw. imperialer, nationalsozialistischer, aber auch patriarchaler und sozial bedingter Gewalt fokussieren würde, wäre wünschenswert. In Tišmas narrativer Welt ergibt sich durch den Fokus auf Personen mit mehrfacher Zugehörigkeit sowie durch das Zusammentreffen unterschiedlicher Arten von Herrschaftsverhältnissen eine große Vielfalt und Komplexität.

Auch die Analyse von Jurij Brězans Krabat aus postkolonialer Perspektive muss sich zunächt mit dem im Text angebotenen Instrumentarium auseinandersetzen. Wenn Brězan das Verhältnis zwischen Sorb_innen und Deutschen beschreibt, so ist es vor allem das Konzept der Herrschaft, das er bemüht. Bereits das Konzept der Herrschaft steht, wie von Hegel beschrieben, in einem Interpedenzverhätlniss zur Knechtschaft. Die als postkolonial oder hybrid beschreibbaren Momente und Strukturen in Krabat können nicht auf vormals existierende oder implizit unterstellte koloniale bzw. hegemoniale Beziehungen zwischen Deutschen und Sorb_innen zurückgeführt werden, ohne die Komplexität dieser ←150 | 151→Beziehungen zu reduzieren. Gerade in Bezug auf Literatur stellt sich dies als besonders problematisch heraus, da die Figuren über diese Zusammenhänge hinaus immer auch ein Eigenleben entwickeln. Brězans Krabat ist dafür ein gutes Beispiel, da durch die Metapher des Fließens – das gegen das in der sorbischen Literatur vorherrschende Inselmotiv entwickelt wird – die Binarität zwischen dem Sorbischen und Deutschen aufgehoben wird. Dies lässt sich aus konservativer Sicht als Assimilation, aus progressiver Sicht als Hybridität deuten – der Roman erweist sich jedoch insofern als postkolonial, als sich eine auf der Grundlage der Romanlektüre vorgenommene binäre Zuordnung bestimmter Personen und Praktiken als sorbisch oder deutsch, nicht vornehmen lässt, ohne selbst eine essentialisierende Perspektive einzunehmen. Die einseitige Betrachtung der Sorb_innen als Opfer deutscher Kolonisierung und Herrschaft erweist sich darüber hinaus selbst als kolonisierend, da Sorb_innen damit eine eigenständige Rolle sowohl in der Geschichte als auch in der Gegenwart abgesprochen wird. Gerade in Krabat stehen jedoch Momente des Widerstands, des Eigenlebens und des Fortbestehens im Vordergrund. Wenn es bei Brězan dennoch sorbische Inseln gibt – damit sind hier Bereiche gemeint, die sprachlich oder kulturell eigenständig sind und nicht in Kontakt- oder Konfliktverhältnissen mit dem Deutschen stehen –, dann lässt sich daraus nicht schließen, dass der Text die koloniale Logik nicht verlässt.

Postkoloniale Perspektiven werden in den literarischen Texten dort sichtbar, wo eine kritische Haltung eingenommen wird – gegenüber impliziten und expliziten Machtverhältnissen auf politischer, ökonomischer, kultureller, linguistischer und sozialer Ebene; gegenüber Ausbeutungsverhältnissen, Othering- und Marginalisierungsprozessen; gegenüber Rassismus, Antisemitismus und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Postkoloniale Texte sind Texte, die solche Fragen thematisieren und ihre Komplexität mit den Mitteln der Literatur gestalten. Dabei unterliegen sie anderen Regeln als etwa wissenschaftliche oder journalistische Texte. Sie müssen darüberhinaus nicht direkt auf Kolonialisierung rekurrieren – sie können auch Herrschaft (Brězan) und Dominanz (Tišma), Rassismus und Antisemitismus (Grjasnowa, Tišma), kulturelle Hegemonie (Marković, Martynova) oder Diskriminierung, Othering und Unterdrückung (Brežná, Dabić, Grjasnowa, Tišma) und schließlich Hybridität thematisieren. Nicht notwendigerweise präsentieren sie Lösungsstrategien, daher beschreiben sie oftmals auch keine dekolonisierte Welt. Durch das Sichtbarmachen von Perspektiven jenseits von Machtpositionen tragen sie allerdings zu deren Destabilisierung bei.

Die hier versammelten Texte thematisieren zudem eine spezifisch postkoloniale Mehrsprachigkeit. Anders als die kosmopolitisch-eurozentrische Mehrsprachigkeit, die sich – wie in der klassischen Komparatistik und Weltliteratur – auf die ←151 | 152→Sprachen Französisch, Deutsch und Englisch konzentriert, stehen hier verschiedene Sprachen im Mittelpunkt. Sie stehen, im Gegensatz zu den drei genannten Sprachen, keineswegs in einem symmetrischen Verhältnis zueinander, sondern sind geprägt von Asymmetrien, die auf ungleichen Machtverhältnissen und Ressourcen beruhen. Indem sie auf diese Asymmetrien hinweisen und mehrsprachige Welten mit multiplen Zugehörigkeiten sichtbar machen, beschreiben sie postkoloniale Konstellationen jenseits von hegemonialer Einsprachigkeit.


45 Die Autoren betonen, dass die koloniale Development-Strategie zwar auch zur „Zerstörung indigener Kulturen“ (Gerwarth, Malinowski 2007, 456) führen könne, mit der „Vernichtung vom Typus der Jahre 1941–1945 [jedoch] nur sehr wenig“ (Gerwarth, Malinowski 2007, 456) zu tun habe. Die Vernichtung sei insbesondere im Osten Europas nicht wie im Kolonialismus ein Mittel, sondern der Zweck an sich gewesen (Gerwarth, Malinowski 2007, 458).

46 Steffen Klävers betrachtet die Diskussion nicht nur aus rein faktischer Perspektive – d.h. in Hinblick auf die Frage, welche Kontinuitäten sich tatsächlich belegen lassen –, sondern bezieht auch die Wertung und ethische Implikation dieser Diskussion mit ein. Dabei ergäben sich in der Diskussion um die Kontinuität zwischen Kolonialismus und Nationalsozialismus und der damit zusammenhängenden impliziten Infragestellung der „Besonderheit oder Singulatität der Shoah“ zwei Vorwürfe: einerseits der „Vorwurf eines rassistischen Eurozentrismus, der schlechthin alle historischen Fälle von Massengewalt im Gegensatz zum Nationalsozialismus und Holocaust als weniger relevant oder gar weniger ‚schlimm‘ bewertet. Auf der anderen der Vorwurf, dass die Annahme einer ursprünglich kolonialen Qualität des NS die spezifische Besonderheit von Auschwitz verschleiere, relativiere und verkenne.“ (Klävers 2018, 106).