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Gewalt, Krieg und Geschlecht im Mittelalter

Edited By Amalie Fößel

Gewalt und Krieg sind heute wie auch in der Vormoderne keine ausschließlich männliche Domäne, sondern Räume der Männer und Frauen gleichermaßen. In Zeiten kriegerischer Auseinandersetzungen werden Geschlechterrollen ausgebildet, konforme und abweichende Verhaltensweisen ausprobiert und Konzepte von Männlichkeit und Weiblichkeit entwickelt. Erstmals für die Epoche des Mittelalters (7.-16. Jahrhundert) werden daraus resultierende Fragestellungen im interdisziplinären und kulturübergreifenden Vergleich untersucht. Die Beiträge erörtern Geschlechterbeziehungen auf Darstellungs- und Handlungsebene und beschreiben Interaktionsformen in Kontexten von Gewalt und Krieg. Über den europäischen Raum mit seinen zahlreichen Fehden und Heerzügen hinaus werden auch die Kreuzzüge in den Blick genommen.

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Handlungsspielräume von Ehefrauen ‚gefangener‘ Männer im Spiegel spätmittelalterlicher Selbstzeugnisse (Mirjam Reitmayer)

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Mirjam Reitmayer

Handlungsspielräume von Ehefrauen

‚gefangener‘ Männer im Spiegel

spätmittelalterlicher Selbstzeugnisse

Abstract: Armed conflicts have always involved the risk of being captured by the enemy, which entailed challenges for the imprisoned men and their relatives at home, especially their wives. Correspondence between family members provides insights into a wife’s scope for action in maintaining business transactions and feudal administration.

Liebe Kettrin, ich gruiesse dich und also ich getrůwe, dz du wol hest vernomen, wie ich gewangen bin, alse lige ich swerlich und herteklich mit henden fuiesen uf bloecher geslagen und ist mir do fon also we beschehen, daz ich mich geschetzet habe umb 12000 guldin darumb, liebe Kettrin, bitte ich dich durch alle die fruntschaft und trůwe, die du ie zu mir gewúnne, der ich dích ermane(n) kann, daz du allez, daz wir hant, verkoufest, versetzest und zů barschaft bringest in welen weg dir allermeist werden mag.1

Mit diesem Appell wandte sich der Straßburger Gesandte Hans Bock an seine Ehefrau und bat um die Auslösung seiner Person aus der Gefangenschaft. Er war zusammen mit zwei weiteren Männern der Stadt Straßburg im Jahr 1395 während einer Gesandtschaftsreise von den Herren von Schwanberg gefangen genommen worden.2 Neben einem Brief an den Rat zu Straßburg ließ er auch ein Schreiben an seine Frau Katharina übermitteln. Wenn die Stadt Straßburg seine Freilassung nicht erreichen könne, würde er sie bitten, den gemeinsamen Besitz zu veräußern, um die 12000 Gulden Lösegeld aufzubringen. Beschwörend erinnerte er sie an die gemeinsame Zeit und appellierte an ihre Treue.

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Auf den ersten Blick liegt hier ein sehr eindringlicher Brief vor. Allerdings findet sich in den Akten auch je ein Schreiben der anderen beiden Gesandten, Andreas Heilmann und Heinrich von Mühlheim, an ihre Ehefrauen. Alle drei Briefe ähneln sich im Aufbau und teilweise im Wortlaut in hohem Maße. Deshalb liegt der Verdacht nahe, dass es sich in diesem Fall um ein Diktat der Gefangennehmer handelt, die über die Schreiben an die Familien zusätzlich ihre Chance auf das Lösegeld erhöhen wollten, sollte die Stadt Straßburg nicht für ihre Gesandten aufkommen. Für die Gefangennehmer war die zeitnahe Erfüllung ihrer Forderungen, bevor man ihnen den/die Gefangenen abnehmen oder andere Entwicklungen ihr Vorhaben zunichtemachen konnte, ein entscheidender Faktor für eine erfolgreiche Unternehmung. Dies führte in einigen Fällen dazu, dass Ehefrauen und andere Familienmitglieder bei erfolglosen oder wenig aussichtsreichen Verhandlungen mit Städten, Dienstherren oder Hauptmännern in zweiter Instanz miteinbezogen wurden.

Wenn sich Selbstzeugnisse aus einer Gefangenschaft erhalten haben, bieten sie wertvolle Hinweise auf die Räume einer Gefangenschaft und auf das Agieren der Gefangenen mit ihrer Umwelt, ihren Freunden und Familien. Bisherige Untersuchungen dieser Quellen nehmen sich jedoch eher den Gefangenschaften der Männer an; weniger im Fokus stehen die Familien und Ehefrauen. Dabei änderte sich ihr Leben ebenfalls radikal, vor allem wenn die Gefangenschaft der Ehemänner, Väter oder Söhne über einen längeren Zeitraum andauerte. Deshalb soll in dieser Untersuchung das Hauptaugenmerk auf den Ehefrauen der gefangenen Männer liegen. Dabei geben uns die Briefe – fernab dessen, was sie nicht erzählen (können) – einen Einblick in das Leben der Eheleute und die Handlungsmöglichkeiten der Ehefrauen, zumal die Schreiben manchmal die einzigen Quellen darstellen, die uns über das Leben der Frauen und Familien Auskunft geben können. Dabei ist zu fragen, welches Verhältnis der Eheleute untereinander zu erkennen ist und wie die Abwesenheit der Männer den Handlungsspielraum der Frauen beeinflusste.

Die Erforschung von Handlungsspielräumen weiblicher Herrschaft hat spätestens seit den 1990er Jahren an Bedeutung gewonnen und so liegen in der deutsch-, englisch- und französischsprachigen Forschung zahlreiche Untersuchungen vor, die auch nach den Machtpositionen oder Einflussmöglichkeiten der Frauen bei Abwesenheiten der Männer aufgrund von kriegerischen ←304 | 305→Unternehmungen oder nach dem Tod des Ehepartners fragen.3 Allerdings fehlt bisher eine Untersuchung, die verschiedenste Einzelfälle in ihren unterschiedlichen Kontexten zusammenbringt und in einer Vergleichsstudie nach den Handlungsfeldern der Ehefrauen gefangener Männer und den Veränderungen – auch nach der Gefangenschaft – für die Frauen fragt.4

Genau an dieser Stelle soll der vorliegende Beitrag ansetzen und anhand von Selbstzeugnissen für zwei Fallbeispiele einen ersten Einblick in die veränderten ←305 | 306→Lebenswelten der gefangenen Männer und ihrer zurückbleibenden Ehefrauen geben. Trotz der dadurch entstehenden Möglichkeit, sich dem ‚Schweigen der Frauen‘ zu nähern, ist das vorliegende Quellenmaterial sicherlich nicht ganz unproblematisch: In den meisten Fällen liegen uns nur vereinzelte Briefe vor und die Frauen, auf die wir in diesen Quellen treffen, gehörten zu einer privilegierteren Schicht, die des Lesens und Schreibens kundig war. Häufig wurden zudem Informationen, die uns einen spannenden Einblick in das ‚Privatleben‘ geben könnten, nur mündlich weitergegeben, damit heikle oder persönliche Informationen nicht durch Dritte abgefangen werden konnten.5

Neben dem eingangs aufgeführten Beispiel der gefangenen Gesandten aus Straßburg, bei dem wir nicht erfahren, ob die Schreiben den Ehefrauen zugestellt worden waren und bei dem sich keine Antworten oder Reaktionen der Frauen in den Quellen erhalten haben, wissen wir auch von Ehefrauen, die aktiv in das Geschehen eingriffen. Zwei Fälle aus dem 16. Jahrhundert sollen hier näher untersucht werden: Zunächst die Entführung und Gefangenschaft des Wittenberger Kaufmanns Georg Reiche und schließlich die Gefangenschaft Johann Friedrichs I. von Sachsen, der im Schmalkaldischen Krieg in kaiserliche Gefangenschaft geriet und erst nach fünf Jahren wieder in die Freiheit kam.

Anna und Georg Reiche im Umfeld der Kohlhase-Fehde6

Als Hans Kohlhase am 12. März 1534 dem sächsischen Adeligen Günther von Zaschwitz und dem Kurfürstentum Sachsen die Fehde erklärte, drohte ←306 | 307→er in seinem Fehdebrief ausdrücklich mit der Entführung Dritter.7 Kohlhase beschwerte sich über die Wegnahme zweier Pferde, die ihm von den Untertanen Günthers von Zaschwitz auf dem Weg zur Leipziger Messe 1532 wegen des Vorwurfs des Pferdediebstahls abgenommen worden waren. Da er daraufhin seine Waren nicht mehr verkaufen und seinen guten Ruf nicht wahren konnte, klagte er auf den entstandenen Verlust. Es folgten zahlreiche Rechtstage, zuletzt im Jahr 1538 in Zerbst, in deren Rahmen jedoch keine Einigung erzielt werden konnte.

In diese Phase des Konflikts fällt auch die Entführung des Wittenberger Kaufmanns Georg Reiche. Dieser wurde zusammen mit seiner Ehefrau Anna am 30. Juli 1538, als er sich auf dem Rückweg von der Frankfurter Messe befand, kurz vor Wittenberg überfallen. Hans Kohlhase und drei bewaffnete Helfer durchsuchten den Fuhrwagen nach lohnenswerten Waren und nahmen dem Ehepaar Schmuck und Wertgegenstände ab. Kohlhase hatte die Entführung genauestens geplant: Den Verhörprotokollen des Fuhrmanns Antonius Frenzel und des Ehepaares Reiche, die man in Wittenberg anlässlich der Verfolgung Hans Kohlhases anfertigte, ist zu entnehmen, dass Georg Reiche kein zufälliges Opfer war, auch wenn ihm Hans Kohlhase bis zu diesem Zeitpunkt gänzlich unbekannt war.8 Anna Reiche wurde ein Brief an den Bürgermeister und Rat der Stadt Wittenberg mit genauen Instruktionen überreicht, die sie und der Fuhrmann zu befolgen hatten; danach setzte die bewaffnete Gruppe den Wittenberger Kaufmann auf ein Pferd und flüchtete. Kohlhase versuchte, mit seinem Gefangenen ständig in Bewegung zu bleiben und so zog die Gruppe fortwährend durch das Gebiet der Niederlausitz.

In den Akten erfahren wir auch etwas über die Ehefrau Hans Kohlhases, Margarete, die den erbeuteten Schmuck Anna Reiches nach Berlin zugesandt bekam, während die anderen Beutestücke innerhalb der Gruppe um Hans Kohlhase verblieben.9 Zudem tritt Margarete mehrfach als Botin und Vermittlerin für ihren ←307 | 308→Mann in Erscheinung. Auffällig ist, dass sich ihr Mann im Nachhinein vehement gegen die Vorwürfe verwehrte, er habe sich während der Entführung gegenüber der Ehefrau Reiches unangemessen verhalten und die Gefangenen schlecht behandelt.10 In der Tat lassen sich keine Hinweise in den Akten der sächsischen Kanzlei auf einen tätlichen Übergriff auf die Ehefrau oder eine schlechte Behandlung Georg Reiches finden.

Zwei Tage nach seiner Entführung bekam Georg Reiche die Gelegenheit, einen Brief an seine Familie zu verfassen. Adressiert ist das Schreiben an seine Schwägerin, der Grund dafür wird nicht genannt. Er bittet sie eindringlich darum, dass seine Freunde und Verwandten sich für ihn einsetzen und seiner Frau einen Boten schicken mögen, damit diese vorhandene Warenbestände auf dem Markt verkaufen und auflaufende Schulden ihres Mannes begleichen könne.11 Reiche setzte jedoch nicht nur auf ein umfassendes soziales Netz aus Verwandten und Freunden, die mehrfach für seine Freilassung und das Aufspüren Kohlhases eintraten, auch erscheint es für den Kaufmann selbstverständlich gewesen zu sein, dass seine Ehefrau die laufenden Geschäfte in seiner Abwesenheit führte. Neben dem Aufrechterhalten des Kaufmannsgeschäfts tritt Anna Reiche darüber hinaus vor allem in der Auseinandersetzung mit dem Wittenberger Rat in Erscheinung, um sich aktiv für ihren Mann und die gemeinsamen Güter stark zu machen. Ihre Briefe sind vehement formuliert, auch da sich die Behörden wochenlang nicht in der Lage sahen, ihren Mann zu befreien. In einem Brief an den Wittenberger Rat, in dem sie sich selbst als Gehorsame Burgerin Anna Georg Reichin Eliche hausfraw12 tituliert, schlägt sie deshalb eine andere Vorgehensweise vor:

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Nhun weiß ich euer e.w. nicht zuvorhalden, das gedachts Kolhasenn weyb eynenn brieff nach Innhalt Innliegennder Copeiy zum Berlin meyner muhmenn vberanthwordt Weyl sie denn aldo noch vorhanndenn, vnnd die Brieffe Ihr vonn Ihrem manne zukommenn, so ist es Ir vormudtlich, sie werde wissenn, wo Iher mahnn sey, auch meynn mahnn Georg Reiche.13

Da die Ehefrau Hans Kohlhases bereits mehrfach als Botin in Erscheinung getreten sei, sei eine Observierung möglich, so dass der Aufenthaltsort ihres Mannes schnell ersichtlich würde. Ausdrücklich erwähnt Anna Reiche die Unschuld ihres Mannes, der auf offener Straße und unverschuldet in Gefangenschaft geraten sei, und sie warnt eindrücklich vor den Folgen, die die Entführung für die Geschäfte ihres Mannes haben würden. So seien in Berlin lagernde Güter und Waren noch immer nicht abgeholt worden. Die Gläubiger seien mittlerweile nervös an sie herangetreten, weswegen der Rat von Wittenberg den Kurfürsten Johann Friedrich von Sachsen ersuchen möge, ihr auf juristischem Wege die Güter zuzugestehen.14

Dem energischen Brief Anna Reiches folgte unmittelbar ein Schreiben des Wittenberger Rates am 30. Juli 1538 an den Kurfürsten von Sachsen, in dem das Ansinnen der Frau wiederholt wurde. Auch der Antwortbrief Johann Friedrichs, in dem er zusichert, die Gerichte zu veranlassen, dass die Güter freigegeben und sicher nach Wittenberg gebracht werden, hat sich erhalten.15 Gleichzeitig ließ man sich auf die vorgeschlagene Taktik Anna Reiches ein: allerdings wurde in den folgenden Tagen nicht Margarete Kohlhase beschattet, sondern ein weiterer Bote, Ambrosius Seidensticker, der ebenfalls mehrfach Nachrichten übermittelt hatte. Nachdem der sächsische Kurfürst die Fahndung auch auf angrenzende Territorien ausgeweitet hatte, erfolgte am 11. August 1538 der Zugriff auf Kohlhase und seine Helfer. Kohlhase konnte zunächst fliehen, George Reiche jedoch von den Brüdern Wolf und Christoph von Birkholz, Lehnsmännern des Bischofs von Lebus, aufgegriffen werden.16 Seine Freilassung indes verzögerte sich noch um einen Monat, wahrscheinlich wollten die Brüder einen gewissen Betrag für die Befreiungsaktion des Wittenberger Kaufmanns einfordern.17 Erst das Einschalten des Bischofs von Lebus, der seine Untertanen aufforderte, Georg Reiche bis zum Sonnenuntergang des 15. September 1538 in sein Schloss nach Lübben ←309 | 310→zu überstellen, führte zur Beendigung der Gefangenschaft. Da die Entführung des Kaufmanns Georg Reiche nur einen Nebenschauplatz der Kohlhase-Fehde darstellte, finden sich in den Quellen keine weiteren Angaben mehr zum Leben des Ehepaares Reiche nach der Freilassung.

Sibylle von Jülich-Kleve-Berg und Johann Friedrich I. von Sachsen

Während wir also über Anna Reiche nur wenig fernab ihres aktiven Einsetzens für die Freilassung ihres Mannes erfahren, ergibt sich bei Sibylle von Jülich-Kleve-Berg ein gänzlich anderes Bild.18 Sibylle, über die wir sehr gut unterrichtet sind, hatte als älteste Tochter von Herzog Johann III. von Jülich-Kleve-Berg im Juni 1527 den sächsischen Kurfürsten Johann Friedrich I. von Sachsen geheiratet und führte mit ihm eine liebevolle Ehe.19 1528 konvertierte Sibylle zum Protestantismus und unterstützte ihren Mann leidenschaftlich bei der Einführung des neuen Glaubens, wovon auch die Briefe aus der Zeit der Gefangenschaft Johann Friedrichs ein eindringliches Zeugnis geben.20

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Am 24. April 1547 geriet Johann Friedrich I. in der Schlacht von Mühlberg in kaiserliche Gefangenschaft.21 Mit der Unterzeichnung der Wittenberger Kapitulation vom 19. Mai 1547 verlor Johann Friedrich die sächsische Kurfürstenwürde, die an Moritz von Sachsen übertragen wurde, sowie zahlreiche Gebiete seines Fürstentums. Allerdings konnte er für seine Söhne ein souveränes Fürstentum durchsetzen. Auch die Söhne unterzeichneten die Kapitulation und bekamen im Gegenzug ein Einkommen von 50.000 Gulden jährlich garantiert. Während Johann Friedrich als Gefangener Kaiser Karls V. auf dessen Reisen durchs Reich begleitete, verblieb Sibylle in der neuen Residenzstadt Weimar. Johann Friedrich selbst war auf den Reisen zumeist standesgemäß mit eigenen Bediensteten in größeren Anwesen untergebracht.22 Standhaft weigerte er sich dem protestantischen Glauben abzuschwören oder die Machtausübung in seinem Herrschaftsgebiet aufzugeben. Seine beiden ältesten Söhne, Johann Friedrich der Mittlere und Johann Wilhelm, übernahmen die Verwaltung der ernestinischen Gebiete, während Sibylle vor allem der karitative Bereich und die Verwaltung von Erbangelegenheiten im Jülicher Land oblagen. Auffällig ist, dass sie sich recht schnell als Statthalterin von Weimar in Szene setzen ließ. So wurden Holzschnitte und Druckgraphiken angefertigt, die sie in würdevoller Robe mit der Bibel in der Hand und dem Wappen des Herzogtums Sachsen zeigten – eine Darstellung, die 1551 auch als Flugblatt verteilt wurde. Auf einigen Drucken findet sich zudem ein Lied des Kirchenlieddichters Paul Eber, welches das Los ←311 | 312→der ehemaligen Kurfürstin und ihr immerwährendes Gebet für den gefangenen Mann thematisierte.23

Für weiterführende Entscheidungen, vor allem solche, die das Leben des Hofes in Weimar direkt betrafen, musste sich die Fürstin jedoch mit den Räten ihres Mannes oder direkt mit Johann Friedrich absprechen.24 So herrschte ein reger Schriftverkehr Johann Friedrichs mit seinen Räten und seiner Familie. Zwischen den Eheleuten haben sich über 250 Briefe aus der Zeit der Gefangenschaft erhalten, von denen alleine über 100 Briefe von Sibylle von Kleve stammen.

Sibylle setzte sich während der gesamten Gefangenschaft aktiv für ihren Mann ein; bereits während der kriegerischen Auseinandersetzungen hatte sie eine Mittlerrolle eingenommen, um ihren Mann und sein Unterfangen zu unterstützen.25 Sie schrieb nicht nur ihrem Mann und den Räten, sondern wandte sich während der fünfjährigen Gefangenschaft in zahlreichen Bittbriefen an den Kaiser, an Königin Maria von Ungarn und andere Fürsten und Fürstinnen.26 Sibylle suchte auch selber Karl V. auf und bat im Mai 1547 mit einem Kniefall um die Freilassung ihres Mannes. Dieser jedoch hob lediglich das Todesurteil gegen ihren Gatten auf; weitere Zugeständnisse konnte sie zunächst nicht erreichen. Einen weiteren Bittbrief im Januar 1548 und ein zweites Aufeinandertreffen ←312 | 313→mit dem Kaiser in Wittenberg, das Sibylle mit einem weiteren Kniefall verband, bewegte den Kaiser immerhin dazu, einen gemeinsamen Urlaub der Familie über die Pfingsttage in Wittenberg zu gestatten.27

Auffallend ist, wie liebevoll die Briefe der Eheleute untereinander sind und dass beide Ehepartner sich immer wieder um persönliche Treffen bemühten. Wiederholt werden schwere Erkrankungen Sibylles, die sie zeitweise ans Bett fesselten, thematisiert. Als es sehr kritisch um die Fürstin steht, kann man die Sorgen Johann Friedrichs deutlich in seinen Briefen ausmachen.28 Doch auch Sibylle sorgte sich, wenn ihr Mann zwischenzeitlich über eine härtere Behandlung klagte, die bei ihm zu Schlaflosigkeit, Reizbarkeit und einer allgemein schlechteren Verfassung führte.29

Doch nicht nur die Kümmernisse durch die Gefangenschaft bedurften des Zuspruches Sibylles, sie unterstützte ihren Mann vor allem im gemeinsamen Glauben. Johann Friedrich wurde als standhafter Kämpfer für das protestantische Bekenntnis gefeiert, da er sich während der Gefangenschaft – anders als Philipp von Hessen30 – nie dem Glaubensdiktum des Kaisers beugte und auch ←313 | 314→unter größtem Druck nicht der protestantischen Konfession entsagte.31 Diese ‚Standhaftigkeit im Glauben‘ unterstützte Sibylle zum einen innerhalb der persönlichen Korrespondenz, indem sie vielfach Psalme und Textauslegungen rezitierte, und zum anderen öffentlichkeitswirksam, mit einer Verfügung, dass die Einwohner dreimal wöchentlich in der Schlosskirche die Litanei für ihren Ehemann singen und Kinder durch Brotspenden zu eifrigeren Bittgebeten animiert werden sollten.32 Auch sich selbst nahm sie in die Pflicht: Mit ihrem Frauenzimmer betete sie täglich für ihren Mann in der Kirche, dazu kamen Kollektengebete und eine Fürbittstrophe für den gefangenen Fürsten.33 Dass diese Präsentation der leidenden, dennoch standhaften Ehefrau, die sich bewusst nur noch in schwarze Trauerkleidung hüllte, Anerkennung fand, zeigt sich in der Leichenrede anlässlich ihrer Beisetzung, in der Hofprediger Johann Stoltz Sibylle von Kleve, vor allem aufgrund ihres Verhaltens während der Gefangenschaft ihres Mannes, als ‚Landesmutter‘ und ‚Kirchenmutter‘ ehrte.34

Immer wieder offenbaren die Schreiben auch die Schwierigkeiten des brieflichen Nachrichtenverkehrs. Mehrfach wurden Boten abgefangen oder Briefe gelesen, was dazu führte, dass in den Briefen die Sachverhalte oftmals nur angedeutet wurden und Johann Friedrich weite Teile seiner Briefe chiffrierte. Auch Sibylle nutzte in ihren Schriftstücken Codenamen, so sind die Spanier die Tyrannen und Bluthunde; das Wort Pharao steht für den Kaiser und ihren Vetter Moritz von Sachsen nannte sie Absalom.35 Den sie umgebenden Räten misstraute die Fürstin; lediglich Bernhard von Mila vertraute sie vorbehaltlos. Sibylle forderte Johann Friedrich zudem mehrfach auf, Briefe, die allzu persönliche Einschätzungen enthielten, nach dem Lesen zu vernichten, damit die Informationen nicht in falsche Hände geraten konnten.36 Schwer zu ertragen waren für Sibylle vor allem die wiederholten Falschmeldungen, die das Ableben ihres Mannes ←314 | 315→übermittelten und eine quälende Zeit der Ungewissheit mit sich brachten, so dass sie seinen Briefen oftmals entgegenfieberte.37

Ein wichtiger Punkt war die rechte Erziehung der Söhne. So stimmte sich das Ehepaar vor allem in der Erziehung des jüngsten Sohnes – zur Zeit der Gefangennahme war Johann Friedrich III. elf Jahre alt – ab und Sibylle bat ihren Mann mehrfach, ihre Söhne zu ermahnen.38 Im Notfall ließ sie diese die Briefe des Vaters laut vorlesen. Allerdings setzte sie sich auch für ihre Söhne ein, wenn ihr Mann diesen übermäßig zürnte oder den Handlungen der beiden älteren Söhne misstraute, was vor allem gegen Ende der Gefangenschaft wiederholt auftrat.39 Um ihren Mann in seiner Lage nicht noch mehr zu belasten, verschwieg sie ihm jedoch auch Sorgen, die sie sich machte. So war vor allem der jüngste Sohn immer wieder ernsthafter krank. Als er im Juli 1547 schwer an Masern erkrankte, erwähnte sie den Ernst der Lage in ihren Briefen nicht. Doch Johann Friedrich wurde von den guten Nachrichtenkanälen auch über private Entwicklungen und Ereignissen jederzeit unterrichtet und ein erzürnter Brief an seine Ehefrau äußerte sein Missfallen über ihr Schweigen. Sibylle versuchte daraufhin ihre Vorgehensweise zu erklären und berichtete von da an minutiös über die Genesung des Sohnes.40

Doch waren es weniger die Söhne, als vielmehr der Weimarer Hof, der Sibylle Probleme bereitete. Der neue Kurfürst Moritz von Sachsen nahm ihr den Hofmeister, um ihn seiner Ehefrau an die Seite zu stellen, so dass Sibylle sich kurzfristig nach einem neuen Bediensteten für die verantwortungsvolle Position an ihrem Hof umsehen musste. Dabei hatte sie aufgrund der politischen Lage zunehmend Schwierigkeiten, neues Personal zu finden; mehrere Jungfern wurden abgeworben oder von ihren Familien zurückgeholt. Mehrfach berieten die Eheleute über geeignete Kandidaten für die Posten der Jungfern und des Hofmeisters bzw. der Hofmeisterin.41 Zusehends fühlte Sibylle sich auch bei ihrem Ehemann diffamiert, so beklagte sie sich wiederholt über falsche Anschuldigungen, die ihn erreichten. Doch nicht nur bei der Informationsweitergabe an ihren Mann fühlte sie sich von Spitzeln und Denunzianten umgeben, auch an ←315 | 316→ihren Vetter Moritz von Sachsen wurden private Informationen weitergetragen, so dass es ihr immer schwerer fiel, den Frauen in ihrem Gefolge zu vertrauen.42

Johann Friedrich achtete sehr genau auf die Einhaltung der Frauenzimmerordnung, die er 1547 aus der Gefangenschaft heraus nochmals verschärfte. Es durfte nicht mehr getanzt werden und die Söhne nur noch das Frauenzimmer aufsuchen, wenn die Mutter nach ihnen schickte; ansonsten sollten sie sich auf die Regierungsangelegenheiten konzentrieren.43 Auch der Zugang anderer Personen wurde stark reglementiert. Sibylle beklagte daraufhin oftmals ihre Langeweile und das Gefühl, selber eingesperrt worden zu sein.44 Als Johann Friedrich ihr gemeinsame Speisen mit ihren Söhnen in der großen Stube vorschreiben wollte, widersetzte sie sich der neuen Ordnung. Ihre Krankheit erlaube es ihr nicht mit den Söhnen gemeinsam in der großen Stube zu essen, da die Treppe für sie zu beschwerlich sei. Sie bat stattdessen darum, mit den Jungfern in seine Gemächer umziehen zu dürfen.45 Johann Friedrich gewährte ihr diese Bitte. Auch einem durch Johann Friedrich angeordneten Umzug Sibylles und ihrer Söhne auf die Wartburg nach Eisenach widersetzte sie sich erfolgreich, indem sie eindrücklich ankündigte, nicht in das Mauseloch ziehen zu wollen.46 Stattdessen unternahm sie Spazierfahrten, Besuche bei anderen Fürstinnen und kurze ←316 | 317→Reisen, außerdem ging sie mit ihren Söhnen gemeinsam jagen und berichtete Johann Friedrich von ihrem Jagderfolg.47

Selbstständig und gegen den Willen ihres Mannes holte sie sich eine bürgerliche Frau in das Frauenzimmer, der sie eine bessere Krankenpflege zutraute als den adligen Damen.48 Sie setzte sich zudem für Bittsteller ein, die von ihrem Mann keine Antwort auf ihre Anliegen bekamen, und tat dies im Notfall auch mehrfach und vehement, bis die Angelegenheiten geklärt werden konnten. Anders sah dies bei Geschenken aus, die sie in ihrer Rolle als Statthalterin von Weimar oder im privaten Umfeld weitergeben wollte. Als sie für ein Kind zur Taufpatin bestellt wurde, fragte sie ihren Mann nach einem geeigneten Taufgeschenk und bei einem Hochzeitsgeschenk für eine ihrer ehemaligen Kammerjungfern bat sie um Erlaubnis, dieser alte Röcke von sich zu schenken.49

Neben dem regelmäßigen Briefverkehr sind vor allem die vielen Geschenke, die die Eheleute sich gegenseitig zusendeten, auffällig.50 Johann Friedrich sandte seiner Frau wiederholt Spezereien, Borten für ihre Kleidung und Schmuck. In den Briefen erklärte er ihr, wie die Frauen es in den Städten, die er mit dem Kaiser aufsuchte, tragen würde und was gerade in Mode sei. Mit den spanischen Borten, so erfahren wir aus den Briefen, wollte Sibylle ihre schwarze Trauerkleidung aufwerten und sein Bildnis wollte sie an ihrem Herzen tragen, obwohl die feinen Damen in Brüssel dergleichen Schmuck an den Gürtel hefteten.51 Neben diesen teilweise sehr persönlichen Geschenken sorgte sich Johann Friedrich vor allem um die wiederholten Krankheitsfälle seiner Frau. So finden sich mehrmals Geschenke, wie ein Smaragdring oder Muskatnüsse, die bei der Genesung helfen sollten. Besonders erfreut zeigte sich Sibylle über den Neckarwein, den ihr Johann Friedrich mehrfach schicken ließ.

Doch auch Alltagsgegenstände finden sich unter den Geschenken; so schickte er ihr gegen die Langeweile ein Spinnrad. Obwohl das Spinnen nicht als standesgemäßer Zeitvertreib galt, scheint es Sibylle viel Freude bereitet zu haben, ←317 | 318→so dass ihr Mann ihr ein zweites Spinnrad und weiteren Flachs sandte.52 Auch über einen Bratenwender für die Küche freute sich Sibylle, da sie sich schon länger einen solchen gewünscht habe.53 Ebenfalls zum Zeitvertreib waren auch die Haustiere gedacht. Zunächst schenkte Johann Friedrich ihr eine Meerkatze, diese biss Sibylle jedoch so sehr in den rechten Daumen, dass sie aufgrund der Entzündung um den Verlust ihres Daumens fürchtete und mehrere Briefe nicht eigenhändig schrieb.54 Dem ersten Affen ließ sie deshalb die Zähne ausbrechen und Johann Friedrich schickte ihr daraufhin eine zahmere Meerkatze, die fortan an Sibylles Mahlzeiten teilnahm.55

Sibylles Geschenke an ihren Mann scheinen ebenfalls mit großer Bedacht ausgewählt worden zu sein. Es finden sich zwar auch persönliche Gegenstände wie Hemden, Taschentücher oder ein weißer Edelstein, den weitaus größeren Teil der Geschenke machen jedoch Gegenstände aus, die ihren Mann in der Aufrechterhaltung des protestantischen Glaubens stärken und sicherlich auch eine entsprechende Außenwirkung auf den Kaiser und die Johann Friedrich umgebenden spanischen Wachen haben sollten. So befand sich unter den Büchern und Erbauungstexten auch „Das schöne Confitemini“ Martin Luthers, das sie ihm verschlüsselt übermittelte, da sie fürchtete, man würde es ihm sonst wegnehmen.56 Nicht fehlen durfte auch eine Schachtel mit Wunderkorn, das zwei Tage zuvor am 25. Juni 1550 in den Gebieten um Weimar vom Himmel gefallen sein sollte und das Johann Friedrich, so Sibylle, ermutigen möge, an einen guten Ausgang der Gefangenschaft zu glauben.57

Allerdings war der Ton in den Briefen nicht immer herzlich und Johann Friedrich fürchtete wiederholt eine Beschränkung seiner Einflussnahme auf die Residenz in Weimar. Er mahnte Sibylle, den Jungfern nicht zu viele Freiheiten zu lassen und diese notfalls durch den Hofmeister maßregeln und im schlimmsten ←318 | 319→Fall wegschicken zu lassen. Die Situation spitzte sich zu, als Johann Friedrich Berichte erhielt, sie habe ihren Jungfern erlaubt, an Hochzeiten und Kindstaufen sogar mehrtägig teilzunehmen. Er rügte sie und drohte damit, die Jungfern und die Hofmeisterin wegzuschicken, sollte sie sich nochmals zu so einer Dummheit überreden lassen. Aufgebracht erinnert er sie an die 24jährige Ehe:

nun ways du dych zu eryndern das Jch sulches wayl Jch dych nun Jn dye 24 Jar gehabt nyhe habe leyden noch haben wollen vnd wye wol es Jn andern frauhen zymmer mach gebreuchlychen seyn so hat es doch meyn her vater selger oder Jch nyche thuen noch leyden wollen das wan man sulches meynes abwessens fornymet das thuet myr Jn nychtes gefallen.58

Sibylle wehrte sich gegen die Anschuldigungen und tat sie als Verleumdungen ab. Doch die Antwort Johann Friedrichs kam postwendend. Weder glaube er ihr, noch lasse er zu, dass sie Schimpfworte oder Flüche in ihren Briefen nutzen würde. Erbost wies er sie nochmals darauf hin, dass er ihr und den Söhnen zwar Erleichterungen hinsichtlich der neuen Hofordnung erlaubt habe, diese jedoch nicht für die Jungfern gelten würden.59

Neben dem Austausch über die Vorkommnisse in Weimar und in der Gefangenschaft beauftragte Johann Friedrich seine Frau zudem, den Bau eines neuen Jagdschlosses in Wolfersdorf zu beaufsichtigen. Mehrfach lassen sich Anweisungen für den Innenausbau finden; unter anderem schickte er Sibylle ein Leinwandbild Cranachs, das er sie im Erker des Schlosses aufzuhängen bat.60 Sibylle selbst schwärmte von ihrer Stube in Wolfersdorf und liebte das Schloss und dessen Jagdgebiete; sie wünschte sich jedoch eine Kirche sowie eine Turmuhr und Johann Friedrich veranlasste daraufhin den Kirchenbau.61

Auf der Brücke des Schlosses fand schließlich auch die erste Zusammenkunft der Familie nach der Freilassung Johann Friedrichs durch den Kaiser am 27. August 1552 statt und Friedrich taufte das Schloss „Zur fröhlichen Wiederkunft“.62 Lange Zeit blieb dem Ehepaar nicht mehr, die Freiheit Johann Friedrichs zu genießen. Am 21. Februar 1554 starb Sibylle von Kleve im Schloss in Weimar im Beisein ihres Mannes und keine zwei Wochen später am 3. März 1554 folgte ←319 | 320→ihr Johann Friedrich. Beide wurden in der Stadtkirche St. Peter und Paul beigesetzt.63

Das Briefkonvolut der Gefangenschaft Johann Friedrichs ermöglicht tiefe Einblicke in die Verbundenheit Sibylles von Kleve und Johann Friedrichs und offenbart immer wieder die Widrigkeiten, die die Gefangenschaft und die lange Trennung mit sich brachten. Sibylle zeigte sich über die fünf Jahre hinweg ihrem Mann tief verbunden und litt unter der Abwesenheit, so dass sie selbst für ihre wiederkehrenden schweren Krankheitsschübe sein Fehlen verantwortlich machte.64

In fast allen Entscheidungen, die den Fürstenhof und interne Fragen in der Erziehung der Söhne oder des Frauenzimmers betrafen, fügte sie sich dem Urteil ihres Mannes, wenn auch ein gelegentlicher Widerspruch zu erkennen ist und ein Einschreiten für die Belange vor Ort notwendig war. Gleichzeitig aber treffen wir auch auf eine andere Fürstin, die sich durchaus der exponierten Außenwirkung ihrer Person in dieser schweren Zeit bewusst war. Hier nahm sie gerade für die Öffentlichkeit die Rolle der Statthalterin für ihren Mann ein und ließ sich als solche medial für alle sichtbar inszenieren. Gleichzeitig sorgte sie für ein stetig stattfindendes öffentliches Gebet und ließ ihre Stellung und die Gefangenschaft ihres Mannes in Kirchenliedern thematisieren.

Diese Zweiteilung sehen wir auch in ihren Geschenken, die sie ihrem Mann in die Gefangenschaft sandte. Neben persönlichen Geschenken, wie Hemden, Spezereien oder Bildnissen, fallen die vielen erbaulichen und religiösen Bücher auf. Dies entsprang sicherlich der Intention, die Durchhaltekraft ihres Mannes zu stärken, der sich ständig dem Drängen ausgesetzt sah, den protestantischen Glauben aufzugeben, andererseits waren solche Präsente klug platziert, um dem kaiserlichen Umfeld die Standhaftigkeit des Fürstenpaares anzuzeigen. Durch einen guten Kommunikationsraum, der durch ein umfangreiches Korrespondenzwesen und zahlreiche Besuche bei Verwandten und wichtigen Persönlichkeiten ihrer Zeit aufrechterhalten wurde und durch die Handlungsspielräume, die für Sibylle als Fürstin auch unter der Billigung ihres Mannes offenstanden, konnte sie sich über die gesamte Gefangenschaftsdauer für ihren Mann einsetzen und einige Zugeständnisse vom Kaiser für Johann Friedrich erreichen.

Da Sibylle nur noch wenig Zeit mit Johann Friedrich nach seiner Freilassung vergönnt war, kann trotz der guten Quellenlage wenig über eine Veränderung ←320 | 321→der Handlungsräume der Fürstin nach der Gefangenschaft festgestellt werden. Während der Abwesenheit ihres Mannes versuchte sie, ihm eine in allen Belangen gute Statthalterin zu sein und das Bild ihres Mannes als „Märtyrer des protestantischen Glaubens“ zu stärken. Unbenommen davon zeigt sich in den Selbstzeugnissen das zugewandte Verhältnis der Eheleute untereinander; sicher ein Grund dafür, dass Sibylle sich in allen Bereichen ihres höfischen und privaten Lebens von Johann Friedrich leiten ließ.

Weiterführende Überlegungen

Die Gefangenschaft der Männer bedingte auch für die Frauen eine neue Situation, die zeitlich begrenzt ihren Handlungsspielraum verändern konnte. Anhand von Selbstzeugnissen, die sich aus der Zeit der Gefangenschaft erhalten haben, können wir uns diesem besonderen Abschnitt im Leben der Männer und Frauen und dessen Auswirkungen auf die Lebenswelten der Familien sowie im besten Fall auch dem Verhältnis der Ehepaare zueinander annähern.

Die Möglichkeit, nach Hause zu schreiben und ein Lebenszeichen geben zu können, war für die gefangenen Männer enorm wichtig; zum einen, um die eigene Frau beruhigen und von den Vorkommnissen berichten zu können, zum anderen aber zeigt sich in den Briefen eine zumeist tiefe Verbundenheit und die Hoffnung, dass die Ehefrauen sich für die Männer einsetzen und ihre Freilassung – anders als andere Parteien, wie Stadträte oder Hauptmänner – vorantreiben würden. In der Tat wurde der Kontakt zwischen den Eheleuten und den Familien in der Regel nicht unterbunden. So setzten viele Gefangennehmer auf eine doppelte Strategie und banden die emotional verbundenen Frauen in die Verhandlungen mit ein; auch das Versenden von Geschenken bzw. Alltagsgegenständen (wie Winterbekleidung) in die Haft wurde zugelassen oder sogar eingefordert.

Dort, wo wir in den Quellen auf Ehefrauen stoßen, waren sie keine passiven Zuschauerinnen in den Gefangenschaftskontexten ihrer Männer, sondern traten aktiv ins Geschehen ein. Sie agierten als Stellvertreterinnen, schrieben neben den männlichen Familienangehörigen selber Bittbriefe und ersuchten höhere Instanzen darum, sich für ihre Männer einzusetzen.

In den beiden hier betrachteten Fallbeispielen ist die Tatsache, dass die Frauen sich für ihre Männer engagierten und auch in ihrem Namen agierten, für ihr Umfeld selbstverständlich gewesen. Ist dies im Falle der Fürstin Sibylle von Kleve schon im Vorfeld anzunehmen gewesen, fällt das vehemente Einschreiten Anna Reiches für ihren Ehemann sicherlich mehr ins Auge. Sie appellierte nicht nur an höhere Instanzen, um Güter freizubekommen und die Geschäfte ihres ←321 | 322→Mannes weiterführen zu können, sie machte auch Vorschläge zur gezielteren Verfolgung Hans Kohlhases, um die Befreiung ihres Mannes voranzutreiben. Beide Frauen wurden dabei von ihren Ehemännern als ‚Stellvertreterinnen‘ verstanden, die in ihrem Sinne agieren sollten. Diese Art der „Arbeitspaare“ wurde in der Forschung bereits als Regelfall für spätmittelalterliche Herrscherpaare identifiziert und kann für die beiden hier untersuchten Ehepaare sicherlich auch konstatiert werden.65

Dabei ist der jeweilige Handlungsrahmen, der sich für die Frauen entweder neu herauskristallisierte oder über den wir in den vorliegenden Quellen zumindest erfahren, auch immer eingebunden in die soziale und juristische Stellung und das Umfeld der Frauen, das maßgeblich von den Ehemännern beeinflusst wurde. Der Genderaspekt ist also eine interdependente Kategorie, die nicht losgelöst gesehen werden kann.66

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Für die vorliegenden Fälle stellt sich heraus, dass die Ehefrauen aktiv in die Gefangenschaften eingreifen und diese maßgeblich beeinflussen konnten. Für die beteiligten Parteien waren sie dabei als Akteurinnen selbstverständlich und so konnte oftmals zumindest schriftlich der Kontakt zwischen den Eheleuten aufrechterhalten werden. Dabei kennen wir sogar Beispiele, wie bei Götz von Berlichingen, in denen ein Teilen des Gefangenschaftsraumes möglich war. Während seiner ersten Gefangenschaft in „ritterlicher Haft“ im Gasthaus Krone in Heilbronn waren über große zeitliche Abstände seine Frau und seine Schwiegereltern vor Ort und wohnten ebenfalls im Gasthaus. Wie nah dieses Zusammenleben sein konnte, zeigen die Zeugung und die Geburt mindestens eines Kindes in dieser Zeit.67

Die Kontaktaufnahmen stellten jedoch auch eine Möglichkeit für den Gefangennehmer dar, die Briefe und Botschaften zu beeinflussen, was ein Einordnen der Selbstzeugnisse – wie bei der Straßburger Gesandtschaft – häufig erschwert. Andererseits müssen die harten Bedingungen, die Hans Bock seiner Frau in seinem sehr emotionalen Brief schildert, nicht immer erfunden gewesen sein. Sein Mitgefangener Andreas Heilmann, der seiner Frau einen ebenso ergreifenden Brief schrieb, beendet diesen seherisch mit der Befürchtung: so wissest daz ich nüt anders weis dene daz du mich niemer me lebendig gesehest.68 Er überlebte die Gefangenschaft nicht.

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Anhang

Übersicht der versandten Geschenke während der Gefangenschaft Johann Friedrichs

Sibylle an Johann FriedrichJohann Friedrich an Sibylle

Mehrere Bücher zur Erbauung

Bildtafel, Motiv: Das Leiden Christi

Goldener Pfennig mit einem Bildnis der Eheleute

Mehrfach Hemden und Taschentücher

Weißer Edelstein

Fremde Sorte Pomeranzen von der Leipziger

Ostermesse

Korn aus einem wundersamen Kornregen

Das schöne Confitemini, Psalm 118, von Martin Luther

Geistliche Liedtexte

Neckarwein (mehrfach)

Kette und Uhr

Gemmenring mit seinem Bildnis

Goldener Pfennig mit seinem Bildnis

Ring und Uhr

Ein Paar Handschuhe und Borten durch den spanischen Hauptmann Don Amandus de

Condi

130. Psalm als Lied

Handschuhe und Hemdkragen

Mehrfach Granatäpfel, Quittenmarmelade und Pomeranzen

Smaragdring

Fass Muskatnuss

Bratenwender

2 Meerkatzen


1 Str. St. (Hauptstaatsarchiv Straßburg) A. AA. 115; gedr.: Politische Urkunden von 1381–1400, bearb. von Johannes Fritz (Urkunden und Akten der Stadt Straßburg, 1. Abt.: Urkundenbuch der Stadt Straßburg VI), Straßburg 1899, Nr. 952, S. 562.

2 Die Gesandtschaft war von Straßburg aus im März 1394 aufgebrochen, um Angelegenheiten der Stadt Straßburg mit Bruno von Rappoltstein in Prag zu verhandeln. Auf der Rückreise war die Gruppe am 27. April 1395 ergriffen und auf die Burg von Schwanberg geführt worden, wo man sie festsetzte. Mehr dazu: Karl Albrecht: Rappoltstein, Bruno von († 1398), in: Allgemeine Deutsche Biographie 27 (1888), S. 306–312, hier: S. 309; Bruno Bischoff: Die Gefangennahme der Straßburger Gesandten durch die Herren von Schwanberg 1395, in: Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Deutschen in Böhmen 18 (1880), S. 252–260; Louis Spach: Bruno (Braun) de Ribeaupierre et les délégués de Strasbourg, prisonniers à Schwanberg, Strasbourg 1865.

3 Michelle Armstrong-Partida: Mothers and Daughters as Lords. The Countesses of Blois and Chartres, in: Medieval Prosopography 26 (2009), S. 77–107; Ingrid Baumgärtner (Hg.): Kunigunde – eine Kaiserin an der Jahrtausendwende, Kassel 22002; Patrick Corbet: Entre Aliénor d’Aquitaine et Blanche de Castille, in: Claudia Zey (Hg.): Mächtige Frauen. Königinnen und Fürstinnen im europäischen Mittelalter (11.–14. Jahrhundert) (Vorträge und Forschungen 81), Ostfildern 2015, S. 225–242; Philippe Delorme: Isabeau de Bavière: épouse de Charles VI, mère de Charles VII, Paris 2003; Heinz Finger (Hg.): Die Macht der Frauen (Studia Humaniora 36), Düsseldorf 2003; Amalie Fößel: Die Königin im mittelalterlichen Reich. Herrschaftsausübung, Herrschaftsrechte, Handlungsspielräume (Mittelalter-Forschungen 4), Stuttgart 2000; Amalie Fößel: Politische Handlungsspielräume der Königin im hochmittelalterlichen Reich, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 53 (2002), S. 650–664; Gisela Garnerus: Matilda: Kaiserin ohne Reich – Eine Biographie aus dem Europa des 12. Jahrhunderts, Norderstedt 2003; Lois L. Huneycutt: Matilda of Scotland: A Study in Medieval Queenship, Rochester, N. Y. 2003; Katrin Keller: Mit den Mitteln einer Frau – Handlungsspielräume adliger Frauen in Politik und Diplomatie, in: Hilmar von Thiessen, Christian Windler (Hg.): Akteure der Außenbeziehungen. Netzwerke und Interkulturalität im historischen Wandel (Externa 1), Köln, Weimar, Wien 2010, S. 219–244; Melanie Panse: Sichtbare Macht. Herrschaftsinszenierung in Abwesenheit der Kreuzfahrer, in: Das Mittelalter 21,1 (2016), S. 40–60; Pauline Puppel: Die Regentin. Vormundschaftliche Herrschaft in Hessen 1500–1700 (Geschichte und Geschlechter 43), Frankfurt a.M., New York 2004; Lydia Reichegger: Königin Elisabeth (1262/3–1313), Wien 2005; Pauline Stafford: Queen Emma and Queen Edith. Queenship and Women’s Power in Eleventh-Century England, Oxford 1997; Robert Valerius: Weibliche Herrschaft im 16. Jahrhundert. Die Regentschaft Elisabeths I. zwischen Realpolitik, Querelle des femmes und Kult der Virgin Queen, Herbolzheim 2002; Barbara F. Weissberger (Hg.): Queen Isabel I of Castile: Power, Patronage, Persona (Colección Támesis. Serie A: Monografías 253), Woodbridge 2008. An der Universität Potsdam entsteht derzeit eine Dissertation von Ulrike Strässner zum Herrschaftsalltag von Kurfürstinnen: „Herrschaftsalltag und Herrschaftsverständnis brandenburgischer Kurfürstinnen im 16. und 17. Jahrhundert im Spiegel ihrer Korrespondenznetzwerke“.

4 In Ansätzen zu finden: Philippe Goridis: Rex factus est uxorius. Weibliche und männliche Herrschaftsrollen in Outremer, in: Das Mittelalter 21,1 (2016), S. 22–39; Philippe Goridis: Gefangen im Heiligen Land. Verarbeitung und Bewältigung christlicher Gefangenschaft zur Zeit der Kreuzzüge (Vorträge und Forschungen, Sonderband 57), Ostfildern 2015, S. 293–295, 339–341.

5 Zum Botenwesen im Mittelalter: Klara Hübner: Im Dienste ihrer Stadt. Boten- und Nachrichtenorganisationen in den schweizerisch-oberdeutschen Städten des Späten Mittelalters (Mittelalter-Forschungen 30), Ostfildern 2012; Volker Scior: Wissen und Repräsentation – Boten als Augenzeugen, in: Gabriela Signori, Amelie Rösinger (Hg.): Der Augenzeuge. Geschichte und Wahrheit im epochenübergreifenden Vergleich, Stuttgart 2014, S. 59–81. Die Habilitationsschrift Volker Sciors zum Thema: „Boten im frühen Mittelalter. Studie zur zeitgenössischen Praxis von Kommunikation und Mobilität“ ist im Erscheinen.

6 Zur Kohlhase-Fehde: Christoph Müller-Tragin: Die Fehde des Hans Kolhase. Fehderecht und Fehdepraxis zu Beginn der frühen Neuzeit in den Kurfürstentümern Sachsen und Brandenburg, Zürich 1997; Malte Dießelhorst, Arne Duncker: Hans Kohlhase. Die Geschichte einer Fehde in Sachsen und Brandenburg zur Zeit der Reformation, Frankfurt am Main 1999; Carl August Hugo Burkhardt: Der historische Hans Kohlhase und Heinrich von Kleists Michael Kohlhaas, Leipzig 1864. Eine wissenschaftlich unzureichende Bearbeitung bietet Kurt Neheimer: Der Mann, der Michael Kohlhaas wurde. E. histor. Bericht, Düsseldorf, Köln 1979.

7 Dießelhorst, Duncker: Hans Kohlhase (wie Anm. 6), S. 40f.

8 Die ersten Aussagen wurden bereits am Abend der Entführung von den sächsischen Behörden aufgenommen, vgl. Dießelhorst, Duncker: Hans Kohlhase (wie Anm. 6), S. 240f.; Müller-Tragin: Die Fehde (wie Anm. 6), S. 62. Hans Kohlhases Darstellung der Entführung s. Dießelhorst, Duncker: Hans Kohlhase (wie Anm. 6), S. 332.

9 Dießelhorst, Duncker: Hans Kohlhase (wie Anm. 6), S. 302. Die umfangreichen Akten der Kohlhase-Fehde sind unter der Signatur: Thüringisches Hauptstaatsarchiv Weimar, Ernestinisches Gesamtarchiv, Reg. Ss. Pag. 360 Nr. 1 b; Vol. I – Vol. XII zu finden (ab hier: Ernestinisches Gesamtarchiv, Reg. Ss Vol. IV).

10 Auch hastu gesagt, ich hette bey dem gefangenem Georgen Reich gehandelt, wie ein schelm, vnnd bey seinem weybe desgleichen, hierumb, seinem weybe hette ich selbst die bruste herauss gezogen vnnd abschneyd(en) wollen, vollständig abgedruckt bei: Dießelhorst, Duncker: Hans Kohlhase (wie Anm. 6), S. 410–412, hier S. 410. Bei Müller-Tragin nur in Auszügen, Müller-Tragin: Die Fehde (wie Anm. 6), S. 69f.

11 Schreiben vom 25. Juli 1538: Meyn dhemuttiglich pit(te) als ein armer gefangener man, Ir wellet eylentz meyner frawen eynen boten zuschick(en) das sy diessen marckt hier wolt halten vnd was s. gelt lest, das sy das dem schosser zu pelitz gebe […] ff. Ir dar von gebe dan Ich bins Im schuldig, vnd Ehr hat mirs gelihn pittet alle got für mich solch […] ff. hat Nickel wideman schosser zu pelitz weyter geporgt vnnd mirs gliehn, vnnd wollet disse brieffe alle meyner hausfrawen zuschicken vnd diessen brieff auch., Dießelhorst, Duncker: Hans Kohlhase (wie Anm. 6), S. 241f. Die im Brief benannten Zahlenangaben sind nicht zu entziffern.

12 Ernestinisches Gesamtarchiv, Reg. Ss Vol. IV, fol. 54r-55r, hier 55r, abgedruckt bei: Dießelhorst, Duncker: Hans Kohlhase (wie Anm. 6), S. 255.

13 Ebd., hier fol. 54r.

14 Ebd.

15 Dießelhorst, Duncker: Hans Kohlhase (wie Anm. 6), S. 95–98.

16 Zum Bericht über die Ergreifung Reiches aus Sicht der Gebrüder Birkholtz: ebd., S. 263f.

17 Ebd., S. 99–101; Müller-Tragin: Die Fehde (wie Anm. 6), S. 78f.

18 Mehr zu Sibylle von Kleve: Sylvia Weigelt: Sibylle von Kleve – Cranachs schönes Modell, Weimar 2012; Siegfried Bräuer: „das ych doch den hertz allerliebsten mechte geseyn“. Sibylle von Kleve in den 20 Ehejahren an der Seite Kurfürst Johann Friedrichs von Sachsen, in: Daniel Gehrt, Vera von der Osten-Sacken (Hg.): Fürstinnen und Konfession. Beiträge hochadliger Frauen zur Religionspolitik und Bekenntnisbildung (Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz, Beiheft 104), Göttingen 2015, S. 125–149; Karl August Hugo Burkhardt: Briefe der Herzogin Sybilla von Jülich-Cleve-Berg an ihren Gemahl Johann Friedrich den Grossmüthigen, Churfürsten von Sachsen, in: Zeitschrift des Bergischen Geschichtsvereins 5 (1868), S. 1–183.

19 Mehr zur Kindheit Sibylles bis zu ihrer Hochzeit bei Bräuer: Sibylle von Kleve (wie Anm. 18), S. 126–136. Das besonders gute und liebevolle Verhältnis der Eheleute untereinander wurde von Luther mehrfach thematisiert, Weigelt: Sibylle von Kleve (wie Anm. 18), S. 17.

20 Heide Wunder: Fürstinnen und Konfessionen im 16. Jahrhundert, in: Daniel Gehrt, Vera von der Osten-Sacken (Hg.): Fürstinnen und Konfession. Beiträge hochadliger Frauen zu Religionspolitik und Bekenntnisbildung (Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz, Beiheft 104), Göttingen 2015, S. 15–34, hier S. 26. Als historische Figur des frühen lutherischen Protestantismus wird sie noch heute öffentlichkeitswirksam rezipiert: Anlässlich des Reformationsjubiläums finden sich auf der Internetseite der Evangelischen Kirche im Rheinland Audiodateien zum Anhören, in denen Begebenheiten aus dem Leben berühmter Reformatorinnen – so auch Sibylles von Kleve – szenisch aufbereitet und nacherzählt werden (https://2017.ekir.de/sybille-von-juelich-kleve-berg-489.php; Zugriff am 14.09.2018). Ebenso findet in Jena regelmäßig eine Kostümführung „Sibylle von Kleve erzählt von der Reformation“ statt (https://www.jenakultur.de/de/745994; Zugriff am 14.09.2018).

21 Mehr Informationen zum Schmalkaldischen Krieg und die Umstände der Gefangenschaft Johann Friedrichs I. von Sachsen bei Kaiser Karl V.: Jean-Yves Mariotte: Philippe de Hesse (1504–1567). Le premier prince protestant (Bibliothèque d’Histoire Moderne et Contemporaine 30), Paris 2009, S. 214–237; Andreas Raithel: Vor der Schlacht bei Mühlberg: Kaiser Karl V. in Reichenbach: der siegreiche Feldzug gegen den sächsischen Kurfürsten Johann Friedrich, das Anfallen des Vogtlandes an die Habsburger und der Erhalt des evangelischen Bekenntnisses, in: Sächsische Heimatblätter 53,1 (2007), S. 322–330; Georg Mentz (Hg.): Johann Friedrich der Grossmütige 1503–1554. Festschrift zum 400-jährigen Geburtstage des Kurfürsten. Vom Beginn des Schmalkaldischen Krieges bis zum Tode des Kurfürsten. Der Landesherr; Aktenstücke (Beiträge zur neueren Geschichte Thüringens 3), Jena 1908; Wieland Held: 1547, die Schlacht bei Mühlberg/Elbe. Entscheidung auf dem Wege zum albertinischen Kurfürstentum Sachsen, Beucha 1997.

22 Carl August Hugo Burkhardt: Die Gefangenschaft Johann Friedrichs des Grossmüthigen und das Schloß zur „Fröhlichen Wiederkunft.“ Nebst einer Abbildung, Weimar 1863, S. 26f.

23 Eine Übersetzung des Liedtextes bei Weigelt: Sibylle von Kleve (wie Anm. 18), S. 78f.

24 Weigelt: Sibylle von Kleve (wie Anm. 18), S. 31.

25 Sie hatte während des Schmalkaldischen Krieges auf Burg Grimmenstein in Gotha Kriegsgelder ihres Bruders Wilhelm in Empfang genommen und an ihren Mann weitergeleitet, Weigelt: Sibylle von Kleve (wie Anm. 18), S. 14f.

26 Vgl. u.a. ThHStA Weimar, EGA (Ernestinisches Gesamtarchiv), Reg L, fol. 807 N Nr. 2a fol. 35f. Die Briefe sind digitalisiert worden und auf dem Portal der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena (ThULB) unter folgenden Link abrufbar: https://archive.thulb.uni-jena.de/hisbest/receive/HisBest_cbu_00030017 (Zugriff am 14.09.2018). Die Briefe gehören ebenfalls zum Korpus des DFG–Projekts „Frühneuzeitliche Fürstinnenkorrespondenzen im mitteldeutschen Raum“. Dort findet sich auch eine überzeugende Edition der Briefe, die für diesen Aufsatz herangezogen wird. Abrufbar unter: Rosemarie Lühr u.a.: Fuerstinnenkorrespondenz (Version 1.1), Universität Jena, DFG: http://www.laudatio-repository.org/repository/corpus/LAUDATIO%3AFuerstinnenkorrespondenz/TEI-header_version4_Schema7_2017–03–06T08%3A38%3A26%3A247Z (Zugriff am 14.09.2018). Neben Sibylle von Kleve setzten sich zahlreiche Persönlichkeiten für die Freilassung Johann Friedrichs ein. So findet sich auch im Testament Elisabeths von Dänemark die Bitte, der Kaiser möge ihren Vetter freilassen; Abdruck des Testamentes bei Ernst Daniel Martin Kirchner: Die Churfürstinnen und Königinnen auf dem Throne der Hohenzollern, im Zusammenhange mit ihren Familien- und Zeit- Verhältnissen, Bd. 1, Berlin 1866, S. 275–279, hier: S. 276.

27 Held: Schlacht bei Mühlberg/Elbe (wie Anm. 21), S. 109; Weigelt: Sibylle von Kleve (wie Anm. 18), S. 32. Am 24. Juni 1547 hatten Sibylle und die drei Söhne den Vater im Ratskeller in Jena getroffen, als der Kaiser mit seinem Gefangenen in Jena Station machte, Weigelt: Sibylle von Kleve (wie Anm. 18), S. 44. Wie Sibylle setzte sich auch Christine von Hessen, die Ehefrau des ebenfalls inhaftierten Landgrafen Philipp von Hessen, für ihren Mann beim Kaiser ein, Wunder: Fürstinnen und Konfessionen (wie Anm. 20), S. 27.

28 So findet sich in den Akten die Bitte Johann Friedrichs an den Kaiser, dass er ihn in die Hände Moritz‘ von Sachsens überstellen solle, damit er näher bei Sibylle sein könne. Das Ansinnen scheint nicht weiter verfolgt worden zu sein, vgl. Politische Korrespondenz des Herzogs und Kurfürsten Moritz von Sachsen, 6 Bde., Leipzig, Berlin 1900–2006, hier Band 6: 2. Mai 1552 – 11. Juli 1553, bearb. von Johannes Herrmann, Günther Wartenberg, Christian Winter (Abhandlungen der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig, Philologisch-Historische Klasse 6), Berlin 2006, Nr. 483, S. 556; Beiträge zur Reichsgeschichte 1546–1551, bearb. von August von Druffel (Briefe und Akten zur Geschichte des Sechzehnten Jahrhunderts mit besonderer Rücksicht auf Bayerns Fürstenhaus 1), München 1873, Nr. 380, S. 343–345 u. Nr. 393, S. 370–372.

29 U. a. ThHStA Weimar, EGA, Reg L, fol. 807 N Nr. 1a fol. 100r-101r.

30 Zur Gefangenschaft Landgraf Philipps von Hessen s. Fritz Wolff: Der gefangene Landgraf – Der Weg in die Gefangenschaft, in: Ursula Braasch-Schwersmann, Hans Schneider, Wilhelm Ernst Winterhager (Hg.): Landgraf Philipp der Großmütige, 1504–1567. Hessen im Zentrum der Reform, Begleitband zu einer Ausstellung des Landes Hessen, Neustadt 2004, S. 123–137. Eine Auswahlbiographie zum Leben Landgraf Philipps von Hessen unter: Holger Thomas Gräf, Anke Stösser (Hg.): Philipp der Großmütige, Landgraf von Hessen (1504–1567). Eine Bibliographie zu Person und Territorium im Reformationszeitalter (Untersuchungen und Materialien zur Verfassungs- und Landesgeschichte 20), Marburg 2004.

31 Politische Korrespondenz des Herzogs und Kurfürsten Moritz von Sachsen (wie Anm. 28), hier Bd. 4: 26. Mai 1548 – Januar 1551, bearb. von Johannes Herrmann, Günther Wartenberg (Abhandlungen der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig, Philologisch-Historische Klasse 72), Berlin 1992, Nr. 48, S. 94f., hier: S. 95.

32 ThHStA Weimar, EGA, Reg L, fol. 807 N Nr. 2a fol. 52f.

33 Bräuer: Sibylle von Kleve (wie Anm. 18), S. 148.

34 Ebd., S. 147f.; Weigelt: Sibylle von Kleve (wie Anm. 18), S. 27 und S. 40.

35 Absalom putschte gegen seinen Vater König David und zwang diesen zur Flucht aus Jerusalem, AT 2. Samuel, vgl. Weigelt: Sibylle von Kleve (wie Anm. 18), S. 35.

36 ThHStA Weimar, EGA, Reg L, fol. 807 N Nr. 2a fol. 110f.

37 Vgl. ThHStA Weimar, EGA, Reg L, fol. 807 N Nr. 2b fol. 54f.

38 ThHStA Weimar, EGA, Reg L, fol. 807 N Nr. 2a fol. 22f.

39 Mentz: Johann Friedrich der Grossmütige (wie Anm. 21), Nr. 82: 1550 Mai 8, S. 570–575, hier S. 571 und S. 308f.

40 Weigelt: Sibylle von Kleve (wie Anm. 18), S. 46f.

41 ThHStA Weimar, EGA, Reg L, fol. 807 N Nr. 2a fol. 47f. Der Hofmeister und die Hofmeisterin unterstützten Sibylle in der Aufsicht des Frauenzimmers und achteten auf die Einhaltung der Regeln, Weigelt: Sibylle von Kleve (wie Anm. 18), S. 31.

42 Ebd., S. 36f.

43 Als Frauenzimmer wurden sowohl die separaten Gemächer als auch der Hofstaat der Fürstin bezeichnet. Die Frauenzimmerordnung regelte den Alltag der Frauen; so gab es feste Essenzeiten und der Besuch von außerhalb wurde streng terminiert. Auch gab es Regeln für das Personal des Frauenzimmers, das Köchinnen, Näherinnen, Mägde und weitere Bedienstete umfasste. Ein Türschließer sorgte für die notwendige Sicherheit. 1539 standen insgesamt 24 Frauen dem Frauenzimmer Sibylles als Bedienstete zur Verfügung, vgl. Bräuer: Sibylle von Kleve (wie Anm. 18), S. 140–143. Bereits zu Beginn des Schmalkaldischen Krieges hatte Johann Friedrich die Ordnung verschärft, um für die notwendige Sicherheit im Frauenzimmer sorgen zu können. Gegen einige Verschärfungen hatte Sibylle erfolgreich Protest eingelegt; Weigelt: Sibylle von Kleve (wie Anm. 18), S. 29f.

44 der thor halben dar vg nycht sorg haben wyr synt leydder altzo gar hart verschlossen were es doch genunck wen ychs myt den meynnen vmb etwas verscholt heddenn adder man woldt mych sampt meynnem frauentzeymmer gar zu nunnen machen dar got yn ewychkheyt ya vor sey wann eyn faur vssz quem mossten de yunfferen vnd ych gar verbrennenn, ThHStA Weimar, EGA, Reg L, fol. 807 N Nr. 2a fol. 47f., hier 47v.

45 ThHStA Weimar, EGA, Reg L, fol. 807 N Nr. 2a fol. 42f.

46 ThHStAW, EGA, Reg. L, fol. 807 N Nr. 1a Bl. 91r/v.

47 ThHStA Weimar, EGA, Reg L, fol. 807 N Nr. 2b fol. 31. Die Eheleute teilten die Leidenschaft für die Jagd und Turniere: Weigelt: Sibylle von Kleve (wie Anm. 18), S. 11 u. 17.

48 Weigelt: Sibylle von Kleve (wie Anm. 18), S. 28.

49 Johann Friedrich erlaubte ihr die Weggabe der Geschenke, ermahnte sie aber, nicht alle farbigen Kleidungsstücke wegzugeben, da bessere Zeiten kommen würden; vgl. Weigelt: Sibylle von Kleve (wie Anm. 18), S. 40.

50 Eine Übersicht der in den Briefen erwähnten Geschenke findet sich im Anhang.

51 Wilhelm Junius: Aus der Gefangenschaft des Kurfürsten Johann Friedrich von Sachsen, in: Zeitschrift des Vereins für Thüringische Geschichte und Altertumskunde 26 (1926), S. 226–260, hier S. 236.

52 Weigelt: Sibylle von Kleve (wie Anm. 18), S. 53.

53 auch vor den eckerweynn vnd brattwendtter er ssall myr alle goedtt yn meynnenner kochen sseynn vnd myr vr gnadtt eynnen grossen danck dar an haben gedan den er myr van notten dott vnd ych ssunsst lengesst eynnen gern gehatt hette so [33r] hatt myr gott deyssen besschertt vnd bedancke mychs ganttz ffreunttlichen gegen vr gnadtt., ThHStA Weimar, EGA, Reg L, fol. 807 N Nr. 2b fol. 32f, hier 33v-33r.

54 ThHStA Weimar, EGA, fol. 807 N Nr. 2a, fol. 40.

55 ThHStA Weimar, EGA, Reg L, fol. 807 N Nr. 2a fol. 42f.; ThHStA Weimar, EGA, Reg L, fol. 807 N Nr. 2a fol. 71f.

56 Das schöne Confitemini, an der zal der CXIII Psalm ausgelegt durch Mart. Luther, Wittenberg 1530. Vgl. Schreiben Sibylles vom 28.10.1551: ThHStA Weimar, EGA, Reg L, fol. 807 N Nr. 2b fol. 40f.

57 ThHStA Weimar, EGA, Reg L, fol. 807 N Nr. 2a fol. 93.

58 ThHStA Weimar, EGA, Reg L, fol. 807 N Nr. 1a fol. 120r-121r, hier 120v.

59 Weigelt: Sibylle von Kleve (wie Anm. 18), S. 38.

60 Michael Enterlein, Franz Nagel: Katalog der Darstellungen Johann Friedrichs des Großmütigen, in: Joachim Bauer, Birgitt Hellmann (Hg.): Verlust und Gewinn. Johann Friedrich I., Kurfürst von Sachsen, Weimar 2003, S. 119–291, hier S. 124 u. 157.

61 ThHStA Weimar, EGA, Reg L, fol. 807 N Nr. 1b fol. 42r-43v.

62 Mit ihrem ältesten Sohn hatte Sibylle ihren Mann bereits vor dem Familienwiedersehen in Coburg das erste Mal in Freiheit getroffen, Weigelt: Sibylle von Kleve (wie Anm. 18), S. 41.

63 Joachim Bauer, Dagmar Blaha: Vom Tod Johann Friedrichs und seiner Frau Sibylle, in: Sächsische Heimatblätter 1 (2004), S. 78–84.

64 Diese Ansicht teilte auch ihr Leibarzt, vgl. Bräuer: Sibylle von Kleve (wie Anm. 18), S. 147.

65 Der Begriff wurde von Heide Wunder für die Frühe Neuzeit geprägt: Heide Wunder: Er ist die Sonn’, sie ist der Mond, München 1992. Raphaela Averkorn: Das Arbeitspaar als Regelfall: Hochadlige Frauen in den Außenbeziehungen iberischer ‚Frontier‘-Gesellschaften des Spätmittelalters, in: Corina Bastian, Eva Kathrin Dade, Hillard von Thiessen, Christian Windler (Hg.): Das Geschlecht der Diplomatie: Geschlechterrollen in den Außenbeziehungen vom Spätmittelalter bis zum 20. Jahrhundert (Externa. Geschichte der Außenbeziehungen in neuen Perspektiven 5), Köln, Weimar, Wien 2014, S. 15–32.

66 Dazu weiterführend Bea Lundt: Das nächste Ähnliche. Geschlecht in der Vormoderne, in: Bea Lundt, Toni Tholen (Hg.): Geschlecht in der Lehramtsausbildung. Die Beispiele Deutsch und Geschichte, Berlin 2013, S. 93–115, hier 114f.; Cornelia Klinger, Gudrun-Axeli Knapp, Birgit Sauer (Hg): Achsen der Ungleichheit: Zum Verhältnis von Klasse, Geschlecht und Ethnizität, Frankfurt am Main 2005; Katharina Walgenbach: Gender als interdependente Kategorie, in: Katharina Walgenbach, Gabriele Dietze, Lann Hornscheidt, Kerstin Palm (Hg.): Gender als interdependente Kategorie. Neue Perspektiven auf Intersektionalität, Diversität und Heterogenität, Opladen 2007, S. 23–65; Andrea Griesebner, Susanne Hehenberger: Intersektionalität. Ein brauchbares Konzept für die Geschichtswissenschaften?, in: Vera Kallenberg, Jennifer Meyer, Johanna M. Müller (Hg): Intersectionality und Kritik. Neue Perspektiven auf alte Fragen, Wiesbaden 2013, S. 105–124; Katrin Keller: Frauen – Hof – Diplomatie: Die höfische Gesellschaft als Handlungsraum von Frauen in Außenbeziehungen, in: Corina Bastian, Eva Kathrin Dade, Hillard von Thiessen, Christian Windler (Hg.): Das Geschlecht der Diplomatie. Geschlechterrollen in den Außenbeziehungen vom Spätmittelalter bis zum 20. Jahrhundert (Externa. Geschichte der Außenbeziehungen in neuen Perspektiven 5), Köln, Weimar, Wien 2014, S. 33–50, hier S. 48f.

67 Der Schwiegervater wurde in dieser Zeit in Heilbronn bestattet; vgl. Götz von Berlichingen: Mein Fehd und Handlungen, hg. von Helgard Ulmschneider (Edition der Originalausgabe der Lebensbeschreibung), Sigmaringen 1981, S. 24 u. S. 104, Anm. 286.

68 Spach: Bruno (Braun) de Ribeaupierre (wie Anm. 2), No. 17, S. 40.