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Eine Promenadologie des Anti-Helden in der Literatur

Erzähltexte von Joseph von Eichendorff, Robert Walser, Thomas Bernhard, Peter Handke und Wilhelm Genazino

Kyungmin Kim

Anti-Helden stellen modellhaft die Auseinandersetzung mit der eigenen, oft problematischen Lebenssituation im sozialen Aspekt des Außenseitertums dar. Mit individuellen menschlichen Schwächen bieten solche Figuren Einblicke in Gedanken, Handlungsmotive und Phantasien. Hieran können Erzählungen dann interessante Wahrnehmungsmodelle exemplifizieren. Für die Protagonisten der ausgewählten Erzähltexte bedeutet das Gehen eine Art Therapie, weil es das Denken als Auseinandersetzung mit dem Selbst stimuliert. Beim Gehen reflektieren sie mit ihren Lebenssituationen ihre bedrohten Identitäten, aber auch Möglichkeiten, neue Poetologien zu entdecken.

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3 Promenadologie der Literatur: Unterschiedliche Formen des Gehens in der Literatur

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Das Gehen ist eine grundlegende Form der Körperbewegung128, die zunächst rein physiologisch betrachtet werden kann. Zwei Beschreibungsweisen sollen hier exemplarisch vorgestellt werden. So hat etwa der Physiologe Gilles de la Tourette um 1900 den menschlichen Gang in einem minutiösen Protokoll skizziert:

„Während das linke Bein als Stütze dient, hebt sich der rechte Fuß vom Boden und beschreibt dabei eine Abrollbewegung von der Ferse zu den Zehenspitzen, welche den Boden als letzte verlassen; das ganze Bein wird nun nach vorne geführt, und der Fuß erreicht mit der Ferse zuerst den Boden. Im gleichen Moment löst der linke Fuß, der seine Abrollbewegung beendet hat und nur noch auf den Fußspitzen aufruht, sich seinerseits vom Boden; das linke Bein rückt nach vorne, passiert seitlich das rechte Bein, an das es sich annähert, überholt es und der linke Fuß berührt den Boden mit der Ferse, während der rechte sein Abrollen beendet, und so fort, bis das Individuum aufhört zu gehen.“129

Während hier filmische Darstellungsformen nachbuchstabiert werden, beschreibt Paul-Joseph Barthez´ Theorie bereits um 1800, wie der gewöhnliche ←45 | 46→und natürliche Gang im Körpergesamtzusammenhang funktioniert, indem durch die Beugemuskeln des Hüftgelenks die Beine abwechselnd vom Boden erhoben und nach vorne gesetzt werden. Dadurch bewegt sich der Schwerpunkt des Körpers nach vorne. Die Beine üben in der Hebebewegung einzelne Stöße auf das Becken aus und befördern es auf...

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