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Genuss und Arbeit im Angestelltenroman

Von Irmgard Keun bis Elfriede Jelinek

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Lucas Alt

Ist ‚gutes Leben‘ im Kapitalismus möglich? Diese Frage verhandeln Angestelltenromane seit ihrer Entstehung zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die vorliegende Studie analysiert das Spektrum zwischen Müssen und Muße, Lust und Frust, Arbeit und freier Zeit vor dem Hintergrund einer allgegenwärtigen Verwertungsmoral. Die interdisziplinäre Darstellung verbindet dabei Ergebnisse der Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften und ermöglicht einen Einblick in die paradoxen Psychodynamiken moderner Arbeitsverhältnisse.

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8. Wilhelm Genazino: „Abschaffel“ – Auf der Suche nach der verlorenen Lust – Entfremdung als hedonistisches Revolutionspotential?

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„Abschaffel“910, der erste Roman der gleichnamigen Trilogie von Wilhelm Genazino, erscheint 1977 zunächst als abgeschlossener, eigenständiger Text bei Rowohlt. Seine Fortsetzungen „Die Vernichtung der Sorgen“ (1978)911 und „Falsche Jahre“ (1979)912 satteln im Abstand von jeweils einem Jahr auf den Erfolg ihres Vorläufers auf; fortan werden alle drei Texte in einem Band veröffentlicht.913 Nach dem Debüt-Roman „Laslinstraße“914 (1965) und ersten Gehversuchen als freier Schriftsteller verhilft die „Abschaffel“-Trilogie dem 1943 in Mannheim geborenen Genazino zum eigentlichen Durchbruch.915 Der Angestelltenroman wird zur bevorzugten Gattung Genazinos,916 ←267 | 268→der von nun an in regelmäßigen Abständen belletristische Publikationen vorlegt.917

Den zentralen Gegenstand dieser Analyse wird der erste Band der Abschaffel-Trilogie ausmachen, da das hedonistische Potential der Figur Abschaffel im Zuge ihrer zunehmenden gesellschaftlichen Eingliederung im Laufe der Trilogie eher ab-als zunimmt. Eine Analyse des zweiten und dritten Teils würde also kaum relevante Erkenntnisse, die über die Beschreibung der hedonistischen Höhepunkte des ersten Teils hinausgehen, liefern.

Poetologisch kann der Roman – mit Einschränkungen – im Stil der Neuen Innerlichkeit bzw. Neuen Subjektivität verortet werden, wobei er jedoch das implizite Versprechen der Bemühungen introspektiver Selbsterforschung, eine zunehmende Selbsterkenntnis, geradezu persifliert. So bedeutet für Abschaffel die Zunahme an Selbstbewusstsein durch Selbstreflexion nicht selten auch den Erwerb eines leidvollen Bewusstseins für neue, unberechenbare Eigenschaften, Bedürfnisse und Abgründe. Dem romantischen Ideal eines selbstklärenden, therapeutischen Schreibens, das zum Ende der 1970er Jahre zum...

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