Show Less
Restricted access

Genuss und Arbeit im Angestelltenroman

Von Irmgard Keun bis Elfriede Jelinek

Series:

Lucas Alt

Ist ‚gutes Leben‘ im Kapitalismus möglich? Diese Frage verhandeln Angestelltenromane seit ihrer Entstehung zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die vorliegende Studie analysiert das Spektrum zwischen Müssen und Muße, Lust und Frust, Arbeit und freier Zeit vor dem Hintergrund einer allgegenwärtigen Verwertungsmoral. Die interdisziplinäre Darstellung verbindet dabei Ergebnisse der Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften und ermöglicht einen Einblick in die paradoxen Psychodynamiken moderner Arbeitsverhältnisse.

Show Summary Details
Restricted access

7. Elfriede Jelinek: „Michael. Ein Jugendbuch für die Infantilgesellschaft“ – die Kritik patriarchalen Genießens als Utopie

Extract



Elfriede Jelineks „Michael. Ein Jugendbuch für die Infantilgesellschaft“750 zählt zu den frühen Arbeiten der Autorin und erscheint 1972. Jelinek verarbeitet hier mithilfe von Montage- und Collageverfahren zeitgenössische Medienformate zur satirischen Groteske. Die Verweisdichte des Texts stellt sich, wie bei nahezu allen Arbeiten Jelineks, als ausgesprochen hoch heraus, weshalb eine wenigstens kursorische Betrachtung der wichtigsten Inter- und Kontexte des Romans für seine umfassende Analyse unerlässlich ist.

Historisch konkret751 lässt sich der Roman als scharfe Kritik an der verfestigten Ideologie des vitalen Kapitalismus der Nachkriegszeit lesen, wie er für die BRD ausführlich in Kapitel 3.2 dieser Arbeit behandelt wurde.752 Diesem „schwitzenden Idyll“753 der leistungsfähigen Sozialpartnerschaft zwischen Kapital, Arbeit und Staat begegnet Jelinek, die sich stets als linkspolitisch engagierte Autorin verstand,754 mit der Demaskierung seiner Massenkulturprodukte als ideologische Überbauphänomene.

Als zentrale theoretische Ideenquelle dient Jelinek, wie die Sekundärliteratur nicht müde wird zu betonen, Roland Barthes’ Studie „Mythen des Alltags“755, die 1957 erscheint und von Jelinek zunächst in „Die endlose Unschuldigkeit“756 essayistisch verarbeitet wird, um dann in literarisierter Form in „Michael“ erneut Eingang zu finden.757

Der Mythos gilt Elfriede Jelinek dabei als „Entmündigungsprogramm“.758 Er stellt Barthes (und auch Jelinek) zufolge eine enthistorisierende und entpolitisierende Aussage dar, die Geschichtliches als Natur zu begründen und damit politisch veränderndes Verhalten niederzuhalten versucht, die Welt also in Unbeweglichkeit hält.759 Demgegenüber entwirft Jelinek den künstlichen...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.