Show Less
Restricted access

Begehren, Angst – und nüchterne Vernunft: Epikureische Psychologie und Ethik nach griechisch-römischen Texten

Series:

Christoff Neumeister

Ausgewählte Passagen aus Texten griechischer und römischer Autoren führen die Grundgedanken der epikureischen Psychologie und Ethik vor. Deren zentrale Themen waren zum einen die verschiedenen Formen menschlichen Begehrens einschließlich des Sexuellen, zum anderen rationale und irrationale Ängste sowie der vernünftige Umgang mit ihnen. In diesem Zusammenhang entstand auch eine eigene Theorie der Wahrnehmung und Begriffsbildung, des Erkennens und des Handelns. Außerdem entstand eine detaillierte Rekonstruktion der Entwicklung, die die Menschheit in sozialer und technischer Hinsicht durchlaufen haben könnte. Dabei wurde der Herausbildung der menschlichen Sprachfähigkeit eine besonders wichtige Rolle zugewiesen. Das Buch möchte den Systemcharakter dieser Philosophie deutlich machen, soll aber auch der nichtfachlichen Leserschaft durch Neuübersetzungen einen Eindruck von der hohen literarischen Qualität der zum großen Teil dichterischen Quellentexte vermitteln.
Show Summary Details
Restricted access

2. Cicero und die Epikureër. Philodem

Extract

Im Jahr 88 v. Chr. hatte Cicero, damals 18jährig, seine entscheidende Begegnung mit der Philosophie: Philon von Larissa (159/158–84/83), Schulhaupt der „Akademie“, war nach Rom gekommen, um politischen Unruhen auszuweichen. Dort nahm er sogleich seine Lehrtätigkeit wieder auf. Die Variante dieser von Platon sich herleitenden philosophischen Richtung, die er vertrat, bezeichnet man heute als die „Mittlere Akademie“. Sie war skeptizistisch, d.h. ihre Hauptthese, die sich auf Sokrates’ berühmte Devise „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ berief, lautete: Es gibt kein sicheres Wissen, sondern immer nur Meinungen, und gegen jede Meinung lassen sich immer auch Gegenargumente vorbringen. Der Wahrheit kann man sich infolgedessen immer nur annähern, und zwar indem man sich das Für und Wider aller vorgetragenen Meinungen klar macht (in utramque partem disputat = „sie in beide Richtungen ausdiskutiert“) und dann in gewissenhafter Abwägung feststellt, welche die größere Wahrscheinlichkeit für sich hat.

Er wurde für den jungen Cicero zur entscheidenden Begegnung: „Ihm ganz und gar lieferte ich mich aus, von einem wunderbaren Eifer hin zur Philosophie angetrieben“.1 Aber gerade Philons Skeptizismus veranlasste ihn, sich auch mit den anderen damals tonangebenden philosophischen Richtungen gründlich auseinanderzusetzen. Dabei eignete er sich jene Kenntnisse an, die ihn später, in seinen philosophischen Schriften, befähigten, ihre jeweiligen Positionen präzise darzustellen und fundiert zu ihnen Stellung zu nehmen. So auch die der Epikureër. Und Philo war es auch, der ihn ausdrücklich auf das damalige Schulhaupt des „Gartens“, Zenon aus...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.