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Pikareske Ökonomie – Grimmelshausens «Der seltzame Springinsfeld» im diskursiven Kontext des 17. Jahrhunderts

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Malte Kleinjung

Am Beispiel von Grimmelshausens Der seltzame Springinsfeld entfaltet diese Studie die These, dass Schelmenromane ein Drittes der Ökonomie zur Darstellung bringen können, das neben der Haushaltsführung und dem Marktgeschehen keinen Platz im gelehrten Diskurs hat. Allerdings hängt dieses Dritte mit Kontexten zusammen, die in der historischen Rückschau nicht unbedingt auf Anhieb als ökonomisch erscheinen. Um diese Kontexte in den Blick zu bekommen, stützt sich die Studie auf eine kritische Adaptation des sogenannten New Historicism. Dabei zeigt sich, dass in Grimmelshausens Roman nicht nur einschlägige Wissenselemente zu einem buntscheckigen Tableau zusammengefügt sind, sondern darüber hinaus das Erzählen und Schreiben selbst ökonomisiert wird.

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2. Ökonomie und Religion

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Am Ufer eines Gewässers führt Springinsfeld, der an dieser Stelle die Rolle des Erzählers innehat, mit seiner Frau, der Leyrerin, ein Gespräch. Es geht um die Frage, wie sie ihr Vagabundenleben einrichten sollen, „um [ihren] Gewinn damit zu vermehren“ (275).81 Da fesselt ein Baum, der sich auf der Wasseroberfläche spiegelt, seine Aufmerksamkeit. Im Spiegelbild zeichnet sich in einer Astgabel ein Vogelnest ab, das auf dem Baum selbst nicht zu sehen ist. Daraufhin erklimmt die Leyrerin kurzerhand den Baum, ertastet in der Astgabel das unsichtbare Nest und löst sich im selben Moment vor den Augen Springinsfelds in Luft auf. Die Charakteristika der Fundstelle sind, wie bereits Friedrich Gaede anmerkt, „nicht zufällige Requisiten, denn sie haben außer ihrer konkreten Rolle und Erscheinung, außer ihrem Literalsinn also, eine zweite und wesentlichere Bedeutung“. Diese symbolische Mehrdeutigkeit gründe auf einer Analogie zum Baum der Erkenntnis. So wie dessen Früchte Adam und Eva die Unterscheidung von Gut und Böse ermöglichen, sei das Vogelnest ein „Instrument [...], durch das man der Welt hinter ihre Masken sehen und die Ursachen des trügerischen Wahns erkennen kann“.82 Hier ist also in jedem Fall mehr im Spiel, als man nach einem ersten Blick vermutet. Dabei bleibt bei Gaede aber noch der ökonomische Rahmen des Geschehens außen vor. Nicht allein die Entdeckung des Nests steht unter ökonomischen Vorzeichen, insofern sich Springinsfeld und seine Frau just in diesem Moment über ihre Gewinnaussichten unterhalten. Dem Nest selbst eilt...

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