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Gewalt, Krieg und Geschlecht im Mittelalter

Edited By Amalie Fößel

Gewalt und Krieg sind heute wie auch in der Vormoderne keine ausschließlich männliche Domäne, sondern Räume der Männer und Frauen gleichermaßen. In Zeiten kriegerischer Auseinandersetzungen werden Geschlechterrollen ausgebildet, konforme und abweichende Verhaltensweisen ausprobiert und Konzepte von Männlichkeit und Weiblichkeit entwickelt. Erstmals für die Epoche des Mittelalters (7.-16. Jahrhundert) werden daraus resultierende Fragestellungen im interdisziplinären und kulturübergreifenden Vergleich untersucht. Die Beiträge erörtern Geschlechterbeziehungen auf Darstellungs- und Handlungsebene und beschreiben Interaktionsformen in Kontexten von Gewalt und Krieg. Über den europäischen Raum mit seinen zahlreichen Fehden und Heerzügen hinaus werden auch die Kreuzzüge in den Blick genommen.

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‚Crossdressing‘ als Kriegslist. Überlegungen zu Gender-Transgressionen in spätmittelalterlichen Kriegserzählungen (Martin Clauss)

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Martin Clauss

‚Crossdressing‘ als Kriegslist. Überlegungen

zu Gender-Transgressionen in

spätmittelalterlichen Kriegserzählungen
*

Abstract: This article examines three narratives of stratagems based on crossdressing from the Late Middle Ages. Gender studies stress that ‘male’ and ‘female’ were flexible and changeable categories in the Middle Ages. This seems the key to understand how and why crossdressing could be used and told in war narratives.

Einführung

Zum Jahr 1158 findet sich bei Vincenz von Prag folgende Ansprache des böhmischen Königs Wladislaus an sein Gefolge:

Wer vorhat, mir bei dieser Pflichterfüllung beizustehen, den werde ich ausstatten mit der geschuldeten Ehre und den hierfür notwendigen Geldmitteln, so wie es sich geziemt; wer mich aber nicht unterstützen will, der möge geschützt durch meinen Frieden zu Hause sitzen – zufrieden mit den Spielen der Frauen und dem Nichtstun.1

Mit der in der Rede thematisierten Pflichterfüllung ist der Kriegszug Kaiser Friedrichs I. gegen Mailand gemeint.2 Der König richtet seine Ansprache an seine Krieger und unterteilt sie in zwei Gruppen: die Kriegswilligen und die Kriegsunwilligen. Im Krieg kann ein Mann demnach entweder Ehre und Geld erwerben ←285 | 286→oder aber zu Hause verbleiben und sich dem otium hingeben. Wenngleich der König diese Wahl nicht ahndet, sondern die Daheimbleibenden vielmehr unter seinen Schutz stellt, so ist der für das Nicht-Kriegführen zu entrichtende Preis hoch: Nicht nur der Zugang zu Geld und Ehre, also zu ökonomischem und symbolischem Kapital bleibt ihnen versperrt, auch ihre Männlichkeit steht auf dem Spiel. Gender wird hier über Krieg definiert. Als Alternative zum Kämpfen erscheint keine andere für Männer adäquate Tätigkeit – diese gibt es in der Logik des Textes nicht. Die Zweiteilung in Kriegswillige und -unwillige korrespondiert mit einem bipolaren Gender-Verständnis, das Männer mit Krieg und Ehre und Frauen mit Haus und Spiel in Verbindung bringt. Der Mann, der nicht kämpfen will, überschreitet hingegen die Grenzen zum Frausein. Wladislaus bzw. Vincenz von Prag heben auf diese Zuschreibung ab, um die Männer zum Kriegseinsatz zu motivieren. Die Gender-Zuordnungen sind zwar eindeutig, aber nicht starr: Den männlichen Kriegern steht ein Transfer zum Weiblichen prinzipiell offen; dieser ist freilich so deutlich negativ konnotiert, dass er im Sinne der heroischen Kriegserzählung keine attraktive Handlungsmöglichkeit darstellt.

Diese Erzählung erschließt sich einem modernen Leser auch deswegen vergleichsweise leicht, weil sie auf heute vertraute Gender-Assoziationen verweist: In einer bipolaren Konzeption stehen sich Männer und Frauen gegenüber, die ein jeweils sehr unterschiedliches Verhältnis zur kriegerischen Gewalt auszeichnet. Gerade in diesem Kontext scheinen Gender-Rollen sehr klar verteilt zu sein – auch im Mittelalter. Bereits Isidor von Sevilla leitet vir von vis und mulier von molitia ab und nutzt Kraft und Weichheit zur Abgrenzung von Gender-Kategorien.3 Das Weibliche wurde dabei in Abhängigkeit vom Männlichen gedacht, und die männliche Kraft bezieht sich direkt auf die Frau, die der Mann sich unterordnen können soll.4

Krieg und das Ausüben kriegerischer Gewalt erweisen sich bei Isidor als genuin männliche Domäne. Dafür finden sich auch zahlreiche Belege in der kriegeradligen Kultur des Mittelalters: Die Schwertleite macht den Jungen zum Mann, indem sie die eine gender-spezifische Hauptbeschäftigung des männlichen Erwachsenen veranschaulicht. Männliche Repräsentationsformen ←286 | 287→rekurrieren immer wieder auf Waffen und Krieg in der mittelalterlichen Gesellschaft.5

Die Rollen von Frauen in mittelalterlichen Kriegen scheinen entsprechend dadurch bestimmt zu sein, dass sie Gewalt nicht ausüben: Sie sind Opfer bzw. Beute, Publikum oder oftmals auch gar nicht erwähnte Unbeteiligte. Die mediävistische Kriegsforschung befasste sich vielfach mit diesen Rollen und untersuchte etwa die gewaltsamen Übergriffe auf Nichtkombattantinnen.6 Frauen als Kombattantinnen wurden hingegen als Ausnahmeerscheinungen markiert.7 Dagegen unterstreichen Protagonistinnen der Gender-Studies, dass Frauen sehr wohl auch aktiv in mittelalterlichen Kriegen gewirkt hätten. So etwa Megan McLaughlin in einem Aufsatz in Women’s Studies von 1990: „The woman warrior“, in dem sich die Tatsache, dass auch Frauen als Kombattantinnen agierten, als Ausweis von Gleichberechtigung liest.8

Grundlegender sind in meinen Augen aber die Ansätze, welche die gerade skizzierte Dichotomie in Zweifel ziehen.9 Die Gender-Forschung forderte, die Bipolarität der Geschlechter als Konstrukt der Moderne zu erkennen und dem Mittelalter nicht nachmittelalterliche, zeitfremde Deutungsmuster überzustülpen:

„Diese ungeheure Erweiterung und Differenzierung des bisher mit der Vokabel ‚mittelalterlich‘ verbundenen Panoramas umfasst natürlich auch die Geschlechterbilder, die wir pluralisieren und dynamisieren müssen, damit sie den vielfältigen Weisen der Definition von Geschlecht, den Lebens- und Familienformen, die diese drei Kontinente [der ←287 | 288→mittelalterlichen Welt] prägten, gerecht werden. Vorstellungen von einheitlichen und geschlossenen Lebenswelten für Männer und Frauen müssen aufgebrochen werden.“10

Die vermeintlich klaren Grenzen zwischen den Geschlechtern werden in mittelalterlichen Vorstellungen immer wieder überschritten. Brigitte Spreitzer spricht im Kontext heiliger Transvestitinnen von der „Korrosion und Dynamisierung des Geschlechterbegriffs – Weiblichkeit kann abgestreift, Männlichkeit angeeignet werden“ und vom „Konstruktcharakter der Kategorien ‚Frau‘ und ‚Mann‘ “.11 Das Fließende konstruierter Gender-Zuschreibungen subsumiert Lundt unter dem Stichwort „Doing-Gender!“12 Damit geht die Erkenntnis einher, dass an Gewalt orientiertes Kriegertum keineswegs die einzige gesellschaftlich akzeptierte und honorierte Form von Männlichkeit im Mittelalter war.13 Vielmehr ist von einer Pluralität von Zuschreibungen auszugehen, die sich nicht auf ein modernes Zweier-Schema reduzieren lassen.

Vor diesem Hintergrund erscheint es lohnend, auch für das Spannungsfeld von Krieg und Gender nach flexiblen Zuschreibungen und Gender-Transgressionen zu fragen. Damit geraten Episoden in den Blick, die das Überschreiten der Grenze zwischen weiblich und männlich thematisieren und Frauen zu Männern oder Männer zu Frauen werden lassen.

Dieses Phänomen ist vor allem von der literaturwissenschaftlichen Mediävistik schon mehrfach untersucht worden, etwa in dem Sammelband „Manlîchiu wîp, wîplich man“, den Ingrid Bennewitz und Helmut Tervooren herausgegeben haben, oder in der Studie von Andrea Moshövel „Wiplich man. Formen und Funktionen von ‚Effemination‘ in deutschsprachigen Erzähltexten des 13. Jahrhunderts.“14 Diese Untersuchungen beschäftigen sich mit literarischen Texten ←288 | 289→und Gender-Konstruktionen, wohingegen unter dem Schlagwort ‚Crossdressing‘ von Valerie Hotchkiss oder Bonnie und Vern Bullough auch tatsächliche Akte der Transgression in den Blick genommen wurden.15 All diesen Studien ist gemein, dass sie gerade in der Grenzüberschreitung ein Phänomen sehen, an dem sich Gender-Zuschreibungen deutlich machen lassen; diese werden als soziales und situatives Konstrukt immer dort besonders greifbar, wo sie neu ausgehandelt und verhandelt werden. Dieser Akt des Aushandelns wird immer wieder für literarische Gestaltungen genutzt. Männlich und weiblich präsentieren sich hier nicht als festgefügte und unverrückbare Entitäten, sondern als immer wieder neu zu begründende und abzugrenzende Zuschreibungen.

Die Literaturwissenschaft nimmt vor allem Beispiele aus dem Bereich der Minne-Literatur und der Hagiographie in den Blick. Gerade bei den heiligen Frauen, die vermännlichen, zeigt sich eine Hierarchisierung der Gender-Zuschreibungen: Die Frau wird zur Heiligen, indem sie zum Mann wird.16 Die Studien zum ‚Crossdressing‘ betonen in diesem Kontext die Deutungsmacht der Kleidung, die sich als entscheidendes Mittel der Gender-Transgression erweist: „Clothes make the man“ – so formuliert Valerie Hotchkiss und hebt damit wiederum auf den Konstruktcharakter und die Variabilität von Gender ab.17

Die im Folgenden untersuchten Gender-Transgressionen stehen in einem speziellen Zusammenhang: Es handelt sich um Kriegslisten.18 Diese sind im kriegerischen Kontext der Einnahme von Städten oder Burgen situiert. In solchen Szenarien berührten und überlagerten sich die Sphären des Weiblichen und des Männlichen auch in Kriegszeiten, so dass eine Grenzüberschreitung im Sinne einer List möglich wurde. Die drei untersuchten Beispiele entstammen der Zeit ←289 | 290→vom späten 13. bis zum späten 15. Jahrhundert und sind historiographischen Texten entnommen. Die Autoren sind Männer, die in unterschiedlichen Verhältnissen zu den Protagonistinnen und Protagonisten der List-Episoden stehen.

Ziel der Untersuchung ist ein besseres Verständnis der vorgestellten Quellenpassagen und daran anschließend von Gender-Zuschreibungen im Kriegskontext. Wie funktionierten diese in einem gesellschaftlichen Feld, das so elementar mit Männlichkeit assoziiert gewesen zu sein scheint? Welche Spielräume boten sich hier für Gender-Transgressionen, welche Funktionen wurden diesen zugeschrieben, wie und warum wurden sie erzählt?

Hierbei wird gefragt, wie die Kategorie Gender jeweils ausgestaltet bzw. beschrieben wird und in welchem Verhältnis sie zu anderen sozialen Kategorien steht. Im Kontext der Debatte um Intersektionalität standen diese Fragen immer wieder im Fokus der Gender-Forschung. Andrea Griesebner und Susanne Hehenberger betonten etwa, dass die geschlechtliche Markierung nicht immer als „Phänomen erster Ordnung“ zu verstehen ist, sondern in ihrer Bedeutung hinter anderen Markierungen zurücktreten kann.19 Entscheidend sind die „geschlechtliche Markierung“ und die ihr zugewiesene gesellschaftliche Relevanz im Kontext und in Abhängigkeit von anderen Markierungen.20 Auch Katharina Walgenbach unterstrich die situative Kontextabhängigkeit von Gender;21 so wie Gender aktiv konstruiert und geschaffen werden muss (doing gender), müssen auch andere Kategorien geschaffen und wechselseitig voneinander abgegrenzt werden. Es kann also nicht darum gehen in den Texten konstante Gender-Zuschreibungen zu identifizieren. Vielmehr soll gefragt werden, welche Zuschreibungen mit welcher Absicht hier zueinander in Bezug gesetzt werden.

Erste List: Die Frauen von Zürich (1292)

Johannes von Winterthur erzählt zum Jahr 1292 von der Belagerung der Stadt Zürich durch Herzog Albrecht von Österreich – den späteren König Albrecht.22 ←290 | 291→Die Stadt Zürich war dem Angriff Albrechts schutzlos ausgeliefert, weil etliche Männer in vorangegangenen Konflikten gefangen, verletzt oder getötet worden waren. Die Bürger der Stadt gerieten also wegen der Belagerung in große Furcht und ersannen eine verschlagene Erfindung oder List.23 Schon in der Wortwahl zeigt sich, dass Johannes der nun folgenden Episode nicht unvoreingenommen gegenübersteht; er ist in dieser Erzählung vielmehr in mehrfacher Hinsicht parteiisch: als Winterthurer stand er der Stadt Zürich nicht unkritisch gegenüber, als Mann beäugte er die List der Frauen mit Argwohn.24

Alle Frauen der Stadt, die dazu in der Lage waren, legten Waffen an und stellten sich mit Speeren auf einem erhöhten Platz innerhalb der Stadtmauern auf. Die List gelang: Als die Belagerer die große Menge sahen und annahmen, die Frauen seien Männer, wandten sie sich an den Herzog und führten ihm die vermeintliche Gefahr eines so großen Heeres vor Augen. Der Herzog folgte dieser Argumentation und bot der Stadt Frieden an.

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Die List basiert auf einem eindeutigen Gender-Verständnis und offenbart die Verbindung von der Gender-Zuschreibung ‚Mann‘ und Krieg. Durch das Anlegen von Attributen, die mit dem Krieg assoziiert werden, wechseln die Züricherinnen zumindest kurzzeitig die Gender-Zuschreibung. Im Kriegskontext sind es Waffen, die aus wehrlosen, verängstigten Frauen wehrhafte, angsteinflößende Männer machen. Wegen der geschilderten Konstellation muss die Art und Weise der Transgression hier nicht aufwändig erzählt werden. Da die List auf große Entfernung wirken soll, reichten sichtbare Bewaffnung (Speere) und Anzahl der Bewaffneten völlig aus, um den Feind zu täuschen. Dem Wirkmechanismus der List liegt eine wohl in Narration und Kriegshandlung etablierte Gender-Zuschreibung zugrunde: Wer Waffen trägt, ist ein Mann und im Krieg als Kombattant potenziell gewaltkompetent.

Nun geht die Erzählung des Johannes von Winterthur aber weiter, und es folgen zwei Kommentare zur Kriegslist, welche Rollen und Charakterisierungen der Geschlechter weiter erhellen.25 So erzählt der Chronist mit Hinweis auf Zeugen, wie die Züricher Frauen auf diese List gekommen sind. Zunächst hätten sie nicht gewusst, was angesichts der drohenden Gefahr zu tun sei. Die Idee zur Täuschung kam nicht von ihnen selber, sondern von einem Mann, der wegen seines Alters und seiner Schwäche in der Stadt zurückgelassen worden war. Zur Kategorie ‚Gender‘ treten hier die des Alters und der Körperstärke hinzu, welche freilich nur für diesen einen Mann, nicht aber für die an der List beteiligten Frauen ausgeführt werden. Der Plan wurde demnach zwar von Frauen ausgeführt, aber von einem Mann ersonnen. Auch hier wirken Gender-Zuschreibungen, die der männliche Autor mit seinem anvisierten männlichen Publikum offenbar teilte: Frauen erscheinen als reaktiv, Männer als aktiv und entschlussfähig. Es ist in dieser Konstellation nicht weiter erklärenswert, dass die Frauen dem Rat des ←292 | 293→Mannes folgten. Demgegenüber erschien es dem Autor notwendig zu rechtfertigen, warum dieser Mann mit den Frauen in der Stadt zurückgeblieben war und nicht dem seinem Gender eigentlich angemessenen Kriegshandwerk nachgehen konnte. Selbst nach dem Verlust seiner jugendlichen, körperlichen Kraft, war der Mann dank seiner ratio in der Lage, die Situation erfolgreich zu bewältigen.

Diesem Narrativ des überlegenen männlichen Verstandes folgt Johannes von Winterthur weiter, als er die Reaktionen Herzog Albrechts auf die List der Züricherinnen schildert. So sei dem Herzog die Täuschung keineswegs verborgen geblieben. Aber weil er die Stadt nicht weiter behelligen wollte, sei er freiwillig abgezogen. Johannes führt zum Beweis für diese Behauptung aus, dass der Herzog sich gegenüber den Gefangenen großmütig verhalten habe. Die Täuschung hat also gar nicht wie geplant funktioniert, sondern dem Herzog nur einen willkommenen Anlass geboten, seine ohnehin eher friedfertigen Absichten gegenüber der Stadt umzusetzen. Dem alten, schwachen Mann, der die List ersann, ist der Herzog überlegen. Die Frauen, die auf den ersten Blick als listenreiche Akteurinnen in der Erzählung erscheinen, erweisen sich nun vollends als Spielbälle im männlichen Agieren rund um Krieg und Politik.

Diese List-Erzählung ist auch einem modernen Publikum ohne weiteres verständlich, weil sich zwei Gender-Zuschreibungen trennscharf gegenüberstehen. Auf dieser Trennung basiert die Täuschung, die dem Feind Männlichkeit und damit Wehrhaftigkeit vorgaukeln will. Letztlich erweisen sich aber Männer ganz als Herren der Lage: Beim Ersinnen der Täuschung und bei ihrer Entlarvung. Für die Interpretation der Episode erscheint Gender als eine Kategorie der ersten Ordnung und als Schlüssel zum Verständnis. Dies gilt für die Kriegslist und noch stärker für ihre narrative Interpretation und Wertung.

Zweite List: Bascot de Mauléon (1388)

Im dritten Buch seiner Chroniques erzählt Jean Froissart vom Krieg im Südwesten Frankreichs.26 Der Chronist des Hundertjährigen Kriegs beginnt dieses Buch mit dem Hinweis, er habe sich diesem Kriegsschauplatz bislang noch nicht zur Genüge gewidmet; daher sei er auf eine Reise in die Region gegangen. Der Chronist betont mehrfach, wie wichtig es ihm sei, mit Kriegsteilnehmern persönlich zu sprechen und ihre Erfahrungen in die Kriegserzählung einfließen zu lassen.

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Einer seiner Gesprächspartner ist der Söldnerführer Bascot de Mauléon aus der Gascogne, den Froissart am Hof des Gaston Fébus an Weihnachten 1388 traf.27 In der Chronik führt er Mauléon als einen reichen, erfolgreichen und erfahrenen Kämpfer ein, der mit großem Gefolge reist und fürstengleich auftritt. Der Söldnerführer erzählte dem Chronisten von seinem Leben und den Schlachten, die er geschlagen hat. Durch die dialogische Präsentationsform, in der Bascot gleichsam seine eigene Geschichte erzählt und Froissart sich als Chronist aus der Narration zurücknimmt, entsteht der Eindruck von großer Authentizität und Unmittelbarkeit. So wird die Geschichte eines erfolgreichen Kriegsunternehmers und Helden präsentiert, der sich im Krieg gewaltkompetent, verhandlungssicher und listenreich zu behaupten wusste.

Unter anderem erzählte Bascot, wie er mit Hilfe einer List Stadt und Burg Thurie in seine Gewalt gebracht hat.28 Durch seine Kundschafter hatte der ←294 | 295→Söldnerführer erfahren, dass die Frauen der Stadt jeden Morgen zu einer nahegelegenen Quelle gingen, um Wasser zu holen. Bascot legte seine Männer in einen Hinterhalt und begab sich selbst mit fünf anderen in die Nähe der Stadt: In der Kleidung der Frauen und mit Krügen in unseren Händen kamen wir auf eine Wiese in der Nähe der Stadt, und wir versteckten uns in einem Heuhaufen. Als nun die Frauen aus der Stadt kamen, mischten sich die verkleideten Kämpfer unter diese und gingen mit gefüllten Krügen zurück in die Stadt. Unsere Gesichter haben wir mit Tüchern verdeckt. Niemand hat uns erkannt. Die Stadt-Frauen sprachen die verkleideten Kämpfer an: ‘Ha! Heilige Maria! Wie früh seid ihr am Morgen aufgestanden!‘ Wir antworteten in ihrer Sprache und mit schwacher Stimme: ‚Wohl wahr.‘

So gelangten die verkleideten Männer gemeinsam mit den Frauen in die Stadt. Hier trafen sie keine Wachen, nur einen Flickschuster. Einer der Männer blies daraufhin ein Horn, um die übrigen Kämpfer herbeizurufen. Auf die Frage des Schusters, wer das Horn geblasen habe, antworten die verkleideten Männer, dass dies ein Priester getan habe, der auf die Felder gegangen sei. Der Schuster ist mit dieser Erklärung zufrieden und bezieht sie auf einen ihm bekannten Meister Francois, der in der Früh gerne auf die Hasenjagd gehe. Bascot und seine Männer nehmen Stadt und Burg ohne Widerstand ein.

Das Crossdressing wird mit viel größerem narrativem Aufwand erzählt als bei Johannes von Winterthur; da sich die verkleideten Männer unter feindliche Frauen und Männer mischen, müssen Täuschung und Schauspiel in großer Nähe wirken. Neben Kleidung und Accessoires ist es die als weiblich markierte Tätigkeit des Wasserholens, die Bascot und seine Männer die Rollen wechseln lässt. Darüber hinaus verbergen sie ihre männlichen (ggf. bärtigen) Gesichter29 hinter Tüchern und verstellen ihre Stimme. Kleidung, Bart, Stimmlage und Tätigkeit scheiden hier Männer von Frauen. Mehrfach betont die Erzählung, wie erfolgreich die Verkleidung funktioniert und dass Bascot und seine Männer nicht erkannt werden: nicht als Männer und nicht als feindliche Kämpfer.

Die Grundlage auch dieser List-Erzählung ist eine Gender-Zuschreibung, bei der von Frauen keine Gewaltkompetenz im Sinne kriegerischer Gefahr zu erwarten ist. Selbst als ein Horn ertönt, welches im Kontext des Krieges eindeutigen ←295 | 296→Signalcharakter hat, kommt es dem Schuster nicht in den Sinn, dieses mit der vor ihm stehenden Gruppe von Frauen in Verbindung zu bringen; er sucht vielmehr nach einem anderen, offenbar männlichen Verursacher. Der Verweis auf den Priester verortet das Signal, ganz im Sinne der List, jenseits eines kriegerischen Kontexts. Priester und Frauen teilen die Eigenschaft, nicht als Kämpfer in Betracht zu kommen und somit eine unverdächtige Erklärung für das Hornsignal zu geben. Dieses wird obendrein vom Schuster im Kontext einer Hasenjagd und damit wiederum unkriegerisch erklärt.

Auffällig ist, wie ausführlich das Crossdressing und die List präsentiert werden. Die Details rund um die erfolgreiche und in zwei Dialogszenen gleichsam auf die Probe gestellte Transgression sind wesentlich facettenreicher geschildert als jeder andere Aspekt der Kriegserzählung. Die eigentliche Eroberung wird hingegen schon fast lapidar geschildert: Und unverzüglich kamen unsere Gefährten, wir betraten die Stadt gemeinsam, wo wir nicht einen Mann fanden, der Hand an sein Schwert gelegt hätte, um diese zu verteidigen. Auch hier zeigt sich der allerorts feststellbare Zusammenhang zwischen Waffe und Gender im Kriegskontext. Im Kern der Erzählung stehen aber die Verkleidung und die List, nicht die eigentliche Eroberung.

Zusammen mit der Tatsache, dass der Protagonist der Erzählung, Bascot de Mauléon, seine eigene Beteiligung ausdrücklich betont, führt dieser Befund zu der Frage nach der Wertung von,Crossdressing‘ und List. Wie verhält sich diese Gender-Transgression zu den Vorstellungen von männlichem Prestige und kriegeradliger Ehre, wie wir sie eingangs im Zitat des Vinzenz von Prag kennen gelernt haben? Mir scheint, dass man der Froissart Erzählung mit dieser Frage nicht gerecht wird. An keiner Stelle der Narration wird auf eine solche Überlegung Bezug genommen und auch keine Kompensation für eine vermeintliche Ehrverletzung angeboten. Die Episode der verkleideten Männer fügt sich vielmehr nahtlos in die Erzählung von den Erfolgen des Söldnerführers. Dies verweist zunächst auf die Flexibilität mittelalterlicher Gender-Rollen, die sich einer schematischen Bipolarität entziehen. Gender erscheint hier nicht eindimensional und statisch, sondern abhängig von Kontext und Erzählabsicht. Auf der Ebene der Narration ist zunächst die gute, weil unterhaltsame Geschichte ausschlaggebend. Wie bei allen Verkleidungs- und Listerzählungen beruht das Vergnügen des Publikums darauf, mehr zu wissen als die Akteure in der Erzählung. So kann man sich im Sinne der Verlaufsspannung daran erfreuen, Bascot beim Funktionieren seiner List zuzusehen bzw. zuzuhören. Die Ver-Weiblichung des Mannes ist hier nicht als Ausweis von Schwäche oder mangelndem Kriegertum zu lesen, sondern als Ausweis von Listigkeit. Dies schließt auch das Betonen von weiblichen Attributen, wie der hohen Stimme, ein, die nicht auf die ←296 | 297→Schwäche der Männer, sondern ihre Schläue verweisen. Im Sinne der narrativen Selektion hätte es Bascot und Froissart ja freigestanden, die Ausgestaltung der List, das,Crossdressing‘ und die Transgression nicht zum Teil ihrer Erzählung zu machen. Da aber offenbar kein Normenkonflikt mit einem Männlichkeitsideal bestand, konnte die Geschichte aufwändig und unterhaltsam erzählt werden.

‚Erfolg‘ erweist sich auch in dieser Episode als entscheidend. So wie die Täuschung von Zürich dem Herzog nicht verborgen blieb, wird die List Bascots vor allem deswegen erzählbar, weil sie Erfolg hatte – und das auf zwei Ebenen: das,Crossdressing‘ selbst und das darauf basierende unerkannte Eindringen in die Befestigung. So erklären sich auch die mehrfachen, expliziten Hinweise auf den Erfolg der Tarnung: Keiner hat uns erkannt. Der Ausgang einer kriegerischen Aktion ist ein entscheidender Moment in zahlreichen Kriegs-Erzählungen; diese verweisen weniger auf allgemein gültige Kategorien und Regeln, denn auf situativ und perspektivisch auszudeutende Konstellationen von Akteuren und Handlungsoptionen.30 Auch die Wertung der Transgression ist hier eine Frage der Perspektive und nicht im Sinne von unverrückbaren, bipolaren Gender-Annahmen festgeschrieben.

Im Sinne der Intersektionalität verweist die Erzählung dabei auf die Vielschichtigkeit der Transgression. Diese hat ja nicht zum Ziel, die Krieger einfach nur zu Frauen zu machen. Vielmehr müssen sie in einer bestimmten Gruppe von Frauen aufgehen, um unbemerkt durch das Tor zu gelangen. Die Transgression besteht daher nicht nur aus dem Wechsel des Gender, sondern umfasst auch eine soziale und sprachliche Komponente. Bascot und seine Männer müssen im Sinne der Tarnung Wasser schöpfen; diese Tätigkeit wird in der Erzählung zwar nur als weiblich markiert, entsprach aber auch in ständischer Hinsicht nicht dem Adligen Bascot. Hinzu kommt, dass die verkleideten Männer den Frauen des Ortes in ihrer Sprache antworten müssen, um ihre Gruppenzugehörigkeit unter Beweis zu stellen. Die wasserholenden Frauen, deren Rolle Bascot und seine Männer einnehmen, sind nicht nur durch eine Zuschreibung markiert, so dass ‚doing gender‘ allein für die List nicht ausreichen würde. Gender ist hier nur eine sinnstiftende Kategorie unter mehreren.

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Dritte List: Ulrich Uetzinger (1452)

Eine andere Version der Kriegslist durch Verkleidung als Frau erzählt, textlich unabhängig von Froissart, Enea Silvio Piccolomini in seiner Historia Austrialis.31 Das Schema ist allerdings dem bei Froissart sehr ähnlich: Zwei Männer, ein Brüderpaar, verkleiden sich als Frauen, erhalten so Zugang zu einer Burg, überwältigen die Torwachen und rufen ihre im Hinterhalt liegende Verstärkung zur Hilfe.32 Der Akt der Verkleidung und Feminisierung wird ebenfalls detailliert beschrieben: Die Männer rasieren sich, legen Frauenkleider an, gürten ihre Schwerter unter diesen Kleidern, packen einige Lebensmittel in einen Korb und begeben sich zur Burg. Auch hier dienen in erster Linie die Kleider und die Ent-Männlichung des Gesichtes zur Markierung des Genders ‚Frau‘. Es zeigt sich, wie flexibel diese Motive eingesetzt werden können: Enea bringt die Rasur zur Tarnung mit dem Alter und damit der Unerfahrenheit der Protagonisten in Verbindung. Ulrich rasiert sehr sorgfältig seinen Bart, obwohl dieser noch dünn war, und sein jüngerer Bruder muss sich um seinen Bart gar nicht sorgen, weil er noch gänzlich bartlos war. Enea rekurriert immer wieder auf das Alter: Nichts Böses ahnend, lässt dieser [die Torwache] die Jünglinge ein, ←298 | 299→die er für Frauen hält. Auch bei dieser List betrifft die Transgression mehr als eine Kategorie. Ulrich weist seinen jüngeren Bruder an, sich wie eine Magd zu verhalten. Zumindest einer der Brüder führt also einen Rollenwandel in mehr als einer Hinsicht durch.

Unterschiede zu Froissart lassen sich zum einen inhaltlich beim Ausgang der List und zum anderen bei der narrativen Ausgestaltung und Bewertung der Episode erkennen. Die Aktion ist in diesem Fall letztlich nicht erfolgreich, weil die Burg zwar zunächst eingenommen, aber dann nicht gegen den Gegenangriff der Feinde gehalten werden kann.33 Die ganze Episode wird vom Autor Enea als unheroisch und ohne Sympathie für den Protagonisten inszeniert: Der Initiator der List ist Ulrich Uetzinger, der durch die Eroberung der Burg eine Schmach seines Vaters ausgleichen und die Familienehre wiederherstellen will. Enea erzählt die ganze Geschichte als Versuch eines adoleszenten Adligen, der das Familien-Prestige aufbessern will und scheitert. Die Episode endet mit dem Hinweis: So fügten sich die eher mutigen als glücklichen Jünglinge selbst Makel zu, während sie sich bemühten, diesen dem Vater zu nehmen; sie häuften Schaden auf Schaden.34 Das ,Crossdressing‘ liest sich in diesem Fall demnach weniger heroisch als vielmehr lächerlich. Letztlich steht hier aber nicht Gender, sondern Jugend an erster Stelle einer Narration, welche die Erfolglosigkeit der List auf die Unerfahrenheit der Protagonisten zurückführt.

Zusammenfassung

Die dargelegten Beispiele bestätigen eindrücklich die Befunde der Gender-Studies: Nur wenn man Gender jenseits einer starren Bipolarität als flexibel auszuhandelnde Zuschreibungen versteht, kann man die vorgestellten Episoden der Kriegschronistik richtig deuten. Dies wird bei Bascot de Mauléon besonders deutlich. ‚Crossdressing‘ und Gendertransgression haftet hier nichts Ehrenrühriges oder Lächerliches an: Der Kriegsheld kann sehr wohl in die Rolle einer Frau schlüpfen und davon ausführlich erzählen. Kontext und Perspektive sind für die Ausdeutungen der Überschreitungen entscheidend, nicht ein vorgefasstes Rollenverständnis. Johann von Winterthur und Enea Piccolomini stehen ←299 | 300→den Personen, welche die Listen durchführen, distanziert gegenüber und präsentieren deren Täuschungen entsprechend. Der eine hebt auf Einfluss und Scharfsichtigkeit der Männer ab, der andere auf die Jugend der Protagonisten. Alle Episoden machen dabei deutlich, wie flexibel die Gender-Zuschreibungen waren und dass Gender nicht vorgefunden, sondern gemacht wurde. Für die Kriegslist konnte Gender zeitlich begrenzt und reversibel verändert werden, um es taktischen Erfordernissen anzupassen.

Grundlegend war dabei eine Funktionalisierung von Gender mit Bezug auf Krieg und Gewalt. Beides wurde mit dem Männlichen verbunden, ohne dass dies einer Erklärung bedurfte. Jede Person, die aktiv am Krieg teilnahm, war in dieser Lesart männlich. Oder anders: Es genügte, sich glaubhaft als ‚Frau‘ auszugeben, um nicht als kriegerische Bedrohung wahrgenommen zu werden. Umgekehrt scheint Kriegsteilnahme für Frauen nur dadurch möglich gewesen zu sein, dass sie zu Männern wurden. Die Züricherinnen wurden nicht als wehrhafte Frauen, sondern als Männer ausgedeutet, wodurch ihr Verhalten ja erst zur List wurde.

Gender ist für alle Listerzählungen grundlegend, steht aber nicht im Zentrum aller Erzählungen, sondern interagiert mit anderen Differenzkategorien, wie etwa Alter und Körper. Die Transgressionen, die Bascot de Mauléon und die Uetzinger Brüder in diesem Sinne vornehmen, umfassen dabei mehr als nur die Gender-Kategorie. Zumindest implizit geht damit auch ein Wechsel der sozialen Stellung einher, im Falle der Eroberung von Thurie auch der Sprache. Im Sinne der Intersektionalität erweist sich Gender hier nicht als solitär wirksame Kategorie.

Die drei hier vorgestellten Fälle von Crossdressing sind als zeitlich begrenzte Grenzüberschreitungen angelegt. Die Gender-Zuschreibungen sind an eine sehr spezifische Situation gebunden, sowohl in ihrer narrativen Funktion als auch in der erzählten Kriegskonstellation. Grundlegende Überlegungen über moralische oder rechtliche Aspekte des ‚Crossdressing‘ werden daher nicht angestellt; ein Bezug etwa zum im Buch Deuteronomium 22, 5 festgelegten Verbot ist nicht erkennbar: Eine Frau soll nicht Männersachen tragen, und ein Mann soll nicht Frauenkleider anziehen; denn wer das tut, der ist dem Herrn, deinem Gott, ein Greuel. Im Kontext ihrer je speziellen Kriegsnarration müssen die Listen nicht moralisch aufgeladen werden.

Bleibt am Schluss noch die Frage nach dem Bezug von Narration und Wirklichkeit. In allen drei Fällen kann man diese Frage mangels paralleler Quellenzeugnisse nur aus den Texten heraus beantworten. Diese setzen mitunter explizite Authentizitätsmarker für ihre Erzählungen, und keine der Episoden ←300 | 301→wird als fiktional oder topisch markiert. Die Verkleidungs-List war also offenbar erzählbar und somit in den Augen von Autoren und Adressaten plausibel. Eine Kriegslist durch Gender-Transgression fiel in den Bereich des Sag- und Denkbaren, auch weil sie auf zeittypische Zuschreibungen und deren Flexibilität verwies.35

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* Ich danke den OrganisatorInnen der Tagung für die Einladung nach Hannover und die Zusammenarbeit bei der Drucklegung des Vortrages. Den TeilnehmerInnen und ihren Diskussionsbeiträgen verdanke ich neue Einsichten, die sich in dieser Textfassung finden. Für Anregungen und Verbesserungen am Manuskript danke ich Antonia Krüger, Stefanie Reinhold und Sebastian Schaarschmidt (alle Chemnitz).

1 Vincenz von Prag: Annales, hg. von Wilhelm Wattenbach, in: MGH SS 17, Hannover 1861, S. 658–83, hier zum Jahr 1158, S. 668: qui me in hoc negotio iuvare intendit, hunc honore debito et pecunia ad hec necessaria, ut decet, exorno; qui vero negligit, mulierum ludis contentus et ocio, mea pace securus propria sedeat in domo. Alle Übersetzungen sind, wenn nicht anders gekennzeichnet, vom Verfasser. Vgl. zu Text und Autor Vincentius ecclesiae Pragensis canonicus et notarius, Annales (http://www.geschichtsquellen.de/repOpus_04529.html; Zugriff am 13.03.2018).

2 Vgl. zum historischen Kontext Knut Görich: Friedrich Barbarossa. Eine Biographie, München 2011, S. 261–294.

3 Isidor von Sevilla: Etymologiae sive origines, hg. von Wallace M. Lindsay, Oxford 1911, Buch 11, 2, 17–19 (ohne Paginierung).

4 Vgl. zu dieser Stelle etwa auch Birgit Studt: Helden und Heilige. Männlichkeitsentwürfe im frühen und hohen Mittelalter, in: Historische Zeitschrift 276 (2003), S. 1–36, hier S. 4.

5 Dieser Zusammenhang ist so zahlreich belegt, dass hier ein Hinweis genügt: Richard Barber: The knight and chivalry, Woodbridge 1970, etwa S. 24 (Schwertleite) oder Abb. 8 nach S. 48 (Grabmal eines Ritters mit Waffen und Rüstung). Vgl. zum Zusammenhang von Männlichkeit und Heldentum etwa Martin Clauss: Helden auf Hengsten. Das Kriegspferd als Statussymbol im Mittelalter, in: Viator Multilingual 42 (2011), S. 97–114.

6 Vgl. etwa Hans-Henning Kortüm: Kriege und Krieger. 500–1500, Stuttgart 2010, S. 241–246: „Gewalt gegen Nichtkombattanten – Raptive Gewalt gegen Frauen.“

7 Das jüngste Nachschlagewerk zum mittelalterlichen Krieg, The Oxford Encyclopedia of Medieval Warfare and Military Technology, hat einen Eintrag von Valerie Eads zu „Women as Combatants“, in: ebd., 3 Bde., New York, Oxford 2010, hier Bd. 3, S. 454–456. Einen vergleichbar gender-markierten Eintrag zu Männern gibt es nicht.

8 Vgl. Megan McLaughlin: The woman warrior. Gender, warfare and society in medieval Europe, in: Women’s Studies 17 (1990), S. 193–209.

9 Vgl. etwa Bea Lundt: Das Geschlecht von Krieg im Mittelalter. Der Ritter – eine Ikone heldenhafter Männlichkeit, in: Christoph Kaindel (Hg.): Krieg im mittelalterlichen Abendland, Wien 2010, S. 411–435.

10 Vgl. grundlegend Bea Lundt: Das nächste Ähnliche. Geschlecht in der Vormoderne, in: Christa Hämmerle, Claudia Opitz-Belakhal (Hg.): Krise(n) der Männlichkeit, Köln 2008, S. 93–115, hier S. 102.

11 Brigitte Spreitzer: Störfälle. Zur Konstruktion, Dekonstruktion und Rekonstruktion von Geschlechterdifferenz(en) im Mittelalter, in: Ingrid Bennewitz, Helmut Tervooren (Hg.): Manlîchiu Wîp, wîplîch Man. Zur Konstruktion der Kategorien ‚Körper‘ und ‚Geschlecht‘ in der deutschen Literatur des Mittelalters (Beihefte zur Zeitschrift für Deutsche Philologie 9), Berlin 1999, S. 249–263.

12 Vgl. Lundt: Das nächste Ähnliche (wie Anm. 10), hier S. 114.

13 Vgl. hierzu etwa Studt: Helden und Heilige (wie Anm. 4).

14 Vgl. Ingrid Bennewitz, Helmut Tervooren (Hg.): Manlîchiu Wîp, wîplîch Man. Zur Konstruktion der Kategorien ‚Körper‘ und ‚Geschlecht‘ in der deutschen Literatur des Mittelalters (Beihefte zur Zeitschrift für Deutsche Philologie 9), Berlin 1999 und Andrea Moshövel: Wîplîch man. Formen und Funktionen von „effemination“ in deutschsprachigen Erzähltexten des 13. Jahrhunderts (Aventiuren 5), Oldenburg 2007.

15 Vgl. Valerie R. Hotchkiss: Clothes make the man. Female cross dressing in Medieval Europe (New Middle Ages), Hoboken 1996 und Vern L. Bullough, Bonnie Bullough: Cross dressing, sex, and gender, Philadelphia 1993.

16 Vgl. etwa die Beispiele bei Christine Haag: Das Ideal der männlichen Frau in der Literatur des Mittelalters und seine theoretischen Grundlagen, in: Ingrid Bennewitz, Helmut Tervooren (Hg.): Manlîchiu Wîp, wîplîch Man. Zur Konstruktion der Kategorien ‚Körper‘ und ‚Geschlecht‘ in der deutschen Literatur des Mittelalters (Beihefte zur Zeitschrift für Deutsche Philologie 9), Berlin 1999, S. 228–248, hier etwa S. 240–241.

17 Hotchkiss: Clothes Make the Man (wie Anm. 15).

18 Zur List vgl. etwa Thomas Zotz: Odysseus im Mittelalter? Zum Stellenwert von List und Listigkeit in der Kultur des Adels, in: Harro von Senger (Hg.): Die List, Frankfurt a.M. 1999, S. 212–240 und Paul Gerhard Schmidt: Seid klug wie die Schlangen: Strategeme im lateinischen Mittelalter, in: ebd., S. 196–211. Listigkeit war grundsätzlich positiv besetzt und konnte zur positiven Charakterisierung eines Protagonisten herangezogen werden.

19 Andrea Griesebner, Susanne Hehenberger: Intersektionalität. Ein brauchbares Konzept für die Geschichtswissenschaften?, in: Vera Kallenberger, Jennifer Meyer, Johanna M. Müller (Hg.): Intersectionality und Kritik. Neue Perspektiven für alte Fragen, Wiesbaden 2013, S. 105–124, hier S. 114.

20 Griesebner, Hehenberger: Intersektionalität (wie Anm. 19), hier S. 112.

21 Katharina Walgenbach: Gender als interdependente Kategorie, in: Katharina Walgenbach, Gabriele Dietze (Hg.): Gender als interdependente Kategorie. Neue Perspektiven auf Intersektionalität, Diversität und Heterogenität, Leverkusen 22012, S. 23–64.

22 Vgl. zu Autor und Werk etwa Iohannes Vitoduranus, Chronica (http://www.geschichtsquellen.de/repOpus_03048.html; Zugriff am 14.03.2018) oder Heike Johanna Mierau: Eine Kampfschrift gegen die Vorstellung von der Wiederkehr Friedrichs II. Zur Interpretation der Chronik des Johannes von Winterthur, in: Wilfried Ehbrecht, Angelika Lampen u.a. (Hg.): Der weite Blick des Historikers. Einsichten in Kultur-, Landes- und Stadtgeschichte. Peter Johannek zum 65. Geburtstag, Köln, Weimar, Wien 2002, S. 555–576.

23 Johann von Winterthur: Chronik, hg. von Friedrich Baethgen (MGH SS rer. Germ. N.S. 3), Berlin 1924, S. 45: Propter quod cives in terrorem immanem versi, immo quasi desperati, callidam adinvencionem seu astuciam, qua hostes terrerent ac deluderent, invenerunt, videlicet quod mulieres cunctas, illic pre aliis locis copiosas numero, arma portare valentes armis induerent et eas cum cuspitibus super locum unum eminenten intra muros eius situm, arboribus multis consitum locarent, ut pavorem hostibus per hoc incuterent. Nam patulus erat aspectus adversariis constitutis in monte Vinetorum ad illum locum. Que in oculis ipsorum multa milia armatorum apparuerunt. Cum autem illas in tanta multitudine considerassent et probabiliter estimassent, suspicantes eas esse viros, supra modum attoniti duci Alberto dixerunt: ‚Si ille tam ingens exercitus de civitate contra nos erumpet, in momento peribimus; immo, quod maius et gravius est, si eciam contingeret nos Deo dante civitatem oppugnando capere, similiter filii mortis erimus‘. Dux ergo hec animadvertens firmiter eis pacem donare, si peterent, alta voce repromisit; quod Thuricenses percipientes exierunt et pacis federa humiliter postulabant. Quibus dux annuens recessit.

24 Vgl. zu dieser Episode P. Schweizer: Die Anfänge der zürcherischen Politik, Rathausvortrag, gehalten am 6.12.1886, Zürich 1887, S. 135–138. Der Autor beschränkt sich auf die Frage, ob die Geschichte glaubwürdig ist. Er bejaht dies unter anderem mit dem Hinweis darauf, dass sich die Frauen wegen der Reichweite der gegnerischen Geschütze nicht in unmittelbare Gefahr begeben hätten.

25 Johann von Winterthur: Chronik (wie Anm. 23), S. 45–46: Quidam vero aiunt, quod propter cedem et captivitatem virorum Thuricensium sole quasi mulieres in civitate remanserint et ipsam custodierint, que attendentes se circumdatas et conclusas obsidione ducis acerba tremefacte, quid facerent, penitus ignorabant. Tandem a vetulo propter senium et imbecillitatem suam in civitate relicto informacionem acceperunt, ut ad dictum locum armate confluerent et corizando illic hostium obtutibus leticiam et pugnatorum multitudinem demonstrarent, ut sic seducti pacem civitati relinquerent et abirent. Quod et factum est. Dicitur tamen ducem non latuisse illam industriam ante discessum suum; sed quia contentari voluit in captivis, nolens ultra civitatem molestare, et eciam quia tantum causa ostentacionis potentatus sui coram civitate conparere voluit in robore et virtute, voluntarie a turbacione destitit civitatis. Huic dicto argumentum prestat veritatis, quod postea captivos omnes diu fame, cruciatu, verecundia miserabiliter afflictos salvis rebus et corporibus, ut dictum est, abire permisit.

26 Vgl. zur folgenden Episode mit weiteren Literaturhinweisen Martin Clauss: Krieg der Ritter. Erzählmuster des Heroischen in den Chroniken zum Hundertjährigen Krieg, in: Jörg Rogge (Hg.): Kriegserfahrungen erzählen (Mainzer historische Kulturwissenschaften 37), Bielefeld 2016, S. 31–46, hier S. 38–40.

27 Zu Bascot de Mauléon vgl. Guilhem Pépin: Towards a rehabilitation of Froissart’s Chronicle. The non fictitious Bascot de Mauléon, in: Adrian R. Bell, Anne Curry u.a. (Hg.): The soldier experience in the fourteenth century (Warfare in history), Woodbridge, New York 2011, S. 175–190.

28 Vgl. Jean Froissart: Chroniques. Livre III et IV, hg. von Peter Ainsworth (Le livre de poche 4563), Paris 2004, Buch 3, Kap. 16, S. 211–213: Et vous diray comment je le [le chastel de Turie] prins et conquis. Au dehors du chastel et de la ville a une tres belle fontaine, où par usage tous les matins les femmes de la ville venoient à toutes cruches et autres vaisseaulx, et là les puisoient et emportoient à mont en la ville sur leurs testes. Je me mis en paine pour l’avoir, et prins cinquante compaignons de la garnison du chastel Cuillier, et chevauchasmes tout un jour par bois et parbruieres, et la nuit ensuivant. Et environ mienuit je mis une embusche assez pres de Turie, moy.vj.e tant seulement. En habit de femmes et cruches en noz mains, venismes en une praerie assez pres de la ville, et nous muçasmes en une mule de foin, car il estoit environ la Saint Jehan en esté, que on avoit fané et fauchié. Quant l’eure fu venue que la porte fu ouverte et que les femmes commmençoient à venir à la fontaine, chascun de nous prinst sa cruche et les empleismes, et puis nous meismes au retour vers la ville, noz visaiges envelopez de cueuvrechiefz. Jamaiz on ne nous eust congneuz. Les femmes que nous encontrions nous disoient: ‚Haa! Sainte Marie! que vous estes matin levees!‘ Nous respondions en leur langaige à fainte voix: ‚C’est voir!‘ et passions oultre et venismes ainsi tous six à la porte. Quant nous y feusmes venus, nous n’y trouvasmes autre garde que un savetier qui mettoit à point ses fourmes et ses rives. Li uns de nous sonna un cornet pour attraire noz compaignons qui estoient en l’embusche. Le savetier ne sèn donna garde. Bien oÿ le cornet sonner, et demanda à nous: ‚Femmes, harou! Qui est ce là qui a sonné ce cornet?‘ Li uns respondit et dist: ‚C’est un prestre qui s’en va aux champs. Je ne sçay s’il est cure ou chappellain de la ville.‘ ‚C’est voirs‘, dist il, ‚C’est messier François nostre prestre, trop volentiers va au matin aux champs pour querre les lievres.‘ Tantost incontinent, noz compaignons venus, entrasmes en la ville où nous ne trouvvasmes onques homme qui meist main à l’espee, ne soy à defense. Ansi prins je la ville et le chastel de Turie […].

29 Für Bascot de Mauléon erfahren wir nichts zum Bartwuchs. Aus einer anderen Episode im dritten Buch der Chroniques lässt sich aber schließen, dass Kämpfer/Ritter im ausgehenden 14. Jh. Bart trugen. Vgl. Froissart: Chroniques (wie Anm. 28), Buch 3, Kap. 8, S. 138.

30 Vgl. grundlegend zur Bedeutung der Perspektivität im Umgang mit historiographischen Erzählungen zum mittelalterlichen Krieg: Martin Clauss: Kriegsniederlagen im Mittelalter. Darstellung – Deutung – Bewältigung (Krieg in der Geschichte 54), Paderborn 2010.

31 Vgl. Pius II papa, Historia Austrialis (http://www.geschichtsquellen.de/repOpus_01795.html; Zugriff am 13.03.2018).

32 Vgl. Eneas Silvius Piccolomini: Historia Austrialis, hg. von Martin Wagendorfer, Teile 1–2 (MGH SS rer. Germ. N.S. 24), Hannover 2009, hier Teil 2: 2./3. Redaktion, Buch 4, S. 708–709: Anxius igitur adolescens, paternam quo pacto purgaret infamiam, dum tendit insidias hostibus, arcem esse dominorum de Valse in altissimo monte sitam discit, in quo vicini propter metum belli quaecumque habent cariora reconderint, prefectumque loci relicta illic cum paucis uxore peregre profectum. Hinc nactus occasionem, qua patris ignominiam deleret, barbam suam, quamvis modica esset, accuratissime radit, vestes muliebres assumit, minorem fratrem adhuc imberbem parem habitum induere et gladium sub tunica cingere iubet. Pullos deinde aliquot gallinaceos et caseos et nescioquid pomorum in canistrum accipiens accersitis X famulis, quos edocuerat, quid facto opus esset, versus arcem proficiscitur. Famuli cum armis oportuno loco in insidiis collocantur. Ipse sub specie mulieris cum fratre, quem tipum ancillae gerere iussit, portam accedens arcis hostiarium vocitat querens, an domi prefectus sit, quem de sua causa velit consultum habere. Quo respondent solam dominam et duos famulos domi esse, prefectum autem die hesterna negotium aliquod acturum equitasse ‚sine ergo‘, inquit, ‚quae domino ferebam munuscula, suae me coniugi reddere‘ simulque pullos ostendit. Ille nil mali suspicians adolescents, quos credit foeminas, intromittit, qui mox habitu muliebri deiecto evaginatis gladiis portam occupant et concurrentibus ad signum famulis patefaciunt invadentesque arcem cuncta sine controversia in potestatem suam recipient […].

33 Vgl. zu dieser Episode und der Bedeutung der Perspektive bei ihrer Beurteilung Clauss: Kriegsniederlagen im Mittelalter (wie Anm. 30), S. 169–170.

34 Vgl. Eneas Silvius Piccolomini: Historia Austrialis (wie Anm. 32), hier Teil 2: 2./3. Redaktion, Buch 4, S. 710: Sic adolescentes magis animosi quam fortunati dum patri maculam demere properant, sibi ingerunt damnumque damno accumulant.

35 ,Crossdressing‘ als Kriegslist soll in diesem Beitrag nicht erschöpfend abgehandelt werden. Literarische Vorbilder und Ausgestaltungen sind hier ebenso unberücksichtigt geblieben, wie antike Vorbilder. Zu letzterem vgl. etwa Frontin: Kriegslisten, hg. und übersetzt von Gerhard Bendz (Schriften und Quellen der Alten Welt 10), Berlin 1963, Buch 3, Kap. 2, S. 132: Epaminondas Thebanus in Arcadia die festo effuse extra moenia vagantibus hostium feminis plerosque ex militibus suis muliebri ornatu immiscuit: qua simulatione illi intra portas sub noctem recepti ceperunt oppidum et suis aperuerunt.